Archiv für den Monat Oktober 2015

Noch einmal zur Mariahilfer Straße und den „Begegnungszonen“

Im Februar 2014 schrieb ich anläßlich einer Volksabstimmung über die geplante Umwandlung der Mariahilfer Straße, einer der größten Wiener Einkaufsstraßen, in eine sogenannte Begegnungszone, die von Autos, Radfahrern und Fußgängern gleichberechtigt genutzt werden soll. Damals schloß ich, daß für Fußgänger eine Straße das kleinere Übel ist als eine solche Begegnungszone. Das muß ich jetzt, da die Umgestaltung der Mariahilfer Straße beendet ist, revidieren.

Was ich damals nicht begriff, war, daß das alles nicht so gemeint war. Das Gerede von einer Begegnungszone war bloß eine, ganz bewundernswert kluge, taktische Maßnahme, um Radfahrer und moderate Autofahrer für das Projekt zu gewinnen. Doch praktisch gesehen ist die veränderte Mariahilfer Straße eine Fußgängerzone, da sie meist so belebt ist, daß Autofahren unmöglich und Radfahren schwer ist.

Nicht verändert jedoch hat sich meine Meinung zur Idee der Begegnungszone. Sie ist nichts anderes als eine romantische Verklärung des 19. Jahrhunderts. Um zu zeigen, wie wenig praktikabel sie auch ist, sei in Blick in die Niederlande, das Musterland des Fahrradverkehrs, getan. Kleinere Straßen sind dort, nicht anders als hier, von Fahrrädern und Autos gemeinsam genutzt. In den Hauptverkehrsadern in den Städten aber fiele es keinem Fußgänger ein, auf einem Fahrradweg zu gehen, kein Radfahrer würde auf einem Gehweg fahren und auch die Autos halten sich an die für sie bestimmten Fahrbahnen. Es gibt keine Begegnung, sondern eine Trennung der Wege nach Geschwindigkeiten, ganz wie sie Le Corbusier im Punkt 60 der Charte d’Athène (Charta von Athen) forderte. Begegnungszonen auf Straßen wie der Mariahilfer Straße wären bei einem Fahrradaufkommen in niederländischen Dimensionen ungefähr so sinnvoll wie es Begegnungszonen auf Autobahnen bei hiesigem Autoaufkommen wären.

Falls das Radfahren hier einmal wirklich beliebt werden wird, werden die Radfahrer als erste das Ende der Begegnungszonen verlangen. Bis dahin müssen sie sich eben durch Fußgängerzonen schlängeln, die, egal wie sie heißen, den Fußgängern gehören.

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Möbel Brestak

Ein kleines Haus Ecke Hütteldorfer Straße/Matzingerstraße im 14. Bezirk. Zweigeschossig, Walmdach, gänzlich unscheinbar. Es mag zwischen 1800 und 1850 erbaut worden sein, vielleicht früher, vielleicht später, Zeuge einer dörflicheren Vergangenheit der Gegend. Tatsächlich ist es so alt, daß es nicht mehr den aktuellen Straßenverläufen entspricht, sondern von der Hütteldorfer Straße etwas zurückgesetzt ist und außerdem leicht schräg zu ihr. Wer weiß, welchen Zufällen es seine Fortexistenz verdankt, während ringsum Mietshäuser mit vier, fünf Geschossen die alte Bausubstanz ersetzten. Um 1910 wurde es von diesen modernen und repräsentativen Nachbarn womöglich als Schandfleck angesehen, ungeliebte Erinnerung an eine primitivere Zeit.

MöbelBrestakGesamt

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Doch irgendwann in den fünfziger, sechziger Jahren tat es einen Sprung, der es unendlich weit vor seine Umgebung setzte. Eigentlich bekam es bloß ein recht dickes, mit dunklem Holz verkleidetes Vordach, das im Erdgeschoß die etwa dreieckige spitze Fläche hin zur Hütteldorfer Straße überspannt. An der Straßenecke, wo eine Glastür ist, steht das Vordach zwischen der Hauswand und einer weißgetünchten Ziegelwand mit dem Namen „Brestak“ in roten Metallbuchstaben leicht über. Dann verläuft es, nur von zwei ganz dünnen und roten vorgesetzten Stahlstreben gehalten, entlang der Hütteldorfer Straße, zu der sich darunter rotgefaßte Glasflächen öffnen. Nach der zweiten dieser Streben schwenkt die Glasfläche quer zur Straße nach innen und es öffnet sich ein Eingangsbereich.

