Archiv für den Monat September 2017

Österreichische Tage

In Gdańsk sind gerade Dni Austrii (Östtereichtage) und warum auch nicht, schließlich hat diese Stadt an der Ostsee keinerlei Bezüge zu Österreich und hatte auch in ihrer Geschichte, als sie noch Danzig hieß, keine.

Teil dieser Tage, die am 26.9.2017 begannen und einen Monat dauern, ist eine Ausstellung mit dem originellen Titel Dialog. Sie besteht aus einigen großformatigen Plakaten am Zaun des Park Oliwski (Oliwaer Parks) an der großen Straße Opata Jacka Rybińskiego. Außer reproduzierten Werken vierer Künstler, drei aus Gdańsk, eine aus Österreich, sind darauf auch jeweils deren Namen und die Logos der Veranstalter abgebildet.

Vom Straßenbahnwendekreis Oliwa aus gesehen passiert man zuerst die Arbeiten von Noemi Staniszewska, Photographien von gläsernen Fassaden und den Lichtspiegelungen darin. Das ist harmlos dekorativ und auch schon der Höhepunkt der Ausstelllung. Es folgen zwei billige Computergraphiken von Cezary Paszkowski, zu denen es mehr nicht zu sagen gibt. Dann Bilder von Adriana Majdzińska, die das schwarze Geäst von Bäumen oder auch einer Menora zeigen. Natur und Juden geht immer, wird die Künstlerin zurecht gedacht haben und damit ist dieser handwerklichste Beitrag wohl auch der kommerziell verwertbarste. Den Abschluß bilden verpixelte Collagen von Daniela Litto, die bunt genug sind, um an einer großen Wand in einer teuren Altbauwohnung einen Farbakzent zu setzen und sonst wenig.

Kurz vor dem nächsten Eingang zum Park kann man noch Kurzbiographien der Künstler und Beschreibungen dessen, was ihr Schaffen ausmacht, lesen. Aus ersteren entnimmt man erschreckt, daß die Computergraphiken von einem beinahe siebzigjährigen Professor stammen, dank zweiteren würde man sich wünschen, kein Polnisch zu verstehen, wenn man nicht wüßte, daß diese leeren Worte über leere Kunst in jeder Sprache ähnlich lachhaft klängen.

Am interessantesten jedoch ist vielleicht der Ort der Ausstellung. Er scheint so gewählt, daß sie möglichst wenige Besucher auf möglichst unangenehme Art erleben können.

Der Park mit seinem Palast ist zwar ist einer der beliebtesten und schönsten Orte der Stadt, aber der ist jenseits des Zauns. Wollte man einen Bezug zwischen den Werken und ihrer Umgebung suchen, so fände man ihn zwischen den Bildern von Majdzińska und den aus verschlungenen Zweigen gebildeten Gängen des Parks. Man könnte über Inspiration, den Zusammenhang zwischen Kunst und Natur, was auch immer nachdenken, aber das erübrigt sich, weil man sie niemals zusammen sehen kann.

Draußen, direkt vor dem Zaun, verläuft ein Fahrradweg und nach einem sehr schmalen Streifen für Fußgänger beginnt die vielbefahrene Straße. Durch diese Lage werden auch die interaktiven Elemente der Ausstellung noch interaktiver: wenn man mit der heruntergeladenen App an die Bilder herantritt, um Ton oder Video zu hören oder zu sehen, kann man noch dazu von Fahrrädern über den Haufen gefahren werden.

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Als Resumé (bitte eine der drei Varianten wählen):

a) Wenn alle Aktionen dieser Gdańsker Österreichtage so gelungen sind, werden sie ein voller Erfolg.

b) Immerhin kann man nach diesem Ausstellungsbesuch in den Park gehen, wo man innerhalb der Gartenarchitektur Plastiken und Skulpturen aus der sozialistischen Zeit hat. Diese mal abstrakte, mal gegenständliche Kunst ist vielleicht auch nicht immer besser als die am Zaun, aber zumindest angenehmer zu betrachten.

c) Bleibt zu hoffen, daß die Österreicher für das Ganze gezahlt haben.

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Ein Kleinod in Bergen

An der südlichen Seite des Hafens von Bergen steht ein Kleinod:

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Auf einem großen quadratischen Grundriß mit abgerundeten Ecken hat es zwei Geschosse, das untere mit einigen großen Toren und wenigen Fenstern, das obere mit vielen Fenstern zwischen vertikalen Streben. Und zwischen beiden Geschossen verläuft ringsum ein enorm weit freischwebendes Vordach mit ebenso abgerundeten Ecken. Seine dünne Betonkonstruktion verdoppelt die vom Gebäude eingenommene Fläche beinahe, aber sie ist ja nicht eingenommen, sondern nur überdacht.

