Archiv für den Monat Dezember 2018

Der abstrakte Automechaniker oder Mehr Werbekunst in Eindhoven

Die Tradition, Gebäude nicht nur mit auswechselbarer Werbung zu verstehen, sondern im Vertrauen auf die Ewigkeit auch mit künstlerischen Darstellungen ihrer Bestimmung, endete in Eindhoven mit den innenstädtischen Renovierungen und Wiederaufbauten der Fünfziger nicht ganz. So gibt es am Leenderweg, weit vom Zentrum, zwischen den immergleichen backsteinernen Reihenhäusern der niederländischen Vorstadt ein langes dreigeschossiges Gebäude in simpelsten Formen (Hausnummer 227).

Im hohen Erdgeschoß neuere verglaste Ladenvorbauten und zurückgesetzte Tore, in den beiden Geschossen darüber schwarz gestrichene Backsteinverkleidung und regelmäßige Fensteröffnungen, die zwar in beiden Geschossen gleich groß sind, aber im zweiten durch darunter angebrachte glatte hellblaue Verkleidung größer und vertikaler wirken. Im rechten Teil sind auf etwa vier Fünfteln der Fassade vier rechteckige Betonplatten mit Mosaiken unter die unteren Fenster und etwas kleinere und schmalere über die oberen Fenster gesetzt. Die Fenster und die horizontalen Flächen zwischen ihnen sind hier zudem leicht zurückgesetzt, so daß die vertikalen Streben zwischen ihnen deutlich betont werden.

Diese Mosaike, die die lange Fassade unterbrechen, sind nicht das Markanteste, sondern das einzig Markante an dem Gebäude. Man kann sie leicht für eine hübsche abstrakte Dekoration halten. Auf weißem Grund jeweils viel Grau und Schwarz sowie wenig Blau, Rot und Grün, vielerlei unregelmäßig eckige Flächen. Aber in diesen abstrakten Formen sind bei genauem Hinsehen gegenständliche zu erkennen. Oben Autos und andere Fortbewegungsmittel, Hubschrauber, Flugzeuge vielleicht. Auch unten jeweils Autos, Verkehr im Hintergrund, dazu im ersten ganz links ein nach links springender Hund in Schwarz und in den übrigen weiße menschliche Gestalten.

Im zweiten sitzt die Gestalt und hat einen Zirkel in der Hand.

Im dritten steht sie und hat einen Hammer in der Hand.

Im vierten geht sie und hat vielleicht den Zeigefinger ausgestreckt.

Unzweifelhaft geht es hier um die Automobilbranche von Entwurf über Herstellung zum Straßenverkehr. Damit ist klar, worauf es sonst keinen Hinweis mehr gibt: das Gebäude wurde für einen Automechaniker erbaut, der seine Werkstatt in einer Halle jenseits der Tore im Erdgeschoß hatte. Es handelte sich um die VW-Werkstatt Hub van der Meulen und die Mosaike stammen laut den spärlichen Angaben von V.d. Hoek oder Jan de Winter. Wieso van der Meulen sich für diese halbabstrakte, alles andere als plakative Kunst entschied, ob er tatsächlich kunstsinnig war oder ob der Architekt ihm dargelegt hatte, daß es so billiger ist, als wenn das Gebäude selbst auffälliger gestaltet würde, das läßt sich auch hier nicht mehr feststellen. Wie bei den anderen Beispielen ist die Kunst alles, was blieb, und alles, was von der alten Funktion erzählt. Hier, wo ringsherum nicht die belebte Innenstadt, sondern die Vorortstraße ist, hat es aber noch etwas größeren archäologischen Wert.

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Picasso, Schuhe, Lederhosen oder Etwas Werbekunst in Eindhoven

In der Innenstadt von Eindhoven oder in jeder anderen Stadt, in der die Einkaufsstraßen von relativ kleinen vermischten Häusern geprägt sind, kann man noch manchmal Hinweise auf längst nicht mehr bestehende Geschäfte finden. Sie sind in den Fassaden der Gebäude selbst, in die sie frühere Besitzer im immer irrigen Glauben, für die Ewigkeiten zu bauen, gesetzt hatten.

Kleinere Beispiele findet man bereits in der Fußgängerzone Demer. Am dreigeschossigen Haus Demer 23 wird die in weißem Rahmen von der braunen Backsteinfassade abgesetzte und vertikal durch zwei weiße Streben gegliederte Fensterfläche der Obergeschosse horizontal von einem Band durchzogen, in dem in Weiß auf Schwarz zwischen einfachen dreiblättrigen Ornamenten ein gekreuzter Hammer und Schuh sind.

