Archiv der Kategorie: Architektur

Sherlock Holmes in Málaga

Das Comisaría de Policía (Polizeikommissariat) im Osten von Málaga hat einen dreieckigen Grundriß und jede der drei Seiten ist so unterschiedlich gestaltet, daß man sie auch drei verschiedenen Gebäuden zuordnen könnte.

Die Hauptseite, die zur Ecke zweier großer Straßen zeigt, ist mit grauem Stein verkleidet, während die Fenster- und Türrahmen einen dunklen Gelbton haben. Alles an ihr ist monumental. Eine Folge einschüchternd hoher runder Stützen, die in der Mitte über dem Eingang durch hohe vertikale Streben im oberen Teil des Gebäudes unterstützt wird, löst sich an den Seiten in leichtem Schwung vom eigentlichen Baukörper, was auch der einzige Hinweis darauf ist, daß es sich nicht um faschistische Architektur, sondern um deren postmoderne Fortführung handelt (das Gebäude wurde zwischen 1986 und 1991 errichtet).

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Das einzig Gute, was sich zu dieser Seite sagen läßt, ist, daß sie hinter der Grünfläche, die den restlichen Raum zur Straßenecke einnimmt, kaum zu sehen ist. Auch ist das Schild aus runden und eckigen unregelmäßige gestapelten Betonplatten mit eingelassenen gelben quadratischen Kacheln besser und menschlicher als alles an der Fassade.

Die Seite zu einer kleinen Nebenstraße ist einfach eine Rückseite, die mit derselben Steinverkleidung und denselben Fensterrahmen nach rein gar nichts aussieht.

Die dritte Seite zeigt ebenfalls zu einer Nebenstraße, ist aber auch über die große Avenida Juan XXIII (Johannes-XXIII.-Allee) hinweg gut zu sehen. An ihr durfte sich die sogenannte Postmoderne austoben. Es beginnt mit einem freistehenden roten Backsteingebilde aus über Eck gesetzten eckigen Stützen und einem sie oben verbindenden Balken, das von der Hauptseite überleitet. Daß solche völlig nutzlosen, nicht einmal wirkungsvoll monumentalen Elemente, die wohl an Säulen erinnern sollen, so typisch für diese Architekturmode sind, sagt bereits genug über sie. Es folgt eine dicke Betonwalze mit gläsernem Zeltdach, eine Art Bauklotzturm, wie ihn die Postmoderne ebenfalls liebte.

Ähnliche Dächer ragen auch aus dem Dach des Hauptteils. Damit die Walzenform besser zur Geltung kommt, ist der bis auf Lüftungslamellen öffnungslose, aber dennoch vertikal strukturierte folgende backsteinerne Teil  nur mit Streifen oben und unten angeschlossen, während vor dem ausgesparten Bereich weitere Stützen sind. Hier ist ein Parkhaus, dem der Walzenteil die Auffahrt birgt, weil Málaga oberirdische Parkhäuser so mag.

Der auffälligste, letztlich der einzig auffällige Teil des Gebäudes gehört jedoch eigentlich zu keiner der drei Seiten, sondern ragt in der Ecke der Nebenstraßen stehend über allen auf. Viel höher als das eigentliche Gebäude erhebt sich ein achteckiger Treppen- und Aufzugstrakt aus Beton und vor ihm erstreckt sich eine ebenfalls eckige Betonplattform, die an den Seiten mit gelben Metallgittern erweitert ist. Sie ruht auf dünnen achteckigen Betonstützen, die an sie mit breiteren Teilen anschließen und untereinander mit X-förmigen gelben Stahlträgern verbunden sind.

Dieser Hubschrauberlandeplatz ist ein zweifelsohne sehr expressiver Bau und farblich ist er entschieden in das Gesamtkonzept des Polizeikommissariats eingepaßt, aber er kann dennoch nicht verhehlen, daß er zuerst funktional ist. Was ihn nach postmodernen Maßstäben scheitern läßt, ist ein Glück für ihn, das Gebäude, die Stadt. Es handelt sich um eines der eher seltenen Beispiele guter Architektur wieder Willen.

Ein letztes Detail ist, daß die erstgenannte Querstraße Calle de Conan Doyle (Conan-Doyle-Straße) heißt.

Erst einmal mag man denken, daß das ja paßt: Conan Doyle, Sherlock Holmes, Detektiv, Polizei. Doch bei auch nur oberflächlicher Kenntnis der betreffenden Geschichten weiß man, daß gerade die Dummheit und Unfähigkeit der Polizei dort ein durchgehendes Thema ist. Dachte jemand in der Stadtverwaltung nicht weit genug oder machte sich jemand über die Polizei lustig? Man weiß es nicht. Und letztlich ist es mit der postmodernen Architektur nicht anders: man weiß nicht, ob sie ein Witz oder ein Mißverständnis ist. Leider ist sie, anders als der lustige Málagaer Straßenname, etwas Schlimmeres und Folgenschwereres.

Dworzec PKS Gdańsk

Gdańsk hat keine U-Bahn, aber es hat etwas, das architektonisch einer U-Bahnstation sehr nahe kommt: den Busbahnhof und dessen Verbindung zu Bahnhof und Innenstadt.

Sein Gebäude, Eingang der Station, befindet sich im Bereich oberhalb der Bahnstrecke, wo der Hügel dann zu ausgedehnten Festungsresten ansteigt, eine gute Lage, da nah an der Innenstadt, aber keine wertvollen Flächen beanspruchend. Es hat ein dickes, nach vorne ansteigendes und weit überstehendes Dach, auf dem rechts in gelben Leuchtbuchstaben „Dworzec PKS“ (PKS-Bahnhof, wobei PKS das staatliche Busunternehmen ist) steht, und ist ansonsten verglast. Vorne sind links ein Laden, rechts ein Imbiß und in der Mitte der Eingang.

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Tritt man ein, so ist man nur auf einer Galerie, während der eigentliche Raum ein Geschoß tiefer liegt. Es gibt hier Schalter, weitere Läden, Anzeigetafeln und eine Karte des Busnetzes der Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg sowie ein altes Panorama von Gdańsk.

