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Malbork ohne Backstein

Man könnte meinen, daß Malbork nur die riesige backsteingotische Deutschordensburg, die die Touristen lieben, ist, doch es gibt auch abseits davon eine Stadt. Obwohl diese naheliegenderweise vom Kapitalismus des preußischen 19. Jahrhunderts und vom polnischen Sozialismus geprägt ist, ist ihr faszinierendstes Gebäude die Kościoł Św. Jerzego (Georgskirche) von 1712.

Nichts an dieser Kirche ist, wie es sein sollte. Sieht man sie von hinten, ist sie eine schlichte weißgetünchte Wand mit vier großen und tiefeingelassenen rundbögigen Fenstern, auf der nebeneinander zwei Waldächer enden.

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Sieht man sie von vorne, hat sie ebenfalls in weiß zwei Wände mit Giebeln vor den Dächern, die hier in Sattelform enden, und in der Mitte einen vorgesetzten Turm.

Die Wände haben unten zwei große und hohe rundbögige Fenster und oben in der Mitte ein kleineres. Dazu kommen bei den Ansätzen der Giebel Podeste mit einem Ornament in der Form einer Kugel auf einer Art Sockel und auf der Spitze zusätzliche kleine Dreiecksgiebel. Zum Turm hin enden die Giebel deutlich weiter oben als am Gebäuderand, so daß sie für sich genommen eine ungewöhnliche Assymetrie haben.

Der Turm ist auf quadratischem Grundriß recht dick und bloß so hoch wie die Giebel. Vorne ist der rundbögige Eingang, der zum Schmuck nur dorische Pilaster, einen stilisierten Schlußstein und eine vorgesetzte Bordüre mit zwei der Kugelornamente hat. Auf der Höhe des Eingangs sind auf beiden Seiten kleine horizontale ovale Fenster. Über ihm ist ein ebensolches größeres Fenster, das jedoch bei genauerem Hinsehen nur eine Nische mit nur sehr kleiner Glasfläche ist. Darüber ist eine weitere Kugel in die Wand eingelassen.

Im weiteren ist der Turm öffnungslos, erst oben gibt es wieder zu allen Seiten je ein schmales rundbögiges Fenster. Einzig die geschwungen ansteigende und nach einem vorgewölbten Teil spitz endende Kupferhaube ist deutliche höher als die Giebel daneben. Obwohl, oder gerade weil, es gleich drei hohe Punkte gibt, die Abschlüsse der Giebel und die Turmspitze, wirkt auch die Vorderseite eher horizontal und versteckt ihre ungewöhnliche Länge nicht.

Tatsächlich sind die anderen Seiten der Kirche nur unwesentlich länger, so daß der Grundriß ein nicht weit vom Quadrat entferntes Rechteck ist. Nicht in der Länge, sondern in der Bauweise unterscheiden sich diese Seiten völlig von Vorder- und Rückseite. Statt weißgetünchtem Stein ist hier Fachwerk mit Backsteinfüllung.

Im oberen Teil sind große rundbögige Fenster in Holzflächen, zwischen denen im Fachwerk nur je zwei dünne Streifen aufwendig gesetzter Backsteine sind. Das Fachwerkmuster scheint sich im Fenstergebälk fortzusetzten oder andersherum.

Kurz vor den Enden der Seiten stehen zwei neuere satteldächige Querteile vor der solchermaßen verglasten Wand, zwischen denen unten ein niedrigerer Teil mit rechteckigen Fenstern und Fensterläden verläuft. Auf der linken Seite ist außerdem im rückwärtigen Teil ein kleineres und niedrigeres Gebäude vorgesetzt, das, zweigeschossig, ganz aus Backstein, mit durchgehenden rundbögigen Fenstern und Waldach, auch eine Kirche für sich sein könnte und in der Tat ein weit neuerer Anbau ist.

Im Inneren zeigt die Kirche dann als sehr geräumiger Zentralbau mit hölzerner Empore und weitem, nur an den Seiten aufgestütztem Tonnengewölbe.

So steht die Kirche auf ihrem langgestreckten Grundstück zwischen zwei Straßen, auf das links neben der Rückseite ein kleines ionisches Portal führt.

Der frühere deutsche Friedhof, der dort war, ist abgeräumt, hohe alte Bäume, höher als die Kirche selbst, beschatten die ungenutzten Wiesen. Die Kirche steht deutlich außerhalb der alten Stadtmauern, noch hinter dem monströsen neogotischen Wasserturm, unweit vom Hang hinab zum Fluß Nogat.

Nichts, wie gesagt, ist wie es sein sollte. Daß mehrere Dächer nebeneinander die Kirchenräume überspannen, ist für die gotische Architektur der Region typisch, doch diese Dächer enden immer mit Giebeln, so daß die Rückseiten der betreffenden Kirchen vielfach strukturiert sind und nie langgezogen wirken. Bei dieser Kirche, die ganz entschieden nicht gotisch ist, erscheint die weiße Rückwand zu lang für eine Kirche, die Fenster, von denen zwei außen und zwei beieinander in der Mitte angeordnet sind, zu wenige, und die beiden Dächer eins zu viel. Auch eine Vorderseite mit mehreren Giebeln und vorgesetztem Turm wäre für die örtliche Gotik vielleicht nicht untypisch, doch in diese einfachen weißen Barockformen gehüllt entsteht etwas unvergleichlich Anderes.

Es ist bedeutsam, daß die Georgskirche eine evangelische Kirche in einer katholischen Stadt war. Deshalb mußte sie außerhalb der Mauern, beim Krankenhaus, zu dem ihre Vorgängerbauten gehörten, stehen. Bescheiden oder unauffällig wollte das neue Gebäude allerdings keineswegs sein, nur anders. Die Malborker Protestanten waren eine Minderheit, aber keine schwache oder unterdrückte. Gut möglich, daß die Erbauer ganz bewußt das Gegenteil einer jesuitischen Barockkirche mit zwei Türmen beidseits eines Giebels, wie sie zeitgleich als Symbole der Gegenreformation entstanden, schaffen wollten.

Beinahe noch radikaler sind die Nebenseiten der Kirche. Weniger der Kontrast zwischen ihnen und den Schauseiten als die Verwendung von Fachwerk für einen Sakralbau ist so ungewöhnlich. Die gotischen Kirchen waren ganz aus Backstein und benutzten mächtige Strebenpfeiler, um zugleich große Glasflächen zu ermöglichen. Fachwerk war die Technik der Bürger- oder sogar noch eher Bauernhäuser. Es mag zu weit gehen, hier andere als ökonomische Gründe für die Fachwerkkonstruktion zu sehen, doch sie paßt zu einer Kirche, die in keine Muster paßt. So stellt auch der Backstein der Nebenseiten gerade keine Verbindung zum gänzlich backsteinernen alten Malbork dar, sondern vergrößtert den Abstand noch. Denn nichts ist ferner von diesem zierlichen und in jedem Detail ungewöhnlichen evangelischen Kirchenbau als die riesige gotische Backsteinfestung des Deutschen Ordens und die zugehörigen katholischen Kirchen.

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