Archiv für den Monat Mai 2019

Reste von Matarnia

Heute ist Matarnia vor allem ein großes Einkaufsareal an der Obwodnica, der Autobahn, die sich um die Trójmiasto (Dreistadt) legt. Dort gibt es IKEA, Obi, Media Markt und viele andere Geschäfte um große Parkplätze.

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Für den aufmerksamen Reisenden zum Gdańsker Flughafen ist Matarnia auch noch ein Bahnhof an der erst 2015 eröffneten Bahnstrecke.

Das alte Dorf Matarnia aber liegt genau dazwischen, versteckt oberhalb der Autobahn und nur zu erahnen von der Bahnstrecke.

Wäre nicht das Rauschen des Verkehrs, man könnte auf dem unebenen Kopfsteinpflaster des Wegs unter alten Bäumen leicht vergessen, daß irgendwo in der Nähe eine Stadt ist, daß Matarnia gar Teil von einer ist.

Denn Matarnia gehört heute zu Gdańsk, aber der Wald und die Hügel bilden eine natürliche Barriere zu dessen am Meer gelegenen Stadtteilen. Es überrascht nicht, daß hier in der Zwischenkriegszeit die Grenze zwischen Polen, in dem Matarnia lag, und der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk verlief.

Frei auf einem weiten Grundstück steht das große Gutshaus. Es ist ganz historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts und könnte auch als Villa in Lichterfelde oder irgendwo stehen.

Der niedrigere Teil endet mit einem Giebel in Neorenaissanceformen, während der höheren Teil Fachwerk, vielerlei geschnitzte Holzelemente vor dem Dach und neogotische Anklänge in der Steinbrüstung eines Balkons hat.

Etwas spezifisch Ländliches und Herrschaftliches ist am ehesten noch in der vorgesetzten überdachten Terrasse aus Holz.

Der Weg führt an diesem Grundstück und einigen neueren Häusern links vorbei auf die kleine Kirche zu, die ihm einen Backsteingiebel zeigt.

War man zuerst noch auf einer Höhe mit ihr, verläuft der Weg dann etwas nach unten und im Bogen links um das Kirchengelände herum, das damit einen eigenen niedrigen Hügelteil einnimmt.

Die Kirche ist ein ländlicher Bau, dem man seine Umbauten und Bauphasen gut ansieht. Die Mauern der Breitseiten bestehen teils aus unregelmäßigen Feldsteinen, teils aus Backstein.

Die jetzigen Fenster haben leicht abgerundete Bögen, was auf einen barocken Umbau hinweist, aber an einer Stelle ist noch ein spitzbögiges Portal zu erkennen. Rechts in der Mitte ist ein kleiner Anbau aus Fachwerk und links hinten ein größerer mit nach außen niedriger werdendem Pultdach.

Die Vorderseite ist ganz aus Backstein und hat einen Treppengiebel, in dem in der Mitte eine rundbögige Nische und oben ein offener Rundbogen, in denen jeweils Glocken hängen, sind.

Etwas an dieser Seite ist bei allem Bemühen um Gotik zu ungotisch. Die Formen sind zu eckig und zu rund, die komplizierte Ornamentik im Backstein zu perfekt.

An der Rückseite, die vom Weg her zu sehen war, ist links ein schräg und rechts ein gerade vorstehender Strebepfeiler aus Backstein. Im unteren Teil sind drei putzgefüllte Spitzbögen im Backstein, der Giebel ist dann eine noch einfachere Version von dem auf der Vorderseite. Er hat nur zwei Stufen, eigentlich nur eine niedrigere und höhere Wand, und dafür in der Mitte zwei rundbögige Nischen und oben zwei offene Rundbögen.

Hier ist der Kontrast zwischen der tatsächlichen Gotik unten und dem neueren Teil oben offensichtlich.

Aber vielleicht muß man den neuen Teilen der kleinen Kirche zugute halten, daß sie sich gar nicht bemühen, neogotisch zu sein. Vielleicht setzte in ihnen wie in der backsteinernen Mariensäule am Weg zum Eingang einfach ein örtlicher Maurer seine ganz unakademischen Vorstellungen davon, wie die Kirche weitergebaut werden sollte, um. Letztlich passen diese Formen so gut in die 1880er wie in die 1920er Jahre. Es ist schwer vorstellbar, daß der Umbau irgendeinen anderen Grund hatte als den Repräsentationswunsch des Gutsbesitzers, denn klein war Matarnia immer und eine geschichtliche Bedeutung hatte es selbst in seiner Zeit als Grenzort kaum. Und von wo sollte man die Kirche auch sehen? Sie hat tatsächlich erst ein Publikum, seit direkt vor ihr die Bahnstrecke verläuft. Ein wenig ist es, als hätte sie sich immer auf diesen Moment vorbereitet.

Ihren gegenwärtigen Zustand hingegen verdankt die Kirche einer Renovierung wohl in den siebziger Jahren, wie am grauen Putz, aber auch an den gleichsam archäologisch herausgearbeiteten Bauphasen zu erkennen ist. Aus dieser Zeit hat sie auch zwei hübsche Laternen mit runder Stange und in einer eckigen, etwas breiter werdenden Form gefaßtem Leuchtelement. Eine steht vor der Rückseite, die zweite an einem auf die rechte Seite zuführenden Weg. Wie er nach dem kleinen Tor mit einigen Steinplatten beginnt, dann in der Wiese verschwindet, aber dank zwei niedrigen Büschen, der Laterne und dem zugemauerten Bogen doch erkennbar bleibt, ist überraschend schön.

Der minimale Garten, die neue Laterne und das alte Gebäude werden zu einer harmonischen Einheit. Hier merkt man, daß diese Laternen aufzustellen ein nicht weniger schöpferischer Akt als Bau und Umbau der Kirche war.

Genutzt wird die kleine Kirche heute besonders von einem Storchenpaar.

Schon im Winter bemerkt man das große Nest links auf dem rückwärtigen Giebel und man könnte meinen, daß es die Symmetrie bricht. Doch im Sommer, wenn es bewohnt ist, scheint es eher, als unterstützte es sie, denn dann sitzen zwei Störche über zwei backsteinernen Bögen.