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Sie sind ebenfalls nur stilisiert, aber als Werkzeug und Herrenschuh gut zu erkennen. Früher war dort also vermutlich ein Schuhmacher, heute ein Modegeschäft namens „Parfois“. Von wann das ornamentale Band ist, läßt sich schwer eindeutig sagen, aber höchstwahrscheinlich aus den Fünfzigern, als die Straße, die 1942 bei einem alliierten Luftangriff auf das nahe Philips-Werk stark zerstört worden war, wieder aufgebaut wurde.

Am dreigeschossigen Haus Demer 28 findet sich über dem hervorgehobenen mittleren Fenster im zweiten Geschoß auf der hellen Steinfassade ein steinernes Relief. Auf goldenem Grund ist hier eine kurze Männerhose zu sehen, über den Knien und an den Hüften geschnürt und mit aufklappbarem Hosenlatz. Darüber steht „De leren broek“ (Die lederne Hose). Man könnte diese Darstellung für älter halten, als sie ist, doch darunter steht: „A° 1820-1952 REN“, also das Baujahr und das Jahr der Wiederherstellung nach dem Krieg.

Wer hier Lederhosen verkaufte oder ob der Name einen anderen Hintergrund hat, weiß man nicht mehr ohne weiteres. Laut den verfügbaren Informationen bezieht er sich auf eine Gerberei, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Aber das Haus traf es erstaunlich glücklich: gegenwärtig ist dort ein Levi’s-Geschäft. Alle Fenster sind mit Reklamephotos ausgefüllt, so daß man nun um die kleine Lederhose lauter große Jeans sieht.

Wo es sich bei den zuvor genannten Beispielen um kleine, leicht zu übersehende Details handelt, wird beim Gebäude 18 der nahen Straße Keizersgracht die Fassade ganz von der künstlerischen Gestaltung bestimmt. Es ist ein schmales Gebäude mit etwa drei Geschossen, das zwischen Nachbarbauten fast eingezwängt ist. Im Erdgeschoß Schaufenster, der Putz der Obergeschosse weiß und rechts nah beim Rand ein breites vertikales Band, das horizontal abwechselnd aus grünem Backstein und schieferartiger grauer Steinverkleidung besteht. Im zweiten Geschoß ist das Band von zwei Fenstern unterbrochen, die so aufgeteilt sind, daß sich vier Teile um ein zentrales Quadrat legen. Das ist der Rahmen für das Wandbild im großen linken Teil der Fassade.

Es beginnt auf der Höhe des Fensterabschlusses und nimmt ein quadratisches Feld aus glattglasierten Kacheln ein. Der Stil ist offensichtlich von Picasso inspiriert, auf dem blaßgrünen Hintergrund sind Figuren aus scheinbar einfachen Strichen, die klar zu erkennen, aber in den Proportionen, Perspektiven und Farben nicht um Realismus bemüht sind. Links eine große Blume vor einer Leinwand und darüber eine Sonne. Rechts eine kleinere Blume, ein Hahn und darüber ein Stern. Oben waagerecht ein weiblicher Engel, der schon unter dem Stern beginnt und mit den ausgebreiteten Armen in diesen und in die Sonne hineinreicht. Im Mittelpunkt frontal ein Künstler mit großer Palette, auf der vier Farben sind, und etwas Rotem in der Hand.

Es ist ein entschieden epigonales Werk, bei dem man sich nicht wundern würde, wenn es sein Epigonentum hinter einem Titel wie „Hommage à Picasso“ zu verstecken suchte. Der tatsächliche Titel dieses Werks von Hugo Brouwer aus dem Jahr 1958 ist nicht herauszufinden, vielleicht hatte es nie einen. Denn als es entstand, hatte es einen konkreten Werbezweck: das Gebäude erbaute sich der Kunsthandel Pijnenborg. Das Motiv ist also nicht zufällig, sondern, direkter noch möglicherweise als Schuh oder Lederhose, auf den Zweck des Gebäudes bezogen. Heute, da dort das Restaurant „La Cubanita“ ist, wirkt es in den Stadtraum als selbständiges Kunstwerk. Und daß es von allen gesehen werden kann, macht dieses epigonale Werk vielleicht ähnlich wertvoll wie die tatsächlichen Picassos, die im Eindhovener Van Abbe-Museum und anderswo weggesperrt sind.

