Archiv für den Monat März 2016

Mein Lieblingsheiliger

Mein Lieblingsheiliger ist Johannes von Nepomuk.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfStatue

Die Connaisseure mögen nun die Nase rümpfen, Johannes von Nepomuk, das ist doch so ein Einstiegsheiliger, einer, den man in Ländern des alten Österreich an jeder Ecke sieht, einer, von dem nur jemand aus protestantischen Gegenden, der zum ersten Mal einem Heiligen begegnet, begeistert sein kann. Eine originelle Wahl ist das in der Tat nicht. Aber ich mag an Johannes von Nepomuk gerade seine Popularität und Ubiquität. Auch in der Architektur interessiert mich das Vorgefertigte und Repetitive mehr als das Auffällige und Experimentelle, auch beim Essen ziehe ich McDonald’s einem Sternerestaurant vor. Gerade daß Johannes von Nepomuk in abertausenden Varianten existiert, daß jeder Steinmetz in jedem Dorf unter habsburgischer Herrschaft sich im 18. Jahrhundert an einer Nepomuk-Skulptur versuchen mußte, macht ihn zu meinem Lieblingsheiligen. Das heißt nicht, daß ich nicht auch einmal einen etwas weniger mainstreamigen Heiligen wie etwa Donatus genießen kann, vor allem, wenn er wie hier in Rodaun mit Sichel dargestellt ist,

DonatusRodaun

aber letztlich kehre ich doch immer gerne zum Rock des Johannes von Nepomuk zurück.

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Universität Wrocław

Das 1733 vollendete Gebäude der Universität von Wrocław ist eines der schönsten Beispiele dafür, was Barock im besten Falle sein kann.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Es ist ein Gebäude, das vom Fluß aus gesehen werden muß. Der Oder zeigt es seinen ungewöhnlich langgestreckten und recht schlicht gegliederten viergeschossigen Baukörper.

UniversitätWrocławFlußseite

Nach dem als Sockel abgesetzten Erdgeschoß folgen zwei hohe Geschosse mit vertikalen Fenstern und ein niedriges Geschoß mit kleineren Fenstern. Im Walmdach sind in jedem Drittel des Gebäudes je drei Dachgauben, deren mittlere einen etwas größeren Giebel haben. Nur bei den Ecken des Gebäudes und auf einem und zwei Dritteln seiner Länge verbinden ionische Pilaster die drei Obergeschosse. Die je drei Pilaster bei den Ecken markieren die Anfänge oder Abschlüsse des Gebäudes. Die acht Pilaster beim linken Drittel des Gebäudes markieren eine rundbögige Durchfahrt. Die sechs Pilaster beim rechten Drittel des Gebäudes, eigentlich, um den Eindruck einer Vorwölbung zu erwecken, sechs und zwei Halbe, markieren den Turm. Sie leiten über zu einem quer in das Dach gesetzten Bauteil mit zwei weiteren Geschossen, die ihrerseits von, jedoch viel kleineren, ionischen Pilastern gegliedert sind. Das flache Dach ist begrenzt von einer steinerner Balustrade mit allegorischen Skulpturen in den Ecken und in der Mitte ragt der eigentliche Turm auf. Er ist rund und hat eine schlanke Haube, auf deren Spitze eine komplizierte Konstruktion aus einer goldenen Kugel und mehreren Ringen sitzt. Während man all das sofort sieht, kann man fast übersehen, daß im rechten Drittel des Gebäudes zwischen den Teilen mit den Pilastern in den Obergeschossen nur zwei, entsprechend höhere Geschosse mit rundbögigen Fenstern sind, hinter denen sich offenkundig Säle befinden.

Alles, was man hier sieht, ergibt sich aus der Funktion. Trotz großer Regelmäßigkeit ist nichts nur dem Wunsch nach Monumentalität oder Effekt geschuldet. Statt einer betonten Mitte hat das Gebäude mehrere gänzlich gleichwertige Teile. Ist die Durchfahrt die Verbindung vom Fluß zu Stadt, fast ein neuartiges Stadttor, so ist der Turm, die Wieża matematyczna (Mathematischer Turm), eher eine Dachterrasse, die Blicke sowohl über den Fluß als auch über die Stadt erlaubt. Für die Säle schließlich ist sogar die Regelmäßigkeit der Fensteranordnung bereitwillig unterbrochen.