So hat das alte Matarnia mehr, als man von der Autobahn, und ein wenig mehr, als man von der Bahn erahnen kann. Zu dem, was man sieht, kommt das, was man nicht sieht. Hinter dem Gutshaus sind einige umgebaute Wirtschaftsgebäude, aber wie die Leute, die dort arbeiteten, lebten, das sieht man nicht mehr. Ihre Häuser waren wohl aus Holz und sie sind spurlos verschwunden. Wie meist, wenn man das Alte sieht, sieht man es nur in Resten, sieht nur das Alte der Reichen und Mächtigen. Man sieht nie alles, ob von der Autobahn oder vom Kopfsteinpflaster, aber das ist in Ordnung, solange man es weiß.

Metamorphosen und Ausstrahlungen einer Schule

Nicht immer verraten Gebäude alles, nicht immer ist die Anschauung genug, sie wirklich zu verstehen. In der Żeromskiego (Żeromski-Straße) in Trzcianka beispielsweise:

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Gleich auf den ersten Blick ein Schulgebäude aus den Zwanzigern, zur Bauzeit und lange danach eines der modernsten Gebäude der Stadt. Drei Geschosse, die großen Fenster durch Backsteinflächen zu horizontalen Bändern zusammengefaßt. Über den beiden Eingängen dünne halbrunde Vordächer, die beidseits auf massiven, aber stark abgerundeten Backsteinwänden mit horizontaler Struktur ruhen.

Das könnte alles sein. Ein nicht herausragendes, aber makelloses Beispiel dafür, wie fortschrittliche Architekturmoden in die östliche Provinz unweit der damaligen Grenze zu Polen drangen. Auch der leidige deutsche Backsteinexpressionismus ist hier schon überwunden, es gibt keine monumentalen Elemente. So weit reicht die Anschauung. Einziger kleiner Punkt der Irritation könnte das leicht überstehende backsteinerne Gesims unterhalb des Flachdachs sein. Etwas an ihm ist zu ornamental und für ein solches Gebäude betont es das Dach zu sehr.

Nicht Aufklärung, die nie nötig schien, sondern einen ganz neuen Blick verschafft auf Polnisch, Englisch und Deutsch eine neue Informationstafel an der Seite des Gebäudes.

Die Schule, erfährt man, wurde ursprünglich 1895 in zweifelsohne historistischen Formen erbaut und bekam in den zwanziger Jahren ihre heutige Gestalt. Noch später, bereits zu polnischer Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, wurde das große Walmdach durch das heutige Flachdach ersetzt. Damit wurde vollendet, was in den Zwanzigern begonnen worden war, denn die Gebäudeformen verlangen ein Flachdach. Das Gesims ist die letzte Spur des Alten.

Insgesamt also ist das Gebäude kein Neubau, sondern ein alter mit auf die Höhe der Zeit gebrachter Fassade. Es spricht für Trzcianka, dieses Bedürfnis nach wenigstens äußerlicher Modernität verspürt zu haben. Ansonsten findet man in der Stadt wenige Gebäude, die so weit gehen. Das meiste andere, was in den Zwanzigern entstand, ein Viertelkreis von Häusern am Straßenanfang beim Bahnhof etwa, ist in dem Formen weit konservativer, immer hohe Dächer, Treppengiebel. Weiter draußen gibt es viele satteldächige Einfamilienhäuser, die aus der Nazizeit sein könnten. Einzig ein Wohngebäude am Anfang der Sikorskiego (Sikorski-Straße) nach den Gleisen faßt seine Fenster auf ähnliche Art mit Backstein horizontal zusammen.

Und dann ist da noch ein kleines Häuschen in der Dąbrowskiego (Dąbrowski-Straße).

Es sieht aus wie die anderen Häuschen dort: ein einziges niedriges Geschoß parallel zur Straße, vier Fenster, Eingang in der Mitte, Satteldach, ein eigentlich dörflicher Haustyp, der kaum ins 20. Jahrhundert paßt, was man umso mehr merkt, als dahinter die fünfgeschossigen Bauten eines Wohngebiets aufragen. Aber etwas ist an ihm anderes.

Im dreieckigen Giebelfeld an der linken Schmalseite sind um ein dreieckiges Fensterchen ganz oben und zwei quadratische seitlich dunkle Rahmen gemalt, was noch nicht ungewöhnlich ist, aber zudem gibt es bloße Backsteinflächen beidseits des größeren Fensters in der Mitte – bandartige Verbreiterungen. Außerdem ist der Eingang mit seiner kleinen Treppe nicht bloß wie bei anderen Häuschen deutlich zurückgesetzt, sondern hat geschwungen zu ihm hin schmaler werdende Seitenwände.

Das sind nur kleine Details, doch die genügen, das Häuschen in eine Verbindung zum Schuldgebäude in der Parallelstraße, das von seiner Schwelle fast zu sehen ist, zu setzen. Ein Maurer habe sich das Häuschen gebaut, heißt es, und es ist gut vorstellbar, daß er am Umbau der Schule beteiligt war und als aufgeschlossener Arbeiter ein wenig von den dort kennengelernten neuen Formen für sein eigenes Heim verwandte.

Es ist eine hübsche Geschichte der Ausstrahlung von Architektur an die unwahrscheinlichsten Orte. Hier muß wieder die Anschauung genügen, eine Informationstafel hat das Häuschen nicht und wird es wohl nie haben. So wie das Schulgebäude nicht ganz war, was es zuerst schien, war auch seine Wirkung auf Trzcianka weit größer, als es zuerst scheinen mochte. Es gibt noch vieles, was auch dieses großpolnische Provinzstädtchen verraten könnte.

Möbel in Gdańsk

Geschichte liegt auf der Straße, im übertragenen wie im konkreten Sinne. Etwa die Möbel in den Straßen von Gdańsk, bei den Hauseingängen, bei den Müllplätzen.

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Es handelt sich um typischen halbwilden Sperrmüll, der daraus resultiert, daß Wohnungen renoviert werden.

Fast alle Möbel stammen daher noch aus der sozialistischen Zeit, aus der PRL (Volksrepublik Polen).

In der ehemaligen DDR wäre das meist anders, da die Menschen dort schon in den Neunzigern genug Geld hatten, sich zeitgemäße neue Billigmöbel zu kaufen.

