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Architektur auf Architektur

In der Raadhuisstraat (Rathausstraße) im Zentrum von Amsterdam ist ein für die Stadt typisches schmales Haus mit weiß verziertem Giebel, einigen schmucklosen Geschossen aus dunklem Backstein und einem Ladenraum im Erdgeschoß.

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Falls es auffällt, dann wegen eines Schilds über dem Erdgeschoß, in dem groß steht: Eerste Hollandsche Levensverzekerings-Bank (Erste Holländische Lebensversicherungsbank).

Wenn man genauer hinschaut, mag man bemerken, daß die holzgefaßten Glasflächen des Ladenraums rechts geschwungen zum zurückgesetzten Eingang verlaufen, daß die schmalen Seitenteile beidseits des Erdgeschosses mit dezent ornamentiertem schwarzen Stein und beige und braun bemalten Kacheln verkleidet sind und oben mit angedeuteten Kapitellen unter dem Schild anschließen und daß sich links im Stein sogar „H.H. Baanders, Architect“ verewigt hat. Er war Architekt nicht des Gebäudes, sondern der Erdgeschoßfassade und des Raums, in dem also eine Bankfiliale war. Auf dem Schild, das ebenfalls aus Kacheln besteht, ist weiterhin rechts weiß auf Blau ein deutlich größeres Gebäude abgebildet und unter dem Namen der Bank steht eine Adresse: Kantoor (Büro) Keizersgracht 174-176.

Weit ist es bis dahin nicht, der Straße folgend über zwei Kanäle, vor der Westerkerk (Westkirche) nach rechts und dort, Ecke Keizersgracht (Kaiserkanal) und Leliegracht (Lilienkanal) steht das Bürogebäude vom Schild.

Der Hauptsitz der Hollandsche Levensverzekerings-Bank ist auf eine ganz andere Weise ein typisch Amsterdamer Bau. Von fünf Geschossen an den Seiten, mit denen er ohnedies schon höher ist als alle Nachbarhäuser, steigt er zur Ecke hin auf sechs, sieben, acht Geschosse an und endet in einer komplizierten Dachkonstruktion mit Schrägen, Uhren, obeliskgerahmten Giebeln und einem offenen Türmchen.

1905 von dem in der Raadhuisstraat genannten Herman Henrik Baanders errichtet ist es ein Bau aus der Zeit, als Amsterdam New York sein wollte, weit über die alte Stadt hinauswachsende Architektur, Symbol einer neuen Zeit des Kapitalismus. Das Gebäude ist monumental bei gemäßigt historistischen Formen, die starke Jugendstilanklänge haben. Es zieht seine Wirkung vor allem aus den vertikal gegliederten Volumen und der unten schwarzen, oben grauen Steinverkleidung, während die Ornamente leicht zu übersehende Gravuren im Stein sind.

Die Bank schmückt sich mit zwei Mosaiken in billigstem akademistischen Stil, der keinerlei Jugendstilanklänge hat. Statt mit einem Künstlernamen sind sie mit dem Ortsnamen Briare nach dem Mosaikhersteller Émaux de Briare (Briarer Emaillen) aus der gleichnamigen zentralfranzösischen Stadt gezeichnet. Das erste ist neben der Ecke zum Leliegracht im zweiten Geschoß unter dem Ansatz eines Erkers und zeigt eine sorgenvoll oder trauernd dasitzende Frau, die von einem vor ihr stehenden weißgekleideten Mädchen und einem hinter ihr stehenden großflügligen Engel auf eine Versicherungspolice, die vor ihr auf einem Rot umhüllten Tisch liegt, hingewiesen wird.

Man könnte das als Allegorie der Lebensversicherung bezeichnen, aber auch als einfache Werbung, die bloß durch die Mosaikform über die Zeiten gerettet wurde. Das gilt umso mehr, als das zweite Mosaik hoch oben in den zum Keizersgracht gerichteten Giebeln genau dieselbe Szene von Frau, Mädchen und Engel zeigt, nun aber auf einer Wiese in einer Berglandschaft.

Es ist eine entschieden unniederländische Landschaft und damit vielleicht eine niederländische Traumlandschaft, die gut zu einem Gebäude paßt, das mit der überkommenen niederländischen Architektur bricht und, auf ebenso mediokre Weise wie das Mosaik, von etwas Neuem träumt.

Näher scheint es diesem in zwei halbrunden Giebelfeldern im Abschluß der Fenster an beiden Rändern der Fassade zu kommen.

Auf goldenem Grund sind hier Reliefs rechteckiger und quadratischer Formen in vor- und hintereinander verschachtelter vertikaler und horizontaler Anordnung.

