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Vysoké Mýto in eigenen Worten

Um den historischen Kern von Vysoké Mýto verläuft an drei Seiten ein Parkring, den die Stadt der weitgehenden Schleifung der mittelalterlichen Stadtmauern im 19. Jahrhundert und dem Wirken des Verschönerungsvereins zur gleichen Zeit verdankt, zumindest nach dessen auf einigen Gedenksteinen kundgetaner Meinung.

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In eine erhaltene Mauer in den Jungmannovy sady (Jungmann-Gärten) wurden im Zuge der Verschönerung einige Sandsteintafeln mit kurzen Inschriften gesetzt. Das wäre gar nichts Besonderes, dergleichen gibt es in vielen Städten, doch in Vysoké Mýto kamen im Laufe der Zeit immer mehr Tafeln mit immer ausführlicheren Inschriften hinzu. Sie sehen sich alle sehr ähnlich, immer schwarzer Text auf Sandstein, sind aber sehr unterschiedlichen Inhalts. Zusammen ergeben sie ein vielfältiges Bild der Geschichte der Stadt. Man liest, was Vysoké Mýto in verschiedenen Zeiten und Systemen über sich gesagt haben wollte.

Es gibt viel Historisches – Königsbesuche, Kriege, Pest, Brände, Häuserzahlen – das aus heutiger Sicht so fern und neutral ist, daß sich nicht sagen läßt, aus welcher Zeit die Tafeln stammen.

(Von links nach rechts) Nach der Schlacht von Bílá Hora wurden in der Stadt vom 8. November 1620 bis zum 16. September 1622 Kontributionen und Kosten für Kriegsvolk von 178 099 Gulden gezahlt. // Im Jahre 1639 fiel eine starke Abteilung schwedischer Reiterei in die Stadt ein, entführte den Bürgermeister Jeronym Vodička und den Primas Christof Šebestian nach Schlesien und setzte sie dort gefangen, da sie nichts mehr hatten, womit sie die Brandschatzung zahlen konnten // Im Jahre 1742 kam Friedrich II., König von Preußen, in seinem ersten gegen Österreich geführten Krieg durch Mýto. // Im Jahre 1774 am 6. August brannten in der Stadt 271 Häuser, die Dekanskirche, der Glockenturm, das Dekanat, die Schule, das Spital, das Rathaus, der Vratslaver und Choceňer Turm, 36 Scheunen nieder.

(Von links nach rechts) Am 23. Februar 1318 kam König Jan mit Königin Alžběta, der letzten Přemyslidin, durch Mýto. // Im Jahre 1715 starben 57 Personen an der Pest, von denen 49 unter Hájky begraben sind. // Am 21. August 1381 wurde der Stadt V.M. von König Václav das Hinrichtungsrecht im Umkreis von 6 Meilen erteilt.

Die bürgerliche erste tschechoslowakische Republik erzählt von Besuchen des Schriftstellers Alois Jirásek bei einer nach ihm benannten Militäreinheit und des ersten Präsidenten Masaryk in der der Stadt.

Meister Alois Jirásek beehrte am 4. XI 1929  sein 30. Regiment sowie unsere Stadt mit seinem Besuch. Am 18. III. 1930 zollte die Stadt der Asche ihres Ehrenbürger bei der letzten Reise von Prag über Vysoké Mýto nach Hronov ihren Tribut.

(Von links nach rechts) Am 9. Juli 1929 lud der erste Präsident der Republik Tomáš G. Masaryk nach Vys. Mýto ein. // Am 5. Mai des Jahres 1945 erhob sich die Bevölkerung von Vysoké Mýto gegen die deutschen Eindringlinge und übernahm die Verwaltung der Stadt. Die endgültige Übernahme der Macht über die Stadt geschah erst am 9. Mai des Jahres 1945, als die Bevölkerung der Stadt gemeinsam mit einer Einheit der ruhmreichen Roten Armee die deutsche Garnison entwaffnete und die Stadt nach sechsjähriger Okkupation befreite. // Am 16. März des Jahres 1939 fiel die deutsche nazistische Besatzungsmacht in Vysoké Mýto sein. Während ihres sechsjährigen Aufenthalts wurde die Stadt einer grausamen Verfolgung unterworfen. Zwanzig ihrer besten Söhne gaben ihr Leben für die die Freiheit des Volkes. Die deutsche Okkupation dauerte bis zum 9. Mai des Jahres 1945.

Die sozialistische Tschechoslowakei erzählt vom zweiten Weltkrieg, Widerstand, Befreiung und den Leistungen von Industriebetrieben.