MöbelBrestakEingang

Den Abschluß bildet eine weitere weißgetünchte Ziegelwand, die an der Brandmauer des Nachbargebäudes emporwächst, aber nur bis zum Dachfirst des Hauses, und oben in weißen Buchstaben auf schwarzem Metall die Aufschrift „Möbel“ trägt. Genau auf diese Buchstaben blickt man durch ein von einer Plastikkuppel überwölbtes Oberlicht im Vordach.

MöbelBrestakOberlicht

Hinter dem offenen Eingangsbereich ist der Haupteingang des kleinen Möbelgeschäfts. Noch bevor man es betritt, noch während man recht eigentlich auf der Straße steht, blickt man durch das Glas bis zu einem kleinen Garten im Hinterhof. Die weiße Wand von außen setzt sich auch innen fort und vor ihr leitet eine Treppe, filigran und fast schwebend aus Stahl und hölzernen Stufen, ins Obergeschoß, um das sich eine Galerie legt. Auch in diesem zweiten Geschoß ist die hofseitige Wand fast völlig in Glasflächen aufgelöst.

Spätestens hier merkt man, daß das, was man zuerst bloß für ein angebautes Schaufenster, bloße modische Ladenarchitektur, halten konnte, viel mehr ist: eine wahre Umwandlung, ja, Neuschaffung dieses schlichten alten Gebäudes. Das Vordach, funktional und expressiv zugleich, ist wie ein Keil, aber einer, der das Alte nicht zerstört, nicht einmal stört, sondern repariert, vervollständigt. Es leitet, ob durch die Tür an der Ecke oder den Haupteingang, über ins Innere, wo sich das alte Haus ungeahnt großzügig und offen zeigt, und sogar noch weiter, ins bescheidene, aber wertvolle Grün des Gartens.

Vollendet wird die Architektur durch zwei außerarchitektonische Elemente. So hängt über dem Haupteingang das alte, noch in Fraktur geschriebene Schild mit Straßennamen und Hausnummer. Überall anders wäre es ein Symbol biederen Konservativismus‘, doch hier, auf dem dunklen Holz des schwebenden Vordachs, neben dem roten Stahl, wird es zum liebevoll aufgehobenen Erinnerungsstück, fast zum Kunstwerk. Ein tatsächliches Kunstwerk hängt im zweiten Geschoß, bei der Hausecke.

MöbelBrestakKunstwerk

Auf quadratischen Kacheln zeigt es rote, blaue und schwarze abstrakte Formen, in denen man rasch, unterstützt vielleicht von der zuvor erwähnten Beschriftung „Möbel Brestak“, einen Sessel erkennt, wie er mit dünnen Beinen und geschwungener Sitzfläche im Eröffnungsjahr gut im Schaufenster hätte stehen können. Indem es so zugleich Logo und selbstständiges Kunstwerk ist, entspricht es der Architektur, die zugleich völlig funktional und von größter Schönheit ist.

Möbel Brestak, das ist ein Möbelgeschäft als Gesamtkunstwerk.

Horní Cerekev

Vom Zug aus ist Horní Cerekev vor allem ein kleines Renaissanceschloß in Rot und Weiß, das sich mit seinen beiden zweigeschossigen Flügeln zu einem langgestreckten See öffnet.

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Es ist, als stehe es nur dort, um sich und seine Spiegelung im Wasser der Bahnstrecke, die am anderen Ufer verläuft, zu zeigen. Der Bahnhof liegt weit vom Schloß entfernt am Rande des Orts.

Will man zurück, zum Schloß, ins eigentliche Horní Cerekev, kommt man durch einen neueren Ortsteil mit einem einzigen Plattenbau. Am Dům Kultury (Kulturhaus) vorbei gelangt man zum Ufer des Sees.

HorníCerekevDůmKultury

Groß, zweigeschossig, mit verzweifelt repräsentativem vertikalen Eingang will es offenkundig ein neueres, sozialistisches Gegenstück zum Schloß sein, hat sogar einen eigenen kleinen See, in dem es sich spiegeln kann. Doch etwas fehlt ihm; es ist einfach kein so guter Ausdruck seiner Zeit wie das Schloß der seinen. Zwischen beiden Seen verläuft ein kleiner Landstreifen mit einer Lindenallee, der schon wieder den Blick zum Schloß öffnet und vom Kulturhaus ablenkt.

