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Wielki Garc

Wielki Garc in den sanften Hügeln an der Wisła (Weichsel) im Norden Polens ist ein einfacher Ort, wozu beiträgt, daß er entgegen seinem Namen – wielki heißt groß – gar nicht groß ist. Aber er scheint auf sein Wielki auch gar keinen so großen Wert zu legen: auf dem Ortseingangsschild steht bloß W. Garc.

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Das hat Tradition, denn auf dem Grab eines Pfarrers bei der Kirche steht bloß Gr. Gartz.

Anders als viele andere Orte veränderte es seinen offiziellen Namen nur orthographisch, nicht phonetisch.

Die Kirche steht am Rande des Orts und obwohl sie mit Eingang und Turm zu ihm gewandt ist, wendet sie sich recht eigentlich an die Niederung an der Wisła, von der hier eine steile Straße heraufführt. Während die Kirche des dortigen größten Orts Wielkie Walichnowy all ihre An- und Umbauten so deutlich zeigt, als wolle sie architektonisch die Mischung der Nationalitäten, Sprachen und Religionen in dieser eigentümlichen Gegend nachempfinden, ist die Kirche von Wielki Garc geradezu unrealistisch einheitlich.

Vor allem ob ihrer Einfachheit ist dennoch klar, daß sie keine historistische Nachahmung sein kann. Sie ist, wie könnte es anders sein, aus Backstein und sie ist gotisch. Hohe Fenster mit Spitzbögen, Strebepfeiler, kein Chor, an den Enden des Satteldachs Treppengiebel. Der hohe Turm steht vorgesetzt und ist in seiner Bauweise mit einem Satteldach, vor dem zwei Giebel zu den Seiten zeigen, ebenfalls typisch für die örtliche Backsteingotik.

So typisch, so sehr Lehrbuchbeispiel sind Kirche und Turm, daß man fast übersehen könnte, daß die Turmgiebel keineswegs typisch sind. Statt als Treppe steigen sie geschwungen an und enden in kleinen Dreieckgiebelchen, all das jedoch ebenfalls aus Backstein.

Das sind Formen der Renaissance oder des Barock an dem gotischen Gebäude. Doch während solche Stilmischungen sonst oft auffällige Kontraste bilden, wirkt hier alles harmonisch. Wer diese Giebel auf den Kirchturm setzte, begriff Renaissance oder Barock offenbar nicht als Gegensatz zur Gotik, sondern als etwas, was sich gut mit ihr verbinden läßt. Nicht einmal ausgeschlossen, daß die Giebel zeitgleich mit dem Rest der Kirche entstanden.

Der Ort nun ist so klein, daß für eine Bevölkerungsvielfalt wie unten in der Niederung vielleicht gar kein Platz gewesen wäre, doch vor allem war Groß Gartz ohnehin der Ort nur einer Familie: des Gutsbesitzers Nau.

Das Familiengrab ist bei der Kirche und das Gutshaus steht ein Stück weiter an der Straße. Es ist gut daran zu erkennen, daß es das mit Abstand größte der wenigen Häuser des Orts ist. Während es ansonsten typische eingeschossige Backsteinhäuser aus dem späten 19. Jahrhundert und sogar eines aus Holz gibt, ist das Gutshaus ein stattlicher zweigeschossiger Bau in einfachen barocken oder klassizistischen Formen.

Ein solches geschmackvolles Gebäude, erbaut sicher von einem früheren Gutsbesitzer, zu haben, genügte der Familie Nau jedoch nicht, sondern sie baute an die die linke Seite einen Teil mit Arkaden im Erdgeschoß und Fachwerk im Obergeschoß an.

Sie bewies so ihre Geschmacklosigkeit und die der wilhelminischen Zeit. Daß sich Groß Gartz mehr oder weniger in Privatbesitz befand, erklärt vielleicht auch den Namen: er klingt einfach besser als ein bloßes Gartz.

Nach dem ersten Weltkrieg kam die Gegend an Polen, was für den Gutsbesitzer wohl wenige praktische Veränderungen bedeutete, ihn in seinen klassenbedingten reaktionären politischen Ansichten aber gewiß bestärkte. Erst 1945, nach ein paar Jahren großdeutschem Reich, war es für die Familie Nau mit Groß Gartz doppelt vorbei: als Gutsbesitzer in einer Volksdemokratie und als Deutsche in Polen. Der Ort wurde zu Wielki Garc, aber veränderte sich äußerlich so marginal wie sein Name. Ein paar neue Häuser, ein kleines Versammlungsgebäude. Daß das Grab der früheren Gutsbesitzer heute in so gutem Zustand ist, zeigt entweder eine fehlplatzierte Fürsorge des Orts oder, wahrscheinlicher, daß es der Familie Nau heute irgendwo in Westdeutschland so gut geht wie früher an der Wisła und sie es renovieren ließ. Immerhin trägt auch das dazu bei, daß W. Garc ein so einfacher Ort ist.

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