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Tschechoslowakische Bahnhöfe: Kadaň-Prunéřov

Von der alten Stadt Kadaň ist der Bahnhof Kadaň-Prunéřov weit entfernt, während ihn gleich zwei für das Braunkohlerevier Nordböhmens so prägende riesige sozialistische Industriebetriebe mit hohen Betonschornsteinen und massiven Kühltürmen rahmen.

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Er liegt gleichsam auf einer Insel zwischen den Gleisen des Personenverkehrs, zu denen er zeigt, und denen des Güterverkehrs hinter ihm. Gerechter wäre es, er hieße nach den Betrieben oder einfach Prunéřov, aber tatsächlich hieß er ursprünglich sogar schlichtweg und verwirrend Kadaň.

In seinen industriellen Rahmen fügt sich Kadaň-Prunéřov gut ein, ein typisches sozialistisches Bahnhofsgebäude der Tschechoslowakei. Mit zwei Geschossen erstreckt er sich lang parallel zu den Gleisen, wobei man von dort nur das überstehende Obergeschoß, das Fensterbänder, vertikale silberne Metallstreifen und blaue Kunststoffverkleidung hat, sieht.

Das grau verputzte Erdgeschoß hat viele Türen und läuft rechts mit Transformatorenräumen noch weiter als das Obergeschoß.

Um die linke Ecke hat der Bahnhof ein Vordach, das rechts auf einer einzigen eckigen Stütze und links auf zwei Wänden, die die Ecke wieder schließen, ruht. Jene ist ganz, diese in den drei oberen Vierteln mit horizontalen rechteckigen Platten aus einem grauen, aber sowohl bläulich als auch roströtlich schimmernden Schiefer verkleidet.

Die eigentlichen Eingänge beidseits der Ecke sind dann eher klein und auch der Warteraum ist viel kleiner als es ein Bahnhof dieser Größe erwarten ließe. In der Schmalseite rechts sind die Schalter und die Gepäckaufbewahrung, in der inneren Breitseite Toilettenzugänge und andere Türen. Während diese Wände mit glattem grauen Stein verkleidet sind, haben die beiden nach außen zeigenden, in denen neben den Türen viele Fenster sind, weißen Putz.

Dieser ganze schlichte und funktionale Bahnhof ist von den Gleisen durch einen breiten Grünstreifen mit niedrigen Nadelbäumen und vielerlei Sträuchern sowie einen asphaltierten Bereich getrennt, gerade so, als sei er gar nicht ihretwegen da. Wie Ausleger stehen auf den beiden Bahnsteigen über jeder der jeweils zwei vom Tunnel hinaufkommenden Treppen kleine Bauten mit dreiseitigen Fensterbändern und zu den Eingängen leicht ansteigenden Wellblechpultdächern.

Die einzige Treppe vom Bahnhofsgelände in den Tunnel führt geschützt und halb versteckt zwischen den Wänden des Vordachs hinab.

Heute steht der Bahnhof Kadaň-Prunéřov weitgehend leer.

Der Zugabfertigung und allem anderen dient ein Flachbau links des beschriebenen Gebäudes, der mit großen Fenstern, einer Verkleidung aus vertikal gerilltem Aluminium, üppigem Efeu um den Eingang und einem Beet mit Rosen und Agaven beinahe ein tschechoslowakischer Bahnhof eigenen Rechts sein könnte.

Im Bahnhofsgarten führt nur noch der Stationsvorsteher seinen Hund aus. Die Wartehalle ist geschlossen. Dabei war gerade sie es, die den Bahnhof Prunéřov mit dem nahfernen Kadaň verband.

Oben auf ihrer inneren Breitseite verläuft zwischen zwei Holzstreifen ein schmales Wandbild zur Stadtgeschichte. Auf gelblich-weißem, pergamentartigem Hintergrund sind einander durchdringend spitze schräge Dreiecksformen in Braun und verschachtelte Rechteckformen in Schwarz. Sind die braunen Elemente gänzlich abstrakt, so bilden die schwarzen die Rahmen für fünf Wappenschilder und sechs menschliche Figuren. Von links nach rechts sind Bestandteile des  Wappens von Kadaň gezeigt: ein Stadttor zwischen zwei Türmen, ein schwarzer Adler, der im vollständigen Wappen auf ein eigenes kleines Schild vor den linken Turm gehört, und ein Ritterhelm, der über das Stadttor gehört. Bloß der weiße tschechische Löwe für das kleine Schild vor dem rechten Turm fehlt, doch dafür wird ein von links den Arm über das Wappenschild haltender Ritter nach und nach deutlicher.

Zwischen diesem heraldischen, offiziellen Aspekt der Geschichte Kadaňs zeigen die Figuren die menschliche. Sie sind meist kniend, manchmal fast liegend dargestellt, zwei drehen an einer Kurbel, einer hat den Arm zum Schlag mit einem Hammer erhoben, es sind Bergleute und die Rechtecke um sie ein stilisiertes Schachtsystem.

Einfach zu verstehen ist diese halbabstrakte Kunst nicht, sie kann leicht belangloser wirken, als sie ist. Ihr Zweck war es, diejenigen Reisenden, die im Saal auf den shuttleartig nach Kadaň hineinführenden Zug warteten, auf die Stadt vorzubereiten und ihnen den für die Region so wichtigen Bergbau, dem auch die Schornsteine draußen dienen, näherzubringen. Vielleicht hätte das eh nie jemanden interessiert, aber die Möglichkeit bestand und zweifelsohne ist der Bahnhof seit der Schließung des Wartesaals ärmer und weiter von Kadaň entfernt.