Archiv der Kategorie: Architektur

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Bystřice pod Hostýnem

Dieser Text könnte auch heißen: „Der Bahnhof des Partisanen“. Einen solchen Bahnhof nämlich findet man Bystřice pod Hostýnem im östlichen Mähren.

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Zu den Gleisen hin hat die Bahnhofanlage ein langes blaues Vordach, das auf mittigen runden Stützen ruht und von diesen kurz nach außen und länger nach innen zu den Gebäuden ansteigt. Es wirkt, wiewohl aus Stahl und Blech, eher leicht, schwerelos, vielleicht auch, weil die Stützen sehr dünn und mit ihrer braunen Farbe um Unsichtbarkeit bemüht sind. Links steht dahinter zuerst ein kleiner Flachbau mit technischen Räumen. Nach einer kurzen Lücke beginnt der eigentliche zweigeschossige Bahnhofsbau, der teils grauen Putz und teils rotbraune Kacheln hat, vor dem Flachdach aber wieder einen blauen Streifen. Auch er zieht sich langgestreckt parallel der Gleise hin. Der Großteil der Länge wird von verschiedenen Betriebsräumen für Güter- und Personenverkehr eingenommen.

Erst ganz rechts öffnet sich das Gebäude mit großen Glasflächen und -türen, die in die Halle führen, ganz dem Reisenden. Aber das Vordach endet noch nicht mit dem Gebäude, sondern setzt sich, nun an der gleisabgewandten Seite zusätzlich von drei dünnen runden Stützen getragen, noch etwas fort und verwandelt sich am Bahnsteigende sogar. Es wird zu einem dickeren Betondach mit blauem Rand, das den Reisenden alternativ oder ergänzend zur Halle hinausgeleitet.

Der sich rampenartig absenkende Bahnsteig verläuft ein Stück zwischen eckigen Stahlstützen und Glasflächen. Während links der offene Ausgang folgt, verläuft das Glas rechs weiter und noch um die Ecke der abschließenden Wand, die danach aus Beton besteht.

Die Bahnhofshalle ist dann quer zu den Gleisen, fast von ihnen wegstrebend, angeordnet.

Auf ihrer linken Seite ist im unteren Teil schwarz-grau-weiß gemaserte glatte Steinverkleidung, was man aber kaum merkt, da ein so großer Teil von den Fenstern der Schalter und den Eingänge des Restaurants und der Toiletten eingenommen wird. Rechts sind unten erst die Eingänge, dann wird die Wand auf ihrer gesamtem Höhe in eine durchgehende Glasfläche aufgelöst. Der obere Teil der Halle hat ansonsten weiße Wandflächen, auf denen nur an der Gleisseite eine ziffernlose goldene Uhr hängt.

Beim Beginn der Glaswand dienen sieben dünne Stangen, die vom Boden bis zur Decke reichen, als Raumteiler. Unten sind die durch den hellbraunen Holzkasten einer Heizung zusammengefaßt, darüber sind an ihnen je zwei vertikale drehbare Metallwalzen für Fahrplainformationen aufgehängt, bevor nach quadratischen Holzelementen nur noch das bloße Metall aufragt. So wird die Halle subtil in einen kleineren Durchgangsbereich zwischen den Ausgängen und einen größeren Aufenthaltsbereich mit hölzernen Sitzbänken aufgeteilt.

Zu diesem, aber auch in die übrige Halle, zeigt ein abstraktes Kunstwerk von Jaroslav Blažek, das raumhoch die Mitte der rückwärtigen Wand einnimmt. Auf rechteckigen vertikalen Tonplatten sind allerlei Vertiefungen und eingelassene Steine, aber am Auffälligsten sind die vertikale Rille in der Mitte, die an einen Schnitt erinnert, und der blau glasierte Fleck unten rechts (einige Bilder aus der Entstehungszeit findet man auf der Seite des Künstlers).

Von der Stadt her kommt man direkt auf die Bahnhofshalle zu. Rechts ist teilweise verdeckt von einem Baum die Glasfläche, links ist über den Eingängen ein blaues Vordach und noch darüber ein Wabenmuster im Beton der Wand. Nicht in der Mitte über dem Eingang, sondern deutlich am rechten Rand sind auf dem Vorach eine aufgestütze quadratische Uhr und auf dem Dach ein geflügeltes Rad als blau-weißes Leuchtsymbol.