Zurück an der Březinova (Březina-Straße) ist Horní Cerekev ein typisches Straßendorf, dessen kleine Häuschen der Straße ihre Giebel und Tordurchfahrten zuwenden. Bei ihrem Ende sind die Post und mehrere Läden, darunter das 1868 gegründete Kaufhaus Vichr. Dort stößt von links her der Náměstí T.G. Masaryka (T.-G.-Masaryk-Platz) auf die Straße. Die umgebenden Häuser sind ähnlich wie zuvor, einige repräsentativer, einige neuer. Auf der langen parkartigen Fläche stehen ohne Zusammenhang zueinander ein Brunnen, ein barocker Johannes von Nepomuk, eine Freundschaftsbank für die Partnerschaft mit dem schweizerischen Niederbipp und vor allem ein kompliziertes Denkmal, das in gewisser Weise die ganze tschechische Geschichte seit 1914 erzählt.

HorníCerekevDenkmal

Auf einer Stufenanlage steht ein Sockel mit Inschriften, auf dem eine hohe Stele und zwei seitliche Skulpturen aufragen. Die weißen Skulpturen sind Art Déco der Zwanziger, links eine Frau, die es trotz des Trauerkranzes in ihrer Hand nicht versäumt, erotisch zu wirken, rechts ein entsprechender Mann, für den der Bildhauer aber offenkundig etwas weniger Liebe aufbrachte. Das ist das ursprüngliche Denkmal für die tschechischen Toten des ersten Weltkriegs, was schon schwierig genug ist, da sie auf verschiedenen Seiten kämpften und starben: die einen in der k.u.k. Armee, die anderen aber in den tschechoslowakischen Legionen, also aus Freiwilligen und übergelaufenen Kriegsgefangenen gebildeten alliierten Einheiten. Im unteren Teil der Stele hängt ein Rahmen mit etwas, das wie Metallplättchen aussieht. Sie erinnern an einige Schlachten, an denen die Legionäre beteiligt waren: Dobrudža in Rumänien, Terron in Frankreich, Zborov in der Ukraine und „Dosso Alto“ (eigentlich Doss Alto) in Italien.

HorníCerekevDobrudžaTerronZborovDossoAlto

Doch auf die Stele wurde auch eine Büste des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk, nach dem der Platz benannt ist, gesetzt und darunter ein Reliefbild des zweiten tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš gehängt. Wer weiß, wie oft sie entfernt, neu angebracht, wieder entfernt wurden und wer dort noch alles für eine Weile vertreten war. Schließlich hängt an der Stele noch ein Kranz für die Opfer der Konzentrationslager und die Inschrift nennt auch die Toten der Protektoratszeit.

Dominante des Platzes ist eine ursprünglich gotische Kirche, die jetzt unter weißem Putz aber gleichsam unsichtbar ist. Ihr freistehender Turm könnte wie ein Scharnier die beiden Achsen des Orts, Straße und Platz, verbinden, aber er ist von der Straße nicht zu sehen.

Und das Schloß? Es ist an seinem Ort so desinteressiert, wie es einst die deutschen Adelsfamilien, denen es gehörte, an den tschechischen Bauern von Horní Cerekev waren. Zwar steht es nur ein Stück hinter der Kirche, aber es gibt dem Ort nichts. Es erfreut sich nur an seiner Spiegelung im Wasser und weiß nicht einmal um die Blicke aus den vorbeifahrenden Zügen.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Beroun

Schon von weitem ist der Bahnhof der westlich von Prag gelegenen Stadt Beroun als Werk der Tschechoslowakei zu erkennen.

NádražíBerounBahnsteige

Von links schiebt sich ein viergeschossiger Bürobau quer an die Gleise heran, als wolle er mit den Felsen rechts konkurrieren, dazwischen sind die Bahnsteige mit ihren flügelgleichen Dächern. Schon die Mauern um die Treppen zeigen die Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln in einem schimmernden Grün, die das Äußere wie das Innere des Gebäudes bestimmen. Schon über den Treppen wird diese Verkleidung aber auch zum ersten Mal durch ein eckiges Muster aus Stein- oder Keramikplatten unterbrochen.

