Archiv für den Monat April 2015

Die Stadt ist eine Frau

The city is woman – Eine neue Stadt kennenzulernen ist wie eine neue Frau kennenzulernen.

Illustration von Heinz Ebel aus Höchel, Lothar u. Sell, Rüdiger (Hrsg.): Liederbuch für die Klassen 5 bis 10, Berlin 1989

Illustration von Heinz Ebel aus Höchel, Lothar u. Sell, Rüdiger (Hrsg.): Liederbuch für die Klassen 5 bis 10, Berlin 1989

Zuerst ist alles neu, aufregend, aber auch ein wenig furchteinflößend. Jede Bewegung ist ein Tasten, nichts ist selbstverständlich, alles ist eine Entdeckung. Langsam oder schnell kommt man ihr näher, lernt, was sie von allen anderen unterscheidet und mit ihnen verbindet. Die eine ist einfach und klar, die andere kompliziert und verwinkelt. Ihre Schönheit oder Häßlichkeit und all die Abstufungen dazwischen liegen nun offen da. Man vergleicht, ordnet ein oder läßt sich bezaubern, vielleicht überwältigen. Nach und nach werden die Wege vertrauter, man fühlt sich sicherer auf ihnen, bald schon werden sie selbstverständlich. Man begreift nun größere Zusammenhänge, entdeckt Dinge, die einem mehr, und Dinge, die einem weniger gefallen. Die Ansammlung von Einzelheiten wird zu einem Ganzen. Noch ist das Gefühl des Neuen nicht verflogen, aber es ist nicht mehr alles. Vielleicht macht man sie für eine Weile zu seinem Zuhause. Nun teilt man Geheimnisse mit ihr, die man am Anfang nie erahnt hätte, aber zugleich tritt der Alltag in den Weg aller Eindrücke. Im schlimmsten Fall hört man auf, sie wirklich zu sehen, sie wird Teil von einem und kein unbedingt interessanter. Wenn man kann, sollte man weiterziehen, um andere, aber auch sie, neu zu erleben. Vielleicht aber findet man eine, die ganz so ist, wie man sich das immer gewünscht hätte, bei der vom ersten tastenden Eindruck bis zum letzten Geheimnis alles zu einem paßt. In ihr sollte man dann bleiben. Doch bei Städten wie bei Frauen erliege man nie der verhängnisvollen Versuchung der Monogamie.

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Venedig mit dem Auto

Mit dem Auto nach Venedig zu fahren, heißt in ein Parkhaus zu fahren. Dieses Parkhaus steht an der Piazzale Roma, die entgegen ihrem Namen kein Platz, sondern ein großer Busbahnhof ist. Obwohl das Parkhaus ganz wie die Autobrücke, mit der man es erreicht, ein Projekt des italienischen Faschismus ist, hat es mit ihr wenig gemein. Wo sie ihre zeitgemäße Konstruktion hinter historistischen Formen versteckt, ist es in seiner Sachlichkeit so etwas wie der Inbegriff eines Parkhauses. Trotz seiner Größe tut es nichts, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, es ist ganz ein bescheidener Diener der berühmten Stadt.

ParkhausVenedig

Sechs Geschosse ist es hoch und hat als Grundriß in etwa ein langgestrecktes Rechteck. Es besteht ganz aus weißen Brüstungsbändern und Fensterbändern, die nach dem zweiten Geschoß auch die Ecken, wo aber doch die tragenden Pfeiler erkennbar sind, umlaufen.

ParkhausVenedigFenster

In der Mitte der Schmalseite sind die Fensterbänder unterbrochen von einer weißen Putzfläche, in der sich eine von drei vertikalen Streben gegliederte Fensterfläche leicht nach vorne wölbt.

ParkhausVenedigMitte

Wegen dieses Mittelteils merkt man kaum, daß die beiden Seiten zwar gleich viele Geschosse haben, aber, aufgrund des höheren Erdgeschosses des linken Teils, nicht gleich hoch sind.

Das Innere ist an diesem Äußeren schon fast abzulesen: Parkebenen mit spiralförmigen Auffahrten an beiden Seiten.