Alles erklärt sich aus diesem Vordach. Daß es da ist, ergibt sich aus der Funktion des auf einem rechteckig in den Hafen ragenden Pier gelegenen Gebäudes, in dem Werkstätten für Schiffe waren und teils noch immer sind. Einen möglichst großen geschützten, aber allseitig zugänglichen Bereich zu haben, ist hier gerade angesichts des unberechenbaren, meist regnerischen Bergener Wetters äußerst nützlich. Das ließe sich auch auf viele andere Arten erreichen, wie etwa das flügelartige Betondach des Gebäudes auf dem nächsten Pier zeigt,

aber nicht leicht in solcher Leichtigkeit und Eleganz. Aus seiner Funktion hervorgehend, bestimmt das Vordach auch die gesamte Form des Gebäudes. Es ist die Horizontale, die die beiden Geschosse teilt, und zugleich der Grund für die vertikalen Streben des Obergeschosses, da sie sich auf ihm fortsetzen, um es in seiner spektakulären Schwebe zu halten.

Wie so viele andere ist auch dieses Kleinod eher unauffällig und isoliert. Das Gebäude steht recht verloren zwischen aller möglichen vermischten Bebauung. Erst gegenüber der schmalen Hafenbucht, der Bergen alles verdankt, sind berühmtere Teile der Stadt: das hanseatische Viertel Bryggen und die Festung Bergenhus. Daß sie einmal ganz ähnlich funktional waren, bemerkt heute niemand mehr; sie sind Denkmäler geworden. Dieses Kleinod aber erfüllt bislang einfach nur seine Funktion.

Die Türme des Politechnika

Viel gibt es zur Architektur des Politechnika Gdańska (Gdańsker Politechnikum) nicht zu sagen. Monströse kaiserzeitliche Neorenaissance in rotem Backstein, wie sie zwischen 1880 und 1914 für alle Repräsentationsbauten der Stadt gewählt wurde. Kaum anders könnten die Gebäude einer Institution aussehen, die 1904 als Technische Hochschule zu Danzig gegründet wurde und 1945 zum Politechnika wurde.

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Im Hauptgebäude findet diese unmenschliche Monumentalität naheliegenderweise ihren Höhepunkt und es ist nur den großen Bäumen der darauf zuführenden Allee zu verdanken, daß man sie nicht schon von der Aleja Grunwaldzka, einer zentralen Achse der Trójmiasto, sieht. Durch die Alleebäume auch bemerkt man von Weitem das gleichsam filigrane Türmchen, das von Nahem nur verloren hoch über den abweisenden roten Mauern sitzt.

Aber es ist ein anderer Turm des Politechnika, der entlarvend viel über diese Architektur aussagt. Aus der Entfernung sieht man seine halbrunde Backsteinform. Schmale vertikale Fenster im Schaft, nach kleinen Stufen weiter vorstehend der obere Teil mit nun umlaufenden Fensterschlitzen und darauf ein spitzes rotes Ziegeldach. Daß der Turm wirklich das irgendwie alte Bauwerk sei, das er zu sein vorgibt, glaubt man ihm nie, bestenfalls wirkt er wie ein historistischer Wasserturm. Und zudem ist da der große Schornstein, der noch über das Dach aufragt.

Bereits, wenn man vor dem Hauptgebäude stehend seitlich auf den Turm blickt, merkt man, daß sich das zuvor zu sehende Halbrund zu keinem Ganzen schließt – es ist ein halber Turm.

Von anderen Stellen im Gelände des Politechnika, wenn man seine Rückseite sieht, merkt man, daß sogar das nicht stimmt. Denn es ist vor allem ein Schornstein, ein ganz gewöhnlicher Schornstein, wie ihn jede Fabrik hat, an den vorne eine Turmfassade angeklebt ist – es ist ein potemkinscher Turm.

Was der Turm in so dankenswerter Klarheit zeigt, trifft auf alle Gebäude des Politechnika und auf alle historistische Architektur zu: sie spiegelt etwas vor, sie klebt Fassaden auf Gebäude, die zu deren Funktion einfach nicht passen. Man bedenke gerade in diesem Fall die Lächerlichkeit dieses Vorgehens: da ist eine der modernsten Technik geweihte Lehr- und Forschungsanstalt, aber sie hält es für nötig, sogar den Fabrikschornstein, dieses Symbol der Industrie, die die modernste Technik hervorbringt, hinter nachgemachtem Alten zu verstecken!