Am 9. Mai des Jahres 1945 betrat die ruhmreiche Rote Armee Vysoké Mýto und leistete der Bevölkerung Hilfe und so wurde die Stadt nach sechsjähriger Okkupation aus den Händen der deutschen Usurpatoren befreit.

Vom Jahr 1948 bis zum Jahr 1962 erreichten die VEB Karosa und THZ bedeutende Produktionserfolge. Die Produktion in beiden Betrieben erhöhte sich gegenüber dem Jahr 1948 insgesamt 9-fach. Heute exportieren beide Betriebe ihre Produkte in 39. Länder der gesamten Welt.

(Von links nach rechts) 1996 – 1997 wurde eine völlige Rekonstruktion des Přemysl-Otakar-II.-Platzes durchgeführt. // In den Jahren 1939 – 1942 arbeitete am ehem. Gymnasium eine illegale kommunistische Schülergruppe. // Von Februar bis Mai des Jahres 1945 kämpfte in der Umgebung der Stadt die Partisanenabteilung des Maj. Krylov, eig. Charitonov

Die gegenwärtige bürgerliche Republik erzählt von den Übeln des Kommunismus, 1968 und dem Gewichtheberguru Sri Chinmoy.

(Von links nach rechts) In den Jahren 1948 – 1989 wurden viele Einwohner unserer Stadt und der Umgebung vom kommunistischen Regime gefoltert, eingesperrt, ihres Eigentums entledigt und anderweitig verfolgt und das für ihre abweichenden politischen, religiösen und moralischen Überzeugungen. // Am 21. August 1968 fielen die Armeen von fünf Staaten des Warschauer Vertrags in die Tschechoslowakei ein. In Vysoké Mýto wurde eine starke sowjetische Okkupationsgarnison samt Familienangehörigen eingesetzt. Der letzte Soldat verließ die Stadt am 16. Juli 1990.
Die Stadt atmete nach 22 Jahren wieder frei.

(untere Reihe von links nach rechts) Aus Anlaß des Weltfriedenslaufs 1993 wurde unserer Stadt am 4. Mai 1993 von der Sri-Chinmoy-Weltorganisation der Ehrentitel Sri-Chinmoy-Friedensstadt verliehen // 1897 – 1997 100 Jahre des Bestehens der ersten Schule für Wasserwirtschaft in den tschechischen Ländern und in der Slowakei SPŠ Stavební (etwas wie Baufachschule) Vysoké Mýto Mai 1997 // Während des 2. Weltkriegs wurden alle Juden aus Vysoké Mýto und der näheren Umgebung am 5. und 9. November 1942 in Konzentrationslager gebracht. Von 45 Personen erlebten 7 die Befreiung.
(obere Reihe von links nach rechts) Am 21. August 1468 weilte König Jiří in Vyosoké Mýto. // Am 30. April 1421 eroberte Žižka Vysoké Mýto.

An einer Stelle erläutern sogar neuere Tafeln die knappen älteren, die sonst unverständlich bleiben würden.

(Links von oben nach unten) Am 14. Mai 1816 // Am 14. Mai wurde die Stadt von einem großen Feuer erfaßt. Es brannten 180 Häuser in der Stadt, 25 Höfe und 11 Scheunen in der Prager Vorstadt nieder. (Šembers Schilderung) // Im Jahre 1814 wurde festgestellt, daß die Stadt Vysoké Mýto der Zahl der Häuser nach die sechste und der Einwohnerschaft nach die siebzehnte Stadt im Königreich Böhmen ist.
(Rechts von oben nach unten) Am 4. Juli 1866 // Anno 1264 wurden diese Mauern errichtet // Im Jahre 1866 am 9. Juli ritt der preußische König Wilhelm I. ein und quartierte sich mit dem gesamten Hof im Hotel Pošta (Post) ein.

Dankbar einfach ist der der Bezug zwischen Tafeln und Stadt einzig, wenn man von einer, die unter anderem vom Turm Karaska des Choceňská brána (Choceňer Tors) erzählt, direkt zu diesem schauen kann.

