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Abstrakter Historismus

Im mittelböhmischen Nymburk gibt es eine hussitische Kirche par excellence.

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Von vorne und von der Seite führen Stufen hoch hinauf zu den Eingängen, vor denen sechs eckige Stütze ein Vordach mit der Aufschrift Husův sbor (etwa: Hus-Kirche) tragen. Darüber sind an den Seiten Teile mit je drei hohen vertikalen, aber horizontal untergliederten Fenstern. In der Mitte ist leicht zurückgesetzt der schmale und hohe Turn, der hier ein bis fast ganz hinauf verlaufendes vertikal strukturiertes Fenster hat. Erst ganz oben sind nach, rechts und links Öffnungen mit horizontalen Geländerstreifen. Auf dem flachen Turmdach steht ein großer kupferner Kelch, aus dem ein doppeltes Kreuz ragt. Der dahinter anschließende Saal ist etwas niedriger als der Eingangsteil und hat an den Seiten je sechs vertikale Fenster.

Was diese Kirche auszeichnet, ist größtmögliche Monumentalität bei völlig schmucklosen Formen.

Ohne daß irgendwelche historistische Ornamentik vorhanden wäre, sieht man doch überall historische Vorbilder. Die Stufen sind eine Pyramide, die Stützen ein Tempel, der Turm ein Campanile der Renaissance, die Seiten gotisch. Wie einfach das geht! Der dunkle Stein der Treppen und der Stützen, der cremefarbene Putz, das grünstichige Glas und schließlich der grüne Kelch. Wie lachhaft daneben alle frühere historistische Architektur wirkt! Etwa die irgendwie neoklassizistische evangelische Kirche von 1897 an der Ecke schräg gegenüber.

Solch ein nichtiger, unbeholfener Bau. Wenn ihr schon historistische Bezüge wollt, scheint ihr der Husův sbor zuzurufen, dann macht es wenigstens richtig, macht es wie ich.

Das, was sie will, monumental zu sein durch Zitate historischer Architektur, aber ohne deren Ornamentik, eine Art abstrakter Historismus zu sein, gelingt dieser 1936 errichteten Kirche perfekt. Daß es nicht das Richtige ist, daß nicht das zu wollen ist – das ist eine andere Frage.

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