Ursprünglich hätte die Universität eine weit konventionellere barocke Form haben sollen. Nach den Plänen wäre sie dann links um ein Viertel mit einem dem rechten entsprechenden Turm länger gewesen und hätte über dem Durchgang, wo dann die Mitte gewesen wäre, einen weiteren, höheren Turm gehabt. Obwohl diese Teile nie gebaut wurden, finden sich phantasievolle zeitgenössische Abbildungen davon. Die Brillanz der Planung zeigt sich darin, daß sie eine Art Modulsystem verwendete und das Gebäude nicht unfertig wirkt, obwohl ihm ein Viertel fehlt, was durchaus nicht selbstverständlich ist.

Von der Stadt aus gesehen entspricht die Fassade grundsätzlich der flußseitigen, doch sie ist schon deshalb weniger wichtig, weil man sie nie ganz sehen kann. Durch die Durchfahrt tritt man auf einen kleinen Platz, der links von einem schräg angefügten Trakt, dessen Ecke Pilaster markieren und geradezu geschwungen wirken lassen, begrenzt ist.

UniversitätWrocławPlatz

Seine hauptsächliche Wirkung ist es, den Blick auf die dahinter angrenzende Kirche, einen banalen barocken Bau mit geschwungenen Giebeln, zu verstellen. Wiewohl es sich ursprünglich um eine jesuitische Universität handelte, ist die Kirche hier also bereits bloß noch ein verschämt verstecktes Anhängsel.

Auf der anderen Seite des Turms ist der Haupteingang der Universität.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Er ist durch einen flachen Bogengiebel vorm Dach, in dem das IHS-Logo der Jesuiten prangt, und ein säulengetragenes Portal mit Putten und allegorischen Skulpturen markiert. Hier ist der Wille zur Monumentalität so offenkundig wie verschwendet, da sie sich bloß in eine enge Gasse wendet. Es ist der feinfühligen Stadtplanung des sozialistischen Polen zu verdanken, daß man den Eingang nun zumindest aus angenehmer Entfernung sehen kann: sie baute das gegenüberliegende Eckhaus nicht wieder auf oder riß es bewußt nieder.

Aus Drankowski, Tadeusz/Czerner, Olgierd: Wrocław z lotu ptaka, Wrocław/Warszawa/Kraków/Gdańsk 1977

Aus Drankowski, Tadeusz/Czerner, Olgierd: Wrocław z lotu ptaka, Wrocław/Warszawa/Kraków/Gdańsk 1977

Kühnere Ideen gingen gar vom Abriß des gesamten Häuserblocks gegenüber, der kriegsbeschädigt und verfallen war, und der Schaffung eines wirklichen Platzes aus. Die Universität hätte so auch zur Stadt hin ihre volle Schönheit zeigen können, doch es kam nie dazu.

Heute wie zu ihrer Erbauungszeit ist die Universität von Wrocław auch eine gebaute Allegorie des Strebens des Barock nach dem Neuen. Von den engen Gassen der Stadt sieht man das Gebäude als viele disparate Einzelteile, aber auf dem Weg zur Offenheit des Flusses reinigt es sich von Überflüssigem wie Portal und Kirche und zeigt sich als großartiges Ganzes voller Klarheit, Ausgewogenheit und Funktionalität.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Das ist radikaler Barock und daß diese Radikalität sich teilweise dem Zufall verdankt, tut ihr keinen Abbruch.

Was für ein Gebäude, wenn nicht ein solches, könnte einem potentiellen Ort der Aufklärung und des Fortschritts wie einer Universität angemessener sein?

Neben der Villa Stiassni

Die Villa Stiassni (der Name ist eine typische deutsche Schreibweise des tschechischen šťastný, glücklich) sticht unter den in der ersten Republik entstandenen Villen Brnos bestenfalls durch ihr riesiges Parkgrundstück und den geradezu barock-dramatischen Weg, der vom Tor zu  ihr hinaufführt, heraus. Als Gebäude ist sie unauffällig, geradezu konservativ. All das trug wohl dazu bei, daß sie später zum Gästehaus der tschechoslowakischen Regierung wurde, wovon noch eine hübsche Mauer aus Beton und Backstein zeugt.

VillaStiassniBrnoMauer

Seit kurzem sitzt in der Villa Stiassni nun das Centrum obnovy památek architektury 20. století (Zentrum für die Erneuerung von Architekturdenkmälern des 20. Jahrhunderts). Dazu bekam das Gelände oben einen neuen Eingang, der vor allem aus einem völlig verglasten Flachbau besteht, durch den eine schwebende Treppe in ein kaum sichtbares Obergeschoß mit Dachterrasse führt.

