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Der Penis des Engels

Am Petkovškovo nabrežje (Petkovšek-Ufer) in Ljubljana steht ein typisches zweigeschossiges Häuschen in historistischen Formen, wie es überall im alten Österreich und weit darüber hinaus stehen könnte.

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Auch das Relief mit dem kleinen Engelchen über dem Eingang will man eher erst einmal keines mehr als streifenden Blicks würdigen, doch man sollte, denn es handelt sich um das vielleicht eigentümlichste Kunstwerk der Stadt und das je an solch einem unscheinbaren Gebäude angebracht wurde.

Der Engel sitzt auf einem Balken, über den er seine wie sein Körper dicken Beine hängen läßt, und hat beide Arme ausgestreckt, um links ein Bündel Blitze und rechts ein Winkelmaß zu halten. So weit, so typisch, mehr als reine Dekoration immerhin, vielmehr ein Symbol für das Schaffen eines Ingenieurs oder Wissenschaftlers, auch der schwarze Stein wohl nicht ganz billig.  Doch zwischen den Beinen des Engels hängt ein ziemlich großer Penis über den Balken. Beschnitten oder mit zurückgezogener Vorhaut hat er so gar nichts Kindliches und wirkt, wiewohl nicht erigiert, beinahe pornographisch.

Ist es also vielleicht gar kein kindliches Engelchen über der Tür des Hauses? Die Züge seines dicken Gesichts sind alterslos, wenn auch weniger unheimlich erwachsen als bei so manchen barocken Engeln, er hat recht viele Haare, auch Flügel fehlen. Ist es vielleicht einfach ein dicker alter Mann? Dann handelte es sich um eine weit konkretere Darstellung des mutmaßlichen Ingenieurs oder Wissenschaftlers, der sie über seinem Hauseingang haben wollte. In die Symbolik paßt der Penis gut: die Hände voll mit Blitzen und Werkzeugen seines Schaffens verzichtet der Mann auf die Sexualität. Daß er sie in dem Relief so ostentativ heraushängen läßt, konterkariert den Verzicht wieder.

Es ist ein paradoxes Kunstwerk, völlig vertraut und völlig fremd im gleichen Moment. Unklar ist, von wann es stammen könnte, und erstaunlich, daß sich zu keiner Zeit irgendjemand genug daran störte, es zensieren zu wollen, doch das ist vielleicht durch die Unscheinbarkeit und folglich relative Unsichtbarkeit des Häuschens erklärt. Es erinnert daran, daß auch im typischsten und banalsten Gebäude die merkwürdigsten Dinge geschehen können.

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