Das ist eine geradezu kubistische Ornamentik, die auf dem Gebäude und neben seiner Kunst völlig fremd wirkt. Tatsächlich wurden die seitlichen Teile jedoch erst 64 Jahre später an den Eckbau angefügt, weshalb sie auf dem Schild in der Raadhuisstraat noch fehlen. Statt auf etwas Neues vorzuweisen, waren sie damit nur eine konservative Anknüpfung an das Alte und die Reliefs nur ein kleiner ironischer Bruch.

Bleibt die Abbildung des Bankgebäude auf dem Schild in der Raadhuisstraat, gleichsam als Logo. Daß ein neues Bürogebäude von einer Firma zu Werbezwecken benutzt wird, ist nicht einmal ungewöhnlich, doch selten wurde das Bild eines Gebäudes selbst zum Teil der Architektur und noch seltener überdauerte es die Zeiten. Man sieht in der Raashuisstraat also Architektur abgebildet auf Architektur. Sogar das obere Mosaik ist auf dem Schild gut zu erkennen.

Wenn die Darstellung sehr viel detaillierter wäre, hätte man es mit Architektur abgebildet auf Architektur abgebildet auf Architektur zu tun, denn in der Berglandschaft des Mosaiks fehlt auch rechts im Hintergrund eine zweitürmige Kirche in einem vagen Phantasiestil nicht.

Diese Vervielfachung der Architektur erst, dieses Ineinander gebauter und abgebildeter Architektur, macht das Gebäude der Eerste Hollandsche Levensverzekerings-Bank so interessant. Wer weiß, vielleicht gibt es anderswo in Amsterdam oder in den Niederlanden weitere ehemalige Filialen mit ähnlichem Schild.

Die verspätete Kirche

Ein nicht unwesentlicher Aspekt der Gdańsker Geschichte ist, daß die Stadt protestantisch und deutsch, das Umland aber katholisch und polnisch geprägt war, wiewohl beide zur Rzeczpospolita, der polnischen Adelsrepublik, gehörten. Für den Katholizismus nun war es im 17. und 18. Jahrhundert sehr wichtig, seine Macht durch barocken Prunk darzustellen. Das prominenteste Beispiel dafür im einstigen Umland von Gdańsk ist der Äbtepalast des Klosters in Oliwa mit seinem Park. Er ist ein großartiges und vielseitiges Ensemble des späten Barock, das gerade noch fertig wurde, bevor Gdańsk wie Oliwa an Preußen kamen und es mit der katholischen wie polnischen Macht vorbei war.

Ein weiteres Beispiel ist die jesuitische Kirche im ehemaligen Dorf Alt-Schottland südlich der Stadt. Sie steht weither sichtbar am bewaldeten Hang oberhalb des Kanał Raduni (Radunia-Kanals). Nach hinten hat ihr Bau bloße Backsteinmauern mit großen rundbögigen Fenstern und halbrundem Chor, während vorne eine verputzte Fassade mit hohen Pilastern, einigen Nischen und hohem Giebel ist.

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Ungefähr so, bloß mit steinernen Fassaden, sehen die monumentalsten barocken Kirchen in Kraków oder Rom aus. Dort jedoch passen sie in der Größe einigermaßen in die umgebende Bebauung, ganz anders als vor den Toren von Gdańsk. Da von dem Dorf keine älteren Gebäude erhalten blieben, wirkt die riesige Kirche völlig isoliert und fehl am Platz, aber zu groß war sie immer schon. Sie muß als Ausdruck jesuitischen Größenwahns kurz vor dem Ende der Macht des Ordens verstanden werden.

1755 fertiggestellt war die Kirche, die selbstverständlich nach Ignatius von Loyola heißt, auch architektonisch eher altmodisch, ganz anders als der Äbtepalast in Oliwa. Zudem wirkt sie bei allem Willen zur Pracht roh und unfertig. Der Giebel unterscheidet sich kaum vom Teil darunter und seine Schwünge sind schwerfällig. In den Nischen stehen kleine, offenkundig viel neuere Skulpturen, aber schon die Nischen selbst waren immer viel zu klein für die riesige Fassade. Die Kirche wirkt wie die Billigversion einer Jesuitenkirche.

Daß ihr Türme fehlen, wiegt weniger schwer, da diese die Maßstablosigkeit des Baus unweigerlich noch vergrößert hätten. Und von Nahem bemerkt man, daß es sehr wohl einen Turm gibt. Er steht rechts, auf dem Vorplatz und ist wie der kleine Bau neben ihm aus dunkelrot bemaltem Holz. Achteckig, mit vertikalen hölzernen Streben in Weiß als einziger Dekoration und ebenfalls hölzerner offener Glockenhaube ist er kaum halb so hoch wie die Kirche und architektonisch völlig andersartig.