CentrumObnovyPamátekArchitektury20.Století

Man kann sagen, daß der Villa Stiassni damit eine Dosis Villa Tugendhat injiziert wurde. Dagegen ist vielleicht nichts einzuwenden und auch gegen die Denkmalschutzbemühungen des Zentrums vielleicht nicht.

Doch direkt neben der Villa Stiassni ist ein kleines Wohngebiet aus der sozialistischen Zeit, den sechziger Jahren vermutlich.

NeumannovaBrno1

Fünfgeschossige Gebäude, die vorne vorgesetzte Balkone haben, über denen oben das Dach kaum merklich ansteigt, locker verteilt in einem Gelände am Hang, das vielleicht kaum größer ist als das der Villa.

NeumannovaBrnoGrünfläche

Es ist ein Wohnen anderer Art in einem Park anderer Art, es ist ein Gegenentwurf zur Villa Stiassni, der überall anders uninteressant wäre, aber hier durch den Kontrast den Blick schärft. Der Unterschied zwischen diesem Wohngebiet und der Villa Stiassni ist der Unterschied zwischen dem Bauen für alle und dem Bauen für Eliten, der Unterschied zwischen beiden Parks ist der Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Raum.

Daß solche Architektur des 20. Jahrhunderts, die nur bescheiden dem Menschen dienen will, oder auch das Wohngebiets Nový Lískovec am gegenüberliegenden Hang, niemals die Aufmerksamkeit des Zentrums finden wird, reicht vielleicht nicht als Argument gegen dieses, aber es reicht, es nicht unkritisch zu befürworten.

BlickVillaStiassniNovýLískovec

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Lanžhot

Lanžhot ist ein kleiner Ort im äußersten Südwesten Mährens, unweit des neuen Dreiländerecks zwischen Tschechien, der Slowakei und Österreich. Sein abseits gelegener Bahnhof zeigt die übliche schlichte Eleganz der tschechoslowakischen Bahnhofsarchitektur.

NádražíLanžhotGesamt

Links ein dreigeschossiger Bau mit niedrigem Satteldach und vorgesetztem Mittelteil, unten, wo die Betriebsräume sind, mit roten Kacheln verkleidet, oben, wo Wohnungen sind, grau verputzt. Rechts anschließend ein längerer Flachbau, in dem erst ein Warteraum mit Schalter, dann ein breiter Durchgang, zu dem sich von rechts die Gepäckabgabe öffnet, und als Abschluß die Toiletten sind. Vor dieses funktionale Rückgrat ist, mit dem vorgesetzten Teil des dreigeschossigen Baus beginnend, ein Bahnsteigdach gesetzt, das der Funktionalität, die es auch selbst hat, etwas Expressivität hinzufügt.

NádražíLanžhotVordach

Auf runden Stützen mit beiger und brauner Kachelverkleidung ruht ein Balken, von dem das Dach zum Gebäude und zu den Gleisen, aber auch zu den beiden Enden hin ansteigt, so daß sich eine Art umgedrehte geschwungene Walmdachform ergibt. Von der Ortsseite ist die Expressivität sogar noch dezenter: bloß die Vs aus dünnen Stahlrohren, die das leicht ansteigende Vordach des Eingangs zum Wartesaal tragen.

NádražíLanžhotEingang

Als Bahnhof genutzt wird das Gebäude seit Anfang 2015 nicht mehr. Noch sieht es vorzeigbar aus, noch werden die Zimmerpflanzen im Wartesaal gepflegt, noch sind die Wohnungen in den Obergeschossen belegt.

NádražíLanžhotWartesaal

Wichtig ist der Bahnhof nicht, wichtig ist auch Lanžhot nicht, nur alle zwei Stunden halten dort Züge. Sehr wichtig hingegen ist die Strecke, die Tschechien mit der südlichen Slowakei und Ungarn verbindet. Daher die Erneuerung der Trasse im Jahre 2007, der der Bahnhof seine Renovierung und Aufzüge zu den Bahnsteigen verdankt, und die Anbindung an das Zugleitsystem ETCS im Jahre 2014, der der Bahnhof seine Schließung verdankt.

Zwei Tafeln erinnern an diese Ereignisse.

NádražíLanžhotGedenktafel2007 NádražíLanžhotGedenktafel2014

Sie sind in gewisser Weise verwandt mit den in Lanžhot wie in vielen anderen Bahnhöfen zu findenden Gedenktafeln für die Opfer, die die deutsche Besatzung unter den örtlichen Bahnarbeitern forderte.