ParkhausVenedigAuffahrt

Bloß, daß in der Mitte nur im Erdgeschoß in einer teils verglasten Halle Parkplätze sind

ParkhausVenedigHalle

und darüber ein breiter Schacht das Parkhaus der Länge nach in zwei Teile spaltet, ahnt man nicht.

ParkhausVenedigSchacht

Nur die beiden Auffahrten, Brückentrakte neben dem Treppenhaus

ParkhausVendigGang

und ganz oben eine schräge Rampe verbinden diese beiden Teile, die beinahe zwei verschiedene Gebäude sind und auch in zeitlichem Abstand zueinander gebaut wurden.

Alles an dem Parkhaus ist funktional. Auch die Fenster, die ein Parkhaus heute nicht mehr bräuchte, waren aus Belüftungsgründen unbedingt notwendig. Doch sie haben eine zweite Funktion: sie erlauben schon ab dem dritten, vierten Geschoß spektakuläre Blicke über die Stadt.

ParkhausVenedigAussicht

Noch bevor man wirklich in Venedig ist, stellt das Parkhaus es einem vor. Auf den Dächern dann erreicht diese Funktion ihren Höhepunkt.

ParkhausVenedigDachAussicht

Von hier sieht man Venedig wie von nirgends sonst. Neben den runden Abschlüssen der Auffahrten erstreckt sich das Häusermeer, aus dem bloß Kirchtürme und Kuppeln aufragen. Der weiße Pfeil auf dem Boden weißt zum Markusplatz, den kein Auto je erreichen wird.

ParkhausVenedigSanMarco

Und man sieht sogar noch mehr als nur Venedig. Man sieht gleichsam darüber hinaus, man sieht, daß es eine Insel ist. Auf der anderen Seite sind der Hafen, die Brücken für die Züge und Autos, die die Verbindung zum Festland darstellen, das Festland selbst, eine Silhouette aus den Hafenanlagen von Marghera und den Wohnhochhäusern von Mestre, und in der Ferne die Alpen.

ParkhausVenedigAussichtBrücke

Wenn in den Gassen von Venedig schon lange Nacht ist, kann man dort noch letztes rotes Leuchten sehen.

Es gibt keinen besonderen Grund, wieso gerade den Autos dieser einmalige Blick vorbehalten sein sollte, ja, er ist an sie eher verschwendet. Das funktionale Gebäude sollte eine andere Funktion erfüllen, es sollte ein öffentlicher Ort hoch über der Stadt sein, eine wahre Piazzale Roma, von der sich ein jeder, nicht nur der, der zufällig mit dem Auto kommt, ein neues Bild der Stadt machen kann.

ParkhausVenedigDach

Das Parkhaus von Venedig ist also vor allem eine Anregung dafür, wie fortschrittliche Architektur das Alte auf selbstbewußte, aber respektvolle Weise ergänzen könnte. So, wie es ist, ist es viel, aber es könnte potentiell nicht weniger als Dogenpalast und Markusplatz einer neuen Zeit sein.

Das menschliche Maß in Wien

Das menschliche Maß ist ein entscheidendes Kriterium für die Beurteilung von Architektur. Was darunter zu verstehen ist, läßt sich jedoch oft schwer erklären. Daher seien an dieser Stelle in loser Folge einige Beispiele aufgeführt. Siehe auch Das menschliche Maß in Padua.

Am Donaukanal in Wien, Im dritten Bezirk, aber nicht weit von Ringstraße und Schwedenplatz, steht das Hochhaus des Rechnungshofes und der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG).

RechnungshofBIG

Wiewohl es sich um eine bauliche Einheit handelt, könnte man auch von drei Hochhäusern reden, da die beiden Trakte der BIG später an beide Seiten des Rechnungshofhochhauses angefügt wurden. Beide Gebäudeteile haben dieselbe Funktion, die staatliche oder halbstaatliche Verwaltung, und man kann annehmen, daß auch ihr innerer Aufbau ähnlich ist. Völlig verschieden aber ist die architektonische Absicht, mit der sie sich der Stadt, dem Menschen zuwenden.

