Archiv der Kategorie: Johannes von Nepomuk

Nepomuk in Stadlau

Österreich ist noch immer ein katholisches Land und pflegt deshalb auch einiges katholisches Brauchtum. So gibt es in manchen Stationen der Wiener U-Bahn Figuren der heiligen Barbara, der Schutzpatronin des Tunnelbaus. Sie sind immer klein und mehr oder weniger kitschig und stehen immer mehr oder weniger versteckt in verglasten Nischen, hier etwa am U3-Bahnsteig am Westbahnhof.

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Jedes Wort über derlei harmlose Folklore ist eines zu viel.

Anders ist es mit einer Darstellung des Johannes von Nepomuk am U- und S-Bahnhof Stadlau. Er gilt, da er von der Prager Karlsbrücke geworfen zum Märtyrer wurde, auch als Brückenheiliger und paßt damit gut an die U2, die nach der Innenstadt fast ausschließlich auf einer aufgestützten Trasse verläuft.

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Auf dem bloßen Beton der großen dreieckigen Stützen beim Bahnhofseingang der rote Metallumriß einer menschlichen Gestalt und das Wort „Nepomuk“ aus grünen Metallbuchstaben – das ist der Stadlauer Johannes von Nepomuk. Und das genügt.

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In dem Umriß sieht man das Birett auf seinem Kopf, die Palmzweige links, das Kruzifix rechts, das lange Gewand und irgendwie sogar die barock verrenkte Haltung, in der er steht. Wer einmal eine barocke Nepomukskulptur gesehen hat – und es ist schwer, das in Österreich nicht getan zu haben – füllt sich den Umriß auf dem Beton mit dieser. Das Bild des allgegenwärtigen Heiligen ist so stark, daß es nurmehr angedeutet werden muß.

Diese Gestaltung ist auch die einzig angemessene für eine zeitgenössische Heiligendarstellung, denn eine solche ist immer nur eine leere Hülle, der der Kern fehlt: der Glaube. Österreich mag katholisch sein, aber gläubig ist es nicht. Den Glauben an die wundertätige und brückenbeschützende Kraft von Heiligenstatuen, diesen volkstümlichen und von einer starken Kirche durchgesetzten Glauben, der ganz Österreich und halb Europa mit unzähligen Johannes von Nepomuks bedeckte, diesen aus Armut und Verzweiflung erwachsenden Glauben, den gibt es hier nicht mehr. Wie John Dolan in „Dead Catholics“, seinem schönen Text über amerikanischen Katholizismus und Punk, schrieb:

„Anyone born in the developed world after 1945 who actually believes in some supernatural spook is mentally ill. You didn’t have to believe in God to believe in the Church. Unlike God, the Church actually existed“ (Jeder, der nach 1945 in einem Industrieland geboren wurde und wirklich an irgendein übernatürliches Zeug glaubt, ist geisteskrank. Man mußte nicht an Gott glauben, um an die Kirche zu glauben. Anders als Gott existierte die Kirche nämlich wirklich.)

Das Fortbestehen der Kirche kann ein Problem sein, wenn es auch in einem Land wie Österreich gegenwärtig kein sehr großes ist. Ihre Bräuche und ihre Kunst aber sind durch den Wegfall des Glaubens zu Folklore geworden. Und wenn die sich so subtil und beziehungsreich ausdrückt wie im Werk des Bildhauers Werner Feiersinger in Stadlau, ist das auch halb so schlimm.

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Johannes von Nepomuk mit Blumen

An der Ecke Heiligenstädter Straße/Sickenberggasse im 19. Bezirk wird die hübsche, gleichsam ländliche Tradition gepflegt, dem dort stehenden Johannes von Nepomuk jeweils saisontypische Blumen oder Pflanzen in den Arm zu legen. Meist sind es künstliche, teilweise aber sogar echte Pflanzen.

JohannesVonNepomukLila

Die Skulptur scheint für diesen Schmuck wie gemacht, da ihr rechter Arm eine Lücke hat, die Forsythien oder anderes gut hält. Statt die Hand in etwas gespreizter Geste, die an Überraschung denken läßt, auf die Brust zu stützen, scheint dieser Johannes von Nepomuk sich nun leicht vorzubeugen und im Begriff zu sein, sowohl die Blumen in seinem rechten Arm als auch die Palmwedel und das Kruzifix in seinem linken Arm jemandem geben, schenken zu wollen.

