Archiv für den Monat Januar 2014

„Begegnungszonen“ in der Mariahilfer Straße

Es gibt genau zwei Möglichkeiten, große Einkaufsstraßen in kapitalistischen Citys zu gestalten. Als Beispiele sollen hier die Zeil in Frankfurt am Main und die Tauentzienstraße in Westberlin gelten. Beide Straßen ähneln einander sehr. Sie sind relativ breit und bebaut mit bis zu sechs-, siebengeschossigen Büro- und Kaufhausgebäuden in einer unüberschaubaren Vielfalt von Formen. Der Unterschied aber ist: die Tauentzienstraße ist noch heute eine normale Straße, zwischen deren zwar breiten Gehsteigen auf mehreren Spuren großstädtischer Verkehr fließt, während die Zeil in den frühen Achtzigern zur Fußgängerzone umgestaltet wurde. Der ihr so hinzugewonnene Raum ist heute mit Bäumen, Bänken, Brunnen und einigen Gastronomiepavillons gestaltet. Dies also sind die beiden Möglichkeiten: traditionelle Straße oder Fußgängerzone.

Auch die Mariahilfer Straße in Wien ist eine Einkaufsstraße wie Tauentzienstraße und Zeil. Um ihre Umgestaltung tobt derzeit eine hitzige Diskussion. Liest man von dieser bloß, und vielleicht noch unaufmerksam, könnte man meinen, es gehe hier darum, daß aus einer traditionellen Straße eine Fußgängerzone gemacht werden solle. Das ist aber nicht der Fall, oder jedenfalls nicht für ihren größten Teil. Was die Mariahilfer Straße seit ihrer Umgestaltung ist und abhängig von einer Bürgerbefragung Ende Februar bleiben wird, ist vielmehr eine bizarre Halbheit, ein Zwitter. Die Trennung von Gehsteig und Straße ist weiter vorhanden, jedoch ist die Straße nun „verkehrsberuhigt“, sie ist eine „Begegnungszone“.  Das heißt, daß auf ihr nun weniger Autos langsamer fahren. Abgeschafft wurden dafür die Fußgängerampeln. Theoretisch kann und soll man die Straße nun überall überqueren und sogar auf ihr gehen können, aber das verringert ihre trennende Wirkung nicht, es verstärkt sie. Die Straße wird zum Angstraum, in dem Fußgänger und Autos (sowie Radfahrer, die auch keinen Geschwindigkeitsbegrenzungen zu unterliegen scheinen) einander schutzlos begegnen. Traditionelle Straße und Fußgängerzone, Tauentzienstraße und Zeil, haben eins gemeinsam: Klarheit. Fußgänger und Autos kennen ihren Platz und wo sie aufeinandertreffen, ist das durch Ampeln klar geregelt. Auf der Mariahilfer Straße hingegen herrscht die Konfusion. Wie so mancher halbherzige Lösungsvorschlag vergrößert auch dieser das Problem nur noch.

Man kann davon ausgehen, daß die Planer aus der Mariahilfer Straße gerne eine echte Fußgängerzone gemacht hätten, ihnen aber sowohl Geld als auch städtebauliche Macht fehlten. Oder aber man kann in diesen „Begegnungszonen“ einen Auswuchs der Ideologie der „europäischen Stadt“, also der ahistorischen Verklärung der Stadt des 19. Jahrhunderts, sehen. Wie im 19. Jahrhundert Fußgänger und Fuhrwerke, sollen sich hier, mag es dann scheinen, Fußgänger und Autos den Straßenraum teilen. Abgesehen davon, daß dies schon damals nicht harmonisch, sondern von Dreck, Lärm und Unfällen begleitet vor sich ging, ist es widersinnig, von Autos zu verlangen, sich auf die Geschwindigkeiten von Fuhrwerken zu beschränken. Man kann die „verkehrsberuhigte“ Mariahilfer Straße somit sogar im Rahmen eines umfassenderen Rollbacks der Errungenschaften des 20. Jahrhunderts sehen. Während der, in Abwehr des Sozialismus entstandene, Sozialstaat sich durch die Trennung von Fußgänger- und Autoverkehr bemühte, den Menschen das Leben zu erleichtern, zwingt der gegenwärtige Staat den Menschen Entscheidungsfreiheit über lachhafte Banalitäten auf. Während der Fußgänger also früher an Ampeln sicher die Straße überqueren konnte oder in Fußgängerzonen ganz ungestört von Autos (und Radfahrern) war, muß er jetzt in „Begegnungszonen“ in jedem Moment auf Autos oder Radfahrer, die ihn überfahren könnten, achten.

Angesichts solch einer Wahl muß sich wohl auch jeder, der die Mariahilfer Straße gerne als Fußgängerzone sähe, wünschen, daß die „Verkehrsberuhigung“ aufgehoben und sie wieder zur traditionellen Straße wird. Aber es ist eine sehr traurige Wahl, die viel über die gegenwärtige Zeit sagt.

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Stalingrad

Einen der schönsten Orte in Paris erreicht man, wenn man an der Metrostation Stalingrad aussteigt. Dorthin fährt etwa die rosa Linie 7, deren Endstation angemessenerweise 8 Mai 1945 heißt. Ganz beiläufig erfährt man so schon etwas über die wirklich weltstädtische Pariser Eigenart, Plätze und Straßen auch nach geschichtlichen Ereignissen, Orten oder Persönlichkeiten, die nicht direkt mit Frankreich zu tun haben, zu benennen. Im provinziellen Berlin, wo nicht einmal Roosevelt oder Churchill eine Straße haben, wäre dergleichen undenkbar.

Der Place de la bataille de Stalingrad (Platz der Schlacht von Stalingrad) selbst ist eher klein und wenig klar definiert, wie das in Paris auch nicht selten ist, da eben so viele Ereignisse, Orte und Persönlichkeiten geehrt werden wollen und es nur so wenig wirkliche Plätze gibt. Markantestes Gebäude ist hier die Rotonde de la Vilette, ein klassizistischer Rundbau mit aufs Schlichteste reduzierter Säulenordnung, Werk des Revolutionsarchitekten Claude Nicolas Ledoux.

