Archiv für den Monat August 2018

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Kostelec u Jihlavy

In Kostelec u Jihlavy (Kostelec bei Jihlava) stehen zwei Bahnhöfe nebeneinander: ein alter österreichischer und ein neuer tschechoslowakischer. Das ist ungewöhnlich, denn üblicherweise baute die sozialistische Tschechoslowakei alte Bahnhöfe um, erweiterte sie oder ersetze sie gleich ganz. Hier aber steht der eine Bahnhof einfach neben dem anderen und wenn man sie einzeln auf Bildern sähe, würde man sicher nicht ahnen, daß sie irgendeinen Bezug zueinander haben.

 

Wenn man den Namen bemerkte, könnte man annehmen, daß das eine den alten Bahnhof zeigt und das andere den neuen, der an seine Stelle getreten ist. Betrachtet man die Bahnhöfe so nebeneinander, wird zuerst deutlich, daß beide typisch für die Architektur ihrer Zeit sind.

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Der alte Bahnhof ist ein Standardtyp der Strecke von Jihlava Richtung České Budějovice. Ein zweigeschossiger Bau mit hohem Mansarddach, in das in der Mitte quer ein zweites gesetzt ist, und unten einem Vordach zwischen zwei seitlichen Flachbauten. Auch die üblichen tschechoslowakischen Ergänzungen, ein blaues Bahnhofsschild, eine Gedenktafel für den von den Deutschen ermordeten Eisenbahner Václav Frantál und eine große quadratische Uhr, die auf der einen Seite sogar richtig geht, fehlen nicht.

Der neue Bahnhof hat den typischen Aufbau vieler tschechoslowakischer Bahnhöfe. Links ein zweigeschossiges Gebäude und rechts ein Flachbau, der hier recht hoch ist. Beide Teile haben unten einen Streifen mit rotbraunen Kacheln und darüber grauen Putz. Um das Dach des Flachbaus läuft außerdem ein Streifen mit vertikal geriffelter silberner Metallverkleidung und zum Bahnsteig hin steht ein Wellblechdach auf vier dünnen gelben Stahlträgern hervor.

Der zweigeschossige Teil ist vor allem die Wohnstätte des Stationsvorstehers, dessen Diensträume mit vorgesetztem Teil vorne im Flachbau sind. An der rechten Seite ist ein offener Bereich mit zwei eckigen Stützen, der sich um die Gebäudeecke, wo die Toiletten sind, bis zum verglasten Eingang des Warteraums zieht. Dieser ist nicht besonders groß, hat aber eine große Fensterfläche zur bahnsteigabgewandten Seite.

Auf dem Boden sind wie schon im offenen Bereich rote Fließen mit je zwei abgerundeten Formen aus mehreren parallelen Linien, die zwischen zwei der Seiten verlaufen und einander in der Mitte fast berühren. Für sich genommen ist das einfach ein Ornament, aber zusammengefügt ergeben sie lange und vielfältige geschwungene Muster, die ob des Orts sogleich an Eisenbahnstrecken denken lassen.

Ungewöhnlich für einen Bahnhof dieser Größe ist der Tunnel, der von einer Treppe unter dem Vordach bis zum zweiten Bahnsteig führt. Sowohl die Umrandung der Treppenöffnungen als auch die Tunnelwände sind mit kleinen quadratischen Kacheln in einem gelblichen Grün verkleidet. Über der Treppen und einen weiteren Teil des zweiten Bahnsteigs legt sich ein Dach aus roten stählernen T-Stützen und gelbem Wellblech.

So wirkt der Bahnhof, als sei er für viel größeren Betrieb, als dort je herrscht, für die nie eingetretene Zukunft, bereit.

Wie in tschechoslowakischen Bahnhöfen traditionell üblich gibt es reichlich Blumen und Pflanzen.