Aus dem hohen Raum gelangt man unter dem Eingang in einen niedrigeren Bereich unterhalb der Straße, der sich aber sogleich wieder öffnet, diesmal nach unten.

Eine Rolltreppe flankiert von zwei breiten Treppen führt hinab. Die seitlichen Wände sind mit glattem graugemaserten Stein verkleidet, nach vorne läßt eine Glasfläche mit horizontalen Lamellen die Bahnanlagen erahnen und der links auf gleicher Ebene verlaufende Weg wird zur Galerie, die weniger zum Straßenbahnzugang als zu einem hoch in der Wand über der Treppenanlage befindlichen Kontrollraum zu führen scheint. Es sind die kugelförmigen Lampen, die an den Seiten an stählernen Stangen schräg über die Treppe hängen, die den Eindruck einer U-Bahnstation vervollkommnen, irgendeine unklare Ahnung von Moskau ist in ihnen.

Statt zu einem U-Bahnsteig kommt man unten in einen breiten Gang, von dem Treppen hinauf zu den Bahnsteigen des Bahnhofs führen. Die abzweigenden Treppenaufgänge sind subtil durch längliche schwarze Streifen im graugesprenkelten Stein des Bodens und den unregelmäßig grau und weiß gemaserten glatten Steinplatten der Wände betont.

Am Ende dieses Gangs führt eine Treppe nach oben an die große Straße oder ein Quergang rechtszu einem weiteren Gang unter dieser hindurch in die Innenstadt. Dieser Gang ist nunmehr von Geschäften und Schaltern gesäumt und hat Aufgänge zur Straßenbahn. So viel wie diese Gänge verbinden, es würde wirklich nicht überraschen, wenn auch irgendwo eine U-Bahnstation wäre.

Heute ist der Busbahnhof, wiewohl viel genutzt, in einem recht desolaten Zustand, der Bahnsteiggang wurde vor kurzem umgebaut, wobei an die Stelle der Steinverkleidung graue Böden und Wände traten, aber immerhin Rolltreppen zu den Bahnsteigen eingebaut wurden, und der Gang unter der Straße wird vielleicht irgendwann geschlossen und durch eine banale Ampel ersetzt werden. Die großartige funktionale Verbindung von Busbahnhof, Bahnhof und Innenstadt wird aber bleiben, auch wenn die Ahnungen von U-Bahnen und damit einer Zukunft nach und nach verschwinden.

Libuňer Geheimnisse – Katholisches und Antikatholisches

Libuň ist ein Ort versteckter Denkmäler. Obwohl es mitten im angemessen benannten Český Ráj (Böhmischen Paradies) und nah sowohl an der malerisch auf einem Hügel und spitzen Felsen thronenden Burgruine Trosky als auch an den Prachovské Skály (Prachover Felsen), zwei der berühmtesten Orte in Tschechien, liegt, wirkt Libuň erst einmal gar nicht, als es enthalte es irgendwelche Geheimnisse oder Schönheiten.

Die durch den Ort laufende Landstraße, die ihm einst wohl nützte, macht ihn heute, da sie zur vielbefahrenen Schnellstraße geworden ist, so unangenehm. An ihr steht das Kožákův Hotel u Prachovských Skál (Kožáks Hotel bei den Prachover Felsen), dessen Bau aus der ersten Republik durchaus noch nicht  völlig heruntergekommen aussieht und auf der Fassade hostinské pokoje (Fremdenzimmer), letní byty (Sommerwohnungen) und noclehárna (Schlafsaal) anpreist, als sei noch 1935. Heute wohnen dort Roma, während in einem Teil des Hotelrestaurants immerhin ein Kebabimbiß ist.

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Gegenüber steht die Kirche, die mit ihren spitzen Türmen wirkt, als sei hier ein Gebäude regotisiert worden, daß nie besonders gotisch war.

Auch die vermischten Häuser an der großen Straße und einer Querstraßen erscheinen wenig geheimnisvoll. Aber was in Libuň wichtig ist, das ist versteckt.

Indirekt versteckt durch den Verkehr ist hier selbst das, was direkt an der Straße steht.

Vielleicht sieht man vom Auto aus die barocke Skulptur des Josef, die aus dem Gebüsch am Rande des etwas erhöhten Bereichs der Kirche zum Hotel hinüberblickt, oder rechts neben dem Bereich das Denkmal für Antonín Marek, eine Persönlichkeit der národní obrození (nationalen Wiedergeburt) des 19. Jahrhunderts, der in Libuň Pfarrer war, aber wohl kaum Details wie das Jesuskind und den Palmzweig in Josefs Arm oder die Inschrift an dem hohen Sockel, auf dem Marek sitzt.

„Strebe, solange Zeit bleibt. Die Gegenwart ist die Wiege der Zukunft.“

Gewiß wenig Beachtung wird man einer barocken Säule links der Straße schenken, wenn sich vor einem das Panorama von Trosky auftut.

Sie ist dabei sowohl formal als auch inhaltlich ungewöhnlich. Auf der hohen korinthischen Säule steht hier keine Skulptur, sondern ein aufrechter Quader mit rechteckiger Grundfläche, überstehendem Rand und abschließender Kugel.

Auf der vorderen Seite prangt im Relief das IHS-Symbol der Jesuiten und einem jesuitischen Ereignis, von dem auf dem Sockel vorne und hinten ein lateinischer und links und rechts ein tschechischer Text erzählen, ist die Säule auch gewidmet.

„Zum ewigen Ruhm des allmächtigen, barmherzigen, gütigen dreieinigen Gottes und zur Erinnerung an den auf dem Pfarrfeld gestorbenen, von Andersgläubigen am 9. August 1620 mit fünf Schlägen getöteten Matěj Burnác, Verbreiter des katholischen Glaubens aus der Gesellschaft Jesu in Jičín

„Vom hochwohlgeborenen Herrn Arnošt Josef von Waldštejn, Herrn auf [allerlei Orte], k.k. geheimer Rat und Statthalter in Böhmen“

Während man aus dem lateinischen Text also das Jahr, in dem die Säule errichtet wurde, 1689, erfährt, enthält der tschechische Text viel detaillierte Informationen über den Tod des Jesuiten Bernác und den Landesherrn.

