Archiv der Kategorie: Architektur

Zeitreise mit polferries

Man kann auch heute noch mit einer polferries-Fähre von Gdańsk nach Stockholm (polnisch phonetisch Sztokholm) fahren, aber seit 2015 nicht mehr vom Terminal in Nowy Port, sondern von einem neueren am gegenüberliegenden Ufer auf der Westerplatte. Das alte Terminal steht aber weiterhin und wird wohl noch lange unberührt in dieser stillen Ecke zwischen Hafenanlagen, Wasser und dem Rand der Bebauung des Stadtteils Nowy Port stehen.

Rechts ist zuerst die Einfahrt für Autos, ein hochaufgestütztes grünes Stahldach und kleine Abfertigungshäuschen.

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Links beginnt schon davor eine ovale Grünanlage mit Sträuchern und hohen Pappeln, durch die ein gerade Weg führt, während um sie Autos und ein Bus fahren und Reisende anliefern konnten.

An ihrem Ende steht das eigentliche Terminalgebäude, ein einfacher eckiger Bau, der sich auf rechteckigem Grundriß zum Ufer erstreckt.

Es hat nur im Erdgeschoß Fenster, obwohl es höher ist, und zur Grünanlage hin Eingänge unter einem freischwebenden grauen Vordach, doch vor allem ist es seine dunkelblaue, leicht ins Türkise gehende glatte Kunststoffverkleidung und das weiße polferries-Logo über der Eingangsseite.

Das Logo verwandelt seine Buchstaben durch einen vom leicht schrägen p bis zum s reichenden Unterstrich in ein stilisiertes Schiff, das durch das höhergeführte l und den waagerecht nach hinten verlängerten oberen Strich des f auch Schornsteine und Dampf bekommt. Wie markant und schön dieses Logo ist, merkt man auch, wenn man seine neuere, rundere Version auf einem blauen Schiff oder klein weiß auf blau neben den Schildern für Autos und LKWs/Busse an der Einfahrt des Terminals sieht.

Aber auf das türkisblaue Terminalgebäude, da gehört es wirklich hin. Große weiße Buchstaben in einer einfachen Konstruktion aus dünnen Stahlstreben, die heute offenliegt, da das o fehlt. Hier wird das Logo erst wirklich zum Schiff und das Gebäude unter ihm wird zum Meer. Die Reise mit polferries, die den Ankommenden erwartet, ist schon architektonisch vorweggenommen.

Das Terminalgebäude ist ein Beispiel maritimer Architektur, die nicht versucht, wie ein Schiff auszusehen, was immer etwas lächerlich wirkt, sondern auf viel subtilere, sogar leicht zu übersehende Weise, aufs Meer Bezug nimmt. Für sich genommen könnte das wohl in den Sechzigern errichtete Gebäude überall stehen und so muß es sein. Es erfüllt seine Funktion tadellos und ist im Inneren daher nicht mehr als eine hohe Halle, an deren Seite Schalter und anderes sind, während sie im hinteren Teil von den Zollanlagen gekreuzt wird.

Kein polferries-Schiff wird mehr dort anlegen, keine Reisenden mehr achtlos hindurchgehen. Die einzigen Reisen, die hier noch beginnen, sind Zeitreisen. Eine bessere Lage dafür könnte das Terminal auch kaum haben. Direkt auf der anderen Flußseite ist das Westerplatte-Denkmal, das man von hier vielleicht besser sieht als von irgendwo anders.

Erreichen allerdings kann man es normalerweise weder von hier noch von sonst irgendwo in Nowy Port, da die einzige Fähre wahnwitzigerweise stillgelegt wurde. Weiter links steht ein backsteinerner Leuchtturm in historistischen Formen, der heute eine kleinere Touristenattraktion ist.

Dort hält in den warmen Monaten auch ein paar Mal täglich ein sogenanntes Wassertaxi, mit dem man ins Stadtzentrum und, wenn man will, sogar zur Westerplatte kommt.

Aber eigentlich reicht auch das blaue Gebäude mit dem Logo. Vom Zweckbau wurde es zum zweckfreien Kunstwerk, zum Denkmal für eine frühere Epoche von polferries. Der englische Name, der einst die Verbindung zur weiten Welt ausdrücken sollte, wirkt heute schon provinziell, denn wie weit fahren schon Fähren. Dennoch ist Sztokholm weit, aber polferries dafür näher als auf der Fähre selbst.