Hrubá Voda oder Der Jugendstilbahnhof

Jugendstilbahnhöfe sind selten. Als große Ausnahme könnten die Bahnhöfe der Wiener Stadtbahn genannt werden, aber Otto Wagner geht über den Jugendstil schon weit hinaus und zudem sind sie eben in Wien. In der Weite der Länder, die zu Österreich, Heimat des Jugendstils, gehörten, sieht man Jugendstilbahnhöfe fast nie. Manche möge Jugendstilelemente haben, aber immer vermischt mit Historistischem, Monumentalem, Volkstümlichem, nie in Reinform. Hrubá Voda ist daher etwas Besonderes: ein Bahnhof, der in so reinem Jugendstil errichtet wurde, wie es anderswo in Österreich auch eine Villa, ein Arbeiterhaus, ein Theater sein könnten.

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In seinem Aufbau – ein zweigeschossiges Gebäude mit breitem Vordach, das links noch um das Gebäude herum weiterläuft und einen offenen Bereich überspannt – unterscheidet er sich nicht von anderen Bahnhöfen an der Strecke, die von Olomouc nordwärts nach Schlesien führt. In Hrubá Voda sind es zwei durch das Vordach und die Halle verbundene Gebäudeteile und auf den offenen Bereich folgt noch ein Flachbau für das Restaurant. Typischer Jugendstil ist eben eine Fassadenarchitektur. Und die Fassade des Bahnhofs Hrubá Voda zeigt alle jugendstiligen Formen.

Wenn man von Olomouc kommt, bemerkt man zuerst die Schmalseite des Obergeschosses mit nur einem kleinen mittigen Fenster zwischen drei geraden und einer gewellten horizontalen Linie im hellen glatten Putz und einem weiten flachen Bogen über einen darüberliegenden Bereich mit dunklerem und gröberem Putz. Die zu den Gleisen zeigenden Seite ist ähnlich strukturiert, doch die Linien wie der Bogen sind zwischen sechs größeren Fenstern weniger markant. Dafür scheinen die kleinen Quadrate unter den Fenstern sich in zwei große, die zwischen ihnen hinunterragen und sie in drei Gruppen teilen, zu verwandeln.

Die Ecken sind pilasterartig mit Kreisformen und nach unten verlaufenden Linien gestaltet und ragen noch über die Dachlinie auf, wo sie nach innen abgeschrägt enden.

Der zweite Gebäudeteil wie auch die Erdgeschosse sind weniger markant. Eher ist es so, daß die rundbögigen Erdgeschoßfenster auf der zum Ort zeigenden Seite des ersten Gebäudeteils zu den vielfachen runden Formen des Obergeschosses überleiten. Der leicht vorgesetzte Mittelteil hat einen halbrunden Giebel, aus dem noch ein weiteres halbrundes Element mit Kleeblattmotiv ragt, während kleine dreieckige Fenster und der Putz darunter ein halbes Oval formen. Flankiert wird er von oben abgeschrägten Pilastern wie in den Ecken der Gleisseite, während ähnliche, aber kleinere Ornamente in den Ecken dieser Seite sind.

Beidseits des Mittelteils sind dann konventionell eckige Doppelfenster im umgebenden Putz kreisförmig erweitert, um runde Fenster, wie sie der Jugendstil liebte, zu simulieren.

Zwischen den beiden Gebäudeteilen ist der Eingang zur eher schmalen, aber hohen Bahnhofshalle. Zwei Säulen mit tiefeingeschnittenem horizontalen Rillenmuster im unteren Teil, ein spitzes Vordach aus Holz mit offener Balkenkonstruktion, ein trapezförmiges Fenster und noch vieles weitere lassen es wirken, als habe der Architekt einfach alles, was ihm einfiel, für den Eingang verwendet.

Dabei hätte auch viel weniger gereicht, denn das überraschendste und am Modernsten wirkende Element des gesamten Bahnhofs ist der in der Hallendecke vom Fenster ausgehende dreieckige Einschnitt, der keilartig schmaler wird.

Das ist so viel radikaler als die Jugendstilpilaster der Halle, daß man sich vorstellen könnten, er sei Ergebnis eines späteren Umbaus, wenn man sich denn vorstellen könnte, daß es einen solchen gegeben habe.

Am meisten Jugendstil und am meisten er selbst ist der Bahnhof in den drei großen runden Fenstern, die den überdachten Bereich links des Gebäudes zum Ort hin abschließen und öffnen.

Nachdem er solche Fenster an der Fassade noch simulieren mußte, hat er sie hier tatsächlich, obwohl sie im eigentlichen ein hohes Fenster und zwei schmalere abgerundete beidseits von ihm sind und ihnen zum Rund noch der untere Teil fehlt.