Noch einen weiteren Turm hatte das Politechnika. Er war weniger hoch und aufgrund seiner Funktion als Kühlturm aus Stahl. Um ihn dennoch so gut wie möglich zu verstecken, setzte man ihn hinter die Maschinenhalle, zu der der Schornstein gehört, und zwang ihm eine verzierte Kuppelhaube aus Kupfer auf.

Es ist, als ob er von dort aus verächtlich oder eher bedauernd auf den als Turm verkleideten Schornstein blickt. In den neunziger Jahren wurde der Kühlturm abgebaut und übrig blieb bei einer Informationstafel ausgerechnet die verzierte Haube, während sein Schaft, der nichts als ein schlanker Zylinder aus Stahl war, verschwunden ist.

Daß das Politechnika heute dennoch etwas Architektur hat, deren Formen ihrem Inhalt entsprechen, verdankt sich späteren Bauten aus der polnischen sozialistischen Zeit. Sie sind hoch und groß, aber dabei zurückhaltend und menschlich. Türme brauchen sie keine mehr.

Erkundungen auf Friedhöfen: Eisen und Staub in Bergen

Gußeiserne Grabsteine sieht man auf Friedhöfen immer wieder einmal. Sie treten ab dem frühen 19. Jahrhundert auf und sind wohl so etwas wie ein Nebeneffekt der industriellen Revolution. Sie waren aber eher eine Modeerscheinung und blieben meist vereinzelt. Nicht so auf dem Friedhof um die Mariakirke (Marienkirche) im südwestnorwegischen Bergen.

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Hier sind mehr als die Hälfte der erhaltenen Grabsteine aus Eisen. Aus Gründen, die heute nicht mehr einfach zu eruieren sind, war diese Mode in Bergen beliebter als anderswo. Neben Kreuzen wurden auch Grabplatten und ganze Sarkophage aus Eisen gefertigt.

Die große Qualität des Materials sieht man etwa am Relief auf der Grabplatte des cand.theol. Johan Meyer und an denen der Sarkophage des Bischofs Jacob Neumann und seiner Frau Justine.

In 150 Jahre rosteten sie zwar leicht, verloren aber nicht ihre Form. Sogar ein Riß in einem Sarkophag scheint kaum mehr als ein allererstes Anzeichen eines Verfalls, der sich noch sehr lange hinziehen wird.

Die Mariakirke, teils noch romanisch und die älteste der Stadt, hieß früher auch Tyskekirke (deutsche Kirche), da sie von den deutschen Kaufleuten, die das große Hansekontor Bryggen betrieben, genutzt wurde. In den dank dem hochwertigen Eisen allesamt gut lesbaren Grabinschriften kann man daher manches über deutsche Einwanderung und Assimilation in Bergen lesen. Die Gräber sind etwa zur Hälfte norwegisch und zur Hälfte deutsch beschriftet. In beiden Sprachen sind die orthographischen Variationen groß. „Geboren“ wird auf Norwegisch mal „fød“, mal „föd“, mal „født“ geschrieben und auf Deutsch manchmal „gebohren“.

Oft sind die beiden Sprachen nah beieinander. Seite an Seite etwa liegen die Gräber von A. M. Døscher und Johan Henrich Døscher.

Beide sind identisch gestaltet, schlichte Sarkophage mit einem Kranz um das vertikale Oval des Schriftfelds. Ihres ist auf Deutsch beschriftet, geboren ist sie recht vage „im Hannoverschen”,

seines auf Norwegisch, obwohl auch er „født i det Hannoverske“ (geboren im Hannoverschen) ist.

Sie kam 1823 nach Bergen und starb dort 1834 81-jährig, er, 1795 geboren, kam 1822 und starb 1854. Die Geschichte dahinter ist einfach nachzuvollziehen: er, der Enkel, kjøbmand (Kaufmann), zu Geld gekommen offenbar, holte seine alte Großmutter in die ferne Stadt, in der er sich angesiedelt hatte. An die norwegischen Bedingungen angepaßt wurde dabei einzig die Schreibweise ihres Nachnamens, aber welchen Unterschied macht schon ein ø oder ein ö? Sie blieb Deutsche, er war Norweger geworden, könnte man sagen, aber vielleicht wäre das falsch, vielleicht hätten ihnen diese Zuschreibungen gar nichts bedeutet. Schließlich gab es kein Deutschland und Norwegen war eine erst kürzlich an Schweden gekommene dänische Provinz, in der es außer ein paar Städten, von denen Bergen die größte war, nichts gab.