Rotonde

Aus Thiel, Erika/Frick, Mechthild: Kunstfibel, Berlin 1989

Interessanter als der Platz ist das Bassin de la Vilette, ein sehr langes rechteckiges Wasserbecken, das an ihn anschließt. Ringsum vermischte bis zu zehngeschossige Bebauung, am anderen Ende Eigentümliches aus den Neunzigern, in der Mitte eine hohe eiserne Fußgängerbrücke. Zwei Orte lohnen in der näheren Umgebung einen Besuch. Der erste ist ein Flachbau links des Bassins, in dem ein Programmkino und ein Buchladen mit herausragend guter Comic- und DVD-Auswahl untergebracht sind. Der zweite ist, ein paar Straßen weiter an der Avenue de Flandres die beeindruckende Wohnanlage Orgues de Flandres. Zur Straße hin fünfzehngeschossige Gebäude, deren oberste Geschosse in umgedrehten Terrassenstufen weit überhängen. Dazwischen eine gar nicht breite, fast torgleiche Öffnung in einen ebenfalls nicht großen begrünten Hofbereich. Und dahinter erheben sich vier Wohnhochhäuser, die zwischen 25 und 38 Geschosse hoch sind. Ihre Formen sind sehr bewegt und vielfach gestuft, Wendeltreppen gleich schrauben sie sich empor.

Aber vor allem ist das Ufer des Bassin de la Vilette ein schöner Ort, einen entspannten Sommerabend zu verbringen. Wenn man dort sitzt, zusieht, wie Leute ferngesteuerte Boote auf dem Wasser fahren lassen und in der Nähe das gute Kino und das höchste Wohnhochhaus der Stadt weiß, kann man sich gewiß sein, ein anderes, neueres Paris gefunden zu haben, in dem einem niemand einen Schlüsselanhänger in Form des Eiffelturms verkaufen wollen wird.

Belvedere

OberesBelvedere

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläste und Schlösser in Europa, Leipzig 1970

Das Belvedere in Wien, das sind nicht zuerst die Gebäude, Oberes und Unteres Belvedere, das ist zuerst ein Fließen. Der langgestreckte Garten fließt in drei Stufen voller geometrischer Beete und allegorischer Skulpturen den Hang hinab. Das Wasser fließt von dem großen Bassin hinter dem Oberen Belvedere über die kleinen und großen Brunnenbecken auf den Stufen des Gartens und die verbindenden Kaskaden dazwischen den Hang hinab. Das Obere Belvedere selbst, wiewohl ein prächtiges Barockschloß, scheint nicht an seinem Platz feststehen zu wollen, sondern sich Garten und Wasser gleich den Hang hinabstürzen zu wollen. Auf der Eingangsseite, die man aber sogleich als seine Rückseite empfinden muß, wendet es dem Besucher in der Mitte über einer niedrigen Auffahrt, einer Treppe und einem völlig verglasten Eingangsbereich zwar einen reichverzierten Giebel mit Wappen zu, aber damit scheint der Repräsentation auch schon genüge getan. Wie man sich durch den transparenten Eingang schon fast durchs Gebäude in den Garten gezogen fühlt, so strebt alles an diesem mit vielen Dächern, die zum vorgesetzten Mittelteil der Gartenseite ansteigen, zum Garten hin und den Hang hinab und wird von den vier kleinen Türmchen an der Schmalseite nur mühsam an seinem Platz gehalten. Die Bewegung, die das Gebäude immerwährend zu machen im Begriff ist, der Garten und sein Wasser vollenden sie. Dank ihnen kommt das Obere Belvedere doch noch unten an: als Unteres Belvedere, anders, durch den Weg verwandelt, weit schlichter und zierlicher, aber auch ruhiger, da es nirgendwohin mehr wollen kann.

Vielleicht ist dieses Streben des Oberen Belvedere den Hang hinab auch ein Streben zur Stadt hin, die man ihm aus zu Füßen des Gartens als steinernes Meer, aus dem nur der Stephansdom und einige Hochhäuser am Donaukanal aufragen, ausgebreitet sieht. Dann wäre das Stürzen tatsächlich ein selbstmörderisches, denn was sollte das Chaos der Stadt der Klarheit des Belvedere zu bieten haben? Schon neben dem Unteren Belvedere überraschen die Brandmauern des angrenzenden Salesianerinnenklosters, hinter dem die hohe Kuppel ihrer Kirche ragt wie der Dom aus der Stadt.

Brandmauer

Die feudale Barockarchitektur zeigt sich so den gleichen Zwängen ausgesetzt wie später die kapitalistische Architektur, indem sie was auch immer Schönes sie schafft nur in einem tragisch beschränkten Rahmen schaffen kann, ohne Bezug auch nur zum Nachbargrundstück. Die engen Grenzen des barocken Gesamtkunstwerks.

Aber es gibt noch eine andere Lesart der stürzenden Bewegung des Oberen Belvedere: so wie sein Erbauer Eugen von Savoyen Belgrad vor den Türken rettete, will es Wien aus der steinernen Enge der überkommenen Stadt retten, will es mit Garten und Wasser alles bis zum Stephansdom freispülen, um Platz für Neues zu schaffen. Stattdessen endet das Fließen beim Unteren Belvedere. Es scheint schon eine Vorbereitung auf die Stadt draußen, daß die Ebene vor diesem nicht mehr offen und weitläufig, sondern mit hohen Hecken fast labyrinthisch gestaltet ist.

Pod dębem

Polen – das ist von Zittau, einer Kleinstadt im äußersten Osten Sachsens, aus gesehen vor allem ein kleines Stück Landstraße, vielleicht einen Kilometer lang, zwischen der Neißebrücke hinter dem ehemaligen Grenzübergang Friedenstraße und dem ehemaligen Grenzübergang zwischen Polen und Tschechien. Die Formulierungen, die man damit am häufigsten verbunden hört, sind „Kippen holen in Polen“, „tanken in Polen“ oder allgemeiner „an die Tanke in Polen“. Diese Landstraße  funktioniert für Zittau im eigentlichen auf amerikanische Art: es ist eine auf den Autoverkehr ausgerichtete Einkaufsstraße mit in mittelgroßem Abstand zueinander liegenden Ladeneinheiten.

