Archiv für den Monat Oktober 2018

Beton im Park

Elbląg ist, wenn ihm auch einiges fehlen mag, mit mehreren schönen Parks gesegnet und der schönste von ihnen ist der Park Dolinka. Dolinka heißt kleines Tal und wenn man den Park an seinem Ende, in der Kościuszki (Kościuszko-Straße), betritt, ist es, als fließe man mit dem Bach Kumiela durch ein kleines Tal in die Stadt hinein.

Der Park ist dabei ganz und gar Produkt des polnischen Sozialismus. Die erste Maßnahme war es, einen neuen Wasserfall zu bauen. Er führt ein ganzes Stück vom alten entfernt direkt durch den Beginn des Tals.

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Sein Betonkanal beschreibt erst einen weiten Schwung mit dem sanften Gefälle, um das Wasser hinabzuleiten. Dann fließt er über drei kleine Stufen in einen geraden Kanal, den bei seinem Ende eine stählernen Brücke überspannt. Nun folgt die höchste Stufe des neuen Wasserfalls.

Während das Wasser über die Kante fließt und sie rund wirken läßt, öffnen sich die Betonwände nach außen und wirken dabei umso eckiger. Der folgende breite, aber kurze Kanal wird bei seinem Ende durch schräg vom Rand zur Mitte ragende Betonelemente wieder verengt. Noch ein Stück stürzt das Wasser herab, womit der Wasserfall endet.

Der alte Wasserfall ist rechts davon am Hang. Einst floß das Wasser aus dem Stausee, der auch später noch ein Freibad war, unter einer Brücke hindurch und stürzte die breite steingefaßte Fläche steil ins Tal hinab.

Trocken, die Brücke mit Erde unterfüllt, teils mit Bäumen bewachsen, ist es kaum mehr als solcher oder als irgendetwas zu erkennen.

Bloß eine morastige Fläche ein Stück davor wirkt, als erinnerte sich der Bach an seinen alten künstlichen Lauf.

Die beieinanderliegenden Wasserfälle stehen für zwei verschiedene Herangehensweisen an die Gestaltung der Natur. Der alte versucht mit Steinen natürliche Gegebenheiten, die hier nicht bestehen, nachzuahmen – er lügt. Der neue schafft für das Wasser einen Betonlauf, der mit Natürlichem offenkundig nichts zu tun hat – er ist ehrlich. Wiewohl die vielfältigen und spannungsvollen Wechsel von Geschwungenem und Geradem, Fallendem und Flachem, Breitem und Engem sicher praktischen Erfordernissen geschuldet sind, wirkt der neue Wasserfall doch auch wie eine abstrakte Skulptur, in der sich Beton und Wasser verbinden. Er ist jedenfalls mit den daneben verlaufenden Treppen und Wegen und der an wohlgewählter Stelle hinüberführenden Brücke so gestaltet, daß er vom Menschen erlebt werden kann. Da ist es nur eine schöne Bestätigung, wenn auf der Betonschräge im Frühling Jugendliche lagern.

Weiter fließt der Bach gerade durch das enge Tal. Rechts führen Wege zwischen alten Bäumen hinauf, während links steiler Hang ist. Ein letztes Mal stürzt das Wasser hier zwischen schrägen Betonelementen herab. Wo der Bach einen Bogen macht, öffnet sich das Tal und der Park. Links vor dem Hang sind weite Wiesen, auf denen auch eine Skulptur steht, die eine typische abstrakte Elbląger Raumform aus den Sechzigern sein könnte, aber erst 2012 entstand. Den hufeisenförmigen Bogen des Bachs kann man entweder auf dem Weg rechts gehen oder über zwei Brücken, die ihn gerade durchschneiden, abkürzen.

Rechts ist oberhalb der Bachbiegung eine Freilichtbühne mit Amphitheater in den Hang gesetzt. Zwischen zwei Treppen steigen Beete in vorgewölbten Terrassenstufen zu ihm hinauf an.

Ihre Mauern sind aus kleinen horizontalen Steinplättchen, was dann bei den Stufen des Amphitheaters wieder aufgenommen ist. Die eigentliche Bühne ist eine kreisrunde niedrige Betonfläche, die aber zu schweben scheint.