In Polen hingegen war es den meisten nicht möglich, funktionierende Möbel einfach wegzuwerfen. Erst jetzt, da Leute die in den Siebzigern, Achtzigern eingerichteten Wohnungen ihrer verstorbenen oder anderswo abgestellten Großeltern übernehmen, füllen sich die Straßen.

Man kann hier wirklich alles finden, was man zur Einrichtung einer Wohnung bräuchte, von verschiedensten Schränken, Betten, Tischen, Stühlen für Wohn-, Schlaf-, Eß-, Kinderzimmer, Bad, Küche bis hin zu Haushaltsgeräten wie Kühlschränken.

Auch Türen sieht man und sogar eines der breiten und stabilen Fensterbretter, die zu den großen Vorzügen der Falowiec-Wohnungen gehören, stand einmal neben dem Aufzug.

Bei den Haushaltsgeräten scheint die Retromode noch nicht angekommen zu sein, obwohl es doch kaum einen größeren Ausdruck von Luxus gäbe als einen Kühlschrank der Marke „Szron“ (Tau) mit stilisiertem Tannenlogo und gewiß enormem Stromverbrauch bei geringer Leistung.

Vieles andere ließt sich in Berlin gewiß gut als Vintage verkaufen und gewiß haben findige Unternehmer in grenznäheren Städten dieses Potential schon lange erkannt.

Es ist eine wahre Freiluftgalerie der Designgeschichte, durch die man hier geht.

Der vielfach variierte Grundton ist das Braun von furniertem Holz, zu dem oft kräftige Farbakzente von Bezugsstoffen kommen.

Die Formen sind minimalistisch und funktional, allein die Stühle und Sessel erlauben sich manchmal expressivere Elemente. Schnörkel oder auch nur Blumenmuster sind selten. Wer sich mit dem Thema besser auskennt, wird in den Gdańsker Möbeln vielleicht Parallelen zu IKEA-Modellen der gleichen Zeit finden, denn bekanntlich hatte diese Firma ihre Produktion schon in den Siebzigern nach Polen outgesourct, was ihren Gründer reich und zum Alkoholiker machte.

Auf den Rückseiten der Möbel sind oft noch Aufkleber in gelblich verblichenem Papier, die neben technischen Daten den Herstellungsbetrieb und -ort, manchmal auch aufgestempelt Verkaufspreis und -jahr verraten.

Sie sind sich alle ähnlich, aber nie identisch. Sehr selten kommt zur Schrift ein Logo hinzu.

Es tut sich hier eine recht verwirrende Fülle von Betriebsformen auf, die zu verstehen man eine tiefere Kenntnisse der Wirtschaftsstruktur im sozialistischen Polen und deren Veränderungen über einen Zeitraum von immerhin vierzig Jahren bräuchte.

Fabryki meble (Möbelfabriken) scheinen sich von selbst zu erklären, aber am häufigsten ist die spółdzielna pracy (Arbeitsgenossenschaft), was offenbar einfach der sozialistisch angehauchte Name für eine nicht-staatliche Firma ist.

Oft sind dabei die Betriebe aus einem Ort einem zweiten aus einem anderen, größeren untergeordnet und über alles legt sich irgendwann der Krajowy Związek Spółdzielni Meblarskich (Landesverband der Möbelgenossenschaften) mit Sitz in Warschau.

Die Form eines przedsiębiorstwo państwowe (staatlichen Betriebs) ist selten, öfter noch gibt es die spółdzielna inwalidów (Invalidengenossenschaft), eine spezifisch polnische Betriebsform, die sogar heute noch in irgendeiner Form fortexistiert.

Die Herstellungsorte zeigen, daß die Möbelindustrie im sozialistischen Polen stark regional gegliedert war. Fast alle stammen aus Orten, die nicht mehr als hundertfünfzig Kilometer von Gdańsk entfernt liegen, ein nicht kleiner Teil sogar direkt aus der Trójmiasto (Dreistadt) oder unmittelbar angrenzenden Orten. Oft sind es sehr kleine Orte, was auf sehr kleine Betriebe hindeutet.

Umso faszinierender sind daher Importe aus anderen sozialistischen Ländern, die man ausschließlich an den Aufklebern, niemals am Design erkennt.

Ein Kühlschrank der ungarischen Marke „Lehel“ (eine halbmystische Gestalt der magyarischen Frühgeschichte) gibt sich auf dem ansonsten ungarischsprachigen Schild weltgewandt als „Made in Hungary“.

Ein russischsprachiger Aufkleber wurde mit dem eines polnischen Betriebs überklebt, so daß sich der Herstellungsort in der Sowjetunion leider nicht mehr feststellen läßt.

Am häufigsten vertreten ist die DDR. Da ist der VEB (K) Holzindustrie Barth-Mecklenburg mit einer hübschen Kommode im Logo.

Da ist ein „Export: VR Polen“ des VEB Holzindustrie Halberstadt, der sogar zweisprachig beschriftet ist. Bei einzelnen Worten ist die Übersetzung ins Polnische noch tadellos oder wenigstens verständlich, aber an der Formulierung „Produkt entspricht dem vom DAMW geprüften und bestätigten Muster“ scheitert sie völlig.

Und da ist der „VEB Vereinigte Möbelf“, wie auf dem halb abgerissenen Aufkleber noch zu erkennen ist.

Auch dieser Aufkleber ist zweisprachig und die polnische Übersetzung enthält einen markanten Fehler: „artykół” statt „artykuł“. Da ó und u im Polnischen denselben Lautwert haben (sogenanntes geschlossenes und offenes u), ist dies ein Fehler, der besonders Muttersprachlern und anderen, die zuerst wußten, wie Worte klingen und erst danach lernten, wie sie geschrieben werden, unterläuft. Wer Polnisch im Ausland als Fremdsprache lernte, kannte hingegen das Schriftbild wohlmöglich schon vor dem Klang und würde eher nicht das fremdartige ó an die Stelle des vertrauten u setzen. Sofort spekuliert man über die Geschichte des Übersetzers. Ein Deutscher vielleicht, der in einer Stadt des polnischen Korridors der Zwischenkriegszeit etwas Polnisch gelernt hatte und später ausgesiedelt wurde? Oder ein Jude, der irgendwo in Galizien ein paar Klassen einer polnischen Schule besucht hatte und später in den Wirren von Krieg und Nachkrieg in die DDR gelangt war? Die wahrscheinlichste Identität des Übersetzers ist etwas prosaischer: ein polnischer Arbeiter im betreffenden DDR-Betrieb. Dafür spricht, daß der Hersteller vermutlich vollständig VEB Vereinigte Möbelfabriken Frankfurt/Oder hieß und direkt an der Friedensgrenze zwischen Polen und der DDR lag. Man kann sich gut vorstellen, wie irgendein Manager ihm einen Stoß Papiere in die Hand drückte: „Hey, du bist doch Pole, übersetz das mal schnell!“ Daß Sprachkenntnisse allein noch nicht zum guten Übersetzen befähigen, kann man so vierzig Jahre später in den Straßen von Gdańsk nachlesen.

