Archiv der Kategorie: Architektur

Beim Blick über Hammelburg

Wenn man vom Baderturm, einem der drei erhaltenen Türme der ehemaligen Stadtmauer, über Hammelburg schaut, sieht man ein Häusermeer, aus dem einige Kirchtürme, der Treppengiebel des Rathauses, die Dächer des Schlosses herausragen – und die gelbe Brandmauer eines Eckbaus in der Kissinger Straße.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Diese Brandmauer, das ist der Kapitalismus. Er ist es, der das Maß der trotz allen Veränderungen und Bränden noch mittelalterlichen Stadtstruktur rüde durchbricht. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn deren Maß kann nicht mehr das unsrige sein. Aber es ist ist wohlgemerkt keine irgendwie fortschrittliche Architektur, mit der er das tut. Es ist kein Hochhaus, keine die alte zerbrechende Stadtplanung, sondern ein von Nahem nicht einmal bemerkenswerter oder bemerkbarer Teil der Blockrandbebauung.

Der Kapitalismus bringt Hammelburg nicht das gute Neue, sondern das Schlechteste der Großstädtischkeit, die Brandmauer.

Daß es etwas Neues gibt, auch in Hammelburg – der Blick vom Turm verrät es nicht. Dabei könnte es anders sein. Der sozialstaatliche westdeutsche Kapitalismus kam auch in der unterfränkischen Provinz nicht umhin, „so zu tun, als sei er keiner“ (Ronald M. Schernikau) und baute unter Verwendung fortschrittlicher städtebaulicher Konzepte drei Siedlungen.

Eine von ihnen liegt im Südosten der Stadt direkt hinter dem Friedhof. Schon die Straßennamen sind westdeutsche Ideologie en miniature: Adolf-Kolping (irgendwie sozial, definitiv christlich), Kant (Ostpreußen), Eichendorff (Schlesien) und Adalbert-Stifter („Sudetenland“).

Am Rand sind zweigeschossige Doppelhäuser mit Satteldach, im Hauptteil locker aufgereiht um offene Grünanlagen erst zweigeschossige, dann dreigeschossige Gebäude mit Satteldach und in der Mitte als vertikale Dominante ein siebengeschossiges Punkthaus – mit Satteldach.

Wenig überraschenderweise befindet sich Hammelburg damit tief im konservativen Spektrum der westdeutschen Nachkriegsarchitektur. Etwas Neues, in der ganzen Stadtgeschichte nie Dagewesenes ist die Offenheit und Großzügigkeit der Siedlung dennoch.

Diese Siedlung könnte man beim Blick vom Baderturm sehen, ja, man sieht das Dach des Punkthauses sogar (im obigen Bild weit links), aber man bemerkt es nicht, da es gleichsam mit den Dächern der höhergelegenen Altstadt verschmilzt. Und das, das ist das Problem. Das ist falschverstandener Respekt vor dem Alten. Eine selbstbewußte fortschrittliche Architektur würde sich nicht scheuen, sich mit einem doppelt, dreifach so hohen Punkthochhaus in wirklich neuen Formen in das Panorama Hammelburgs einzubringen.

Doch der Kapitalismus kennt keinen Respekt. Wo fortschrittliche Architektur, die in ihrer Konsequenz über den Kapitalismus hinausweist, dem Alten etwas Neues zur Seite stellen würde, da errichtet er nur eine Brandmauer.

Advertisements

Abstrakter Historismus

Im mittelböhmischen Nymburk gibt es eine hussitische Kirche par excellence.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Von vorne und von der Seite führen Stufen hoch hinauf zu den Eingängen, vor denen sechs eckige Stütze ein Vordach mit der Aufschrift Husův sbor (etwa: Hus-Kirche) tragen. Darüber sind an den Seiten Teile mit je drei hohen vertikalen, aber horizontal untergliederten Fenstern. In der Mitte ist leicht zurückgesetzt der schmale und hohe Turn, der hier ein bis fast ganz hinauf verlaufendes vertikal strukturiertes Fenster hat. Erst ganz oben sind nach, rechts und links Öffnungen mit horizontalen Geländerstreifen. Auf dem flachen Turmdach steht ein großer kupferner Kelch, aus dem ein doppeltes Kreuz ragt. Der dahinter anschließende Saal ist etwas niedriger als der Eingangsteil und hat an den Seiten je sechs vertikale Fenster.

Was diese Kirche auszeichnet, ist größtmögliche Monumentalität bei völlig schmucklosen Formen.