Links ergänzt der Abschluß des Bahnsteigsdachs die Halle. Zwischen den Eingängen und dem dickeren Dach stehen vor den drei runden Stützen niedrige Nadelsträuche, wodurch diese fast die Anmutung von Säulen bekommen und ein kurzer antiker, tempelartiger Eindruck entstehen kann. Wie ein L legt sich die Bahnhofsanlage so um einen Wendekreis für Busse.

Der Bahnhof wird zu einer Art Schleuße zwischen der Stadt und den Gleisen, das heißt dem Rest der Welt, offen, einladend, funktional und schön.

Eine Gedenktafel am Bahnsteig neben den Eingängen zur Halle erdet dieses neue Gebäude schließlich in der nicht fernen Vergangenheit. Üblicherweise wird an solchen Stellen an Eisenbahner, die in den Besatzungsjahren 1938 bis 1945 umkamen, erinnert, aber hier ist es etwas anders. Unter fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub als Symbol der 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žižka“) wird auf der glatten schwarzen Steinplatte in weißen Buchstaben vom Tod eines Partisanen erzählt:

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

„An diesem Ort“, ja, aber nichts an diesem Ort sieht mehr aus wie im Januar 1945. Leutnant Marek würde nichts wiedererkennen, wenn ein gütiger kommunistischer Gott ihn wieder zum Leben erweckte. Und genau so muß das sein, so würde er das gewollt haben. „Er kämpfte für uns, damit wir leben können…“, steht oben auf der Tafel. Der ganze Bahnhof ist ein Beweis dieses Lebens und das schönste Denkmal, das einem Partisanen errichtet werden könnte.

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Ein Kleinod in Bergen

An der südlichen Seite des Hafens von Bergen steht ein Kleinod:

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Auf einem großen quadratischen Grundriß mit abgerundeten Ecken hat es zwei Geschosse, das untere mit einigen großen Toren und wenigen Fenstern, das obere mit vielen Fenstern zwischen vertikalen Streben. Und zwischen beiden Geschossen verläuft ringsum ein enorm weit freischwebendes Vordach mit ebenso abgerundeten Ecken. Seine dünne Betonkonstruktion verdoppelt die vom Gebäude eingenommene Fläche beinahe, aber sie ist ja nicht eingenommen, sondern nur überdacht.

Alles erklärt sich aus diesem Vordach. Daß es da ist, ergibt sich aus der Funktion des auf einem rechteckig in den Hafen ragenden Pier gelegenen Gebäudes, in dem Werkstätten für Schiffe waren und teils noch immer sind. Einen möglichst großen geschützten, aber allseitig zugänglichen Bereich zu haben, ist hier gerade angesichts des unberechenbaren, meist regnerischen Bergener Wetters äußerst nützlich. Das ließe sich auch auf viele andere Arten erreichen, wie etwa das flügelartige Betondach des Gebäudes auf dem nächsten Pier zeigt,

aber nicht leicht in solcher Leichtigkeit und Eleganz. Aus seiner Funktion hervorgehend, bestimmt das Vordach auch die gesamte Form des Gebäudes. Es ist die Horizontale, die die beiden Geschosse teilt, und zugleich der Grund für die vertikalen Streben des Obergeschosses, da sie sich auf ihm fortsetzen, um es in seiner spektakulären Schwebe zu halten.

Wie so viele andere ist auch dieses Kleinod eher unauffällig und isoliert. Das Gebäude steht recht verloren zwischen aller möglichen vermischten Bebauung. Erst gegenüber der schmalen Hafenbucht, der Bergen alles verdankt, sind berühmtere Teile der Stadt: das hanseatische Viertel Bryggen und die Festung Bergenhus. Daß sie einmal ganz ähnlich funktional waren, bemerkt heute niemand mehr; sie sind Denkmäler geworden. Dieses Kleinod aber erfüllt bislang einfach nur seine Funktion.