Im Jahre 1957 wurde in der hiesigen Stadt eine Galerie fúr bildende Kunst eröffnet.
Im Jahre 1958 wurde die Haube des Karaska genannten Turms repariert und mit einer neuen Schindelbedachung bedeckt.
Im Jahre 1958 wurde mit dem Errichtung eines Gasnetzes in der Stadt begonnen.
Im Jahre 1961 wurde die Erneuerung des Platzes, die einen Kostenaufwand von 2 ½ Mil. Kčs erforderte, beendet.
Im Jahre 1961 wurde der Bau des neuen Sportstadions beendet.
In den Jahren 1950 – 1960 wurde für 22 Mil. Kčs eine Erneuerung der Wasserleitungen und der Bau eines neuen Wasserwerks und neuer Wassertürme durchgeführt.
Das Röhrennetz durch die Stadt mißt 33 km.

In der Anordnung der Tafeln ist keine Methodik zu erkennen, sie sind wie ein innerer Monolog der Stadt, in dem sich Wichtiges und Banales, Richtiges und Falsches und alle Zeitebenen mischen.

(Von links nach rechts) Am 8. September 2012 wurde aus Anlaß der 750-Jahrfeiern der Gründung der Stadt Vysoké Mýto feierlich eine Statue des Stadtgründers Přemysl Otakar II. enthüllt. // Am 26. April 1827 fertigte Martin Stříbřík in 12 Stunden aus Wolle einen fertigen Anzug. // Am 25. März 1907 wurde am Šember’schen Haus zur Feier des hundertsten Jubiläums seiner Geburt eine Tafel angebracht.

Genau so würde die Stadt reden, genau das kann man sie preiszugeben zwingen.

(Von links nach rechts) Im Jahre 1562 fordert Erzfürst Ferdinand von der Prager Burg aus für den König Maximilian und den Erzfürsten Karl einige Forellen, die sie für die königliche Tafel haben oder haben können. // Im Jahre 1583 ritt Kaiser Rudolf II. auf dem Weg von Mähren über Letovice, Svitavy und Litomyšl nach Böhmen durch Mýto.

Das Besondere in Vysoké Mýto ist, daß all das explizit und für jeden zu lesen an der Mauer steht, zumindest für jeden, der Tschechsich versteht oder diesen Text kennt. Es entsteht kein Ganzes, sondern ein Mosaik, man erfährt nicht, wie man die Stadt verstehen soll, zwischen den Tafeln ist noch viel freier Platz, aus dem oft Pflanzen sprießen.

Am 1. Februar 1800 übernachtete in Vysoké Mýto der berühmte russische Heerführer Generalissimus Fürst Suworow im Haus Nummer 97-I. auf dem Platz.

Aber etwas näher ist man der Stadt nach der Lektüre ihrer Gedanken und als Verbindendes um das Disparate bleibt der Parkring.

Ein Genius Loci?

Vysoké Mýto ist voller ungewöhnlicher Stadträume, in denen verschiedene Elemente auf überraschende Art aufeinandertreffen. Wenn man mit dem Zug in die Stadt kommt, bemerkt man den ersten von ihnen auch sofort. Denn während es aus der Ferne eine typische, allzutypische tschechische Kleinstadt ist, unterscheidet sich die hindurchführende Bahnstrecke deutlich von denen in vergleichbaren Städten: sie verläuft nicht nur mitten durch die Stadt, nein, sie verläuft auch eingleisig in der Mitte einer Straße, die ansonsten auch eine recht beliebige Vorortstraße sein könnte. An den Seiten Einfamilienhäuser aus der ersten Republik, auch eine Schule, zwei Fahrstreifen und in der Mitte das Gleis. Wenn ein Zug langsam und warnend tutend die Straße entlangfährt, wirkt das beinahe surreal. Es paßt gut, daß auch der Bahnhof Vysoké Mýto město (Stadt) fast nur nebenbei ein Bahnhof, in erster Linie aber ein Hotel ist.

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Nach dem am Bahnhof beginnenden Jugendstilteil der Generála Závady (General-Závada-Straße) kreuzt man den zweiten dieser Stadträume: eine mitten durch die Stadt führende Schnellstraße. Das ist leider nicht allzu ungewöhnlich, wird es aber dadurch, daß man es fast übersehen kann. Es ist erstaunlicherweise möglich, mit der direkt durch Vysoké Mýto laufenden Schnellstraße kaum Kontakt zu haben. Obwohl viele städtische Straßen sie kreuzen, gibt es nur wenige Kreuzungen. Die Jugendstilstraße und ihre Fortsetzung etwa sind an beiden Seiten der Schnellstraße abgesperrt und der Fußgänger muß immer nur eine Ampel überqueren.

