Archiv der Kategorie: Architektur

Iași im Jahre AѰѮЄ/١٧٦٥/1765

Daß die Vergangenheit ein fremdes Land ist, stimmt überall. Es ist völlig unmöglich, sich vorzustellen, wie Menschen vor hundert Jahren gelebt haben, auch, wenn es in derselben Stadt war, auch, wenn sie unsere Großeltern waren. Aber es stimmt vielleicht noch etwas mehr in einem Land, daß in relativ junger Vergangenheit so viele Veränderungen erlebte wie Rumänien.

Ein erstaunliches Beispiel ist der Turm der Biserica Sfântul Spiridon (Spyridon-Kirche) in Iași. Er ist ein Torturm in der früheren Mauer um seine Kirche, wie das hier üblich ist, aber er wirkt weniger archaisch und abweisend als manche andere.

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Der untere Teil ist durchaus sehr massiv mit eher niedrigem rundbögigen Tordurchgang und ansteigenden Strebepfeilern schräg in den Ecken. Auch der zurückgesetzte obere Teil ist keineswegs schlank, aber mit den vor die abgeschrägten Ecken gesetzten Voluten und den je vier korinthischen Pilastern, durch die die Ecken gleichsam abgerundet werden, bemüht er sich deutlich um Leichtigkeit. Dazu kommt an jeder Seite ein großes rundbögiges Fenster und eine Uhr. Sogar die dicke und hohe Kuppelhaube mindert den Eindruck von Leichtigkeit kaum. Neben dem Turm stehen an beiden Seiten niedrigere Anbauten mit eigenen flachen Kuppeldächern und komplizierten floralen Mustern. Auf der Fassade ist jeweils erst ein vorhangartigen Bogen und dann ein angedeutetes Portal aus Pilastern mit Blattkapitellen und ornamentalen Giebeln, in dem statt Türen weitere Bögen und Ornamente sind. Tatsächlich waren hier Brunnen.

Der Turm ist ein unverkennbarer Barockbau, wie man ihn zwar in einem zentralen Land des Barock nicht erwarten würde, der aber auch nicht überrascht. Ob der Strebepfeiler und der Verjüngung von einer massiven Basis erinnert er entfernt an das Rathaus von Zamość, barocke Architektur anderswo am Rande Europas. Die Jahreszahl 1786 über dem Tor paßt jedenfalls gut.

Doch dann sind in den Ornamenten der Brunnenbauten Inschriften, die alles Erwartbare durchbrechen und zeigen, daß Rumänien eine völlig andere Geschichte hat als etwa Polen. Unter dem moldawischen Wappen ist im oberen quadratischen Feld jeweils eine lange Inschrift, links in kyrillischer und rechts in griechischer Schrift, und im unteren horizontal ovalen Feld eine weit kürzere Inschrift in arabischer Schrift.

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Einfach so, mitten in Iași. Die Inschriften passen sich durchaus gut in die Ornamentik ein, die eckigeren kyrillischen und griechischen Buchstaben im eckigen Feld, die runderen arabischen im runden und noch begleitet von Blumenmustern.

Nun ist es jedoch so, daß keine dieser Schriften gegenwärtig in Rumänien in Gebrauch ist; das Rumänische wird in lateinischer Schrift geschrieben. Doch in diesem fremden Land, aus dem hier Nachrichten überblieben, war das anders. Die linke obere Inschrift ist rumänisch, denn bis 1860 benutzte diese Sprache kyrillische Buchstaben, und die rechte obere ist griechisch. Die unteren Inschriften sind bei genauerem Hinsehen nur eine, die auf zwei Felder verteilt ist, entsprechend der Schreibrichtung der arabischen Schrift rechts der erste, links der zweite Teil. Sie ist türkisch, denn bis in die zwanziger Jahre benutzte diese Sprache arabische Buchstaben. Die Sprache ist hier verteten, weil nicht Rumänien, das es nicht gab, sondern die Fürstentümer Walachei mit der Hauptstadt Bukarest und Moldawien mit der Hauptstadt Iași bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Vasallen zum osmanischen Reich gehörten.

