Nepomuker Kirchen

Eine der beiden Kirchen in Nepomuk heißt naheliegenderweise nach Johannes von Nepomuk. Es ist jedoch die zweite und weniger wichtige, während die erste nicht nach ihm heißen kann, weil es sie schon gab, als der Ort noch Pomuk hieß und von seinem Heiligen nichts ahnte. Die zweite hieß ursprünglich, als Johannes von Nepomuk zwar schon als Heiliger verehrt wurde, aber offiziell noch keiner war, nach einem anderen Johannes (dem Täufer), nannte Ioanis Nepomuceni aber bereits im lateinischen Text über dem erhaltenen Portal und versuchte auch sonst nicht zu verheimlichen, daß sie nur seinetwegen und an der mutmaßlichen Stelle seiner Geburt errichtet wurde.

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In ihrer gegenwärtigen Form ist die zweite Kirche ein riesiger barocker Bau von 1738, der auch heute noch in jeder Hinsicht aus den bestenfalls zweigeschossigen Häusern des Städtchens herausragt.

Insbesondere hat sie eine breite und hohe Vorderseite, was dadurch erreicht wird, daß die beiden quadratischen Türme direkt an den Eingangstrakt anschließen und mit ihm eine massive Mauerfläche bilden, bevor sie erst ganz oben als Türme überhaupt wahrnehmbar werden. Der eigentliche Kirchenbau wirkt dahinter geradezu mickrig. Viel mehr, als daß sie eben groß ist, läßt sich zur Kostel Jana Nepomuckého (Johannes-von-Nepomuk-Kirche) auch nicht sagen. Von den großartigen, mit der Zahl fünf und allen anderen Attributen des Heiligen spielenden Nepomukskirchen späterer Jahrzehnte ist sie weit entfernt.

Die Stadt Nepomuk versuchte der Kirche erst spät mit dem kitschigen Gebäude links daneben oder dem gotisierenden Verwaltungsbau weiter oben am rechts ansteigenden Platz etwas entgegenzusetzen. Während diese historistische Architektur des Kapitalismus so dumm war, sich in der Größe mit der Kirche messen zu wollen, war der Sozialismus wie so oft viel subtiler: er baute direkt rechts daneben das Nákupní středisko Úslava (Einkaufszentrum Úslava). Quer zur Kirche ragt es L-förmig in den Platz hinein, ein erst zwei- dann dreigeschossiger Bau mit schrägen roten Dächern.

Können diese historisierend verstanden werden, so ist es mit hellem Putz, Kachelverkleidung in verschiedenen Braun- und Rottönen und vorgesetzter Terrasse mit Betonhochbeeten doch zweifelsohne ein selbstbewußter Bau seiner Zeit. Es ist weit kleiner und niedriger als die Kirche, aber man kann sie vom Platz aus nicht sehen, ohne es ebenfalls zu sehen. In silbernen Metallbuchstaben samt Wellenform, die den Fluß Úslava repräsentiert, liest man den Namen des Nákupní středisko also auf dem Platz in Nepomuk noch bevor man den Namen Jan/Ioanis/Johannes etc. liest und man kann bei coop Jednota einkaufen statt in die Kirche zu gehen.

Die erste der Nepomuker Kirchen heißt nach dem heiligen Jakob und steht in völlig anderem oder vielleicht vielmehr gar keinem Verhältnis zur Stadt, da sie sich ganz an ihrem Rande befindet. Vom Platz und der zweiten Kirche her steigt der Hang zu ihr sanft, fast unmerklich an, während er hinter, ja, neben ihr schroff abfällt. Es ist von dieser Seite, von außerhalb Nepomuks, daß sich die Kirche auf charakteristischste Weise zeigt. Sie steht auf dem kleinen Plateau eines steilen Hügels, dem schon an der Ecke zur neben ihm hinaufführenden Straße durch mächtige Strebepfeiler die eingreifende Hand des Menschen anzusehen ist. Fast scheinen diese Strebepfeiler in denen des gotischen Kirchenbaus wieder aufgenommen.