Dennoch könnte das Erstarken des Norwegischen nach vielen Jahrhunderten deutsch-hanseatischer Präsenz in Bergen mit dem Erstarken nationalen, nationalstaatlichen Denkens zu tun haben. Hundert Jahre zuvor wäre dem eingewanderten Kaufmann vielleicht nicht eingefallen, sein Grab in der Sprache der Einheimischen zu beschriften, einfach deshalb, weil ein deutscher Dialekt in Bergen genauso einheimisch war wie ein dänischer Dialekt.

„Friede sey mit deiner Asche“ steht abschließend auf ihrem Grab, „fred med hans støv“ (Friede seinem Staub) auf seinem. Grammatikalisch ist das auf Deutsch richtig, gebräuchlich keineswegs. Es ist eine offensichtliche Übersetzung der norwegischen Grabformel, eine zu wörtliche überdies, die die Präposition „mit“ statt des gebräuchlichen Dativs verwendet. Noch näher am Norwegischen ist dann die Formel auf dem Grab des Kaufmanns Hinrich Volckmann und seiner Frau Sara Dameta: „Friede mit ihrem Staube !“.

Auf dem Grab der Jungfrau Helena Hasselmann liest man schließlich „Friede mit ihre Asche!“.

Hier ist das Deutsch schon kein Deutsch mehr. Wer es schrieb, war mit der Sprache offenbar kaum mehr vertraut, er wollte, aber konnte nicht. Dieses norwegisierte Deutsch ist letztlich ein stärkerer Hinweis auf die Assimilation der Deutschen in Bergen als die norwegisch beschrifteten Gräber.

Es ist ein Glück, gerade diese Umbruchsphase vom Deutschen zum Norwegischen auf dem kleinen Friedhof in Eisen gegossen nachlesen zu können.

Das neue Hradec Králové

Es beginnt gleich dort, wo das neualte Hradec Králové endet, gleich hinter dem Ulrichovo náměstí (Ulrich-Platz). Schon das diesen prägende lange sachliche ČSD-Gebäude ist nicht mehr völlig Blockrandbebauung.

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Nur in der Mitte sind hinter ihm zwei sechsgeschossige Querflügel, die mit einem weiteren Teil einen Hinterhof umschließen, aber die Seiten sind frei, wenn auch umzäunt. Offen ist der Stadtraum noch nicht, aber auch nicht mehr allein vom zugebauten Blockrand bestimmt.

In den folgenden Straßen scheint die Blockrandbebauung sich fortzusetzen, bloß haben die fünfgeschossigen Gebäude nun fast durchweg sachliche Formen. Statt Schmuck und Pilaster gliedert der Wechsel von offenen und geschlossenen Flächen die Fassaden – typische tschechoslowakische Architektur der Zwischenkriegszeit. Auch, wenn man von den Straßen Nerudova und Na lípkách, die beinahe parallel ins Stadtzentrum führen, auf die Gebäude blickt, sieht man nichts anderes als diese sachliche Blockrandbebauung.

Erst in den Querstraßen öffnen sich die Blocks plötzlich.

Ein Blick ins Blockinnere tut sich auf und man sieht Grün.

Statt Hinterhöfen, von denen nurmehr kleine private Flächen hinter den Gebäuden bleiben, erstreckt sich da eine große öffentliche Parkfläche. Diese vorsichtige, halb versteckte Öffnung ist ein enorm wichtiger Schritt. Hier ist die Blockrandbebauung aufgebrochen. Hier beginnt die neue Stadt. Hier verläßt Hradec Králové auch städtebaulich das 19. Jahrhundert.

Zwei Blocks sind auf diese Art geöffnet und zugleich zu einer neuartigen Achse zusammengefaßt, die an der großen Straße Střelecká, die zum Schnellstraßenring der Stadt gehört, beginnt. Beidseits der Öffnung zum Park stehen Villen, ein Bezug auch zum Villenviertel auf der anderen Straßenseite.

Sie sind beide ähnlich, aber nicht identisch. Nachdem die fünfgeschossige Umbauung der Blocks schon auf vier Geschosse abgefallen ist, beginnen die Villen jeweils mit einem schmalen dreigeschossigen Trakt mit brauner Kachelverkleidung, in dem das Treppenhaus ist. Ihre eigentlichen Baukörper sind dann deutlich zurückgesetzt und zweigeschossig.