Erst jetzt kann man die übrigen Reliefs, die in ornamentierten Feldern auf den anderen Seiten des Quaders zu sehen sind, völlig verstehen.

Rechts ist eine schwebende Frauengestalt mit Kreuz, zu deren Füßen ein Skelett liegt, links ist eine Kreuzigung und hinten ist etwas, das man wegen des Baums und zweier Figuren zuerst für eine Darstellung von Eva und Adam in Paradies halten kann.

Tatsächlich zeigt dieses Feld Matěj Bernác, der links vor einem Baum kniet, während er von der rechten Figur hinterrücks mit einer Mistgabel erstochen wird.

Ungewöhnlich an diesem Kunstwerk ist nicht nur, daß es an ein konkretes Ereignis erinnert, sondern auch, daß es so explizit jesuitisch ist. Denn so wichtig die Jesuiten für die Rekatholisierung Tschechiens nach 1620 waren, lieber als sich selbst bauten sie ihren bevorzugten Heiligen Denkmäler oder gleich Kirchen und Kollege.

Ganz praktisch versteckt zwischen Zweigen sind zwei weitere Denkmäler, die eigentlichen Geheimnisse von Libuň. Links im Bereich der Kirche steht ein solcher bei den Jesuiten beliebter Heiliger: Johannes von Nepomuk.

Er hat das Kruzifix links bis auf die Höhe des Gesichts erhoben, so daß sein fallendes Gewand die Skulptur hier deutlich verbreitert, und in seinem anderen Arm steckt ein Palmenzweig aus Metall. Er steht zur Kirche gewandt, aber er kann sie nicht sehen, da ihm die Blätter eines Nußbaums ins Gesicht hängen wie sie ihn auch vor allen Blicken von der Straße her verstecken.

Der Sockel ist hoch, mit Voluten seitlich eingewölbt und trägt als Schlußstein in der Mitte der Kapitelle ein Relief der Maria, doch darauf ist ein weiterer Block, eine Art zweiter Sockel, auf dem erst die Skulptur steht. Unter der lateinischen Inschrift „eX pIo Voto ConstantI honorI et VeneratIonI DIVI IoannIs nepoMVCenI posVIt“ mit Chronogramm ist weiterhin eine Art eigentümliches Wappen, das einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen in einem Kranz und oben unter einer Krone ein kleines Lamm mit Fahne zeigt, ein Wappen des christlichen Tods. Links und rechts neben dem Schaf und der Krone steht „P.M.“ und „I.H.“, Initialen desjenigen, der das Denkmal aus Verehrung für Nepomuk errichtete.

Länger und ausführlicher ist die tschechische Inschrift auf der Sockelrückseite, die zwar ebenfalls ein Chronogramm enthält, es aber, wie das Latein der Kirche in die Volkssprache und die Initialen in den vollständigen Namen, in die arabische Zahl 1746 auflöst.

„Zu Ehre und Ruhm des hl. Johannes von Nepomuk errichtete Martin Jozef Hlawa, Hofkaplan des Kaisers Karl VI., Libuňer Pfarrer“

Daß der Libuňer Nepomuk so völlig in den Blättern verschwindet, kann gut bloß Zufall sein, aber es paßt zu dem Haß, den die tschechischen Nationalisten für diesen Heiligen wie für alles Katholische hatten. Ob auch schon Antonín Marek, immerhin selbst Priester, die von einem seiner Vorgänger errichtete Skulptur unangenehm war, ist Spekulation, aber denen, die ihm das Denkmal setzten, war sie es gewiß.

Das zweite versteckte Denkmal von Libuň ist dann ein tschechoslowakisches und erzählt von der Zukunft, wo die anderen von der Vergangenheit erzählt hatten.

Das Antlitz einer Kirche

Für ihren Gewinn des Hessischen Denkmalschutzpreises im Jahre 2000 hatte Klein-Karbens Kirche die allerbesten Voraussetzungen.

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Sie steht in der Mitte des alten Kerns des Wetteraudorfs höher am Hang und ist über eine längere Betontreppe, die noch an einem Fachwerkturm und alten Mauern vorbeiführt, zu erreichen.

Jenseits der oben verlaufenden Straße, zu der der Turm mit einem großen Tor zeigt, steht sie noch einmal etwas höher. Eine kurze Treppe führt auf ihren Eingang zu, während in der rechten Ecke des Grundstücks eine mächtige Eiche ihre Äste bis weit über die Mauer hängen läßt.

Selbst ist die Kirche mit +-förmigem Grundriß und hohem spitzen Turm in der Dachmitte durchaus nicht groß und paßt damit zum Ortsnamen. MIt schwarzem Schieferdach und -turm, weißem Putz und roten Ecksteinen und Fensterrahmen gleicht sie auch den typischen Dorfkichen der Region. Doch sie hatte das Glück, viel mehr als größere und neuere Kirchen von ihrer gotischen Form zu behalten.

So gibt es noch immer viele spitzbögige Fenster, von denen nur einige, besonders vorne, im Barock durch größere mit flachen Rundbögen ersetzt wurden. Teilweise finden sich beide Fensterarten sogar direkt nebeneinander.

Vielleicht im Zuge der ausgezeichneten Renovierung wurden in der rechten vorderen Ecke lange zugemauerte breite Spitzbögen wieder sichtbar gemacht, die einen ganz anderen, offeneren Kirchenbau erahnen lassen.

Bei einem Eingang in der linken hinteren Ecke wurde die Tür tiefer angebracht, damit die drei ineinandergesetzten Spitzbögen, simple dörfliche Version der Portale großer Stadtkirchen, besser zur Geltung kommen.

