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Laxenburg

Laxenburg, das sind verschiedene Dinge. Erstens ein ziemlich gewöhnliches Dorf des Wiener Umlands, in dem es einiges zu entdecken gibt. Zweitens eine eigentümliche Schloßanlage, die eher ein Tor zwischen dem Dorf und einem großen Park ist. Drittens dieser Laxenburger Park, der vielleicht der schönste Landschaftspark in der Umgebung von Wien ist. Viertens ein Ort des Niedergangs und Verfalls. Letzteres ist weniger offenkundig als die anderen Dinge. Um es zu erkennen, muß man den ehemals kaiserlichen Park durchstreifen und verstehen, was man dort sieht.

In seiner englisch-romantischen Scheinnatürlichkeit, den weiten Wiesen zwischen den Baumgruppen, den skulpturgleich herausgehobenen Einzelbäumen, stehen die üblichen Tempelchen und Grotten, aber sie sind eher der Konvention geschuldet. Was den Park auszeichnet sind verschiedene neogotische Bauwerke, ein Turnierplatz, eine Rittersäule, eine Brücke und allen voran auf einer eigenen Insel eine Burg.

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Mit ihren Zinnen und runden spitzdächigen Türmchen, ihren Toren und spitzbögigen Fenstern ist sie ein geradezu lachhaft bizarres Bauwerk.

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Nichts haben etwa die großen spitzen Maßwerkfenster, hinter denen sich offenkundig ein Saal verbirgt, und das angefügte runde Treppenhaus des zentralen Turms mit wirklichem Mittelalter, wirklicher Gotik zu tun. Von einer solchen findet man etwa am Alten Schloß, das im Park als weitere stimmungsvolle Attraktion herumsteht, noch Spuren.

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All die neogotischen Bauten aber sind nichts anderes als ein altdeutscher Themenpark, ein Laxenburger Disneyland.

Man beachte, wann das alles errichtet wurde: ab 1798! Eine Zeit der größten Veränderungen in Europa, das Heilige Römische Reich deutscher Nation auch offiziell dem Ende nah, die französische Revolution in der Gestalt Napoleons auf unaufhaltbarem Siegeszug – aber der Kaiser träumt sich für viel Geld ins Mittelalter zurück! Die Neogotik im Laxenburger Park ist der architektonische Ausdruck des Niedergangs Österreichs. Wie viel hundert, fünfzig Jahre ausmachen können! Anfang des 18. Jahrhunderts war Österreich auf dem Höhepunkt seiner Macht, seine Armee ging unter Prinz Eugen von Sieg zu Sieg und gleichzeitig entstanden Meisterwerke barocker Architektur wie Eugens Belvedere. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand Laxenburg. Selten spiegelt sich die Situation eines Landes so klar in seiner Architektur wieder wie hier.

Johannes von Nepomuk in Laxenburg

Bekannt ist Laxenburg, zurecht, für seinen vormals kaiserlichen Park und die dazugehörigen Schloßanlagen. Der Ort selbst ist da wenig mehr als ein beliebiges Anhängsel. Vielleicht aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus, eher, weil es ab den Fünfzigern zu viel Geld hatte, kaufte sich Laxenburg zur Ortsverschönerung allerlei Kunst, die in Wien nicht mehr gebraucht wurde. So steht irgendwo ein Sockel mit einem wirklich bizarren venezianischen Steinlöwen aus dem alten Südbahnhof, während vor dem neo-neobarocken Ladenzentrum eine weibliche Bronzefigur aus dem Palais Rothschild herumsitzt.

Das ist recht lächerlich und noch dazu unnötig, denn das interessanteste Kunstwerk in Laxenburg mußte nicht aus der Hauptstadt herbeigeschafft werden, sondern gehört ganz Laxenburg selbst. Es handelt sich um einen barocken Johannes von Nepomuk in der Wiener Straße. Die Skulptur selbst hebt sich in keiner Weise von den unzähligen anderen bildhauerischen Darstellungen dieses Heiligen, dem Popstar der Gegenreformation, ab, aber ihr wurde eine kleine Kapelle, eigentlich nur eine schützende bauliche Umfassung, errichtet.

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Vor dem Sockel ein steinernes Geländer, an den Seiten nach oben breiter werdende Pilaster, die mitsamt den ionischen Kapitellen aus dünnen, schnurartigen Streifen bestehen oder eher angedeutet  sind, oben ein runder Bogen und als Abschluß ein erst aufgeschwungener, dann halbrunder Giebel, in dessen Feld vor einer Muschelform eigentümlicherweise ein winziger Obelisk ist, was man sicher irgendwie interpretieren könnte.

JohannesVonNepomukLaxenburgObeliskMuschel

Die Formen der Kapelle, die bereits einen souveränen und freien Umgang mit Barockkonventionen verraten, krönte ihr Erbauer mit einem Einfall: sowohl im Bogen als auch auf dem Giebel sind sechszackige Sterne. Es sind die Sterne das Heiligenscheins des Johannes von Nepomuk, der als einziger Heiliger außer Maria überhaupt Sterne im Heiligenschein hatte. Nicht zufrieden mit ihrer untergeordneten, die Skulptur bloß schützenden Funktion, wird die Kapelle zu ihrer Ergänzung, ihrer Vervollständigung, zum gebauten Heiligenschein. Ja, die Architektur wird sogar wichtiger als die Skulptur, die ohne Verlust auch gegen jeden anderen nicht völlig mißlungenen Johannes von Nepomuk ausgetauscht werden könnte. Ein kleiner Einfall also, so naheliegend wie überraschend, genügt, Laxenburgs kleine Nepomukskapelle zu etwas Besonderem zu machen.

Der Ort, jedenfalls die unmittelbare Umgebung der Kapelle scheint das auch zu ahnen: ein typisches flaches Bauernhaus wurde um sie herum gebaut, nimmt sie in sich auf, macht sie stolz zu seinem Schmuck.

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Das blanke Haus wird gleichsam zur Leinwand für ein Kunstwerk und findet damit, zufällig und ungewollt, zu einem viel zukunftsweisenderen Verhältnis zwischen Architektur und Kunst als es beim nahen barock verschnörkelten Schloß oder der ihm gegenüberliegenden Kirche herrscht. Falls das Haus samt Kapelle dadurch auch nicht schöner oder wichtiger wird als diese, so fühlt man sich ihm zumindest viel näher.