Sie sind strukturiert durch horizontale weiße Putzbänder unter dem Dach und zwischen den Geschossen und durch die erst durch schmale braune Kachelflächen verbundenen, dann durchgängig verglasten Fensterbänder. In der Ecke zum Treppenhaus ist vor dem Obergeschoß jeweils ein großer Balkon. Zur Öffnung des Parks steht das Obergeschoß, dessen Ecke die Fensterbänder umlaufen, jeweils leicht über. Auf dem Dach sind Aufbauten mit horizontalen Streben, die auf Dachterrassen hindeuten. Die Eingänge sind am Rande neben dem Treppenhaus, während an den Schmalseiten Garageneinfahrten sind. Rückwärtig sind tiefergelegte Gärten.

Hübsche Villen also, typisch für die Moden ihrer Zeit. Das Außergewöhnliche, vielleicht Einmalige an ihnen ist, daß sie nicht freistehen, sondern Teil einer umfassenden Planung sind.

Durch diesen Eingang tritt man in den Parkstreifen, der sich durch die beiden Blocks zieht.

Am Ende der Achse steht ein schmaler weißer Turm mit zwei durchgehenden vertikalen Lamellenöffnungen, aber der ist vom üppigen Grün zuerst fast verdeckt. Erst, wenn man die erste Querstraße passiert hat und näherkommt, sieht man ihn besser. Eine schmucklose weiße Form, die zu einer Feuerwache oder zu einer Fabrik gehören könnte. Wenn man schon nahe ist, sieht man im Hintergrund rechts von ihm die Türme der Altstadt auf dem Hügel.

Der Kontrast ist groß, aber nur oberflächlich; auch der weiße Turm ist ein Kirchturm. Nach der zweiten Querstraße stehen links und rechts dreigeschossige Backsteinbauten und zwischen ihnen geht es in den Kirchhof.

Vor ihm ist ein wirkliches Tor, wenn auch niedrig und nicht monumental. Im ornamentalen Gitter ist ein goldener Kelch – es ist eine hussitische Kirche. Der Kirchhof ist ein weder großes noch kleines Dreieck.

Spätestens hier merkt man, daß die Straßen Nerudova und Na lípkách nicht parallel, sondern aufeinander zu verlaufen. Nach einem Vorhof, von dem die Gebäude erschlossen sind, legen sich Kolonnaden um eine abgesenkte Wiese, deren einziger Schmuck ein kleines Beet und ein Stein mit Bibelzitat sind, während links und rechts vor den umgebenden Mauern Kolumbarien, transparente Urnenfächer, sind. Hinter der Wiese erhebt sich der Turm. Etwas hinter ihm sind an den Seiten zwei weitere Eingänge. Rückwärtig schließt er mit einem Brückentrakt an die eigentliche Kirche an, deren weißer Baukörper an den Seiten die Spitze des Dreiecks einnimmt.

Aus Autorenkollektiv: Hradec Králové, Praha 1970

Diese Kirchenanlage ist zweifelsohne großartig, ja, auf ihre Art vollkommen. Ohne jegliche historistischen Formen schafft sie doch die Atmosphäre mittelalterlicher Bauten. Von außen wirkt sie durch den roten Stein der Gebäude und die Mauer fast abweisend und die Kirche mit ihren großen runden Fenstern zwischen vertikalen Streben fast gotisierend, doch im Hof ist alles weiß und sachlich und auch die Kirche hat horizontale Fensterbänder.

Der Kirchhof ist zugleich Kreuzgang als auch Begräbnisstätte, zugleich abgeschlossen als auch geöffnet, zugleich als Endpunkt der Parkachse Teil der Stadt als auch außerhalb von ihr. Hier entstand so etwas wie ein antikatholisches Kloster, aber ohne Nonnen oder Mönche, ein demokratisches Kloster, so wie die hussitische Kirche als Religion für die demokratische tschechoslowakische Republik geschaffen worden war. Diese Kirche ist einer der gelungensten neuen Sakralbauten der Tschechoslowakei. Welten trennen sie von dem unentschlossen monumentalen Stil üblicher hussitischer Kirchen. Dennoch wäre es besser, wenn es sie nicht gäbe.

