Archiv für den Monat Januar 2016

Heiliger Jeremy von Islington

Schwer zu sagen, ob derjenige, der dem Johannes von Nepomuk bei der Rossauer Brücke am Donaukanal eine Schiebermütze aufsetzte, wußte, was er da tat.

JohannesVonNepomukRossauerBrücke

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Vielleicht begriff er bei dieser mutmaßlich nächtlichen, mutmaßlich trunkenen Tat zumindest, daß die graue Farbe der Mütze gut zur grauen Farbe des Steins paßte, so gut sogar, daß dem kurzsichtigen Blick bei bestimmten Lichtverhältnissen lange nicht einmal auffällt, daß sie nicht Teil der Skulptur ist. Was den späteren Eingriff verrät, ist letztlich mehr die allzu forsche, allzu coole Art, wie die Mütze weit in die Stirn ragend auf den Locken des Heiligen sitzt, als ihr Unterschied zur typischen Nepomuk’schen Kopfbedeckung, dem vierkantigen Birett .

Doch damit irgendetwas von dem bemerkt werden könnte, müßte die Skulptur ja erst einmal angesehen werde, was an dieser stark befahrenen Kreuzung recht unwahrscheinlich ist.

JohannesVonNepomukRossauerBrückeKreuzung

Dabei würde es sich lohnen. Das Kruzifix in den Armen dieses Johannes von Nepomuk ist ungewöhnlich groß und er hält es noch über seiner Augenhöhe in einigem Abstand vor sich. Sein Blick geht leicht nach oben und hat nichts Verzücktes, Schwelgendes, ja, er wirkt geradezu, als ob er den kleinen Jesus am Kreuz nachdenklich musterte.

JohannesVonNepomukRossauerBrückeDetail

Verwandelt wird die Skulptur durch die Schiebermütze. Nun sieht man in dem bärtigen, scharfgeschnittenen Gesicht nicht mehr Johannes von Nepomuk, den Märtyrer aus dem 14. Jahrhundert und Star der habsburgischen Gegenreformation, sondern Jeremy Corbyn, den britischen Oppositionsführer und Star der linken Sozialdemokratie. Wer auch immer der Skulptur die graue Mütze aufsetzte, schuf also unfreiwillig ein neues, visionäres Kunstwerk. Es könnte heißen: „Premierminister Corbyn im kritischen Dialog mit dem Islamischen Staat“.

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Devín

Ein Fels direkt dort, wo die Morava (March) in die Donau (Dunaj) mündet, direkt dort, wo das flache Marchfeld auf die ersten Ausläufer der Weißen Karpaten trifft – selbstverständlich steht auf diesem Fels eine Burg: Devín.

DevinNebel

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Die Landschaft ist hier wie ein Tor und die Burg ist der Wächter, der dem Reisenden vor dem nahen Bratislava entgegentritt. Ob er übers Wasser oder übers Land kommt, Devín, auch als Ruine noch groß, übersieht er nicht.

Aus Gregor, Ján und Tamašiová, Anna: Bratislava, Bratislava 1982

Aus Gregor, Ján und Tamašiová, Anna: Bratislava, Bratislava 1982

Immer war hier eine Grenze, früher zwischen Österreich und Ungarn, dann zwischen Österreich und der Tschechoslowakei, heute zwischen Österreich und der Slowakei.

An die ungarische Zeit erinnert wenig. Ein riesiges Denkmal, das 1896 zur Tausendjahrfeier Ungarns errichtet worden war, wurde 1921 gesprengt. Heute gibt es bloß noch eine Inschrift auf einer großen mit Obelisken verzierten Wand am Ufer abseits der Burg, die lautet:

UngarischeInschriftDevin

„Durch dieses Tor stürzte sich der Feind oft auf die Ungarn, aber kein einziges Mal gewann er einen dauerhaften Triumph. Doch der westlichen Bildung war dieser Weg tausend Jahre lang nie verschlossen. Und damit hier der Wettbewerb sicherer sei, regulierte das UNGARISCHE VOLK SEINE DONAU. Möge ES die Vorsehung deshalb auch segnen!“

Aufgrund des recht bedrohlichen Inhalts ist es wenig verwunderlich, daß der rote Aufkleber mit der slowakischen Übersetzung mehr wie ein Warnhinweis aussieht, verwandt dem Badeverbotsschild oben rechts. Heute steht die Wand zudem im Garten eines Hauses hinter einem Zaun und wird von einem großen Schäferhund bewacht.

