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Głuchołazy

Zwei Turmspitzen hat die Kirche, zwei Teile verblieben von der vielhundertjährigen Linde auf dem Marktplatz und in gewisser Weise ist Głuchołazy ganz im mittleren Süden von Polen zwei Städte, wie es im übrigen zum Pluralnamen passen würde.

Den Kirchturm sieht man bereits, wenn man von der höher gelegenen Bahnstrecke über die Stadt blickt, was eher auf dem kurzen polnischen Abschnitt einer tschechischen Linie geschehen wird als bei der Anfahrt von Polen aus, da die nur am Wochenende möglich ist.

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Die beiden barocken Turmhauben beginnen quadratisch mit bereits kupferverkleideten Umgängen, die in der Mitte durch einen schmalen Teil verbunden sind, steigen dann in runden geschwungenen Stufen mit offenen Laternen an.

Die Kirche steht leicht abseits des großen rechteckigen Rynek (Marktplatzes), zeigt aber mit dem Turm und dem unten in diesem angeordneten und im Putz durch ein dreieckiges Feld noch betonten gotischen Portal durch eine Öffnung in der Bebauung zu ihm.

Die Linde steht auf dem Platz etwa in einer Linie mit der Kirche. Sie ist es, die ihn, der heute keine Denkmäler oder Statuen und auch keine besonders markanten Gebäude hat, bestimmt. Ihr Stamm ist gleichsam gespalten, aber immer noch mächtig, sein größerer Teil wird von einem Holzgerüst gestützt, sein kleinerer Teil steht noch selbst.

Man müßte nicht einmal die Legenden davon, daß sie 1648 zur Feier des westfälischen Friedens oder, polnischer, 1683 von Soldaten der Armee Sobieskis auf dem Rückweg von Wien gepflanzt wurde, kennen, um zu spüren, daß sie ein für die Stadt Głuchołazy enorm wichtiger Baum ist, an dem viele Generationen auf dem Weg nicht nur zur Kirche vorbeigingen. Es paßt auch, daß sie nicht durch menschliche oder Umwelteinwirkungen einstürzte, sondern unter ihrem eigenen Gewicht im Jahre 1992 bald nach einem großen politischen Umbruch – und daß sie weiterwächst.

Głuchołazy ist ansonsten ein recht typisches preußisches Städtchen, was aber dank der Lage an der Grenze und in bergiger Gegend nur halb so schlimm ist. Es erstreckt sich mit historistischer Blockrandbebauung um den alten Kern, in dessen Mitte der Rynek liegt und von dem außerdem noch einige Mauerreste und ein Turm übrigblieben, bis zum Fluß Biała und den ansteigenden Hügeln sowie entlang der Ausfallsstraßen. Dieses erste Głuchołazy ist eine alte Kleinstadt in weitgehend preußischer Gestalt.

Im Westen aber setzt sich die Miethausbebauung weiter fort, als man das erwarten könnte und wird immer mondäner und repräsentativer. Nach einem als Park gestalteten Waldstück am Hügel beginnt es mit nun freistehenden Villen und Mietshäusern gleichsam von Neuem.

Das ist das zweite Głuchołazy: Głuchołazy-Zdrój (Bad Głuchołazy). Bäderbetrieb gibt es keinen mehr, aber noch immer konzentrieren sich die Hotels und Restaurants hier und nicht am Rynek. Das funktionale Schmuckstück von Głuchołazy-Zdrój ist die sogenannte Schaukelbrücke: eine kleine Hängebrücke für Fußgänger direkt neben der Eisenbahnbrücke, deren Stahlseile in vier filigranen offenen Pfeilern aus Stahlgittern hängen.

Anders als das alte Głuchołazy, das sich von der Biała ängstlich abwendet, nimmt das Bad den Fluß freudig in sich auf, wie die landschaftlichen Reize überhaupt erst hier entdeckt werden. Das zweite Głuchołazy also ist ein Kurort aus dem späten 19. Jahrhundert.

Doch Głuchołazy ist noch mehr.