Die Türme des Politechnika

Viel gibt es zur Architektur des Politechnika Gdańska (Gdańsker Politechnikum) nicht zu sagen. Monströse kaiserzeitliche Neorenaissance in rotem Backstein, wie sie zwischen 1880 und 1914 für alle Repräsentationsbauten der Stadt gewählt wurde. Kaum anders könnten die Gebäude einer Institution aussehen, die 1904 als Technische Hochschule zu Danzig gegründet wurde und 1945 zum Politechnika wurde.

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Im Hauptgebäude findet diese unmenschliche Monumentalität naheliegenderweise ihren Höhepunkt und es ist nur den großen Bäumen der darauf zuführenden Allee zu verdanken, daß man sie nicht schon von der Aleja Grunwaldzka, einer zentralen Achse der Trójmiasto, sieht. Durch die Alleebäume auch bemerkt man von Weitem das gleichsam filigrane Türmchen, das von Nahem nur verloren hoch über den abweisenden roten Mauern sitzt.

Aber es ist ein anderer Turm des Politechnika, der entlarvend viel über diese Architektur aussagt. Aus der Entfernung sieht man seine halbrunde Backsteinform. Schmale vertikale Fenster im Schaft, nach kleinen Stufen weiter vorstehend der obere Teil mit nun umlaufenden Fensterschlitzen und darauf ein spitzes rotes Ziegeldach. Daß der Turm wirklich das irgendwie alte Bauwerk sei, das er zu sein vorgibt, glaubt man ihm nie, bestenfalls wirkt er wie ein historistischer Wasserturm. Und zudem ist da der große Schornstein, der noch über das Dach aufragt.

Bereits, wenn man vor dem Hauptgebäude stehend seitlich auf den Turm blickt, merkt man, daß sich das zuvor zu sehende Halbrund zu keinem Ganzen schließt – es ist ein halber Turm.

Von anderen Stellen im Gelände des Politechnika, wenn man seine Rückseite sieht, merkt man, daß sogar das nicht stimmt. Denn es ist vor allem ein Schornstein, ein ganz gewöhnlicher Schornstein, wie ihn jede Fabrik hat, an den vorne eine Turmfassade angeklebt ist – es ist ein potemkinscher Turm.

Was der Turm in so dankenswerter Klarheit zeigt, trifft auf alle Gebäude des Politechnika und auf alle historistische Architektur zu: sie spiegelt etwas vor, sie klebt Fassaden auf Gebäude, die zu deren Funktion einfach nicht passen. Man bedenke gerade in diesem Fall die Lächerlichkeit dieses Vorgehens: da ist eine der modernsten Technik geweihte Lehr- und Forschungsanstalt, aber sie hält es für nötig, sogar den Fabrikschornstein, dieses Symbol der Industrie, die die modernste Technik hervorbringt, hinter nachgemachtem Alten zu verstecken!

Noch einen weiteren Turm hatte das Politechnika. Er war weniger hoch und aufgrund seiner Funktion als Kühlturm aus Stahl. Um ihn dennoch so gut wie möglich zu verstecken, setzte man ihn hinter die Maschinenhalle, zu der der Schornstein gehört, und zwang ihm eine verzierte Kuppelhaube aus Kupfer auf.

Es ist, als ob er von dort aus verächtlich oder eher bedauernd auf den als Turm verkleideten Schornstein blickt. In den neunziger Jahren wurde der Kühlturm abgebaut und übrig blieb bei einer Informationstafel ausgerechnet die verzierte Haube, während sein Schaft, der nichts als ein schlanker Zylinder aus Stahl war, verschwunden ist.

Daß das Politechnika heute dennoch etwas Architektur hat, deren Formen ihrem Inhalt entsprechen, verdankt sich späteren Bauten aus der polnischen sozialistischen Zeit. Sie sind hoch und groß, aber dabei zurückhaltend und menschlich. Türme brauchen sie keine mehr.

Das neue Hradec Králové

Es beginnt gleich dort, wo das neualte Hradec Králové endet, gleich hinter dem Ulrichovo náměstí (Ulrich-Platz). Schon das diesen prägende lange sachliche ČSD-Gebäude ist nicht mehr völlig Blockrandbebauung.

