Archiv für den Monat Juli 2016

Heimat

Heimatliche Gefühle verspüre ich nur dann, wenn ich irgendwo in Osteuropa Kanaldeckel mit den Worten „Made in GDR“ sehe.

KanaldeckelMadInGDRBratislava

Bratislava oder irgendwo

Es geht dabei wohlgemerkt um eine geistige Heimat; die DDR habe ich in den wenigen Jahren unserer Koexistenz nie betreten. Angesichts dieser Kanaldeckel fühle ich mich wie ein Exilant, dessen Land nicht mehr existiert, ein Tschechoslowake im Jahre 1940 vielleicht, oder ein Prätendent um die Krone eines untergegangenen Königreichs. Aber natürlich habe ich weder mit Edvard Beneš oder Klement Gottwald noch mit Bonnie Prince Charlie etwas gemein – die hatten vordringlichere Sorgen als Kanaldeckel. Und zu viel Heimat tut auch nicht allen gut.

(Näheres zu den Kanaldeckeln hier)

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Perchtoldsdorf in der Zukunft

Perchtoldsdorf ist Mittelalter und Autos. Der Barock blieb weitgehend Absichtserklärung in Form einer großartigen Pestsäule auf dem Marktplatz. Erst in den siebziger Jahren schenkte der sozialdemokratisch gezähmte Kapitalismus Perchtoldsdorf einen kleinen Ansatz fortschrittlicher Stadtplanung. Es tat einen Schritt in die Zukunft.

Der Wehrturm ist auch insofern der Mittelpunkt des alten Perchtoldsdorf, als unweit von ihm die vom Tal hinaufführende Wiener Gasse auf die durch den Marktplatz führende Hochstraße trifft.

PerchtoldsdorfKnappenhofWehrturm

Beide dieser Hauptstraßen sind eng und voller Verkehr. Aber nur ein Stück hinter ihrem Aufeinandertreffen beginnt der Zellpark, der parallel zur Wiener Gasse hinabführt.

ZellparkPerchtoldsdorfEingang

Zwischen einem neuen Kindergarten und den Rückseiten alter Häuser öffnet er sich.

ZellparkPerchtoldsdorfBecken

Es geht eine Treppe hinab, an einem rechteckigen Teich mit abgerundeten Ecken vorbei und plötzlich in einen barocken Garten.

ZellparkPerchtoldsdorfGartenKulturzentrum

Er gehört zum Knappenhof, einem auch zur Wiener Gasse stattlichen Barockbau, der aber doch erst von hinten wirklich zu sehen ist und zum kleinen Schloß wird.

ZellparkKnappenhofGartenPerchtoldsberg

Drei Geschosse unter einem Walmdach, das Erdgeschoß durch horizontale weiße Streifen im gelben Putz, die oberen Geschosse durch vertikale Streifen zwischen den Fenstern gegliedert.

ZellparkPerchtoldsdorfKnappenhofHof

Ein öffentlicher Durchgang führt von der Wiener Gasse in den Hof, der nur für Perchtoldsdorfer Verhältnisse groß ist, und durch ein weiteres Tor, um das eine von eher bedrohlichen Atlanten getragene Treppe ist, in den Garten.

Dieser verläuft quer zum übrigen Park, doch nichts trennt ihn von ihm. Seine halbrund endende Fläche ist bloß von niedrigen Pflasterstufen, Bäumen und Skulpturen markiert. Diese acht symbolischen oder mythischen Gestalten sind von Religion befreiter Barock. Was auf dem Marktplatz noch ernst und christlich sein mußte, ist hier reine Lebensfreude. Hier ist die hinter der Pestsäule liegende Rosalia aufgestanden, hat die Augen geöffnet, den Rosenkranz vom Kopf genommen und scheint Tanzen zu wollen.

ZellparkPerchtoldsdorfSkulpturRosen

Hier ist im Kleinen der Traum des Barock, alles Ordnung und Schönheit sein zu lassen, realisiert. Hier ist Perchtoldsdorfs Belevedere. Das Mittelalter ist hier zwar noch immer nah, drohend ragen Wehrturm und Kirche im Hintergrund auf, aber seinem Grau sind Weiß und Grün, seiner Enge ist Offenheit gegenübergestellt.