Dieses archetypische Jugendstilmotiv sieht man an vielen Gebäuden, doch hier tritt man ihnen plötzlich auf ebener Erde und halb im Freien gegenüber, ja, tritt durch das mittlere, in dem die Eingangstüren sind, sogar hindurch.

So sieht man diese Fenster anders, neu. Sie werden nicht sinnvoller, nicht weniger formale Spielerei wie so vieles am Jugendstil, aber man ist ihnen näher. Sie sind die Apotheose des Jugendstilfensters, fast schon vom Gebäude losgelöst, fast schon reine Kunstwerke.

Dieser Bahnhof nun, dieser seltene Jugendstilbahnhof, steht recht eigentlich im Nirgendwo. Einen Ort gibt es hier im engen bewaldeten Tal der Bystřice nicht, bloß ein Hotelareal. Das war auch nie anders, der Bahnhof wurde im Jahre 1908 für das Hotel erbaut. Während dabei das konkrete Gebäude den Gästen eine komfortable Anreise erlaubte, konnte seine modische Jugendstilarchitektur gut zu Werbezwecken eingesetzt werden, was das Entscheidende war.

Seiner absolut marginalen Lage verdankt es der Bahnhof, daß er seit seiner Erbauung fast unverändert ist. Die sozialistische Tschechoslowakei begnügte sich damit, die Beschilderung dem üblichen Corporate Design ihrer Bahnhöfe anzupassen. Vielleicht wurde er auch irgendwann neu gestrichen, aber sicher nicht oft. Der Putz blättert vielfach ab, ist eher gelblich als weiß, auch das Grün der Holzelemente ist oft nur noch zu erahnen. An einer Stelle kam der deutsche Name in einer Jugendstilschrift wieder zum Vorschein: „Grosswasser“ (Hrubá Voda heißt grobes Wasser, was einen interessanten Übersetzungsfehler in die eine oder andere Richtung ahnen läßt).

Bei allem Verfall ist der Bahnhof jedoch noch in ganz normalem Betrieb. Züge halten regelmäßig. Der Bahnhofsvorsteher wohnt mit seiner Familie im zweiten Gebäudeteil. Auch die Toiletten funktionieren: hölzerne Kabinen, runde Öffnungen und abzunehmende Deckel in hölzernen Sitzflächen und eine Rinne vor drei Wänden eines Raums als Pissoir.

Wer an der Toilettenkultur von 1908 interessiert ist, kann sie in Hrubá Voda also betrachten oder benutzen.

Der Bahnhof ist ein Denkmal, was Anfang 2018 auch durch eine Eintragung auf die Liste der národní památky (Nationalen Denkmäler) offiziell anerkannt wurde, aber ein merkwürdig lebendiges. Hier ist eine frühere Zeit nicht bewußt ausgestellt, sondern zufällig konserviert.

Auch das Hotel gibt es in veränderter Form noch. Es heißt Hluboký Dvůr, hat sich auf allerlei Wellness- und Freizeitaktivitäten spezialisiert und vermietet auch Bungalows. Die meisten Gäste erreichen es vermutlich per Auto. Der Kapitalismus einer früheren Zeit hatte einen Jugendstilbahnhof als Aushängeschild eines Hotels an diesen unwahrscheinlichen Ort gesetzt. Es steht abzuwarten, ob der gegenwärtige Kapitalismus irgendwann in der Lage sein wird, dieses Aushängeschild wieder herzurichten, und falls ja, was dann von ihm übrig bleibt. Gegenwärtig jedenfalls herrscht im Bahnhof Hrubá Voda noch immer fast das Jahr 1908.

Papierflieger in Billund

In einem Bogen des Wegs vom Flughafen Billund in den dazugehörigen zentraldänischen Ort steht auf der leicht abfallenden Wiese am Waldrand ein kleines offenes Gebäude, ein Unterstand fast nur. Sein dünnes stählernes Dach ruht auf schmalen Stützen und zeigt mit der gefalteten Pfeilform eines Papierfliegers in Richtung Flughafengelände.

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Dorthin, zu Start- und Landebahn, öffnet sich auch der dreistufige amphitheaterartige Sitzbereich darunter. Die Wände hinter ihm bestehen aus Glas und braunem Stahl, vor dem zwei große vertikale Bildschirme stehen. Auf dem linken werden die Starts und auf dem rechten die Landungen angezeigt, immer mit detaillierten Informationen unter anderem über den Flugzeugtyp.