Es ist dabei nicht einmal entscheidend, daß sie völlig verschieden aussehen. Der Rechnungshof ist ein Bau der Siebziger. Seine Fassade ist ganz mit vertikalen Metallplatten, die meist dunkelbraun, im richtigen Licht aber viel heller, manchmal golden, wirken, verkleidet. Die Fenster mit vorgesetztem und nach oben schräg vorstehendem Rahmen sind darauf frei angeordnet, so daß sie mal einzeln, mal in Gruppen von bis zu sechs vorkommen. Der Bau der BIG ist aus den späten Achtzigern, frühen Neunzigern. Seine Fassade hat entweder eine graue Steinverkleidung mit einzelnen Fenstern oder verspiegelte Flächen mit Fensterbändern, die von roten Streben vertikal strukturiert sind. In beiden Fällen ist die Fassadengestaltung somit recht beliebig, ohne Zusammenhang mit der Funktion.

Die eigentlichen Unterschiede erkennt man, wenn man die Proportionen der Gebäude betrachtet. Das Rechnungshofgebäude hat einen Sockelbereich aus einem hinter Kolonnaden leicht zurückgesetzten Erdgeschoß und einem dadurch freischwebend wirkendem zweiten Geschoß. Darüber ist eine Terrassenebene und erst zurückgesetzt beginnen die eigentlichen Bürogeschosse, wobei der Unterschied zwischen diesen und dem Sockel noch einmal dadurch betont ist, daß sie über dem dritten Geschoß leicht überstehen. So wird die Vertikalität, die das Gebäude ob seiner Höhe hat, abgemildert, der Sockelbereich schafft eine Art Pufferzone zwischen dem Betrachter und den höchsten Gebäudeteilen. Das BIG-Gebäude hat einen Sockelbereich aus zwei Geschosse hohen Kolonnaden und einem weiteren steinverkleideten Geschoß, darüber die vertikal gegliederten verspiegelten Geschosse und abschließend beim der Innenstadt zugewandten Teil einen klaren Abschluß in einem rundbögigen verspiegelten Dachaufbau.

BIGFassade

So wird die Vertikalität des Gebäudes mit allen Mitteln betont, der Sockelbereich dient dazu, den Blick des Betrachters in die Höhe zu zwingen.

Bezeichnend ist der Vergleich der Kolonnaden, die man direkt nebeneinander hat:

RechnungshofBIGKolonnaden

Beim Rechnungshofgebäude sind sie bescheiden und niedrig, sie dienen dazu, den Passanten vorm Regen zu schützen und setzen sich in einem Durchgang, der auch Parkhauseinfahrt ist, ebenso funktional fort. Beim BIG-Gebäude dagegen sind sie monumental und hoch, eine Funktion haben sie nicht, da sie an der Gebäudeecke unterbrochen sind. Blickt man an beiden Gebäuden hinauf, merkt man zudem, daß auch die Fassadengestaltung nicht völlig egal ist:

RechnungshofBIGBlickNachOben

Beim BIG-Gebäude sieht man hoch oben vertikale Linien, beim Rechnungshof aber ein vielfältig bewegtes Muster aus Fenstern.

Was die beiden Gebäude unterscheidet, ist das menschliche Maß. Das eine will dem Menschen ermöglichen, sich selbst mit seiner Größe in Bezug zu setzen und so selbst größer zu werden, das andere will den Menschen mit seiner Größe erschlagen und ihn kleiner machen. Das eine hat menschliches Maß, das andere nicht. Dabei ist wohlgemerkt nicht so wichtig, wie groß die Gebäude sind – der Rechnungshof ist höher –, sondern vielmehr, wie sie mit ihrer Größe umgehen.