UngarischeInschriftZaunDevin

Offenkundig soll man sie nicht beachten.

Und wieso sollte man auch? Unterhalb der Burg steht man heute am Slovanské nábrežie, am Slawischen Ufer, und es begrüßt einen die Tschechoslowakei. Die Burg, seit Jahrhunderten Ruine, aber erst 1932 von der ungarischen Adelsfamilie Pállfy dem Staat überlassen, wurde ergänzt mit einem durch und durch tschechoslowakischen Gebäude. Passiert man Devín auf dem Fluß, kann man beide nur zusammen betrachten und genau so ist es gedacht.

SlovanskéNábrezie48

Ein dreigeschossiges Gebäude, das Erdgeschoß hinter Stützen leicht zurückgesetzt und bis auf den mittigen Eingang öffnungslos, in den Obergeschossen zwischen bloßen Wandflächen links und rechts erst runde Fenster, dann horizontale Fensterbänder, wobei die im dritten Geschoß höher und zusammengefaßter sind, und auf dem Dach Geländer aus dünnen Stahlrohren, an zwei Stellen kleine halbrunde Balkone und zwei Aufbauten. Die ruhige vertikale Fassade kontrastiert stark mit den vielfältigen zerklüffteten Formen der Felsen und der Burg.

SlovanskéNábrezie48Devin

An beiden Seiten führen Treppen am Gebäude vorbei und dann an seinem in den Hang hinein schmaler werdenden Baukörper entlang nach oben. Dort, im Hang hinter dem Gebäude, öffnet sich ein Amphitheater, für das das Gebäudedach zur Bühne wird.

SlovanskéNábrezie48Bühne

Auch ohne Vorstellung ist die Flußlandschaft mit ihrem regen Schiffsverkehr ein Schauspiel. Und ausnahmsweise bekommen auch die kleinen bauhausstiligen Balkone einen gewissen Sinn, werden Logenplätze für den Blick auf Donau und March.

SlovanskéNábrezie48Balkon

Während alte Zeiten die strategische Lage von Devín nutzten, begriff die Tschechoslowakei in sympathischerer Nachfolge von Ungarn seine symbolische Bedeutung: an ihrem Eingangstor präsentierte sie sich mit einem fortschrittlichen Gebäude als würdige selbstbewußte Erbin des Alten.

Das Gebäude verbindet sogar beide Teile der tschechoslowakischen Geschichte. Seine Architektur würde gut in die kapitalistische erste Republik passen, aber tatsächlich entstand es im Jahre 1948, genau zu Beginn der sozialistischen Zeit, weshalb es auch als Bezug auf den siegreichen Februar, der die Kommunisten an die Macht brachte, die symbolische Adresse Slovanské nábrežie 48 trägt. Genutzt wurde es ob der komplizierten Lage an der Grenze nur sporadisch. Einen Eindruck davon, wie es sein konnte, geben folgende Bilder, die zeigen, wie im Jahre 1959 vor 150 000 Zuschauern Bedřich Smetanas Oper „Libuše“, die teils in Devín spielt, aufgeführt wurde:

„Durch die Kunst zur Völkerfreundschaft, zum Weltfrieden!“

„Durch die Kunst zur Völkerfreundschaft, zum Weltfrieden!“

Aus Petrlík, František: Bratislava - mesto na Dunaji, Bratislava 1960

Aus Petrlík, František: Bratislava – mesto na Dunaji, Bratislava 1960

Und die Slowakei? Sie baute ans Ufer unzählige lächerliche Kunstwerke, unter anderem ein Denkmal für den sogenannten Eisernen Vorhang (wie es aussieht, kann man sich denken – Eisen, Vorhang? Genau…), und ließ das tschechoslowakische Gebäude verfallen, so daß Devín heute gleich zwei Ruinen hat.

SlovanskéNábrezie48Amphitheater

Unterhalb von Devín ist eben jede Zeit repräsentiert durch das, was sie verdient hat.