Das Gebäude bietet also die Möglichkeit, mit Blick auf den Flughafen zu verweilen, den startenden und landenden Flugzeugen zuzuschauen und sich über diese zu informieren. Das ist eine nette Idee in netter Umsetzung. Auf subtile Art wird die dänische Provinz mit der Welt verbunden. Ganz wie für ein Kind mit einem Papierflieger können hier Gedankenflüge beginnen.

Selbstverständlich gäbe es Apps, die dieselben Information und sicher noch viele weitere geben können; die Bildschirme sind ein Luxus. Und gerade darum geht es, genau so soll es sein. Selbstverständlich kann jeder, der das wirklich will, jede Information bekommen, aber entscheidend ist immer, sie allen möglichst einfach zugänglich zu machen. Nicht an Luftverkehrsbegeisterte, sondern an Menschen, die vielleicht nie viel darüber nachgedacht haben, richtet sich das Gebäude, deshalb sind die Bildschirme so wichtig.

Bei diesem dänischen Beispiel handelt es sich gewiß nur um eine Spielerei, um ein Gimmick in einem reichen Ort in einem reichen Land. Zudem ist es immer ein Risiko, die gerade modernste Technik in öffentliche Gebäude einzubauen, und es ist möglich, daß die Bildschirme bald so rührend veraltet wirken wie beispielsweise die Internettelefonzelle auf dem Marktplatz von Velké Meziříčí, die vor nicht langer Zeit Stolz der Stadt war. Aber das ist unvermeidlich und das hier aufgezeigte Prinzip bleibt dennoch auch bei wichtigeren Dingen dasselbe. Es ist etwa möglich, sich individuell per App über die Abfahrtszeiten von Zügen zu informieren, doch ein Luxus ist es, darüber kollektiv auf Anzeigetafeln und mit Durchsagen informiert zu werden. Luxus ist, etwas nicht selbst machen zu müssen, und dieser Luxus ist umso bedrohter je größer die Möglichkeiten, alles selbst zu machen, werden. Daran erinnert das kleine Gebäude am Billunder Flughafen.

Velké Meziříčí

Velké Meziříčí im Westen Mährens ist eine alte Stadt. Das trifft auf viele andere tschechische Städte ebenfalls zu, aber viele entstanden doch mehr oder weniger geplant oder veränderten im Laufe der Zeit ihren Charakter völlig. Velké Meziříčí kann man noch in jedem Detail ansehen, wie es organisch wuchs. Es ist eine Stadt ganz ohne Geheimnisse. Schon der Name verrät das wichtigste über die Stadtstruktur: meziříčí heißt in etwa „zwischen den Flüssen“. Zwischen zwei Flüssen und in deren Tal zwischen recht sanft ansteigenden Hügeln liegt das Stadtzentrum.

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Der Zusammenfluß der kleinen Balinka mit der etwa größeren Oslava, bei dem es beginnt, ist nicht weiter aufwendig gestaltet. In der Spitze bloß eine Grünanlage, seitlich links ein unscheinbarer Johannes von Nepomuk, zwei Brücken. Nach dem Tor, einem einfachen kleinen Renaissancebau mit halbrunden Zinnenelementen, beginnt eine gewundene Straße.

Ihren Anfang macht rechts eine gotische Kirche, doch sie schließt direkt an das nächste Gebäude an und ist auch nicht höher als die übrigen zweigeschossigen Gebäude der Straße. Ohne die Strebepfeiler und das barocke Türmchen würde man sie wohl gar nicht erkennen.

Die Kirche im Bild links

Die Straße mündet in einen schmalen, langen und ebenfalls nicht geraden Platz, der offenkundig als Verbreiterung der Straße, als Anger, entstanden war.

Rechts steht die Kirche, ein großer gotischer Bau mit zwei unterschiedlich langen Schiffen.

Ihr vorgesetzter quadratischer Turm hat einen von leichten Säulen getragenen Umgang aus der Renaissance und eine Haube aus dem Barock. Die gesamte Kirche, weiß verputzt, aber doch deutlich gotisch, ist wie so viele andere das Ergebnis unzähliger Umbauten, die den jeweiligen Moden folgten. So ist im oberen Teil des spitzbögigen Eingangs ein Relief, das in der Mitte ein Lamm mit Fahne und im Halbkreis über ihm und zu ihm gerichtet Engel, Löwe, Stier und Adler zeigt.

Diese Darstellung von Jesus und den Evangelisten durch ihre Symbolwesen stammt bizarrerweise erst aus dem Jahr 1954, als es für örtliche Bildhauer wie Jiří Marek wahrlich schon lohnendere Aufgaben gegeben hätte.