Sie sind zwischen den geschlossenen Schaltern, wo deren steinernes Pult zur spitz in den Raum ragenden Fläche wird, unter der hinter silberner Verkleidung eine Heizung ist, in runden Bottichen in Metallständern auf den Bahnsteigen und auf dem Dach des Flachbaus vor den Fenstern der Wohnung, wo somit eine begrünte Dachterrasse entsteht.

Eine Grünanlage ist selbstverständlich auch zwischen den beiden Bahnhöfen.

Vielleicht ist es nur Zufall, daß die beiden Bahnhöfe hier Seite an Seite stehen, vielleicht gehören solche Nebeneinander aber auch zum Genius Loci von Kostelec u Jihlavy. So besteht die namensgebende Kirche (kostel heißt Kirche, das –ec könnte ein alter Diminutiv sein) ebenfalls aus einem älteren und einem neueren Teil. Der ältere ist gotisch, niedrig, aber recht lang, hat tief in den dicken Wänden liegende spitzbögige Fenster und ein zierliches Portal mit aus dem Stein gehauenen Säulen.

Der neue ist barock und auf beinahe quadratischem Grundriß deutlich höher.

Fast ist er vor allem ein Turm, der seinen Giebel und den eigentlichen hölzernen Turmaufsatz mit fließend aufsteigenden Wölbungen der Umgebung entgegenstreckt, wobei ersterer heute von einem Baum verdeckt ist. Anders als die Bahnhöfe sind die Kirchen jedoch baulich und durch ihren weißen Putz verbunden. Ein weiteres Nebeneinander ist das des Orts und seines bekanntesten, größten und einzigen Betriebs, der Fleischhersteller Kostelecké uzeniny, der deutlich abseits liegt.

Links der Ort, rechts der Betrieb

Bei den Bahnhöfen jedenfalls ist es gut, daß sie nebeneinander stehen, denn im direkten Vergleich sieht man schön, wie viel freier und schöner die fortschrittliche Architektur des tschechoslowakischen Sozialismus ist als die der k.u.k Monarchie.

‘t Lint oder pilotis in Eindhoven

In Eindhoven gibt es etwas Seltenes: ein Beispiel fortschrittlicher Architektur aus dem Jahre 2004.

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Das Gebäude trägt den passenden Namen ‘t Lint (das Band) und als Band aus zwei Wohngeschossen auf hohen Betonstützen legt es sich von drei Seiten um einen großen Bereich, der vor allem aus Grünflächen besteht, aber auch von einer Straße gequert wird.

Die Stützen, pilotis im Sinne Le Corbusiers, sind teils rechteckig und flach, teils rund. Die beiden Geschosse haben eine Verkleidung aus rostbraun-schwarzen schieferartigen Steinplatten, bestehen ansonsten aber schnörkellos teils aus horizontalen Fenstern und teils aus vorgesetzten Glasbalkonen.

Die äußeren Seiten der Ecken sind abgeschrägt, so daß noch etwas stärker eine Hufeisenform entsteht. Etwa in der Mitte des Bands ist im Erdgeschoß der zurückgesetzte und verglaste Eingangsbereich. Mit diesem beginnend sind auf dem Dach nach rechts hin begrünte Terrassen und mit den Wohnungen verbundene Aufbauten.

Das ist ‘t Lint auch schon.

Fortschrittlich ist, wie sehr das Gebäude und der von ihm gebildete Raum sich zu allen Seiten öffnen. Es läßt sich kaum sagen, daß der Grünbereich von ‘t Lint  in seinem Inneren oder von ihm umschlossen ist, so völlig offen wirkt er. Da macht es wenig, daß er bislang bis auf Beete, kleine Bäume und das aus den abstrakten Bleiglasfenstern einer Kapelle aus den Sechzigern zusammengesetzte sogenannte Lennarium (nach dem Künstler Johann Lennarts) eher kahl ist, denn er ist nie alles. Immer blickt man hinaus auf die Bäume und das Grün des angrenzenden Parks am Dommelufer, vor dem das Gebäude nur ein schmales schwebendes Band ist.