Fragt sich, wer diese Botschaften lesen soll. Ende des 18. Jahrhundert verstand jeder in Iași, der lesen konnte, die eine oder andere der Sprachen, heute versteht sie niemand. Ein durchschnittlicher Rumäne kann kyrillische Buchstaben so gut lesen wie ein durchschnittlicher Deutscher. Und selbst, wenn er Russisch gelernt hätte, selbst, wenn ein Russe vorbeikäme, es würde wenig helfen, denn das rumänische Kyrillisch kannte viele Zeichen, die andere kyrillische Alphabete schon lange nicht mehr benutzen, etwa das faszinierend schlangenartige Ѯ. Gleiches gilt für die türkische Inschrift. Ein Türke würde vermutlich nicht einmal merken, daß sie türkisch ist. Wer Arabisch kann, würde zwar die meisten Buchstaben erkennen, aber nicht die Worte, da sie eben türkisch sind, ein sehr altes osmanisches Türkisch noch dazu. Beide Sprachen waren einmal in diesen Schriften normal und gehören jetzt in gefühlt fernste Vergangenheit, da sowohl Rumänien als auch die Türkei die lateinische Schrift eingeführt haben, Rumänien nachdem es bemerkt hatte, daß seine Sprache romanisch, also ja eigentlich lateinisch, westlich ist, die Türkei einfach so, um westlich werden. Die Vergangenheit ist hier ein so fremdes Land, daß wirklich nur noch ein spezialisierter Historiker verstehen kann, was sie ganz öffentlich äußerte.

Einzig ein Grieche fände sich in einer alten Form seiner Sprache und Schrift wohl noch zurecht. Dem griechischen Text ist auch die in gewohnten, sogenannten arabischen Ziffern geschriebene Jahreszahl 1765 zu verdanken, die hilft in den anderen Texten die Jahreszahl ١٧٦٥ in tatsächlichen arabischen Ziffern und AѰѮЄ in kyrillischen Buchstaben, die auch Zahlenwerte haben, zu finden.

Kein Schild, keine Informationstafeln versuchen dem Betrachter des Turms die Vergangenheit näherzubringen, verständlicher zu machen, obwohl eine arabische Inschrift bei einer Kirche in Europa nach einer Erklärung durchaus verlangen könnte. Es liegt wohl daran, daß die Kirche und ihr Torturm zwar zentral, aber nicht angenehm erreich- oder betrachtbar liegen.

Die Kirche gehört schon seit ihrer Entstehung zum Krankenhaus, der Turm ist in recht schlechtem Zustand, sein Durchgang den Schildern nach zu urteilen schon lange versperrt und direkt davor verläuft der vielbefahrene Bulevardul Independenție (Boulevard der Unabhängigkeit).

Auf eigentümliche Weise sind die Inschriften in den fremden Schriften dadurch sehr versteckt. So kann man leicht übersehen, wie fremd die Vergangenheit eigentlich ist. Andere Tortürme und Kirchen in Iași sind aufwendig restauriert und architektonisch bedeutender, doch Inschriften wie diese haben sie nicht oder nicht mehr. Alles in der Gegenwart drängt dazu, die Spuren des fremden Lands, das die Vergangenheit ist, zu verwischen.

Falls nun noch eine Auslösung erwünscht ist: Laut den einfach zugänglichen Quellen erzählt die rumänische Inschrift davon, daß der damalige Fürst Grigore Alexandru Ghica III. die Brunnen stiftete.

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Vysoké Mýto

Vysoké Mýto ist eine kleine Stadt in Ostböhmen, eine Provinzstadt, typisch und einzigartig wie so viele. Seine Altstadt ist genau so, wie sie sich schon aus der Entfernung zeigt: vieltürmig, zu mehreren Seiten leicht erhöht über dem Umland, eine alttschechische Idylle.

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Was sie bestimmt, sind aber nicht zuerst Gebäude, sondern der riesige quadratische Platz, um den nur einige wenig regelmäßige rechtwinklige Straßen sind, bevor die früheren Stadtmauern sie begrenzten. Diese städtebauliche Struktur erinnert sofort an České Budějovice und tatsächlich sind beide Gründungen des Königs Přemysl Otakar II. im 13. Jahrhundert, nach dem ihre Plätze heute auch heißen. Das ist jedoch bereits das Ende der Gemeinsamkeiten, da České Budějovice auch später noch eine bedeutende Stadt war und noch heute ist, während sich in Vysoké Mýto seitdem wenig getan hat. Das mag polemisch und übertrieben klingen, doch die Stadt tut alles, um diesen Eindruck zu verstärken.

Von den drei weitgehend erhaltenen gotischen Stadttoren behielt nur das Choceňská brána (Choceňer Tor) seine elegante barocke Zwiebelhaube, heute mit Holzschindeln verkleidet.

Litomyšlská und Pražská brána (Litomyšler und Prager Tor) hingegen wurden im späten 19. Jahrhundert zu neogotischen Phantasiegebilden mit patriotischen Sprüchen umgebaut.

(Pražská brána)

Die přemysltypisch abseits des Platzes gelegene Kostel svatého Vavřince (Laurentiuskirche) wurde zur selben Zeit so sehr regotisiert, das sie von außen makellos und langweilig aussieht wie aus einem Katalog bestellt.