Ein barockes Kirchenmodul in Rom

Rom hat viele Kirche, große und kleine, solche, die um sich einen Raum schaffen wollen und solche, die im Chaos der Stadt untergehen. Die Kirche Santa Maria in Trivio etwa wird von der Stadt sogar gleichsam verschluckt. Da wächst ein nebenstehendes Gebäude, ein Kloster vielleicht, einfach mit zwei weiteren Geschossen über ihren barocken Giebel.

SantaMariaInTrivioRom

Was hier ungeordet geschieht, ist bei der Kirche del Santissimo Sacramento geplant: Wohngebäude und Kirche sind eine architektonische Einheit.

ChiesaDelSantissimoSacrimentoRom

Auf der schmalen Fläche zwischen Via del Mortaro und Via del Tritone stehend, wendet sie der Piazza Poli ihre Fassade zu. Im größeren rechten Teil ist die Kirche. Ihre barocke Fassade ist unten leicht gewellt, um den Eingang sind Säulen, die einen gebrochenen Giebel mit zwei Skulpturen tragen, oben sind große Fenster, die sich über dem Eingang leicht einwölben, den Abschluß bildet ein ganz kleiner Giebel in umgedrehter Herzform. Im kleineren linken Teil sind die fünf Geschosse des Wohngebäudes mit typischen barocken Steinrahmen auf einer Putzfläche. Entscheidend sind das durchgehende Dachfirst und die gemeinsamen Kapitelle, die die Kirche und das Wohngebäude trotz ihrer Verschiedenheit zu einer Einheit machen.

Über dem Eingang des Wohngebäudes zeigt ein Relief einen Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Herzen füttert – eines der faszinierendsten christlichen Symbole.

ChiesaDelSantissimoSacrimentoPelikan

Es steht für die Sakramente, deren Schutz sich auch die Bruderschaft, der die Kirche gehörte, widmete. Entstanden ist es aus falsch verstandener Naturbeobachtung; tatsächlich hält der Pelikan beim Füttern den Schnabel vor den Oberkörper und läßt seine Jungen daraus essen.

Aus Bichiceanu, Mircea: Pelicani...Pelicani..., București 1973

Aus Bichiceanu, Mircea: Pelicani…Pelicani…, București 1973

Im Inneren ist die Kirche ein ganz kleiner, aber hoher Raum, der oben von einer Kuppel und einem Oberlicht beschlossen wird. Die Wandbilder zwischen Pilastern mit goldenen korinthischen Kapitellen sind ein etwas lebloser Klassizismus aus dem 19. Jahrhundert, auch die Pelikanszene kommt wieder vor. Ganz oben in der Kuppel ist in goldenen Strahlen und im einfallenden Licht der Heilige Geist als Taube.

ChiesaDelSantissimoSacrimentoKuppel

In diesem Innenraum ist von Rom nichts mehr zu spüren.

Überhaupt wirken Kirche und Wohngebäude wie ein vorgefertigtes Modul, das ebensogut wie in Rom auch überall sonst abgestellt werden könnte.

ChiesaDelSantissimoSacrimentoViaDelTritone

Es steht mitten in der Stadt, hat aber nichts mit ihr zu tun. Es bemüht sich um Ordnung, nicht indem es die Stadt ändert, was auch aussichtslos wäre, sondern indem es sich auf sich selbst beschränkt und die Stadt resigniert Chaos sein läßt. Damit ist die Chiesa del Sacrissimo Sacramento ein vielleicht nicht speziell römisches, aber sehr vielsagendes Beispiel katholischer Architektur, Symbol einer weltumspannenden Sendung.

Die Zukunft unter der Wärmedämmung

Am Gebäude Rainergasse 27 gab es es einmal ein faszinierendes Mosaik von Franz Molt aus dem Jahre 1968, das sich ein Wien der Zukunft vorstellte.

Mosaikrainergasse27Detail

Auch nach fast fünfzig Jahren, noch letzten Frühling, als die Fassade des ohnehin banalen Gebäudes einen schmutzigen Farbton angenommen hatte, leuchtete es in die Stadt, die nie wie vorgestellt geworden war, hinaus.