Nördlich von ihr liegt hinter Feldern das Dörfchen Porajów, bis zur Schaffung der Friedensgrenze der Zittauer Vorort Groß-Poritsch und bekannt für Kasernen, ein Kriegsgefangenenlager im ersten und ein KZ-Außenlager im zweiten Weltkrieg, heute ausgezeichnet durch seine große moderne Kirche und dadurch, daß der Zug nach Liberec hindurchfährt, aber nicht hält. Südlich von ihr ist ein verwildertes Wald- und Wiesengewirr zur Nysa hin.

Aber all das betrifft den deutschen Kunden der polnischen Läden nicht, für ihn gibt es nur die Landstraße. Gleich hinter der Grenze, wie alle Bebauung links der Straße, ist die Horex- oder die rote Tankstelle, etwas abseits flankiert von einer grünen Bude mit Friseur und Wechselstube. Für denjenigen, der zu Fuß unterwegs ist, endet Polen mit dieser ersten Tanke auch schon wieder, denn Zigaretten oder auch Bier und Wódka bekommt er hier. Das weitere betrifft nur noch den Autofahrer, der auch die eigentliche Zielgruppe ist. Ein Stück weiter folgt, von der Straße durch eine Schotterfläche abgesetzt, eine lange Reihe von Buden, simpelste Version einer amerikanischen strip mall, in denen Korbmöbel und anderes, vor allem aber Zigaretten, verkauft werden. Dann folgt eine weitere, nun, Tankstelle, die aber die älteste sein könnte, vielleicht in den Wild-West-Tagen nach dem Anschluß oder nach der Schaffung des Grenzübergangs von einem findigen örtlichen Unternehmer eröffnet. Noch immer scheint sie, weit von der Straße zurückgesetzt und umgeben von Felder, ein von einem Tanklaster auf einem künstlichen Hügel dominiertes Provisorium.

Früher war auf der rechten Seite noch eine gelbe AP-Tankstelle, doch von der ist nichts mehr übrig, so daß man sich getrost auf die linke Seite konzentrieren kann. Hier folgt nun der jüngste Teil der Einkaufstraße. Zuerst eine blaue Aral-Tankstelle. Der, nicht abwegige, Gedanke war wohl, daß die deutschen Kunden bei einer ihnen vertrauten Marke bereitwilliger tanken würden, doch das wurde durch ein Werbeplakat in unsäglichem Deutsch sogleich konterkariert. Dann eine Art kleines Einkaufszentrum.

Biedronka

Noch lange nachdem die Tankstelle eröffnet war, stand es als Rohbau, dann halbausgebaut da, ein höhergeführter geschwungener Teil zwischen Flachbauten, so daß man nur rätseln konnte, was es einmal werden könnte. Erst im Sommer 2013 wurde es eröffnet. In der linken Hälfte öffnet sich das Waltz Cafe mit einer Terrasse nach außen, „najlepsza restauracja w regionie“, „bestes Restaurant in der Region“, will es sein. Tritt man durch den verglasten Eingang des Mittelteil ein, so steht man in einem hohen und geräumigen Gang, der oben von runden Fenstern beleuchtet wird. Noch wirkt er etwas kahl, doch für den Kunden geht es ohnehin nur um den Biedronka-Supermarkt, der sich nach rechts öffnet und die kleinen Kleiderläden, die auf das Restaurant und eine Wechselstube folgend links angeordnet sind.

Schon am Eröffnungssonntag war der Biedronka gut besucht. Junge polnische Mädchen waren aus Porajów gekommen, ein älteres deutsches Paar rechnete sich Złoty-Preise in Euro um, die meisten waren vielleicht weniger zum Einkaufen als aus Neugier auf die neue Einkaufsmöglichkeit hier. Obwohl die meisten Besucher noch aus Polen waren, war das Einkaufszentrum bereits klar das Herz dieser Straße. Auch konnte man schon spüren, daß es sich zu einem wahren Zentrum der Gegend am Dreiländereck entwickeln könnte. Wo sonst als hier sollte diese disparate, zu drei Ländern gehörende Region auch zusammenwachsen? Denn so lobenswert alle Kultur- und Sprachprojekte auch sind: wo die Menschen sich wirklich begegnen, das ist beim Einkaufen, in Restaurants, in Cafés. Hier, wo Tschechen aus Hrádek, Polen aus Porajów und Deutsche aus Zittau es mit dem Auto genauso nah haben, da werden sie sich begegnen. Kultur, die nicht bloß elitär sein will, sollte an diesen Ort, der ja nur fünf Minuten vom Dreiländereck entfernt liegt, anknüpfen. Was spräche etwa dagegen, an dieser so amerikanischen Straße in der Mitte Europas, ein Kulturzentrum als Drive-In zu schaffen?

Doch bis dahin bleibt das Einkaufszentrum. Dieses und die Tankstelle teilen sich eine Einfahrt und sind verbunden durch eine große gepflasterte Parkplatzfläche. Sie wäre bloß kahl und nicht der Rede wert, wenn nicht, etwa dort, wo man entweder zur Tankstelle oder zum Einkaufszentrum abbiegt, umgeben von einem kleinen unregelmäßig geformten Beet, eine einzelne Eiche stände.

Baum

Sie stand da auch früher schon, groß, aber nicht so groß wie all die Eichen, die die Landstraße zur Allee machen, ihre Vorfahren, und entsprechend unbeachtet. Jetzt aber, inmitten des grauen Pflasters zum Kleinod geworden, ist sie es, die diesem sonst ganz banalen Einkaufskomplex Charakter und Einzigartigkeit gibt. Die Subtilität eines ungenannten Planers – oder Planungsprozesses? – , die sie dort beließ, ist zu beglückwünschen. Unwillkürlich denkt man daran, daß die erwähnten Buden sich auf einem naiv handgemalten Schild „Unter der Eiche“ nennen, obwohl nicht klar ist, welche der Alleeichen gemeint ist und man nur vermuten kann, daß der Schreiber den Dativ Plural nicht zu bilden wußte – und die Klugheit besaß, es auch nicht zu versuchen. Für dieses Ensemble aus Tankstelle, Einkaufszentrum und Baum wäre dieser Name jedoch passend. Mag sein, daß irgendwann die Wurzeln des Baums das Pflaster zu schädigen beginnen werden und er doch noch gefällt werden wird, für den Moment aber kann man die Aral-Eiche getrost noch vor der Napoleonslinde auf dem Weg ins Zittauer Gebirge oder der majestätischen Platane am Zittauer Stadtring, die sich im Vorfrühling stadtführerbekannt mit einer Krokuswiese umgibt, den schönsten Baum der Gegend des Dreiländerecks zu nennen. Während die Eichenallee, die sich auch in Tschechien fortsetzt, vielleicht ein gärtnerischer Ausdruck des Bündnisses zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn aus dem frühen 20. Jahrhundert, also Ausdruck reaktionärster Politik, ist, hat diese einzelne Eiche etwas Progressives, Polnisches an sich.