Oben steht auf ihm die Jahreszahl 1777 und sie erklärt alles: der Turm, ebenfalls barock, aber ein schlichter, unmonumentaler, ein dörflicher Barock, ein Armeleutebarock fast, wurde nach der ersten polnischen Teilung von 1772, die den Anschluß der Gegend an Preußen bedeutete, und dem Verbot der Jesuiten von 1773 gebaut.

Ist die Kirche noch ein letzter Ausdruck katholischer Macht in diesen Breiten, so steht der Turm für deren Ende. Vielleicht war er gleichsam als Platzhalter für einen in besseren Zeiten zu errichtenden eigentlichen Turm aus Stein gedacht, aber diese Zeiten kamen letztlich nie oder falls doch, war jedenfalls das Bedürfnis für eine riesige Kirche am dörflichen Stadtrand entfallen. Der kleine hölzerne Glockenturm ist aber ein Glücksfall für die Kirche, die ohne ihn bloß ein verspäteter und etwas skurriler Klotz wäre. Er hat fast mehr mit der mennonitischen Kirche, die vierzig Jahre später näher an der Stadt oberhalb des Kanał Raduni erbaut wurde, gemein als mit seiner eigenen Kirche. Erst in der Schwäche gelang es dem Katholizismus hier, etwas leichtere, menschlichere Architektur zu schaffen, ein nicht untypisches Phänomen.

D‘Ieteren

Im Brüsseler Stadtteil Ixelles steht ein Autohaus, das diesen Namen verdient hat.

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Es ist ein langgezogener Bau in der schwer zu übersetzenden Rue du Mail (etwa: Straße eines Ballspiels aus dem 17. Jahrhundert) zwischen der unkomplizierten Rue Américaine (Amerikanischen Straße) und der wiederum schwierigen Rue du Prévôt (etwa: Straße eines belgisch-französischen Beamtentitels). Auf zwei Sockelgeschossen ragen hohe schwarze Stützen und zwei dickere Erschließungstrakte auf, die fünf weitere Geschosse tragen. Mit dunkelgolden verspiegelten Fenstern und ähnlicher Verkleidung, schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl und vor den zurückgesetzten Fenstern bei den beiden Treppenhäusern zusätzlichen horizontalen Lamellen wirkt der aufgestützte Teil wie ein schwebender Goldbarren.

Die Unterseite dieses Teils, gleichsam die Decke des freien Bereichs, ist mit einem regelmäßigen Kreismuster gestaltet. Selbstverständlich ist hier eine Parkfläche, zu der von rechts nach links parallel zur Straße eine prominente Rampe hinaufführt.

Die beiden Sockelgeschosse werden von außenliegenden Stahlpfeilern und -trägern gehalten, was rechts, wo eine Tankstelle ist, noch sinnlos zu sein scheint. Links jedoch dient es dazu, die gesamte Ecke zur Rue Américaine in Glas aufzulösen.

In den zwei oberirdischen und einem zusätzlichen unterirdischen Geschoß ist ein einziger großer Saal, in dem auf Plattformen, die an Stahlseilen von der Decke hängen und Marmorböden haben, die Autos stehen. Es sind Volkswagen, denn dieses Autohaus gehört dem VW-Händler D’Ieteren. Statt Autos nur zu verkaufen, ist es ein Tempel für Autos. Selbstverständlich hängt an einer Wand ein abstraktes Kunstwerk aus Stahl.

Heute werden hier auch VW-Derivate von Škoda und Seat verkauft und der Eingang, der nur ein schlichtes Vordach zwischen den Stahlpfeilern hatte, wurde durch eine weiße Torkonstruktion unnötig betont.

Aber insgesamt ist das Autohaus D’Ieteren seit seiner Erbauung im Jahre 1967 gänzlich unverändert und dient auch noch seinem ursprünglichen Zweck. Seine Architektur könnte ebensogut an eine Ausfallstraße passen, frühere und luxuriösere Version eines dieser beliebigen Autohäuser wie am Rande von Altenburg, doch hier steht es inmitten der Blockrandbebauung von Ixelles. Anders als etwa Autopon in Amsterdam versucht es nicht, durch besonders auffällige Architektur Werbewirkung zu erzielen, sondern konzentriert sich auf die Präsentation der Autos. Da es aber freisteht, wirkt es innerhalb der geschlossenen Brüsseler Straßenzüge umso auffälliger. Man merkt an ihm, wie selten solche Auflockerungen, solche winzigen Öffnungen in der alten Stadt sind. Hinter ihm ist heute fast der gesamte Block frei, ein unglaublicher Luxus scheinbar. Jedoch – dort sind bloß Parkdecks. Für die Stadt wäre es besser, wenn die Autos in ihrem Haus blieben.

