Archiv für den Monat Januar 2018

Dubliner Wellen

Am Rande des People’s Gardens (Volksgartens) im Westen der irischen Hauptstadt Dublin steht ein kleines offenes Betonschalengebäude. Nicht mehr als ein dünnes Betondach, das beidseits leicht schräg vom Boden aufsteigt und sich zweifach wellt, eine Rückwand aus unregelmäßigem grauen Natursein, die eine mittige Stütze versteckt, und rechteckige Bodenplatten.

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Zwischen hohen mediterranen Nadelbäumen scheinen so die sanften menschengemachten Wellen des Parks in die sanften menschengemachten Wellen des Betons gegossen.

Die Verbindung von gewelltem Betondach und Naturstein läßt an James-Bond-Villen denken, an exotischere, elegantere Häuser, wie es sie in Dublin, das von typisch britischen Reihenhäusern geprägt ist, einfach nicht gibt. Es ist, als habe hier ein Architekt ein architektonisches Element, für das in seiner Baupraxis kein Platz war, in mehr oder weniger zweckfreier Weise ausprobieren dürfen. Denn obwohl an den drei Seiten innen Sitzflächen sind, ist die praktische Funktion des Gebäudes marginal, da es als reiner Unterstand eher zu groß und dunkel ist.

Sitzt man darin, hat man einen guten Blick auf den riesigen Obelisken des Wellington-Denkmals, den höchsten Obelisken Europas. Das menschliche Maß der Betonschale um einen mindert dessen auch aus der Ferne unmenschliche Größe ein wenig, was denn, ob beabsichtigt oder nicht, zumindest ein schöner Nutzen des Gebäudes ist.

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Erkundungen auf Friedhöfen: Sprachen in Kynšperk

Der Friedhof des Städtchens Kynšperk nad Ohří unweit von Cheb ist recht deutlich zweigeteilt. Der ältere Teil direkt hinter dem Tor ist deutsch, da die Bevölkerungsmehrheit bis 1945/46 deutsch war.

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Obwohl das nicht mehr so ist und es das Königsberg, von dem manche der Steine sprechen, nicht mehr gibt, ist er keineswegs verwahrlost. Auch ganz hinten, wo viele Steine umgefallen oder mit Efeu bewachsen sind, ist sein Zustand immer noch viel besser als der des örtlichen jüdischen Friedhofs, der 1938 von ebendiesen Kynšperker Deutschen verwüstet worden war und den zu pflegen niemand übrig blieb.

Das ist mit dem deutschen Teil des Friedhofs auch deshalb anders, weil nach dem Krieg durchaus nicht alle Deutschen ausgesiedelt wurden. Einige konnten bleiben, entweder, weil sie Widerstand geleistet hatten und der Tschechoslowakei treu geblieben waren, oder, häufiger, weil sie in wichtigen Industriebetrieben gebraucht wurden. Die Bestattungen brachen daher 1945 nicht einfach ab.

Der andere Teil weiter links ist tschechisch. Die Gräber sind allesamt neuer und sehen auch anders aus. Oft gibt es hier Grabsteine in der Form kleiner Vitrinen mit Glastüren, hinter denen die Urnen der Verstorbenen stehen.

Neben Kreuzen sieht man nun auch hussitische Kelche. An den Friedhofsmauern sind oft Kolumbarien, ein weiterer Ausdruck des antikatholischen tschechoslowakischen Faibles für Feuerbestattung.

Zu den tschechischen Namen kommen hier manchmal slowakische und ungarische, da viele der Siedler in den ehemals deutschen Teilen des Landes aus der Slowakei stammten. So kam es, daß noch 1960 ein Grab in Kynšperk ungarisch beschriftet wurde, allerdings auch nur halb, da die Monatsnamen tschechisch sind.

Sicherlich auch den Wirren des Kriegs geschuldet, aber nicht mehr einfach zu erklären ist das Grab des 1958 verstorbenen Alexander Michailow mit russischer Inschrift.

Auch die neueren deutschen Gräber setzen nicht einfach das Vorangegangene fort, sondern zeigen die Einflüsse der tschechischen Umwelt. So deutsch etwa der röhrende Hirsch und der Vorname Horst auf einem Grab sind – der Nachname lautet tschechisch Šašek.

Obwohl auf einem anderen Grab sonst alles deutsch geschrieben ist und sogar als Herkunft Klingen, ein heute nur noch schwer aufspürbarer Ortsteil von Kynšperk, genannt ist – die Berufsbezeichnung „Mechanisátor“ ist tschechisch, weil die Familie nicht gewußt hätte, wie sie einen für die Maschinen einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft verantwortlichen Techniker auf Deutsch hätte nennen sollen.