RechnungshofBIGSonnenuntergang

Auch sonst ist das Rechnungshofgebäude fortschrittlicher. Zum einen sein Bezug zur Stadt: Es stand frei auf der Terrasse des Sockels, ein dreifach abgestufter Trakt am Ufer, ein Quertrakt vom Ufer weg, und ließ viel Platz um sich, die seiner Umgebung Blicke und Licht boten. Dann kam die BIG und zwängte es ein, indem es zur einen Seite an die überkommene Blockrandbebauung anschloß und zur anderen Seite eine Front von protziger Monumentalität setzte. Zum anderen seine Formen: Es ist ein selbstbewußter, wenn auch in keiner Hinsicht herausragender Ausdruck seiner Zeit. Das Gebäude der BIG hingegen nimmt mit monumentalem Sockel, unauffälligem Mittelteil und klarem Abschluß die Fassadenaufteilung überkommener Architektur auf, wobei es noch näher mit reaktionärer Architektur der dreißiger Jahre verwandt ist. Neben einer perfekten Illustration dessen, was menschliches Maß bedeutet, sieht man hier also auch einen Kampf zwischen guter und schlechter Architektur.

Prato della Valle

Ist der Prato della Valle in Padua ein Platz? Vielleicht, aber er ist ganz gewiß kein typischer Platz. Ein typischer Platz ist bestimmt von den mehr oder weniger markanten Gebäuden, die ihn umgeben und von seinen mannigfaltigen Beziehungen zur Stadt, für die er ein Zentrum, ein Kulminationspunkt ist. Nun ist der Prato della Valle durchaus umgeben von Gebäuden, darunter auch markanten wie dem neogotischen Palast Loggia Amulea,

PratoDellaValleLoggiaAmuleaPadova

der romanisch-gotischen Kirche Santa Giustina

PratoDellaValleSantaGiustinaPadova

und dem historistischen Eingangsbau des ehemaligen Viehmarkts.

ForoBoarioPadova

Auch hat er durchaus viele Beziehungen zur Stadt. Aber der von den Gebäuden umgebene Raum ist zu groß und vage, um allein schon einen Platz zu schaffen, und die Straßen, die die Verbindung zur Stadt bilden, sind geradezu versteckt. Schon der Name, übersetzt Talwiese, deutet auf einen nichtstädtischen Ursprung hin.

Der Prato della Valle besteht aus einem ovalen Wassergraben, zwei Wegen, die ihn auf vier Brücken überqueren, und einer runden Fläche mit rundem Brunnen im Kreuzungspunkt der Wege.

PratoDellaValleKanalPadova

Beidseits des Wassergrabens stehen in sich in regelmäßigen Abständen runde Sockel mit Skulpturen gegenüber, während die Brücken an den Enden des Ovals ebenfalls von Skulpturen auf eckigen Sockeln flankiert sind,

PratoDellaValleBrückeSkulpturenPadova

die an den Seiten aber von schlanken Obelisken.

PratoDellaValleObeliskePadova

Dazu kommen auf den Rasenflächen im Inneren entlang der Wege noch Bäume und Sockel mit Amphoren und um die runde Fläche steinerne Bänke. Der Prato della Valle ist somit im wahrsten Sinne des Wortes eine Insel in der Stadt. Er ist völlig losgelöst von den umgebenden Gebäuden, ja, von der Stadt selbst. Sie bilden für ihn nur einen Hintergrund, zu dem er in keiner notwendigen Beziehung steht und den er in keiner Weise berücksichtigt, so daß er austauschbar wird. Der Prato della Valle ist ortlos. Normalerweise wäre das das Schlimmste, was von einem Platz gesagt werden kann, aber dem Prato della Valle gelingt es, aus sich selbst heraus ein so starker und gelungener Ort zu sein, daß er seine Ortlosigkeit ausgleichen kann. War er früher eine amorphe Wiese, so machte ihn der Barock mit seinem Gefühl für Landschaft zu dem, was er heute ist, und es ist unwichtig, ob das ein Platz ist.