Wenn ihre Stadt schon bedeutungslos war, scheinen sich die Verantwortlichen gedacht zu haben, dann sollte sie wenigstens so aussehen, wie sie sich die große Zeit des tschechischen Volks im Mittelalter vorstellten. Das war vor allem ein Kampf gegen den als fremd, katholisch, international begriffenen Barock.  Sogar in der Gestaltung des Platzes kann man das sehen.

In der Mitte seines großen Quadrats ist ein kleineres aus Bäumen, die zwar in der Weite des Platzes wertvollen Schatten spenden können, aber nur dazu dienen, den Blick auf die barocke Mariensäule in der Platzmitte zu verdecken.

Wie absurd es ist, mit den Formen des gotischen Mittelalters auf die glorreichen Höhepunkte der tschechischen Nationalgeschichte zurückgreifen zu wollen, merkt man leicht daran, daß Deutsche, Franzosen, Briten zur gleichen Zeit genau das gleich taten. Die Neogotik war nicht weniger international als der Barock, mit dem Unterschied aber, daß jener in seine Zeit paßte, während diese nur lächerlich ist. Auch der Haß des 19. Jahrhunderts auf den Barock war nichts spezifisch Tschechisches, wobei er in Tschechien etwas berechtigter war, da dieser Stil ja tatsächlich mit Gegenreformation, Rekatholisierung und Germanisierung verbunden war. Im Ergebnis ist Vysoké Mýto das seltene Beispiel einer tschechischen Stadt ohne barocke Kirche.

Oder jedenfalls fast. Denn nach dem rückwärtsgewandten Historismus kam in Tschechien der Jugendstil, der in manchem eine viel zu späte Fortsetzung des Barocks ist. So bekam die im Kern gotische kleine Kostel Nejsvětější Trojice (Dreifaltigkeitskirche) an der ehemaligen Stadtmauer einen Jugendstilgiebel mit Reliefs des Bildhauers Bohumil Vlček.

Seine Stufen mit halb- und viertelrunden Elementen mögen der Renaissance abgeschaut sein, doch die großen Reliefs darin geben sich entschieden barock.

Sie könnten sogar fast täuschen. Im Mittelpunkt ist eine sehr barocke Maria, die mit Kind in verzückter Pose auf einer Mondsichel steht. Auch die Wolken und Engelsgesichter, die sie rechts und links rahmen, passen gut. Doch wie die Wolken aus einer Schale unter Maria aufsteigen und sich rechts über einen der vertikalen Streben, die den Giebel gliedern, ziehen, überhaupt wie die Reliefs mit dem Giebel spielen, ist gleichsam zu barock. Es ist so barock wie der Barock gerne gewesen wäre, aber nie war, vielleicht nie sein mußte. Und in Marias linker Hand ist eine filigrane goldene Blume, die weit hervorragt, fast zum eigentlichen Mittelpunkt des Giebels wird.

Von oben zeigt aus den Wolken eine Hand zu Maria herab, aus deren ausgestrecktenm Daumen, Zeige- und Mittelfinger Strahlen zu ihrem eigenen strahlenden Heiligenschein verlaufen. Noch darüber ist im obersten runden Bogen eine Taube mit weit ausgebreiteten Flügeln als sei sie im Sturzflug. Es paßt gut, daß eine Taube der höchste Punkt des Reliefs ist, da die Kirche heute leersteht und ganz den Tauben gehört. Sie nisten weiter unten an der Fassade um die in Nischen stehenden Heiligenstatuen und vor dem bunten Fenster, halten sich aber auch im teils weit vorstehenden Relief gerne auf, so daß die symbolische obere Taube nie allein und auch nicht der heilige Geist sein muß.

Seitlich der Maria und zu ihr gewandt knien betend die tschechischen Schutzheiligen, links der heilige Václav, rechts wohl die heilige Ludmila, und außen sind zwei weitere Heiligenpaare. So kommt auch in den neobarocken Jugendstil ein wenig von der tschechisch-nationalen Thematik, die Vysoké Mýto prägt. Diese Reliefs sind insgesamt statischer, lebloser, ferner vom Barock, obwohl ein kleines Monster an einer Kette ein nettes Detail ist (seine Herrchen sind vielleicht eine amalgamierte Darstellung der heiligen Margareta, Cyriak und Philipp).

Jugendstilformen wählte die Stadt auch für die Verbindung zum Bahnhof, das heißt über die 1882 eröffnete Bahnstrecke in die weitere Welt. Nicht weit hinter der neogotischen Laurentiuskirche beginnt die zum Bahnhof führende Generála Závady (General-Závada-Straße). An den Ecken sind die Häuser höher und an der Straße selbst niedriger.