ZellparkPerchtoldsdorfSkulpturenMittelalter

Vor allem jedoch sind die streng geometrischen Beete, die Skulpturen und die Bäume, die einst exklusiv, von Mauern umschlossen waren, von der fortschrittlichen Stadtplanung aufgehoben. Sie sind nurmehr ein Teil eines größeren Parks. Zu den barocken Skulpturen kamen die überall an den Wegen verteilten Skulpturen eines Bildhauersymposiums von 1976, die ihre abstrakte Banalität immerhin oft nicht mit hochtrabenden Namen kaschieren.

ZellparkPerchtoldsdorfBildhauersymposium

Den Abschluß des Zellparks bildet das ebenfalls 1976 errichtete Perchtoldsdorfer Kulturzentrum.

ZellparkPerchtoldsdorfKulturzentrumKnappenhof

Es steht dort, wo der Park nach dem barocken Garten nach links abzweigt, etwas tiefer, schon auf der Höhe der nächsten Straße.

ZellparkPerchtoldsdorfKulturzentrum

Ein quadratischer Stahlbau, viergeschossig, weißer Putz und Fensterbänder, markante Lüftungsrohre, die unteren drei Geschosse jeweils durch ein schräges Glasdach modulartig voneinander abgesetzt, das vierte Geschoß leicht zurückgesetzt mit schrägem Glasdach, das nun einen umlaufenden Balkon überspannt. Zwei Brücken verbinden das zweite Geschoß mit dem Park. Am Kulturzentrum vorbei gelangt man auf die Beatrixgasse und ist wieder im typischen Perchtoldsdorf.

Das Kulturzentrum ist für sich genommen ein gelungener, aber nicht weiter herausragender Bau seiner Zeit, ganz wie der Knappenhof für sich genommen ein gelungener, aber nicht weiter herausragender Bau der seinigen war. Aber das ist nicht entscheidend, da beide durch den neuen Raum, den Zellpark, zu etwas zusammengefügt sind, das größer ist als sie selbst.

Nicht einmal dieser Park wäre für sich genommen herausragend, wenn er nicht in Perchtoldsdorf läge. Was im Barock ein Traum oder unzugängliche Exklusivität war, wird hier als wirkliche Möglichkeit erkennbar. Es geht um nicht weniger, als um eine Neuschöpfung der Stadt, in der alles zu harmonischer Ordnung und Schönheit verbunden ist. Abwechslungsreicher öffentlicher Raum mit guten Verbindungen in die umliegende Stadt und das ganz ohne Autos – für Perchtoldsdorf ist das die Zukunft, was auch zeigt, wie fern es noch von der Zukunft ist. Der Park konnte nur entstehen, weil die Gemeinde im Jahre 1971 den Knappenhof samt einem alten Freibad, dem Zellbad, ankaufen konnte. Direkt daneben aber ist ein fast ebensogroßes Areal noch immer in Privatbesitz. Es ist klar, daß der Zellpark der Kern, die Keimzelle eines neuen Perchtoldsdorf sein könnte und in den Hoffnungen seiner Planer auch hätte sein sollen. Aber die Verbindung über die Beatrixgasse und die große Donauwörther Straße hinweg zum Freizeitzentrum, wo unter anderem ein neues Schwimmbad ist, und zu dem Weg, der über die Weinberge nach Wien hinein führt, ist kaum vorhanden. Das Problem war, wie immer, der Privatbesitz an Grund und Boden.

Daß das heutige Perchtoldsdorf von der Zukunft auch nichts wissen will, sondern mit Mittelalter und Autos ganz zufrieden ist, sieht man, wenn man die Hochstraße etwas weiter geht: dort wird ein neuer Parkplatz gebaut.