In ihrem hinteren Teil, zum Park hin, steht ein Dach aus höher geführten Stützen und leicht schräg ansteigende Streben aus gelbem Stahl. Daneben ragen zu beiden Seiten zwei große grüne Stahlelemente auf, die schmal beginnen, langsam breiter werden und sich nach einem Knick im unteren Viertel leicht über das Dach lehnen. Ist das Dach einfach und funktional, so könnten die grünen Keile wiederum Skulpturen sein. Auch im heutigen Zustand größten Verfalls zeigt die Freilichtbühne noch seine architektonische Brillanz.

Sie steht an einem Scharnierpunkt des Parks und man könnte sie seinen Höhepunkt nennen, wenn sie nicht so sehr Teil eines Ganzen wäre, daß das Wort sinnlos wird. Neben ihr führt ein Weg hinauf in Wohngegenden, dann folgt ein Rodelhang. Das ist immer ein beliebtes Gestaltungselement in Parks, aber dieser ist gleichsam die Deluxeversion mit Treppe und weitem Schwung ins Tal, beinahe der Ansatz einer Bobbahn.

Im weiteren Verlauf des Tals trennen sich der nunmehr naturähnlich geschlängelte Bach und der Weg. Es gibt weitere Wiesen, Brücken, Skulpturen. In einer anderen Biegung nähert sich der Friedhof, der oberhalb des Hangs links lag, dem Bach.

Der Park endet mit einem großen Spielplatz. Von hier sieht man schon eine städtische Silhouette aus Wohnhochhäusern und Zikkurat.

Elbląg zeigt sich dem Park von seiner schönsten Seite.

Jenseits des Reihenhauses

Es ist ja nicht so, daß die Niederlande, weil sie Einfamilienhäuser, meist Reihenhäuser, bevorzugen, nicht in der Lage wären, mehrstöckige Wohngebäude zu bauen. Im Gegenteil sind ihre diesbezüglichen Leistungen mindestens so gut wie die in anderen Ländern.

Eine Wohnanlage wie diese Ecke Stratumsedijk/Elzentlaan (Stratumdeich/Elzentstraße) in Eindhoven etwa, die sogenannten Wilma-Flats (Wilma-Appartmentgebäude).

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Die Kreuzung dieser beiden Straße wird bestimmt von einem großen dreizehngeschossigen Hochhaus an der zweiten von ihnen. Die Schmalseiten sind aus rohem grauen Beton, auch die unter Hälfte der Balkonbrüstungen und die Trennwände zwischen den Balkone – ein solches Gebäude würde auch in viele andere kapitalistische wie sozialistische Staaten gut passen. Dann entlang des Stratumsedijk stadteinwärts eine Ladenzeile, Schaufenster und eckige Kolonnaden im Erdgeschoß, Fensterband zwischen zwei Betonbändern im leicht überstehenden Obergeschoß – ein fast archetypischer Anblick, der aus unzähligen anderen Städten vertraut ist.

Das achtgeschossige Wohnhaus, das etwas zurückgesetzt hinter der Ladenzeile steht, ist schon weit typischer niederländisch. Die Schmalseiten sind mit weißen Backsteinimitationen, zwischen denen die horizontalen Betonträger sichtbar bleiben, verkleidet, die Breitseiten aber sind ganz in Glasflächen hinter Balkonen mit offenen und geschlossenen Brüstungen aufgelöst. Ein entsprechendes sechsgeschossiges Gebäude, ohne Ladenvorbauten und weit kürzer, schließt quer hinter dem Gebäude an.

Von der straßenabgewandten Seite zeigt auch das Hochhaus seine niederländischen Charakteristika: zwischen einem vorgesetzten Aufzugstrakt rechts und einer Wendeltreppe in jeweils vorgesetzten Balkonen in der linken Ecke ist es von Laubenggängen erschlossen. Laubengänge sind in Ländern, wo das Einfamilienhaus die Grundlage des Wohnbaus ist, immer weit beliebter als anderswo. Vielleicht soll den Bewohnern damit das Gefühl genommen werden, daß sie sich mit anderen ein Gebäude teilen. Vielleicht ist es den Bewohnern auch wichtig, daß, wenn schon nicht wie beim Reihenhaus alle Passanten, wenigstens die Nachbarn in die Zimmer schauen können. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß das 1960 entwickelte Vorfertigungssystem der Firma Wilma Bouw, in dem die Gebäude errichtet wurden und von dem sie ihren Namen hatten, Laubengänge verwendet.