Es ist ein ortsspezifischer Jugendstil, der für die Giebel ähnlich wie bei der Kirche halbrund aufsteigende Formen verwendet, aber zugleich gibt es wenig Österreicherisches als solch eine Straße. An ihrem Ende ist rechts der Bahnhof Vysoké Mýto město (Vysoké Mýto Stadt), der seinen Namen wahrlich verdient hat. Er ist auch kein normaler Bahnhof, sondern ein zweigeschossiger Hotelbau, vor dem in einem flachen hölzernen Vorbau die Schalter und sonstigen Bahnhofseinrichtungen sind. Die Verbindung von Bahnhof und Hotel, im Großbritannien des 19. Jahrhunderts typisch, sieht man in Tschechien fast nie und erwartet sie gewiß nicht in der ostböhmischen Provinz.

Eine Art Höhepunkt des Jugendstils in Vysoké Mýto ist dann die kupferne Wetterfahne auf dem Ecktürmchen des Hotels, ein einziges schwebendes Jugendstilornament, triumphierend, frei.

Die Kirche, die Straße, das Hotel, sie sind wie ein Versuch, aus der selbstgewählten Rückwärtsgewandtheit, die die Stadt prägt, auszubrechen. Der Jugendstil war dazu der logische Stil, aber er war auch das letzte Aufbäumen einer sterbenden Zeit. Kirche, Straße, Hotel sind späte Werke, wie der ganze Jugendstil nur ein Zwischenschritt zur Befreiung von Architektur, Kunst und Welt war. Aber angesichts des Přemysliden-Disneylands, zu dem das 19. Jahrhundert Vyoské Mýto hatte machen wollen, ist das schon viel.

Linköping Arena

Das Interessanteste an Linköpings neuem Fußballstadion, der Linköping Arena, ist daß es nicht sofort als solches zu erkennen ist. Auf den ersten Blick, etwa aus dem vorbeifahrenden Zug, sieht man vier recht hohe Punkthäuser in den Ecken einer niedrigeren rechteckigen Anlage. Das ist das Stadion.

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Es ist auch ein ganz typischer, erfreulich unprätentiöser Bau aus jüngerer Zeit. An der einen Schmalseite ist ein dreigeschossiger Verwaltungsbaus, an der anderen nur eine Absperrung und eine aufgestützte Anzeigetafel und an den Breitseiten Tribünen mit schmalen Betonpfeilern und einem stählernen Dach. Zwischen den Pfeilern ist Stahlgitter mit runden Löchern, das auch die innen hinaufführenden Treppen nachzeichnet.

Das war alles und ist noch auf dem Lageplan und der computergerenderten Darstellung alles.

Doch hinzu kommen in den Ecken die Punkthäuser. Drei sind acht Geschosse hoch und haben Pultdächer, das vierte hat sogar vierzehn Geschosse und war im Frühjahr 2018 noch im Bau. Mit regelmäßigen Fensteröffnungen und einer Verkleidung in Grau und Rot sind sie gleichfalls ganz typische, um nicht zu sagen banale Bauten aus jüngerer Zeit.

Überraschend ist die Verbindung von Stadion und Wohnbebauung. Angesichts des Lärms von Fußballspielen scheint diese zuerst absurd, dann aber immer sinnvoller, denn wie oft sind schon Fußballspiele und warum sollte man den großen Platz, den ein Stadion braucht, nicht effizient ausnutzen? Das Problem ist wie so oft die städtebauliche Einordnung, das heißt in diesem Fall deren Fehlen. Die Linköping Arena steht isoliert am östlichen Stadtrand, zu zwei Seiten Felder, zu einer der große Norrköpingsvägen (Norrköpingweg) und die Eisenbahnlinie nach Norrköping und zur Stadt hin Parkplatz und Gewerbegebiet. Diese Isolation ist auch der Unterschied zum in manchem ähnlichen Johannelund Centrum. Irgendwie gestaltet ist nur die Straßenseite, wo weitere Sportanlagen, große Stahlkäfige, die wohl irgendwann von Schlingpflanzen bedeckt sein sollen, und eine Skulptur mit bunten achteckigen Glasflächen, die auch einen Bezug zum Fußball behaupten kann, stehen.

Wirklich weit ist es nicht bis ins Zentrum, die Silhouette aus Kirch- und anderen Türmen ist von hier vielleicht besser zu sehen als von irgendwo sonst, auch für Fußgänger und Radfahrer gibt es eine gute Wegverbindung, aber wie ein Teil von Linköping wirkt der Stadion- und Wohnkomplex nicht im geringsten. Eher gleicht er so allein in der weiten Landschaft mit seinen Mauern und Ecktürmen einer Burg, die jederzeit bereit ist, sich gegen die feindliche Umwelt und alle Angreifer zu verteidigen.