Daß solch eine Architektur hier möglich war, hat wohl viel damit zu tun, daß es sich um eine Wohnanlage für alte Menschen, die zudem Teil eines größeren Komplexes ist, handelt. Links stehen zwei zehngeschossige Punkthäuser und verbindende niedrigere Gebäude. Wiewohl eine gläserne Verbindungsbrücke von dort auf dem Dach des linken Flügels von ‘t Lint zu liegen kommt, haben diese Gebäude nichts von dessen Einfachheit und Brillanz. Rechts sind Gebäude aus deutlich früherer Zeit.

Parallel zum rechten Flügel steht am großen Aalsterweg ein zehngeschossiges Wohngebäude, wie es der niederländischen Architektur der Sechziger so leicht gelang, wenn sie einmal etwas anderes als Reihenhäuser bauen durfte. Schnörkellose helle Betonverkleidung, große Glasflächen, die teils bis an die Brüstungen reichen und teils hinter Balkonnischen zurückgesetzt sind, gelbe Markisen als kräftiger Farbkontrast.

Flache Bauteile verbinden das Gebäude mit einem ähnlichen viergeschossigen, das parallel und versetzt steht und an das der rechte Flügel von ‘t Lint anschließt.

Der Verlauf der älteren Gebäude wird durch das neuere damit zu einer Art Schlangenlinie fortgesetzt und dessen kleiner umschlossener Bereich durch den weit größeren und offeneren ersetzt. So verschieden sie aussehen, sie passen zusammen.

Aber, und das ist sehr ungewöhnlich, das neuere, ‘t Lint, ist das fortschrittlichere der Gebäude. In der durchgehenden Verwendung von Stützen, pilotis, entspricht es sogar viel stärker Le Corbusiers berühmt-berüchtigten „Cinq points de l’architecture moderne“ (Fünf Punkten der modernen Architektur). Nicht nur das, es ist von allen aufgestützten Gebäuden Eindhovens das konsequenteste, während andere diese Konstruktion mit recht unterschiedlichem Erfolg einsetzen.

Das Hauptgebäude der TU nutzt seine massiven und hohen Stützen an der einen Seite für eine Durchfahrt und an der anderen als Teil eines Platzes, zu dem auch ein Wasserbecken und ein offener überdachter Bereich gehören. Wenn sie auch nicht völlig zwangsläufig sind, ist das zumindest eine sinnvolle Nutzung der Stützen.

Das letzte verbliebene Philips-Gebäude schafft es, obwohl es nicht nur auf Stützen ruht, sondern auch mit Stahlseilen an horizontal aus dem Dach ragenden V-förmigen Elementen aufgehängt ist, bloß schwerfällig zu wirken. Die Stützen sind hier wie alles andere nur leere Spielerei.

Bei einem neuen Punktwohnhaus namens Parkview sind die runden Stützen zum einen nicht wirklich notwendig, weil es trotz der Nähe des namensgebenden Parks keinen Grund gibt, unter ihm hindurchzugehen, und zum anderen zeigt sich hier der Widerspruch zwischen diesem Architekturelement und dem Kapitalismus: der Durchgang ist verboten, da es Privatgrund ist.

Derselbe Widerspruch besteht notwendigerweise auch bei ‘t Lint. Zwar gibt es keine Verbotsschilder, aber zwischen den Stützen gibt es nur beim Eingang, bei der Straße und beim älteren Gebäude Wege, während die Flächen sonst mit großen weißen Kieseln bedeckt sind.

Die von der fortschrittlichen Architektur geschaffenen Räume werden nicht genutzt. Hier könnten regengeschützte Bänke, Tischtennisplatten, was auch immer wenigstens für die Bewohner angeordnet sein, aber nichts. Sogar Parkplätze wären besser als diese Verschwendung. Auch ‘t Lint zeigt so letztlich nur wieder, daß auch die fortschrittlichste Architektur wenig bedeutet, wenn die Gesellschaftsordnung ihr nicht entspricht.