PerchtoldsdorfNeuerParkplatz

Perchtoldsdorf im Barock

Perchtoldsdorf ist Mittelalter und Autos, aber etwas brachte auch ihm der Barock. Einige Verängerungen, wie die kleinen grünen Kupferhauben auf den vier Ecktürmen des Wehrturms und einem Treppenhaus der Kirche, waren bloße Kosmetik. Doch wie eine Absichtserklärung ist die hohe Pestsäule, die weiß und hell vor dem mittelalterlichen Grau der Kirchen und des Turms steht.

PestsäulePerchtoldsdorfGesamt

Nichts unterscheidet diese Säule grundsätzlich von ungezählten anderen aus demselben Zeitraum, aber zugleich gehört sie ganz nach Perchtoldsdorf. Um die Rettung des Orts vor der Pest zu feiern, wurde sie ab 1713 errichtet. Wie üblich bei solchen Bauten, kann man das, was oben, auf der eigentlichen, hier korinthischen Säule ist, einfach ignorieren. Jesus mit Kreuz und Gott mit einem Zepter in den Wolken sitzend, dazwischen in goldenen Strahlen die Taube, nichts davon kann oder soll dem Menschen irgendetwas sagen. Auch die ekstatisch verrenkte Maria vorne auf dem hohen Sockel ist fern und uninteressant. Die mit ihr und vielen kleinen Putten dort stehenden schildtragenden Engel hingegen faszinieren mit hübschen geschlechtslosen Gesichtern.

PestsäulePerchtoldsdorfMariaEngel

Nah, wenn auch noch immer erhöht, sind die acht Heiligen auf dem runden Geländer vor dem Sockel. Es ist eine breitgefächerte Auswahl aus dem bunten Angebot der christlichen Mythologie, in der dezent die Beschützer vor der Pest und anderen Krankheiten betont sind. Vom unglücklich pfeildurchbohrten Sebastian bis zu einem je nach Perspektive reichlich dümmlich dreinschauenden Johannes von Nepomuk ist vieles vertreten.

PestsäulePerchtoldsdorfJohannesVonNepomuk

Auf der Vorderseite des Sockels, endlich auf Augenhöhe, ist ein Relief.

PestsäulePerchtoldsdorfRelief

Man sieht im Vordergrund einen hinsinkenden Alten, der die Hand flehend zum Himmel hebt, eine schon tot daliegende halbnackte Frau und einen Mann, der den Kopf eines Kleinkinds hebt und erschreckt die Hand vor den Mund hält – man sieht die Pest. In der mittleren Ebene sieht man eine Landschaft mit hölzerner Brücke und einen zwiebeltürmigen Gebäudekomplex, ein Krankenhaus im damals vor Wien liegenden Alsergrund, und auch hier ist die Pest in vielen Details allgegenwärtig: Sterbende, in den Straßengraben gefallene Leichen, ein Totegngräber, ein Ochsenkarren voller Leichen.

PestsäulePerchtoldsdorfReliefToteWagen

Im Hintergrund, in der Ferne liegt Wien mit Stadtmauern und Stephansdom.

PestsäulePerchtoldsdorfReliefWien

Ganz wie bei der Säule kann man auch in diesem Relief den oberen Teil ignorieren. Da sind bloß Wolken und ein Engel, der dem links in typischer Gleichgültigkeit dasitzenden Gott ein Schwert bringt.

Mitten zwischen dem fernen Gott und den fremden Heiligen, um die es vorgeblich ging, zeigt die Pestsäule die Wirklichkeit, die jeder, die sie damals betrachtete, kannte. Perchtoldsdorf war von den Schrecken verschont geblieben, viele wohlhabende Wiener hatten sich hierher geflüchtet und die Säule war ein Ausdruck des Dankes. Die reichen Gönner bauten Perchtoldsdorf selbst ein Denkmal und ihr Mittel dazu war der Barock. Das war das Mindeste, was der Barock tun konnte, wenn er schon kein neues Perchtoldsdorf bauen konnte.

Als Kehrseite des abgewendeten Schreckens zeigt die Säule die Schönheit des Lebens. Denn außer den acht stehenden männlichen Heiligen ist da noch eine weibliche Heilige: Rosalia.