Für die Fußballfans des Linköping FC mag das eine willkommene Assoziation sein, aber für die Bewohner der Gebäude wohl kaum.

Lenin in Eindhoven

Von den beiden neogotischen katholischen Backsteinkirchen im Zentrum von Eindhoven ist die Augustijnenkerk (Augustinerkirche) zweifelsohne die interessantere. Zwar ist die Catharinakerk (Katharinenkirche) zentraler gelegen, näher an historischen Vorbildern, reicher in den Details, man könnte sagen das: architektonisch bessere Gebäude.

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Doch wie falsch es ist, an die historistische Afterarchitektur jener Zeit Maßstäbe architektonischer Qualität anzulegen, zeigt die Tatsache, daß ihr gotischer Vorgängerbau 1860 abgerissen worden war, damit sie gebaut werden konnte. Das paßt gut ins 19. Jahrhundert: Was sollen wir mit einer alten Kirche, wenn wir auch eine neue Kirche haben können, die alt aussieht?

Aber auch wenn man es wichtig fände, daß die Augustijnenkerk das schlechtere Gebäude ist, es wird hinfällig, da sie eines hat: einen riesigen kupfernen Jesus auf der Turmspitze.

Das ist in höchstem Maße bizarr, aber eben ungewöhnlich und falls überhaupt etwas bei solcher Architektur zählt, dann dies. Neogotische Backsteinkirchen wurden viele gebaut, allein in Eindhoven gibt es noch ein halbes Dutzend weitere, aber so etwas hat keine. Einen Jesus mit segnend ausgebreiteten Armen statt eines typischen Kreuzes auf die Kirchturmspitze zu setzen, das hätten sich andere Architekten und Kirchengemeinden nicht getraut. Ob ihnen bewußt war, sie sehr sie mit ihrer bizarren Idee die gotischen, also nach oben schmaler werdenden und einen spitzen Abschluß suchenden Formen des übrigen Gebäudes konterkarierten, weiß man nicht.

Gewiß jedenfalls ahnte im Eindhoven des Jahres 1898 niemand, daß hier ein Vorläufer stalinistischer Planungen gebaut wurde, denn keine vierzig Jahre später hätte in Moskau ein Hochhaus mit einer riesigen Leninstatue auf der Spitze entstehen sollen, ein sogenannter Palast der Sowjets. So zeigt die Eindhovener Kirche auch, daß die stalinistische Architektur bloß eine Fortsetzung der historistischen Architektur des 19. Jahrhunderts und damit für den Sozialismus ungeeignet war. Sie ist ein warnendes Beispiel. Angesichts der Augustijnenkerk muß man umso froher sein, daß die Moskauer Pläne nie realisiert wurden. Denn Lenin hat wahrlich Besseres verdient.

Lębork an der Łeba

Lęborks größter Schatz und sein wichtigstes städtebauliches Element ist das Flüßchen Łeba, das weiter nördlich beim gleichnamigen Badeort in die Ostsee mündet. Das weiß die Stadt auch zumindest ansatzweise. Die Łeba ist ein bescheidener Fluß, nicht zu groß, nicht zu klein, nicht reißend, nicht still. Man kann Lębork wohl besuchen, ohne sie auch nur weiter zu beachten, aber es lohnt sich, ihrem Lauf entgegen der Fließrichtung durch die Stadt zu folgen, um zu erleben, was sie für sie ist und sein könnte.

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Vom Rande des größten Wohngebiets der Stadt geht man an der linken Flußseite auf Trampelpfaden, neben denen große Weiden schattige Plätze am Ufer bilden, und auf dem Gehsteig einer stillen Straße unter anderen Bäumen bis an den Rand des Stadtzentrums.

Auf der Brücke der Aleja Wolności (Allee der Freiheit) wechselt man auf die andere Seite, wo ein kleiner Park folgt.

Entlang quer zum Ufer gesetzten viergeschossigen Gebäuden gelangt man bei ihrer Brücke auf die Staromiejska (Altstädter Straße), die als Haupteinkaufsstraße nach links zum Rynek (Marktplatz) führt. Doch gerade hier, wo ein wirklicher Boulevard an der Łeba sein könnte, wird sie in den Hintergrund gedrängt. Man kann ihrem Lauf, der nach einem Bogen parallel zur Staromiejska weiterführt, folgen, doch vom städtischen Leben ist man getrennt. Stattdessen blickt man auf die Rückseiten polnischer Blockrandbebauung aus dem neunten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts und die Hinterhöfe deutscher Blockrandbebauung aus seinem ersten, Stadtplanung zweiter Zeiten und Staaten, vereint in ihrer Mißachtung der Bedürfnisse und Möglichkeiten der Stadt, da sie eine kapitalistische ist.