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Nur in der Mitte sind hinter ihm zwei sechsgeschossige Querflügel, die mit einem weiteren Teil einen Hinterhof umschließen, aber die Seiten sind frei, wenn auch umzäunt. Offen ist der Stadtraum noch nicht, aber auch nicht mehr allein vom zugebauten Blockrand bestimmt.

In den folgenden Straßen scheint die Blockrandbebauung sich fortzusetzen, bloß haben die fünfgeschossigen Gebäude nun fast durchweg sachliche Formen. Statt Schmuck und Pilaster gliedert der Wechsel von offenen und geschlossenen Flächen die Fassaden – typische tschechoslowakische Architektur der Zwischenkriegszeit. Auch, wenn man von den Straßen Nerudova und Na lípkách, die beinahe parallel ins Stadtzentrum führen, auf die Gebäude blickt, sieht man nichts anderes als diese sachliche Blockrandbebauung.

Erst in den Querstraßen öffnen sich die Blocks plötzlich.

Ein Blick ins Blockinnere tut sich auf und man sieht Grün.

Statt Hinterhöfen, von denen nurmehr kleine private Flächen hinter den Gebäuden bleiben, erstreckt sich da eine große öffentliche Parkfläche. Diese vorsichtige, halb versteckte Öffnung ist ein enorm wichtiger Schritt. Hier ist die Blockrandbebauung aufgebrochen. Hier beginnt die neue Stadt. Hier verläßt Hradec Králové auch städtebaulich das 19. Jahrhundert.

Zwei Blocks sind auf diese Art geöffnet und zugleich zu einer neuartigen Achse zusammengefaßt, die an der großen Straße Střelecká, die zum Schnellstraßenring der Stadt gehört, beginnt. Beidseits der Öffnung zum Park stehen Villen, ein Bezug auch zum Villenviertel auf der anderen Straßenseite.

Sie sind beide ähnlich, aber nicht identisch. Nachdem die fünfgeschossige Umbauung der Blocks schon auf vier Geschosse abgefallen ist, beginnen die Villen jeweils mit einem schmalen dreigeschossigen Trakt mit brauner Kachelverkleidung, in dem das Treppenhaus ist. Ihre eigentlichen Baukörper sind dann deutlich zurückgesetzt und zweigeschossig.

Sie sind strukturiert durch horizontale weiße Putzbänder unter dem Dach und zwischen den Geschossen und durch die erst durch schmale braune Kachelflächen verbundenen, dann durchgängig verglasten Fensterbänder. In der Ecke zum Treppenhaus ist vor dem Obergeschoß jeweils ein großer Balkon. Zur Öffnung des Parks steht das Obergeschoß, dessen Ecke die Fensterbänder umlaufen, jeweils leicht über. Auf dem Dach sind Aufbauten mit horizontalen Streben, die auf Dachterrassen hindeuten. Die Eingänge sind am Rande neben dem Treppenhaus, während an den Schmalseiten Garageneinfahrten sind. Rückwärtig sind tiefergelegte Gärten.

Hübsche Villen also, typisch für die Moden ihrer Zeit. Das Außergewöhnliche, vielleicht Einmalige an ihnen ist, daß sie nicht freistehen, sondern Teil einer umfassenden Planung sind.

Durch diesen Eingang tritt man in den Parkstreifen, der sich durch die beiden Blocks zieht.

Am Ende der Achse steht ein schmaler weißer Turm mit zwei durchgehenden vertikalen Lamellenöffnungen, aber der ist vom üppigen Grün zuerst fast verdeckt. Erst, wenn man die erste Querstraße passiert hat und näherkommt, sieht man ihn besser. Eine schmucklose weiße Form, die zu einer Feuerwache oder zu einer Fabrik gehören könnte. Wenn man schon nahe ist, sieht man im Hintergrund rechts von ihm die Türme der Altstadt auf dem Hügel.

Der Kontrast ist groß, aber nur oberflächlich; auch der weiße Turm ist ein Kirchturm. Nach der zweiten Querstraße stehen links und rechts dreigeschossige Backsteinbauten und zwischen ihnen geht es in den Kirchhof.