Trotz seiner streng symmetrischen Anlage ist der Prato della Valle ein völlig demokratischer Ort. Sein Mittelpunkt, der eigentliche Platz oder ein Platz im Platz, ist ganz dem menschlichen Beisammensein vorbehalten, während die Skulpturen den Rand einnehmen. Auch zeigen diese nicht etwa Heilige, sondern Staatsmänner, Päpste, Wissenschaftler, Künstler. Jede von ihnen ist grundsätzlich gleich wichtig, obwohl die bei den Brücken zwangsläufig hervorgehoben sind. Sie bieten dem Spaziergänger eine Galerie nicht nur der italienischen Geschichte. Er kann sich Stunden mit ihnen beschäftigen und viele weitere mit den Biographien der Dargestellten. Das vielleicht netteste Detail ist, daß dem Kriegsherrn Oberto Pallavicino ein Vogel auf dem Kopf sitzt,

ObertoPallavicinoPratoDellaVallePadova

was ganz ohne Zweifel ein Kommentar des Bildhauers zum Schicksal aller öffentlichen Skulpturen ist.

SkulpturTaubePratoDellaVallePadova

Der Prato della Valle ist also vielleicht kein Platz in Padua, es hat vielleicht mit der Stadt nicht mehr zu tun, als es ein 1775 dort gelandetes Raumschiff hätte, aber er ist, wie es ein solches wäre, mehr: ein Entwurf für etwas Neues, der alten Stadt radikal Entgegengesetztes. Und zugleich gibt er in seiner losgelösten Ortlosigkeit der Stadt mehr als es ein typischer Platz täte: eine großzügige, wohlgeordnete Insel der Ruhe inmitten ihres Trubels, ihres Chaos‘ und ihrer Enge. Obwohl er keiner ist, funktioniert der Prato della Valle für Padua wie ein Park.

Wohngebiet Ruprechtice

Das Wohngebiet Ruprechtice in Liberec beginnt hoch oben in den dann zum Isergebirge emporwachsenden Hügeln mit einem sehr langen zwölfgeschossigen Wohngebäude. Es ist trotz seiner enormen Dimensionen ganz schlicht, bloß regelmäßige Fensterbänder unterbrochen von Balkonen, und trägt, da es erst lange gerade ist und dann leicht abknickt, den sehr tschechischen Spitznamen Hokejka (Eishockeyschläger).

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Davor steht ein flaches Kindergartengebäude und dann öffnet sich ein weiter Grünbereich mit Wiesen und Spielplätzen.

Entlang dieses Grünbereichs ergießt sich das Wohngebiet gen Tal. Links weist ihm der Knick der Hokejka den Weg, rechts ist er nur locker von einigen Zwölfgeschossern, die in eine andere Richtung streben, begrenzt. An einem von oben flachen, von unten zweigeschossigen Dienstleistungsgebäude kreuzt die Vrchlického (Vrchlický-Straße).

WohngebietRuprechticeLiberecTesco

Dahinter wird der Grünbereich noch weiter, er ist eigentlich nur noch eine Wiese am Hang, die zwei große und einige kleinere Wege durchkreuzen.

WohngebietRuprechticeLiberecWiese

Links, also oben, bildet wieder ein langes, nun nur noch sechsgeschossiges Gebäude die Begrenzung, rechts sind eine an der Straße flache, dann zweigeschossige Poliklinik, ein sechsgeschossiges Gebäude und ein erst flacher, dann zweigeschossiger Kindergarten und folgen dem leicht geschwungenen und stark abfallenden Lauf des Grünbereichs. Geradeaus, ebenfalls oberhalb des Grünbereichs, aber niedriger, stehen quer drei zwölfgeschossige Gebäude, zwischen denen kleinere Grünbereiche die große Wiese ergänzen.

Das Wohngebiet erstreckt sich noch weiter nach rechts, viele Einfamilienhäuser aus der ersten Republik in sich aufnehmend, mit niedrigeren längeren Gebäuden den Höhenlinien der komplizierten Liberecer Landschaft folgend und mit höheren Punkthäusern etwa ein Schulzentrum markierend.