Ist die Kirche und insbesondere ihr Turm der Anfang des Platzes, so ist das Rathaus, ein großer und schlichter Renaissancebau mit wenig hohem, aber breitem Giebel zwischen einer links abzweigenden und einer weiterführenden Straße, sein Abschluß. Dazwischen, etwa in der Platzmitte, die ob der Form aber nicht wichtig ist, steht ein Johannes von Nepomuk auf einer hohen Säule, doch vor ihn wurden in einer antikatholischen Anwandlung der frühen Tschechoslowakei Linden gepflanzt, so daß er heute nur von hinten oder sehr schräg von unten zu sehen ist.

Die Gebäude um den Platz können ob der „Patina des Alters“ (Georg Piltz) leicht harmonisch zueinander passend oder einheitlich wirken, doch das stimmt selbstverständlich nicht. Noch hinter der Kirche steht ein typischer k.k. Schulklotz. Zu einigen schwarz-weißen Sgraffittofassaden der Renaissance kommen viele historistische, die teils Aufstockungen, teils Um- oder Neubauten geschuldet sind, und auch eine in Jugendstilformen mit markantem Löwen.

Weiter sind da die Gebäude aus der ersten Republik, die nicht einmal vortäuschten, etwas Altes zu sein, beide heute und vielleicht ursprünglich Banken. Die erste links mit stark verglastem Erdgeschoß in grauer Steinverkleidung und zwei Obergeschossen mit orangener Kachelverkleidung, aus denen rechts zwei kleine quadratische Balkone ragen.

Die zweite rechts mit drei schlichten horizontal gegliederten Geschossen über zwei älteren Geschossen, wo rechts auch der spitzbögige Durchgang einer kleinen Quergasse ist.

Nicht mehr auf dem Platz, aber aus der rechts am Rathaus vorbeiführenden Straße weither sichtbar, steht eines der wichtigsten Gebäude der Stadt: die Lékárna (Apotheke).

Es ist ein großer geschwungener Eckbau mit nur zwei sichtbaren Geschossen. Im Erdgeschoß große Fensterflächen, graue Kachelverkleidung und in der Mitte unter der blauen Leuchtschrift „Lékárna“ der Eingang. Das zweite Geschoß steht deutlich über und ist nicht mehr als ein durchgehendes Band blaugefaßter Fenster zwischen zwei weißen Putzbändern.

An beiden Seiten, wo das Gebäude an die ältere Blockrandbebauung anschließt, sind die auf quadratischem Grundriß aufsteigenden Treppenhäuser. Im zweiten Geschoß sind vor ihnen nach außen abgerundete Stahlgitterbalkone, die so an vorgesetzten Teil mit dem Fensterband abschließen, während im dritten Geschoß Glasflächen zur Straße und zu einer großen Dachterrasse sind.

Nur an den Seiten bemerkt man diese Terrasse, zu der sich auf der gesamten Gebäudelänge ein weit zurückgesetztes drittes Geschoß öffnet. Dieser Apotheken- und Wohnbau ist kompromißlos fortschrittlich, das völlig Neue in der alten Stadt, schmucklos und horizontal, klar und harmonisch. Größer könnte der Kontrast auch nicht sein, wenn 1934 ein Ufo abseits der Platzes gelandet wäre.

Er paßt dorthin dennoch so sehr oder so wenig wie alle andere Architektur, die das Zentrum von Velké Meziříčí über die Jahrhunderte geprägt hat. Daß ein solches Gebäude in der Provinz entstehen konnte, ist ein spezifisch tschechoslowakisches Phänomen und zeugt von der Stärke des aus dem nahen Brno hereinstrahlenden Konstruktivismus.

Die Straße verläuft nach dieser Ecke noch ein Stück weiter und das Ende der älteren Bebauung ist weit weniger klar oder zwangsläufig als es ihr Beginn gewesen. Bloß vage wird es markiert von einem Václav links und einem Johannes von Nepomuk rechts, die mit einer Maria an einem höheren Teil der rechten Straßenseite ein Dreieck bilden.

Ein erstaunliches Phänomen in Velké Meziříčí ist es, daß man den ganzen beschriebenen Weg gehen kann, ohne das Schloß und die hinter diesem über das Tal gespannte Autobahnbrücke, die beiden Höhendominanten der Stadt, auch nur zu bemerken.

Ganz anders ist das in der zweiten, rechts parallel zum Zentrum verlaufenden Straße. Sie führt auf das Schloß, das nicht besonders hoch am Hang zwischen den sich hier spaltenden Tälern liegt, gleichsam zu.

Diese Straße, an der Wohngebäude und zwei Synagogen sind, ist heute stark befahren und wohl etwas neueren Ursprungs.