Daß die Beete um die Kirche neu angelegt und neue Bänke aufgestellt wurden, versteht sich von selbst, doch entschieden ergänzt wurde weniger das Gebäude als die Gesamtanlage durch eine einfache viertelkreisförmige Freilichtbühne aus Holz in der rechten hinteren Ecke und ebenso einfach amphitheaterartig angeordnete rote Sandsteinbänke in der leicht ansteigenden Wiese schräg gegenüber.

Das, und die geringe Zahl von Kirchgängern, erlaubten es sogar, zu Ostern 2020 einen coronagerechten Außengottesdienst abzuhalten.

Schließlich hat die Kirche noch ein Schmuckstück, um sie vollends von den umliegenden Dorfkirchen abzuheben: die rotsandsteinerne Skulptur eines Hunde- oder Schweinegesichts, die auf halber Höhe neben der hinteren Ecke des rechten Quertrakts hervorragt.

Nunmehr offensichtlich aufwendig restauriert und mit vergoldeter Schnauze versehen, ist sie etwas, das sich erst einmal kaum einordnen läßt.

Ein nichtreligiöses und geradezu derbes, lustiges Kunstwerk an einem Sakralbau. Wiederum fallen bloß die Wasserspeierfratzen städtischer Kirchen als Vergleich ein. Sind die aber durch die Höhe und Vervielfachung fast unsichtbar, so zieht das Klein-Karbener Gesicht unweigerlich alle Blicke auf sich, da es allein und nicht zu hoch hängt. Es ist, als habe sich der Stein in ihm gewehrt, bloß Teil der Ecke eines Kirchenbaus zu sein und den Steinmetz angeregt, sich einfach seiner Phantasie hinzugeben. Heute ist es das, was eine ohnedies besondere Kirche vollendet. Preise braucht sie gar keine mehr.

Hochhaus Im Dammwald

Friedrichsdorf am Rande des Taunus ist eine besondere Stadt, was nicht zuletzt daran zu erkennen ist, daß es sich mitten in sein Zentrum Wohnhochhäuser baute. Doch nicht nur dort, sondern auch am Rande gibt es Hochhäuser und das wichtigste von ihnen heißt Im Dammwald 8.

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Wiewohl von Weitem zu sehen, steht es gleichsam isoliert. Schon die Treppe, die vom Ende der Hugenottenstraße zum etwas niedriger gelegenen Wendekreis und Parkplatz vor (oder hinter) ihm führt, bereitet seine Architektur im Kleinen symbolisch vor. Waschbetonstufen, deren Lauf in der Mitte einen Knick hat, und ein graues eckiges Stahlgeländer rechts neben ihnen, einfachste funktionale Bestandteile, aber in das Grün des kurzen Hangs so wirkungsvoll gesetzt wie Villen in kalifornische Hügel.

Auf dieser Seite besteht das Hochhaus aus einem kurzen zwölfgeschossigen Querteil links und einem etwas längeren rückwärtigen Längsteil, über den die Geschosse in recht komplizierten Stufen bis zu einem noch kürzeren siebengeschossigen Querteil rechts abfallen. Im so gebildeten Hof sind die beiden Eingänge, 8a und 8b, und eine kleine Grünfläche. Im linken Winkel führt ein milchiges Treppenhausfenster nach oben, während die Verkleidung aus großen grauweißen Platten besteht, zu denen nur unter dem Dach oder um das Obergeschoß kleinere schwarze Platten kommen. Nicht zufällig erinnern jene an die Schieferdächer traditioneller Häuser und Kirchen der Region.

Schon auf dieser, eher kahlen und von horizontalen Fenstern bestimmten Seite, sind entscheidend die großen Balkone, mit denen viele Ecken aufgelöst sind. Direkt in der Ecke verlaufen dünne eckige Stützen, hinter denen große Flächen bis tief ins Gebäude schneiden. Die Geländer bestehen zur unteren Hälfte aus Beton und zur oberen aus Glas und Stahl, doch beidseits der Ecken sind in sie nach innen wie außen vorstehende lange Betonkästen, in denen große rechteckige Pflanzenwannen stehen, gesetzt. Schon hier kommt zum Grauweiß viel Transparenz und Grün, die die eckigen Baukörper weicher wirken lassen.

Auf der anderen Seite, die das Hochhaus über eine große Grünfläche der Bach-, Wiesen- und Waldlandschaft Richtung Bad Homburg zuwendet, entspricht den nach links abfallenden Obergeschossen eine leichte Staffelung der Fassade nach vorne, durch die immer links Verkleidung und Fenster und rechts offene Eckbalkone sind.

Von hier ist das Hochhaus eine geradezu gewellte lange Wand, auf der sich geschlossene und offene Teile, Grauweiß und Grün, abwechseln. Das Grün scheint von der Wiese über die großen Pflanzen in den Wannen vor den Balkonen bis hin zu den Dachterrassen emporzuwachsen, wo Gärten, Wälder fast, Haine, zu erahnen sind. Auch diese grüne Blätterkrone des Hochhauses war von Weitem und von der Eingangsseite zu erahnen, insbesondere ein anscheinend halboffener Bereich im Mittelteil mit einem langen Fensterband zwischen der schwarzen Verkleidung, aber erst von hier ist sie in voller Pracht zu sehen.

Dieses Gebäude am Rande von Friedrichsdorf bemüht sich um etwas, was für die fortschrittliche Wohnhausarchitektur seit Le Corbusier zentral war: die Balkone zu begrünen und von Gärten immer weniger unterscheidbar zu machen. So weit wie Alterlaa, die fortschrittlichste Wohnanlage überhaupt, geht es dabei nicht, aber es bestätitg eindrucksvoll, daß das Ziel das richtige ist. Vor allem zeigt es, daß es nötig ist, auf den Balkonen oder Terrassen möglichst große Bereiche für Pflanzen von der Architektur selbst vorzugeben.

Das zeigt der Vergleich zu den beiden niedrigeren Gebäuden, die die leicht abfallende Grünfläche links und rechts rahmen. Sie ähneln dem Hochhaus in den Formen, haben aber schmalere, längere Balkone und an diesen sogar schmale Simse, auf die von den Bewohnern selbst Blumenkästen gestellt werden müssen. Entsprechend seltener geschieht das und entsprechend kahler sind die Fassaden.