NádražíLanžhotGedenktafel1945

Sie erzählen vom kommenden Ende des tschechischen Bahnwesens, das bisher in der Zeit stehengeblieben scheint. Da treten noch immer aus jedem Bahnhof rotbemützte Bahnhofsvorsteher, um die Züge abzufertigen. Da sind die Schaffner noch keine Zugbegleiter, sondern die schillerndsten Persönlichkeiten, vom wohlbeleibten Cowboy zwischen Varnsdorf und Liberec bis zum feingliedrigen blonden Transsexuellen hinter Brno. Kurz, da ist noch nichts grundsätzlich anders als in „Ostře sledované vlaky“, dem einzigen tschechoslowakischen Film mit Oscar – 1966 gedreht und Ende des zweiten Weltkriegs spielend. Natürlich ist es bloße Nostalgie, diesen in Deutschland lange abgeschlossenen Prozess zu bedauern. Anders als bei der steinernen Gedenktafel, die auch die revolutionären Tage des Jahres 1945 erwähnt, ist bloß nicht klar, was für Lanžhot und seinen Bahnhof nach diesem Ende je für ein Neuanfang kommen könnte.

Die Dreifaltigkeit in Stammersdorf

Ein Gebäude an der Brünner Straße, gegenüber der Straßenbahnendhaltestelle, kurz vor der Wiener Stadtgrenze.

apothekezurhl.dreifaltigkeitStammersdorf

Im Erdgeschoß rechts ein braunes Garagentor, links ein Eingang, dazwischen drei erkerartig trapezförmig vorragende Schaufenster aus Glas und braunem Metall. Vor dem Obergeschoß leicht vorragende balkonartige Betonelemente, die jeweils so lang sind wie das Garagentor, der Eingang, die drei Schaufenster darunter. Offenkund wachsen in ihnen Pflanzen, denn von rechts ziehen sich einige Ranken über den Beton. Zurückgesetzt hinter der nicht großen Terrasse das eigentliche Obergeschoß, dessen Fensterflächen wieder den Öffnungen im Erdgeschoß entsprechen. Im Dach wieder die Betonelemente. Und mittig ruhend, in der braunen Verkleidung über den Schaufenstern in weißen Serifenbuchstaben: apotheke zur hl. dreifaltigkeit. Einziger farblicher Kontrast dann das links vorragende rote Apotheken-A auf weißem Grund.

apothekezurhl.dreifaltigkeitStammersdorfEcke

Es gibt keinen ersichtlichen Grund, wieso diese Apotheke so heißt, die nächste Darstellung der Dreifaltigkeit ist an der Grenze zu Jedlersdorf. Aber es gibt auch keinen ersichtlichen Grund, wieso das Gebäude gerade so, als Teil einer zu seiner Erbauungszeit noch nicht und auch heute erst teilweise existierenden Blockrandbebauung direkt an der großen Straße gebaut wurde, wo doch eine Drive-In-Anlage mit Parkplatz viel sinnvoller gewesen wäre. Keinen Grund außer die Unerfindlichkeiten vergessener Traditionen und absurd gewordener Bebauungsvorschriften. So gleicht das Gebäude doch wieder einer jenen religiösen Skulpturen, die man an den unwahrscheinlichsten Orten finden kann. Ob die drei Schaufenster ein Bezug auf die Dreifaltigkeit sein könnten, dezent, gleichsam kleingeschrieben wie der Name der Apotheke?

Villa Tugendhat für Arme

Der sogenannte Brnoer Funktionalismus (Brněnský funkcionalismus) schuf viele, darunter großartige, Einzelgebäude, aber keine zusammenhängenden städtischen Räume. Das ist nicht erstaunlich, da der Kapitalismus zu größeren städtebaulichen Leistungen nicht in der Lage ist, jedenfalls der tschechoslowakische Kapitalismus der ersten Republik nicht, jedenfalls nicht in einer großen und alten Stadt. So neu auch die Formen oder die Innenräume, städtebaulich war der Brnoer Funktionalismus der alten Stadt verhaftet. Am Stadtrand, oft an Hängen, entstanden aufgelockerte Villenviertel mit großen Gärten, in zentraleren Teilen entstand Blockrandbebauung. Schon allein, weil es weder zum einen noch zum anderen gehört, ist folgendes Ensemble an der Vranovská so wichtig.