Das Grab des Erhard Wilfer schließlich ist teils auf Tschechisch und teils auf Deutsch beschriftet. Oben sind tschechische Verse, wie man sie in den Katalogen von Bestattungsunternehmen auswählen kann, unten steht: „Hier ruht in Gott unser innigst geliebter Sohn Erhard. Wir werden Dich nie vergessen!“

Für sich genommen sind die beiden Inschriften dieses Grabsteins gleichermaßen konventionell, aber zusammen werden sie durch ihre unterschiedlichen Sprachen einzigartig.

Heute ist Kynšperk nad Ohří denn eine tschechische Stadt und auch diejenigen ihrer Bewohner, deren Vorfahren deutsch oder was auch immer sprachen, sind bohemisiert. Ihnen geschah, was mit dem Namen der Stadt geschah. Neben dem alten Namen Königsberg kann Kynšperk leicht als Verhöhnung erscheinen. Vielleicht aber entspricht die Schreibweise genau dem, wie die örtlichen Deutschen ihren Ort aussprachen – Kinschperk. Vielleicht wurde der Name weniger bohemisiert als in der Orthographie dem Kynšperker Dialekt angepaßt. Zumindest der Stadtname verbände dann die beiden Teile und beiden wichtigsten Sprachen dieses Friedhofs – und das unbemerkt von den Sprechern der einen wie der anderen Sprache.

Beim Blick über Hammelburg

Wenn man vom Baderturm, einem der drei erhaltenen Türme der ehemaligen Stadtmauer, über Hammelburg schaut, sieht man ein Häusermeer, aus dem einige Kirchtürme, der Treppengiebel des Rathauses, die Dächer des Schlosses herausragen – und die gelbe Brandmauer eines Eckbaus in der Kissinger Straße.

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Diese Brandmauer, das ist der Kapitalismus. Er ist es, der das Maß der trotz allen Veränderungen und Bränden noch mittelalterlichen Stadtstruktur rüde durchbricht. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn deren Maß kann nicht mehr das unsrige sein. Aber es ist ist wohlgemerkt keine irgendwie fortschrittliche Architektur, mit der er das tut. Es ist kein Hochhaus, keine die alte zerbrechende Stadtplanung, sondern ein von Nahem nicht einmal bemerkenswerter oder bemerkbarer Teil der Blockrandbebauung.

Der Kapitalismus bringt Hammelburg nicht das gute Neue, sondern das Schlechteste der Großstädtischkeit, die Brandmauer.

Daß es etwas Neues gibt, auch in Hammelburg – der Blick vom Turm verrät es nicht. Dabei könnte es anders sein. Der sozialstaatliche westdeutsche Kapitalismus kam auch in der unterfränkischen Provinz nicht umhin, „so zu tun, als sei er keiner“ (Ronald M. Schernikau) und baute unter Verwendung fortschrittlicher städtebaulicher Konzepte drei Siedlungen.

Eine von ihnen liegt im Südosten der Stadt direkt hinter dem Friedhof. Schon die Straßennamen sind westdeutsche Ideologie en miniature: Adolf-Kolping (irgendwie sozial, definitiv christlich), Kant (Ostpreußen), Eichendorff (Schlesien) und Adalbert-Stifter („Sudetenland“).

Am Rand sind zweigeschossige Doppelhäuser mit Satteldach, im Hauptteil locker aufgereiht um offene Grünanlagen erst zweigeschossige, dann dreigeschossige Gebäude mit Satteldach und in der Mitte als vertikale Dominante ein siebengeschossiges Punkthaus – mit Satteldach.

Wenig überraschenderweise befindet sich Hammelburg damit tief im konservativen Spektrum der westdeutschen Nachkriegsarchitektur. Etwas Neues, in der ganzen Stadtgeschichte nie Dagewesenes ist die Offenheit und Großzügigkeit der Siedlung dennoch.

Diese Siedlung könnte man beim Blick vom Baderturm sehen, ja, man sieht das Dach des Punkthauses sogar (im obigen Bild weit links), aber man bemerkt es nicht, da es gleichsam mit den Dächern der höhergelegenen Altstadt verschmilzt. Und das, das ist das Problem. Das ist falschverstandener Respekt vor dem Alten. Eine selbstbewußte fortschrittliche Architektur würde sich nicht scheuen, sich mit einem doppelt, dreifach so hohen Punkthochhaus in wirklich neuen Formen in das Panorama Hammelburgs einzubringen.