Zum Ende des Plateaus, also zur Landschaft vor der Stadt, zeigt die Front der Kirche mit dem dreieckigen Giebel vor dem Satteldach des höchsten Teils, wobei weder dieser noch der spitzbögige Eingang besonders geschmückt sind.

An den Breitseiten sind niedrigere Seitenbauten mit abfallendem Pultdach, die wie der höhere Teil regelmäßige Strebepfeiler und eher kleine spitzbögige Fenster haben. An der straßenabgewandten Seite kommt noch ein großer und hoher rechteckiger Anbau mit entsprechend höheren Fenstern und Pfeilern hinzu, der den Kirchenraum beträchtlich vergrößert. Etwas niedriger, aber noch einmal etwa ebensogroß ist der Chor, der in einem eckigen Halbrund endet. Auch er hat Strebepfeiler, doch sie treten nach oben in drei Stufen zurück. Die erste reicht bis zu einer vorgesetzten Wand, nach der die spitzbögigen Fenster beginnen, die zweite bis zu deren Hälfte und die dritte bis fast zu ihrem Abschluß, wo noch ein schräger Teil zur Wand folgt. Und in der zweiten Stufe sind zur Wand hin niedrige spitzbögige Öffnungen.

Dadurch erst wird die Kostel Sv. Jakuba (Jakobskirche) zu etwas Besonderem. Die Öffnungen passen einerseits gut zur Gotik, die Wände aufzulösen und durchlässig zu machen trachtete, sind andererseits aber höchst ungewöhnlich. Um den Chor sind durch sie unzählige ungewöhnliche Durchblicke und es entsteht gleichsam ein erhöhter Arkadenumgang für Zwerge oder Tauben. Durch dunkelrote Umrandungen im hellen Putz sind sie wie die Fenster zudem besonders hervorgehoben.

Diese durchbrochenen Strebepfeiler allein würden genügen, den Chor, der eigentlich die Rückseite ist, zur Vorderseite der Kirche zu machen. Daß man überlegt, ob hier vielleicht spätere, barocke Eingriffe den gotischen Bau veränderten, liegt jedoch daran, daß direkt vor dem Chor, aber ohne ihn zu berühren, ein barocker Glockenturm steht.

Wenn bereits die Öffnungen der Strebepfeiler ungewöhnlich sind, so ist es der gleich einem italienischen Campanile freistehende Turm umso mehr.

Hier sieht man das Bemühen des Barock, die Kirche umzudrehen und der Stadt zuzuwenden. Kommt man von dort hinauf, sieht man erst einen gänzlich barocken Platz. In der Mitte der Turm auf quadratischem Grundriß, durch dorische Pilaster in zwei Abschnitte geteilt und mit hoher kupferner Haube, in der Mauer um das Plateau regelmäßige rundbögige Aufbauten, an der rechten Platzseite der große Bau des Dekanats mit zwei Geschossen und Walmdach, davor eine schlanke Säule mit dem heiligen Vojtěch, im Hintergrund das Schloß Zelená Hora.

Die eigentlich gotische Kirche ist hinter all dem also völlig versteckt. Vielleicht ist der Turm eine Art Versprechen, dahinter auch eine passende Kirche zu errichten. Vielleicht wurden dann, als dafür die Mittel fehlten oder man sie lieber für eine ganz neue Kirche unten in der Stadt verwendete, wenigstens die Strebepfeiler des Chors umgebaut. Wie so oft wäre es dann der Zufall, der das interessanteste Bauwerk schuf. Ebensogut ist möglich, daß es sich um eine neogotische Phantasie aus den 1850er Jahren handelt, als die 1786 aufgehobene Kirche wieder hergerichtet und bald darauf wieder geweiht wurde.

Wertvoller als die zwar einheitliche, aber bloß monumentale zweite Kirche ist die erste jedenfalls unzweifelhaft. Nach Johannes von Nepomuk heißen muß sie gar nicht, denn sie ist es, die er selbst noch betreten hat – obwohl er sie vielleicht nicht mehr wiedererkennen würde.

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