Wie es neben der zweispitzigen katholischen Kirche beim Rynek weiter entfernt noch eine banale ehemals protestantische neogotische Kirche mit einem einzelnen Turm gibt und wie zwischen die beiden verbliebenen Teile der alten Linde eine neue, nun auch schon stattliche, gepflanzt wurde,

so ist auch Głuchołazy noch eine dritte Stadt: eine Industriestadt, erstaunlicherweise, und, noch erstaunlichererweise, eine, die ihre Industrie bis heute behalten hat. Man sieht sie sofort, wenn man vom Rynek nach Głuchołazy-Zdrój geht. Direkt nach einem backsteinernen preußischen Schulklotz und einem kleinen Bach blickt man auf die Fabrik von Schattdecor.

An stark renovierte alte Backsteinbauten mit Hallen und Schornsteinen schließt eine neue Anlage mit dem Schriftzug auf einer hohen grauverkleideten Wand, mehr Backstein und viel Glas an. Der neue Teil könnte auch in einem Gewerbegebiet irgendwo in Deutschland stehen. Daß die deutsche Firma, die Aufdrucke für Möbel herstellt, gerade Głuchołazy als Outsourcingstandort wählte, ist kein Zufall, sondern hängt mit dessen Industriegeschichte zusammen.

Jenseits des Flusses, aber durch aufgestützte Rohrleitungen mit dem Schattdecor-Areal verbunden, steht nämlich die Głuchołazer Papierfabrik, die schon viel eher in diese etwas verschlafene Stadt in den Bergen passen will.

Anfang des 20. Jahrhunderts erreichtet, zeigt sie der Straße eine mehr monumentale als spezifisch historistische Fassade, die doch nur bloße Konvention ist und nichts von den ganz durch die Funktion bestimmten Anlagen daher versteckt. Markant ist etwa eine schmale satteldachförmige, aber nur aus horizontalen Lamellen bestehende Konstruktion, die sich auf einer Halle entlangzieht, oder der große schwarze Würfel einer anderen Halle.

Da Głuchołazy von Kriegshandlungen nicht betroffen war, konnte die Fabrik schon 1946 mit voller Leistung produzieren, was sie äußerst wichtig für die Papierherstellung im nach dem Krieg wiederentstehenden Polen machte. Eine hübsche Anekdote aus den wilden Anfangsjahren des neuen polnischen Westens erzählt, wie die ersten polnischen Verwalter die wichtigsten Teile der Maschinen mit Hilfe deutscher Arbeiter im Fluß versteckten, damit sie nicht von sowjetischen Spezialisten, die die ehemals deutschen Gegenden nach nutzbarem Gerät als Reparationen absuchten, in die Sowjetunion geschafft werden konnten. An die „Głuchołaskie Zakłady Papiernicze“ (Głuchołazer Papierbetriebe) der sozialistischen Zeit erinnert noch ein typisches Werbebild an einer Brandmauer an einer Ausfallstraße, aber leider ist das Motiv nicht mehr zu erkennen und es steht eine Weide (immerhin) davor.

Auch heute noch existiert die Firma und sagt von sich, der größte Papierproduzent Polens zu sein, was man angesichts ihrer Geschichte angemessen und schön finden kann.

Das ist das dritte Głuchołazy. Aber, ob ein, zwei, drei Städte, es ist eine Vereinfachung, um Głuchołazy in den Vergleich vom Anfang zu pressen. Eigentlich ist es noch viele weitere Städte, das sozialistische Głuchołazy mit seinen Wohngebieten etwa oder das einstige Ziegenhals oder die Stadt an verschiedenen Grenzen. Jeder Ort ist mehrere Orte.

Und die scheinbar barocken Hauben der Kirche stammen von 1906, während der deutlich schlichtere ältere Turmabschluß aus Holz heute auf einem Nebengebäude am Rynek sitzt.

Und die größte Linde der Gegend,

deren hohler Stamm von einem zweiten Baum oder Baumteil fast ausgefüllt ist, steht bei einem Hof im übergangslos im Norden angrenzenden Dorf Bodzanów.

Und dort gibt es auch eine Fabrik und eine barocke Kirche mit Zwiebelhaube.

Und… Aber dies ist nur ein Text, die Welt ist immer mehr.

Die meisten hier enthaltenen Informationen teilen Głuchołazy (denn sie sind eben eine Pluralstadt) ihren Besuchern auf polnisch-, tschechisch- und deutschsprachigen Tafeln übrigens bereitwillig mit.