Zur Geschichte kommen eben immer auch die kleinen, meist nur zu erahnenden Geschichten. Auch die Möbelstücke selbst können sie erzählen, denn neben der industriellen Fertigung gab es die individuelle Umgestaltung. Man kann beispielsweise das massive Unterteil eines Küchenschrank finden, das gewiß noch von vor dem zweiten, wenn nicht dem ersten Weltkrieg stammt, aber den Moden der sechziger, siebziger Jahre angepaßt wurde. Seine Seiten und Füße wurden dazu zitronengelb und seine Türen in hellem Türkis gestrichen, auch neue Griffe bekam er und die weißen Schubladen sind noch neuer. Wenn sein Schicksal nur ein wenig anders verlaufen wäre, würde er vielleicht restauriert werden, um wieder wie vor hundert Jahren auszusehen, doch er wartet auf dem Sperrmüll.

Oder man sieht einen Küchenhängeschrank aus der sozialistischen Zeit, an den jemand liebevoll neue Türen aus modischer furniertem Holz anbrachte, was ihn aber auch nicht rettete.

Schließlich gibt es noch die Möbel, die einfach so schön sind, daß ich sie nicht auf der Straße stehen lassen konnte.

Was bleibt auch anderes übrig bei einem Sofa mit strahlend orangenem Bezug und braunen kunstledernen Armlehnen? Noch dazu, wenn es bis hin zum grünbedruckten Aufkleber des Herstellerbetriebs Dąb (Eiche) aus Gdynia mit dem dreidimensionalen d-Logo perfekt ist.

Es ist zudem kein Sofa, sondern ein kanapo-tapczan, wie die mit starkem PRL-Beiklang behaftete Bezeichnung, eine Mischung aus kanapa (Sofa) und tapczan (Liege), lautet. Liegesofas dieses Typs mit einfachem, aber robustem Klappmechanismus und abnehmbaren Armlehnen lernte ich dank meinem kanapo-tapczan überall und in allen Farben oder Mustern erkennen.

Ein Teil von mir würde all die Möbel retten wollen, Möbelhändler werden, in einem Lagerhaus wohnen, aber mir bleiben nur die Worte. Das freudigste Erlebnis war es deshalb, als ich einmal merkte, daß ich mit meinem Interesse an den abgestellten Möbeln nicht allein bin. Denn die hellblaue Stehlampe der Firma zaos gefiel mir selbstverständlich sehr – ganz aus Metall, nicht mehr mehr als eine runde Standfläche, eine dünne, oben leicht schräge Stange und eine nach unten geöffnete Halbkugel für die Glühbirne. Ich hätte sie gerne mit nach Hause genommen, aber ich gönne sie der Frau, die ein paar Momente schneller bei ihr war und dank der die Geschichte nun weitergehen kann.

Palas

Wer das heutige Iași sehen will, muß bloß Palas besuchen. Palas ist ein Einkaufs- und Bürozentrum, aber keines, wie man es erwartet. Es hat die üblichen Geschäfte, einen großen Food Court über einem großen Auchan-Supermarkt, einige mittelhohe Bürogebäude, ein Bürohochhaus, das wie ein Wohnhochhaus aussieht, und ein Hotelhochhaus.

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Außer dem Hotel, das in seinem billigen Historismus an amerikanische Provinzhochhäuser vor hundert Jahren erinnert, ist die Architektur mit viel braunverspiegeltem Glas, braunem und hellem Stein und brauner glatter Verkleidung auf dem üblichen internationalen Standard für solche  Architektur.

Der interessanteste Teil ist eine große Halle mit weitem Dach aus weißen Metallstreben, an deren Seiten drei Geschosse in Terrassenstufen ansteigen. Wie um die Leichtigkeit und Eleganz der Konstruktion auszugleichen, sind die einzigen Stützen in der Mitte mit grauem Stein möglichst wuchtig und monumental gestaltet.

Doch das Besondere an Palas ist nichts von alledem, sondern einzig die Tatsache, daß es sich in vager Hufeisenform um den Park des Schlosses von Iași legt. Alles an ihm ist auf diesen Freiraum und den riesigen neogotischen Bau des Schlosses selbst, der oberhalb des terrassierten Hangs steht, ausgerichtet.

Zwischen dem Einkaufszentrum und dem Park stehen weiterhin stark verglaste zweigeschossige Pavillons mit Cafés, Restaurants und Bars. Der Pavillon eines Restaurants namens „Platz Bierhaus” hat Tische auch in einer Laube im Parkteich, in dem selbstverständlich eine Fontäne ist.

Anderswo gibt es Trampoline und Karussells für Kinder. Über all dem steht das Schloß, das mit der vor seiner Mitte den Hang herabführenden Treppen- und Brunnenanlage ein perfektes Selfiemotiv bietet. Der gesamte Park bis kurz vor dem Schloß ist wohlgemerkt kein öffentlicher Ort, sondern als Teil von Palas im Privatbesitz.

Es läßt sich nicht einmal sagen, daß Palas ein schlechter Ort ist, eher ist es einer, der staunen und recht eigentlich schwindelig macht. Palas, das ist der gegenwärtige Kapitalismus komprimiert in einen städtischen Raum. Es ist damit in mancher Hinsicht ein perfekter Ort.