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Architektur an der Zaan

Die Gegend an der Zaan (Zaanstreek) nordwestlich von Amsterdam zeichnet sich durch einen spezifischen und sehr markanten Haustyp aus.

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Er unterscheidet sich von anderer dörflichen Architektur der Niederlande dadurch, daß er ganz oder zumindest an der Schauseite aus glattem Holz in einem satten Dunkelgrün besteht. Die Bretter sind im Erdgeschoß horizontal und im Giebel vor dem Satteldach vertikal angebracht. Im Kontrast zum Dunkelgrün steht das Weiß der Fensterrahmen und der Verzierung des Giebels. Bei den einfachsten der Häuschen ist der Giebel nur ein Dreieck, dessen Ränder einfache Muster bilden, während in der Mitte eine Spitze aufragt.

Oft aber haben die Giebel aufwendige barocke oder klassizistische Ornamente.

Sie sind dann große Flächen, die mit dem eigentlichen Abschluß des Dachs nichts mehr zu tun haben. Voluten, Pilaster, kleine Tempelgiebel schmücken sie.

Die Holzbauweise ist eng mit der Geschichte der Gegend verbunden. Die Zaan war das Zentrum des Schiffsbaus in Holland. Die Handels- und Kriegsflotten, mit denen die Niederlande zur Weltmacht wurden und Kolonien in allen Weltteilen eroberten, sie hatten ihren Ursprung hier. Holz, importiert aus Skandinavien oder Deutschland, gab es daher immer mehr als genug, mit Holz arbeiteten viele, die hier lebten, und es war nur naheliegend, daß sie auch ihre Häuser aus Holz bauten, zumal der Boden für Steinbauten ungünstig ist. Die Holzhäuser an der Zaan sind letztlich Neben-, um nicht zu sagen Abfallprodukte des Niederländischen Imperialismus.

Da die Giebel nicht aus einem wenigstens scheinbar soliden Material wie Stein sind, sondern aus einem so brüchigen wie Holz wirkt dieses Bauen immer etwas rührend und unbeholfen. Es erinnert an Filmkulissen, die niemanden täuschen; ein Blick hinter die dünne Holzfläche offenbar immer das bescheidene Häuschen.

In der Tat ist die Architektur der Zaanstreek eine potemkinsche. Aber in ihr drückt sich das Bemühen der Zaaner Handwerker und Kleinbürger aus, die Formen der Bürgerhäuser in den Städten, insbesondere im nahen Amsterdam, nachzuahmen. Auch diese sind ja potemkinsch, wenn sie je nach Mode verschiedene Giebel bekommen, sie verdanken es bloß dem Material, daß man es nicht sofort merkt. Die bloß dekorativen Formen werden durch ihre ländliche Verwandlung in Holz und Dunkelgrün-Weiß vielleicht entlarvt, aber auch zu etwas Eigenem und Neuen.

In den verschiedenen Orten von an der Zaan, Wormsermeer, Koog an de Zaan, Zaandam, die administrativ, aber nicht urbanistisch zu Zaanstad zusammengefaßt sind, findet man noch einige solcher Häuschen. Zugleich sieht man hier auch, wie sie mit dem 19. Jahrhundert an Popularität verloren. Ein bezeichnendes frühes Beispiel sieht man in Zaandam an der Westzijde (Westseite), wie die an der Westseite der Zaan verlaufende Straße bloß heißen muß . Dort steht ein Doppelhaus von geradezu englischer klassizistischer Eleganz. Ein Geschoß und ein hohes Walmdach, die Türen in der Mitte nebeneinander, weiter große Fenster. Der langgestrecke Baukörper parallel zur Straße und noch hinter einem Vorgarten zurückgesetzt.

Wie veraltet nimmt sich neben dieser schnörkellosen und großzügigen Architektur das kleine traditionelle Zaaner Haus aus, das rechts so nah daneben steht, daß sein dunkelgrüner Giebel fast gegen die Schmalseite stößt und halb verdeckt ist. Doch die Vergangenheit ist noch näher: die hinteren Teile des Doppelhauses, mit denen es bis zum Wasser reicht, sind ebenfalls in zaantypischem grünen Holz errichtet.

Die volkstümliche Architektur war den Erbauern offenkundig schon peinlich. Anderswo wurde aus demselben Grund eine steinerne Fassade vor ein nur eingeschossiges grünes Holzhaus gesetzt.