An einer anderen Stelle verlaufen die Schnellstraße und eine städtische Straße lange parallel, ohne daß die Autos von einer auf die andere gelangen könnten. Die Schnellstraße ist mit anderen Worten so durch die Stadt geführt, als sei sie eine von den übrigen Straßen baulich abgehobene Autobahn mit Auf- und Abfahrten. Das ist eine verkehrs- und stadtplanerische Notlösung, aber eine sehr gute, zumal andernorts oft nicht einmal das Problem erkannt ist. In Vysoké Mýto könnten daher nur wenige großzügige Unterführungen oder Fußgängerbrücken sehr viel bewirken.

Ist schon dieser Stadtraum vom Sozialismus geschaffen, um vom Kapitalismus ererbte Probleme zu lösen, so sind die beiden folgenden ganz Schöpfungen des Sozialismus: zwei Wohngebiete, eines unterhalb und eines oberhalb der Altstadt. Das untere Wohngebiet beginnt nicht weit südlich des Parkrings, der an die Stelle der Stadtmauer trat, und der dort stehenden jugendstilbarocken Kirche, aber eben deutlich weiter unten. Es gibt in ihm nur zwei Gebäudetypen: ein sechsgeschossiges Punkthaus, bei dem über einem in rotbraunen Kacheln verkleideten Sockel die Fenster und Balkone rahmenartig vorgesetzt sind.

Und ein sechsgeschossiges längeres Gebäude, bei dem die Vordächer und die Balkone, die halb aus Gittern und halb aus Flächen bestehen, pro Gebäude verschiedene Farben haben und mit dem grauen Beton der Großplatten kontrastieren.

Drei Punkthäuser sind links am Hügel oberhalb einer großen und etwas leeren Wiese, über die man dafür zu einem k.k. Schulgebäude im Parkring blickt, angeordnet und zwei weitere schaffen rechts in einer Grünanlage eine Art Eingangssituation.

Links von dieser steht leicht schräg gesetzt das erste der langen Gebäuden. Die vier weiteren bilden in dessen Fortsetzung zwei zueinander versetzte parallele Reihen.

Eine denkbar simple Anordnung, doch in der Mitte verläuft der Blahovský potok (Blahovský-Bach). Um die Gebäude sind Grünflächen, Wäscheständer, Bänke, alles wie in so vielen anderen Wohngebieten, nur eben mit einem Bach in der Mitte.

Drei Brücken führen an wohlgewählten Stellen des Wohngebiet über den Bach, so daß er nie zum Hindernis wird.

Zur grünen Natur kommt der graue Beton, in dem die Gebäude noch farblich unterteilt sind: die ersten beiden rot, dann blau, grün und gelb. Dieses Sídliště U potoka (Wohngebiet Am Bach) zeigt in erstaunlicher Klarheit, wie einfach durch geschickte Ausnutzung landschaftlicher Gegebenheiten ein ungewöhnlicher Stadtraum geschaffen werden kann. Es kann ohne weiteres als Lehrbuchbeispiel dafür dienen.

Das obere Wohngebiet beginnt direkt hinter den Einfamilienhäusern nach den Bahngleisen und von einer Straße hat man einen perfekten Blick auf die nur etwas niedriger gelegene gotisch-neogotische Kirche in der Altstadt.

Dieser erste Teil jedoch hat nur wenige zu offenen Höfen angeordneten sechsgeschossige Wohngebäude, eine Kaufhalle und eine große Schulanlage. In der Mitte des Wohngebiets ist dann ein großes rechteckiges Getreidefeld. Sein weiterer Teil besteht aus der Straße V Peklovcích entlang der anderen Seite des Felds, wo links zweigeschossige Reihenhäuser und rechts lange sechsgeschossige Gebäude des aus dem unteren Wohngebiets bekannten Typs stehen.

Als sehr langes gerades Band, das zugleich den Abschluß der Stadt zu den umliegenden Feldern und Hügeln bildet, ziehen sich die Reihenhäuser einen Hügel hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab, während die Gebäude zum umschlossenen Feld und zur Altstadt zeigen.

In der im Norden folgenden Biegung der Straße treten an die Stelle der Reihenhäuser einige typisierte Einfamilienhäuser, während die anderen Gebäude nach einem Punkthaus einen Grünbereich an der Nordseite des Felds umranden.