Ein Platz (nicht nur) für Tauben

Vieles veränderte sich am zentralen Platz in Lębork im Laufe der letzten fünfundachtzig Jahre, aber eines blieb gleich: seine vier hohen Laternen und die Tauben auf ihnen. Die Laternen stehen in einem weiten Quadrat und geben so den Rahmen für den Platz vor. Ihre Betonpfähle erinnern unten an gigantische Versionen historischer Straßenlaternen, während oben jeweils vier aus einem zylinderförmigen und einem halbkugelförmigen Teil bestehende Leuchten von einer runden Betonplattform, auf der eine Betonkugel ruht, nach unten zeigen.

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In ihrer eigenartigen Mischung aus Historistischem und Industriellem sind sie heute zeitlich nicht ohne weiteres einzuordnen. Sie waren allem Anschein nach in den Dreißigern Teil einer nazifaschistischen Stadterneuerung, die vor allem darin bestand, den alten Marktplatz zum Parkplatz umzugestalten, wozu auch das Anfang des Jahrhunderts in der Mitte errichtete Denkmal des Kurfürsten Friedrich Wilhelm beiseite geräumt wurde (um den Autoverkehr war der Faschismus auch in Österreich oder Italien sehr bemüht). Ein wohl unbeabsichtigter Effekt der gewählten Konstruktion war, daß die Laternenplattformen ideale Plätze für Tauben sind, die von hier den ganzen Platz und seine Umgebung im Blick haben. Während dort hunderte Taubengenerationen saßen, veränderte sich ringsum fast alles.

Einschneidend waren hier wie in so vielen anderen Städten die Kriegsschäden, wegen denen der heutige Plac Pokoju (Friedensplatz) ganz vom Wiederaufbau im sozialistischen Polen geprägt ist. An seiner südwestlichen Seite reicht eine Grünanlage, die sehr geeignet für ein Denkmal scheint, aber keines hat, in die erhaltene kaiserzeitliche Bebauung hinein.

An seiner nordwestlichen Seite steht ein horizontal hingestrecktes fünfgeschossiges Wohngebäude mit Läden im Erdgeschoß, zu dem man immer zugleich die in gedrungenem Turm wie Strebepfeilern vertikale backsteingotische Kirche in der nördlichen Ecke sieht, ein harmonisches und selbstbewußtes Nebeneinander von Neu und Alt.

Die wichtigste Seite des Platzes aber ist die südöstliche.

Sie beginnt noch vor dem eigentlichen Platz mit einem freistehenden Kaufhallengebäude in der östlichen Ecke.

Aus Autorenkollektiv: Album Ziemi Lęborskiej, Gdańsk 1986

Einst Supersam (wörtlich Superselbst), heute Biedronka, ist es ein typisierter Standardbau mit hohen Wellblechblenden vor dem Flachdach und außenliegenden eckigen Stahlstützen, wie man ihn auch in anderen Städten an der polnischen Ostseeküste findet.

Der Eckbau des Dom Rzemiosła (Hauses des Handwerks), mit dem die eigentliche Seite beginnt, ist dafür ganz speziell für Lębork errichtet worden.

Seine zwei, beziehungsweise drei Geschosse sitzen auf einer niedrigen Terrasse, deren ornamentales Gittergeländer mit Kreisen in Quadraten sich auch bei der Treppe, die hinten an der Seite nach oben führt, fortsetzt.

Ebenfalls an der Seite hat es einen Rücksprung, in dem unter einem Vordach auf einer V-Stütze der Eingang ist. Zum Platz hin steht das zweite Geschoß auf sichtbaren Betonbalken deutlich über und trägt das Symbol der polnischen Handwerkerschaft, eine aus einem halben Zahnrad nach oben ragende Hand, die einen Hammer hält.

Mit einem flachen Verbindungsbau schließt das Dom Rzemiosła  an zwei unscheinbare historistische Gebäude mit drei Geschossen und Backsteinfassade an. Sie bilden die Mitte der Platzseite und sind dort immerhin gut aufgehoben. In einem war schon seit der deutschen Zeit und bis vor kurzem eine Apotheke, eine der längeren Traditionen auf dem Platz.