Denn ganz wie Religion in welcher Form auch immer den Fortschritt stört, stört die Kirche auch in ihrer architektonischen Großartigkeit den fortschrittlichen Städtebau. Die Parkachse wäre besser, wenn sie mit einem freien Blick über den weiten Park am Ufer der Labe (Elbe) und die Altstadt darüber endete. Das brächte auch die beiden Gebäude besser zur Geltung, die an dieser Seite als Gegenstücke zu den Villen die Öffnung des Parks flankieren.

An Nerudova und Na lípkách fallen sie auf vier Geschosse ab, um sich dann dreigeschossig zum Park zu wenden. Auf beiden dieser Stufen sind Dachterrassen, stattlich schon auf der höheren, riesig auf der niedrigeren, so daß man von Terrassenhäusern sprechen kann. Wieder sind beide Gebäude nicht identisch, etwa hat das rechte abgerundete Ecken mit Balkonen.

Hier ensteht ein Gebäudetyp, der mehr als die sachlichen Mietshäuser, mehr als die hübschen Villen und sicherlich viel mehr als der großartige Kirchenkomplex zur Parkachse und zu einer neuen Art von Stadt passen. Und Hradec Králové begann diese neue Stadt zu bauen.

Ein Sturz im Park Reagana

In Gdańsk gibt es einen Park Prezydenta Ronalda Reagana (Präsident-Ronald-Reagan-Park) und in diesem gibt es ein Kunstwerk, das Ronald Reagan und den Papst zeigt.

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Papież (Papst) ist in Polen ein Synonym für Jan Paweł II. (Johannes Paul II.) und in Kunstwerken wird er tausendfach dargestellt, weshalb es vielleicht zutreffender ist, daß dieses den Papst und Ronald Reagan zeigt, nicht andersherum.

Es handelt sich um überlebensgroße Bronzeplastiken, die ein in Miama im Jahre 1987 entstandenen Pressephoto nachahmen. Papst und Präsident nebeneinander gehend, miteinander sprechend.

Das Kunstwerk steht an einem wichtigen Weg, der von Przymorze und einer Bushaltestelle zum Strand führt. Es steht nicht auf diesem Weg, aber auch nicht von ihm abgetrennt. Die Plastiken gehen ohne Sockel auf demselben Boden wie der Betrachter.

Erst seitlich sind niedrige abgeschrägte Betonmäuerchen mit schlecht lesbaren, weil stark spiegelnden Tafeln aus dunklem Stein. „Wdzięczni za niepodłegłość Polacy” (Die für die Unabhängigkeit dankbaren Polen), steht dort groß und kleiner Hinweise auf das Photo und die Sponsoren des Denkmals.

Hinzu kommen drei Fahnenmasten, an denen zwei polnische Flaggen und eine von Johannes Paul II., aber keine amerikanische hängen.

Denkmalplastiken in realistischen Formen und angeordnet in realistischen Situationen zu zeigen, ist ein typisches Merkmal der reifsten Strömungen des sozialistischen Realismus, von dem auch die zeitgenössische polnische Propagandakunst zehrt. Ein schlechtes Kunstwerk ist diese im Park Reagana, so reaktionär der Inhalt, also nicht.

Was seine Schöpfer aber nicht bedachten, war die enorme Verehrung, die viele Menschen in Polen dem Papst entgegenbringen. Sie wollen ihn, wie groß auch immer, nicht im Gang und im Gespräch mit irgendeinem bloßen Menschen sehen und gewiß nicht auf einer Ebene mit sich selbst. Sie wollen zu ihm aufblicken, ihn anbeten, ihm Opfer bringen. Kein Wunder also, daß jemand Blumenkästen im Halbkreis vor die Plastiken aufstellte, damit ein Ort entstehe, wo Kerzen, Kreuze und Kränze zu ihren Füßen abgelegt werden können.

Das zeigt ein großes Unverständnis, ja, Desinteresse an diesem Kunstwerk, denn es soll ja gerade freistehen, keinen Sockel, keine Barrieren haben. Aber es geht diesen Papstgläubigen eben nicht um Kunst, sondern um den Papst.

Daher sieht es nun im Park Reagana so aus, als seien ein riesiger Papst und ein riesiger Ronald Reagan kurz davor, allerlei Devotionalien zu zertrampeln und dann über Blumenkästen zu stolpern.

Religiöser Eifer veränderte hier staatstragende Propagandakunst so, daß auch der kommunistische Betrachter etwas an ihr finden kann. Alle sind zufrieden, könnte man sagen, aber stimmen würde es natürlich nicht.