Die reaktionäre historistische Architektur des 1926 fertiggestellten Schlosses, das schon lange Palatul Culturii (Kulturpalast) mit mehreren Museen und heute so renoviert ist, daß von einer „Patina des Alters” (Piltz) nichts mehr bleibt, paßt gut zum Bedürfnis nach photogenem Kitsch. Palas war klug genug, sich selbst architektonisch zurückzuhalten und die Formen des Schlosses nicht etwa nachzuahmen. Um den privaten Park ist kein Zaun und es gibt sehr viele Bänke und frei zu betretende Wiesen, die öffentlichen Raum simulieren. Sie tun das sogar mit gewissem Erfolg, doch wo auch immer man ist, ist da von etwas zu viel. Verschiedene Musik aus mindestens zwei, drei Quellen vermischt sich zu einer Kakophonie, wenn man nicht in einem der Cafés etc. sitzt. Das Licht nachts ist grell und läßt alles noch surrealer wirken. Überall sind so viele Menschen, daß es immer auf unklare Art voll wirkt, ohne daß man meist eine Menge wahrnimmt. Ein umfangreiches Verbotsschild macht stets deutlich, daß man hier nur zu Gast ist, aber die Verbote werden gegenwärtig offenbar nicht im geringsten durchgesetzt.

Zu dem zahlenden Publikum in den Bars etc. kommen daher immer noch viele andere Menschen. Links des Schlosses etwa haben die Skater ihren Platz. Und es gibt sogar erstaunlich dunkle Stellen mit Bänken, wo Pärchen andere für Palas schwer direkt zu monetisierende Dinge machen können.

Aber nein, ein schlechter Ort ist Palas nicht. Wenn auch das Schloß eine traurige Monstrosität ist, so ist das Grün des Parks wertvoll und es wird durch grüne Dachterrassen auf manchen der Pavillons noch erweitert. Erst an den Rändern, sozusagen auf der Rückseite von Palas wird die absichtliche Unzulänglichkeit dieser Architektur völlig deutlich. Während innen im Park alles offen und autofrei ist, hat man sich hier durch ein Gewirr von Zufahrtsstraßen und Tiefgarageneinfahrten zu kämpfen.

Sicher, eine Mauer wäre schlimmer, aber vermeidbare Hindernisse bedeuten doch eine Erniedrigung, was nun wieder paßt, da diese für die Angestellten in den auf frankophone Märkte ausgerichteten Outsourcingfirmen von Palas und für jeden in einer kapitalistischen Gesellschaft eine tägliche Erfahrung ist.

„Inima orașului“ (Das Herz der Stadt) lautet der Slogan von Palas und wenn das stimmte, wäre die Stadt eine Art Zombie oder Cyborg. Aber es stimmt nicht und obwohl es Schlimmeres gibt als Palas, ist Iași glücklicherweise weit mehr, noch immer und trotz alledem.

Erkundungen auf Friedhöfen: Die konstruktivistische Porträtphotographie

Photographien auf Grabsteinen sind meist traurig. Zeigen sie alte Leute, so sind sie traurig, weil sie sie nicht in der Blüte ihres Lebens zeigen. Zeigen sie Kinder, so sind sie traurig, weil die Gezeigten die Blüte ihres Lebens nie erreichten. Zeigen sie jemanden irgendwo dazwischen, so sind sie traurig, weil sie sie unvorteilhaft oder banal wirken lassen, was zwar der Realität entsprechen mag, aber nicht sein sollte, wie an irgendwen öffentlich erinnert wird. Es ist sehr selten, daß man solch eine Photographie ohne zusätzliche Traurigkeit betrachten kann und deshalb muß hier von der 1936 verstorbenen Miladka Knotková auf dem Friedhof Klokoty in Tábor die Rede sein.

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Ihr Name (eigentlich Milada) ist in der Verniedlichungsform eingemeißelt, wie es oft bei Kindern geschieht, obwohl sie immerhin fünfundzwanzig Jahre alt wurde, und er ist der erste auf dem Stein, auf dem noch einige weitere Familienmitglieder folgen. Ihr Bild ist das einzige, weshalb es den Blick auf sich zieht. Es zeigt eine junge Frau in einem langärmligen schwarzen Kleid, die rechts mit leichter Neigung nach links sitzt, den linken Arm auf einen Tisch gelegt, den rechten angewinkelt darauf aufgestützt, so daß ihr Kinn auf dem ausgestreckten Zeigefinger ihrer rechten Hand ruhen kann. Ihr von kurzem dunklen Haar in leichten Wellen umrahmtes Gesicht ist halb in die Kamera gewendet.

Miladka Knotková war eine schöne Frau und wie sie sich auf dem Bild als moderne Frau der modernen Tschechoslowakei präsentiert, läßt hoffen, daß sie ihre Schönheit und das Leben für wenigstens ein paar Jahre genossen hatte und auch der Ring an ihrem linken Ringfinger sie nicht daran hinderte. Unterstrichen wird ihre Schönheit noch durch die ungewöhnliche künstlerische Qualität der Photographie. Links der Porträtierten ist an der Wand ein zu ihrem Kopf geöffneter Halbkreis, der noch weiter links von einem Rechteck durchdrungen wird. Das obere Ende des Halbkreises ist genau auf der Höhe ihres Scheitels, so daß der Bogen ihres Kopfs die Kreislinie weiterzuführen scheint, während das untere Ende wiederum an die Dreieckformen um ihren angewinkelten Arm anzugrenzen scheint. Die äußerst minimalistische geometrische Dekoration des Studios ergänzt die menschliche Form auf eine Weise, die das Auge eines vom Konstruktivismus beeinflußten Künstlers verrät.

Und Miladka Knotková und der Konstruktivismus, sie passen zusammen. Ob sie sich den Photographen bewußt ausgesucht hatte oder ob aus ihrem Porträt eher eine Zeit und ein Land, in denen das Moderne, Minimalistische, Konstruktivistische, Geometrische, Sachliche schon weitverbreitete Mode geworden waren, das weiß man nicht und es ist vielleicht nicht wichtig. Es besteht jedenfalls kein Zweifel, daß sie ihre Photographie zu Lebzeiten gemocht hatte und sie, so ungern sie dieses sähe, gerne auf ihrem Grab sähe. Heute, mehr als hundert Jahre schon nach ihrer Geburt, überstrahlt ihr Schwarz-Weiß den banalen Grabstein, der vom Konstruktivismus wenig weiß, und fast auch den Friedhof, um erst wieder in den vielen, vielen Türmen des barocken Klosters Klokoty, hinter dem er liegt, etwas Ebenbürtiges zu finden.