MosaikRainergasse27

Das ist vorbei. Im Sommer 2015 wurde um das Gebäude ein Gerüst errichtet und bald verschwand das Mosaik hinter einer Wärmedämmung.

Rainergasse27GerüstSommer2015

Jetzt ist es deren Weiß, das im Kontrast zu den mehr oder weniger schmutzigen Nachbargebäuden leuchtet.

Rainergasse27Wärmdämmung

Was fehlt, ist die Zukunft.

Rainergasse27DetailOhneMosaik

Oder vielleicht doch nicht? Die Zukunft vom Mosaik schließlich war nie gekommen oder nur in schönen Ansätzen wie der aufgestützten Stadtautobahn am Brigittenauer Sporn

EnsembleMitAutobahn

oder den Hochhäusern von Alterlaa.

AlterlaaBlickB

Das Gebäude selbst, Blockrandbebauung, kaum anders als im 19. Jahrhundert, war Beispiel eines Hindernisses auf dem Weg in diese Zukunft. Jetzt jedoch, da kein Mosaik mehr von einer besseren, anderen Zukunft kündet, ist es ein nüchterner Bote einer zwar nicht besseren oder auch nur anderen, dafür aber wärmegedämmten Zukunft geworden.

Denn nach und nach werden Wärmedämmungen wie diese über alle Wiener Gebäude wachsen. Unzählige mehr oder weniger interessante Wandbilder, Mosaike, etc. werden dahinter verschwinden, um erst von späteren Zeiten wiederentdeckt zu werden, wie etwa die seit einem Umbau unter Maria Theresia verdeckten Deckengemälde in einem Raum von Prinz Eugens Winterpalais. Einige werden auch sichtbar erhalten bleiben, vor allem wohl die an Gemeindebauten, aber weniger werden es sicherlich.

Damit vollzieht sich in Österreich, wie üblich mit zehn-, fünfzehnjähriger Verspätung, was in Deutschland bereits geschehen ist. Dort bedeutet es aber aus zwei sehr verschiedenen Gründen keine so große Veränderung wie es sie in Wien bedeuten wird: in Westdeutschland nicht, weil es nirgends sehr viel Kunst an Gebäuden gab, in der annektierten DDR nicht, weil sich das Neue dort nicht in dem einen oder anderen Kunstwerk, sei es auch noch so großartig, sondern in neuartigen Stadträumen, die weit schwerer ganz zu zerstören sind, manifestierte, weil dort schon ein Schritt in die Zukunft vom Mosaik getan war. Auch für Wien kann man daher beruhigt sein: die Straßen werden weniger bunt werden, aber Alterlaa wird Alterlaa bleiben.

Ulica Powstańców Śląskich oder Neopreußen in Wrocław

So wie das alte Breslau eine preußische und kapitalistische Stadt war, war das neue Wrocław eine polnische und sozialistische Stadt. Das sieht man nicht nur im Zentrum, sondern auch überall in den Außenbezirken. Während Preußen ausgedehnte Mietskasernenviertel baute, bemühte sich Polen, in diese einige Schneisen des Neuen zu schlagen.

Zu den wichtigsten dieser Schneisen gehörte die Ulica Powstańców Śląskich (Straße der schlesischen Aufständischen), die etwa beim Bahnhof beginnt und weiter in den Süden führt. Es handelt sich um eine große Verkehrsachse, aber zugleich um eine Allee, einen Boulevard, bei dem die Größe der Fahrbahnen durch große Fußgängerwege ausgeglichen wird. Gleich einem Rückgrat stehen an der linken Seite drei teils sehr lange Wohngebäude, deren markantestes Merkmal abgerundete und höhergeführte Treppenhaus- und Aufzugkerne mit weißem Putz sind, ihre Wirbel.

GaleriowiecPowstańcówŚląskichWrocław

Wichtiger aber noch sind die meist zweigeschossigen, teils aufgestützten Ladenvorbauten, die noch weiter vom Straßenverkehr separierte Räume für Fußgänger bilden.

LadenbautenPowstańcówŚląskichWrocław

Von den Mietskasernen, die hier einst vorherrschten, findet sich nur noch an einer Ecke ein Rest.