Aus Autorenkollektiv: Album Ziemi Lęborskiej, Gdańsk 1986

An der nächsten Ecke steht das Kaufhaus Jantar, Höhepunkt und Stolz von Lęborks Platz. Der Name, übersetzt Bernstein, paßt gut in die Region, aber es ist ein Glück für die Stadt, daß er nicht in die farbliche und sonstige Gestaltung des Kaufhauses einfloß.

Aus Autorenkollektiv: Album Ziemi Lęborskiej, Gdańsk 1986

Die oberen Geschosse der Platzseite, die auf Betonbalken weit über das verglaste Erdgeschoß ragen, beginnen mit einen horizontalen Streifen, auf dem „WPHW – Dom Handlowy“ (Wojewódzkie Przedsiębiorstwo Handlu Wewnętrzego [Innenhandelsunternehmen der Wojewodschaft] – Kaufhaus)  steht, und einem dünnem Fensterband, bevor ein monolithischer kubischer Teil mit funkelnd weißer Verkleidung, auf dem rechts oben in großen Leuchtbuchstaben der Name Jantar steht, sie abschließt. Nahtlos fortgesetzt ist diese Gestaltung in der rechten Schmalseite, vor der im Erdgeschoß ein großer transparenter Schaufensterkasten ist, während ein höherer rückwärtiger Anbau zur weißen Verkleidung konventionelle Fensteröffnungen hat.

Auf dem Spruchband: „Die Verantwortung für das Schicksal des Vaterlands verwirklichen wir durch gemeinsame ehrliche Arbeit“ (Aus Autorenkollektiv: Album Ziemi Lęborskiej, Gdańsk 1986)

Man sieht dem in den Siebzigern errichteten Gebäude an, wie es mit der modernen Eleganz großstädtischer Kaufhäuser seiner Zeit konkurrieren wollte und es gelingt ihm auch. Daß die Struktur der Fassade dadurch entsteht, daß zerschlagenes Porzellan in den Beton eingelassen wurde, darf man hingegen als Zeichen kleinstädtischen Einfallsreichtums sehen, durch den es noch schöner wird.

Die Fassade des Kaufhauses Jantar ist gleichsam ein Recyclingprodukt und wenn man genau hinschaut, kann man noch die schwarzen Symbole der Herstellerbetriebe auf ehemaligen Tellern und Untertassen lesen.

Das Jantar ist nicht zufällig noch vor der Kirche das erste, was man sieht, wenn man die Staromiejska (Altstadtstraße) entlang den Platz erreicht.

Der solcherart in der Zeit der PRL (Volksrepublik Polen) gestaltete Plac Pokoju hat sich in den letzten Jahren von Neuem verändert. Seine nordöstlichen Seite, wo zuvor analog zur südwestlichen Seite Grünflächen Durchblicke zu älteren und neueren Gebäuden und Stadtmauerresten erlaubten, wurde halb zugebaut.

Zwar sind die Gebäude in ihren historistischen Formen zurückhaltender als die Monstrositäten aus den Neunzigern im äußeren Teil der Staromiejska, aber sie stören doch den Grundcharakter des Platzes. Weiterhin bekam das Dom Rzemiosła neue Schrägdächer und das Kaufhaus Jantar zum Platz hin eine neue Fassade, mit der es nach gar nichts mehr aussieht.

Dafür wurde auch die eigentliche Platzfläche, die zuvor seit den Dreißigern ein Parkplatz gewesen war, im Jahre 2013 neu gestaltet und das Ergebnis ist nicht schlecht. Bestimmendes Element sind würfelförmige Hochbeete mit Seiten aus rostfarbenem Metall. Bänke, teils mit, teils ohne Lehnen, stehen zwischen oder vor diesen Beetwürfeln. So sind zum einen die nordöstlichen und nordwestlichen Seiten zu den übriggebliebenen Parkplätzen abgeschirmt, während zum anderen etwa in der Mitte ein Quadrat um den Brunnen, der entsprechend aktueller Moden nur aus Löchern im Boden und Wasserstrahlen besteht, gebildet wird.

Den Lęborker Tauben, die diese Veränderungen erlebten, ohne sie zu verstehen, blieben die großzügigen Plattformen der Betonlaternen. Erst die neueste Umgestaltung des Platzes hat auch für sie eine Bedeutung, denn im Brunnen baden sie an heißen Tagen so gerne wie Kinder darin spielen.

Turiner Einzelheiten: Mole Antonelliana

Turins Wahrzeichen ist die Mole Antonelliana, aber wenn man es nicht wüßte, würde man es vielleicht nicht herausfinden. Es handelt sich um einen 167 Meter hohen Turm aus dem späten 19. Jahrhundert in entsprechenden neoklassizistischen Formen. Auf einem fast den gesamten Straßenblock einnehmenden Sockel, der allein schon höher als die umstehenden Gebäude ist, sitzt eine sehr hohe Kuppel mit vier steil und geschwungen ansteigenden Seiten, darauf sind weitere Geschosse mit zwei hohen säulenumstandenen Umgängen und Dreiecksgiebeln und darauf erhebt sich ein stetig schmaler werdender runder Teil mit Umgängen in regelmäßigen Abständen, der in einem Stern endet.