Die Łeba läßt sich davon nicht stören und ist so schön wie überall. Wieder sind an ihrem Ufer große Weiden, unter deren herabhängenden Zweigen hier Obdachloche ihre prekäre Schlafstelle oder Trinker einen vor den Blicken der Polizei geschützten Platz zum Trinken finden können, da niemand sonst einen guten Grund hat, sich dort aufzuhalten.

Nach einem leerstehenden Fabrikgebäude aus Backstein mündet von links ein anderer Wasserlauf in die Łeba und weiter kommt man nicht. Gegenüber aber, in der Spitze zwischen beiden, ist der Garten eines Einfamilienhauses. Von den üppigen Bäumen und Sträuchern über das rahmende Wasser mit seinem Schilf bis zu dem kleinen, vielleicht für Enten gedachten Häuschen am Strand ganz in der Spitze ist das eine perfekte Idylle.

Statt im Zentrum einer nordpolnischen Stadt, nur Meter sowohl vom geschäftigen Rynek als auch von zwielichtigen Hinterhöfen, glaubt man sich in den Niederlanden. Diese Idylle verdankt sich der Łeba, aber es ist eine private Idylle und nicht die, die die Stadt braucht.

Am anderen Ufer verläuft eine große Straße, der zu folgen wenig einladend ist. Zum weiteren Verlauf der Łeba wird man vom Rynek auf anderem Wege kommen und sie ist hier auch schon eine andere. Ein Stück nach der Einmündung von links macht der Fluß einen Bogen nach links, aber er ist nun zweigeteilt. Unten fließt der eher kleine Bach Okalica heran, während geradeaus eine Schleuse ist und die Łeba deutlich weiter oben als breiter Kanal verläuft.

Der Kanal zieht sich links um das einstige Schloß, das noch einen gotischen Treppengiebel hat, aber schon früh ein Komplex aus Mühlen wurde, und mündet dann wieder in die Łeba als ebenjener zuvor beschriebene Wasserlauf. Man sieht hier, wie das Wasser der Łeba für die industrielle Entwicklung Lęborks nutzbar gemacht wurde. Das ist heute nicht mehr nötig, die Mühlen sind stillgelegt, im Schloß sitzt ein Gericht. Aber der Kanal blieb und wenn man ihm nach rechts folgt, sieht man, wie er für den Menschen nutzbar gemacht wurde.

Die entscheidende Voraussetzung dafür war der Bau einer Straßenbrücke, die sich ein Stück hinter dem Wehr auf runden Betonstützen hoch über den schmalen natürlichen Lauf das Bachs und immer noch hoch genug über den kanalisierten Lauf des Flusses legt.

Entlang des geraden Kanals verläuft ein breiter Fußgängerweg, von dem beidseits der Brücke Treppen nach oben führen. Mit Stahlgeländer, quer vom Weg abzweigend, auf einer niedrigen Stütze ruhend, dann parallel mit der Brücke verbunden, sind sie wie das gesamte Bauwerk ganz unprätentiös funktional und doch von großer Leichtigkeit.

Hier hat die Łeba endlich den Boulevard, den sie verdient. Am Giebel des Schlosses vorbei und unter der Brücke hindurch geht man in einen langgestreckten Park mit Bänken und Laternen.

Der gotische Backstein und der sozialistische Beton stehen ganz gleichberechtigt, doch der Ort verdankt sich letzterem.

Rechts sind niedriger gelegen erst sumpfiger Wald, dann Tennis- und Squashplätze. Beim Zaun des Freibads endet der Park. Hier quert ein Weg, auf dem man nach rechts in andere Teile der Stadt oder nach links über eine Brücke in den Wald am Hügel gelangt.

Das Freibad ist der Kulminationspunkt des Boulevards. Es liegt genau zwischen dem Kanal und dem natürlichen Bachlauf und genau dort muß es auch liegen. Zum Bach hin steht ein schlichter flacher Satteldachbau, in dem der Eingang, Umkleiden, Duschen und anderes waren.

In der Schlichtheit zeigt sich etwas architektonische Brillanz, wenn der Bau für einen breiten Durchgang unterbrochen ist, während das Dach an den Seiten aufgestützt weiterläuft, oder wenn die Wände der Umkleideräume gewellt gemauert sind.