EnsembleVranovskáBrnoStraße1

Auch hier ist zwar ein kleiner quadratischer Block zwischen den Straßen Vranovská, Zubatého, Jana Svobody und Trávníčková umbaut,

EnsembleVranovskáBrnoHof1

aber nicht lückenlos mit einem Baukörper, sondern von vier fast identischen Gebäuden, die auch auf jede andere Art angeordnet werden könnten.

EnsembleVranovskáBrnoHof2

Das Gebäude an der Vranovská, einer Hauptstraße, ist sieben Geschosse hoch, die übrigen sechs, zwei sind noch weiß, zwei mittlerweile gelb verputzt, sonst unterscheiden sie sich nicht. Jedes der Gebäude hat auf der Straßenseite zwei breite leicht zurückgesetzte Treppenhäuser mit großen Glasflächen, die in jedem Geschoß außer dem obersten von einem Balkon gequert sind.

EnsembleVranovskáBrnoTreppenhäuser

Dazwischen sind paarweise große Fenster und einzeln kleine quadratische Fenster angeordnet. Auf der Hofseite ist der einzige Unterschied, daß das Obergeschoß als Dachterrasse mit Stahlgeländern zurückgesetzt ist.

EnsembleVranovskáBrnoHofseite

Wie bei den Balkonen handelt es sich um Bereiche, die von allen Bewohnern gemeinschaftlich genutzt werden können. Der Hof hat an den Seiten Bäume und in der Mitte eine Wiese. Durch seine Größe, sein Grün und vor allem seine Offenheit, die ihn halböffentlich macht, unterscheidet er sich deutlich von den Hinterhöfen der Blockrandbebauung.

EnsembleVranovskáBrnoStraße2

Das Bedeutende an diesem Ensemble ist, daß es fortschrittliche Elemente des Brnoer Funktionalismus, schnörkellose Form, der Funktion entsprechende Anordnung der Öffnungen, Dachterrassen, aufgreift und daraus einen standardisierten Wohngebäudetyp schafft. Anders als etwa Reihenhäuser, die man in Brno ebenfalls finden kann, ist der hier vorgeschlagene Typ durch seine Größe dezidiert städtisch, während seine städtebauliche Anordnung und mehr noch andere mögliche Anordnungen eine andere Art von Stadt verlangen. Hier ist letztlich die gesamte fortschrittliche Architektur und Stadtplanung der Nachkriegszeit angelegt. Nur naheliegend, daß es sich um einen staatlich geförderten Bau mit Kleinwohnungen aus dem Jahr 1931 handelt.

Während das Ensemble architektonisch in einer ganz anderen Welt ist als seine Umgebung, gehört es sozial heute völlig zu ihr.

EnsembleVranovskáBrnoUmgebung

Etwa an der Grenze zwischen den Mietskasernen des Romaviertels abseits der Cejl und der vorstädtischeren Bebauung des gemischteren Husovice gelegen, bietet es ein Bild der Armut, ja, des Elends, das in Tschechien selten ist. Nur das Grün und die Offenheit mildern diesen Eindruck. Man mag hoffen, daß es sich in den fortschrittlichen Gebäuden auch heute noch, da sie so fern von dem ihnen angemessenen Zustand und der ihnen angemessenen Gesellschaft sind, besser lebt als in den Mietskasernen.

Daß sie eine Villa Tugendhat für Arme seien, ist denn eben keine Kritik, sondern ein Lob, denn guten Wohnraum für alle Menschen zu schaffen, ist das nobelste Ziel der Architektur. Besser als die meisten Architekturtheoretiker drückte das eine schwarze Proletarierin aus Chicago aus, als sie ihre Wohnung in der aus den falschen Gründen berühmten Wohnsiedlung Pruitt-Igoe ein „poor man’s penthouse“ (Penthouse des armen Manns) nannte. Nicht nur ob seiner architektonischen Qualität, sondern gerade auch, weil es eine Begegnung mit den Roma Brnos, dem Subproletariat der ethnisierten tschechischen Klassengesellschaft, bedeutet, ist ein Besuch dieses Ensembles lehrreicher als einer der Villa Tugendhat.