Ein regelrechtes Beet auf dem Balkon zu haben, regt offenbar an, es zu bepflanzen, während auf vorbereitete Stellen nur diejenigen Blumenkästen stellen werden, die das ohnehin tun würden. Architektur, die dem Menschen die Möglichkeit gibt und ihn sanft anregt, sich selbst einen besseren Ort zum Leben zu schaffen – was könnte fortschrittlicher sein?

Es ist schade, daß auch in Friedrichsdorf, das das seltene Glück hat, Wohnhochhäuser direkt im Zentrum haben, das beste hier am Rande steht, denn es hätte es recht eigentlich verdient, über die ganze Stadt zu blicken, von ihr gesehen zu werden und ihre besondere Tradition auf neue Art fortzuführen.

Die Kathedrale als Schlachtschiff

Die Wasserspeier an der Rückseite der Kathedrale von Málaga sehen aus wie Kanonenrohre. Die Kanonenrohre einer spanischen Galeone, denkt man unweigerlich. Mit solchen Schiffen und Kirchen eroberte Spanien die halbe Welt. Doch sogar hier im äußersten Süden der iberischen Halbinsel hielt es der spanische Katholizismus noch für nötig, die von den Arabern zurückeroberte Stadt architektonisch zu bedrohen, wobei die Kanonen daran das Harmloseste sind.

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Tatsächlich ragt die Kathedrale vom Hafen gesehen wie ein riesiges Schiff aus der Stadt auf, viel höher als alle übrigen Gebäude. Erst das fünfzehngeschossige Hotel Málaga Palacio aus der Francozeit reicht an die Höhe ihres Turms heran und schiebt sich in das Panorama. Wiewohl es als Teil der Blockrandbebauung und mit abgerundeter Ecke für das Jahr 1966 eher konservativ ist, muß man froh darüber sein.

Auf dem prominentesten Kunstwerk, mit dem sich die Stadt ihrer Geschichte widmet – dem 1973 entstandenen großen Glasbild in der Rückwand der verschnörkelt gußeisernen, aber eine maurische Eingangsfassade aufnehmenden Markthalle – sieht man die Kathedrale zwar nicht in ihrer Schiffhaftigkeit, aber vor ihrer und anderer wichtiger Gebäude Fassade sind im Hafenbecken zwei Galeonen gezeigt.

Kanonen sind in Málaga nie fern, aber zum Glück nur noch symbolisch.

Johannes von Nepomuk auf dem Trockenen

Dieser Text könnte auch heißen: „Der rote Nepomuk an der Nidda“, aber das würde nicht ganz stimmen oder jedenfalls nicht mehr.

In Ilbenstadt in der Wetterau, einem katholischen Ort in einer eher protestantischen Gegend, steht Johannes von Nepomuk an der Ecke einer großen Scheune links der durch den Ort führenden Straße, die hier Friedberger, ein Stück weiter aber schon Hanauer Straße heißt.

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Seine Darstellung entspricht allen Konventionen, ist allerdings eher nüchtern als ekstatisch, was vielleicht auch daran liegt, daß es sich um eine Kopie handelt, während das Original in einem Friedberger Museum steht. Da sind Birett, Umhang und großes Kruzifix, bloß der fünfsternige Heiligenschein fehlt. Und dieser Johannes von Nepomuk ist rot, rot in dem für die Region typischen roten Sandstein, aus dem auch einige Fensterrahmen der ansonsten aus graubräunlichen Steinen errichteten Scheune sind.

Er steht in einer Nische aus demselben Stein, die aber an das Gebäude angefügt, statt in es hineingearbeitet ist. Über der Skulptur ist so ein achteckiger steinerner Baldachin mit Kuppeldach und unter ihr eine Plattform, deren Sockel sich nach unten wie ein Spiegelbild der Kuppel verjüngt. An der Schräge des Sockels befindet sich zudem das Wappen des Ilbenstädter Abts Jakob Münch, der die Skulptur 1742 errichten ließ.

Bekanntlich nun ist Johannes von Nepomuk ein Brückenheiliger, weil er der Legende nach von der Prager Karlsbrücke gestürzt starb, eine nachvollziehbare Verbindung, die nur makaber finden kann, wer nicht weiß, daß der auf einem Rost hingerichtete Laurentius der Heilige der Köche ist. Der Ilbenstädter Nepomuk blickt schräg an der Ecke stehend auch wirklich auf eine Brücke.

Sie ist sogar recht stattlich und mag so alt sein wie er, ein Bau aus grauem Stein, nur über den drei flachen Bögen rot, mit drei Pfeilern, die unten in Richtung der Strömung spitz sind. Allein zur Brücke fehlt der Fluß.

Links der Straße ist vor den Bögen eine Wiese mit kleinem Weiher, während rechts von der Brücke keine Spur ist und dem Flußlauf ein Grünstreifen entspricht. Worauf man hier mit dem roten Johannes von Nepomuk blickt, ist der alte Lauf der Nidda, die seit den späten Sechzigern in einem begradigten und schmaleren Bett einen halben Kilometer entfernt fließt und dort immer noch die Grenze der Stadt bildet.

So steht Johannes von Nepomuk heute etwas verloren an seiner Ecke. Weder ist die zwischen Friedberg und Hanau verlaufende Straße mehr sehr wichtig, noch ist die Brücke mehr der Eingang nach Ilbenstadt, durch den jeder Reisende mußte, und Nepomuk dessen Wächter. Johannes von Nepomuk ist in Ilbenstadt ein Brückenheiliger mit bloß einem Rest an Brücke und ein Symbol des Katholizismus in einer Stadt, über der zwar immer noch die riesige romanisch-barocke Klosteranlage thront, die aber im Vergleich zu ihren protestantischen Nachbarorten recht ärmlich und vernachlässigt wirkt.