Wiewohl Velké Meziříčí im Schutz der Burg, die dem Schloß voranging, entstand, ist es heute keine Stadt, die nur Anhängsel eines Herrensitzes ist, eher schon wirkt es andersherum. Es ist eine alte Stadt und eine, die sich lange kaum entwickelte. Auch als sie über die mittelalterlichen Grenzen hinauswuchs, genügte das Tal. Besonders an der auch oberhalb des vereinigten Flusses weiterlaufenden zweiten Straße erstreckt sich einige niedrigere Bebauung aus der österreichischen Zeit und der ersten Republik. Die Hänge hinaufzuwachsen begann Velké Meziříčí wirklich erst mit dem Sozialismus, der es 1953 auch besser an die Eisenbahn anschloß.

Diese lange Stagnation und ihre Beendigung durch den Sozialismus bedeuteten ein städtebauliches Glück für Velké Meziříčí. Vom alten Platz bis in das größte der neuen Wohngebiete sind es keine zehn Minuten Fußwegs und er verläuft noch dazu zwischen ausgewogener neuer und alter Bebauung. Am Anfang steht neben der Kirche ein Komplex aus niedrigen Ladenbauten mit verschachtelten Dachschrägen, der in einen viergeschossigen Wohnbau mit Walmdach an der abzweigenden Straße übergeht.

Wie hier historisierende Elemente mit Balkonseiten aus rohem Beton verbunden sind, deutet darauf hin, daß es sich um einen Gebäudekomplex aus den späten Achtzigern handelt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die über einem Erdgeschoß mit roter Kachelverkleidung ganz in Beton und milchigem Glas gehaltene Sporthalle, die an die k.k. Schule anschließt. Vor ihr repräsentiert eine schneckenartige Skulptur die abstrakte Kunst der Tschechoslowakei.

An der Ecke mit der parallel zum Zentrum verlaufenden Straße steht das Kaufhaus Kotva.

Es ist ein großer zweigeschossiger Bau, dessen Eingang durch eine ausgeparte Ecke markiert ist. Hier und an der linken Seite sind im Erdgeschoß rahmenartig vorgesetzte Schaufenster, während das Obergeschoß von einem vorstehenden Teil mit vertikaler brauner Metallverkleidung, Fensterband und schrägem Dach umlaufen wird. Wiewohl dieser an mittelalterliche Wehrgänge oder die Laubengänge in den Höfen alter Wohngebäude erinnert, ist das Gebäude ganz wie der zuvor genannte Komplex nicht eindeutig historistisch. Laut dem Kunstwerk im holzverkleideten Treppenhaus, in dessen weißen Keramikplatten Linien eine stilisierte Fassade mit Portal bilden und in goldenen Schnörkeln das Stadtwappen dargestellt ist, wurde es 1989 vollendet.

Weiter geht es über die Straße, wo die neuere der Synagogen steht, und an dieser vorbei auf einer Fußgängerbrücke über die Oslava.

Direkt oberhalb des am Hang gelegenen katholischen Friedhofs, zu dem eine gotische Kapelle mit barocker Haube gehört, beginnt das Wohngebiet. Um es zu erreichen, geht man die Friedhofsmauer entlang oder auch ein Stück direkt über den Friedhof, der so zum öffentlichen Ort wird.

Mit langen fünfgeschossigen Gebäuden und neungeschossigen Punkthäusern ist es bloß tschechoslowakischer Durchschnitt, doch von vielen der Wohnungen blickt man auf das idyllische Panorama der zwischen den Flüssen ins Tal gebetteten Altstadt hinab.

Ein weiteres Wohngebiet liegt weit oben auf dem Hügel links der Altstadt.

Der Weg dahin ist länger und weniger harmonisch. Man passiert den kleinen Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), der der wichtigste der Stadt ist, und geht durch weite Einfamilienhausgegenden am Hang. Für die größere Mühe werden die Bewohner der Punkthäuser dafür mit einem Postkartenblick über Stadt und Umgebung belohnt.

Das ist, in groben Zügen, Velké Meziříčí. Eine alte Stadt, die auch im Zentrum nicht nur Altes hat, und aufgehoben ist im umliegenden Neuen. Es ist die perfekte tschechoslowakische Kleinstadt, eine von vielen.