Im durch die drei Gebäude von der Straße abgegrenzten Bereich ist ein großer Hof, der den Namen Bomansplaats (Bomanhof) trägt. Er ist öffentlich zugänglich, auf ihm stehen viele große Platanen, aber er ist ausschließlich Parkplatz.

Eine Gestaltung, die zum Aufenthalt oder irgendeiner anderen Nutzung als für das Auto einlädt, ist nicht einmal angedeutet. Hier zeigt sich die niederländische Architektur von ihrer schlechtesten Seite. Vom großen Vorbild der Lijnbaan ist der Raum unendlich weit entfernt. Es ist, als solle der Platz, der durch das Bauen in die Höhe eingespart wurde, wieder möglichst sinnlos verschwendet werden.

So ärgerlich diese städtebauliche Verschwendung auch ist, das Beispiel zeigt klar, wie gut die Niederlande auch hohe Wohngebäude zu bauen verstanden. Aber sie wollten meist einfach nicht.

Klassenkampf in Klatovy

Städtebau ist immer ein wichtiges Mittel des Klassenkampfs. Le Corbusier, dem nichts ferner lag als Klassenkampf, beschrieb in Punkt 13 und 14 der Charte d’Athènes (Charta von Athen), wie die Villen der Reichen immer die Lagen mit der besten Luft und Aussicht einnehmen, während für die Mietskasernen der Armen die dreckigsten und dunkelsten Lagen bleiben. Auch in Klatovy im südlichen Westböhmen ist das so. Während die Luftverhältnisse schwer zu beurteilen sind, ist es die Aussicht sofort. In Klatovy hat man den besten Blick auf die Altstadt von Osten her. Den schwarzen und den weißen Turm, die Türme der Jesuitenkirche und der Dominikanerkirche, das Rathaus und die gotische Kathedrale sieht man hier hinter erhaltenen Teilen der Stadtmauer aufragen.

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Es ist ein Postkartenblick und er gehörte ganz selbstverständlich einem Villenviertel aus der ersten Republik. Waren die Villen eher bescheiden, so war der Blick umso exklusiver. Doch dann kam der Sozialismus und er baute direkt gegenüber den Maueranlagen einige sechsgeschossige Wohngebäude.

Wenn man vom weißen Turm und der Kathedrale durch ein Tor im ersten Mauerring geht, eingelullt vielleicht vom ach so schönen Alten, das in vielen Details in Wirklichkeit aus dem 19. Jahrhundert stammt, kann es ein Schock sein, jenseits der Grünanlage und des zweiten Mauerrings die betongrauen Fassaden, die durch zurückgesetzte Gitterbalkone rhythmisiert sind, zu sehen. Das ist eine selbstbewußte Architektur und Stadtplanung, die das Alte respektiert, aber ihm ohne Zögern das Neue gegenüberstellt. Wenn man die Straße Štorchova im Villenviertel entlanggeht, wirken die sozialistischen Gebäude wie eine Mauer aus Beton.

Das ist ein ungewöhnlich starkes Beispiel städtebaulichen Klassenkampfs. Der Blick der Villen auf die Altstadt wurde enteignet und statt weniger Bürger können ihn nun viele Proletarier genießen. Auch ist die Mauer keine Mauer, da es einen Durchgang gib, durch den tretend man die Stadtmauer und einige Türme vor sich hat.

Selbstverständlich können auch in diesen Gebäuden nur relativ wenig Menschen wohnen und können auf einer Bank vor einem anderen nur wenige Besucher den Postkartenblick erleben, sie bleiben mehr ein Symbol der neuen Machtverhältnisse in Klatovy.

Es paßt, daß beim nördlichen Ende dieser Gebäude eine kleine barocke Kapelle steht, die auch eine Wegachse durch ein folgendes kleines Wohngebiet mit vier- und achtgeschossigen Gebäuden abschließt.

Diese viel zierlichere alte Architektur vor den Stadtmauern, zu der Skulpturen von Maria und dem heiligen Václav kommen, wird von der Architektur des Sozialismus ganz wie der Blick auf die Altstadt in sich aufgenommen, damit beide schöner werden.