Anders als beim unteren Wohngebiet ist bei diesem nicht ganz klar, wieso es in dieser Form auf die Landschaft eingeht. Die Weite des Kornfelds ermöglicht zwar bessere Blicke aus vielen Wohnungen, aber zugleich verlängert es die Wege zur Altstadt deutlich. Hier waren es vielleicht andere als unmittelbar städtebauliche Erwägungen, die zur Erhaltung des Felds mitten im Wohngebiet führten. Oder war es der Genius Loci von Vysoké Mýto, der die Planer dazu bewog, diesen ungewöhnlichen Stadtraum zu schaffen? Die Bahnstrecke in der Vorortstraße, die Schnellstraße durch die Stadt, aber separiert von hier, das Wohngebiet um den Bach, verlangten sie, daß auch das obere Wohngebiet etwas Überraschendes in sich birgt? Vermutlich nicht, Zufall ist immer die beste Erklärung. Aber daß Vysoké Mýto seinen Genius Loci hat, das spürt man deutlich, sobald man sich auch den Teilen, die weder Pseudomittelalter noch Jugendstil sind, widmet.

Vysoké Mýto

Vysoké Mýto ist eine kleine Stadt in Ostböhmen, eine Provinzstadt, typisch und einzigartig wie so viele. Seine Altstadt ist genau so, wie sie sich schon aus der Entfernung zeigt: vieltürmig, zu mehreren Seiten leicht erhöht über dem Umland, eine alttschechische Idylle.

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Was sie bestimmt, sind aber nicht zuerst Gebäude, sondern der riesige quadratische Platz, um den nur einige wenig regelmäßige rechtwinklige Straßen sind, bevor die früheren Stadtmauern sie begrenzten. Diese städtebauliche Struktur erinnert sofort an České Budějovice und tatsächlich sind beide Gründungen des Königs Přemysl Otakar II. im 13. Jahrhundert, nach dem ihre Plätze heute auch heißen. Das ist jedoch bereits das Ende der Gemeinsamkeiten, da České Budějovice auch später noch eine bedeutende Stadt war und noch heute ist, während sich in Vysoké Mýto seitdem wenig getan hat. Das mag polemisch und übertrieben klingen, doch die Stadt tut alles, um diesen Eindruck zu verstärken.

Von den drei weitgehend erhaltenen gotischen Stadttoren behielt nur das Choceňská brána (Choceňer Tor) seine elegante barocke Zwiebelhaube, heute mit Holzschindeln verkleidet.

Litomyšlská und Pražská brána (Litomyšler und Prager Tor) hingegen wurden im späten 19. Jahrhundert zu neogotischen Phantasiegebilden mit patriotischen Sprüchen umgebaut.

(Pražská brána)

Die přemysltypisch abseits des Platzes gelegene Kostel svatého Vavřince (Laurentiuskirche) wurde zur selben Zeit so sehr regotisiert, das sie von außen makellos und langweilig aussieht wie aus einem Katalog bestellt.

Wenn ihre Stadt schon bedeutungslos war, scheinen sich die Verantwortlichen gedacht zu haben, dann sollte sie wenigstens so aussehen, wie sie sich die große Zeit des tschechischen Volks im Mittelalter vorstellten. Das war vor allem ein Kampf gegen den als fremd, katholisch, international begriffenen Barock.  Sogar in der Gestaltung des Platzes kann man das sehen.

In der Mitte seines großen Quadrats ist ein kleineres aus Bäumen, die zwar in der Weite des Platzes wertvollen Schatten spenden können, aber nur dazu dienen, den Blick auf die barocke Mariensäule in der Platzmitte zu verdecken.

Wie absurd es ist, mit den Formen des gotischen Mittelalters auf die glorreichen Höhepunkte der tschechischen Nationalgeschichte zurückgreifen zu wollen, merkt man leicht daran, daß Deutsche, Franzosen, Briten zur gleichen Zeit genau das gleich taten. Die Neogotik war nicht weniger international als der Barock, mit dem Unterschied aber, daß jener in seine Zeit paßte, während diese nur lächerlich ist. Auch der Haß des 19. Jahrhunderts auf den Barock war nichts spezifisch Tschechisches, wobei er in Tschechien etwas berechtigter war, da dieser Stil ja tatsächlich mit Gegenreformation, Rekatholisierung und Germanisierung verbunden war. Im Ergebnis ist Vysoké Mýto das seltene Beispiel einer tschechischen Stadt ohne barocke Kirche.

Oder jedenfalls fast. Denn nach dem rückwärtsgewandten Historismus kam in Tschechien der Jugendstil, der in manchem eine viel zu späte Fortsetzung des Barocks ist. So bekam die im Kern gotische kleine Kostel Nejsvětější Trojice (Dreifaltigkeitskirche) an der ehemaligen Stadtmauer einen Jugendstilgiebel mit Reliefs des Bildhauers Bohumil Vlček.