Wie traurig wäre es gewesen, wenn irgendein anderes Bild der Miladka Knotková sich auf ihrem Grabstein fände und wie viel Schönheit und schöne Photographien mögen sich hinter den anderen traurigen Grabphotographien verbergen!

Wejherowo oder Die erstaunliche Geschichte von Klein-Gdynia

Wejherowo könnte eine beliebige Kleinstadt sein. Es liegt nah an der Gdańsker Bucht wie an der offenen Ostsee, aber zu weit von beiden, als daß es davon irgendwelche Vorteile hätte. Für die weltläufigen Bewohner der nahen Trójmiasto ist es Inbegriff von Provinz und vielleicht ist daran etwas Wahres, wenn jugendliche Subversion in dieser an Zeichen des Katholizismus überreichen Stadt darin besteht, an eine Mauer zu schreiben:

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„Idź w niedzielę do kościola“ (Geh am Sonntag in die Kirche).

Gleich, wenn man Wejherowos Bahnhof verläßt, zeigt es sich stark vom preußischen 19. Jahrhundert geprägt. Geradeaus führt eine repräsentativ gedachte Bahnhofsstraße mit Villen und Bäumen, dann nach links eine weitere Hauptstraße mit großen historistischen Mietshäusern und Hotels.

Vorbei an Verwaltungsgebäuden und einer Kirche in backsteinerner Neogotik erreicht sie das deutlich entfernt gelegene alte Stadtzentrum mit seinem quadratischen Platz. Frei an seinem Rand steht eine bescheidene und schlichte barocke Kirche und in der umgebenden meist historistischen Bebauung ein bizarres irgendwie neobarockes Rathaus.

Sichtbar Altes gibt es hier sonst nicht, nur ein eingeschossiger Fachwerkbau bei der Kirche repräsentiert noch frühere Zeiten der Stadt und er ist vermutlich eine neuere Imitation.

Eine Straße führt vom Platz an einer gotischen Kirche mit barocker Fassade vorbei auf das Schloß zu.

Es ist ein nur zweigeschossiger, aber doch stattlicher Bau in englischer Neogotik, die angesichts der späteren preußischen leicht und südlich wirkt. Hinter ihm erstreckt sich am ansteigenden Hang ein Park in den Wald hinein.

In einem recht regelmäßigen Straßennetz stehen die übrigen Gebäude der Stadt. Wie in allen preußisch-kapitalistischen Kleinstädten gibt es Mietskasernen und vermischte Häuser, oft in rohem Backstein. Wie in allen später polnisch-sozialistischen Kleinstädten gibt es dazu Auflockerungen mit niedriger fortschrittlicher Bebauung.

Eine beliebige Kleinstadt eben.

Doch es gibt in Wejherowo noch andere Gebäude, die weder kapitalistisches Preußen noch sozialistisches Polen sind.

Zuerst bemerkt man sie an der Querstraße neben der neogotischen Kirche, später findet man zwei ganze Straßenzüge und viele vereinzelte Beispiele: meist dreigeschossige Wohngebäude in modernistischen Formen. Horizontale Fenster, einzelne runde Fenster, vertikale Treppenhausfenster, abgerundete Balkone, keine Ornamentik, einzig manchmal der Kontrast zwischen verputzten Fassaden und Backstein um die Eingänge.

Viele dieser Gebäude ähneln einander, doch sie sind nie identisch. Obwohl es ganze Straßenzüge gibt, sind die einzelnen Gebäude immer deutlich als solche zu erkennen. Auch handelt es sich immer um Blockrandbebauung, in der einige Öffnungen eher zufällig wirken.

All das weist darauf hin, daß diese Architektur nicht in Deutschland entstand. Zwar gab es dort in den Zwanzigern Gebäude in solchen Formen – als Wohnsiedlungen in Städten mit fortschrittlicher Verwaltung, als werbeträchtige Kaufhäuser, als Villen kunstsinniger Individuen – aber niemals in dieser Fülle als private Wohngebäude in beliebigen Kleinstädten. Auch wenn man sich der Grenzverläufe in der Zwischenkriegszeit unsicher ist, was hier, wo mit Deutschland, Polen und der Freien Stadt Danzig drei Staaten aufeinandertrafen, leicht passieren kann, verrät diese Architektur: Wejherowo lag bereits ab 1919 in Polen, dem jungen und komplizierten kapitalistischen Polen. Dies ist seine Architektur.

Das erklärt, wieso es in Wejherowo, anders als etwa in unweit westlich, aber in der Zwischenkriegszeit in Deutschland gelegenen Lębork, keinerlei Backsteinexpressionismus oder ähnliche reaktionäre Stile der Zwanziger gibt, aber auch keine zusammenhängenden staatlich errichteten Siedlungen. Aber es erklärt vielleicht noch nicht ganz die schiere Fülle dieser Architektur in Wejherowo. In anderen polnischen Grenzstädten dieser Zeit, Tczew südlich oder Chojnice weiter südwestlich von Gdańsk etwa, ist sie weit seltener vertreten.

Wejherowo nahm offenbar eine herausgehobene Stellung ein. Es war immerhin die zweitgrößte, bis zur Gründung von Gdynia 1926 sogar die größte Stadt im Norden des polnischen Korridors zur Ostsee. Der polnische Staat hatte mit ihm offenbar Besonderes vor. Es sollte ganz wie Gdynia in modernistischen Formen für eine ersehnte kapitalistische Zukunft stehen. Es sollte mit Hilfe der Gdyniaer Architekten zu einem Klein-Gdynia werden.

Deshalb auch der Name Wejherowo, der so neu wie geschichtsträchtig ist. Auf Deutsch hieß der Ort einfach Neustadt, vielleicht noch zur Unterscheidung von all den anderen Neustädten Neustadt in Westpreußen. Auch das hatte gepaßt, denn er war tatsächlich neuer als andere Orte der Gegend, die auf slawische oder Deutschordensgründungen zurückgehen. Diese neue Stadt hingegen wurde erst 1643 gegründet – von Jakub Wejher.