Malbork ohne Backstein

Man könnte meinen, daß Malbork nur die riesige backsteingotische Deutschordensburg, die die Touristen lieben, ist, doch es gibt auch abseits davon eine Stadt. Obwohl diese naheliegenderweise vom Kapitalismus des preußischen 19. Jahrhunderts und vom polnischen Sozialismus geprägt ist, ist ihr faszinierendstes Gebäude die Kościoł Św. Jerzego (Georgskirche) von 1712.

Nichts an dieser Kirche ist, wie es sein sollte. Sieht man sie von hinten, ist sie eine schlichte weißgetünchte Wand mit vier großen und tiefeingelassenen rundbögigen Fenstern, auf der nebeneinander zwei Waldächer enden.

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Sieht man sie von vorne, hat sie ebenfalls in weiß zwei Wände mit Giebeln vor den Dächern, die hier in Sattelform enden, und in der Mitte einen vorgesetzten Turm.

Die Wände haben unten zwei große und hohe rundbögige Fenster und oben in der Mitte ein kleineres. Dazu kommen bei den Ansätzen der Giebel Podeste mit einem Ornament in der Form einer Kugel auf einer Art Sockel und auf der Spitze zusätzliche kleine Dreiecksgiebel. Zum Turm hin enden die Giebel deutlich weiter oben als am Gebäuderand, so daß sie für sich genommen eine ungewöhnliche Assymetrie haben.

Der Turm ist auf quadratischem Grundriß recht dick und bloß so hoch wie die Giebel. Vorne ist der rundbögige Eingang, der zum Schmuck nur dorische Pilaster, einen stilisierten Schlußstein und eine vorgesetzte Bordüre mit zwei der Kugelornamente hat. Auf der Höhe des Eingangs sind auf beiden Seiten kleine horizontale ovale Fenster. Über ihm ist ein ebensolches größeres Fenster, das jedoch bei genauerem Hinsehen nur eine Nische mit nur sehr kleiner Glasfläche ist. Darüber ist eine weitere Kugel in die Wand eingelassen.

Im weiteren ist der Turm öffnungslos, erst oben gibt es wieder zu allen Seiten je ein schmales rundbögiges Fenster. Einzig die geschwungen ansteigende und nach einem vorgewölbten Teil spitz endende Kupferhaube ist deutliche höher als die Giebel daneben. Obwohl, oder gerade weil, es gleich drei hohe Punkte gibt, die Abschlüsse der Giebel und die Turmspitze, wirkt auch die Vorderseite eher horizontal und versteckt ihre ungewöhnliche Länge nicht.

Tatsächlich sind die anderen Seiten der Kirche nur unwesentlich länger, so daß der Grundriß ein nicht weit vom Quadrat entferntes Rechteck ist. Nicht in der Länge, sondern in der Bauweise unterscheiden sich diese Seiten völlig von Vorder- und Rückseite. Statt weißgetünchtem Stein ist hier Fachwerk mit Backsteinfüllung.

Im oberen Teil sind große rundbögige Fenster in Holzflächen, zwischen denen im Fachwerk nur je zwei dünne Streifen aufwendig gesetzter Backsteine sind. Das Fachwerkmuster scheint sich im Fenstergebälk fortzusetzten oder andersherum.

Kurz vor den Enden der Seiten stehen zwei neuere satteldächige Querteile vor der solchermaßen verglasten Wand, zwischen denen unten ein niedrigerer Teil mit rechteckigen Fenstern und Fensterläden verläuft. Auf der linken Seite ist außerdem im rückwärtigen Teil ein kleineres und niedrigeres Gebäude vorgesetzt, das, zweigeschossig, ganz aus Backstein, mit durchgehenden rundbögigen Fenstern und Waldach, auch eine Kirche für sich sein könnte und in der Tat ein weit neuerer Anbau ist.