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Es ist eine markante Form, insbesondere die Kuppel und der die Höhe beinahe verdoppelnde runde Schaft, aber man sieht sie nur selten und noch seltener gut. Im so einfachen und wohlgeordneten Turin mit seinem rechtwinkligen Straßenraster und seinen großen Achsen steht die Mole ohne Bezug zu irgendetwas. Keine Straße führt auf sie zu, kein Platz ist vor ihr. Daß sie einen monumentalen Eingang mit riesiger Tempelfassade hat, ist völlig unnötig, da man ihn erst recht von nirgendwoher sehen kann. Wenn man die Mole sieht, ist es immer als Überraschung.

Manchmal nur überquert man eine Straße und plötzlich steht sie in all ihrer imposanten Größe in der Ferne. Vom zentralen Piazza Castello (Burgplatz) oder Piazza Vittorio Veneto (Vittorio-Veneto-Platz) aus ist ihr oberer Teil manchmal zu sehen, aber wie etwas Fernes, Unverständliches.

Vom Monte dei Cappuccini (Kapuzinerberg) oder einem der anderen Hügel jenseits des Flusses Po aus ist sie zwar die höchste, aber zugleich nur eine der aus der Stadt aufragenden Spitzen.

Am besten sieht man sie von manchen Stellen am Ufer des Po, etwa im Süden von der Ponte Isabella (Isabella-Brücke) über den Park Valentino hinweg.

In San Mauro im Norden, wo von Turin sonst nichts zu ahnen ist, wird sie sogar zur Stellvertreterin der Stadt.

Erst von außerhalb kann die Mole daher so wirklich als Wahrzeichen wirken und vielleicht ist ja gerade das der Sinn eines Wahrzeichens. In mancher Hinsicht gleicht ihre Lage in der Stadt dem eines frühen amerikanischen Hochhauses, wie Turin durch chaotische Bebauung in einem strengen Straßenraster ohnedies etwas Amerikanisches hat. Anders als diese Hochhäuser hatte die ursprünglich als Synagoge begonnene und nach enormen Kostenüberschreitungen von der Stadt fertiggestellte Mole aber nie einen konkreten Nutzen, war mehr Beispiel für bauliche Möglichkeiten, ein Piemonteser Turm von Babel. Vielleicht ist sie das Wahrzeichen der Stadt gerade, weil sie beinahe unsichtbar ist.

Kachelrelief von A. Vaudetti (Via Moncalvo 44)

Wohngebiet Špinut

Von Nordwesten gesehen, also vom Meer oder von einigen felsigen Stellen am Ufer der Halbinsel, ist Špinut die Skyline der jugoslawischen Hafenstadt Split.

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Es leuchtet so weiß wie einst vielleicht der Diokletianpalast für von Süden ankommende Schiffe und ragt dabei auf wie der Turm der Kathedrale aus dessen zu Splits Altstadt gewordenen Resten. Von Nahem besteht es eigentlich nur aus sechs Gebäuden und dem von diesen gebildeten Stadtraum.

Špinuts Rückgrat sind zwei lange zwölfgeschossige Gebäude. Im Erdgeschoß sind sie aufgestützt, wobei die Stützen recht breite Wände sind, die nicht dazu dienen, von Weitem Leichtigkeit zu symbolisieren, sondern von Nahem konkrete wertvolle Durchgänge bieten.

Ihre eine Seite hat ein regelmäßiges Raster aus leicht vorstehenden horizontalen Streben, die die Geschoßböden fortsetzten, und kreuzenden vertikalen Streben. Unter diesen sind abwechselnd Wandflächen mit eigenen kleineren Streben und schmale Balkonnischen, die jeweils zu zweit beidseits einer großen vertikalen Strebe ein den Wänden entsprechendes Rechteck bilden.

Die anderen Seite ist ganz in Balkone mit Gittergeländern aufgelöst, vor denen bloß dünne vertikale Stahlleisten hängen, doch mit verschiebbaren Sonnenschutzwänden läßt sie sich auch vollständig schließen, so daß sie entsprechend den Bedürfnissen ihrer Bewohner in stetiger Veränderung begriffen ist.

All das ist selbstverständlich in Špinuter Weiß gehalten.