Vor ihm ist ein wirkliches Tor, wenn auch niedrig und nicht monumental. Im ornamentalen Gitter ist ein goldener Kelch – es ist eine hussitische Kirche. Der Kirchhof ist ein weder großes noch kleines Dreieck.

Spätestens hier merkt man, daß die Straßen Nerudova und Na lípkách nicht parallel, sondern aufeinander zu verlaufen. Nach einem Vorhof, von dem die Gebäude erschlossen sind, legen sich Kolonnaden um eine abgesenkte Wiese, deren einziger Schmuck ein kleines Beet und ein Stein mit Bibelzitat sind, während links und rechts vor den umgebenden Mauern Kolumbarien, transparente Urnenfächer, sind. Hinter der Wiese erhebt sich der Turm. Etwas hinter ihm sind an den Seiten zwei weitere Eingänge. Rückwärtig schließt er mit einem Brückentrakt an die eigentliche Kirche an, deren weißer Baukörper an den Seiten die Spitze des Dreiecks einnimmt.

Aus Autorenkollektiv: Hradec Králové, Praha 1970

Diese Kirchenanlage ist zweifelsohne großartig, ja, auf ihre Art vollkommen. Ohne jegliche historistischen Formen schafft sie doch die Atmosphäre mittelalterlicher Bauten. Von außen wirkt sie durch den roten Stein der Gebäude und die Mauer fast abweisend und die Kirche mit ihren großen runden Fenstern zwischen vertikalen Streben fast gotisierend, doch im Hof ist alles weiß und sachlich und auch die Kirche hat horizontale Fensterbänder.

Der Kirchhof ist zugleich Kreuzgang als auch Begräbnisstätte, zugleich abgeschlossen als auch geöffnet, zugleich als Endpunkt der Parkachse Teil der Stadt als auch außerhalb von ihr. Hier entstand so etwas wie ein antikatholisches Kloster, aber ohne Nonnen oder Mönche, ein demokratisches Kloster, so wie die hussitische Kirche als Religion für die demokratische tschechoslowakische Republik geschaffen worden war. Diese Kirche ist einer der gelungensten neuen Sakralbauten der Tschechoslowakei. Welten trennen sie von dem unentschlossen monumentalen Stil üblicher hussitischer Kirchen. Dennoch wäre es besser, wenn es sie nicht gäbe.

Denn ganz wie Religion in welcher Form auch immer den Fortschritt stört, stört die Kirche auch in ihrer architektonischen Großartigkeit den fortschrittlichen Städtebau. Die Parkachse wäre besser, wenn sie mit einem freien Blick über den weiten Park am Ufer der Labe (Elbe) und die Altstadt darüber endete. Das brächte auch die beiden Gebäude besser zur Geltung, die an dieser Seite als Gegenstücke zu den Villen die Öffnung des Parks flankieren.

An Nerudova und Na lípkách fallen sie auf vier Geschosse ab, um sich dann dreigeschossig zum Park zu wenden. Auf beiden dieser Stufen sind Dachterrassen, stattlich schon auf der höheren, riesig auf der niedrigeren, so daß man von Terrassenhäusern sprechen kann. Wieder sind beide Gebäude nicht identisch, etwa hat das rechte abgerundete Ecken mit Balkonen.

Hier ensteht ein Gebäudetyp, der mehr als die sachlichen Mietshäuser, mehr als die hübschen Villen und sicherlich viel mehr als der großartige Kirchenkomplex zur Parkachse und zu einer neuen Art von Stadt passen. Und Hradec Králové begann diese neue Stadt zu bauen.

Renaissance über Gotik

Die Kościół Św. Brigidy (Brigittenkirche) kann man beim Gang durch die älteren Teile von Gdańsk leicht übersehen, da sie zwar unweit der zentralen Ulica Rajska (Paradiesstraße) steht, aber direkt hinter der weit größeren Kościół Św. Katarzyny (Katharinenkirche) steht. Während diese wie viele andere Gdańsker Kirchen das Bedürfnis nach monumentaler Backsteingotik eher übererfüllt, ist die Brigittenkirche bescheidener. An ihrem dennoch stattlichen backsteinernen Baukörper kann man typische Aspekte der örtlichen Gotik besonders gut ablesen. Dabei hilft, daß sie, anders als viele ihrer Schwestern, viel Platz um sich hat und man sie recht gut in ihrer Gesamtheit erfassen kann.