Wejher (auch Weyher etc.) war so eine barocke Gestalt des frühen 17. Jahrhunderts. Sohn aus altem pommerschen Adelsgeschlecht studierte er in Bologna, besuchte den Legenden nach Malta, kämpfte im Dreißigjährigen Krieg auf der katholischen Seite, in Rußland auf polnischer Seite und in seiner zur polnischen Rzeczpospolita (Adelsrepublik) gehörigen Heimat gegen die Schweden. Die Gründung seiner eigenen Stadt war mehr ein Nebeneffekt der Stiftung zweier Kirchen, die er geschworen hatte, falls er die Belagerung von Smolensk überleben würde. Er starb noch bevor er fünfzig war.

Der älteste Name der Stadt lautete Wejherowa Wola oder Weyhers Freiheit und so war es nur konsequent, daß die zweite Rzeczpospolita, das bürgerliche Polen, den Adligen aus ihrem Vorgängerstaat  1919 zum Paten des neuen Stadtnamens erkor: Wejherowo heißt sinngemäß Wejherstadt. Später ging es dann daran, den neuen Namen mit neuem Inhalt zu füllen. Es gelang ihm, so halbwegs, der Sozialismus führte es fort, so halbwegs, da er genug mit anderen Städten an der Ostsee und anderswo zu tun hatte. Eine beliebige Kleinstadt in Wejherowo jedenfalls nicht, falls es solche denn gibt.

Vysoké Mýto in eigenen Worten

Um den historischen Kern von Vysoké Mýto verläuft an drei Seiten ein Parkring, den die Stadt der weitgehenden Schleifung der mittelalterlichen Stadtmauern im 19. Jahrhundert und dem Wirken des Verschönerungsvereins zur gleichen Zeit verdankt, zumindest nach dessen auf einigen Gedenksteinen kundgetaner Meinung.

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In eine erhaltene Mauer in den Jungmannovy sady (Jungmann-Gärten) wurden im Zuge der Verschönerung einige Sandsteintafeln mit kurzen Inschriften gesetzt. Das wäre gar nichts Besonderes, dergleichen gibt es in vielen Städten, doch in Vysoké Mýto kamen im Laufe der Zeit immer mehr Tafeln mit immer ausführlicheren Inschriften hinzu. Sie sehen sich alle sehr ähnlich, immer schwarzer Text auf Sandstein, sind aber sehr unterschiedlichen Inhalts. Zusammen ergeben sie ein vielfältiges Bild der Geschichte der Stadt. Man liest, was Vysoké Mýto in verschiedenen Zeiten und Systemen über sich gesagt haben wollte.

Es gibt viel Historisches – Königsbesuche, Kriege, Pest, Brände, Häuserzahlen – das aus heutiger Sicht so fern und neutral ist, daß sich nicht sagen läßt, aus welcher Zeit die Tafeln stammen.

(Von links nach rechts) Nach der Schlacht von Bílá Hora wurden in der Stadt vom 8. November 1620 bis zum 16. September 1622 Kontributionen und Kosten für Kriegsvolk von 178 099 Gulden gezahlt. // Im Jahre 1639 fiel eine starke Abteilung schwedischer Reiterei in die Stadt ein, entführte den Bürgermeister Jeronym Vodička und den Primas Christof Šebestian nach Schlesien und setzte sie dort gefangen, da sie nichts mehr hatten, womit sie die Brandschatzung zahlen konnten // Im Jahre 1742 kam Friedrich II., König von Preußen, in seinem ersten gegen Österreich geführten Krieg durch Mýto. // Im Jahre 1774 am 6. August brannten in der Stadt 271 Häuser, die Dekanskirche, der Glockenturm, das Dekanat, die Schule, das Spital, das Rathaus, der Vratslaver und Choceňer Turm, 36 Scheunen nieder.

(Von links nach rechts) Am 23. Februar 1318 kam König Jan mit Königin Alžběta, der letzten Přemyslidin, durch Mýto. // Im Jahre 1715 starben 57 Personen an der Pest, von denen 49 unter Hájky begraben sind. // Am 21. August 1381 wurde der Stadt V.M. von König Václav das Hinrichtungsrecht im Umkreis von 6 Meilen erteilt.

Die bürgerliche erste tschechoslowakische Republik erzählt von Besuchen des Schriftstellers Alois Jirásek bei einer nach ihm benannten Militäreinheit und des ersten Präsidenten Masaryk in der der Stadt.

Meister Alois Jirásek beehrte am 4. XI 1929  sein 30. Regiment sowie unsere Stadt mit seinem Besuch. Am 18. III. 1930 zollte die Stadt der Asche ihres Ehrenbürger bei der letzten Reise von Prag über Vysoké Mýto nach Hronov ihren Tribut.

(Von links nach rechts) Am 9. Juli 1929 lud der erste Präsident der Republik Tomáš G. Masaryk nach Vys. Mýto ein. // Am 5. Mai des Jahres 1945 erhob sich die Bevölkerung von Vysoké Mýto gegen die deutschen Eindringlinge und übernahm die Verwaltung der Stadt. Die endgültige Übernahme der Macht über die Stadt geschah erst am 9. Mai des Jahres 1945, als die Bevölkerung der Stadt gemeinsam mit einer Einheit der ruhmreichen Roten Armee die deutsche Garnison entwaffnete und die Stadt nach sechsjähriger Okkupation befreite. // Am 16. März des Jahres 1939 fiel die deutsche nazistische Besatzungsmacht in Vysoké Mýto sein. Während ihres sechsjährigen Aufenthalts wurde die Stadt einer grausamen Verfolgung unterworfen. Zwanzig ihrer besten Söhne gaben ihr Leben für die die Freiheit des Volkes. Die deutsche Okkupation dauerte bis zum 9. Mai des Jahres 1945.

Die sozialistische Tschechoslowakei erzählt vom zweiten Weltkrieg, Widerstand, Befreiung und den Leistungen von Industriebetrieben.

Am 9. Mai des Jahres 1945 betrat die ruhmreiche Rote Armee Vysoké Mýto und leistete der Bevölkerung Hilfe und so wurde die Stadt nach sechsjähriger Okkupation aus den Händen der deutschen Usurpatoren befreit.

Vom Jahr 1948 bis zum Jahr 1962 erreichten die VEB Karosa und THZ bedeutende Produktionserfolge. Die Produktion in beiden Betrieben erhöhte sich gegenüber dem Jahr 1948 insgesamt 9-fach. Heute exportieren beide Betriebe ihre Produkte in 39. Länder der gesamten Welt.