Das setzte sich im weiteren 19. Jahrhundert fort. An die Stelle des Schiffsbaus trat Industrie, etwa die Verkade-Schokoladenfabrik in Zaandam, und es entstand dazu historistische Architektur, wie es sie ähnlich überall in den Niederlanden gibt. So kann man an der Zaan heute Zaaner Architektur finden, aber sie genausogut übersehen.

Ein Drache über Johannelund

Johannelund ist das größte fortschrittliche Wohngebiet von Linköping und das einzige so klar abgegrenzte, daß es als Satellitenstadt bezeichnet werden könnte, als sehr bescheidene Linköpinger Version einer Satellitenstadt allerdings.

Seine Lage ist perfekt gewählt, denn direkt jenseits des Stångån (Stångflusses) und einiger großer Straßen erstreckt sich das weite Fabrikgelände von Saab. In Linköping ist es der dem Flugzeugbau gewidmete Teil dieses Unternehmens, der mit Saab gemeint ist. Damit daran keine Zweifel bleiben, steht auf einem großen Parkplatz beim Haupttor ein Düsenjäger des Typs Saab 35 Draken auf einer schrägen Stange.

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Wie er dort im Aufstieg Richtung Johannelund und darüber hinaus begriffen scheint, ist er ein fast zu schönes Symbol für den schwedischen Wohlfahrtsstaat: dort die sozialen Errungenschaften, hier die Rüstungsindustrie, durch deren Einnahmen sie ermöglicht wurden.

Gleich dem Fabrikgelände ist Johannelund bandartig angelegt. Die Wohngebäude sind zumeist dreigeschossig und zu offenen Höfen angeordnet, vielfältig in den Formen, oft mit Satteldächern. Oft gibt es große Grünflächen und Öffnungen zum Wald. Nur am äußersten Ende gibt es einige siebengeschossige Gebäude, bevor das Wohngebiet in Einfamilienhäuser und gänzlich ländliche Bereiche übergeht. All das wäre bloß langweiligste und typischste schwedische Architektur der fünfziger, sechziger Jahre, die zudem nicht einmal an den Durchschnitt einer größeren Stadt wie Malmö heranreicht, wenn es nicht Johannelund Centrum gäbe. Wie der Name besagt ist es das Zentrum des Wohngebiets und liegt auch recht zentral in diesem.

Schon von weitem ist es an den vier elfgeschossigen Punkthochhäusern, die es bilden, zu erkennen. Deren Grundriß besteht jeweils aus einem längeren Teil, von dem an einem Ende je drei kurze Teile rechtwinklig in verschiedene Richtungen weisen. Die Erdgeschosse sind verglast oder unter den kurzen Teilen ganz in eckige Stützen aufgelöst. Die Fassaden mit verschiedengroßen Fenstern und Balkonen sind an manchen Seiten weiß, während an anderen graue Streifen und olivgrüne Flächen die Geschoßstruktur betonen.

Das obersten Geschoß schließlich ist weit zurückgesetzt und enthält wohl technische Räumlichkeiten. Die vier etwa im Quadrat stehenden Hochhäuser sind verbunden durch zweigeschossige Ladengebäude, die große Glasflächen und braune Verkleidung haben. Vor ihnen verlaufen schmale Vordächer mit einigen dünnen runden Stützen.

So wird erst eine schmale Ladenstraße und dann quer zu dieser ein größerer rechteckiger Platz gebildet.

Daß dies weit weniger schematisch wirkt als es klingen mag, liegt vor allem an den aufgestützten Teilen der Hochhäuser, die auch die Vordächer unterbrechen. Neben einigen Bänken gibt es auf dem Platz eine etwa erhöhte Fläche mit glattem graugesprenkeltem Steinpflaster, in der Beete und ein runder Brunnen sind. Beim Brunnen ragt in die Fläche eine etwa höhere rechteckige weiße Betonstele hinein und auf ihr ist die kleine Bronzeplastik eines Pferds mit Reiter. Die Zierlichkeit dieses Kunstwerks paßt gut zum geradezu intimen Charakter dieses Platzes.

Während in den Erdgeschossen sonst verschiedene Läden, Restaurants und eine Bibliothek sind, wird das Erdgeschoß des größten Gebäudes, das rechts neben dem Beet an der Breitseite des Platzes steht, von einem Supermarkt eingenommen und sein Obergeschoß von Versammlungsräumen. Eine Wendeltreppe aus Beton in einem runden Glasgehäuse und ein aufgestützter Verbindungstrakt erschließen diese Räume und schaffen zugleich eine Verbindung zum ersten Teil des Schulkomplexes.