Doch das Herz von Ruprechtice ist dieses den Hang hinabfließende Grün. Nichts an ihm ist auffällig oder ungewöhnlich und doch liegt genau in ihm das revolutionär Neue der fortschrittlichen Architektur. Wie die Gebäude aussehen, ist egal, niemanden interessiert, wie Gebäude aussehen, solange sich halbwegs komfortabel in ihnen leben läßt. Der Raum zwischen diesen Gebäuden ist es, um den es geht. Und Raum wie diesen in Ruprechtice gab es dem Alltag aller zugänglich vorher nicht. Es gab ihn in elitärer Form als Schloßpark des Adels oder als Stadtpark, um den das Bürgertum seine Villen und Mietshäuser baute, und es gab ihn in primitiver Form als Dorfanger. Wie hier aber gab es ihn nicht. Das gilt es zu verstehen und das ist nicht einfach. Auf Photos läßt sich dieser Raum kaum erfassen

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Ústí nad Labem 1977

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Ústí nad Labem 1977

und auf Karten kaum nacherleben.

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Nur eine feinfühlige Stadtführung oder, vielleicht, ein Text können ihn dem ungeübten Blick verständlich machen.

Zu verstehen ist, daß die fortschrittliche Architektur in Ruprechtice vor dem Panorama des Ještěd und an unzähligen anderen Orten auf der ganzen Welt das fortführte, was im Belvedere angelegt war.

WohngebietRuprechticeJeštěd

Das Parkhaus in der Kirche

Betrachtete man dieses Gebäude in Vicenza von vorne, würde man es nicht besonders bemerkenswert finden.

AutorimessaSanBiagioVicenzaFassade

Rechts ein dünnes Vordach mit abgerundeten Ecken, ein Flachbau und im zweiten Geschoß eine quadratische Öffnung, links eine eher flache Rampe, die zu einer der Öffnung entsprechenden Einfahrt im zweiten Geschoß führt, in der Mitte die Einfahrt ins Erdgeschoß. Die Fassade endet über dem ersten Geschoß mit einem Giebel, der mit zwei niedrigeren rechteckigen Feldern um ein höheres die Formen der Einfahrten aufgreift. Rechts ragt aus dem Giebel ein dünner quadratischer Schornstein, der mit horizontalen Lamellen endet, auf, und ganz in der Mitte steht in roten Buchstaben, worum es sich bei dem Gebäude eigentlich handelt: „Autorimessa“ (ein älteres Wort für Parkhaus). Ein simpler Bau, hübsch und unauffällig, entstanden wohl 1928, aber auch zwanzig Jahre später überall noch gut denkbar.

Doch man kann dieses Gebäude nie zuerst von vorne betrachten, da man dazu in den offenen Hinterhof eines Mietshauses gehen muß. Zuerst sieht man daher weniger die Fassade als die Seite.

AutorimessaSanBiagioVicenzaSeite

Diese besteht aus rotem Backstein, zwischen dem auch einige Natursteine sind, und ist eine langgestreckte Abfolge von schrägen Pfeilern und Rundbögen, zwischen denen sich einige vertikale Fenster öffnen. Sind hinter den Fenstern auch die Autos der Autorimessa zu sehen, es ist ganz klar: Das ist eine Kirche. Die offenen, efeubewachsenen Reste eines Turms, die dahinter aufragen, zerstreuen die letzten Zweifel. Dieses schlichte Parkhaus benutzt für seine Funktion also gleichsam parasitär ein älteres Gebäude deutlich anderes Funktion. Es handelt sich um die Kirche des Klosters San Biagio (Heiliger Blasius), das 1797 von den französischen Revolutionstruppen in eine Kaserne umgewandelt wurde und später lange als Gefängnis diente. Die Kirche selbst wurde zum Stall, so daß die heutige Funktion geradezu eine logische Fortsetzung ist.

Die neue Fassade nun könnte man als Versuch des Gebäudes, seine kirchliche Herkunft zu verschleiern, verstehen, doch das wäre falsch. Neue Fassaden vor alte Gebäude zu setzen hat vielmehr eine lange Tradition in der Kirchenarchitektur. Barockfassaden vor gotischen Gebäuden etwa findet man dutzendfach, in Vicenza und anderswo. Ganz wie bei der modernen Fassade des Parkhauses ging es dabei darum, alte Gebäude neuen Moden anzupassen. Hier wurde also auf säkulare Weise eine Tradition fortgeführt, die die gänzlich reaktionär und geschmacklos gewordene Kirche aufgegeben hatte. Der Unterschied ist, daß früher, egal wie die Fassade nun gerade aussah, die Funktion unverändert blieb. In dieser Hinsicht ging die Autorimessa von Vicenza einen, ziemlich sympathischen, Schritt weiter.