MietskasernenrestAleja PowstańcówŚląskichWrocław

Die fast völlige Zerstörung dieser Gegend bei den Kämpfen am Ende des zweiten Weltkriegs erwies sich städtebaulich als große Chance.

In der gesamten weiteren Umgebung, rechts der Straße hinter offenen Grünbereichen und links von ihr geschützt vom Rückgrat, erstreckt sich weithin die fortschrittliche Bebauung des Osiedle Południe (Wohngebiet Süd).

GebäudePowstańcówŚląskichWrocław2

Sie ist typischer, architektonisch weniger auffällig, eine wohlgeplante Mischung aus fünf- bis zwölfgeschossigen längeren Gebäuden und Punkthäusern, immer durchzogen von großzügigem Grün.

GebäudePowstańcówŚląskichWrocław

Dazwischen die nötigen Schulen, Kindergärten und Ladenzentren. An letzteren kann man noch manchmal alte Leuchtreklame von „Społem“ sehen,

SpołemPowstańcówŚląskichWrocław

einer Konsumgenossenschaft (der Name ist ein altes Wort für gemeinsam), die es noch gibt, während sie zugleich schon so sehr zum Retrochic paßt, daß in Kraków eine Kneipe ihren Namen trägt.

Dominante des Wohngebiets war einst das 25-geschossige Bürohochhaus von Poltegor rechts der Powstańców Śląskich. Ganz schlicht, bloß verspiegelte Fensterbänder und weiße Verkleidung, hätte es kaum besser in seine Zeit, die Sechziger, Siebziger, die in Polen zum Glück länger dauerten, passen können.

Dieses Hochhaus gibt es nicht mehr und daran ist nichts zu bedauern. An seiner Stelle steht das Wahrzeichen eines anderen, nun polnischen und kapitalistischen Wrocław: der Skytower. Er dominiert Wrocławs Skyline nicht, er ist sie.

SkytowerSkylineWrocław

Ein 51 Geschosse hoher Glaszylinder, oben etwas abgeschrägt, unten um einen vom neunzehnten Geschoß geschwungen abfallenden Teil erweitert, paßt er so gut in seine Zeit wie das Poltegor-Hochhaus in die seine gepaßt hatte.

SkytowerPowstańcówŚląskichWrocław

Dadurch, daß er an dessen Stelle steht, fügt es sich sogar in die ursprüngliche sozialistische Stadtplanung ein und bestätigt ungewollt deren Richtigkeit. Während das Gebäude von Poltegor bloß das höchste in Wrocław gewesen war, ist der Skytower nach manchen Zählungen sogar das höchste in Polen.

Doch der Unterschied zwischen beiden Gebäuden ist nicht ihre Form oder Größe, sondern ihr Verhältnis zur umgebenden Stadt. Das Poltegor-Hochhaus stand frei im Grünbereich, es war für sich genommen wenig wichtig, aber als Teil des gesamten Wohngebiets sehr. Der Skytower hat einen viergeschossigen sandsteinverkleideten Sockel mit Kolonnaden aus runden, säulenartigen Stützen im Erdgeschoß, der den gesamten Block zwischen zwei Querstraßen einnimmt, nein, diesen erst zu einem Block macht.

SkytowerPowstańcówŚląskichWrocławSockel

Ist der obere Teil des Skytowers immerhin noch hoch und modisch gläsern, bemüht, den polnischen Kapitalismus als das Siegreiche und Neue erscheinen zu lassen, so ist sein Sockel nur reaktionär. Im Inneren ist ein Einkaufszentrum, nach außen hin entspricht er aber ganz den preußischen Mietskasernen, die in diesem Teil von Wrocław schon überwunden waren.

Neoblockrandbebauung wie diese, bloß ohne Hochhaus, entstand auch näher beim Bahnhof schon und wird in absehbarer Zeit allen freien Raum an der Powstańców Śląskich aufgefressen haben. Passend, daß das Wohngebäude gegenüber dem Skytower seine Vorbauten nicht mehr hat und die Öffnungen mit Backstein zugemauert sind, gleich den notdürftig zugenähten Narben einer Kastration. Der städtebauliche Rückschritt ist eklatant. Was dort in Wrocław entsteht, könnte man als ein Neopreußen beschreiben, aber vielleicht ginge das am Problem vorbei. Eher sieht man hier, daß der Kapitalismus, ob nun preußisch oder polnisch, immer dasselbe will: Blockrandbebauung, enge, effizient verwertete Stadträume, in denen für den Menschen möglichst wenig Platz bleibt.