Er beginnt ebenfalls zweigeschossig, mit Uhr und aufsteigendem Dach, und beendet dann mit einem weiteren aufgestützten Trakt diese Platzseite. Unter ihm ist der Eingang in den großen unregelmäßigen Schulhof, um den Kolonnaden verlaufen.

Die gesamte zweite Schmalseite des Platzes nimmt ein weiterer, etwa dreigeschossiger Teil der Schule ein, in dem unten links der Eingang und dann ein Fensterband sind, während auf der großen weißen Wandfläche darüber wenige Fensteröffnungen wie spielerisch verteilt sind. Da bietet ein rechteckiges Fenster Einblick zu einer Treppe, hinter einem großen vertikalen ist gewiß ein Saal und schmalere horizontale steigen in flachen Stufen an und fallen wieder ab.

Quer angeschlossen, Teil der zweiten Breitseite, steht die Kirche, ein kleiner Bau aus zwei halbrunden Teilen, einer aus weißgetünchtem Backstein, der andere aus rohem Beton.

Ein niedriges Betonmäuerchen gibt ihm seinen eigenen Raum und der seitlich stehende niedrige offene Glockenturm weist eher in die folgende weite Grünfläche hinaus als zum Platz.

Es ist wirklich ein Zentrum, das hier geschaffen wurde, ein wohlgestalteter und charakteristischer Ort, ein Ensemble, wie es die fortschrittliche Architektur zustandebringen kann. Bloß Zentrum von was? Das umgebende Wohngebiet ist wie erwähnt gänzlich banal. Hat Johannelund Centrum alles, was das Zentrum einer kleinen Stadt braucht, so fehlt Johannelund alles Städtische. Ein wenig steht es wie eine Insel oder ein Fels in einer gleichgültigen Umgebung. Johannelund Centrum tut dabei alles, sich dieser Umgebung zu öffnen. Es ist nie abweisend, immer durchlässig. Wie auch die Anlieferbereiche weder versteckt noch vernachlässigt sind und für ihre Vordächer dieselben Stützen wie um die um den Platz benutzen, ist sogar vorbildlich.

Aber auch seine besten Bemühungen helfen nichts, wenn das Wohngebiet auf sie einfach nicht eingehen kann. So weit aufzusteigen, wie es der Draken (Drache) vor Saab zu verkünden schien, vermag Johannelund nicht.

Das exklusive Büro

An der Gdańsker Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) zwischen Alchemia und Olivia Business Center, um die Hala Olivia, gibt es viele Büros. Einige werden in der hyperbolischen Sprache der Immobilienbranche sicher aus als exklusiv angepriesen (oder alle?), aber das ist selbstverständlich immer eine Lüge. Auch ein Eckbüro mit Meerblick im zweiunddreißigsten Stock unterscheidet sich von einem im einunddreißigsten eben nicht genug, um wirklich exklusiv, alle Vergleiche und Annäherungen ausschließend zu sein.

Ein einziges Büro in dieser ganzen Bürogegend ist wahrhaft exklusiv. Es befindet sich nicht in einem der neuen gläsernen Gebäude, sondern in einem backsteinernen Stellwerkturm. Er steht dort, wo die Gleise der parallel zur Grunwaldzka verlaufenden Bahntrasse die Kołobrzeska (Kołobrzeger Straße) überbrücken, drei Geschosse, der Schaft fast fensterlos, das obere Geschoß, dessen vorderer Teil sowohl seitlich als auch über die Gleise vorsteht, hingegen mit einem dreiseitigen Fensterband und einem dünnen Vordach als Sonnenschutz.

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Der dunkle Backstein und der Betonboden des oberen Geschosses, die sachlichen kubischen Formen, des Fehlen des Historismus‘ früherer Gebäude dieser Art, aber auch der schwerelosen Leichtigkeit späterer, deuten darauf hin, daß es aus den Fünfzigern sein muß, als die Bahnstrecke zum Rückgrat der Trójmiasto wurde.

Bis vor nicht allzulanger Zeit war in dem Turm noch ein Stellwerk für den nahen Bahnhof Oliwa, dann stand er leer und erst vor kurzem fand er eine neue Nutzung für die Druckerei und Werbeagentur Printstacja. Im Erdgeschoß betreibt sie einen besseren Copyshop und im oberen, zu erreichen über eine Treppe am Bahndamm und eine Tür im zweiten Geschoß, hat sie ihr Büro.