NádražíBerounUnterführung

In der Unterführung setzt sich diese abstrakte Ornamentik dann in verstärkter Form fort und auch an den Wänden jenseits der Zugänge zur etwas niedriger gelegenen Bahnhofshalle findet sie sich.

Die Halle öffnet sich nach links und rechts parallel zu den Gleisen.

NádražíBerounHalle

Über dem mit den grünen Kacheln verkleideten Erdgeschoß steht eine Leiste aus silber gefaßtem Plexiglas hervor, in der die verschiedenen Dienstleistungen des Bahnhofs bezeichnet sind. Darüber sind die Wände im linken wie im rechten Teil der Halle in Streben aufgelöst, wobei sich zwischen ihnen bahnsteigseitig Räume und stadtseitig Fenster nach außen öffnen. Doch Blick und Weg gehen beim Betreten der Halle unweigerlich geradeaus, wo sie sich zum Ausgang hin fortsetzt. Lamellen in der Decke betonen diese Richtung und alles wird dominiert vom großen Glasbild über den Türen.

NádražíBerounGlasbild

Das Werk des Künstlers Jiří Kovářík zeigt rechts der Mitte eine große braune Frauengestalt, die links aus der erhobenen Hand Tauben auffliegen läßt und rechts in der Hand ein blaues Tuch hält, das weiter zum Fluß wird. Um sie sind Szenen der Arbeit, im Bergwerk, auf dem Feld, beim Fischfang im Fluß, im linken Teil Ritter in Rüstungen, teils zu Pferd, an den Rändern heller eine Familie und sich sonnende Frauen. Die Formen sind reduziert realistisch, stark das Runde betonend, und das Sujet ist so gefällig, daß 1975, als der Bahnhof gebaut wurde, ein Bezug zum Sozialismus hätte behauptet werden können und es heute niemanden stören kann. An der linken seitlichen Wand der Halle ist zudem ein Relief auf dunklen Keramikplatten, das zwei Adlige bei der Jagd vor einem Panorama aus Landschaft und Stadt zeigt.

NádražíBerounRelief

Draußen begrenzt der Bahnhof mit dem Bürotrakt, dessen Horizontalen von Bändern grüner Kacheln betont werden, und der Halle, aus der der Eingang wie ein Rahmen vorragt, einen Vorplatz.

NádražíBerounVorplatz

Die Stadt selbst ist erst hinter der aufgestützten Autobahntrasse zu erahnen.

Insgesamt ist der Bahnhof Beroun ein solides, aber nicht herausragendes Beispiel tschechoslowakischer Bahnhofsarchitektur. Sein Aufbau zeigt klare Gemeinsamkeiten mit den Bahnhöfen in Pardubice und Cheb, doch er hat weder die funktionale Klarheit des ersten noch das klare künstlerische Konzept des zweiten. Vielmehr wirkt die Ornamentik der Bahnsteigzugänge etwas beliebig und überladen und auch das Glasbild und das Relief haben keinen sehr deutlichen Bezug zum Ort oder zueinander.

Nett ist jedoch immerhin, daß der Bahnhof seit seiner Eröffnung kaum verändert wurde. So kann man, was seltener wird, in Beroun einen tschechoslowakischen Bahnhof im Urzustand betrachten. Noch gibt es etwa die Pragotron-Anzeigetafeln

NádražíBerounPragotron

und sogar auf dem Verbotsschild am Bahnsteigende wurde nur das S entfernt, um aus den ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen) die ČD (České dráhy – Tschechischen Bahnen) zu machen.

NádražíBerounČSD

Auch in der Bahnhofskneipe, der nádražka, im rechten Teil der Halle scheint die Zeit stehengeblieben. Nicht die Suche nach architektonischer Größe, sondern tschechoslowakische Nostalgie könnte also zum Bahnhof von Beroun führen.

Winterpalais

Irgendetwas machte Eugenio von Savoy, Prinz Eugen, richtig.

WinterpalaisPrinzEugen

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Nicht nur war er der zweifelsohne größte österreichische und vermutlich größte schwule Feldherr, den die Welt je gesehen hat, sondern er ließ auch das großartigste barocke Ensemble in Wien errichten: das Belvedere. Es war, wie man sich heute, da es wie eine Insel im feindlichen Häusermeer liegt, immer ins Gedächtnis rufen muß, sein Landsitz, der, wie der Name sagt, zwar eine schöne Aussicht auf die Stadt bot, aber außerhalb von ihr lag.