PestsäulePerchtoldsdorfRosalia

Auf der Rückseite liegt sie zwischen den Füßen zweier der Männer auf dem Geländer. Sie liegt auf der Seite, den lockigen Kopf mit Rosen in die linke Hand gestützt, die Augen in ihrem schönen Gesicht geschlossen, in der rechten Hand, die auf ihrer Hüfte ruht, einen Strauß Rosen und den schlanken Körper im dünnen Gewand fast an den vor ihr liegenden Totenkopf gekuschelt. Sie ist der Sieg des Lebens über den Tod und etwas Religiöses hat sie so wenig an sich wie das Relief vorne. Sie scheint dort nur zufällig zu liegen und man versteht, daß sie vor dem grauen Wehrturm die Augen verschließt und sich ganz woandershin träumt, weit weg vom Mittelalter und von Perchtoldsdorf.

Das Ensemble der Pestsäule ist in seiner heutigen Form nicht etwa reiner Barock von 1713, sondern Ergebnis der Renovierungsarbeiten dreier Jahrhunderte (ein guter Überblick hier ab Seite 4). Die größte Veränderungen stammen von 1888, als es seine heutige Form bekam. Die beiden vorderen Statuen, links Augustinus, rechts Antonius, sind ein Werk des neobarock arbeitenden Wiener Bildhauers Viktor Tilgner. Er hatte die hübsche, aber recht unbarocke Idee, den Heiligen nicht abstrakte Attribute, sondern konkrete Perchtoldsdorfer Gebäude zur Seite zu stellen: Rechts bei Antonius der nahe Wehrturm.

PestsäulePerchtoldsdorfAntoniusTurm

Links bei Augustinus die etwas fernere ebenfalls gotische Spitalskirche. Sie repräsentieren Perchtoldsdorf und sind schon beinahe Teil des Reliefs, das sie rahmen.

Auch der Kapitalismus des 19. Jahrhundert kam also nicht über den ästhetischen Widerstand der Pestsäule hinaus, ja, er milderte ihr Widerständiges durch die Einfügung der mittelalterlichen Gebäude. Während der Barock die neue Welt, die er wollte, das Baudelaire’sche „Là, tout n’est qu’ordre et beauté, / luxe, calme et volupté“ (Dort ist alles nur Ruhe und Schönheit, Pracht, Ruhe und Wollust“, aufgrund der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundlagen nie hätte bringen können, hatte der Kapitalismus keine solche Entschuldigung. Es sollte noch fast hundert Jahre dauern, bevor Perchtoldsdorf einen kleinen Ansatz fortschrittlicher Stadtplanung bekam.

Perchtoldsdorf im Mittelalter

Perchtoldsdorf, das ist Suburbia. Kaum bräuchte man es speziell zu nennen, ist es doch bloß Teil der schier unendlichen vorstädtischen Landschaft in der flachen Ebene südlich von Wien. So wie Wien nahtlos in Perchtoldsdorf übergeht, geht Perchtoldsdorf nahtlos in Brunn am Gebirge über. Und so geht es weiter, Ort an Ort bis nach Wiener Neustadt, obwohl die administrativen Gliederungen jeden Sinn verloren haben, gar kontraproduktiv sind. Immer Einfamilienhäuser, immer Gewerbegebiete und immer Straßen, die alles verbinden, aber nichts ordnen.

Perchtoldsdorf ist aber auch ein altes Dorf am Fuße des Wienerwalds. Höher gelegen als die neueren, weit größeren Teile, dient es ihnen, ein wenig, als Zentrum. Hier ist Perchtoldsdorf unzählige Male verändertes Mittelalter voller Autos. Ein typischer Perchtoldsdorfer Bau hat restaurierte Renaissancemuster neben einem Garagentor.

TypischesGebäudePerchtoldsdorf

Wie hübsch dieses mittelalterliche und automobile Perchtoldsdorf sein kann, zeigt ausgerechnet das Gebäude der Polizei, was auch daran liegt, daß es nicht speziell für diese errichtet wurde.