Nach der abzweigenden Straße nach Kopaczów folgt noch die gelbe AP-Tankstelle. Man könnte meinen, daß seien zu viele Tankstellen für ein so kleines Stück Straße, aber man irrte sich vielleicht, denn die Kriterien, nach denen die deutschen Kunden ihre Tankstellen wählen, sind unergründlich Manche überzeugt die Nähe der Horex, manche der Name der Aral, manche die teilweise deutschen Kassiererinnen der AP, manche noch etwas anderes und sogar die Tankstellen in Zittau haben Kunden, unter anderem wegen des Vorurteils gegen „polnisches“ Benzin. Danach nichts mehr, die Straße wird dunkler zwischen Wald auf beiden Seiten und steigt zur tschechischen Grenze hin leicht an. Nur in den Sommermonaten gibt es hier neben einer unidentifizierbaren Backsteinruine noch einen Stand mit Obst und Gemüse.

Tschechien empfing Anfang 2014 mit einem großen McDonald’s-Schild, das aber bloß auf einen im 25 Kilometer entfernten Liberec angesiedelten hinweist. Doch auf der Einkaufsstraße in Polen ist noch viel Platz, wer weiß, was noch alles kommt.

Kraftwerk Simmering

Den vielleicht besten Blick auf dieses Kraftwerk, das so markant in der Silhouette des Südostens Wiens steht, hat man vom Donaukanal. Der Weg an seinem östlichen Ufer hat hier schon lange aufgehört, einladende Promenade zu sein, und es erfordert vom Spaziergänger eine gewisse Großzügigkeit und Hartnäckigkeit, in den Reifenspuren in der Wiese neben der Autobahn überhaupt einen Weg zu erkennen.

Das Kraftwerk bietet sich einem in fast spiegelbildlicher Symmetrie dar: außen die beiden Schornsteine, deren unterer Teil bloßer grauer Beton und der obere, wo sie sich fast unmerklich verjüngen und dann wieder verbreitern, weiß und rot gestreift ist, dicht daneben, aber freistehend, die beiden dunkelgelb verkleideten Generatorenblöcke und davor viel nieder lange horizontale Blöcke in Braun, die sich in der Mitte fast, aber eben nur fast, berühren. Vom Ufer des Donaukanals nun wirkt es, als ob genau aus dieser Mitte, bloß durch weites Kraftwerkgelände und die Uferautobahn getrennt, ein Wasserfall entspringt, da genau hier ein Abwasserkanal endet und sein Wasser über eine Betonklippe als dünnen Vorhang in den Kanal ergießt. Die Symmetrie des Kraftwerks scheint von diesem Wasserfall vollendet zu werden.

Kraftwerk

Es ist einer der Fälle, wo man wirklich nicht weiß, ob man es nur mit einem schönen Zufall oder dem Tun einer planenden Hand zu tun hat. Falls letzteres, dann ist es aber das architektonische Äquivalent dessen, was man in Computerspielen Easter Egg nennt, ein kleines lustiges Detail, das sehr versteckt für eine kleine Schar Eingeweihter eingebaut wurde, ein verschworenes Augenzwinkern, ein geheimer Handschlag des Architekten für die wenigen, die seine Schöpfung völlig verstehen.

Denn es gibt eben kein Publikum für diesen Blick. Die Zahl der pro Tag dieses unwirtliche Stück Donaukanal passierenden Spaziergänger dürfte an ein paar Fingern abzuzählen sein, die Autos auf der Autobahn sind zu schnell oder von dem hübschen Kunstwerk auf der Lärmschutzwand auf ihrer anderen Seite, das in vom Daumenkino bekannter Abfolge die Bewegungen eines Pferds mit Jockey zeigt, abgelenkt, und auch Boote kommen nicht gar so viele vorbei. Aber wie dem auch sei, real ist der Blick und ihn zu entdecken gehört zu den kleinen Höhepunkten eines Spaziergangs entlang des Donaukanals.

Kielce, von seinem Bahnhof aus gesehen

(siehe auch Kielce, von seinem Busbahnhof aus gesehen)

Ob man einen Bahnhof als Einladung in eine Stadt erleben kann, hängt sicher vom individuellen Geschmack ab. Der von Kielce, einer mittelgroßen Stadt im Osten von Polen, ist es schon dadurch, daß er sich der Stadt nicht in den Weg stellt,  daß er sich völlig zurücknimmt, daß er nur eine transparente Membran zwischen Bahnsteigen und Stadt ist. Vom Zug aus erfaßt man ihn nicht vollständig, man muß das auch nicht nicht, aber man sieht doch die rechteckige Halle, deren Breitseiten völlig verglast sind.

Bahnhof

Man betritt sie durch eine einzige breite Unterführung, von der zwei Treppen nach oben führen. Sie wirkt erst einmal kleiner als erwartet, da nur in Mitte ein offener Bereich mit Bänken ist, während den übrigen Bereich eine Galerie überspannt, unter der sich links Schalter und rechts ein Restaurant befinden. Auch die Farben, viel grauweißer glatter Stein, wirken etwas steril, da sie keinen Kontrast zum von außen einfallenden Licht bilden. Doch vielleicht ist es ein Fehler, das Innere dieses Bahnhofs auch nur zu beschreiben. Spätestens, wenn man eine der Treppen, die über denn Treppen zur Unterführung auf die Galerie führen, hinaufgegangen ist, begreift man, daß hier alles nach außen ausgerichtet ist. Zur einen Seiten hat man einen perfekten Blick über die Bahnsteige, zur anderen blickt man auf die Stadt.

Der Bahnhofsvorplatz ist enttäuschend, aber dafür hat man direkt vor sich eine sehr lange gerade Straße, die erst ein wenig abfällt und dann umso mehr ansteigt. Es ist nur ein weiterer Ausdruck der Bescheidenheit und Zurückhaltung des Bahnhofs von Kielce, daß er einen nicht zur Beschäftigung mit seinem banalen Vorplatz anhält, sondern einen durch die Unterführung direkt auf diese lange Straße geleitet.