Auch im damals von Mauern geschützten Wien selbst, das heute die von der Ringstraße umgebene Innere Stadt ist, hatte Prinz Eugen einen standesgemäßen Wohnsitz, der heute als Winterpalais bekannt ist. Während kein anderer adliger Landsitz bei Wien, und erst recht nicht das kaiserliche Schönbrunn, sich annähernd mit dem Belvedere vergleichen kann, unterscheidet sich das Winterpalais nicht grundsätzlich von all den anderen barocken Stadtpalais‘ in Wien. Wie alle von ihnen zeigt es vor allem, wie wenig der Barock, der Raum und Landschaft braucht, in die engen Gassen der mittelalterlichen Stadt paßt.

Winterpalais

So steht das Winterpalais verloren in der Himmelpfortgasse herum und könnte ebensogut in jeder anderen stehen, da es ohne Beziehung zu Nachbargebäuden oder irgendetwas anderem ist. Doch anders als alle anderen Wiener Stadtpalais‘ scheint es um seine notwendigen Mängel zu wissen oder jedenfalls etwas von ihnen zu ahnen.

WinterpalaisFassade

Zwar hat auch die lange Fassade des Winterpalais‘ einige schwer zu betrachtende Schmuckelemente, besonders um die drei Tore, aber den meisten Schmuck und die meiste Monumentalität spart es sich für sein Inneres, besonders für das Treppenhaus mit seinen riesigen Atlanten.

WinterpalaisTreppenhaus

Es verschwendet seinen Prunk nicht zu sehr nach außen, wo er eh ohne Wirkung bliebe.

WinterpalaisTreppeAtlanten

Stattdessen gibt das Winterpalais der Stadt und ihren Menschen etwas, mit dem sie zwar vielleicht auch nichts anfangen können, das sie aber wenigstens wirklich sehen können: große Reliefs beidseits der Tore.

WinterpalaisReliefs

Die großen vertikalen Flächen sind in einen flachen Hintergrund und viel plastischer vorragende Figuren gegliedert, wobei man deutliche Unterschiede erkennen kann: um das mittlere Tor des ältesten Teils kommen zu den Figuren eher angedeutete Gebäude und Wolken, um das rechte Tor werden die Hintergründe viel detaillierter und um das linke Tor wallen die Wolken schon über den oberen Rand der Fläche hinaus.

Die meisten Motive beziehen sich direkt auf antike Sagen: in der Mitte Aeneas, der seinen Vater aus Troja rettet

WinterpalaisAeneas

und Herkules im Kampf mit einem Riesen,

WinterpalaisHerkulesRiese

links Perseus mit dem Kopf der Medusa

WinterpalaisPerseusMedusa

und Achilles, der Hektors Leiche um Troja schleift.

WinterpalaisAchillesHektor

Um das rechte Tor aber sind andere Motive: rechts eine römische Armee vor einer Stadt, „S.P.Q.R.“ auf der Standarte,

WinterpalaisSPQR

links vor der eroberten Stadt ein knieender Mann, der einem stehenden Soldaten als Zeichen der Kapitulation die Hand küßt, auf der Standarte „Pax“ (Frieden).

WinterpalaisPax

So abstrahierend und allegorisch auch dies ist, im Vergleich zu den anderen Motiven ist es geradezu realistisch und paßt gut zum Palais des Prinzen Eugen, der sowohl den Krieg als auch den durch den Sieg erlangten Frieden gut kannte.

Doch die künstlerische Qualität der Reliefs oder auch nur, was sie zeigen, ist eigentlich zweitrangig. Entscheidend ist: sie sind so angebracht, daß die Vorbeigehenden sie gut betrachten können. Aufgrund der leichten Schräge der Gasse muß man zu den Reliefs um das linke und das mittlere Tor nur leicht den Kopf heben, während man mit denen um das rechte Tor auch aus nächster Nähe Auge in Auge steht.