Die Arbeit derer, die dort an ihren Computern sitzen, dient also letztlich den größeren Firmen in den größeren Gebäuden ringsum und unterscheidet sich von der der dortigen Angestellten nicht grundsätzlich.

Vielleicht beachten sie auch die unablässig vorbeifahrenden Züge und die Wartenden auf dem gegenüberliegebenden SKM-Bahnsteig Przymorze-Uniwersytet nicht und vor der Sonne ziehen sie wie alle anderen die Jalousien herunter, aber ein zweites Büro wie ihres gibt es eben nicht.

Ohne besonders hoch zu sein, ist es unerreichbar herausgehoben aus allen anderen Büros der Umgebung. Das ist Exklusivität.

Das Zikkurat von Elbląg

Von weither sieht man im Osten von Elbląg ein großes Schulgebäude aus den Zwanzigern. Es steht auf einem Hügel und hat an den Seiten vier, in der Mitte fünf Geschosse, wobei das Erdgeschoß durch horizontale Streifen als Sockel gestaltet ist. An den Seiten sind die großen vertikalen Fenstern im zweiten Geschoß noch einzeln und in einigem Abstand zueinander angeordnet, um in den obersten Geschossen zu zwei Vierergruppen beidseits eines einzelnen Fensters zusammenzurücken. In der Mitte rahmen solche Viererfenster ab dem zweiten Geschoß einen leicht zurückgesetzten Teil mit langgestreckten Balkonen, die zugleich etwas vorgesetzt sind und seitlich noch auf die Putzflächen neben den Fenstern ausgreifen. Da sie, außer über dem Erdgeschoß, wo die gemauerte Brüstung die Sockelstreifen fortführt, Gittergeländer haben, wirken sie fast nur wie drei horizontale Bänder.

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Nachdem das Gebäude schon von vier auf fünf Geschosse angestiegen ist, folgen in der Mitte über den Balkonen noch drei weitere Geschosse. Auf quadratischem Grundriß, das obere jeweils kleiner als das darunter, steigen sie in drei Stufen an und oben ragt noch ein schlanker Obelisk, der ursprünglich spitzer endete, auf. Diese Krönung des Schulgebäudes ist das Zikkurat von Elbląg. Nur das erste Zikkuratgeschoß enthält normale Räume, von denen man die großen Terrassen auf dem Dach des fünften Geschosses erreicht, während die anderen sich zu den umlaufenden Terrassen auf dem Dach des jeweils unteren und größeren öffnen. In der Mitte des ersten Zikkuratgeschoß ist eine ziffernlose Uhr, die von entsprechend weither zu sehen ist.

An der rechten Schmalseite sind zwei schmale vertikale Fensternbändern vor einem Treppenhaus und rückwärtig schließt hier ein zweigeschossiger Hallentrakt an. Auf der heute stark von Bäumen versteckten Rückseite ist der mittlere Teil leicht vorgesetzt und hat links und rechts wieder je zwei vertikale Fensterbänder vor den Treppen. Fast wirken sie als Treppenhaustürme, da zwischen ihnen im vierten Geschoß eine große Terrasse tief ins Gebäude hineinführt, ein weiterer Teil der Landschaft aus Dachterrassen.

Als wären die erhöhte Lage und das krönende Zikkurat noch nicht genug, führt eine breite Treppenanlage direkt auf die Mitte des Gebäudes zu. Ihren Beginn rahmen unten an der Straße zweigeschossige Wohngebäude mit hohen Walmdächern, die weit konservativer als die Schule wirken, aber mit schräg in die Ecke des zweiten Geschosses gesetzten verglasten Erkern deutlich zu ihr hin weisen.

Mit dieser städtebaulichen Einordnung bekommt die Schule die Funktion einer Taut’schen Stadtkrone. Sie sollte Zentrum und Höhepunkt einer, allerdings nur in Ansätzen errichteten, neuen Stadt sein. Dazu paßt die Zikkuratform, denn Zikkurate waren Mittelpunkte der babylonischen Städte.