Seine Stufen mit halb- und viertelrunden Elementen mögen der Renaissance abgeschaut sein, doch die großen Reliefs darin geben sich entschieden barock.

Sie könnten sogar fast täuschen. Im Mittelpunkt ist eine sehr barocke Maria, die mit Kind in verzückter Pose auf einer Mondsichel steht. Auch die Wolken und Engelsgesichter, die sie rechts und links rahmen, passen gut. Doch wie die Wolken aus einer Schale unter Maria aufsteigen und sich rechts über einen der vertikalen Streben, die den Giebel gliedern, ziehen, überhaupt wie die Reliefs mit dem Giebel spielen, ist gleichsam zu barock. Es ist so barock wie der Barock gerne gewesen wäre, aber nie war, vielleicht nie sein mußte. Und in Marias linker Hand ist eine filigrane goldene Blume, die weit hervorragt, fast zum eigentlichen Mittelpunkt des Giebels wird.

Von oben zeigt aus den Wolken eine Hand zu Maria herab, aus deren ausgestrecktenm Daumen, Zeige- und Mittelfinger Strahlen zu ihrem eigenen strahlenden Heiligenschein verlaufen. Noch darüber ist im obersten runden Bogen eine Taube mit weit ausgebreiteten Flügeln als sei sie im Sturzflug. Es paßt gut, daß eine Taube der höchste Punkt des Reliefs ist, da die Kirche heute leersteht und ganz den Tauben gehört. Sie nisten weiter unten an der Fassade um die in Nischen stehenden Heiligenstatuen und vor dem bunten Fenster, halten sich aber auch im teils weit vorstehenden Relief gerne auf, so daß die symbolische obere Taube nie allein und auch nicht der heilige Geist sein muß.

Seitlich der Maria und zu ihr gewandt knien betend die tschechischen Schutzheiligen, links der heilige Václav, rechts wohl die heilige Ludmila, und außen sind zwei weitere Heiligenpaare. So kommt auch in den neobarocken Jugendstil ein wenig von der tschechisch-nationalen Thematik, die Vysoké Mýto prägt. Diese Reliefs sind insgesamt statischer, lebloser, ferner vom Barock, obwohl ein kleines Monster an einer Kette ein nettes Detail ist (seine Herrchen sind vielleicht eine amalgamierte Darstellung der heiligen Margareta, Cyriak und Philipp).

Jugendstilformen wählte die Stadt auch für die Verbindung zum Bahnhof, das heißt über die 1882 eröffnete Bahnstrecke in die weitere Welt. Nicht weit hinter der neogotischen Laurentiuskirche beginnt die zum Bahnhof führende Generála Závady (General-Závada-Straße). An den Ecken sind die Häuser höher und an der Straße selbst niedriger.

Es ist ein ortsspezifischer Jugendstil, der für die Giebel ähnlich wie bei der Kirche halbrund aufsteigende Formen verwendet, aber zugleich gibt es wenig Österreicherisches als solch eine Straße. An ihrem Ende ist rechts der Bahnhof Vysoké Mýto město (Vysoké Mýto Stadt), der seinen Namen wahrlich verdient hat. Er ist auch kein normaler Bahnhof, sondern ein zweigeschossiger Hotelbau, vor dem in einem flachen hölzernen Vorbau die Schalter und sonstigen Bahnhofseinrichtungen sind. Die Verbindung von Bahnhof und Hotel, im Großbritannien des 19. Jahrhunderts typisch, sieht man in Tschechien fast nie und erwartet sie gewiß nicht in der ostböhmischen Provinz.

Eine Art Höhepunkt des Jugendstils in Vysoké Mýto ist dann die kupferne Wetterfahne auf dem Ecktürmchen des Hotels, ein einziges schwebendes Jugendstilornament, triumphierend, frei.

Die Kirche, die Straße, das Hotel, sie sind wie ein Versuch, aus der selbstgewählten Rückwärtsgewandtheit, die die Stadt prägt, auszubrechen. Der Jugendstil war dazu der logische Stil, aber er war auch das letzte Aufbäumen einer sterbenden Zeit. Kirche, Straße, Hotel sind späte Werke, wie der ganze Jugendstil nur ein Zwischenschritt zur Befreiung von Architektur, Kunst und Welt war. Aber angesichts des Přemysliden-Disneylands, zu dem das 19. Jahrhundert Vyoské Mýto hatte machen wollen, ist das schon viel.