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Neubrandenburgs Bauarbeitern

Die Betriebsschule „Ernst Brünkmann“ in Neubrandenburg ist so etwas wie das Tor zu dem großen Industriegebiet im weiten Tal zwischen den Wohngebieten Datzeberg und Oststadt, wo unter anderem der Betriebshof des Stadtverkehrs ist. Ihr gehört ein langes fünfgeschossiges Gebäude parallel zur, aber weit abseits der Sponholzer Straße und ein niedrigerer vorgesetzter Saalbau kurz vor der Ecke zur Warliner Straße, die ins Industriegebiet hineinführt. Daß es auch ein Wohnheim beherbergte, sieht man den horizontalen Fensteröffnungen und den beiden Treppenhäusern, vor denen kleine quadratische Fenster in einem Betonraster sind, nicht an.

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Ihren Namen verkündet die Schule gut sichtbar links oben auf der zur abzweigenden Straße zeigenden Wand des Vorbaus. Auf zwei Reihen vertikaler rechteckiger Platten aus rotbraunem Ton verteilen sich die Reliefbuchstaben des Schriftzugs, während ganz am Anfang das Logo ist.

Es besteht aus den vertikal gesetzten Buchstaben BMK für „Bau- und Montagekombinat“ über einer Art stilisiertem Springbrunnen und einem I auf einem H für „Industrie- und Hafenbau“, wobei man den Namen dieses Neubrandenburger VEB schon kennen muß, um nicht im I einem Kran mit weiterem schrägen Element und im H einen Stahlträger zu erkennen.

Vor der Wand und links quer zu ihr ist eine backsteinerne Sitzanlage und die gesamte Fläche bis zur Straßenecke ist als kleiner Garten gestaltet.

Rechts über der Bank hängt an der Wand ein großes Tonrelief.

Im bandartigen rechten Teil zeigt es flach und stilisiert allerlei technische Anlagen wie Gerüste, Schornsteine, Kräne, Silos,

während im kurzen vertikalen linken Teil drei nach rechts blickende Bauarbeiter, deren Körper viel plastischer aus der Fläche ragen, zu sehen sind. Der mittlere von ihnen sitzt mit baumelnden Beinen und aufgestützten Armen lässig in einem Gerüst, was entfernt an die berühmte Photographie auf einem Stahlbalken posierender Arbeiter beim Bau eines New Yorker Wolkenkratzers erinnert.

Diesem kleinen Kunstwerk gelingt, indem es die Arbeiter beim Blick auf ihr Werk zeigt und durch den Wechseln von erhabenem zu flachem Relief subtil und deutlich ihre Bedeutung hervorhebt, eine sozialistische Aussage, die noch dadurch verstärkt wird, daß es in Farbe und Material mit dem Namensschriftzug wie der Bank verbunden ist und dank der Lage an der Ecke noch über den so von ihm geprägten Garten hinauswirkt.

In gewisser Weise ist an dieser Ecke der Betriebsschule „Ernst Brünkmann“ die gesamte DDR. Was sie auszeichnete, was die enorme Liebenswürdigkeit, mit der sie schöne Orte dort schaffen wollte, wo es sie früher nie gab, in den Wohngegenden oder wie hier den Betriebsstätten der Arbeiter. Die Kunst war ihr Mittel, den Arbeitern vom Wert ihrer Arbeit zu erzählen und sie mit Stolz auf diese und sich selbst zu erfüllen. Manchmal war sie dabei pathetisch, aber öfter, wie auch hier, ganz und gar nicht, wohl weil sie glaubte, die Arbeiter ohne Pathos und mit bloß leicht überhöhter Darstellung ihrer Lebenswirklichkeit besser zu erreichen. Vielleicht war der ganze Glaube der DDR an die Kraft von Schönheit und Kunst verfehlt, vielleicht scherten sich die Betriebsschüler auf den Bänken nie um das Relief. Liebenswürdigkeit wirkt schnell rührend und naiv, aber kann das als Argument gegen sie gelten?

Der heutige Zustand der Ecke zeigt denn, was nach dem Ende der DDR geschah. Das Gelände ist abgesperrt, das gesamte Gebäude steht leer und verfällt langsam, über das Relief wurde erst ein silbriges Graffiti gemalt und nun wachsen junge Bäume davor.