PolizeiPerchtoldsdorf

Es hat rechts ein spitzbögiges Tor als Einfahrt, während links ein leicht herausragender Balken von einem ganz kleinen Atlanten getragen wird.

AtlantPolizeiPerchtoldsdorf

Dessen simple, fast rohe Formen entsprechen der simplen Realitätsnähe der Figur, die mit neben den Kopf erhobenen Armen tatsächlich nicht mehr oder weniger tut, als eine Last zu tragen oder hinter sich herzuziehen. Ein kleiner Dorfsteinmetz – oder gar der dilettierende Erbauer des Hauses? – reduzierte den Atlanten hier noch einmal auf konkretestes Tragen und gab ihm beinahe einen mehr als schmückenden Sinn.

Ob man die Spuren des Mittelalters aber hübsch findet oder nicht, immer sieht man sie gepaart mit Autos. Auf allen Straßen ständiger Verkehr, jeder Platz ein Parkplatz. Nicht einmal der Marktplatz hat seinen Namen verdient, denn auch hier drängen sich die Fußgänger auf Gehsteigen und um einen Brunnen, während der größte Teil von der Straße und Parkplätzen eingenommen wird.

Auch die markanten Gebäude von Perchtoldsdorf sind aus dem Mittelalter. Höher noch als das Dorf und sein Platz liegt die Ruine einer Burg, deren ältesten Teile romanisch sind.

BurgPerchtoldsdorf

Heute versteckt sich hinter ihren Mauern ein Veranstaltungszentrum, von dem man vor allem einen großen Parkplatz sieht.

BurgParkplatzPerchtoldsdorf

Weit davor, den Marktplatz, halb Perchtoldsdorf und Teile seiner Umgebung dominierend, steht ein großer gotischer Wehrturm.

WehrturmPerchtoldsdorf

Quadratischer Grundriß, lange nur kleine, schießschartenartige Fenster in der Mitte der Seiten, dann ein Umgang und noch einmal hohe spitzbögige Fenster, ganz oben vier Ecktürmchen und ein hohes sich stark verjüngendes Walmdach. Das ist einmal Gotik, die ganz dem entspricht, was sich die meiste Neogotik darunter vorstellte: machtvoll, schroff, abweisend. Genau so wurden im späten 19. Jahrhundert in Preußen Rathäuser gebaut. Doch während diese preußische Architektur nur die Untertanen einschüchtern sollte, hatte die in Perchtoldsdorf eine Funktion: Turm wie Burg waren Teil eines Festungsgürtels vorm Wienerwald. Das zeigt eindrücklich, wie sich die Neostile, besonders in ihrer Spätzeit, immer die Aspekte ihrer Vorbilder auswählten, die ihnen nützlich waren und das waren selten die guten.

Zwischen Burg und Turm stehen gotische zwei Sakralbauten.

GrauPerchtoldsdarf

Die Martinikapelle links ist, obwohl sie aus Befestigungsanlagen erwuchs, beinahe zierlich mit ihrem abschließenden Chor und dem hohen Satteldach.

MartinikapellePerchtoldsdorf

Die Pfarrkirche hingegen ist so groß und hoch, daß sie den Turm beinahe zwingt, ihr Kirchturm zu sein.

Blickt man den langgestreckten Marktplatz entlang, ragen diese vier Bauten als einzige grausteinerne Masse auf, fast mehr wie ein Fels als wie Werke der Architektur.

MarktplatzPerchtoldsdorf

Für den Barock muß der Anblick dieses Mittelalter so grauenvoll gewesen sein, wie heute das Erlebnis der Autofixiertheit grauenvoll für den fortschrittlichen Städtebau ist. Machtlos war jener und ist dieser, aber etwas, wenig, taten sie beide. Sie setzten dem Perchtoldsdorf des Mittelalters ein Perchtoldsdorf des Barock und ein Perchtoldsdorf der Zukunft entgegen. Man würde es nicht ahnen, wenn man vom Park oberhalb der Stadt in die Ferne blickt. Dort denkt man bloß: „suburbia’s sprawling everywhere“.