Bei beiden Gebäuden ist das oberste Geschoß deutlich zurückgesetzt und dazu kommt beim weither sichtbaren Anfang des ersten Gebäudes ein Aufbau aus einem Würfel, einer längeren Terrasse und einer quadratischen Stele. Wie schon die Seite mit dem Strebenraster, die darunter nach außen zeigt, erinnert dieser fast skulpturale Dachaufbau an Le Corbusier, ohne dadurch epigonistisches Zitat zu sein.

Die beiden Gebäude stehen parallel zueinander, aber so versetzt, daß das zweite und höher angeordnete dort beginnt, wo das erste endet. Vor dem ersten Gebäude erstreckt sich zur Ulica Sedam Kaštela (Sieben-Kastelle-Straße), mit der es nicht parallel ist, ein weiter Grünbereich mit Wiesen und mediterranen Bäumen. Durch die Unebenheit des Terrains steht sein rechter Teil niedriger, wo zwischen die Stützen und die Obergeschosse noch zwei ergänzende Geschosse mit Wohnungen kommen.

Auf seiner anderen Seite verläuft oberhalb von Parkplätzen ein breiter Gehweg mit weiteren Bäumen und Palmen und eine Erschließungsstraße.

Hinter dem Ende des ersten Gebäudes und zum zweiten hin steht quer ein sechsgeschossiges Gebäude. Sein erster Teil ruht wiederum auf wandartigen Stützen, hat aber eine vertikale Fassadenstruktur aus Wandflächen und eher schmalen Fenstern und Balkonen, die zudem durch Vor- und Rücksprünge variiert ist. Die Seitenwände der Treppenhäuser sind um Glasflächen auf der einen und ein engmaschiges Betongitter auf der anderen Seite nach vorne und höher geführt, was ein weiteres skulpturales Element ergibt.

Um seine zum Grünbereich zeigende Ecke laufen große transparente Balkone, die noch bessere Blicke aufs nahe Meer als ohnedies schon so viele Wohnungen von Špinut bieten.

Sein zweiter, weit kleinerer Teil hat nur zur einen Seite normale Balkone und zur anderen abwechselnd durchgehende vorgesetzte Balkone und einzelne kleinere, die im Beton ihres Bodens und ihrer Seitenwände gleichsam aufgehängt scheinen.

Vor dieser Seite steht am Ende ganz aus Beton und fensterlos das Treppenhaus, das mit dreieckigem Grundriß und entsprechenden Abschrägungen unten und oben wirklich schon eine balancierende brutalistische Skulptur ist. „Tehničar Split“ steht in verblassenden hellblauen Buchstaben darauf.

Jenseits dieses quer zwischen den langen Gebäuden des Rückgrats angeordneten Gebäudes ragen die drei Punkthochhäuser von Špinut auf. Sie sind wie weiße Basaltformationen, bei denen zu den vertikalen und an Vor- und Rücksprüngen reichen Formen des Quergebäudes noch Variationen in der Höhe kommen, so daß die höchsten Teile achtzehn Geschosse, andere jedoch weniger haben.

Bei der Ecke zweier großer Straßen hinter einem weiteren Grünbereich gelegen sind sie erstaunlicherweise gleichsam die unscheinbarsten Teile von Špinut, die aber im Zusammenhang des Wohngebiets so wichtig sind wie alle anderen.

Das ist Špinut auch bereits, sechs Gebäude nur, die schon in ihren Formen viel miteinander verbindet und die in ihrer Anordnung zueinander eine Einheit werden. In der Großzügigkeit des sozialistischen Städtebaus verstärkt sich die Lieblichkeit der südlichen Vegetation noch, Grün erstrahlt vor Weiß, Palmen vor Beton. Zu den Grünbereichen kommen zu viele Parkplätze, obwohl es sogar ein Parkhaus mit zweieinhalb in den Boden versenkten Geschossen gibt.

Zwischen den Hochhäusern und dem Ende des zweiten langen Gebäudes erhielt sich ein altes Mietshaus, das vom freien Raum des Wohngebiets profitiert und ihm einen rustikalen Kontrastpunkt schenkt, es ist aufgehoben von Špinut.

Ein Ladenzentrum fehlt, stattdessen sind vielerlei Läden zwischen den Stützen der langen Gebäude angeordnet. Zentrum des Wohngebiets ist daher der Platz vor dem zweiten Teil des Querbaus, zu dem der Weg entlang der langen Gebäude zwangsläufig führt. Treppen steigen nach links und vorne an, wo ein Café seine vielen Tische aufgestellt hat.

Es ist eine Piazza neuen Typs, ein genuin mediterraner Mittelpunkt für ein fortschrittliches Wohngebiet.