Auf dem Gelände sind Spielplätze, Liegewiesen und das große Betonbecken, das aus einem tiefen Teil für Schwimmer und einem niedrigeren für Nichtschwimmer besteht.

All das ist für ein Freibad dieser Zeit, egal ob nun in Ost oder West, ganz durchschnittlich und würde auch völlig reichen, doch in Lębork kommt noch die Verbindung zur Łeba hinzu. Am Kanalufer wächst hier Schilf und beim Ende des Beckens ist ein hölzerner Steg hineingesetzt. Genau hier macht der Kanal eine Biegung nach links, seine erste überhaupt, und wirkt sogleich weit natürlicher. Vom Steg konnte man über das schilfgesäumte Wasser des Kanals zum Wald blicken oder auf das betongefaßte Wasser des Freibads. Beides war das Wasser der Łeba, denn sie bespeiste auch das Freibad.

Heute steht das Freibad leer, im Eingangsgebäude sitzt die „Motolegion Lębork“, die Becken sind leer, im Nichtschwimmerbecken sind Skaterampen, aber zumindest ist es weiterhin ein öffentlich zugänglicher und für die Stadt wertvoller Ort.

Nach noch einer Biegung zieht sich die Łeba weiter in die offene, nach hier flache Landschaft hin. Die Stadt, der sie so viel gegeben hatte und noch so viel mehr geben könnte, ist dort bereits zu Ende.

Brasilia in Sopot

Ein wenig von Brasilia kann man überall finden, wo seit den Fünfzigern fortschrittliche Architektur entstand, denn alle Architekten wollten, wenigstens unbewußt, ein wenig Brasilia bauen. Auch in Sopot ist das nicht anders.

Das das dort am Rande der Hügel gelegene Gebäude der Wydział ekonomiczny (Wirtschaftsfakultät) der Uniwersytet Gdański (Universität Gdańsk) ist in mancher Hinsicht ein typisches Beispiel für die Architektur der PRL (Volksrepublik Polen), zu deren Zeit die Fakultät noch der Ekonomika Transportu (Transportwirtschaft) gewidmet war.

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Es ist eigentlich ein ganz einfaches, strenges Gebäude. Vier Geschosse an einem weiten Vorplatz, die Breitseiten trotz den Fensterbändern durch vorgesetzte Streben deutlich vertikal strukturiert, an den Schmalseiten kleine vorgesetzte Balkone. Rechts davor ist ein etwa zweigeschossiger Hörsaalbau, der leicht schräg nach rechts verläuft. Sind seine Breitseiten verglast, aber wiederum mit vertikalen Streben versehen, so bringt die eingewölbt geschwungene Schmalseite eine erste Bewegung in die rechteckigen Baukörper.

Mit zwei wohlgewählten architektonischen Elementen wird das Gebäude dann verwandelt.

Das erste ist das Vordach in der Form eines runden hyperbolischen Paraboloiden, das vor dem etwas rechts der Mitte gelegenen Eingang ist. Seine dünne Betonfläche wächst links und rechts aus dem Boden und beschirmt den Eingang wie ein kompliziert gefaltetes Lotusblatt.

Dieses geschwungene, schwingende Vordach steht vor dem strengen Gebäude wie eine Skulptur vor der weißen Wand einer Galerie und ist dabei doch gänzlich funktional. Diese Lösung des Eingangs, eng verwandt der beim Verwaltungskomplex in Kielce, ist zweifelsohne das Auffälligste am Gebäude.

Subtiler, aber vielleicht noch wichtiger, sind die Rampen, die entlang der beiden verglasten Seiten des Hörsaals zu Eingängen führen.

Ihre breiten dunklen Betonflächen steigen ganz langsam an und ruhen schließlich auf kräftigen Stützen, die nach quadratischem Beginn umgedrehte Pyramidenformen werden. Ihre niedrigen Geländer bestehen aus je drei scheinbar schwebenden langgezogenen Metalldreiecken an den Seiten und vertikalen Stangen deutlich vor den Enden, die unten wieder aus dem Beton herausragen.

Der durch die Rampen überwundene Höhenunterschied ist sehr gering, aber gerade dadurch werden sie so wirkungsvoll. Völlig funktional inszenieren sie die Loslösung vom Erdboden, das Erheben des Menschen in die Architektur geradezu. Heute scheinen sie ihre Funktion jedoch verloren zu haben, ihre Anfänge sind nicht mehr mit der Umgebung verbunden und sie stehen wie etwas traurige Skulpturen in der Wiese.

Beide zusammen, das auffällige Vordach wie die subtile Rampe, machen das Brasilianische an diesem Gebäude aus.