Ohne daß irgendwelche historistische Ornamentik vorhanden wäre, sieht man doch überall historische Vorbilder. Die Stufen sind eine Pyramide, die Stützen ein Tempel, der Turm ein Campanile der Renaissance, die Seiten gotisch. Wie einfach das geht! Der dunkle Stein der Treppen und der Stützen, der cremefarbene Putz, das grünstichige Glas und schließlich der grüne Kelch. Wie lachhaft daneben alle frühere historistische Architektur wirkt! Etwa die irgendwie neoklassizistische evangelische Kirche von 1897 an der Ecke schräg gegenüber.

Solch ein nichtiger, unbeholfener Bau. Wenn ihr schon historistische Bezüge wollt, scheint ihr der Husův sbor zuzurufen, dann macht es wenigstens richtig, macht es wie ich.

Das, was sie will, monumental zu sein durch Zitate historischer Architektur, aber ohne deren Ornamentik, eine Art abstrakter Historismus zu sein, gelingt dieser 1936 errichteten Kirche perfekt. Daß es nicht das Richtige ist, daß nicht das zu wollen ist – das ist eine andere Frage.

Das kapitalistische Kladno

Der Grundstein von Kladno war keiner der Steine, mit denen das erste Gebäude des mittelböhmischen Städtchens irgendwann vor 1318 erbaut wurde, sondern eher einer der Steinkohlebrocken, die sich in der Umgebung seit jeher fanden. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Bedeutung der Kohle erkannt wurde, kam es zu einem wahren Gold-, das heißt Kohlerausch, in dem die verschiedensten Gestalten, erfahrene Bergleute wie Abenteurer, ihr Glück versuchten. Es war Jan Váňa (auch: Johann Wania), der am 1. November 1846 das erste ergiebige Flöz fand und damit den eigentlichen Grundstein für Kladnos moderne Geschichte legte. Aus der Provinzstadt bei Prag wurde im rasenden Tempo eine Industriestadt und Stadt der Arbeiterbewegung.

Kladno entstand als kapitalistische Stadt, spontan, wild, planlos. Unten im Tal bei den Bergwerken und Fabriken breitete sich das Kladno der Arbeiterklasse aus, das allerdings aus Dörfern bestand, die lange nicht zur Stadt gehörten. Es sind weite Gegenden mit meist eingeschossigen vorstädtischen, im eigentlichen dörflichen Häuschen. Immer ein Geschoß längs der Straße, darauf ein Satteldach, dahinter, vielleicht, ein Gemüsegarten.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Hier findet man in einer dann ins Industriegebiet auslaufenden Straße eine Gedenktafel für die kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová, die dort aufwuchs und in ihrem Roman „Siréna“ die Geschichte der Stadt beschrieb. Heute heißt die Straße nach ihr.

„In diesem Haus verlebte Nationalkünstlerin Marie Majerová ihre Kindheit und lernte die Welt der Berg- und Metallarbeiter kennen. Autorin von „Siréna“ [Die Sirene] und „Havířská baláda“ [Bergmannsballade].“

Oben auf dem Hügel war das Kladno des Bürgertums. Zwar waren die ersten Verwalter noch naiv genug gewesen waren, ihre Villen in der Nähe der Fabriken und Bergwerke zu bauen, aber bald kam es zur stadträumlichen Separation der sich stetig schärfer herausbildenden antagonistischen Klassen.

Das klingt so plakativ, daß man es für eine Karikatur halten kann, doch so war der Kapitalismus eben auch in Europa, bevor er gezwungen wurde, sich zu verstellen.

Das alte Kladno lag am Hang dazwischen, aber eher weiter von den Arbeitergegenden entfernt als von den bürgerlichen. Es ist ebenfalls karikaturhaft symbolisch, daß der zentrale Platz stark abschüssig ist. Alles, was irgendeinen architektonischen Wert hat, liegt abseits davon. Von Süden schaut aus der Straße Plukovníka Stříbrného ein ehemaliges Rathaus herein, ein schmaler und hoher klassizistischer Bau mit dorischen Pilastern im Erdgeschoß und schlankem achteckigen Uhrtürmchen.

In derselben Straße steht die Synagoge, die, wiewohl von 1884, unter ihrem neobarocken Schmuck einfach ein großzügig verglaster Saalbau ist.

Im Norden steht das Schloß, ein bescheidener dreiflügliger Barockbau am Rande des steil abfallenden Hangs mit zwei Geschossen und recht engem Hof.