(Von links nach rechts) 1996 – 1997 wurde eine völlige Rekonstruktion des Přemysl-Otakar-II.-Platzes durchgeführt. // In den Jahren 1939 – 1942 arbeitete am ehem. Gymnasium eine illegale kommunistische Schülergruppe. // Von Februar bis Mai des Jahres 1945 kämpfte in der Umgebung der Stadt die Partisanenabteilung des Maj. Krylov, eig. Charitonov

Die gegenwärtige bürgerliche Republik erzählt von den Übeln des Kommunismus, 1968 und dem Gewichtheberguru Sri Chinmoy.

(Von links nach rechts) In den Jahren 1948 – 1989 wurden viele Einwohner unserer Stadt und der Umgebung vom kommunistischen Regime gefoltert, eingesperrt, ihres Eigentums entledigt und anderweitig verfolgt und das für ihre abweichenden politischen, religiösen und moralischen Überzeugungen. // Am 21. August 1968 fielen die Armeen von fünf Staaten des Warschauer Vertrags in die Tschechoslowakei ein. In Vysoké Mýto wurde eine starke sowjetische Okkupationsgarnison samt Familienangehörigen eingesetzt. Der letzte Soldat verließ die Stadt am 16. Juli 1990.
Die Stadt atmete nach 22 Jahren wieder frei.

(untere Reihe von links nach rechts) Aus Anlaß des Weltfriedenslaufs 1993 wurde unserer Stadt am 4. Mai 1993 von der Sri-Chinmoy-Weltorganisation der Ehrentitel Sri-Chinmoy-Friedensstadt verliehen // 1897 – 1997 100 Jahre des Bestehens der ersten Schule für Wasserwirtschaft in den tschechischen Ländern und in der Slowakei SPŠ Stavební (etwas wie Baufachschule) Vysoké Mýto Mai 1997 // Während des 2. Weltkriegs wurden alle Juden aus Vysoké Mýto und der näheren Umgebung am 5. und 9. November 1942 in Konzentrationslager gebracht. Von 45 Personen erlebten 7 die Befreiung.
(obere Reihe von links nach rechts) Am 21. August 1468 weilte König Jiří in Vyosoké Mýto. // Am 30. April 1421 eroberte Žižka Vysoké Mýto.

An einer Stelle erläutern sogar neuere Tafeln die knappen älteren, die sonst unverständlich bleiben würden.

(Links von oben nach unten) Am 14. Mai 1816 // Am 14. Mai wurde die Stadt von einem großen Feuer erfaßt. Es brannten 180 Häuser in der Stadt, 25 Höfe und 11 Scheunen in der Prager Vorstadt nieder. (Šembers Schilderung) // Im Jahre 1814 wurde festgestellt, daß die Stadt Vysoké Mýto der Zahl der Häuser nach die sechste und der Einwohnerschaft nach die siebzehnte Stadt im Königreich Böhmen ist.
(Rechts von oben nach unten) Am 4. Juli 1866 // Anno 1264 wurden diese Mauern errichtet // Im Jahre 1866 am 9. Juli ritt der preußische König Wilhelm I. ein und quartierte sich mit dem gesamten Hof im Hotel Pošta (Post) ein.

Dankbar einfach ist der der Bezug zwischen Tafeln und Stadt einzig, wenn man von einer, die unter anderem vom Turm Karaska des Choceňská brána (Choceňer Tors) erzählt, direkt zu diesem schauen kann.

Im Jahre 1957 wurde in der hiesigen Stadt eine Galerie fúr bildende Kunst eröffnet.
Im Jahre 1958 wurde die Haube des Karaska genannten Turms repariert und mit einer neuen Schindelbedachung bedeckt.
Im Jahre 1958 wurde mit dem Errichtung eines Gasnetzes in der Stadt begonnen.
Im Jahre 1961 wurde die Erneuerung des Platzes, die einen Kostenaufwand von 2 ½ Mil. Kčs erforderte, beendet.
Im Jahre 1961 wurde der Bau des neuen Sportstadions beendet.
In den Jahren 1950 – 1960 wurde für 22 Mil. Kčs eine Erneuerung der Wasserleitungen und der Bau eines neuen Wasserwerks und neuer Wassertürme durchgeführt.
Das Röhrennetz durch die Stadt mißt 33 km.

In der Anordnung der Tafeln ist keine Methodik zu erkennen, sie sind wie ein innerer Monolog der Stadt, in dem sich Wichtiges und Banales, Richtiges und Falsches und alle Zeitebenen mischen.

(Von links nach rechts) Am 8. September 2012 wurde aus Anlaß der 750-Jahrfeiern der Gründung der Stadt Vysoké Mýto feierlich eine Statue des Stadtgründers Přemysl Otakar II. enthüllt. // Am 26. April 1827 fertigte Martin Stříbřík in 12 Stunden aus Wolle einen fertigen Anzug. // Am 25. März 1907 wurde am Šember’schen Haus zur Feier des hundertsten Jubiläums seiner Geburt eine Tafel angebracht.

Genau so würde die Stadt reden, genau das kann man sie preiszugeben zwingen.

(Von links nach rechts) Im Jahre 1562 fordert Erzfürst Ferdinand von der Prager Burg aus für den König Maximilian und den Erzfürsten Karl einige Forellen, die sie für die königliche Tafel haben oder haben können. // Im Jahre 1583 ritt Kaiser Rudolf II. auf dem Weg von Mähren über Letovice, Svitavy und Litomyšl nach Böhmen durch Mýto.

Das Besondere in Vysoké Mýto ist, daß all das explizit und für jeden zu lesen an der Mauer steht, zumindest für jeden, der Tschechsich versteht oder diesen Text kennt. Es entsteht kein Ganzes, sondern ein Mosaik, man erfährt nicht, wie man die Stadt verstehen soll, zwischen den Tafeln ist noch viel freier Platz, aus dem oft Pflanzen sprießen.

Am 1. Februar 1800 übernachtete in Vysoké Mýto der berühmte russische Heerführer Generalissimus Fürst Suworow im Haus Nummer 97-I. auf dem Platz.

Aber etwas näher ist man der Stadt nach der Lektüre ihrer Gedanken und als Verbindendes um das Disparate bleibt der Parkring.