Diese Straße ist Kielce so sehr wie nur selten eine einzige Straße eine ganze Stadt ist. Dabei ist sie keineswegs besonders breit und ihrer Bebauung, Vermischtes aus kapitalistischer Zeit, drei-, viergeschossig, keineswegs besonders interessant. Aber man muß bloß ihrem Verlauf, ungefähr von Westen nach Osten, folgen und ganz Kielce eröffnet sich einem.

An ihrer tiefsten Stelle kreuzt die Silnica, ein Flüßchen, fast nur ein Bach. Noch ein Stück weiter öffnet sich rechts eine Art Platz, über den man zu einem prachtvollen viertürmigen Renaissancebau auf einem Hügel blickt. Man will sich ihm nähern, doch er verbirgt sich hinter hohen Mauern, so daß man ihn immer mehr erahnt als wirklich sieht. Dafür gelangt man in einen hübschen Park am Ufer der Silnica. Wenn man hier zwischen Trauerweiden über einen Teich mit Fontäne hoch zu dem Gebäude schaut, erscheint es gar nicht mehr so wichtig.

Nähert man sich ihm von der anderen Seite, von oben, so muß man sich erst durch die Abgründe des polnischen Katholizismus kämpfen. So unangenehm es ist, hier von einem sogar gelungenen Denkmal für die Armia Krajowa bis zu einem bizarren für den Flugzeugabsturz von Smolensk alles auf einem Haufen zu finden, so befreiend ist es dann auch, nach dem Überqueren eines kahlen Platzes am Hang, auf dem irgendein Priester furchteinflößend steht, endlich zu dem Gebäude zu gelangen.

Sein Vorplatz ist von beiden Seiten von Arkaden umgeben, die wirken, als wollten sie die ursprünglich wohl gotische, heute barocke Kirche und den freistehenden Turm auf dem erwähnten Platz zangenartig umfassen. Man könnte darin ein Sinnbild des Konflikts zwischen geistlicher und weltlicher Macht sehen, jedoch: bei dem Gebäude handelt es sich um den Palast der Bischöfe von Kraków, denen Kielce gehörte. Dennoch ist seine Pracht gänzlich weltlich. Die Arkaden der Seitenflügel schwenken noch kurz Hauptfassade hin um, wo sie an die achteckigen, gar nicht einmal sehr hohen Türme mit offenen Hauben anschließen. Die Türme sehen fast frei, nur eine Mauer mit Durchgängen verbindet sie mit dem eigentlichen Bau. Es hat nur zwei hohe Geschosse unter einem hohen kupfernen Walmdach, in das einige giebelverzierte Dachgauben gesetzt sind. In der Mitte ein offenes Gewölbe mit drei runden Bögen und darüber die größeren Fenster eines Saals. Alle Fenster, auch die der Türme, haben gebrochene Giebel. Sonst sind Blumenbordüren unter dem Dachfirst und unter zwei Firsten der Türme sowie Obelisken über den Durchgängen zwischen Türmen und Gebäude die einzigen Zierelemente. Alles wirkt ruhig und ausgeglichen, alles scheint ganz auf den Maßstab des Betrachters abgestimmt, wodurch der zwischen 1637 und 1644 von italienischen Architekten errichtete Palast eine größere Nähe zur Renaissance als zum Barock verrät.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen - Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Geht man um das Gebäude herum, gelangt man in den Garten, der sich mit Mauern so rüde abschließt. Die Gartenfassade ist deutlich breiter, da das Gebäude hier direkt an die Türme anschließt. Ansonsten ist die Aufteilung identisch, bloß der Schmuck ist noch zurückhaltender; gebrochene Giebel haben hier nurmehr die Saalfenster. Ob der Hanglage ist hier unter dem Erdgeschoß noch eine Art Sockelgeschoß, so daß zu dem Gewölbe des Eingangs eine lange Freitreppe aus einem offenbar ortstypischen roten Sandstein führt.

Von dort hat man einen großartigen Blick über Kielce, aber eigenartig, einen besseren Überblick, ein besseres Gefühl für den Aufbau der Stadt, hat man, wenn man in dieser einen langen und geraden Straße steht. Von der Treppe des Bischofspalast erahnt man bloß ein älteres Kielce, das es glücklicherweise nicht mehr gibt, und man begreift den Bezug des Palasts zu einer Kirche auf einem Hügel in mittlerer Entfernung, außerhalb der Stadt. Und dadurch begreift man die Landschaft, begreift, daß man in den Góry Świętokrzyskie, Polens einzigem Mittelgebirge ist. Dessen Hauptstadt war und ist Kielce.

Vom alten Kielce ist außer dem Bischofspalast dankenswert wenig übrig. Zwar ziehen sich vom Hügel einige Gassen mit alten Häusern bis zum Rynek (Marktplatz) irgendwo links der langen Straße, doch all das ist völlig nichtig und keines zweiten Blicks würdig. Die lange Straße selbst mag einst eine Landstraße gewesen sein, ihre heutige Bedeutung bekam sie jedoch erst mit dem Kapitalismus. Anders als sonst so oft, glücklichen Zufällen wie der Lage der Bahnlinie geschuldet, hatte diese Straße Qualitäten, dank welcher sie auch der sozialistischen Stadtentwicklung dienen konnte.

Man muß sich bloß statt zum Schloß in die Querstraße links der langen Straße begeben, um sich davon zu überzeugen. An den Seiten die Gebäude der Universität, ein zehngeschossigen Hotelbau und anderes, doch der Blick und der Schritt gehen daran vorbei und auch über eine diffuse Brachfläche und eine große Straße hinweg auf einen Komplex von Verwaltungsbauten zu. Er lädt auch geradezu zu sich ein.