 

Das unmenschliche Maß in Bratislava

Ein Gebäude wie eine Waffe, wie ein zum Schuß angesetztes Gewehr oder ein zum Schlag erhobener Säbel.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislava2

Oder vielleicht: ein Gebäude, das Waffen in den Händen hält. Die Waffen, das sind die großen aufgerichteten Bronzelöwen mit aufgerissenen Mäulern, die Hände, das sind die eckigen Säulen, auf denen sie auf der Höhe des zweiten Geschosses stehen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaLöwe2

Überall wären diese Plastiken bedrohlich und feindselig, doch auf den weit über den Gehsteig der Špitálska ulica (Spitalstraße) ragenden Flächen, zu hoch, um nicht zu ihnen aufsehen zu müssen, zu niedrig, um sie übersehen zu können, wird ihre Bedrohlichkeit und Feindseligkeit noch einmal potenziert. Geht man unter ihnen vorbei, scheinen sie herunterspringen und einen verschlingen zu wollen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaLöwe1

Noch von der anderen Straßenseite, wenn man das Gebäude in seiner Gesamtheit sehen kann, wirken sie wie wilde Tiere in einem Zoo, denen man glücklicherweise nicht zu nahe kommen kann.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislava1

Von dort, aus sicherer Entfernung, sieht man dann, daß das Gebäude selbst gar nicht weiter auffällig ist, ein typischer konservativer Stil der ersten Republik, durch vielerlei Simse sogar eher horizontal gegliedert.

Ornamentik oder Figurenschmuck gibt es sonst keinen, allerdings mit einer wichtigen Ausnahme: den beiden Atlanten, die mit zwei schrägen säulenartigen Elementen einen Balkon über dem Eingang halten, der nur dazu dient, diesen monumentaler zu machen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaEingang

Doch das Wort paßt nicht. Atlanten, das sind Figuren, die gleich dem mythischen Atlas zwar unter Zwang und voller Mühe, aber zugleich mit Würde und vielleicht sogar Stolz ihre schwere Last tragen. Diese Figuren aber sind Sklaven, Gefangene, sie knien, ihre Hände sind auf ihrem Rücken gefesselt und die Last wurde auf ihre Schultern und resigniert gesenkten Köpfe gelegt, um sie zu quälen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaSklaven

Über ihnen, im Geländer des Balkons, steht dann in eigentümlichen Art Déco-Lettern, was für ein Gebäude das ist: Policajné Riaditeľstvo, Polizeidirektion.

Damit erklärt sich alles. Die Gefangenen, die wie Waffen drohenden Löwen, es paßt. Es ist, will man es positiv ausdrücken, ein ganz erstaunlich ehrliches Gebäude. Die Staatsgewalt ist durch Formen der Gewalt dargestellt. Die Form des Gebäudes entspricht zwar nicht seiner Funktion, aber symbolisch der Funktion der darin untergebrachten Institution. Es ist bezeichnend, daß der Staat sich auch in der demokratischen Tschechoslowakei mit solch einer einschüchternden und brutalen Architektur repräsentiert sehen wollte. Der Bildhauer dachte vielleicht, mit den Löwen die stilisierten zweischwänzigen Löwen des tschechoslowakischen Wappens, auf die sie sich stützen, zum Leben zu erwecken, doch was für ein Leben das ist!

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaLöwe3

Wild, tollwütig wirken sie. Wenn die Löwen der Wiener Schemerl-Brücke in ihrer ruhigen Haltung die vorgebliche Stabilität von Österreich-Ungarn um 1900 darstellen sollten,

Brücke

so stellen die Bratislavaer Löwen unfreiwillig die Unruhe der veränderten nachhabsburgischen Welt fünfundzwanzig Jahre später da.

Im Jahre 1922, als das Gebäude geplant wurde, war der Krieg noch nicht lange vorbei, die Tschechoslowakei noch sehr jung, sogar der Name Bratislava noch neu. So sind die Löwen auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Unsicherheit: die neue Demokratie mußte die Formen der alten Monarchie nutzen, sie hatte sonst nichts. Anderswo in der Tschechoslowakei entstanden fast zur gleichen Zeit schon Ansätze fortschrittlicher Gebäude, die schon bald sogar weit über die bürgerliche Demokratie hinausweisen sollten. Die klaren und sachlichen Formen dieser Gebäude wurden bald zum bevorzugten Architekturstil des selbstsichereren, das Alte hinter sich lassenden tschechoslowakischen Staats. Auch in Bratislava, ja, in direkter Nähe, gibt es dergleichen viel. Gegenüber etwa steht ein Mietshaus, das mit seinem weißen Putz, den Eckfenstern, dem verglasten Treppenhaus, den eine Dachterrasse andeutenden Brüstungsstreben ein absoluter Gegensatz zur Policajné Riaditeľstvo ist.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaGegenüber

Die Aggressivität der Löwen prallt an ihm fast ab. Denn so wiederwärtig diese Polizeidirektion ist, sie hat auch etwas Lächerliches.