Nachruf auf eine Straße

Es war erstaunlich, daß es diese Straße in Gdańsk überhaupt noch gab: Dąbrowszczaków. Das heißt: die Straße der Dąbrowszczacy. Und das heißt: der Kämpfer der polnischen Dąbrowski-Brigade im spanischen Bürgerkrieg. Diese Brigade hieß nicht nach dem, gewiß rühmenswerten, napoleonischen General Jan Henryk Dąbrowski (auch Dombrowsky), von dem die polnische Nationalhymne erzählt, sondern nach dem linken Exilpolitiker und militärischen Führer der Pariser Kommune Jarosław Dąbrowski. Die Dąbrowszczaków lag angemessenerweise in Przymorze, wo sie den Abschluß der fortschrittlichen Bebauung zum Küstenstreifen hin bildete.

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Vielleicht hatte der Straße eine gewisse Obskurität geholfen, da nicht alle wußten oder sich interessierten, wer eigentlich diese Dąbrowszczacy waren, bei denen sie wohnten. Aber anders als bei Jana Husa (Jan-Hus-Straße) und Husytów (Hussitenstraße), die bloß nach tschechischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert benannt waren, ging es hier um die Gruppe, die der herrschenden nationalistischen Ideologie, gleich ob in ihrer polnisch-katholischen oder europäisch-liberalen Variante, am stärksten verhaßt ist: polnische Kommunisten. Jede Erinnerung daran, daß es einmal Menschen gab, die Polen und Kommunisten waren, und sogar in einem anderen Land für die Sache des Kommunismus kämpften, muß ausgelöscht werden und es erstaunt tatsächlich, daß es erst so spät geschieht. Das Sanacja-Regime der Dreißiger hatte den polnischen Spanienkämpfern die Staatsangehörigkeit aberkannt, die heute Herrschenden zerstören auch das Wenige, was noch an sie erinnerte. Stattdessen wird die Straße nun nach Lech Kaczyński heißen, einem ehemaligen polnischen Präsidenten, der durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz im Jahre 2010 zum Märtyrer der polnischen Rechten wurde. Auch hier erstaunt es eher, daß er keine wichtigere Straße bekam.

Ein Jahr lang konnte man noch dem Überlebenskampf der Straße zusehen. Es war ein schwächlicher, jämmerlicher Kampf, da es nie um das Entscheidende, das Andenken der polnischen Spanienkämpfer, ging. Die Anwohner wollten einfach den vertrauten Namen, dessen Bedeutung ihnen egal war, behalten. Dem liberalen Bürgermeister von Gdańsk, der sich auf ihre Seite stellte, ging es hingegen einzig darum, der noch rechteren Zentralregierung eins auszuwischen. Es war wohlgemerkt derselbe Bürgermeister, der eine große Straße nur zu gerne nach antisemitischen Mörderbanden benannt hatte.

Schon Ende 2017 hatte es ausgesehen, als ob der Kampf entschieden war. Unter den nur drei Straßenschilder der ul. Dąbrowszczaków hingen bereits neue Schilder mit dem Namen ul. Prezydenta Lecha Kaczyńskiego (Präsident-Lech-Kaczyński-Straße) und dazu ein kleineres, auf dem die Stadtverwaltung erklärte, daß sie keine andere Wahl hatte.

Nach einer aufschiebenden Gerichtsentscheidung Anfang 2018 waren die Schilder dann sofort wieder verschwunden. Die Dąbrowszczaków hatte noch einen weiteren Sommer. Ende 2018 schließlich gab es eine letztinstanzliche Entscheidung und die Kaczyński-Straßenschilder sind wieder da, nun auch ohne die distanzierende Ergänzung.

Der Kampf ist vorbei. Die Linke war an ihm im übrigen nie beteiligt. Sie hat in Polen schon lange alle Kämpfe verloren und existiert heute praktisch nicht mehr. Daß man bei einer Hipsterkneipe mit deutschem Namen in Wrzeszcz vielleicht einen sympathischen Aufkleber sehen konnte, aber in Przymorze nie, bestätigt das nur.

„Pfoten weg von den Helden des Kampfs gegen den Faschismus!“

Auch waren alle klarer kommunistischen Straßennamen schon lange verändert, sogar die bloß antikoloniale Lumumby (Lumumba-Straße), eine wichtige Falowiec-Straße zwischen Dąbrowszczaków und Chłopska in Przymorze, wurde umbenannt.

Daß der Name Dąbrowszczaków noch eine Weile im Stadtbild fortleben wird, liegt einzig daran, daß er weit öfter als auf Straßenschildern auf den Schmalseiten der fünfgeschossigen Wohngebäude neben der Straße steht.

Bleibt abzuwarten, wie lange es dauern wird, bis die Verantwortlichen Geld aufbringen, das zu überstreichen. Im Moment jedenfalls kann man noch etwas letztes Spanien an der winterlichen Ostsee erleben.