Von hier aus wurde das Gut verwaltet, das vor der Erschließung der Kohle die Grundlage von Kladnos Wirtschaft war. Im Südwesten steht die Kaple svatého Floriána (Florianskapelle) , ein ganz südlich, italienisch wirkenden Rundbau mit vielfach ein- und vorgewölbter Fassade.

Den Platz selbst prägt jedoch, trotz einigen älteren Häusern und einer barocken Mariensäule, die neureiche Geschmacklosigkeit des späten 19. Jahrhunderts, die die Stadtherren ein Rathaus in Formen der Neorenaissance und eine Kirche in Formen der Neoromanik errichten ließen.

Aber die Stadt schon lange über ihr altes Zentrum hinausgewachsen.

Kladno war sich der Bedeutung der Steinkohle sehr bewußt und schon 1854 wurde ein großer Findling für Jan Váňas Entdeckung aufgestellt. Im Jahre 1954 setzte die nunmehr sozialistische nunmehrige Tschechoslowakei diesen Váňův kámen (Váňa-Stein) auf einen Sockel, auf dem außerdem noch zwei überlebensgroße Bronzeplastiken von Bergarbeitern aufgestellt wurden. Der Kumpel von 1854 mit Hacke und Öllampe reicht dem Kumpel von 1954 mit Preßlufthammer und Helmlampe über den Stein die Hand.

Ein Jahrhundert Kladnos, sein wichtigstes, das, in dem es wirklich entstand, ist so an zentralem Ort in einer Grünanlage oberhalb der Altstadt zusammengefaßt und die Menschen, die es ermöglichten, geehrt. Denn nicht der zufällige Finder des ersten Steins, sondern Generationen von Arbeitern schufen das heutige Kladno. Das Denkmal ist in dieser Form schon ein Grundstein für das sozialistische Kladno.

Altersruhesitz

Falls ich einmal ganz aufgeben sollte, will ich Alkoholiker werden und Tauben züchten.

Ein ausgesucht schöner Ort dafür wäre an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) in Oliwa in Gdańsk. Zwischen zwei dreigeschossigen kaiserzeitlichen Mietshäusern gibt es da ein deutlich zurückgesetztes Gebäude, das wie Teil eines anderen Bebauungsplans wirkt oder wie ein nur zufällig so exponiertes Hinterhaus. Es hat normale Fenster, nicht groß, nicht klein, aber zusätzlich ganz links vor den beiden oberen Geschossen eine Konstruktion aus Holz und Glas. Angeheftet an die Brandmauer des Nachbarhauses sind das weniger  verglaste Balkone als gläserne Räume, Wintergärten. Im Erdgeschoß ist ein ebenfalls nicht annähernd bis zur Linie der anderen Gebäude reichender Vorbau mit einem Schnapsladen und links vor diesem eine barocke Säule mit Maria und Johannes von Nepomuk.

Ich würde im zweiten Geschoß über dem Laden wohnen und hätte die Tauben vielleicht auf dessen flachem Dach. Jedenfalls würde ich die Tage trinkend in dem gläsernen Raum verbringen, hinausblickend auf meine Tauben, den genau auf meiner Höhe stehenden Johannes von Nepomuk, den Verkehr auf der Grundwaldzka und auf den Straßenbahnwendekreis Oliwa mit seiner bis weit in den Winter grünen Trauerweide.

Bis dahin werde ich auch dieses Jahr weiter regelmäßig hier schreiben.

Wohngebiet Moravské Předměstí

Das Wohngebiet Moravské Předměstí ist eines von drei großen fortschrittlichen Wohngebieten in Hradec Králové. Alle führen sie die fortschrittlichen Bestrebungen der Zwischenkriegszeit auf interessante Weisen fort, aber die Moravské Předměstí (Mährische Vorstadt) geht dabei am weitesten.

Gelegen im Süden der Stadt jenseits des Gočárův okruh (Ring von Schnellstraßen um das Stadtzentrum), hat das Wohngebiet vor allem fünf- und achtgeschossige Gebäude, die zu offenen Höfen angeordnet sind, wobei immer auch Einfamilienhausbebauung aufgenommen ist. Nach der zentralen Straße fächert sich die Bebauung beidseits eines Parks auf, wo die achtgeschossigen Gebäude dann länger werden und mäandernde Strukturen bilden.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

So ergibt sich eine schöne städtebauliche Struktur, eine große Achse, die von den im Norden zu sehenden Türmen des alten Hradec Králové in die offene Natur und weiter in die dörfliche Bebauung auf dem nächsten Hügel und dahinter führt. Die Gebäude entsprechen dabei dem unauffälligen tschechoslowakischen Durchschnitt.