Der Platz ist weitgehend Parkplatz, aber direkt vor der Kirche ist Pflaster in großem Schachbrettmuster, das auf Wegen durch den Parkplatz und zur Grünanlage an den Straßen Mniszki und Stolarska strukturierend in die weitere Umgebung ausgreift.

Auf dem schlichten Bau mit den großen und breiten spitzbögigen Fenstern sitzen drei Satteldächer, die an den Schmalseiten mit je drei Giebeln enden. Diesen bleibt es, neben dem ornamentalen Band über den Fenstern, überlassen, für Repräsentation und Schmuck zu sorgen. Das tun sie mit allerlei Bögen und Öffnungen in von schlanken Pfeilern gegliederten Treppenformen, die bei jedem Giebel leicht variiert sind. An der Ostseite, zur Ulica Mniszki hin, ist vor den mittleren Giebel, aber nicht direkt in die Mitte, ein niedrigerer Eingangsbau gesetzt, der einen eigenen, noch etwas prunkvolleren Giebel hat.

An der Westseite ist der mittlere Teil als Chor über die seitlichen Teile weitergeführt, so daß sich an den Ecken kleine Freiräume bilden und man die drei Giebel nie nebeneinander sehen kann. Der des Chors ist durch eine kleine Haube noch zusätzlich betont. Zudem hat der Chor zwischen den Fenstern vorgesetzte Strebepfeiler, bleibt aber doch wie die gesamte Kirche eine einfache rechteckige Halle, ohne die sonst oft typische Rundung.

Fast scheint die Architektur der Kirche näher an profanen als an sakralen Bauten. Wenn man nur die Giebel der Ostseite sieht, könnte man auch meinen, es mit Bürgerhäusern zu tun zu haben. Wie ein Ausschnitt aus einer Stadtsilhouette scheint es, wenn links des linken Giebels ein ferner Turm mit großer barocker Kupferhaube steht.

Aber der Turm ist nicht fern, sondern Teil der Kirche, direkt hinter dem Gieibel. In das Dach gesetzt ist er er ein fast würfelförmiger Aufbau mit drei Geschossen. In jedem kleine Fenster, erst rund-, dann spitzbögig, und kleine Pilaster. Abschließend die geschwungen in einem offenen Teil ansteigende und schlank auslaufende Haube.

Dieser Turm gehört in eine andere Welt. Er ist ein Werk der Renaissance, das sich selbstbewußt auf den gotischen Körper der Kirche gesetzt hat. Der Kontrast ist enorm: unten das dunkle Rot des Backsteins, oben gelber Putz und weiße Pilaster. Hier die verschachtelten ahistorischen Ornamente der Gotik, dort die auf die Antike zurückweisende, wenn auch nicht klar dorische Abfolge der Pilaster. Und ist dieser Bauteil überhaupt ein Turm? Besonders hoch ist er nicht. Und gehört er wirklich zur Kirche? Eher wirkt es, als sei ein zierliches Schloß in eine rohe rote Felsenlandschaft gesetzt worden. Äußerst anschaulich jedenfalls sieht man hier den Fortschritt, den die Renaissance gegenüber der Gotik bedeutete. Die Renaissance erhebt sich hier im wahrsten Sinne über die Gotik. Dem Barock blieb es da nur, mit der Haube einen letzten Akzent zu setzen.

Przymorze – Der Falowiec

Der Falowiec in Gdańsk sollte eines der berühmtesten Gebäude in Polen sein. Als achthundert Meter langes Wellenhaus, wie die annähernde Übersetzung lautet, ist er das längste Gebäude des Landes und eines der längsten Europas.

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Er ist so etwas wie das horizontale Gegenstück zum Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, der lange das höchste Gebäude Polens war. So wie an den Pałac Kultury denkt, wer an Warschau denkt, sollte an den Falowiec denken, wer an Gdańsk denkt. Da der Falowiec aber nicht im Stadtzentrum, sondern im Wohngebiet Przymorze im Norden steht, ist er nicht so berühmt wie er sein sollte. Während der Pałac Kultury noch heute ein vielleicht ungeliebtes, aber unübersehbares Wahrzeichen Warschaus ist, ist der Falowiec, immerhin oder sogar, das Wahrzeichen eines anderen Gdańsk.