Verwaltung

Links ein neungeschossiger Bau mit einer ausgewogenen Fassade aus vertikalen Streben und schmalen horizontalen Brüstungen, der nach einem mittigen Knick mit vier verglasten Geschossen an einen ähnlichen sechsgeschossigen Bau anschließt, der sich quer dazu und nicht völlig gerade nach rechts erstreckt. Beim Eingang des höheren Baus steht eine Betonschale, die seitlich auf den Boden aufsetzt und mit einer Spitze zum Bau hin und mit der anderen von ihm weg zeigt. Diese fließende geschwungene Form steht inmitten der nüchternen Rechtwinkligkeit der Gebäude ganz unvermittelt, wie eine Skulptur, und erfüllt die praktische Funktion eines Vordachs doch gewiß perfekt. Nicht weit hinter dem Anschluß des höheren Baus hat der niedrigere eine von zwei Stützenpaaren getragene zwei Geschosse hohe Tordurchfahrt, um eine Straße durchzulassen. Weiter rechts noch erhebt sich dahinter ein etwa dreizehngeschossiges Bürohochhaus. Es ist ein recht typischer Bau, Wellblech an den Schmalseiten, schmale vertikale Metallstreben und Bänder aus Fenstern und gelber Verkleidung an den Breitseiten, wo auch noch etwas weniger hohe und breite Teile die Fassade rhythmisieren, aber als Teil des Ensembles wird es wertvoll und einzigartig.

Steht man davor und betrachtet die Qualitäten dieses Ensembles losgelöst vom Ort, begreift man seine Größe aber nur halb. Man muß sich umdrehen oder besser noch von der anderen Seite durch den Tordurchgang blicken, um zu bemerken, daß er in einer Linie mit dem Bischofspalast und in perfekter Sichtbeziehung zu diesem ist.

Blick

So erst wird klar, daß es sich nicht nur um ein in sich harmonisches Ensemble, sondern um eine städtebauliche Meisterleistung handelt. Dieser Verwaltungskomplex ist die Antwort des sozialistischen Kielce auf das der katholischen Bischöfe, eine Antwort ohne jegliche Aggression und voller Respekt. Gleichsam spiegelbildlich beidseits der langen geraden Straße finden sich in Kielce so schönste architektonische Ausdrücke des Neuen und des Alten, beide bereichert durch die Zwiesprache miteinander.

Links des höheren Baus, für den es ein Hinten und ein Vorne so wenig wie für den Bischofspalast gibt, schließt mit einem Gang verbunden noch ein zweigeschossiger Rundbau, dessen Obergeschoß mit Kuppel auf ausladenden Stützen weit über sein Untergeschoß ausragt, an. Am Hang unterhalb davon zieht sich ein Park bis zur Silnica hin. So schön wie der unterhalb des Bischofspalast ist der zwar nicht, auch nicht so groß, aber dafür ist er unmittelbar mit dem Gebäudeensemble verbunden und nicht durch eine Mauer getrennt.

Mit dieser querenden Achse von Palast und Verwaltungskomplex endet die lange gerade Straße aber noch lange nicht, überhaupt kann man das Gefühl bekommen, sie wolle gar nicht enden. Immer mehr Läden und Restaurants, so daß man man auch gar nicht zu sagen wüßte, welcher Teil der Straße am wichtigsten ist. Einmal verbreitert sie sich zu einer Art Platz, der ganz im stalinistischen Stil gebaut ist. Die vier Eckhäuser, die in der Höhe den übrigen der Straße entsprechen, haben an den Ecken Flächen, auf denen verschiedenen Persönlichkeiten, unter anderem dem in Kielce allgegenwärtigen Stefan Żeromski, Sgraffitti in langweiligem Stil gewidmet sind. Die beiden Gebäude, die die langen Seiten des Platzes bilden, sind höher und haben Formen, die man bei gutem Willen vom Bischofspalast inspiriert finden könnte. Einen wirklichen Gewinn oder eine qualitative Verbesserung stellt dieser kleine Platz somit nicht da.

Irgendwann, neben einer kleinen evangelischen Kirche rechts, deren beide Tempelfronten auf recht großzügige Grünanlagen zeigen, endet die Straße schließlich doch. An ihrem Ende steht, es war die Sienkiewicza, ein neues Denkmal für Sienkiewicz, das aus einer Säule und einer sitzenden Statue des Dichters besteht. Am schönsten daran ist die Inschrift „Quo vadis“, denn das fragt man sich, nachdem man so lange bloß der langen geraden Straße zu folgen hatte, um alles von Kielce zu sehen, fast zwangsläufig.

Eigentlicher Abschluß der Straße aber, etwas weiter hinten und links, ist das Kieleckie Centrum Kultury (Kielcer Kulturzentrum). Es steht dort, wo der Hang wieder abfällt, auf einer von rotem Sandstein und Beeten umfaßten Platzebene. Ein Bau, der am besten von seinem Dach aus beschrieben ist. In seiner Mitte ein großer Betonblock mit abgerundeten Ecke, an den zu beiden Seiten leicht abgestufte Elemente, die zu ihm hin Terrassen und von ihm weg wiederum abgerundeten Beton haben, anschließen. Das so gebildete dritte Geschoß sitzt wie schwebend auf zwei gänzlich verglasten, so daß eine gewisse Verwandtschaft zum Leipziger Gewandhaus zu erkennen ist. Von einem links vorgesetzen kleinen Treppenhausturm aus abgerundetem Beton geht ein auf Höhe des zweiten Geschosses verlaufender Balkon aus, der den fließenden Formen des Dachs sehr scharfe Ecken entgegensetzt. Weiter hinten auf dem Dach erhebt sich als weit geöffnetes Hufeisen mit abgerundeten Ecken der Bühnenaufbau. Die anderen Seiten des Kulturzentrums, die ob der Hanglage höher sind, zeigen sich fast abweisend als vielfach abgerundetes Massiv aus vertikalen Betonstreifen mit nur kleinen Fenstern. Während das als symbolischer Abschluß der Straße passend ist, ist es der Stadt gegenüber, die ja noch weitergeht, etwas unfair.

Kielce also ist diese Achse der einen so erstaunlich langen und geraden Straße, die für sich genommen bloß glückliches Produkt des Kapitalismus ist, aber durch zwei sozialistische Gebäude an ihren beiden Enden, Bahnhof und Kulturzentrum, ins Neue aufgehoben ist. Mit diesem Wissen kann man sie noch einmal in die andere Richtung gehen, um sie gänzlich auszukosten. Wenn man die Stadt weiter erkundet oder auf eine Karte schaut, wird man merken, daß die West-Ost-Achse der Straße von einer weiteren Achse, der Silnica nämlich, an der entlang ein Grünzug die Wohngebiete im Norden und Süden der Stadt erschließt, gekreuzt wird.