Das städtebauliche Konzept, die Altstadt so weit wie möglich mit fortschrittlicher Architektur zu umrahmen, ist auch im folgenden deutlich. Allerdings führt hier eine mehrspurige Schnellstraße mit großen Kreuzungen durch die Stadt. Wenn hier neue Bebauung vor der alten steht, hat sie eher den Effekt, diese vom Verkehr abzuschirmen, während der Blick hinauf in die Altstadt ohnehin weniger gut ist. Aber bald ist die Altstadt nicht mehr so wichtig und, ob in aufgereihten Achtgeschossern am Fluß oder in ganzen Wohngebieten, ist es offenkundig, daß der Sozialismus den Kampf gewonnen hatte.

Iași im Jahre AѰѮЄ/١٧٦٥/1765

Daß die Vergangenheit ein fremdes Land ist, stimmt überall. Es ist völlig unmöglich, sich vorzustellen, wie Menschen vor hundert Jahren gelebt haben, auch, wenn es in derselben Stadt war, auch, wenn sie unsere Großeltern waren. Aber es stimmt vielleicht noch etwas mehr in einem Land, daß in relativ junger Vergangenheit so viele Veränderungen erlebte wie Rumänien.

Ein erstaunliches Beispiel ist der Turm der Biserica Sfântul Spiridon (Spyridon-Kirche) in Iași. Er ist ein Torturm in der früheren Mauer um seine Kirche, wie das hier üblich ist, aber er wirkt weniger archaisch und abweisend als manche andere.

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Der untere Teil ist durchaus sehr massiv mit eher niedrigem rundbögigen Tordurchgang und ansteigenden Strebepfeilern schräg in den Ecken. Auch der zurückgesetzte obere Teil ist keineswegs schlank, aber mit den vor die abgeschrägten Ecken gesetzten Voluten und den je vier korinthischen Pilastern, durch die die Ecken gleichsam abgerundet werden, bemüht er sich deutlich um Leichtigkeit. Dazu kommt an jeder Seite ein großes rundbögiges Fenster und eine Uhr. Sogar die dicke und hohe Kuppelhaube mindert den Eindruck von Leichtigkeit kaum. Neben dem Turm stehen an beiden Seiten niedrigere Anbauten mit eigenen flachen Kuppeldächern und komplizierten floralen Mustern. Auf der Fassade ist jeweils erst ein vorhangartigen Bogen und dann ein angedeutetes Portal aus Pilastern mit Blattkapitellen und ornamentalen Giebeln, in dem statt Türen weitere Bögen und Ornamente sind. Tatsächlich waren hier Brunnen.

Der Turm ist ein unverkennbarer Barockbau, wie man ihn zwar in einem zentralen Land des Barock nicht erwarten würde, der aber auch nicht überrascht. Ob der Strebepfeiler und der Verjüngung von einer massiven Basis erinnert er entfernt an das Rathaus von Zamość, barocke Architektur anderswo am Rande Europas. Die Jahreszahl 1786 über dem Tor paßt jedenfalls gut.

Doch dann sind in den Ornamenten der Brunnenbauten Inschriften, die alles Erwartbare durchbrechen und zeigen, daß Rumänien eine völlig andere Geschichte hat als etwa Polen. Unter dem moldawischen Wappen ist im oberen quadratischen Feld jeweils eine lange Inschrift, links in kyrillischer und rechts in griechischer Schrift, und im unteren horizontal ovalen Feld eine weit kürzere Inschrift in arabischer Schrift.

Links

Einfach so, mitten in Iași. Die Inschriften passen sich durchaus gut in die Ornamentik ein, die eckigeren kyrillischen und griechischen Buchstaben im eckigen Feld, die runderen arabischen im runden und noch begleitet von Blumenmustern.

Nun ist es jedoch so, daß keine dieser Schriften gegenwärtig in Rumänien in Gebrauch ist; das Rumänische wird in lateinischer Schrift geschrieben. Doch in diesem fremden Land, aus dem hier Nachrichten überblieben, war das anders. Die linke obere Inschrift ist rumänisch, denn bis 1860 benutzte diese Sprache kyrillische Buchstaben, und die rechte obere ist griechisch. Die unteren Inschriften sind bei genauerem Hinsehen nur eine, die auf zwei Felder verteilt ist, entsprechend der Schreibrichtung der arabischen Schrift rechts der erste, links der zweite Teil. Sie ist türkisch, denn bis in die zwanziger Jahre benutzte diese Sprache arabische Buchstaben. Die Sprache ist hier verteten, weil nicht Rumänien, das es nicht gab, sondern die Fürstentümer Walachei mit der Hauptstadt Bukarest und Moldawien mit der Hauptstadt Iași bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Vasallen zum osmanischen Reich gehörten.