AutorimessaSanBiagioVicenzaFluß

Erkundungen auf Friedhöfen: Einsame Gräber in Döbling

Die traurigsten, aber oft auch die interessantesten Gräber sind die, in denen nur eine Person bestattet ist. Auf dem Friedhof Döbling in Wien findet man zwei solcher einsamen Gräber, die auf je ganz verschiedene Art auffällig sind.

Das eine ist das Grab von Engelbert Mühlbacher (1843 – 1903), das weithin sichtbar über niedrigeren Gräbern aufragt.

EngelbertMuehlbacherFriedhofDöbling

Eine dicke romanische Säule, in deren Kapitell eine Eule und ein Kreuz sind, trägt eine noch darüber hinausragende Fläche, auf der ein Löwe über einem getöteten Drachen steht. Die Formen der Skulpturen wie der Säule sind reduziert, Jugendstil, vielleicht nicht schlecht. Aber wenn man vor dem Grab steht und den Namen liest, steht der Löwe nur drohend über einem und man fühlt sich, als ob man gleich das Schicksal des Drachen teilen werde.

EngelbertMuehlbacherFriedhofDöblingDetail

Man denkt unweigerlich: Wer noch im Tod so einschüchternd und brutal auftritt, kann kein angenehmer Mensch gewesen sein und es überrascht nicht, daß er einsam starb. Das ist vielleicht ungerecht. Mühlbacher, der als Historiker des Frankenreiches einige Bedeutung hat, konnte als geweihter Priester nicht heiraten und die einschüchternde Größe und Symbolik des Grabs hat er sich vielleicht nicht selbst ausgesucht.

Das zweite ist das Grab von Edith Rodling von Amann.

EdithRodlingVonAmannFriedhofDöbling

Auf einem grauen Sockel mit nicht mehr als dem Namen und den Daten des kurzen Lebens (1896 – 1923) steht eine Skulptur aus schwarzem Stein. Auf einem fast rohen Quader sitzt strahlend glatt eine nackte junge Frau. Das rechte Bein herabhängend, das linke darunter geschlagen, der Körper leicht vorgebeugt, die rechte Hand aufgestützt, die linke über der Brust, die Augen geschlossen, so daß sich die Stirn leicht runzelt und das Gesicht streng, konzentriert wirkt, Bubikopf. Ein schnörkelloses realistisches Werk, das nicht mehr zeigt als eben den nackten Körper einer normalen Frau, der einzig durch die unfassbare schwarze Glätte des Steins idealisiert wird.

Irgendwie spürt man: Es ist Edith Rodling von Amann selbst, die da steinern auf ihrem Grab sitzt. So zeigt die Skulptur nicht nur einen Körper, sie läßt auch eine Geschichte ahnen. Reiche adlige Muse, Wiener Bohèmeleben in der Nachkriegszeit, ein unnatürlicher Tod – alles könnte da sein, Stoff für einen Roman. Laut den spärlichen leicht zugänglichen Informationen war Edith von Amann seit 1916 mit dem schwedischen Ingenieur und Industriellen Ejnar Rodling verheiratet. Die Skulptur fertigte die schwedische Bildhauerin Ida Thoresen, die auch in Rom und Paris Ateliers hatte, schon im Jahre 1919. All das paßt gut zu dem, was schon die Skulptur ahnen läßt, zu einem Leben.

Anders als Engelbert Mühlbacher hat Edith Rodling von Amann vielleicht nie etwas Bleibendes geschaffen, aber dafür hatte sie dieses Leben, von dem man annehmen darf, daß es es wert war, gelebt zu werden. Und während von ihm auf dem Friedhof Döbling nur die böse Skulptur auf der Säule bleibt, ist sie dank der gewagten und bewundernswerten Entscheidung, ihre Aktskulptur für ihr Grab zu verwenden, noch heute das Lebendigste dort.