Am Ende der Straße sieht man zuerst Plattenbau hinter dem Bahnhof, doch je näher man kommt, desto klarer wird dessen transparenter Körper sichtbar, hinter dem der Plattenbau nur noch durchschimmert. Erst, wenn man sich dem Bahnhof so nach dem Besuch in Kielce wieder nähert, wird man ihn ganz zu schätzen wissen und ihm dankbar sein, daß er einen in die Stadt einlud. Beidseits der verglasten Halle werden Anbauten sichtbar, viergeschossig, die Fassade von vertikalen Streben bestimmt, doch vor allem mit nach außen hin ansteigenden Dächern, so daß sie wie Flügel wirken. Kielces Bahnhof könnte man so als höchst abstrakten Anklang an den polnischen Adler oder an das geflügelte Rad, das die PKP und andere Eisenbahngesellschaften noch lange als Logo benutzten, sehen, aber als Symbol seiner selbst ist er am schönsten. Zu schade, daß bloß noch zu erahnen ist, wie der Vorplatz einmal aussah.

So betritt man wieder die Unterführung, wo vielleicht jemand „Zawsze tam gdzie ty“ auf der Gitarre spielt, und merkt, daß sie nicht weniger als die Fortsetzung der langen geraden Straße in den Bahnhof hinein und über ihn hinaus ist. Wie alles in Kielce ist der Bahnhof kein isoliertes Kleinod, sondern Teil eines bemerkenswert wohlgeordneten und klaren Organismus. Er ist Kielces Verbindung zur Welt und kann einem, für eine Weile noch wenigstens, das Gefühl geben, daß alle Schienen, auf denen man in sie hineingetragen wird, eine Fortsetzung der langen und geraden Straße sind.

Ringstraßenensemble (Wien) und Alexanderplatz (Berlin)

Um das Ringstraßenensemble, also jenen Bereich der Wiener Ringstraße zwischen Hofburg und Rathaus, wirklich zu verstehen, muß man die großen städtebaulichen Ensembles der DDR kennen.

Nur der oberflächliche Blick hält das für eine gewagte These. Zu ihrer Erläuterung seien hier zuerst die Ringstraße und als vergleichbares Ensemble der Alexanderplatz in der Hauptstadt der DDR, Berlin, beschrieben.

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Den betreffenden Teil der Ringstraße überblickt man am besten, wenn man in der Mitte des Heldenplatzes steht (was man nicht zu lange tun sollte, da dort eine Straße ist). Was man sogleich merkt, ist, daß man es nicht mit einem Platz im traditionellen Sinne, also einer mehr oder weniger großen Aussparung innerhalb von geschlossener Bebauung, zu tun hat. Nur zwei seiner Seiten nämlich sind von einem älteren und einem weit monumentaleren, nämlich halbkreisförmig mit Säulenreihen angelegten, neueren Flügel der Hofburg begrenzt. Die Seite zur eigentlichen Ringstraße hin, an letzteren Flügel anschließend, ist durch ein niedriges Triumphtor zumindest symbolisch geschlossen und wird es noch stärker durch die beiden massigen kuppelgekrönten Körper der Museumsbauten, die sich ihm links und rechts anschließen. Das ist aber bloß ein optischer Effekt, denn die Museen stehen in einiger Entfernung jenseits der Ringstraße und begrenzen ihrerseits einen eigenen offenen Platz. Bei der vierten Seite des Heldenplatzes dann fällt jede Begrenzung weg. Stattdessen öffnet sich über die Parkanlage des Volksgartens ein weiter Blick hin zu den weiteren Gebäuden der Ringstraße, die hier einen Bogen macht. Es sind dies das in klassizistischen Formen errichtete Parlament, das neogotische, mit seinem mittleren Turm über alles andere aufstrebende Rathaus und schließlich, bloß von der Seite, das Burgtheater im Stil der Neorenaissance. Zwischen diesem und im Vergleich dazu unscheinbaren Stadtpalais‘, die auch Bürohäuser sein könnten und es heute sind, steht inmitten des Parks der zierliche säulenumlaufene Perseustempel, Zeugnis eines früheren, weniger monumentalen Klassizismus‘.

Illustration von Rudolf Peschel in Stave, Gabriele: Berlin an der Bahnsteigkante, Berlin 1987

Illustration von Rudolf Peschel in Stave, Gabriele: Berlin an der Bahnsteigkante, Berlin 1987

Auch der Alexanderplatz ist kein traditioneller Platz. Nur an seiner engsten Stelle ist er von drei Seiten umschlossen, nämlich vom Sockelbau des vierzig Geschosse aufragenden Hotel Stadt Berlin, vom Centrum-Warenhaus mit seiner kunstvoll ornamentieren Vorhangfassade aus Stahlblech und vom ganz in hellen Sandstein verkleideten Berolinahaus. Von hier aber öffnet er sich, wie das die vom hier stehenden Brunnen der Völkerfreundschaft ausgehende weite Spirale des Pflaster symbolisiert, zur vierten Seite hin.  Nur der zweite sandsteinverkleidete Bau, das Alexanderhaus, der an den ersten anschließt, gibt hier noch einen festen Rahmen, lenkt den Blick aber durch seine Schräge schon zu einem weiten Panorama jenseits zweier tangierende Straßen. Dieses wird bestimmt vom Haus des Lehrers mit seinem in einiger Höhe umlaufenden Mosaik, dem aus einem Sockel mit emporgeschwungenem Dach erwachsenden Haus des Reisens und dem langgezogenen, im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Punkthäusern horizontal-ruhigen Körper des Hauses der Elektroindustrie. Doch noch in eine andere Richtung setzt sich der Alexanderplatz fort. Geht man zwischen Berolina- und Alexanderhaus und unter der S-Bahntrasse hindurch oder durch den Bahnhof, kommt man in einen zweiten, aber verbundenen Bereich, der nicht einmal einen Namen hat. Dominiert wird er vom Fernsehturm mit seinem Betonschaft, auf dem hoch oben die silberne Kugel sitzt. Hat man aber erst einmal seinen Sockelbau aus schrägen Spitzen, die teils in die Höhe, teils zum Boden zeigen, passiert, wird das, was man auf Augenhöhe hat, viel wichtiger. Beidseits einer wie auf dem Sockelbau entspringenden Brunnenanlage erstreckt sich ein langgezogener Parkbereich, in den die gotische Marienkirche eingebettet ist. Wäre er nicht so groß, man könnte diesen Platz fast traditionell nennen, denn auf beiden Seiten stehen Wohngebäude mit Geschäften in den Sockelgeschossen, dazu an der einen Seite das Rote Rathaus, und er endet gegenüber dem Fernsehturm mit dem Palast der Republik.