Diese Architektur von 1929 ist erstaunlich dadurch, daß sie die Monumentalität, um die ihr offensichtlich zu tun ist, einzig durch die ansteigenden Bauformen und die Lage erreicht. In den Details ist nichts, was diese Monumentalität verstärkt. Es gibt keine unnötig vertikalen Elemente, auch der Eingang ist kaum besonders betont. So sieht man in Elbląg das seltene Beispiel einer Monumentalität, die nicht überwältigt oder einschüchtert, weil sie das nicht will. Von der fortschrittlichsten Architektur ihrer Zeit ist die Schule noch entfernt, die brauchte keine Zikkurate und Stadtkronen mehr, aber sie ist zugleich viel weiter entfernt vom präfaschistischen Backsteinexpressionismus, der sonst in Norddeutschland so stark war. Was für ein wichtiges Werk sie ist, zeigt der Vergleich mit einer anderen Schule in Elbląg aus demselben Jahr, die mit ihrem Backstein, ihren spitzen Giebeln, ihrem ganzen reduzierten Historismus noch aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint.

Für das Zikkurat von Elbląg gilt ganz wie für seine babylonischen Verwandte : gut, daß es es gibt, und gut, daß wir keine Zikkurate mehr bauen.

Doppelte Wallfahrt: Katholischer Teil

Die seltene Möglichkeit zu zwei Wallfahrten sehr verschiedener Art bietet sich in Bystřice pod Hostýnem. Die erste ist die konventionellere, katholische.

Wenn man sich der Stadt nähert, sieht man auf einem der niedrigen Berge einen riesigen Kuppelbau mit zwei Türmen. Der erste Gedanke ist selbstverständlich, daß es sich um eine Wallfahrtskirche handeln muß und, obwohl das Grau dieses Gebäudes und ein nahes Windrad kurz an ein unkonventionell plaziertes Kraftwerk denken lassen, ist der erste Gedanke richtig: es ist die Kirche Nanebevzetí Panny Marie (Mariä Himmelfahrt) und der Berg ist der Hostýn, an (wörtlich: unter) dem Bystřice liegt.

Am Bahnhof sind die Gedanken an Kirchen und katholische Wallfahrten erst einmal fern. Auch im Stadtzentrum ändert sich das kaum; der Hostýn oder seine Kirche sind von hier nicht zu sehen. Bloß auf dem Sockel der Johannes von Nepomuk-Statue neben der Stadtkirche ist ein eigenartiges Relief: es zeigt eine Maria mit einem Jesuskind im Arm, das mit der ausgestreckten Hand Blitze auf die Umgebung herunterschießt.

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Das, wird man später herausfinden, ist die Maria, die auf dem Hostýn verehrt wird.

Hinauf auf den Berg führen der blaue und der rote Wanderweg. Man passiert noch einige Darstellungen der nämlichen Maria, die allesamt neuer und kitschiger sind. Nach den letzten Häusern folgt Wald, die Wege werden steiler und beschwerlicher als man das beim nur 734 Meter hohen Hostýn erwarten würde, aber so muß das vielleicht sein. Denn was ist eine Wallfahrt, wenn nicht ein anstrengender Weg zu einem Ort, der einen in seinem Glauben bestärkt? Zuerst erreicht man die kleine barocke Vodní kaple (Wasserkapelle), dann, endlich, hat man am Ende einer langen Treppe die große Kirche vor sich.

Man befindet sich nun in einer Parallelwelt des tschechischen Katholizismus.

Bemerkenswert ist, wie wenig hier bemerkenswert ist. Die Kirche ist selbstverständlich barocken Ursprungs, hat ihre heutigen Formen, vor allem das große Marienmosaik über dem Eingang, jedoch aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert.

Weniger Jugendstil als leblosester Historismus prägen alles, wobei die Skulpturen sogar noch ein wenig schlechter als das Mosaik sind. Als der tschechische Katholizismus das gestaltete, war er offensichtlich schon im Abstieg. Er konnte keine wirklich großen Künstler mehr für sich gewinnen und wenn er es gekonnt hätte, hätte er sie nicht gewollt.

Um die Wiesen links der Kirche im Schatten des Windrads gibt es gleich zwei Kreuzwege.

Während der eine neobarock ist, hat der zweite in einem eigentümlichen Stil, der durch die Verwendung von bunt bemaltem Holz an die Kunst nordamerikanischer Ureinwohner erinnert.

In einem letzten Aufbäumen des Katholizismus wurde die große Treppe zur Kirche in den frühen Fünfzigern von Studenten des Olomoucer Priesterseminars neu errichtet. Man kann sich vorstellen, wie sie im Aufbaufieber der Zeit zeigen wollten, daß auch sie, nicht nur die Kommunisten, anpacken können. Aber das sie das zeigen wollten, zeigte nur, daß sie verloren hatten.