Wiener Fernsehtürme

Das Wort Fernsehturm hat eine leicht zu übersehende Doppelbedeutung: zum einen sind es Türme, in denen technische Einrichtungen zur Ausstrahlung von Fernsehprogrammen untergebracht sind, zum anderen haben diese Türme gewöhnlich Räumlichkeiten, die es Besuchern ermöglichen, in die Ferne zu sehen. In den meisten Städten ist die Doppelbedeutung auch egal, weil ihre Fernsehtürme beide Funktionen zugleich erfüllen oder wenigstens erfüllten. Nicht so in Wien.

Donauturm

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Der bekanntere der Wiener Fernsehtürme, der Donauturm, ist ein solcher nur im zweiten Sinne. Er bietet Besuchern eine Aussicht, hat aber keinerlei technische Funktion.

DonauturmOben

Mit dem runden Betonschaft, der dreieckigen, seitlich leicht geschwungenen Plattform, dem schmalen Glaszylinder, dem breiteren silbern verkleideten und von Fensterbändern umlaufenen Zylinder der Restaurant- und Aussichtsgeschosse und der darüber aufragenden rot-weißen Spitze war er Anfang der Sechziger zwar ein Symbol des Fortschritts, hatte aber in seiner Funktion mehr mit den Aussichtstürmen, die ab dem späten 19. Jahrhundert so gerne errichtet wurden, gemeinsam, mit all den österreichischen Kaiser-Franz-Joseph-Warten und preußischen Bismarcktürmen.

PaulinenwarteTürkenschanzpark

Wie ein solcher historistischer Backsteinturm, die Paulinenwarte, im 1888 eröffneten Türkenschanzpark steht, steht der Donauturm im 1964 eröffneten Donaupark. Für die Stadtlandschaft ist der Donauturm damit so wichtig, wie alles jenseits der Donau – ziemlich wenig. Heute ist er, wiewohl etwas abseits stehend, Teil einer mediokren Wiener Skyline.

WienerSkylineDonau

Der weniger bekannte der Wiener Fernsehtürme, der Funkturm Arsenal, ist ein solcher nur im ersten Sinne.

FernsehturmArsenal

Er trägt vielerlei Sendeanlagen, ist aber für Besucher nicht zugänglich. Alles an ihm ist denn auch völlig unprätentiöse Funktionalität. Auf dem runden Betonschaft ein diskusförmiges Geschoss mit silberner Verkleidung und umlaufendem Fensterband, darüber und darunter jeweils erst eine etwas kleinere, dann eine deutlich kleinere runde Betonplattform mit den technischen Anlagen. Die offene Spindelform, die sich so ergibt, ist vielleicht nicht aus sich selbst heraus markant, aber sie wird es, weil dieser zweite Fernsehturm von wichtigen Punkten der Stadt zu sehen ist. Während ein Tourist Wien besuchen kann, ohne den Donauturm zu sehen, wird ihm der Funkturm Arsenal höchstwahrscheinlich nicht entgehen.

Er ist nicht hoch, deutlich niedriger als der Donauturm. Er steht nicht in einem Park, sondern im zwischen Bahnlinien und großen Straßen eingezwängten ehemaligen Kasernengelände des Arsenals, einem Nichtort. Aber er steht an einem erhöhten Punkt, wie es für seine Funktion nötig ist. Und so schiebt er sich nonchalant in mehr oder weniger beliebte und bekannte Wiener Panoramen.

Wie zu Hause ist er an der abendlichen Gleislandschaft beim S-Bahnhof Grillgasse.

FernsehturmArsenalGrillgasse

Gut paßt er an einem nebligen Tag zum grauen Dach des neuen Hauptbahnhofs.