Fragt sich, wer diese Botschaften lesen soll. Ende des 18. Jahrhundert verstand jeder in Iași, der lesen konnte, die eine oder andere der Sprachen, heute versteht sie niemand. Ein durchschnittlicher Rumäne kann kyrillische Buchstaben so gut lesen wie ein durchschnittlicher Deutscher. Und selbst, wenn er Russisch gelernt hätte, selbst, wenn ein Russe vorbeikäme, es würde wenig helfen, denn das rumänische Kyrillisch kannte viele Zeichen, die andere kyrillische Alphabete schon lange nicht mehr benutzen, etwa das faszinierend schlangenartige Ѯ. Gleiches gilt für die türkische Inschrift. Ein Türke würde vermutlich nicht einmal merken, daß sie türkisch ist. Wer Arabisch kann, würde zwar die meisten Buchstaben erkennen, aber nicht die Worte, da sie eben türkisch sind, ein sehr altes osmanisches Türkisch noch dazu. Beide Sprachen waren einmal in diesen Schriften normal und gehören jetzt in gefühlt fernste Vergangenheit, da sowohl Rumänien als auch die Türkei die lateinische Schrift eingeführt haben, Rumänien nachdem es bemerkt hatte, daß seine Sprache romanisch, also ja eigentlich lateinisch, westlich ist, die Türkei einfach so, um westlich werden. Die Vergangenheit ist hier ein so fremdes Land, daß wirklich nur noch ein spezialisierter Historiker verstehen kann, was sie ganz öffentlich äußerte.

Einzig ein Grieche fände sich in einer alten Form seiner Sprache und Schrift wohl noch zurecht. Dem griechischen Text ist auch die in gewohnten, sogenannten arabischen Ziffern geschriebene Jahreszahl 1765 zu verdanken, die hilft in den anderen Texten die Jahreszahl ١٧٦٥ in tatsächlichen arabischen Ziffern und AѰѮЄ in kyrillischen Buchstaben, die auch Zahlenwerte haben, zu finden.

Kein Schild, keine Informationstafeln versuchen dem Betrachter des Turms die Vergangenheit näherzubringen, verständlicher zu machen, obwohl eine arabische Inschrift bei einer Kirche in Europa nach einer Erklärung durchaus verlangen könnte. Es liegt wohl daran, daß die Kirche und ihr Torturm zwar zentral, aber nicht angenehm erreich- oder betrachtbar liegen.

Die Kirche gehört schon seit ihrer Entstehung zum Krankenhaus, der Turm ist in recht schlechtem Zustand, sein Durchgang den Schildern nach zu urteilen schon lange versperrt und direkt davor verläuft der vielbefahrene Bulevardul Independenție (Boulevard der Unabhängigkeit).

Auf eigentümliche Weise sind die Inschriften in den fremden Schriften dadurch sehr versteckt. So kann man leicht übersehen, wie fremd die Vergangenheit eigentlich ist. Andere Tortürme und Kirchen in Iași sind aufwendig restauriert und architektonisch bedeutender, doch Inschriften wie diese haben sie nicht oder nicht mehr. Alles in der Gegenwart drängt dazu, die Spuren des fremden Lands, das die Vergangenheit ist, zu verwischen.

Falls nun noch eine Auslösung erwünscht ist: Laut den einfach zugänglichen Quellen erzählt die rumänische Inschrift davon, daß der damalige Fürst Grigore Alexandru Ghica III. die Brunnen stiftete.

Von unbekannten Orten und ihrer Entdeckung

Manchmal hört man die Klage, daß es auf der Welt nichts mehr zu entdecken gäbe, daß alles erforscht und kartographiert sei. Das mag stimmen, doch was heißt das schon? Irgendjemand war überall, irgendjemand hat alles gesehen, aber ich ja nicht. Mit einer gesunden Dosis Sensualismus verschwindet das Problem sofort: man glaube nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Selbstverständlich weiß ich, daß es beispielsweise Peru gibt, aber glauben, wirklich glauben kann ich es doch erst, wenn ich es gesehen habe.