Vielleicht macht all das diesen Johannes von Nepomuk jedoch bedeutender als seine Zwillinge in den Ländern der Gegenreformation, von denen ihn schon seine rote Farbe unterscheidet. Dort ist er allgegenwärtig, hier ist er etwas Besonderes, dort ist er wie Maos Fisch im Wasser, hier ist er auf dem Trockenen.

Erkundungen auf Friedhöfen: Allzudeutsches in Orneta

Die evangelische Kirche von Orneta, ein 1830 errichteter klassizistischer Bau mit gelbem Putz, Rundbögen und einem immerhin passenden, aber unnötigen Turm von 1905, wurde nach dem zweiten Weltkrieg zur orthodoxen Kirche, denn die Bevölkerungsverschiebungen hatten in dem ehemals ostpreußischen Städtchen keine Protestanten zurückgelassen, aber zumindest einige Orthodoxe aus dem Osten hergeführt. Das brachte es mit sich, daß hinter der Kirche ein ganzer deutscher Friedhof erhalten blieb.

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An sich ist das noch nicht völlig ungewöhnlich, denn während etwa Gdańsk seine alten Friedhöfe recht konsequent liquidierte, machte etwa Olsztyn einige zu parkartigen Denkmalarealen. Doch entsprechend sind die Olsztyner Friedhöfe auch kuratiert, die erhaltenen Gräber nach historischen und künstlerischen Gesichtspunkten ausgewählt, zwischen ihnen teils größere Rasenflächen, die Anlagen in den Gesamtorganismus der Stadt eingefügt. Nichts davon in Orneta. Der Friedhof ist schlichtweg vergessen. Während heute links neben der Kirche einige Gräber auf gemähtem Rasen stehen, versinken sie im weit größeren Teil dahinter noch immer im Unkraut, durch das bloß zwei Wege freigehalten werden.

Welche Gräber erhalten blieben, war ganz dem Zufall der wuchernden Natur überlassen.

So gibt es an- und aufeinandergeschichtete Grabsteinreste, bedenklich schief stehende und halb in Bäumen verschwundene Gräber ebenso wie solche, die auch gestern erst aufgestellt worden sein könnten.

Die Verbindung von Vollständigkeit und schlechtem Erhaltungszustand erinnert am ehesten an jüdische Friedhofe, die ebenfalls vollständig blieben, ohne daß sie viel Pflege erhielten.

Die Geschichte, die dieser zufällige Friedhof in Orneta erzählt, ist allerdings selbstverständlich eine durchaus andere.

Auf den Gräbern liest man die üblichen Berufsbezeichnungen ferner Zeiten wie „Oberpostschaffner“ oder solche, die so klingen, wie „Oberstraßenmeister i.R.“.

Ein Denkmal für den ersten Weltkrieg mit großem Eisernen Kreuz wurde vielleicht absichtlich beschädigt, so daß die Inschrift nicht mehr zu lesen ist, aber es steht noch (oder wieder?).

Interessanterweise gehört gerade das älteste Grabmal, ein abgebrochenes Kreuz aus Gußeisen von 1856, einer Frau mit slawischem Nachnamen, Caroline Salewsky, die noch im 18. Jahrhundert geboren wurde.

Ganz hinten schließlich ist das Grab des zu Beginn des zweiten Weltkriegs gestorbenen Schützen Gustav Kumstel sowie seines Vaters August. Frakturschrift, „In Gottes Frieden“, Kreuz, Eisernes Kreuz, alles wie gewöhnlich für solche Gräber.

Aber nicht ganz: im Eisernen Kreuz ist in der Mitte ein Hakenkreuz und unten die Jahreszahl 1939.

Hier erst wird der traurige Wert eines solchen in der Zeit eingefrorenen Friedhofs völlig klar. Man sieht hier wirklich, wie 1945 ein deutscher Friedhof aussah. In Deutschland, wo die Friedhöfe weiterbenutzt wurden, anderswo in den ehemals deutschen Gegenden in Polen, wo die deutschen Gräber zumeist abgetragen wurden und polnische an ihre Stelle traten, ist das nicht möglich. Gräber wie das des Gustav Kumstel, die nicht entschieden nazifaschistisch gestaltet waren, aber eben die gängige Nazisymbolik nutzten, gab es 1945 in Deutschland sicher viele, aber schon wenige Jahre später nicht mehr, da alle außer die verkommensten Angehörigen wenigstens die Hakenkreuze entfernen ließen.

Anders als bei einem regelrechten Nazigrab ist es hier die schiere Selbstverständlichkeit und Normalität, die schockiert. Man erwartete das Hakenkreuz nicht, als man den Friedhof entlang von älteren zu den neueren Gräbern ging, aber was hätte dort sonst sein können? Die deutsche Geschichte, die anderswo verharmlost und beschönigt ist, liegt hier ehrlich und roh vor einem. Sieht man sie so und versucht zu überlegen, wie Orneta 1945 aussah, als die sowjetische Armee es erreichte, begreift man nicht mehr nur intellektuell, sondern gleichsam körperlich, wieso der Welt die Umsiedlung der Deutschen nach Westen sinnvoll und notwendig erschien und wie wenig Mitleid sie für die damit verbundenen Härten hatte.

Für Orneta bedeuteten die neuen Grenzziehungen auch insofern ein Glück, als es so zu seinem wohlklingenden, beinahe mediterranen Namen kam, während das ungewöhnlich unschöne Wormditt vergessener noch ist als die Gräber hinter der orthodoxen Kirche.

Zweierlei Dorfelden

Sowohl Niederdorfelden als auch Oberdorfelden lassen sich in jeweils einem Bild zusammenfassen, auf das diese Orte in der Wetterau nördlich von Frankfurt seit allerspätestens 1983 nicht mehr stolz sein werden. Aufgenommen jeweils von den Wiesen am Flüßchen Nidder, das sich an ihnen entlangschlängelt, ähneln sich die Bilder sogar sehr.

Niederdorfelden zeigt sich so als Junkerhof, Kirchturm und achtgeschossiges Punkthochhaus, die je nach Perspektive geradezu wie eine Einheit wirken.

