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Branná

Branná in Nordmähren ist einer der Orte, die ihre Entstehung ganz ihrem Herrschersitz verdanken. Mit dem Schloß Kolštejn liegt er auf einem schmalen Felsenrücken in der Spitze zwischen dem engen Tal der Branná und einem zweiten Tal, zu dem vom Bahnhof her noch immer nur zwei steile Treppenwege führen. Von unten sieht man vom Schloß nur Felsen oder graue und weiße Mauern, aber auch das nur, wenn man genau hinschaut, noch eher sieht man nichts.

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Wenn man aber die ältere der Treppen hinaufgeht, sind es statt des Schlosses zwei weiße Türme, mit denen der Ort einen empfängt. Rechts ist es ein erst quadratischer, dann achteckiger Turm mit schwarzer Kuppelhaube, der aus dem hohen Walmdach eines zweigeschossigen Gebäudes erwächst.

Links ist es der Kirchturm, dessen unterer Teil auffällig deutlich in Geschosse mit rechteckigen Fenstern gegliedert ist, was wie das 1612 gebaute Portal noch Renaissanceeinflüsse verrät, während der obere Teil mit Rundbögen und hoher Zwiebelhaube, in die die Uhren halb hineinragen, völlig barock ist.

Zwischen den Türmen, aber noch immer deutlich unterhalb der Ebene des Orts, spannt sich ein einfacher Torbogen. Eher als der Verteidigung oder auch nur Repräsentation diente er dazu, das unscheinbare Pfarrhaus rechts mit dem Kirchenplateaus links zu verbinden.

Erst nach einem weiteren, nicht mehr so steilen Stück der Treppe öffnet sich vor einem der lange schmale Platz und nach rechts ein Blick zum Schloß, das sich dem Ort als großer Renaissancebau mit aufgemalter weißer Steinstruktur zeigt, aber noch durch einen überbrückten Graben abgegrenzt ist.

Das Gebäude mit dem Turm leitet vom Platz zum Schloß über, wodurch es seltsam schräg zu allem anderen zu stehen scheint und noch weiter hervorgehoben ist.

Es hat eine sehr regelmäßige Fensterstruktur, einen wie die Fenster mit Sandstein gerahmten Eingang in der Mitte unter dem Turm und daneben rechts im Erdgeschoß als einzigen Bruch der Symmetrie zwei große Rundbögen. Dieser schnörkellose Bau aus der Renaissance wurde von folgenden Zeiten auf glückliche Weise ergänzt, um ihm seine heutige Einheitlichkeit zu geben.

Seine einstige Funktion wäre nicht mehr zu erkennen, da es eine eher selten mit einem eigenen Bauwerk versehene ist: es war eine Vogtei, also ein Verwaltungssitz des örtlichen Fürsten. Die beiden Rundbögen haben große Glasflächen, Schaufenster, was einen geschickten und selbstbewußten Eingriff darstellt, der zeigt, wie erstaunlich gut sich die radikalsten Renaissancegebäude mit fortschrittlicher Architektur verbinden lassen. Heute steht das Gebäude leer.

Die Kirche bildet die eigentliche Grundseite des Platzes. Sie hat hinter dem Turm ein hohes Langhaus mit breiten Strebepfeilern und breiten spitzbögigen Fenstern, die aber nicht bis nach oben führen, sondern dort von runden Fenstern abgelöst werden.

Das ist ein weiterer Hinweis darauf, daß auch dieser Teil der Kirche aus der Renaissance, die die gotischen Baumethoden für ihre Zwecke benutzte, stammt. Erbaut wurde sie sogar als protestantische Kirche, wurde im Zuge der Gegenreformation aber schon bald katholisch.

Um den zum Platz zeigenden Abschluß der Kirche konzentriert sich die ältere Kunst von Branná. In einer Nische steht ein barocker Johannes von Nepomuk mit um die Arme weit offen fallendem Gewand, den heute ein Stahlgerüst vorm Umstürzen schützt.

Links daneben, in der Ecke  zwischen Platz und Schloß, wurden, vermutlich im 19. Jahrhundert, zwischen die Strebepfeiler gleich aufwendige Dioramen eingebaut. Beide sind neu verglast, was die Betrachtung schwer und das Photographieren fast unmöglich macht.

Von dem linken Diorama blieb nur das Hintergrundbild, das eine antike Stadt mit Mauer und Tempel, vielleicht Jerusalem, zeigt, während der Boden noch vor kurzem mit Kletterpflanzen bewachsen war.

Im rechten Diorama ist eine Szene in einer, vielleicht derselben, Stadt gezeigt, links eine Menschenmenge, römische Soldaten und Bürger, in der Mitte Gebäude und rechts, auch um die Ecke, Pflanzen, Palmen. Hier verblieben davor ansteigender Boden, dessen Stuckstruktur schon zum Vorschein kommt, und einige Figuren.