JohannesVonNepomukForsythien

Bloß bleibt unklar, an wen er sich richten könnte. Zwar ist es, als seien die Gebäude der Umgebung um die Skulptur von 1709 oder 1710 herumgebaut. Sogar das Haus, vor dem sie steht, hat für sie eine ausgesparte Ecke.

JohannesVonNepomukHeiligenstädterStraße

Doch leider bringt das wenig, da sie genau schräg zur sehr nahen Straßenecke ausgerichtet ist. Man müßte auf der vielbefahrenen Heiligstädter Straße stehen, um sie von vorne zu sehen. So bleibt von diesem blumengeschmückten Heiligen bloß ein vager Eindruck von Freundlichkeit.

Mein Lieblingsheiliger

Mein Lieblingsheiliger ist Johannes von Nepomuk.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfStatue

Die Connaisseure mögen nun die Nase rümpfen, Johannes von Nepomuk, das ist doch so ein Einstiegsheiliger, einer, den man in Ländern des alten Österreich an jeder Ecke sieht, einer, von dem nur jemand aus protestantischen Gegenden, der zum ersten Mal einem Heiligen begegnet, begeistert sein kann. Eine originelle Wahl ist das in der Tat nicht. Aber ich mag an Johannes von Nepomuk gerade seine Popularität und Ubiquität. Auch in der Architektur interessiert mich das Vorgefertigte und Repetitive mehr als das Auffällige und Experimentelle, auch beim Essen ziehe ich McDonald’s einem Sternerestaurant vor. Gerade daß Johannes von Nepomuk in abertausenden Varianten existiert, daß jeder Steinmetz in jedem Dorf unter habsburgischer Herrschaft sich im 18. Jahrhundert an einer Nepomuk-Skulptur versuchen mußte, macht ihn zu meinem Lieblingsheiligen. Das heißt nicht, daß ich nicht auch einmal einen etwas weniger mainstreamigen Heiligen wie etwa Donatus genießen kann, vor allem, wenn er wie hier in Rodaun mit Sichel dargestellt ist,

DonatusRodaun

aber letztlich kehre ich doch immer gerne zum Rock des Johannes von Nepomuk zurück.

Heiliger Jeremy von Islington

Schwer zu sagen, ob derjenige, der dem Johannes von Nepomuk bei der Rossauer Brücke am Donaukanal eine Schiebermütze aufsetzte, wußte, was er da tat.

JohannesVonNepomukRossauerBrücke

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Vielleicht begriff er bei dieser mutmaßlich nächtlichen, mutmaßlich trunkenen Tat zumindest, daß die graue Farbe der Mütze gut zur grauen Farbe des Steins paßte, so gut sogar, daß dem kurzsichtigen Blick bei bestimmten Lichtverhältnissen lange nicht einmal auffällt, daß sie nicht Teil der Skulptur ist. Was den späteren Eingriff verrät, ist letztlich mehr die allzu forsche, allzu coole Art, wie die Mütze weit in die Stirn ragend auf den Locken des Heiligen sitzt, als ihr Unterschied zur typischen Nepomuk’schen Kopfbedeckung, dem vierkantigen Birett .

Doch damit irgendetwas von dem bemerkt werden könnte, müßte die Skulptur ja erst einmal angesehen werde, was an dieser stark befahrenen Kreuzung recht unwahrscheinlich ist.

JohannesVonNepomukRossauerBrückeKreuzung

Dabei würde es sich lohnen. Das Kruzifix in den Armen dieses Johannes von Nepomuk ist ungewöhnlich groß und er hält es noch über seiner Augenhöhe in einigem Abstand vor sich. Sein Blick geht leicht nach oben und hat nichts Verzücktes, Schwelgendes, ja, er wirkt geradezu, als ob er den kleinen Jesus am Kreuz nachdenklich musterte.

JohannesVonNepomukRossauerBrückeDetail

Verwandelt wird die Skulptur durch die Schiebermütze. Nun sieht man in dem bärtigen, scharfgeschnittenen Gesicht nicht mehr Johannes von Nepomuk, den Märtyrer aus dem 14. Jahrhundert und Star der habsburgischen Gegenreformation, sondern Jeremy Corbyn, den britischen Oppositionsführer und Star der linken Sozialdemokratie. Wer auch immer der Skulptur die graue Mütze aufsetzte, schuf also unfreiwillig ein neues, visionäres Kunstwerk. Es könnte heißen: „Premierminister Corbyn im kritischen Dialog mit dem Islamischen Staat“.