WinterpalaisPerson

Sie ziehen unweigerlich den Blick auf sich und lassen allen übrigen Fassadenschmuck so banal, nein, unsichtbar werden, wie er ohnehin ist. Sie haben, so sehr das der Barock eben erlaubt, menschliches Maß und geben auch dem Palais ein wenig davon. Das, diese Hinwendung zum Menschen und zur Stadt, ist der große Unterschied zwischen dem Winterpalais und allen anderen Palais‘ der Inneren Stadt. Kein anderes hat solche Reliefs.

Vielleicht war Eugenio sich gar nicht bewußt, wie besonders sein Stadtpalais einzig durch die Reliefs wurde. Vermutlich hatte er andere Sorgen und Freuden. Aber irgendetwas machte er richtig.

Čistá

Das Dorf Čistá bildet gegenwärtig unter der Woche das Ende einer kurzen Trasse von Rakovník, deren Zukunft man schon am verlassenen und heruntergekommenen Bahnhofsgebäude, das ganz das Gegenteil des Ortsnamens, „die Saubere“, ist, erahnen kann.

ČistáBahnhof

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Vom Bahnhof führt die Nádražní (Bahnhofstraße) im Schwung hinab ins Dorf. An den Seiten zuerst flache Einfamilienhäuser aus der sozialistischen Zeit, dann die typische dörfliche Bebauung. An der Kirche, einem kleinen Barockbau, der nicht einmal eine Zwiebelhaube hat, geht es weiter hinab auf den Platz, der unbescheiden Náměstí Václavské (Wenzelsplatz) heißt. Auf der einen Seite stehen direkt an ihm einige Häuser, aber markanter sind die höher an den dahinter ansteigenden Hängen gelegene Kirche und die Grundschule, die durch Treppen mit dem Platz verbunden sind.

ČistáNáměstíVáclavské

Auf der anderen Seite stehen das Rathaus, ein zweigeschossiger Bau, der mit seinem mittig aus dem Walmdach ragenden Turm wenigstens vorsichtig mit der Kirche konkurriert, und ein Kaufhallengebäude. Es ist zweigeschossig, das obere Geschoß leicht überstehend und abgeschrägt, rechts daneben ein Treppenhaus ganz aus Glas und abgerundet, das an den Prager Hauptbahnhof erinnert.

ČistáCoop

Es sind Gebäude wie diese, mit denen die ČSSR auch in der tiefsten Provinz präsent ist, passender Ausdruck eines Sozialismus, der den verzweifelten Versuch unternahm, mit dem Kapitalismus ausgerechnet im Bereich des privaten Konsums zu konkurrieren. Sie sind nicht sehr verschieden von den Supermärkten, die Lidl oder Netto in die zersiedelten Vorstädte oder überallhin, wo eben Platz ist, bauen. Der Unterschied ist weniger ein brillantes architektonisches Detail wie hier das Treppenhaus, das eine Ahnung von Zukunft nach Čistá bringt, als die Tatsache, daß Lidl oder Netto in solch einem kleinen Ort niemals eine Filiale eröffnen würden. In diesen Gebäuden sind heute meist Filialen von coop Jednota (Einheit), Erbin der Konsumgenossenschaften, diesem vergessenen und kaum noch zu verstehenden Teil der Arbeiterbewegung. Das ist schön und löblich, doch wie fern dieses Erbe ist, zeigen Werbeslogans, die nicht nur die tschechischen Produkte, sondern auch die tschechischen Verkäufer betonen, was sich offenkundig gegen die vietnamesischen Händler, die sonst oft kleine Geschäfte betreiben, richtet.

In Čistá gibt es um den Platz auch weitere Läden und Kneipen, sogar ein kleines Heimatmuseum. Möglich, daß es diese in Deutschland von Veränderungen im Kapitalismus weitgehend zerstörten Instanzen dörflichen Lebens in Tschechien noch lange geben wird, genau wie vielleicht die Trasse nach Čistá ein längeres Leben vor sich hat als der Bahnhof vermuten ließe.

Römische Zahlen

Auf vielen Kirchen, Brunnen und anderen öffentlichen Gebäuden in Rom kann man lateinische Inschriften mit den Namen des Papstes, der für ihre Errichtung verantwortlich war, und der Jahreszahl ihrer Errichtung lesen.