SuburbiaPerchtoldsdorf

Malmöer Wohngebiete: Nydala

Nydala ist eines der vielen schematischen Wohngebiete von Malmö. Quer zum Eriksfältsvägen (Eriksfältweg) achtgeschossige Gebäude, parallel zu ihm immerhin viergeschossige. Wie es diese Schematik doch etwas aufbricht, merkt man erst am Nydalatorget (Nydalaplatz), der sein Zentrum, Herz und Angelpunkt ist.

NydalaUnterführungZentrum

Quer zur Straße links ein zwölfgeschossiges Gebäude, das dann leicht versetzt ist und mit dem gezackten Vordach der Läden im Erdgeschoß in den Platz hineinführt. Rechts erst ein Flachbau, dann ein achtgeschossiger Bau mit Läden und geraden Vordächern. Nach einem Durchgang auch links ein Achtgeschosser mit Läden und anschließend als rückwärtiger Abschluß des Platzes ein Flachbau mit Supermarkt. Auf dem Platz steht ein Brunnen in Stufenpyramidenform und die Skulptur eines sitzenden Mädchens.

NydalatorgetCoopMalmö

Von hier aus nun erschließt sich Nydala neu und anders. Der eigentliche Eingang zum Platz ist gar nicht von der Straße her, sondern durch eine Unterführung, zu der es mitten zwischen den Läden sanft hinabgeht. Auf ihrer anderen Seite gelant man links zu Einfamilienhäusern, während sich rechts bald eine halbovale Grünfläche öffnet. Die üblichen Achtgeschosser rahmen sie, aber durch ihre versetzte Anordnung wirken sie plötzlich geradezu bewegt. Am Ystadvägen (Ystadweg) endet das Wohngebiet mit einem weiteren kleinen Platz mit Läden und der Skulptur eines stürzenden Reiters.

In die andere Richtung geht es an der Seite des Supermarkts, wo ein Metallrelief Picasso spielt, in den Nydalaparken (Nydalapark).

NydalatorgetPicassoMalmö

Als breiter Streifen erstreckt er sich parallel zur Straße, aufgereihte Achtgeschosser auf beiden Seiten, das Repetitive gemildert vom dazwischenliegenden Raum offenen Raum. Der Park ist, passend zum Namen des Wohngebiets, wirklich eine Art neues Tal.

NydalaParkZentrumMalmö

Nicht mehr weit von hier ins Wohngebiet Gullviksborg, das ganz ähnlich aufgebaut ist, aber weder ein gutes Zentrum, noch einen guten Park hat. In Malmö wie überall liegen die entscheidenden Unterschiede in den Details.

Klosterkyrkan Lund

Die Reformation ließ im südschwedischen Universitätsstädtchen Lund von zwanzig mittelalterlichen Kirchen genau zwei übrig: die romanische Domkyrkan (Domkirche) und die gotische Klosterkyrkan (Klosterkirche). Beiden könnten schwerlich unterschiedlicher sein. Die Domkyrkan ist ein prächtiger und großer Bau, der mitten im Zentrum das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt ist, während die Klosterkyrkan ein beinahe schlichter und eher kleiner Bau ist, der zwar nicht am Stadtrand, aber jenseits der Gleise liegt und so leicht übersehen werden kann.

KlosterkyrkanLundGleise

Die Domkyrkan ist mit ihrem roten Backstein jedoch weit typischer für die Region als die Domkyrkan mit ihrem grauen Sandstein.

KlosterkyrkanLundVorderseite

Die den Gleisen abgewandte Vorderseite hat drei spitzbögige Fenster und einen einfachen Treppengiebel vorm Satteldach, in dem Spitzbögen und Kreisformen als Ornamente dienen. Links steht der niedrige Turm, der schmale offene Spitzbögen hat und von einem Satteldach zwischen kleinen quergesetzten Treppengiebeln abgeschlossen wird. Ansonsten ist die Kirche regelmäßig von vorgesetzten Pfeilern und spitzbögigen Fenstern gegliedert. An der linken Seite zeigen schlichtere Vorbauten, daß hier einmal das namensgebende Kloster anschloß.