In der rechten oberen Ecke hängt ein Aufkleber mit weißer Fläche zwischen roten Streifen, der an die „My name is“-Aufkleber, die die Graffitiszene als guten Träger für Tags entdeckt hat, erinnert, aber hier die Immobilie zum Kauf ausweist – allerdings ohne Name oder Adresse, da eh niemand glaubt, daß sie je jemand kaufen wollte.

All der Vandalismus, der Gebäude und Kunst schädigte, wird von dem Vandalismus des Kapitalismus, den dieser Aufkleber ausdrückt, übertroffen und überhaupt erst ermöglicht.

Ruinenspaziergang auf dem Datzeberg

Ganz am Rande des Neubrandenburger Wohngebiets Datzeberg beim Bogen von Uns Hüsung und Mudder-Schulten-Straße ist eine kleine Grünanlage, die mit den Großplatten abgerissener Wohngebäude aus der DDR gestaltet ist. Quer zwischen den beiden aufeinander zulaufenden Wegen liegen vier Fassadenplatten, auf deren Beton oder auf darauf angebrachten Holzflächen man sitzen kann, während die jeweils zwei Fensteröffnungen zu Hochbeeten wurden, aus denen Bäume wachsen.

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Einige der Platten zeigen nur die Kieselstruktur ihres Waschbetons, auf anderen sind große rechteckige Kacheln in Dunkelrot und Weiß. Kacheln in denselben Farben bedecken auch stelenartig aufgestellte Betonplatten am Anfang und am Ende der Grünanlage. Rechts, zum Hang hin, ist nur eine Bank aus einer Holzfläche vor einer versenkten Betonplatte. Links reihen sich eine schräg in die Erde gesetzte Platte aus glattem Beton mit Fenster- und Balkonöffnungen, eine Platte aus Waschbeton mit Fensteröffnungen und vier im Zickzack aufgestellte schmalere Platten mit einem vertikalen Muster aus orangenen Kacheln auf Waschbeton.

Wenn man vom Wohngebiet durch die Grünanlage geht, sieht man so die Entwicklung von der rohen Platte über den Waschbeton zur Kachelverzierung.

Und man sieht noch mehr, denn direkt hinter der orange-grauen Zickzackwand steht eines der L-Hochhäuser des Bezirks Neubrandenburg. Es besteht aus einem längeren elf- und einem kürzeren vierzehngeschossigen Teil, die im rechten Winkel zusammengefügt sind. Nach außen hat es Balkone mit einem horizontalen Muster orangener Kacheln, nach innen Fenster und jeweils einen mittig vorgesetzten Aufzugs- und Treppentrakt mit weißen Kacheln. Insbesondere aber sind die beiden Schmalseiten ganz von Kachelmustern bedeckt.

Aus einem eigentlich regelmäßigen Hintergrund aus vertikalen Streifen orangener und weißer Kacheln  treten komplizierte unregelmäßig gewellte Linienformen heraus, die an Wurzeln oder an Regentropfen, die eine Scheibe herunterrinnen, erinnern, gerade so, als wachse etwas über die Gebäudeseiten hinauf oder laufe an ihnen herunter. Hier werden die Kacheln vom Gebäudeschmuck zur abstrakten Kunst, die weit ins Wohngebiet und die flache Umgebung zu sehen ist.

Wenn man das Wohngebiet Datzeberg durchstreift, wird man die Betonplatten mit den Kacheln, die man in der Grünanlage als geschickt weiterverwendete Ruine kennenlernte, als lebendige Form an den Gebäuden wiedererkennen, denn viele von ihnen haben noch ihre Originalfassaden.

Wie der Name schon sagt, erstreckt sich die Bebauung des Wohngebiets auf dem Hügelplateau des Datzebergs im Norden der Bezirksstadt.

Seine Höhepunkte sind die L-Hochhäuser des beschriebenen Typs, von denen sich zwei am Ende sehr langer und leicht geschwungener fünfgeschossiger Gebäude am Hügelrand befinden, während vier an der zum Stadtzentrum zeigenden Ecke eine lockere Gruppe bilden.

Auf dem Hügel gelegen, mit den Hochhäusern als Türmen und den langen Gebäuden als Mauern, erweckt das Wohngebiet Datzeberg unweigerlich Assoziationen mit einer mittelalterlichen Burg.

In seinem Inneren jedoch gibt es weder Herrscher noch steinerne Enge. Zwischen den Gebäuden am Hügelrand bildet die fünfgeschossige Bebauung lange und offene, nie ganz rechteckige Höfe, um die sich die Straßen ringartig legen.