Was nun, kann man fragen, haben diese beiden Ensembles gemein? Die Gebäude schließlich könnten kaum unterschiedlicher aussehen, hier alle Neostile des 19. Jahrhunderts, dort die fortschrittliche Architektur des Sozialismus. Die Antwort ist: einen bestimmten Umgang mit städtischem Raum und der Anordnung der Gebäude darin. Bei beiden stehen die beschriebenen Gebäude frei, sind also allansichtig. In Verbindung zueinander treten sie nicht durch Berührungen, sondern durch ihre Stellung zueinander und die Flächen zwischen ihnen. Bei beiden ist der städtische Raum offen, großzügig und vielfältig. Abhängig davon, wo man steht, erlebt man völlig verschiedene Raumeindrücke und Perspektiven. Es sind dadurch, so paradox das im Falle des von einer Monarchie errichteten Ringstraßenensembles klingen mag, demokratische Räume. Ihren verschiedenen Elementen ist keine Hierarchie inhärent, es ist am Spaziergänger, sie sich mit jedem Schritt seiner Füße und jedem Blick seiner Augen neu zusammenzufügen, wenn auch keinesfalls beliebig.

Das ist ja das Spektakuläre am Ringstraßenensemble: es gibt keine Achse. Man stelle sich das vor: Repräsentation einer Monarchie ohne Achse! Auf die, sicherlich prunkvolle, sicherlich monumentale Halbkreisfassade der Hofburg führen ein Park und ein offener Platz zu. Der kaiserlich-königliche Palast wird so zu bloß einem Element unter vielen. Welch ein Unterschied zum preußischen Berlin, wo Unter den Linden als ganz banale Achse auf das Herrscherschloß zuführt.

Überhaupt ist Ringstraße und Alexanderplatz gemein, daß der von ihnen gebildete städtische Raum in gewissem Maße von Straßen losgelöst ist. Dank gilt Hans Müller daher für den schönen Begriff Ringstraßenensemble, da sich so beschreiben läßt, daß es um mehr als die eigentliche Ringstraße geht. Gewiß ist diese eine konkrete Straße, sogar eine ganz besonders unangenehme und dysfunktionale, was vor dem Aufkommen der mechanischen Geschwindigkeiten etwas besser gewesen sein mag, aber wenn man auf dem Heldenplatz oder im Volksgarten steht und sich die Elemente des Ensembles zusammenfügt, dann ist sie ganz fern und unwichtig. Gleiches gilt für den Alexanderplatz. Auch die ihn tangierenden Straßen sind wenig angenehm und werden durch die Unterführungssysteme so wenig unschädlich gemacht wie die Ringstraße durch ihre U-Bahnunterführungen.

Zu betonen ist, daß das hier beschriebene Verwandtschaften sind und keine Identität. Ringstraßenensemble und Alexanderplatz haben viel gemeinsam, aber sind doch Produkte verschiedener Zeiten und Gesellschaftssysteme mit vielen Unterschieden. Was in ersterem oft nur angelegt ist, hat zweiterer in viel reiferer, bewußterer Form. Trotz ihrer Allansichtigkeit haben die Gebäude der Ringstraße noch Vorder- und Rückseiten und sind oft einfach zu groß und massig, um wirklich ganz erfaßt zu werden. Am Alexanderplatz ist das überwunden. Zudem ist der Alexanderplatz keine Oase in einer ansonsten überkommenen engen Stadt, sondern Kern einer neuen. Während der Palast der Republik eine Art transparente Membran zum Marx-Engels-Platz und zur neugestalteten, von ihrer nur dem preußischen Herrscherhaus dienenden Funktion befreiten Straße Unter den Linden bildet, geht der Blick zwischen Haus des Lehrers und Haus des Reisens bis weit hinein in neue Wohngebiete an der Karl-Marx-Allee und bis zum Leninplatz.

Der Alexanderplatz braucht so auch kein Gebäude wie die Hofburg, die ein Scharnier zwischen dem neuen, offenen Raum des Ringstraßenensembles und der alten, engen Stadt bildet, was durch die spiegelbildlich ähnlichen Flügel zum Heldenplatz und zum Michaelerplatz seinen Ausdruck findet. Doch man muß nur nach Gera blicken, wo das Haus der Kultur genau solch eine Scharnierfunktion zwischen neuem sozialistischen Platz und Altstadt einnimmt, um zu sehen, daß der Städtebau der DDR auch das kannte.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß Ringstraßenensemble wie Alexanderplatz das Axiom, daß der Kapitalismus großzügige städtische Räume in teuren Lagen haßt, bestätigen. Der Alexanderplatz, Symbol eines sozialistischen Staats, den sich sein größerer und stärkere Nachbar einverleibte (derselbe, der das auch einmal mit Österreich getan hat), wurde einfach wüst zugebaut. Fast nichts vom oben beschriebenen kann man heute noch unmittelbar erleben. Mit dem Ringstraßenensemble, vielgeliebtes Herz von Österreichs Hauptstadt, war es schwieriger. Es blieb immerhin, den freien Raum mit Buden zuzustellen, die nun vor dem Rathaus fast immer und auf dem Heldenplatz hin und wieder zu finden sind.

Wenn man dann liest, daß das gesamte Ringstraßenensemble eher ein Produkt des Zufalls ist und ursprünglich geplant gewesen war, die Hofburg und die beiden Museen mit einem weiteren Flügel zu einer monströsen Achse namens Kaiserforum zusammenzufügen, mag man erst enttäuscht sein, doch sollte man froh sein, da es einen vor eventueller Sympathie für die Habsburger bewahrt. Geplante symmetrie- und hierarchiefreie Stadträume gab es eben erst später und ihre gelungensten Ausprägungen fanden sie im Sozialismus.