Doch der Kapitalismus kennt keinen Respekt. Wo fortschrittliche Architektur, die in ihrer Konsequenz über den Kapitalismus hinausweist, dem Alten etwas Neues zur Seite stellen würde, da errichtet er nur eine Brandmauer.

Abstrakter Historismus

Im mittelböhmischen Nymburk gibt es eine hussitische Kirche par excellence.

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Von vorne und von der Seite führen Stufen hoch hinauf zu den Eingängen, vor denen sechs eckige Stütze ein Vordach mit der Aufschrift Husův sbor (etwa: Hus-Kirche) tragen. Darüber sind an den Seiten Teile mit je drei hohen vertikalen, aber horizontal untergliederten Fenstern. In der Mitte ist leicht zurückgesetzt der schmale und hohe Turn, der hier ein bis fast ganz hinauf verlaufendes vertikal strukturiertes Fenster hat. Erst ganz oben sind nach, rechts und links Öffnungen mit horizontalen Geländerstreifen. Auf dem flachen Turmdach steht ein großer kupferner Kelch, aus dem ein doppeltes Kreuz ragt. Der dahinter anschließende Saal ist etwas niedriger als der Eingangsteil und hat an den Seiten je sechs vertikale Fenster.

Was diese Kirche auszeichnet, ist größtmögliche Monumentalität bei völlig schmucklosen Formen.

Ohne daß irgendwelche historistische Ornamentik vorhanden wäre, sieht man doch überall historische Vorbilder. Die Stufen sind eine Pyramide, die Stützen ein Tempel, der Turm ein Campanile der Renaissance, die Seiten gotisch. Wie einfach das geht! Der dunkle Stein der Treppen und der Stützen, der cremefarbene Putz, das grünstichige Glas und schließlich der grüne Kelch. Wie lachhaft daneben alle frühere historistische Architektur wirkt! Etwa die irgendwie neoklassizistische evangelische Kirche von 1897 an der Ecke schräg gegenüber.

Solch ein nichtiger, unbeholfener Bau. Wenn ihr schon historistische Bezüge wollt, scheint ihr der Husův sbor zuzurufen, dann macht es wenigstens richtig, macht es wie ich.

Das, was sie will, monumental zu sein durch Zitate historischer Architektur, aber ohne deren Ornamentik, eine Art abstrakter Historismus zu sein, gelingt dieser 1936 errichteten Kirche perfekt. Daß es nicht das Richtige ist, daß nicht das zu wollen ist – das ist eine andere Frage.

Das kapitalistische Kladno

Der Grundstein von Kladno war keiner der Steine, mit denen das erste Gebäude des mittelböhmischen Städtchens irgendwann vor 1318 erbaut wurde, sondern eher einer der Steinkohlebrocken, die sich in der Umgebung seit jeher fanden. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Bedeutung der Kohle erkannt wurde, kam es zu einem wahren Gold-, das heißt Kohlerausch, in dem die verschiedensten Gestalten, erfahrene Bergleute wie Abenteurer, ihr Glück versuchten. Es war Jan Váňa (auch: Johann Wania), der am 1. November 1846 das erste ergiebige Flöz fand und damit den eigentlichen Grundstein für Kladnos moderne Geschichte legte. Aus der Provinzstadt bei Prag wurde im rasenden Tempo eine Industriestadt und Stadt der Arbeiterbewegung.

Kladno entstand als kapitalistische Stadt, spontan, wild, planlos. Unten im Tal bei den Bergwerken und Fabriken breitete sich das Kladno der Arbeiterklasse aus, das allerdings aus Dörfern bestand, die lange nicht zur Stadt gehörten. Es sind weite Gegenden mit meist eingeschossigen vorstädtischen, im eigentlichen dörflichen Häuschen. Immer ein Geschoß längs der Straße, darauf ein Satteldach, dahinter, vielleicht, ein Gemüsegarten.

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Hier findet man in einer dann ins Industriegebiet auslaufenden Straße eine Gedenktafel für die kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová, die dort aufwuchs und in ihrem Roman „Siréna“ die Geschichte der Stadt beschrieb. Heute heißt die Straße nach ihr.

„In diesem Haus verlebte Nationalkünstlerin Marie Majerová ihre Kindheit und lernte die Welt der Berg- und Metallarbeiter kennen. Autorin von „Siréna“ [Die Sirene] und „Havířská baláda“ [Bergmannsballade].“

Oben auf dem Hügel war das Kladno des Bürgertums. Zwar waren die ersten Verwalter noch naiv genug gewesen waren, ihre Villen in der Nähe der Fabriken und Bergwerke zu bauen, aber bald kam es zur stadträumlichen Separation der sich stetig schärfer herausbildenden antagonistischen Klassen.