Im Inneren zeigt die Kirche dann als sehr geräumiger Zentralbau mit hölzerner Empore und weitem, nur an den Seiten aufgestütztem Tonnengewölbe.

So steht die Kirche auf ihrem langgestreckten Grundstück zwischen zwei Straßen, auf das links neben der Rückseite ein kleines ionisches Portal führt.

Der frühere deutsche Friedhof, der dort war, ist abgeräumt, hohe alte Bäume, höher als die Kirche selbst, beschatten die ungenutzten Wiesen. Die Kirche steht deutlich außerhalb der alten Stadtmauern, noch hinter dem monströsen neogotischen Wasserturm, unweit vom Hang hinab zum Fluß Nogat.

Nichts, wie gesagt, ist wie es sein sollte. Daß mehrere Dächer nebeneinander die Kirchenräume überspannen, ist für die gotische Architektur der Region typisch, doch diese Dächer enden immer mit Giebeln, so daß die Rückseiten der betreffenden Kirchen vielfach strukturiert sind und nie langgezogen wirken. Bei dieser Kirche, die ganz entschieden nicht gotisch ist, erscheint die weiße Rückwand zu lang für eine Kirche, die Fenster, von denen zwei außen und zwei beieinander in der Mitte angeordnet sind, zu wenige, und die beiden Dächer eins zu viel. Auch eine Vorderseite mit mehreren Giebeln und vorgesetztem Turm wäre für die örtliche Gotik vielleicht nicht untypisch, doch in diese einfachen weißen Barockformen gehüllt entsteht etwas unvergleichlich Anderes.

Es ist bedeutsam, daß die Georgskirche eine evangelische Kirche in einer katholischen Stadt war. Deshalb mußte sie außerhalb der Mauern, beim Krankenhaus, zu dem ihre Vorgängerbauten gehörten, stehen. Bescheiden oder unauffällig wollte das neue Gebäude allerdings keineswegs sein, nur anders. Die Malborker Protestanten waren eine Minderheit, aber keine schwache oder unterdrückte. Gut möglich, daß die Erbauer ganz bewußt das Gegenteil einer jesuitischen Barockkirche mit zwei Türmen beidseits eines Giebels, wie sie zeitgleich als Symbole der Gegenreformation entstanden, schaffen wollten.

Beinahe noch radikaler sind die Nebenseiten der Kirche. Weniger der Kontrast zwischen ihnen und den Schauseiten als die Verwendung von Fachwerk für einen Sakralbau ist so ungewöhnlich. Die gotischen Kirchen waren ganz aus Backstein und benutzten mächtige Strebenpfeiler, um zugleich große Glasflächen zu ermöglichen. Fachwerk war die Technik der Bürger- oder sogar noch eher Bauernhäuser. Es mag zu weit gehen, hier andere als ökonomische Gründe für die Fachwerkkonstruktion zu sehen, doch sie paßt zu einer Kirche, die in keine Muster paßt. So stellt auch der Backstein der Nebenseiten gerade keine Verbindung zum gänzlich backsteinernen alten Malbork dar, sondern vergrößtert den Abstand noch. Denn nichts ist ferner von diesem zierlichen und in jedem Detail ungewöhnlichen evangelischen Kirchenbau als die riesige gotische Backsteinfestung des Deutschen Ordens und die zugehörigen katholischen Kirchen.

Zeitreise mit polferries

Man kann auch heute noch mit einer polferries-Fähre von Gdańsk nach Stockholm (polnisch phonetisch Sztokholm) fahren, aber seit 2015 nicht mehr vom Terminal in Nowy Port, sondern von einem neueren am gegenüberliegenden Ufer auf der Westerplatte. Das alte Terminal steht aber weiterhin und wird wohl noch lange unberührt in dieser stillen Ecke zwischen Hafenanlagen, Wasser und dem Rand der Bebauung des Stadtteils Nowy Port stehen.