FernsehturmArsenalHauptbahnhof

Ein Fremdkörper ist er im Park des Belvedere, wenn neben dem bewegten Baukörper des Oberen Belvedere ruhig seine Plattformen schweben.

FernsehturmArsenalBelvedere

Gerade hier aber, gerade als außerirdischer oder wenigstens außerbarocker Fremdkörper, ist er am wertvollsten, hier bereichert er die selbstbewußte Barocklandschaft mit seiner selbstbewußten Funktionalität. Man könnte sagen, daß das Belvedere so sehr sein Park ist wie der Donaupark der des Donauturms. Doch der Funkturm Arsenal hat wichtigeres zu tun.

Dzierżyński und Pieck in Görlitz

Es scheint fast, als habe sich jemand in Görlitz meine Kritik daran, wie wenig von der polnischen Nachbarstadt – und angeblichen zweiten Hälfte einer Europastadt – Zgorzelec auf den offiziellen Stadtplänen zu sehen ist, zu Herzen genommen: seit einer Weile findet sich nahe dem Bahnhof in der Berliner Straße ein neuer Stadtplan, der auch große Teile von Zgorzelec zeigt.

StadtplanGörlitzBerlinerStraße

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Daß in der Schreibweise der dortigen Straßen die polnischen Sonderzeichen konsequent unberücksichtigt bleiben, ist wenig erstaunlich. Doch die Görlitzer Stadtväter fanden noch eine weitere, ziemlich überraschende Möglichkeit, ihr absolutes Desinteresse an Zgorzelec auszudrücken: auf dem Stadtplan sind Straßennamen, die es seit vermutlich fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gibt.

StadtplanGörlitz

Ich selbst finde es ja sehr sympathisch, mir in Zgorzelec eine Ulica Feliksa Dzierżyńskiego (Feliks-Dzierżyński-Straße) und eine Ulica Wilhelma Piecka (Wilhelm-Pieck-Straße) vorzustellen.

Feliks Dzierżyński war immerhin eine der interessantesten polnischen Persönlichkeiten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Wiewohl aus einer Szlachta-(Adels-)Familie aus dem heutigen Weißrußland stammend, fand er seinen Weg zur Arbeiterbewegung und wurde, wie Rosa Luxemburg, zu einem Mitbegründer der SDKPiL (Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy – Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens). Während Luxemburg nach Deutschland ging, mußte Dzierżyński sich, auch wegen langer Gefängnisstrafen, auf Rußland konzentrieren und baute nach der Revolution 1917 als enger Vertrauter Lenins unter anderem den Geheimdienst Tscheka, den Vorgänger von NKWD und KGB auf. Er starb 1926 nicht lange nach Lenin und in der Folge wurden viele Straßen oder Städte nach ihm benannt, doch Dzierżyński war der wohl einzige sowjetische Politiker, für den das nichts Besonderes war: der Sitz seiner Familie hieß ohnehin schon Dzierżynowo.

Wilhelm Pieck nun, der erste und einzige Präsident der DDR, stammt aus Guben, das wie Görlitz an der Neiße liegt und eine ähnliche Geschichte hat: seit 1945 gehört sein östlicher Teil als Gubin zu Polen und genau in diesem steht Piecks Geburtshaus. Anders als Dzierżyński hätte er sich als Tischler und Sohn eines Kutschers wohl nie träumen lassen, daß seine Heimatstadt einmal zur Hälfte Wilhelm-Pieck-Stadt Guben heißen würde. Aber er hat mit Zgorzelec auch direkt zu tun, da in seiner Regierungszeit 1950 im Dom Kultury (Kulturhaus) der Vertrag über die Oder-Neiße-Friedensgrenze unterzeichnet wurde.

Sympathisch also kann man diese Namen finden. Aber man muß leider davon ausgehen, daß es den Verantwortlichen in Görlitz nicht darum ging, polnische und deutsche kommunistische Persönlichkeiten zu ehren. Ihnen ist Zgorzelec vielmehr schlichtweg so gleichgültig, daß ihnen auch seit fünfundzwanzig Jahre überholte Straßennamen nicht auffielen. Die heutigen Namen der Straßen lauten übrigens Ignacego Daszyńskiego (Ignacy-Daszyński-Straße) und Piękna (Schöne Straße).