Herz der Moravské Předměstí ist die zentrale vierspurige Marxova třída (Marx-Allee), heute Benešova třída (Beneš-Allee). Entlang von ihr stehen 13-geschossige Gebäude und auch sie sind bloß etwas auffälliger als die anderen. Zum übrigen Wohngebiet haben sie je zwei leicht vorgesetzte Treppenhäuser,

zur Straße viele Balkone und um die wenigen Fenster dunkelrote Verkleidung mit schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl.

Vor dem zweiten Geschoß verlaufen straßenseitig Terrassenebenen. Allein, es ist hier nicht mehr das zweite Geschoß, da die Straße nur etwas niedriger verläuft, während die Anliefer- und Parkfläche dazwischen wiederum noch tiefer als der Boden auf der anderen Seite liegt.

Aber wo genau denn der Erdboden ist, wird unwichtig, sobald man das von einem Vordach überspannte Terrassensystem, das sich beidseits der Straße ausdehnt, betreten hat.

Die Gebäude stehen jeweils im Wechsel näher und weiter von der Straße, was dem Terrassensystem eine Struktur gibt, die man aber nicht sofort bemerkt. Für den Fußgänger wechseln sich die Terrassen vor den Wohngebäuden mit pavillonartig vorgesetzten ein bis zweigeschossigen Bauten ab.

Sowohl in den zur Terrasse geöffneten Geschossen der Wohngebäude als auch in den Vorbauten sind eine Vielzahl von Läden, Restaurants, Cafés, Kneipen und öffentlichen Einrichtungen. Die Vorbauten sind durch innengelegene Passagen oder außengelegene Kolonnaden weiter differenziert. Zusammengefaßt wird all das durch das auf schlanken eckigen Stützen ruhende und in regelmäßigem Abstand mit Oberlichtern geöffnete Vordach. Es legt sich über die Terrassen oder überspannt auch einmal einen größeren Bereich zwischen einem Wohngebäude und einem Vorbau. Die bestimmenden Farben sind dabei, wie es zum Straßennamen paßt, neben dem hellen Grau des Betons verschiedene Rottöne. Zum Dunkelrot der Wohngebäude kommt das kräftige Hellrot der Vorbauten und das nunmehr ausbleichende Rot, in dem die Seiten der Vordächer, die Stützen und Teile der Geländer  gestrichen sind.

Brücken, Treppen und Rampen verbinden die einzelnen Teile  des Terrassensystems untereinander und mit dem übrigen Wohngebiet. Es ist ein großer erhöhter Boulevard, der so entsteht, ein Bereich vieler untereinander gut verbundener Inseln, ein wohlgeordnetes Venedig.

Das Problem jedoch bleibt auch hier die Straße. Das Terrassensystem hat den gleichsam natürlichen Drang, nicht nur die Anlieferwege, sondern auch die Straße selbst zu überbrücken und den Fußgänger über den Autoverkehr zu erheben. Das geschieht hier nicht.  Auf der Ebene der Straße ist noch zu vieles andere, was dort nicht hingehörte: Parkplätze, kleine Grünanlagen mit rechteckigen Hochbeeten und Brunnen. Und sogar um die Straße zu überqueren, muß man sie zumeist betreten. Außer der gelungenen Unterführung am südlichen Ende, die aber schon nicht mehr Teil des Terrassensystems ist, gibt es am nördlichen Ende noch eine unangenehm dunkle Unterführung und ansonsten bloß Zebrastreifen.

Allerdings ist die Straße für ihre Größe eigenartig wenig befahren. Grund dafür ist ein städtebauliches Versäumnis: sie wurde nie an den Schnellstraßenring angeschlossen. Die  Marxova Třída endet nach einem Bogen in einem weiterhin vierspuriger Teil, der vor allem als Parkplatz dient.

Er hat alles, was eine Straße braucht, verläuft etwas erhöht, scheint fertig, hat sogar eine Unterführung für Fußgänger, aber endet im Nichts  – ein Schauspiel, das gerade im straßenverliebten Hradec Králové noch etwas trauriger ist als es anderswo wäre.

So verlieren sowohl das grundsätzlich großartige Terrassensystem des Boulevards als auch die Straße viel von ihrem Sinn – dieses, weil es die Straße nicht überbrückt, jene, weil sie nicht wirklich an das Straßennetz der Stadt angeschlossen ist.