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Oberdorfelden zeigt sich als Einfamilienhäuser, Kirchturm und ein wandgleich hinter beidem stehendes achtgeschossiges Wohngebäude.

Sehr ähnliche Bilder, die den Einbruch des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt das westdeutschen Wohlfahrtsstaats, in die ländliche Idylle zeigen, was die einen gut und die anderen schlecht finden mögen. Doch Bilder sagen immer zu wenig und die städtischen Situationen, die in Nieder- und Oberdorfelden aus den ähnlichen Bestandteilen entstehen, könnten verschiedener kaum sein.

Mit dem Junkerhof, der anderswo auch gut Schloß heißen könnte, hat Niederdorfelden ein Gebäude, das es von vielen anderen Dörfern unterscheidet, und es ist nachgerade erschreckend, wie sehr er es noch immer prägt. Noch immer zeigt ein Torbau mit großem Rundbogen aus rotem Sandstein, zweitem Geschoß aus Fachwerk und drittem Geschoß unter einem Walmdach ins Umland, wo der Ort sich heute zwar entlang der Straße fortsetzt, die Uferwege die Situation früherer Jahrhunderte aber gut erahnen lassen, und ein zweiter in die Gassen des Dorfs.

Die übrigen Gebäude um das große rechteckige Hofareal sind sehr vermischt und reichen von einem runden Turm und einem geradezu archaisch wirkenden Stall ganz aus rotem Stein quer zum dorfseitigen Torbau

über den dunklen backsteinernen Industriebau der Mühle, der sich ans wiesenseitige Tor anschließend zum Wasser erstreckt, bis zu neueren Umbauten für den touristischen Betrieb.

Denn der Junkerhof ist nach wie vor in Privatbesitz. Das zum Dorf zeigende Tor, wo vor dem Gelände auch ein symbolisch trennender Bach fließt, ist so abweisend wie je und man kann bloß hoffen, daß die jetzigen Besitzer mit der Familie von Dorfelden, deren barockes Wappen dort hängt, wenigstens nicht verwandt sind.

Niederdorfelden ist im Zentrum ansonsten eine typische Mischung aus Fachwerkhäusern und allerlei Neuerem. Viel Platz hat darin nicht einmal die Kirche, die ein einfacher klassizistischer Bau aus grauem Stein mit roten Rundbögen, Ecken und Kranzgesims unter einem Satteldach ist, aber Ende des 19. Jahrhunderts einen irgendwie neogotischen Turm bekam, der damals sicher neureicher Stolz des Orts war.

Der Junkerhof ist in Niederdorfelden ein deutlicher Fremdkörper und schon, wie die bei der Kirche abzweigende Junkergasse einen Bogen macht, um plötzlich den Blick auf das Tor freizugeben, hat etwas Theatralisches.

Mittelpunkt des in den Sechzigern entstandenen neuen Niederdorfelden ist das Punkthochhaus. Acht Geschosse nur, fast quadratischer Grundriß, bei den Ecken der einen Seite rechts lange und links kurze Balkone, ein vorgesetzter und noch ein Geschoß höherer Aufzugstrakt auf der anderen Seite.

Ringsum sind vor allem Einfamilien- und Reihenhäuser an großzügigen Straßen, denn hier ist Westdeutschland, und sie erstrecken sich bis an den Rand des Nachbardorfs Gronau, das schon zu Bad Vilbel gehört.

Vor dem Punkthochhaus ist der Lindenplatz, der außerdem besonders von einem verglasten Flachbau mit dickem überstehenden Dach geprägt ist.

Hier sind Sitzgelegenheiten, Beete und ein Spielplatz, doch ob der Lindenplatz für sich genommen ein besonders guter städtischer Raum ist, ist sogar zweitrangig, denn er verläuft langgestreckt auf das alte Dorf zu. Der Kirchturm ragt direkt in der Achse des Platzes auf und ein direkter Weg führt in die Dorfgassen hinein.

Der Lindenplatz bündelt geradezu den aus den neuen Straßen kommenden Fußgängerverkehr und projiziert ihn ins Dorfzentrum. Die klare Aufgabe des Punkthochhauses besteht darin, für das neue Niederdorfelden Höhe- und Mittelpunkt zu sein, wie es der Kirchturm für das alte Niederdorfelden ist. In Niederdorfelden gelingt die städtebauliche Verbindung von Neu und Alt. Das Dorf wird, Junkerhof hin oder her, behutsam ins 20. Jahrhundert geholt. Es handelt sich hier um ein Musterbeispiel dafür, was der westdeutsche Sozialstaat in einem Dorf zu schaffen vermochte. Das Bild stimmt, das Dorf ist tatsächlich eine Einheit verschiedener Elemente.

Wie anders Oberdorfelden! Es war immer kleiner und unwichtiger, ein zwei Kilometer von Niederdorfelden abgelegenes Anhängsel, das wohl nicht einmal selbst auf die Idee gekommen wäre, seine geographische Bezeichnung mit der eines Rangs zu verwechseln. Entsprechend hat es im Gewirr seiner Einfamilienhäuser weniger alte Bausubstanz und seine Kirche ist ein regionstypischer schlichter Barockbau mit schieferverkleidetem mehrstufigen Turm, was allerdings besser ist als der vulgäre Historismus des spitzen Kirchturms im Nachbardorf.

Das achtgeschossige Wohngebäude ist vom alten Dorfkern zwar nicht weit entfernt, aber durch die eingleisige Linie der Niddertalbahn abgetrennt.

Als langgestreckter Bau mit weißer Verkleidung steht es direkt entlang der Schiene, der es recht wenige Öffnungen und die drei leicht vorgesetzten und höheren Aufzugstrakte zuwendet, während auf der anderen Seite Balkone sind.