Rechts ist zuerst die Einfahrt für Autos, ein hochaufgestütztes grünes Stahldach und kleine Abfertigungshäuschen.

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Links beginnt schon davor eine ovale Grünanlage mit Sträuchern und hohen Pappeln, durch die ein gerade Weg führt, während um sie Autos und ein Bus fahren und Reisende anliefern konnten.

An ihrem Ende steht das eigentliche Terminalgebäude, ein einfacher eckiger Bau, der sich auf rechteckigem Grundriß zum Ufer erstreckt.

Es hat nur im Erdgeschoß Fenster, obwohl es höher ist, und zur Grünanlage hin Eingänge unter einem freischwebenden grauen Vordach, doch vor allem ist es seine dunkelblaue, leicht ins Türkise gehende glatte Kunststoffverkleidung und das weiße polferries-Logo über der Eingangsseite.

Das Logo verwandelt seine Buchstaben durch einen vom leicht schrägen p bis zum s reichenden Unterstrich in ein stilisiertes Schiff, das durch das höhergeführte l und den waagerecht nach hinten verlängerten oberen Strich des f auch Schornsteine und Dampf bekommt. Wie markant und schön dieses Logo ist, merkt man auch, wenn man seine neuere, rundere Version auf einem blauen Schiff oder klein weiß auf blau neben den Schildern für Autos und LKWs/Busse an der Einfahrt des Terminals sieht.

Aber auf das türkisblaue Terminalgebäude, da gehört es wirklich hin. Große weiße Buchstaben in einer einfachen Konstruktion aus dünnen Stahlstreben, die heute offenliegt, da das o fehlt. Hier wird das Logo erst wirklich zum Schiff und das Gebäude unter ihm wird zum Meer. Die Reise mit polferries, die den Ankommenden erwartet, ist schon architektonisch vorweggenommen.

Das Terminalgebäude ist ein Beispiel maritimer Architektur, die nicht versucht, wie ein Schiff auszusehen, was immer etwas lächerlich wirkt, sondern auf viel subtilere, sogar leicht zu übersehende Weise, aufs Meer Bezug nimmt. Für sich genommen könnte das wohl in den Sechzigern errichtete Gebäude überall stehen und so muß es sein. Es erfüllt seine Funktion tadellos und ist im Inneren daher nicht mehr als eine hohe Halle, an deren Seite Schalter und anderes sind, während sie im hinteren Teil von den Zollanlagen gekreuzt wird.

Kein polferries-Schiff wird mehr dort anlegen, keine Reisenden mehr achtlos hindurchgehen. Die einzigen Reisen, die hier noch beginnen, sind Zeitreisen. Eine bessere Lage dafür könnte das Terminal auch kaum haben. Direkt auf der anderen Flußseite ist das Westerplatte-Denkmal, das man von hier vielleicht besser sieht als von irgendwo anders.

Erreichen allerdings kann man es normalerweise weder von hier noch von sonst irgendwo in Nowy Port, da die einzige Fähre wahnwitzigerweise stillgelegt wurde. Weiter links steht ein backsteinerner Leuchtturm in historistischen Formen, der heute eine kleinere Touristenattraktion ist.

Dort hält in den warmen Monaten auch ein paar Mal täglich ein sogenanntes Wassertaxi, mit dem man ins Stadtzentrum und, wenn man will, sogar zur Westerplatte kommt.

Aber eigentlich reicht auch das blaue Gebäude mit dem Logo. Vom Zweckbau wurde es zum zweckfreien Kunstwerk, zum Denkmal für eine frühere Epoche von polferries. Der englische Name, der einst die Verbindung zur weiten Welt ausdrücken sollte, wirkt heute schon provinziell, denn wie weit fahren schon Fähren. Dennoch ist Sztokholm weit, aber polferries dafür näher als auf der Fähre selbst.