Heiliger wider Willen

Wie ist das eigentlich, wenn man ohne es zu erwarten Heiliger wird?

Zwar war man ein guter christlicher Funktionär in Prag (oder auch zwei) und starb eines unangenehmen Märtyrertods im Wasser der Moldau, aber das war auch alles. Dann, nach einigen Jahrhunderten im Himmel, findet man sich plötzlich in neuen modischen Kleidern wieder, aus den Ohren wächst einem ein Heiligenschein, sogar mit Sternen, und ein dicker kleiner Engel mit etwas blödem Gesicht trägt einem die Attribute, Palmblätter und Kruzifix, heran, während ein zweiter zur Erinnerung an die Verschwiegenheit, die man angeblich gezeigt hat, einen Finger vor seinen Mund hält. Klar, daß man da erst einmal überrascht dreinblickt, sich leicht nach hinten wegbeugt und beide Hände in einer fragenden Geste auf die Brust richtet: Ich?

Genau so geschah es Johannes von Nepomuk oder vielmehr: so stellte ein Bildhauer es sich vor und einer Skulptur dar, die in Sievering, einem ehemaligen Dorf im 19. Bezirk, zu sehen ist.

JohannesVonNepomukSievering

Wir wissen, wie die Geschichte weiterging: Johannes von Nepomuk fand sich mit seiner neuen Rolle ab und in tausend anderen Skulpturen wiegt er das Kruzifix schon so verzückt im Arm, als sei es das Jesuskind selbst und er Maria.

Wenn man ohne es zu erwarten Heiliger wird oder sonstwie berühmt, beschwert man sich eben nicht, sondern genießt es, und würde sich wohl auch nicht anders verhalten, wenn man nicht wie Johannes von Nepomuk entweder nie gelebt hätte oder jedenfalls seit Jahrhunderten tot wäre. Es könnte einen bloß mehr stören, daß einige der vielen tausend Skulpturen, die einen zeigen, wirklich schlecht sind, aber solange hin und wieder etwas Interessantes dabei herauskommt, wäre man wohl zufrieden.

Johannes von Nepomuk in Laxenburg

Bekannt ist Laxenburg, zurecht, für seinen vormals kaiserlichen Park und die dazugehörigen Schloßanlagen. Der Ort selbst ist da wenig mehr als ein beliebiges Anhängsel. Vielleicht aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus, eher, weil es ab den Fünfzigern zu viel Geld hatte, kaufte sich Laxenburg zur Ortsverschönerung allerlei Kunst, die in Wien nicht mehr gebraucht wurde. So steht irgendwo ein Sockel mit einem wirklich bizarren venezianischen Steinlöwen aus dem alten Südbahnhof, während vor dem neo-neobarocken Ladenzentrum eine weibliche Bronzefigur aus dem Palais Rothschild herumsitzt.

Das ist recht lächerlich und noch dazu unnötig, denn das interessanteste Kunstwerk in Laxenburg mußte nicht aus der Hauptstadt herbeigeschafft werden, sondern gehört ganz Laxenburg selbst. Es handelt sich um einen barocken Johannes von Nepomuk in der Wiener Straße. Die Skulptur selbst hebt sich in keiner Weise von den unzähligen anderen bildhauerischen Darstellungen dieses Heiligen, dem Popstar der Gegenreformation, ab, aber ihr wurde eine kleine Kapelle, eigentlich nur eine schützende bauliche Umfassung, errichtet.

JohannesVonNepomukLaxenburg

Vor dem Sockel ein steinernes Geländer, an den Seiten nach oben breiter werdende Pilaster, die mitsamt den ionischen Kapitellen aus dünnen, schnurartigen Streifen bestehen oder eher angedeutet  sind, oben ein runder Bogen und als Abschluß ein erst aufgeschwungener, dann halbrunder Giebel, in dessen Feld vor einer Muschelform eigentümlicherweise ein winziger Obelisk ist, was man sicher irgendwie interpretieren könnte.