Rechts und nach dort gewandt kniet eine betende Figur, Jesus wohl, links hingegen liegen drei schlafende Figuren, Jünger wohl. Unweigerlich fühlt man sich den Schlafenden näher, denn Jesus sieht man oft, schlafende Jünger aber seltener, und überdies ist Schlaf weit angenehmer als Gebet.

Und ein wenig verschlafen kann auch Branná wirken.

Den Platz, der links eine Grünfläche und rechts Straßen- und Parkplatzbereiche hat, rahmen heute nur noch sieben meist zweigeschossige Häuser, von denen drei zu einem „Wellness Hotel“ gehören.

Beim Ende der Grünanlage steht in einem großen quadratischen Betonbecken eine gußeiserne Brunnenplastik aus einer ornamentalen Stele und einem runden Becken, in dem wiederum eine halbnackte Frau, die auf der Schulter eine Amphore mit einer Art kleinere Version des Beckens trägt, steht.

Dieser Beitrag des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts wird höchstens als Beispiel der Industrialisierung der Kunst interessant, wenn man weiß, daß in Osoblaha ein sehr ähnlicher Brunnen steht und es sicher noch weitere gibt oder gab.  Dominiert wird der Platz jedoch vom Rathaus, das an seinem Ende rechts der weiterführenden Straße steht.

Dieser zweigeschossige historistische Bau von „1905-6“ mit Neorenaissancegiebel rechts und neogotischem Turm links wäre besser nie errichtet worden, aber er ist immerhin nicht so groß wie ähnliche Gebäude in größeren Orten und paßt durchaus gut an seine Stelle. Vor dem Rathaus stehen in einer zweiten Grünanlage auf einer runden Fläche drei flache Steine, die zu einem gemeinsamen Mittelpunkt halbrunde Öffnungen haben, als umschrieben sie eine unsichtbare Kugel.

Auch dieser künstlerische Beitrag des Sozialismus ist wenig originell oder sozialistisch, aber wertvoll ist die terrassenartige Grünanlage selbst, die an der Stelle von Häusern geschaffen wurde und den Blick vom Platz hinaus zum Schloß und in die bewaldeten Hänge des Jeseníky-Gebirges öffnet.

Das ist Branná für diejenigen, die das Alte, was auch immer das heißt, suchen, aber es ist selbstverständlich mehr.

Direkt hinter dem Rathaus ist eine Filiale der Genossenschaftskaufhalle coop Jednota in einem Flachbau mit schmalem Vordach auf Pfeilern, die nach oben schräg aus der Wand treten.

Etwas weiter entlang der Straße sieht es aus wie in einem beliebigen Dorf der Gegend, von Branná keine Spur mehr. Noch etwas weiter ist ein kleines, sehr kleines Wohngebiet aus der sozialistischen Zeit. Rechts einige dreigeschossige Gebäude mit und ohne holzverkleidete Satteldächer, links hinter einer Grünfläche mit Spielgeräten zweieinhalbgeschossige Gebäude mit asymmetrischen Satteldächern und breiten Balkonen, wie sie auch im ländlichen Westdeutschland nicht fehl am Platz wären, dort aber hinter Zäunen.

Hier ist man bereits höher als das Ortszentrum, das nun ein vieltürmiges Panorama bildet. Bevor der Ort an der Landstraße, über die er einzig ohne größere Steigung zu erreichen ist, endet, kommt noch der Friedhof. Weiterhin gibt es eine einzige Parallelstraße rechts der beschriebenen, die gerade Richtung Schloß und Zentrum abfällt, und einzelne Häuser im Tal am Fuße des Hügels.

Das ist Branná für diejenigen, die es wirklich kennen wollen.

Das Schloß ist für den Ort, wie man sah, gar nicht so wichtig. Kirche und Vogtei mögen vom Platz zum Schloß überleiten, aber Mittelpunkt ist jener, nicht dieses. Gewiß ist Branná ein wenig verschlafen, doch durch seine Kompaktheit, die alles Leben, fast auch alle Bebauung,  um den Platz konzentriert, eher weniger als vergleichbare Orte. Eher scheinen die drei Schlafenden aus dem Diorama zu sagen, daß hier ein guter Ort zum Schlafen ist, ob nun wie sie neben der Kirche oder im Hotel. Vor dem Schloß verschließen sie die Augen und sähen es auch bei geöffneten nicht, da es eben nicht wichtig ist.

Einzig die Maria auf der Säule 1663 mit dem winzigen ionischen Kapitell, die einen ausgemergelten toten Jesus im Arm und ein Schwert im Herzen hat, rückte ihren Stuhl so, daß sie von hinter der Kirche zum Schloß blickt.

Oder geht es ihr um die dort aufgehende Sonne?

Branná jedenfalls verdankt seine Entstehung dem Herrschersitz, aber leben kann es gut, sogar besser, ohne ihn.