Hinter ihm steht parallel noch ein entsprechend gestalteter kürzerer und sechsgeschossiger Bau, doch zwischen ihnen sind vor allem Parkplätze und spärliche Grünflächen. Hier sieht man, was der Ausdruck „wrong side of the tracks“ (die falsche Seite der Gleise) bedeutet. Die Wohngebäude stehen weder in organischer Verbindung zum Dorf, noch bilden sie einen sich gelungenen Ort, sie wirken bloß wie hinter dem Gleis abgestellt. Sogar zum Bahnsteig, der auf der Dorfseite direkt davor verläuft, sind die Zugänge beleidigend schlecht. Jenseits der Wohngebäude sind wieder Einfamilienhäuser, denn hier ist Westdeutschland.

Mit dem Bahnsteig sind sie noch schlechter verbunden, doch ihre Anordnung an mehreren kleineren Sackgassen, die von einer größeren abzweigen, macht auch deutlich, daß sie ganz auf das Auto ausgerichtet sind.

In Oberdorfelden zeigt sich der westdeutsche Sozialstaat als kapitalistischer Klassenstaat, der die Armen, die Assis und Kanacken, irgendwo an eine ungünstige Stelle am Rand abschiebt und dort sich selbst überläßt. Der Städtebau ist hier bloß Mittel zur Segregation. Das von den Nidderwiesen betrachtete Bild, das gar eine Dominanz des Neuen verheißen könnte, ist eine Lüge.

Das Beispiel von Niederdorfelden und Oberdorfelden zeigt, daß dem ersten Blick nicht zu trauen ist und daß scheinbar sehr Ähnliches völlig verschieden sein kann. Im Falle diese beiden Dörfer sind die Unterschiede vielleicht auch nicht bloß zufällig, da sie einer unterschiedlichen jüngeren Geschichte entsprechen. Während Oberdorfelden sich im Zuge der hessischen Gebietsreform der siebziger Jahre mit den größeren Nachbardörfern Kilianstädten und Büdesheim zur Gemeinde Schöneck zusammenschloß, blieb Niederdorfelden als eine von nur 31 von zuvor 2642 Gemeinden unverändert und selbständig. Seine städtebaulichen Leistungen deuten darauf hin, daß dieser Kampf um die Bewahrung der Unabhängigkeit, den der sozialdemokratische Bürgermeister Jakob Burkhardt gegen die sozialdemokratische Landesregierung führte, nicht nur Selbstzweck war. So zeigt der Blick auf Niederdorfelden und Oberdorfelden weiterhin, daß im selben System, ja, in zwei Nachbarorten mit eng verwandten Namen, zur gleichen Zeit Gutes und Schlechtes entstehen kann.

Turiner Einzelheiten: Camera di Commercio

Anderswo würde man den Piazzale Valdo Fusi (Valdo-Fusi-Platz) nicht bemerken, aber in Turin, und nicht nur in seinem zentralen Teil, ist er etwas Besonderes. Grundsätzlich ist er denn auch nur eine rechteckige Lücke in der Blockrandbebauung, umgeben von teils historistischen, teils älteren Gebäuden. Was ihn prägt, ist das Gebäude im nördlichen Teil seiner Westseite.

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Das rechteckige Erdgeschoß besteht aus dunkel verspiegeltem Glas, unterbrochen nur von den tiefer liegenden Eingängen vorne in der Mitte und an den Seiten, deren Wände mit hellem glattem Stein verkleidet sind. Darüber ist eine Terrassenebene, auf der dann aufgestützt, frei und von den Seiten deutlich zurückgesetzt drei weitere Geschosse stehen. Sie sind ganz mit silbrigem Metall verkleidet, haben hohe vertikale Fenster mit abgerundeten Ecken und die Schmalseiten sind nach außen vorgewölbt. Zusammen mit dem leicht ansteigenden Geschoßboden über den Stützen, der eine Verkleidung mit nach vorne zeigenden Streifen hat, und dem halb versteckten Walmdach, das in der Schräge runde Oberlichter und oben große technische Aufbauten hat, entsteht eine markante schwebende Form, die völlig vom übrigen Platz abgehoben scheint. Am rückwärtigen Abschluß der Terrassenebene sind links und rechts zwei viergeschossige eckige Bauteile mit dunklem Metall und Glas, die an die nächsten Gebäude der hier folgenden Straßen anschließen.

Das Besondere an dem Gebäude ist, daß in ihm, oder wenigstens in dem aufgestützten und freistehenden Bauteil, die Blockrandbebauung aufgebrochen ist. An seinem Beispiel merkt man umso stärker, daß das in Turin sonst eigentlich nie geschieht.

In den Eingängen steht in braunen Metallbuchstaben neben einem Logo, das stilisiert das Dach der Mole Antonelliana zeigt: „Camera di commercio/industria artigianato e agricoltura/di Torino“ (Handelskammer/Industrie Handwerk und Landwirtschaft/von Turin).

Die Terrassenebene ist, wie man werktags sieht, ein Parkdeck, das von rechts seine Auffahrt hat.

Es ist mithin ein Gebäude, das gut in die kapitalistische Autostadt Turin paßt und auch seine Architektur paßt völlig zu einer gewissen kapitalistischen Architekturmode aus den Siebzigern, der etwa Frankfurt am Main das Dresdner Bank-Hochhaus oder Westberlin das BfA-Hochhaus verdanken. Doch in Turin gibt es nichts Vergleichbares.

Der Piazzale Valdo Fusi davor steigt an den Schmalseiten im Norden und Süden mit Wiesen schräg an, unter denen sich die Eingänge zu Tiefgaragen und Geschäfte verbergen. Seine übrige Fläche ist etwas versenkt und besteht größtenteils aus Skateanlagen. In der Mitte steht ein Glashaus mit Satteldach, das einem Luxusgewächshaus gleicht und in dem ein Restaurant ist.

Während also das Gebäude der Handelskammer Moden der Siebziger entspricht, gehört der 2004 gestaltete Platz in die städtebaulichen Moden der letzten dreißig Jahre. Er ist eine von deren weniger schlimmen Ausformungen, zumal dort zuvor selbstverständlich bloß ein Parkplatz war. Man bemerkt beide, wie nicht oft genug zu sagen ist, nur deshalb, weil sie in Turin so selten sind.