KlosterkyrkanLundLinkeSeite

Rechts der Vorderseite ist ein kleiner Eingang mit einem weiteren Treppengiebel.

KlosterkyrkanLundEingang

Die zu den Gleisen zeigende Seite endet mit dem trapezförmigen Chor. Vor dem Dach ist, schon wieder, ein Treppengiebel, doch außer der Spitzbogen- und Kreisornamentik hat er wenig mit den anderen gemein.

KlosterkyrkanLundGleisseite

Aufgrund des Trapezgrundrisses steigt er zuerst über den schrägen Wänden und dann über der abschließenden Wand auf, wodurch die konventionelle Treppenform etwas unerwartet Dynamisches und Bewegtes bekommt. Statt nur anzusteigen, scheint er sich aufzuschwingen. Indem der typische Giebel den baulichen Gegebenheiten angepaßt wird, verwandelt er sich, wird etwas Neues. Beinahe erinnert dieser Giebel an den Bug eines Schiffs.

KlosterkyrkanLundSchiff

Wie ein gestrandetes Schiff steht die Klosterkyrkan inmitten eines hübschen kleinen Friedhofs, ein katholisches Schiff, das erst vom Protestantismus, der das Kloster zerstörte und die Benediktinerinnen vertrieb, dann vom Kapitalismus, der direkt daneben die Gleise baute, in der Fahrt aufgehalten wurde. So, als Denkmal zwischen Weiden und Magnolien, fast ortlos, fast nicht mehr zu Lund gehörig, ist die Klosterkyrkan vielleicht wertvoller als die mitten in der Stadt, aber an eine eigentümlich unstrukturierten Platzraum stehende Domkyrkan.

Romantik des Gewerbegebiets

Am nördlichen Rand von Bad Vilbel liegt ein Gewerbegebiet, fast versteckt zwischen dem Fluß Nidda, einer abzweigenden Bahnstrecke und der aus der Stadt hinausführenden Friedberger Straße. Die Straße überquert die Bahnstrecke auf einer Brücke, was im Jahre 1962, als sie gebaut wurde, der ganze Stolz der Stadt war. Diese Brücke, die nur an einer Stelle auf zwei schlanken V-Stützen ruht, war Fortschritt und Motorisierung. Sie wurde, vielleicht, auf Ansichtskarten abgebildet.

FriedbergerStraßeBadVilbelBrücke

Ebenso neu und ebenso Grund für Stolz war das Gewerbegebiet selbst. Es schuf „die Möglichkeit, daß einige Mineralwasserbetriebe ihre Produktions- oder Lagerstätten aus dem beengten Stadtkern abziehen und modernisieren können“ (aus der Begründung des Bebauungsplans von 1970). Noch heute ist es von der für Bad Vilbel charakteristischen Mineralwasserindustrie geprägt. Der Weg hinein führt unter einer gläsernen Brücke hindurch, in der Maschinen Wasserkästen von einer Halle in die andere transportieren.

Doch bald dahinter beginnt die Welt von brother. Man kann sich denken, wie stolz das kleine Bad Vilbel im Jahre 1974 erst darauf war, den Deutschlandsitz eines japanischen Schreib- und Nähmaschinenherstellers zu sich geholt zu haben und das auch noch aus dem nahen Frankfurt. Der Sitz von brother ist denn auch die strahlende Blume des Gewerbegebiets.

brotherBadVilbelGesamt

Im leichten Bogen der Straße sieht man eine große wellblechverkleidete Halle mit dem blauen brother-Schriftzug und ein dreigeschossiges Bürogebäude aus dunkelgrauem Waschbeton. Ein Anlieferungsbereich liegt etwas tiefer und ist von der Straße durch Baum- und Buschbepflanzung abgegrenzt. Aus der hohen Halle und einer niedrigeren verbindenden Halle öffnen sich zu ihm schräg vorgesetzte Ladedocks.

brotherBadVilbelAnlieferung

Der Bürobau, sieht man nun, ist eigentlich noch ein Geschoß höher, ruht aber auf Stützen. Parallel zur Straße, aufgestützt über dem tieferliegenden Anlieferungsbereich, erstrecken sich die drei Geschosse. Am anderen Ende schließt quer nach hinten ein weiterer zweigeschossiger Bürotrakt an.

brotherBadVilbelWiese

Beide bestehen aus vorgefertigten grauen Betonplatten mit regelmäßigen Fenstern. Tausendmal gesehen also, wie überall, aber nicht völlig, da sowohl die Ecken der Gebäude, als auch die der Fenster leicht abgerundet sind.