Heute ist der Katholizismus in Tschechien eine eher marginale Subkultur. Die geringe Bedeutung von organisierter Religion in dem Land verleitet manche dazu, es atheistisch zu nennen, doch das ist leider keineswegs wahr. An die Stelle des Christentums traten bloß allerlei esoterische Gruppierungen, die das Bedürfnis nach Aberglauben auf unkonventionellere Art stillen. Es bleibt abzuwarten, ob die Kirchenrestitution, in der die tschechische Regierung der katholischen Kirche eine Unmenge zuvor verstaatlichter Immobilien schenkte, zu einem Wiedererstarken des Katholizismus führen wird. Das große Poutní dům (Pilgerheim) vermag er immerhin noch zu füllen und auch in den vielen beidseits der Treppe angeordneten Ladenbuden mag manchmal mehr als nur die obligatorische Kneipe geöffnet sein.

In Ermangelung irgendwelcher künstlerisch oder architektonisch wertvollen Element lohnt eine Wallfahrt auf den Hostýn letztlich nur, wenn man an eine Maria mit blitzewerfendem Jesus glauben kann oder eine billige Übernachtungsmöglichkeit sucht. Aber Bystřice bietet eben noch die Möglichkeit zu einer zweiten Wallfahrt: einer kommunistischen.

„Nauwelijks te lessen de dorst naar nieuwe oevers“

Im südniederländischen Eindhoven steht auf dem Boden vor der Einfahrt zum Wasserwerk in der Anton Coolenlaan (Anton-Coolen-Straße): „Nauwelijks te lessen de dorst naar nieuwe oevers“ (Kaum zu löschen der Durst nach neuen Ufern“).

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Das sind die richtigen Worte an der richtigen Stelle und darin, diese Worte an diese Stelle zu bringen, liegt die Kunst. Daß das 1987 geschaffene Kunstprojekt „Vijf situaties in Eindhoven“ (Fünf Situationen in Eindhoven) der Künstlerin Marjan Barnier noch andere Teile und vielleicht tiefere Bedeutungen hat, kann man dabei getrost ignorieren.

Der konkrete Nutzen der technischen Einrichtung wird durch die Worte mit einer abstrakten Sehnsucht verbunden, das durstlöschende Wasser mit dem kaum löschbaren Durst nach dem Neuen. Das Wasserwerk selbst ist ein Ausdruck dieses Dursts. Seinem sichtbarsten Gebäude auf dem großen Gelände, einer langgestreckten Halle mit Seiten aus dunklem Backstein, verglaster Front, überstehendem Dach, zwei vertikalen blauen Rohrenpaaren davor, sähe man es vielleicht nicht an, seinem 1970 errichteten Turm aber sofort.

Ganz in Weiß erhebt er sich hinter den Bäumen weiter rechts. Drei hohe Rohre, in denen oben auf jeweils verschiedenen Höhen drei große Kugeln so sitzen, daß jeweils ein mehr oder weniger langes Stück Rohr übersteht.

Sie stehen im Dreieck zueinander und zwischen ihnen ist ein dreieckiges dünnes Stahlgerüst. In ihm führen Leitern nach oben zu Plattformen, von denen die Kugeln jeweils auf ihrer halben Höhe, bei ihrer Äquatorlinie sozusagen, zu erreichen sind. Das Gerüst ist außerdem durch verschiedene gerade und schräge Streben mit den dreieckigen Stützkonstruktionen um jedes der Rohre verbunden.

All das ist zweifelsohne völlig funktional und eben dadurch von großer Schönheit. Die runden und dreieckigen Formen, die massiven Kugeln im filigranen Gerüst verbinden sich zu einem unverkennbaren Gebäude, Eindhovens Wasserturm. Man könnte seine Wirkung in der Stadt skulptural nennen, aber das wäre kein Lob, denn jede abstrakte Skulptur müßte sich angesichts dieser funktionalen Konstruktion, die nur nebenbei schön und doch schöner als alle von ihnen ist, schamvoll verstecken. Dieser Wasserturm löscht so nicht nur den konkreten, sondern auch ein wenig des abstrakten Dursts. Im Süden der Niederlande, weit vom Meer, können die neuen Ufer in der Höhe liegen.