Wenn das Zentrum  des Wohngebiets heute etwas leer wirkt, dann weil ein Dienstleistungsgebäude und das zugehörige der L- Hochhäuser bereits abgerissen wurden. Auf der nunmehr zu großen und kahlen Grünfläche steht die Plastik einer Frau und eines Manns, die zwischen sich ein kleines sitzendes Kind in einem Tuch tragen.

Am Dach des Kaufhallengebäude sind halb noch die ursprünglichen Kunststoffwaben und halb rote Ziegel, im rückwärtigen Anbau sind ein Döner-Imbiß und eine Kneipe. Während das in der DDR geschaffene Zentrum abgerissen wurde, verblieb das desolate „Datzebergzentrum“ aus den Neunzigern, das bereits fast völlig leersteht und das zu erwähnen höchstens ist, weil sich so der hier befindliche Netto mit dem schwarzen Schnauzer direkt neben dem rot-gelben Netto in der Kaufhalle befindet.

Kindergärten und Schulen sind am Rand angeordnet, so daß ihre Höfe und Gärten am Hang liegen. Vor der Hochhausgruppe ist der Hang als Park mit großem Spielplatz und anderen Einrichtungen gestaltet, über die man zum Wohngebiet Reitbahnviertel im Tal blickt.

Es ist also ein recht typisches Wohngebiet aus der Blütezeit des Wohnungsbaus der DDR (erbaut zwischen 1976 und 1981), nicht außergewöhnlich, aber gelungen, etwas weit vom Zentrum entfernt, aber die topographischen Gegebenheiten großartig ausnutzend.

Aus Kirschner, Harald u. Uhl, Heidrun: Neubrandenburg, Leipzig 1989

Die Kachelmuster auf den nunmehrigen Hochbeeten der Grünanlage erkennt man an vielen der fünfgeschossigen Gebäude wieder: ein dunkelroter Rahmen um zwei Fenster und eine weiße Fläche zwischen ihnen.

Die Zickzackwand ihrerseits besteht aus ehemaligen Balkonbrüstungen, die dieselben Muster, nur eben horizontal, haben.

Wo abgetragene Gebäude, deren Einzelteile für die Grünanlage dienen, standen, erkennt man weniger an Lücken als an zu kahlen Wiesenstücken zwischen der Bepflanzung. Es ist ein wenig schade, daß die Großplattengrünanlage auf dem Datzeberg mit keinerlei Informationstafeln versehen ist. So wurde die Chance versäumt, die Ruinen nicht nur geschickt weiterzuverwenden, sondern didaktisch in einen Bezug zu den Gebäuden zu setzen, zu erklären mithin, was das eigentlich heißt: Plattenbau. Fast paßt es, daß sich nicht mehr herausfinden läßt, von wem sie im Jahre 2008 geplant wurde (ein paar Bilder aus der Zeit finden sich hier).

Neben den erhaltenen ursprünglichen Fassaden sind auch im Wohngebiet Datzeberg viele verändert, was vielsagende Kontraste schuf. Teilweise verschwanden sie unter Wärmedämmung.

Das kann aus ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert werden, insbesondere, wenn die neuen Fassaden bereits so verdreckt sind wie es Kacheln und Beton auch in weiteren vierzig Jahren nicht sein werden, aber immerhin erfüllt es eine eindeutige Funktion.

Anderswo wurden die Fassaden einfach in Pastellfarben übermalt.

Wo zuvor Beton mit Kachelmustern war, ist nun Beton unter einer dünnen Farbschicht und keinerlei Muster mehr. Das ist nichts anderes als so dummer wie trauriger Vandalismus, der durch keinerlei funktionale Erwägungen erklärt ist, er ist niedriger noch als das Graffiti, das immerhin als Ausdruck eines künstlerischen Impulses gelten kann. Auch auf so etwas hinzuweisen, könnte die Aufgabe der aus ihrer natürlichen Umgebung geholten Betongroßplatten der Grünanlage sein. Doch so viel mehr Potential sie auch hätte, sie ist das Beste, was den abgerissenen Gebäuden am Datzeberg passieren konnte.

Ein Spaziergang durch Ruinen ist ein jeder Spaziergang durch ein Wohngebiet der DDR in gewissem Maße, doch immer ist es auch schön zu erleben, wie viel Leben in diesen Ruinen noch ist.