Denn architektonisch könnten die Unterschiede nicht größer sein. Der Pałac Kultury ist bloß ein riesiges Beispiel des stalinistischen Irrwegs in der Architektur des Sozialismus, der Falowiec jedoch ein Beispiel ihrer kühnsten und fortschrittlichsten Leistungen. Entsprechend ist er auch nicht nur einer, sondern viele, nicht nur ein Gebäude, sondern ein Gebäudetyp. Zum längsten Falowiec an der Obrońców Wybrzeża (Straße der Verteidiger der Küste) kommen noch sechs weitere kürzere. Gemeinsam bilden sie das Grundgerüst von Przymorze.

Seinen Namen hat der Falowiec, das heißt ein Gebäude dieses Typs, dadurch, daß er nicht einfach gerade ist, sondern seine elfgeschossigen Teilstücke leicht schräg aneinandergesetzt sind, so daß sich eine Wellenform ergibt. Er zeichnet sich durch zwei sehr verschiedene Breitseiten aus.

Die eine Seite besteht ganz aus offenen Laubengängen, von denen die Wohnungen erschlossen sind. Durch die breiten Betonbrüstungen wirkt diese Seite vlig horizontal, wie aufeinandergeschichtete Bänder, während die vertikalen Streben des tragenden Betongerüsts fasst unsichtbar schmal sind. Einzige Vertikalen sind die vollständig verglasten Treppenhäuser, die unten bei den überdachten Eingängen beginnen und oben mit den Aufbauten der Aufzüge enden.

Die andere Seite besteht ganz aus den vorragenden Balkonen der Wohnungen. Hier sieht man, daß sich das Wellenhafte des Wellenhauses nicht in der Anordnung seiner Baukörper erschöpft. Denn die Balkone ragen als kleinere und größere Dreiecke leicht hervor, kein Geschoß gleicht dem anderen, die Fassade scheint in ständiger Bewegung.

Dies wird noch dadurch unterstützt, daß manche der Balkone Geländer aus Beton haben, andere aber aus Metallgittern. Von der Laubengangseite ist der Falowiec somit sachlich und nüchtern, beinahe kahl, von der Balkonseite aber lebhaft und verspielt, ein Mosaik unzähliger Wohnungen, in denen unzählige Menschen leben. Die äußere Form entspricht der inneren Funktion. Von der Nüchternheit des halböffentlichen Laubengangs tritt man in die Individualität des privaten Wohnraums.

Doch das deutet auch auf ein Problem des Falowiec hin. Zum Laubengang nämlich zeigen die Küchen und teilweise sogar Zimmer, was die Privatsphäre der Wohnungen beeinträchtig. Das ist allerdings ein Problem aller Laubenganggebäude und ein nur schwer zu lösendes. Und entschädigt wird man in jeder Wohnung durch großartige Ausblicke, die oft bis zum Meer auf der einen

und zu den Hügeln auf der anderen Seite reichen.

Der Falowiec ist, wenn er schon nicht berühmt ist, zumindest das angemessen besondere Gebäude für den besonderen Ort, der Przymorze ist. Und wer ihn gesehen hat, wird ihn vielleicht bemerkenswerter als alles andere in Gdańsk finden.

Eine Bank in Groningen

Das Gebäude, das 1958 für die Amsterdamsche Bank (Amsterdamer Bank) am Grote Markt (Großen Markt) in Groningen gebaut wurde, ist auch heute noch eines der markantesten der Stadt. In der Mitte der Nordseite des Platzes stehend, ist es das aber auf viel subtilere Weise als die monumentale Tempelfassade des Rathauses oder der hohe, in drei steinernen und zwei kupfernen Stufen ansteigende Turm der Martinikerk (Martinskirche), die seine Nachbarn sind.