Was hier in den Hügeln Sopots entstand, war der Trójmiasto (Dreistadt) bescheidene Version von Brasilia. Es erschöpft sich auch nicht im Beschriebenen. Hinter dem Gebäude ist die eingewölbte Seite eines zweiten Hörsaals zu sehen und dahinter steht ein entsprechendes, aber ein Geschoß niedrigeres Gebäude.

Hinzu kommen Wohnheime auf dem angrenzenden Gelände und auf der anderen Straßenseite die Bibliothek, deren Eingang als Brücke zum niedriger am Hang gelegenen Gebäude führt.

Es ist weit eher ein wirklicher Campus als die trostlosen Anlagen der übrigen Fakultäten am Rande von Oliwa. Schade daher, daß sich die Universität Gdańsk bei ihrer Gründung 1970 nicht viel stärker an Brasilia ein Vorbild nahm.

Ein geschlossener Schalter

Im Bahnhof Teplice nad Metují in den Bergen im Norden Ostböhmens kann man seit dem 12.6.2011 keine Fahrkarten mehr kaufen. Ein Schild im Fenster des Schalters weist darauf hin und das ist auch sinnvoll, denn der kleine Warteraum sieht nicht anders aus als in ungezählten anderen tschechoslowakischen Bahnhöfen, in denen man nach wie vor Fahrkarten kaufen kann. Der Innenraum ist dabei so unauffällig wie das k.k. Bahnhofsgebäude von außen. Graue quadratische Fließen auf dem Boden, gelbliche Farbe im oberen Teil der Wände und vertikale braune Holzverkleidung im unteren, die sich auch um das etwas niedrigere und etwas vorgesetzte Pult des Schalters fortsetzt.

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In diesem ist mittig die rechteckige Edelstahloberfläche des Drehmechanismus, in den man das Fahrtgeld zu legen hatte, um die Fahrkarte herausgegeben zu bekommen. Im Deckel der Öffnung, die erst etwa oval ist und sich dann nach innen zum Schalter hin verjüngt, steht in großen eingravierten Buchstaben in einer serifenlosen Schrift: „Geschlossen“.

Es steht dort auf deutsch. Beidseits der Öffnung steht kleiner und leicht zu übersehen weiterhin: „Kaufmannwerke *Vohwinkel* D.R.P.“

Es handelt sich somit, wie leicht herauszufinden ist, um ein deutsches Produkt der Firma J.C.F. Kaufmann aus Vohwinkel, die dafür ein Deutsches Reichspatent (D.R.P) hatte.

Nicht leicht zu beantworten ist die Frage, wann dieser patentierte Mechanismus dort eingebaut wurde. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, als die weitgehend deutsch besiedelte Gegend zu Österreich gehörte? In der Zeit zwischen 1918 und 1938, als sie zur Tschechoslowakei gehörte? In der Zeit zwischen 1938 und 1945, als sie als Teil des sogenannten Sudentlands zum indirekt erwähnten Deutschen Reich gehörte? Eine eindeutige Antwort läßt sich nicht geben, aber einiges spricht für die österreichische Zeit, da die ČSD (Tschechoslowakischen Staatsbahnen) zwar vielleicht ein deutsches Produkt, aber eher keines mit ausschließlich deutscher Aufschrift gekauft hätten, da Vohwinkel 1929 Teil des neugegründeten Wuppertal wurde, was vielleicht auch eine Änderung des Firmenschriftzugs nach sich zog, und da das Deutsche Reich nach 1938 wohl eher in Kriegsvorbereitungen als in Provinzbahnhöfe investierte.

Nur im ersten Moment erstaunt, daß das Gerät mit der deutschen Beschriftung sich noch immer dort im Bahnhof befindet. Seine Umgebung veränderte sich sehr. Nach 1945 wurden die Deutschen der Gegend ausgesiedelt und landeten größtenteils in Westdeutschland, vielleicht auch unweit von Wuppertal. Auch die heutige Raumgestaltung stammt offensichtlich aus der Zeit der sozialistischen Tschechoslowakei. Der alte Drehmechanismus wurde also in den neuen Schalter eingebaut. Hier zählte die politische Abneigung gegen das Deutsche offenbar und vernünftigerweise weniger als der Wert eines funktionierenden und beinahe unzerstörbaren Stücks Technik. Und am geöffneten Schalter war die Herkunft des Drehmechanismus auch kaum zu bemerken. Ohne Zweifel kauften dort Generationen von Tschechen und Touristen ihre Fahrkarten, ohne zu ahnen, daß sie dafür ein deutsche Produkt verwendeten. Erst heute, seit dem 12.6.2011, ist der Schalter „Geschlossen“ und seine Geschichte liegt offen da.