JohannesVonNepomukLaxenburgObeliskMuschel

Die Formen der Kapelle, die bereits einen souveränen und freien Umgang mit Barockkonventionen verraten, krönte ihr Erbauer mit einem Einfall: sowohl im Bogen als auch auf dem Giebel sind sechszackige Sterne. Es sind die Sterne das Heiligenscheins des Johannes von Nepomuk, der als einziger Heiliger außer Maria überhaupt Sterne im Heiligenschein hatte. Nicht zufrieden mit ihrer untergeordneten, die Skulptur bloß schützenden Funktion, wird die Kapelle zu ihrer Ergänzung, ihrer Vervollständigung, zum gebauten Heiligenschein. Ja, die Architektur wird sogar wichtiger als die Skulptur, die ohne Verlust auch gegen jeden anderen nicht völlig mißlungenen Johannes von Nepomuk ausgetauscht werden könnte. Ein kleiner Einfall also, so naheliegend wie überraschend, genügt, Laxenburgs kleine Nepomukskapelle zu etwas Besonderem zu machen.

Der Ort, jedenfalls die unmittelbare Umgebung der Kapelle scheint das auch zu ahnen: ein typisches flaches Bauernhaus wurde um sie herum gebaut, nimmt sie in sich auf, macht sie stolz zu seinem Schmuck.

JohannesVonNepomukLaxenburgHaus

Das blanke Haus wird gleichsam zur Leinwand für ein Kunstwerk und findet damit, zufällig und ungewollt, zu einem viel zukunftsweisenderen Verhältnis zwischen Architektur und Kunst als es beim nahen barock verschnörkelten Schloß oder der ihm gegenüberliegenden Kirche herrscht. Falls das Haus samt Kapelle dadurch auch nicht schöner oder wichtiger wird als diese, so fühlt man sich ihm zumindest viel näher.

Langenzersdorf ohne Johannes von Nepomuk

Johannes von Nepomuk war in Österreich der beliebteste Heilige der Gegenreformation und es gibt unzählige Statuen von ihm. Nicht überraschend daher, daß auch Langenzersdorf bei Wien seinen Johannes von Nepomuk hat. Er steht an der Hauptstraße des Orts, der Wiener Straße, dort, wo es zur Kirche und weiter in die Weinberge am Bisamberg hinaufgeht.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfStatue

Die Skulptur selbst ist einerseits typisch – die expressiv verdrehte Körperhaltung, der Blick zum Kruzifix im rechten Arm, der Heiligenschein mit den Sternen – verrät aber andererseits durch viele Details – die feinen Gesichtszüge, den Abstand zwischen Arm und Kruzifix, den schwebend herabfallenden Umhang – die Hand eines talentierten Bildhauers, die von Stefan Gabriel Steinböck, dem Sproß einer alten Bildhauerfamilie. Doch bedeutend ist erst der aufwendige und große Sockel, auf dem die Skulptur steht.

JohannesVonNepomukLangenzersdorf

Dessen zentraler Zylinder wird durch drei geschwungen abfallende Voluten zu einer Y-Form erweitert, wodurch auch drei Flächen mit Reliefs entstehen.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfWenzel

Eines der Reliefs zeigt unter der lateinischen Jahreszahl 1766 zwei Figuren, die man für ein Herrscherpaar halten könnte, wozu auch die Inschrift „Bitte um die Heerde und Ihren Hirten“ in der Volute rechts daneben passen würde. Aber im Jahre 1766 herrschte in Österreich bekanntlich Maria Theresia, also paßt das nicht. Tatsächlich soll das Relief die Versuchung Johannes von Nepomuks durch König Wenzel IV zeigen.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfÜberschwemmung

Eines der Reliefs zeigt unter einer auf Wolken thronenden Maria, die neben sich ein Rad hat, ein Dorf, zweifelsohne Langenzersdorf selbst. Es ist nicht klar zu erkennen, was dort gerade geschieht, aber es könnte sich um ein Hochwasser handeln, aus dem ein Mann links gerade seine Habseligkeiten retten will, während eine Frau rechts, an die sich ein Kind klammert, auf einer Art Floß zu Maria betet, auf daß sie die Sonne, dargestellt vom Rad, hinter den Wolken hervorkommen lasse. Überschwemmungen gab es in Langenzersdorf, das auf einem eher schmalen Streifen zwischen Bisamberg und Donau liegt, bis zum Bau eines Damms im 18. Jahrhundert auch tatsächlich regelmäßig. Heute ist es leider schwer, dieses Relief gut zu betrachten, weil die Nadelsträucher in dem steingefaßten Hochbeet, das wohl bei der in der Volute links daneben genannten Renovierung 1935 bis 1936 gebaut wurde, zu hoch sind.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfTürken

Das dritte Relief ist nicht nur, weil es vorne, zu Füßen der Skulptur ist, das wichtigste. Es zeigt im Vordergrund eine kniende Figur mit auf den Rücken gefesselten Händen zwischen zwei stehenden Figuren mit fremdartiger Kleidung, fremdartigen Bärten und fremdartigen Krummsäbeln: ein Einwohner Langenzersdorf kurz vor seiner Hinrichtung durch türkische Soldaten im Jahre 1683. Dahinter zeigt sie ein brennendes Bauernhaus, die brennende Kirche, einen schlanken Baum und, klein nur, aber im Mittelpunkt, eine Figur, die vor einem Reiter auf aufgebäumten Pferd die Hände von sich streckt. Und im Hintergrund sind die Berge.

Dieses vordere Relief ist der Höhepunkt des gesamten Werks. Man spürt deutlich, was dem Bildhauer wichtig war. Die Szene aus dem Leben Johannes von Nepomuks, die keine Bedeutung für irgendwen haben kann, ist mehr eine Fingerübung, für die Szene mit dem Hochwasser, die für das Leben der Langenzersdorfer schon viel relevanter ist, gibt er sich schon mehr Mühe, und bei der Szene mit den Türken zeigt er sein ganzes Können. Er scheint geradezu froh zu sein, hier nichts Religiöses mehr darstellen zu müssen, sondern sich ganz dem Realismus hingeben zu können. Denn es ist einfach nur eine Szene aus der jüngeren Geschichte des Orts, wie sie alle noch aus den Erzählungen von Menschen, die sie selbst miterlebt hatten, kannten. Der Bildhauer holt diese Szene noch einmal zurück und hält sie für immer fest. Er beweist dabei ein erstaunliches Gespür für den Ort, da die Perspektive auf der Bildfläche genau der entspricht, die der vor ihr stehende Betrachter hat. Genau das Gezeigte hätte er von genau dieser Stelle im Jahre 1683 sehen können.

Die Figuren im Vordergrund scheinen beinahe aus der Bildfläche herauszutreten, so lebensnah und detailreich sind sie sie gestaltet. Jede barocke Verrenkung fehlt. Steinböck schafft es, daß das Knien des todgeweihten Bauern nicht würdelos wirkt, da er den einen Fuß aufgestützt hat, als wolle er aufstehen, woran ihn aber die Hand des linken Soldaten auf seiner Schulter hindert. Die Türken selbst sind nicht böse oder wild dargestellt, sondern eben als Soldaten, die ihre tödliche Arbeit tun. Auf großartige Weise nutzt der Bildhauer auch die verschiedenen Ebenen des Reliefs. Am bewegendsten ist vielleicht die Szene im Mittelpunkt, weil hier die Gewalt und der Tod, die sich im Vordergrund erst anbahnen, schon zu sehen sind.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfTürkenDetail

Hier sind keine Details mehr nötig, es genügen einige Umrisse, um den Schrecken des Krieges zu zeigen. Dennoch hat die Szene keinerlei Pathos. Sie zeigt ganz nüchtern ein Massaker, wie es in allen Kriegen zur Normalität gehört. Es gibt keine Lösung, keine Helden, nur Tod und Zerstörung. Anders als für den Hof in Wien war für den Bauern in Langenzersdorf auch das Eintreffen von Sobieskis Armee ziemlich unwichtig.

Und wenn man dort steht und in die Geschichte von Langenzersdorf blickt, vergißt man bald, daß da oben noch ein Heiliger steht. Wieso sollte man auch den Kopf heben, wenn man direkt vor sich etwas hat, das viel interessanter und lebendiger ist? So ist der Langenzersdorfer Johannes von Nepomuk schon, gleich den kleinen Putten auf den Voluten, kaum mehr als Beiwerk für ein realistisches und säkulares Kunstwerk.