Und bloß weil es über alles so viele Informationen gibt, heißt nicht, daß man nichts entdecken kann. Man muß die Informationen ja nicht einholen, bevor man auf die Entdeckungsfahrt aufbricht. Man kann jeden einzelnen Ort besuchen, als sei man der erste, der ihn besucht. Man kann sich selbst die Karten zeichnen, wenigstens im Kopf, die Sprachen der Einheimischen lernen und so ihrer Bauweise, ihren Sitten, ihrer Geschichte näherkommen. Bloß, weil etwas schon einmal jemand gemacht hat, heißt nicht, daß man es nicht wieder machen kann. Das tastende und staunende Entdecken von etwas ganz Anderem, das im 17. Jahrhundert ein jesuitischer Missionar in Vietnam oder ein Frankfurter Kaufmannsgehilfe in Moldawien erlebt haben mochte, es läßt sich wiedererleben, wenn man das denn will.

Aber selbstverständlich will das keiner. Die Klage ist nicht ernst gemeint. Das Entdecken neuer Orte als wäre man ihr Entdecker ist mühselig, vielleicht manchmal gefährlich, sicher oft frustrierend. Selbstverständlich will jeder lieber den ausgetretenen Wegen, die früher Baedeker, heute Instagram vorgeben, folgen. Daran ist auch nichts Falsches. Falsch ist nur die Klage, es gäbe nichts mehr zu entdecken, denn es gibt davon so viel wie eh und je.

Aus Autorenkollektiv: Mapa Turystyczna Uznam-Wolin/Touristenkarte Usedom-Wolin, Warszawa/Berlin 1980

Vysoké Mýto

Vysoké Mýto ist eine kleine Stadt in Ostböhmen, eine Provinzstadt, typisch und einzigartig wie so viele. Seine Altstadt ist genau so, wie sie sich schon aus der Entfernung zeigt: vieltürmig, zu mehreren Seiten leicht erhöht über dem Umland, eine alttschechische Idylle.

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Was sie bestimmt, sind aber nicht zuerst Gebäude, sondern der riesige quadratische Platz, um den nur einige wenig regelmäßige rechtwinklige Straßen sind, bevor die früheren Stadtmauern sie begrenzten. Diese städtebauliche Struktur erinnert sofort an České Budějovice und tatsächlich sind beide Gründungen des Königs Přemysl Otakar II. im 13. Jahrhundert, nach dem ihre Plätze heute auch heißen. Das ist jedoch bereits das Ende der Gemeinsamkeiten, da České Budějovice auch später noch eine bedeutende Stadt war und noch heute ist, während sich in Vysoké Mýto seitdem wenig getan hat. Das mag polemisch und übertrieben klingen, doch die Stadt tut alles, um diesen Eindruck zu verstärken.

Von den drei weitgehend erhaltenen gotischen Stadttoren behielt nur das Choceňská brána (Choceňer Tor) seine elegante barocke Zwiebelhaube, heute mit Holzschindeln verkleidet.

Litomyšlská und Pražská brána (Litomyšler und Prager Tor) hingegen wurden im späten 19. Jahrhundert zu neogotischen Phantasiegebilden mit patriotischen Sprüchen umgebaut.

(Pražská brána)

Die přemysltypisch abseits des Platzes gelegene Kostel svatého Vavřince (Laurentiuskirche) wurde zur selben Zeit so sehr regotisiert, das sie von außen makellos und langweilig aussieht wie aus einem Katalog bestellt.

Wenn ihre Stadt schon bedeutungslos war, scheinen sich die Verantwortlichen gedacht zu haben, dann sollte sie wenigstens so aussehen, wie sie sich die große Zeit des tschechischen Volks im Mittelalter vorstellten. Das war vor allem ein Kampf gegen den als fremd, katholisch, international begriffenen Barock.  Sogar in der Gestaltung des Platzes kann man das sehen.

In der Mitte seines großen Quadrats ist ein kleineres aus Bäumen, die zwar in der Weite des Platzes wertvollen Schatten spenden können, aber nur dazu dienen, den Blick auf die barocke Mariensäule in der Platzmitte zu verdecken.