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Die sechs vor dem leicht zurückgesetzten Erdgeschoß stehenden eckigen Stützen setzen sich hinter den großen Fensterflächen der drei weiteren Geschosse fort und tragen schließlich mit etwas Abstand zum obersten Geschoß ein dünnes leicht aufsteigendes und leicht überstehendes Betondach. Die weißgraue Steinverkleidung der Stützen im Erdgeschoß ist in den horizontalen Bändern, die die Geschosse optisch trennen, wieder aufgenommen. In der rechten Hälfte des zweiten Geschosses ragt ein kleiner quadratischer Balkon hervor und in regelmäßigem Abstand im vierten Geschoß drei weitere. Alle sind unten mit dem weißgrauen Stein verkleidet sind. Ansonsten sind da nur Glas und türkisgrüne Farbakzente, die einen Kontrast zu Stein und Beton bilden.

Schon im Vordach des links angeordneten Eingangs, in einigen der dünnen Fensterrahmen und in den dünnen Stahlgeländern der Balkone erscheint dieses Türkisgrün. Quadratische Flächen in derselben Farbe sind auch im überstehenden Dach und wenn man nahe genug herantritt, sieht man, daß auch die Gitterböden der Balkone so gefärbt sind und zu weiteren farbigen Quadraten werden.

Das Gebäude ist geradezu darauf ausgerichtet, von Nahem, mit hinaufgehendem Blick betrachtet zu werden. Heute, da der Grote Markt halbwegs vom Verkehr befreit ist, und man das Gebäude aus jeder beliebigen Entfernung so lange man will anschauen kann, erscheint das sinnlos, aber zur Entstehungszeit, als davor eine Straße und ein schmaler Gehsteig verliefen, war es das keineswegs. So erzählt die Architektur des Gebäudes nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die des umliegenden Stadtraums.

Daß dieses Gebäude und seine aus derselben Zeit stammenden Nachbarbauten überhaupt so gebaut wurden, hat wiederum mit der Geschichte der Kämpfe um die Stadt im April 1945 zu tun. In den Gebäuden der Nord- und Ostseite des Platzes hatten sich deutsche Truppen verschanzt und die kanadischen Befreiungstruppen hatten Panzer einsetzen müssen, um sie zu besiegen. Die beiden Platzseiten, nicht aber die nahe Kirche oder das Rathaus, wurden dabei völlig zerstört.

Die Amsterdamsche Bank wird sicher wenig darüber getrauert haben, daß ihre vorherige Filiale, ein expressiver Backsteinbau aus den Zwanzigern, durch eine neue, modischere ersetzt werden konnte. Sie zeigte sich dabei als ein architektonisch fortschrittlicherer Teil des Kapitals. Wie anders es hätte sein können – und damit die Beliebigkeit kapitalistischer Architektur – beweißt der backsteinverkleidete Eckbau rechts daneben, der sich mit einer Skulptur wohl auf die Kirche beziehen sollte.

Schließlich erzählt die Bankfiliale in Groningen noch die Geschichte der Konzentration des Bankwesens in den Niederlanden. Sie wurde errichtet für die Amsterdamsche Bank, doch diese schloß sich schon wenig später mit der Rotterdamsche Bank (Rotterdamer Bank) zur Amsterdam Rotterdam Bank, besser bekannt als AMRO, zusammen, aus der später die noch heute bestehende ABN AMRO wurde. Und fast scheint es, als habe das Gebäude nur darauf gewartet, denn seine türkisgrüne Farbakzente passen so gut zum gegenwärtigen Logo von ABN AMRO, daß sie fast wie Teil einer Corporate Identity wirken.

Architektonisch ist die Bank in Groningen nicht mehr und weniger als ein Bürohaus der Fünfziger, Teil der Blockrandbebauung, ein Kleinod, mit dem sich der Kapitalismus dieser Zeit repräsentierte. Es hat dabei eine Sensibilität für Details und ein Talent, vorgeblich sachliche Architektur edel wirken zu lassen, die es zum würdigen Vertreter ebendieser Architekturperiode machen.

Gerade wird das Gebäude umgebaut, ABN AMRO ist nach nebenan gezogen und schon verschwunden ist das Kleinod im Kleinod, das aus weißgrauem Stein gehauene abstrakte Relief im Balkon des zweiten Geschosses. Markant ist es noch immer.