Gregor XIII. 1583 am Collegio Romano

Gregor XIII. im Jahre 1583 am Collegio Romano (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Manchmal findet man auch zwei Zahlen, eine hohe und eine niedrige:

Clemens XI. im Jahre 1704/4 an einem Gebäude in der Via di San Michele

Clemens XI. im Jahre 1704/4 an einem Gebäude in der Via di San Michele

das Jahr nach Christi Geburt und das Jahr nach dem Regierungsantritt des betreffenden Papstes. Einige Papste hatten gar die sympathische Vermessenheit, die erstere Angabe wegzulassen, so daß man ihren Namen nachschlagen müßte, um die genaue Entstehungszeit des Gebäudes herauszufinden.

Pius IX. im Jahre 24 (1870) am Lungotevere Testaccio

Pius IX. im Jahre 24 (1870) am Lungotevere Testaccio

Am Piazza Augusto Imperatore (Kaiser-Augustus-Platz), einem faschistischen Platz zwischen Via del Corso und Tiber, findet man unter zwei zurückgesetzten Reliefflächen mit Fenstern zwei andere Angaben. Unter der ersten, die römische Waffen und Rüstungen zeigt, steht: A. MCMXL POST CHRISTUM NATUM (Jahr 1940 nach Christi Geburt).

PiazzaAugustoImperatoreRelief2

Unter der zweiten, die neuere Waffen bis hin zum Maschinengewehr und zur Gasmaske zeigt, steht: ANNO XVIII A FASCIBUS RESTITUTIS (Jahr 18 nach den wiederhergestellten Fasces [Rutenbündel als Symbol der Macht des römischen Reichs, später vom Faschismus übernommen]).

PiazzaAugustoImperatoreRelief1

So lernte der Faschismus vom Papsttum.

Noch klarer wird diese Verbindung an der Brücke, die das Papinksi hrvatski zavod Svetog Jeronima/Potinficio collegio croato di San Girolamo (Päpstliches kroatisches Kollegium vom Heiligen Hieronymus) an der südlichen Platzseite mit der zweiten der dazugehörigen Kirchen, Renaissancebauten mit barocken Fassaden, verbindet.

ZavodSvJeronimaBrücke

Über dem älteren Brunnen, der unten in die Stütze integriert ist, steht der Name des Papstes Clemens XIIII und die Zahl MDCCLXXIIII (1774), im Backstein darüber steht unter sehr stilisierten Fasces die Zahl XIX (19).

ZavodSvJeronimaBrunnen

Zum Glück ist all das heute kaum mehr verständlich. Auch die faschistische Architektur blieb für das Zentrum von Rom belanglos. Denn der Platz ist ein zwar großes und sehr zentrales, aber heute im Chaos der Stadt wenig markantes Ensemble. Das liegt zum einen an der engen und ungeordneten Stadtstruktur Roms, zum anderen daran, daß die Flußseite mit dem Museo dell’Ara Pacis (Ara Pacis-Museum) zugebaut ist, aber vor allem daran, daß das zentrale Augustusmausoleum weiträumig abgesperrt und hinter Bäumen sogar fast unsichtbar wird.

PiazzaAugustoImperatore

So ist das Ensemble, vielleicht ungewollt, sehr effektiv zerstört worden. Das Museum ist ein banaler Bau mit weißen Putzflächen, etwas Steinverkleidung und viel Glas, der anders als sein monumentaler, aber größtenteils gläserner faschistischer Vorgängerbau den Triumphaltar Ara Pacis, dem es gelten sollte, fast völlig versteckt. Die Behandlung des Augustusmausoleums wiederum, eines eigentlich riesigen Rundbaus, ist eine Art fehlgeleiteter Denkmalschutz. Es ist dasselbe Problem wie bei Zoos, die ihren Tieren angeblich artgerechte Gehege bauen, in denen die Besucher sie dann nicht mehr finden: Welchen Sinn hat ein antikes Denkmal, das niemand betreten oder auch nur wirklich sehen kann?

Daß die Zeit nach dem Faschismus keine eigene Zeitrechnung hervorbrachte, kann man ihr verzeihen; daß sie zu keiner Stadtplanung fähig war, die antike wie andere Gebäude zu etwas Neuem zu verbinden wüßte, ja, daß sie im Zentrum von Rom nicht einmal wie der Faschismus einen bescheidenen und konventionellen Platz schaffen konnte, und daß sie sich stattdessen hilflos an ein sinnlos gepflegtes Altes klammert, schon weniger.