Wie absurd es ist, mit den Formen des gotischen Mittelalters auf die glorreichen Höhepunkte der tschechischen Nationalgeschichte zurückgreifen zu wollen, merkt man leicht daran, daß Deutsche, Franzosen, Briten zur gleichen Zeit genau das gleich taten. Die Neogotik war nicht weniger international als der Barock, mit dem Unterschied aber, daß jener in seine Zeit paßte, während diese nur lächerlich ist. Auch der Haß des 19. Jahrhunderts auf den Barock war nichts spezifisch Tschechisches, wobei er in Tschechien etwas berechtigter war, da dieser Stil ja tatsächlich mit Gegenreformation, Rekatholisierung und Germanisierung verbunden war. Im Ergebnis ist Vysoké Mýto das seltene Beispiel einer tschechischen Stadt ohne barocke Kirche.

Oder jedenfalls fast. Denn nach dem rückwärtsgewandten Historismus kam in Tschechien der Jugendstil, der in manchem eine viel zu späte Fortsetzung des Barocks ist. So bekam die im Kern gotische kleine Kostel Nejsvětější Trojice (Dreifaltigkeitskirche) an der ehemaligen Stadtmauer einen Jugendstilgiebel mit Reliefs des Bildhauers Bohumil Vlček.

Seine Stufen mit halb- und viertelrunden Elementen mögen der Renaissance abgeschaut sein, doch die großen Reliefs darin geben sich entschieden barock.

Sie könnten sogar fast täuschen. Im Mittelpunkt ist eine sehr barocke Maria, die mit Kind in verzückter Pose auf einer Mondsichel steht. Auch die Wolken und Engelsgesichter, die sie rechts und links rahmen, passen gut. Doch wie die Wolken aus einer Schale unter Maria aufsteigen und sich rechts über einen der vertikalen Streben, die den Giebel gliedern, ziehen, überhaupt wie die Reliefs mit dem Giebel spielen, ist gleichsam zu barock. Es ist so barock wie der Barock gerne gewesen wäre, aber nie war, vielleicht nie sein mußte. Und in Marias linker Hand ist eine filigrane goldene Blume, die weit hervorragt, fast zum eigentlichen Mittelpunkt des Giebels wird.

Von oben zeigt aus den Wolken eine Hand zu Maria herab, aus deren ausgestrecktenm Daumen, Zeige- und Mittelfinger Strahlen zu ihrem eigenen strahlenden Heiligenschein verlaufen. Noch darüber ist im obersten runden Bogen eine Taube mit weit ausgebreiteten Flügeln als sei sie im Sturzflug. Es paßt gut, daß eine Taube der höchste Punkt des Reliefs ist, da die Kirche heute leersteht und ganz den Tauben gehört. Sie nisten weiter unten an der Fassade um die in Nischen stehenden Heiligenstatuen und vor dem bunten Fenster, halten sich aber auch im teils weit vorstehenden Relief gerne auf, so daß die symbolische obere Taube nie allein und auch nicht der heilige Geist sein muß.

Seitlich der Maria und zu ihr gewandt knien betend die tschechischen Schutzheiligen, links der heilige Václav, rechts wohl die heilige Ludmila, und außen sind zwei weitere Heiligenpaare. So kommt auch in den neobarocken Jugendstil ein wenig von der tschechisch-nationalen Thematik, die Vysoké Mýto prägt. Diese Reliefs sind insgesamt statischer, lebloser, ferner vom Barock, obwohl ein kleines Monster an einer Kette ein nettes Detail ist (seine Herrchen sind vielleicht eine amalgamierte Darstellung der heiligen Margareta, Cyriak und Philipp).

Jugendstilformen wählte die Stadt auch für die Verbindung zum Bahnhof, das heißt über die 1882 eröffnete Bahnstrecke in die weitere Welt. Nicht weit hinter der neogotischen Laurentiuskirche beginnt die zum Bahnhof führende Generála Závady (General-Závada-Straße). An den Ecken sind die Häuser höher und an der Straße selbst niedriger.

Es ist ein ortsspezifischer Jugendstil, der für die Giebel ähnlich wie bei der Kirche halbrund aufsteigende Formen verwendet, aber zugleich gibt es wenig Österreicherisches als solch eine Straße. An ihrem Ende ist rechts der Bahnhof Vysoké Mýto město (Vysoké Mýto Stadt), der seinen Namen wahrlich verdient hat. Er ist auch kein normaler Bahnhof, sondern ein zweigeschossiger Hotelbau, vor dem in einem flachen hölzernen Vorbau die Schalter und sonstigen Bahnhofseinrichtungen sind. Die Verbindung von Bahnhof und Hotel, im Großbritannien des 19. Jahrhunderts typisch, sieht man in Tschechien fast nie und erwartet sie gewiß nicht in der ostböhmischen Provinz.