Der Eingang ist gleichsam versteckt zwischen der niedrigeren Halle und dem zweigeschossigen Trakt. Um dorthin zu gelangen, geht man zwischen üppigen Pflanzen eine Treppe mit Betongeländern hinab und unter dem aufgestützten Trakt hindurch.

brotherBadVilbelTreppe

Rechts sieht man die Ladedocks, die Produktionsanlagen. Links sieht man, wie der tieferliegende Bereich wieder zur Straße hinaufführt, aber mit einem von Grün gerahmten Schwung, der schon nichts mehr von der Anlieferung zu einem Industriebetrieb hat, sondern an die Zufahrt zu einem Luxushotel oder einem Anwesen erinnert.

brotherBadVilbelAuffahrt

Und vor sich sieht man hinter Beeten mit wohlgewählten Pflanzen und Steinen das verglaste und holzvertäfelte Eingangsfoyer, zu dem noch eine kleine Treppe führt.

brotherBadVilbelEingang

Diese Eingangssituation ist äußerst dezent, ohne jede Monumentalität, aber doch sehr wirkungsvoll. Der ganze Betrieb wird einem auf diesem kurzen Weg vorgestellt und der Eingang ist wie eine Blüte, die sich tief im Grau versteckt.

Die Schmalseite des aufgestützten Trakts und der zweigeschossige Trakt öffnen sich nach links zu einer verschwenderisch großen Wiese, mit der das Gewerbegebiet beinahe endet. Und der gesamte brother-Komplex öffnet sich von der Straße weg zu den Feldern am Ufer der Nidda.

brotherBadVilbelFelder

So ist das Gebäude von brother selbst wie eine Blume, eingebettet zwischen Industrie und Natur. Seine Architektur weiß beides auf schlichte, aber schöne Weise zu verbinden.

Wenn man will, kann man sagen, daß das Gebäude zu brother, das heute Drucker statt Schreibmaschinen und immer noch Nähmaschinen herstellt, paßt. So wie nur ein japanisches Unternehmen auf einen schönen und schlichten englischen Namen wie brother kommen konnte, konnte vielleicht nur ein solches Unternehmen sich einen so schönen und schlichten Deutschlandsitz bauen. Seine Architektur lebt nicht von Effekten der Oberfläche, sondern vom Raum, den sie schafft, und darin kann man, wieso nicht, einen japanischen Einfluß sehen. Heute wirkt die Zurückhaltung und raffinierte Einfachheit dieser Architektur aber zugleich altmodisch. Auch das paßt zu brother, denn was wirkte altmodischer als ein Druckerhersteller in einer Zeit, in der es überall Internet gibt?

So wie brother sicher versucht, seine Produkte zu diversifizieren, um relevant zu bleiben, wurde irgendwann versucht, das Gebäude irgendeiner Architekturmode anzupassen, indem vor das rechts im aufgestützten Trakt befindliche Treppenhaus blaues Glas geklebt und wie nicht abgeschnitten über das Dach hinausstehen gelassen wurde.

brotherBadVilbelTreppenhaus

Die gewendelte Treppe zu einem Eingang im Treppenhaus gab es schon immer, aber jetzt soll dort der Haupteingang sein. Der Versuch, modisch zu sein, wirkt nur verzweifelt und lächerlich. Das blaue Glas bleibt ein effektheischender Fremdkörper auf der übrigen Architektur. Doch es täuscht auch niemanden. Das brother-Gebäude kann gar nicht anders, als eine schlichte und schöne Blume zu sein.

Das Gewerbegebiet heißt übrigens: Im Rosengarten.