Erkundungen auf Friedhöfen: Die Madonna der fünfziger Jahre

Seit dem 19. Jahrhundert gilt es als lustig, daß frühere Zeiten die Gestalten der Bibel in die jeweils zeitgenössischen Moden gekleidet haben. Eine Maria in mittelalterlicher Haube oder im barocken Kleid – wie naiv sie waren! Dem 19. Jahrhundert fiel dafür ein, die Bibelgestalten in rekonstruierte antike Kostüme zu stecken und merkte nicht, daß es sich damit erst recht lächerlich machte, denn zum einen ist es unmöglich genau zu wissen, was sie anhatten, und zum anderen waren sie keine wirklichen Menschen. Die verlachten früheren Zeiten handelten viel vernünftiger, wenn sie die fernen, alten Charaktere mit zeitgenössischen Kleidern in ihre Gegenwart holten. Sie machten sie so wieder lebendig, gebaren sie von Neuem. Auch später geschah solches trotz dem offiziellen Amusement noch manchmal.

Auf dem Friedhof von Święty Wojciech, einem Dorf am Rande von Gdańsk, kann man etwa eine Madonna der fünfziger Jahre sehen.

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Auf einer schmalen eckigen Betonstele, die heute deutlich schräg steht, ist sie etwa ab der Hüfte gezeigt wie sie den etwas links vor ihr stehenden und bis zu ihrem Kopf reichenden Jesus hält. Auch die beiden sind ganz aus Beton und sie sind zuerst eine Mutter und ihr Kind. Marias Blick ist ernst nach vorne gerichtet, die Haare hat sie im Dutt zusammengebunden. Jesus ist ein Kind mit pausbäckigem Gesicht, Locken und stilisiertem Hemd, das linke Bein hat er wie im Gehen vorgesetzt, aber sie hält ihn unter dem rechten Arm und der linken Hand, damit er nicht fällt.

Zugleich sind die beiden eindeutig Jesus und Maria. Er hat die Arme gerade zu den beiden Seiten ausgestreckt, sein Körper ist ein Kreuz. Um ihren Kopf ist ein Heiligenschein, ein einfacher stählerner Reif, aber von ihrem Rücken ausgehend so groß, daß er auch seinen Kopf aufnimmt. Sie sind ganz Menschen ihrer Zeit und doch mehr, gerade dadurch mehr.

Zwischen hunderten kitschigen Kruzifixen des Friedhofs ist allein hier die Stärke des Katholizismus, die so viele große Kunstwerke hervorgebracht hat, zu spüren. Die Madonna der fünfziger Jahre ist somit ein völlig aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, denn diese Zeit brauchte keine religiöse Kunst mehr und ihr gelang deshalb fast nie welche. Irgendetwas, vielleicht eher Kunstsinn und Geschmack als Religiosität, erlaubten der Familie der hier begrabenen und in einer im vertieften Relief gestalteten Inschrift geehrten Maria Popławska ein Werk schaffen zu lassen, das gerade dadurch, daß es völlig ins Jahr 1951 gehört, mehr vom Jahr 1751 als vom Jahr 1851 hat.

Maria Popławska geb. Daniel ruht hier in Gott 1870-1951

Architektur an der Zaan

Die Gegend an der Zaan (Zaanstreek) nordwestlich von Amsterdam zeichnet sich durch einen spezifischen und sehr markanten Haustyp aus.

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Er unterscheidet sich von anderer dörflichen Architektur der Niederlande dadurch, daß er ganz oder zumindest an der Schauseite aus glattem Holz in einem satten Dunkelgrün besteht. Die Bretter sind im Erdgeschoß horizontal und im Giebel vor dem Satteldach vertikal angebracht. Im Kontrast zum Dunkelgrün steht das Weiß der Fensterrahmen und der Verzierung des Giebels. Bei den einfachsten der Häuschen ist der Giebel nur ein Dreieck, dessen Ränder einfache Muster bilden, während in der Mitte eine Spitze aufragt.

Oft aber haben die Giebel aufwendige barocke oder klassizistische Ornamente.