Eine Art Höhepunkt des Jugendstils in Vysoké Mýto ist dann die kupferne Wetterfahne auf dem Ecktürmchen des Hotels, ein einziges schwebendes Jugendstilornament, triumphierend, frei.

Die Kirche, die Straße, das Hotel, sie sind wie ein Versuch, aus der selbstgewählten Rückwärtsgewandtheit, die die Stadt prägt, auszubrechen. Der Jugendstil war dazu der logische Stil, aber er war auch das letzte Aufbäumen einer sterbenden Zeit. Kirche, Straße, Hotel sind späte Werke, wie der ganze Jugendstil nur ein Zwischenschritt zur Befreiung von Architektur, Kunst und Welt war. Aber angesichts des Přemysliden-Disneylands, zu dem das 19. Jahrhundert Vyoské Mýto hatte machen wollen, ist das schon viel.

Linköping Arena

Das Interessanteste an Linköpings neuem Fußballstadion, der Linköping Arena, ist daß es nicht sofort als solches zu erkennen ist. Auf den ersten Blick, etwa aus dem vorbeifahrenden Zug, sieht man vier recht hohe Punkthäuser in den Ecken einer niedrigeren rechteckigen Anlage. Das ist das Stadion.

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Es ist auch ein ganz typischer, erfreulich unprätentiöser Bau aus jüngerer Zeit. An der einen Schmalseite ist ein dreigeschossiger Verwaltungsbaus, an der anderen nur eine Absperrung und eine aufgestützte Anzeigetafel und an den Breitseiten Tribünen mit schmalen Betonpfeilern und einem stählernen Dach. Zwischen den Pfeilern ist Stahlgitter mit runden Löchern, das auch die innen hinaufführenden Treppen nachzeichnet.

Das war alles und ist noch auf dem Lageplan und der computergerenderten Darstellung alles.

Doch hinzu kommen in den Ecken die Punkthäuser. Drei sind acht Geschosse hoch und haben Pultdächer, das vierte hat sogar vierzehn Geschosse und war im Frühjahr 2018 noch im Bau. Mit regelmäßigen Fensteröffnungen und einer Verkleidung in Grau und Rot sind sie gleichfalls ganz typische, um nicht zu sagen banale Bauten aus jüngerer Zeit.

Überraschend ist die Verbindung von Stadion und Wohnbebauung. Angesichts des Lärms von Fußballspielen scheint diese zuerst absurd, dann aber immer sinnvoller, denn wie oft sind schon Fußballspiele und warum sollte man den großen Platz, den ein Stadion braucht, nicht effizient ausnutzen? Das Problem ist wie so oft die städtebauliche Einordnung, das heißt in diesem Fall deren Fehlen. Die Linköping Arena steht isoliert am östlichen Stadtrand, zu zwei Seiten Felder, zu einer der große Norrköpingsvägen (Norrköpingweg) und die Eisenbahnlinie nach Norrköping und zur Stadt hin Parkplatz und Gewerbegebiet. Diese Isolation ist auch der Unterschied zum in manchem ähnlichen Johannelund Centrum. Irgendwie gestaltet ist nur die Straßenseite, wo weitere Sportanlagen, große Stahlkäfige, die wohl irgendwann von Schlingpflanzen bedeckt sein sollen, und eine Skulptur mit bunten achteckigen Glasflächen, die auch einen Bezug zum Fußball behaupten kann, stehen.

Wirklich weit ist es nicht bis ins Zentrum, die Silhouette aus Kirch- und anderen Türmen ist von hier vielleicht besser zu sehen als von irgendwo sonst, auch für Fußgänger und Radfahrer gibt es eine gute Wegverbindung, aber wie ein Teil von Linköping wirkt der Stadion- und Wohnkomplex nicht im geringsten. Eher gleicht er so allein in der weiten Landschaft mit seinen Mauern und Ecktürmen einer Burg, die jederzeit bereit ist, sich gegen die feindliche Umwelt und alle Angreifer zu verteidigen.

Für die Fußballfans des Linköping FC mag das eine willkommene Assoziation sein, aber für die Bewohner der Gebäude wohl kaum.