Und wie Špinut dank den Stützen zu allen Seiten durchlässig ist, so ist es auch allseitig mit der Stadt verbunden. Beim ersten Gebäude verschwimmt es mit anderer fortschrittlicher Bebauung, zu der drei monolithische Hochhäuser an der Ulica Sedam Kaštela gehören.

Auf der anderen Seite dieser Straße folgt bei den Hochhäusern das wundervolle Poljud-Stadion von Hajduk Split.

Auch auf der anderen Seite der kreuzenden Ulica Zrinsko Frankopanska (Zrinksi-Frankopan-Straße) ist ausschließlich fortschrittliche Bebauung. Hinter dem zweiten langen Gebäude folgen die ersten überkommenen Häuser, durch die man bald in die Altstadt mit dem Diokletianpalast kommt. Doch wenn man über den Garten des archäologischen Museums auf wie achtlos abgestellte Steine vor dem Hintergrund des Gebäudes blickt, dann sind sich Rom und der jugoslawische Sozialismus sogar noch näher.

Baumarchitekturen

Der schönste Park in Olsztyn ist vielleicht gar keiner. Gelegen im Süden der Stadt ist er vom Ufer des Flüßchens Łyna ein bewaldeter Hügel, von der Tuwima (Tuwim-Straße) einige Bäume hinter alten Gebäuden mit Satteldächern, die irgendwas zwischen Landwirtschaftlichem und Industriellem, zwischen Bauernhof und Fabrik sind.

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Auch seine nächste Umgebung, zwei Einfamilienhäuser, weitere Schuppen oder Ställe, eine Betonstraße, passen kaum zu einem Park.

Und doch ist es ein Park und nicht etwa ein Wald, zu vielfältig, zu bewußt gewählt und skulptural eingesetzt sind die Bäume. Da ändert es auch nichts, daß die Wege bestenfalls Trampelpfade sind und es keine Bänke und nur einen einzigen Mülleimer gibt. Er entstand im späten 18. Jahrhundert als Teil eines alten Gutshofs und trägt nach diesem heute den Namen Pozorty.

Der Höhepunkt des Parks ist zwangsläufig eine riesige Roteiche, die am Hang zur Łyna einen weiten Bereich ganz alleine einnimmt.

Obwohl ihr Stamm bis unten hin gespalten, eigentlich zwei, drei mächtige Stämme ist, steht sie gerade und hoch. Denn sie ist ein Parkbaum, menschengemachte Natur: vielerlei starke Bänder tun ihr Bestes, den Stamm, die Stämme zusammenzuhalten.

Doch die schönsten Bäume des Parks sind weiter oben auf einer Fläche zwischen den Schuppen. Da ist ein zarter Nadelbaum, wie er im Norden Europas gewiß nicht heimisch ist.

Da ist eine vielstämmige Eiche, die an einen komplizierten Leuchter erinnert.

Und da ist eine Hängebuche.

Was dem Park von Pozorty an Architektur fehlt, um Schloßpark zu sein, muß ihm dieser architektonischste der heimischen Bäume geben. Er muß selbst Schloß werden. Ganz selbstverständlich, daß einer der Wege durch die Hängebuche hindurchführt und sie von der Betonstraße her der Eingangsbau des Parks ist. Wenn man unter das Dach und zwischen die Wände ihrer bis zum Boden hängenden Zweige getreten ist, sieht man, daß auch sie zwei Stämme hat, wobei der kleinere rechte dadurch entstand, daß vor langer Zeit ein Teil des größeren linken umstürzte und neue Wurzeln schlug.

Zwischen den Stämmen ist unten ein mannshoher leicht nach vorne geneigter Rundbogen, als wolle der Baum wirklich Architektur zitieren, und oben verwuchs ein Ast des rechten wieder mit dem linken.

Ein anderer Ast des rechten Stamms wird von einer stählernen Krücke gestützt, aber die Geschichte des Baums zeigt ja, daß er diese menschliche Hilfe nicht braucht.

Menschlich ist die Olsztyner Hängebuche dadurch, daß sie in ihrem Park schützender und verbergender Ort unzähliger Treffen unterschiedlichster Art zwischen Menschen war. Wenn sie schreiben könnte, sie würde Bände füllen. Stattdessen muß das genügen, was Generationen von Besuchern in ihre Stämme ritzten.

Und wenn man auf dem linken Stamm „lato 95“ (Sommer 95) liest, ist das nicht weniger schön und assoziationsreich als das „winter of ’82“  oder „summer of ’69“ der Popsongs.  Dieser Park muß gar keiner sein, um der schönste Park in Olsztyn zu sein.