Sie sind dann große Flächen, die mit dem eigentlichen Abschluß des Dachs nichts mehr zu tun haben. Voluten, Pilaster, kleine Tempelgiebel schmücken sie.

Die Holzbauweise ist eng mit der Geschichte der Gegend verbunden. Die Zaan war das Zentrum des Schiffsbaus in Holland. Die Handels- und Kriegsflotten, mit denen die Niederlande zur Weltmacht wurden und Kolonien in allen Weltteilen eroberten, sie hatten ihren Ursprung hier. Holz, importiert aus Skandinavien oder Deutschland, gab es daher immer mehr als genug, mit Holz arbeiteten viele, die hier lebten, und es war nur naheliegend, daß sie auch ihre Häuser aus Holz bauten, zumal der Boden für Steinbauten ungünstig ist. Die Holzhäuser an der Zaan sind letztlich Neben-, um nicht zu sagen Abfallprodukte des Niederländischen Imperialismus.

Da die Giebel nicht aus einem wenigstens scheinbar soliden Material wie Stein sind, sondern aus einem so brüchigen wie Holz wirkt dieses Bauen immer etwas rührend und unbeholfen. Es erinnert an Filmkulissen, die niemanden täuschen; ein Blick hinter die dünne Holzfläche offenbar immer das bescheidene Häuschen.

In der Tat ist die Architektur der Zaanstreek eine potemkinsche. Aber in ihr drückt sich das Bemühen der Zaaner Handwerker und Kleinbürger aus, die Formen der Bürgerhäuser in den Städten, insbesondere im nahen Amsterdam, nachzuahmen. Auch diese sind ja potemkinsch, wenn sie je nach Mode verschiedene Giebel bekommen, sie verdanken es bloß dem Material, daß man es nicht sofort merkt. Die bloß dekorativen Formen werden durch ihre ländliche Verwandlung in Holz und Dunkelgrün-Weiß vielleicht entlarvt, aber auch zu etwas Eigenem und Neuen.

In den verschiedenen Orten von an der Zaan, Wormsermeer, Koog an de Zaan, Zaandam, die administrativ, aber nicht urbanistisch zu Zaanstad zusammengefaßt sind, findet man noch einige solcher Häuschen. Zugleich sieht man hier auch, wie sie mit dem 19. Jahrhundert an Popularität verloren. Ein bezeichnendes frühes Beispiel sieht man in Zaandam an der Westzijde (Westseite), wie die an der Westseite der Zaan verlaufende Straße bloß heißen muß . Dort steht ein Doppelhaus von geradezu englischer klassizistischer Eleganz. Ein Geschoß und ein hohes Walmdach, die Türen in der Mitte nebeneinander, weiter große Fenster. Der langgestrecke Baukörper parallel zur Straße und noch hinter einem Vorgarten zurückgesetzt.

Wie veraltet nimmt sich neben dieser schnörkellosen und großzügigen Architektur das kleine traditionelle Zaaner Haus aus, das rechts so nah daneben steht, daß sein dunkelgrüner Giebel fast gegen die Schmalseite stößt und halb verdeckt ist. Doch die Vergangenheit ist noch näher: die hinteren Teile des Doppelhauses, mit denen es bis zum Wasser reicht, sind ebenfalls in zaantypischem grünen Holz errichtet.

Die volkstümliche Architektur war den Erbauern offenkundig schon peinlich. Anderswo wurde aus demselben Grund eine steinerne Fassade vor ein nur eingeschossiges grünes Holzhaus gesetzt.

Das setzte sich im weiteren 19. Jahrhundert fort. An die Stelle des Schiffsbaus trat Industrie, etwa die Verkade-Schokoladenfabrik in Zaandam, und es entstand dazu historistische Architektur, wie es sie ähnlich überall in den Niederlanden gibt. So kann man an der Zaan heute Zaaner Architektur finden, aber sie genausogut übersehen.