Das klingt so plakativ, daß man es für eine Karikatur halten kann, doch so war der Kapitalismus eben auch in Europa, bevor er gezwungen wurde, sich zu verstellen.

Das alte Kladno lag am Hang dazwischen, aber eher weiter von den Arbeitergegenden entfernt als von den bürgerlichen. Es ist ebenfalls karikaturhaft symbolisch, daß der zentrale Platz stark abschüssig ist. Alles, was irgendeinen architektonischen Wert hat, liegt abseits davon. Von Süden schaut aus der Straße Plukovníka Stříbrného ein ehemaliges Rathaus herein, ein schmaler und hoher klassizistischer Bau mit dorischen Pilastern im Erdgeschoß und schlankem achteckigen Uhrtürmchen.

In derselben Straße steht die Synagoge, die, wiewohl von 1884, unter ihrem neobarocken Schmuck einfach ein großzügig verglaster Saalbau ist.

Im Norden steht das Schloß, ein bescheidener dreiflügliger Barockbau am Rande des steil abfallenden Hangs mit zwei Geschossen und recht engem Hof.

Von hier aus wurde das Gut verwaltet, das vor der Erschließung der Kohle die Grundlage von Kladnos Wirtschaft war. Im Südwesten steht die Kaple svatého Floriána (Florianskapelle) , ein ganz südlich, italienisch wirkenden Rundbau mit vielfach ein- und vorgewölbter Fassade.

Den Platz selbst prägt jedoch, trotz einigen älteren Häusern und einer barocken Mariensäule, die neureiche Geschmacklosigkeit des späten 19. Jahrhunderts, die die Stadtherren ein Rathaus in Formen der Neorenaissance und eine Kirche in Formen der Neoromanik errichten ließen.

Aber die Stadt schon lange über ihr altes Zentrum hinausgewachsen.

Kladno war sich der Bedeutung der Steinkohle sehr bewußt und schon 1854 wurde ein großer Findling für Jan Váňas Entdeckung aufgestellt. Im Jahre 1954 setzte die nunmehr sozialistische nunmehrige Tschechoslowakei diesen Váňův kámen (Váňa-Stein) auf einen Sockel, auf dem außerdem noch zwei überlebensgroße Bronzeplastiken von Bergarbeitern aufgestellt wurden. Der Kumpel von 1854 mit Hacke und Öllampe reicht dem Kumpel von 1954 mit Preßlufthammer und Helmlampe über den Stein die Hand.

Ein Jahrhundert Kladnos, sein wichtigstes, das, in dem es wirklich entstand, ist so an zentralem Ort in einer Grünanlage oberhalb der Altstadt zusammengefaßt und die Menschen, die es ermöglichten, geehrt. Denn nicht der zufällige Finder des ersten Steins, sondern Generationen von Arbeitern schufen das heutige Kladno. Das Denkmal ist in dieser Form schon ein Grundstein für das sozialistische Kladno.

Altersruhesitz

Falls ich einmal ganz aufgeben sollte, will ich Alkoholiker werden und Tauben züchten.

Ein ausgesucht schöner Ort dafür wäre an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) in Oliwa in Gdańsk. Zwischen zwei dreigeschossigen kaiserzeitlichen Mietshäusern gibt es da ein deutlich zurückgesetztes Gebäude, das wie Teil eines anderen Bebauungsplans wirkt oder wie ein nur zufällig so exponiertes Hinterhaus. Es hat normale Fenster, nicht groß, nicht klein, aber zusätzlich ganz links vor den beiden oberen Geschossen eine Konstruktion aus Holz und Glas. Angeheftet an die Brandmauer des Nachbarhauses sind das weniger  verglaste Balkone als gläserne Räume, Wintergärten. Im Erdgeschoß ist ein ebenfalls nicht annähernd bis zur Linie der anderen Gebäude reichender Vorbau mit einem Schnapsladen und links vor diesem eine barocke Säule mit Maria und Johannes von Nepomuk.

Ich würde im zweiten Geschoß über dem Laden wohnen und hätte die Tauben vielleicht auf dessen flachem Dach. Jedenfalls würde ich die Tage trinkend in dem gläsernen Raum verbringen, hinausblickend auf meine Tauben, den genau auf meiner Höhe stehenden Johannes von Nepomuk, den Verkehr auf der Grundwaldzka und auf den Straßenbahnwendekreis Oliwa mit seiner bis weit in den Winter grünen Trauerweide.

Bis dahin werde ich auch dieses Jahr weiter regelmäßig hier schreiben.