Hinzu kommt der Verfall, den der Kapitalismus brachte.

Viele der so wichtigen Verbindungen, der Treppen, Rampen und Brücken sind abgesperrt.

Durch das Vordach tropft es.

Läden stehen leer, wenn auch noch genug für städtische Lebendigkeit bleibt. In der Mitte des Boulevards wurden die Terrassen entfernt und über einen Zebrastreifen eine große Konstruktion aus Glas und weißem Stahl, wie sie in der Stadt beliebt sind, gebaut.

Das Wohngebiet Moravské Předměstí bleibt somit hinter dem zurück, was es erreichen wollte und hätte erreichen können. Wo eine Lösung sein könnte, ist nur ein Ansatz, ein weiteres Glied in der beeindruckenden Kette von Fortschritten, die die Stadtplanung von Hradec Králové seit den zwanziger Jahren gemacht hatte. Sogar in seinen Mängeln, das heißt der Straße, bleibt es sehr vom Genius Loci einer Stadt erfüllt, die früher und konsequenter als andere in der Tschechoslowakei ihr innerstädtisches Straßennetz plante. Gewiß wäre es möglich,das Wohngebiet ob dieser Mängel abzutun – wenn denn nach ihm noch etwas anderes gekommen wäre. Die Stadtplanung in Hradec Králové, die schon unter kapitalistischen Bedingungen in der ersten Republik herausragend gewesen war, endete mit der Restauration des Kapitalismus nach 1989. Schon deshalb gilt, daß die Moravské Předměstí ein wertvolles Beispiel der fortschrittlichen tschechoslowakischen Architektur ist, an das, in Hradec Králové und anderswo, einmal anzuknüpfen sein wird.

Zwei Winter in Oliwa oder Elektrifizierter Barock

Was hätte der Barock gemacht, wenn er Elektrizität gehabt hätte? Wie wäre es gewesen, wenn er mit elektrischem statt bloß mit natürlichem Licht hätte arbeiten können? Vielleicht ein wenig so, wie man es im Dezember 2016 und Januar 2017 im Park Oliwski (Oliwaer Park) in Gdańsk betrachten konnte.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Beidseits der zentralen Allee des Parks bilden hohe zurechtgeschnittene Bäume so etwas wie Wände und diese wurden in jenem Winter über und über mit Lichtern bedeckt. Die Wände der Allee, die im Sommer grün sind, leuchteten in Winternächten. Die architektonisch genutzte Natur des Parks wurde mit Licht nachgeformt, unzählige kleine Leuchten ersetzten das Laub. Es war ein eigentümliches Erlebnis so zwischen enormen leuchtenden und blinkenden Wänden zu gehen, nicht nur angenehm, aber gewiß sehr barock. Leuchtende Blätter, das wäre der Traum eines jeden Gartenarchitekten des Barock gewesen.

Leider knüpfte die weitere Lichtgestaltung letztes Jahr nicht daran an. Schon die hohe schmale Allee war nur zur Hälfte derart erleuchtet und dort, wo sich ihre Achse als langes Wasserbassin fortsetzt, war das Licht schon fern. Dabei erstrecken sich beidseits des Bassins zwei andere Alleen, die mit oben aneinandertreffenden verwachsenen Bäumen im Sommer grüne Gänge bilden. Auch ohne Blätter, vielleicht noch schneebedeckt, sind diese einerseits so in eine menschengewollte Form gepreßten und andererseits so zufällig wachsenden Bäume faszinierend und barock. Wie sie beleuchtet aussähen, kann man nicht wissen, da nur ein zu kleiner Teil des Parks feinfühlig nachgezeichnet wurde

Ansonsten fehlt letztes Jahr für den Barock, ob nun seine Architektur oder seine Parks, jedes Gespür, wie der Vorbereich des Pałac Opatów (Äbtepalast), auf den die Allee schräg zuführt. zeigte.

Statt die großen runden Büsche einzubeziehen, wurden dazwischen eigenartige leuchtende Schmetterlingsformen gesetzt. Statt die beiden Skulpturen einzubeziehen, wurde aus Leuchtschnüren eine entfernt menschenähnliche Monstrosität mit Schirm gebaut. Statt die Wasserflächen einzubeziehen, wurde die schlechte leuchtende Imitation eines Springbrunnens aufgebaut. Und als ob das noch nicht genug des Kitschs wäre, wurde auch auf den Palast selbst ein florales Muster projiziert, was den zurückhaltenden, nur in den Kapitellen rokokohaft verspielten Barockbau zur Leinwand herabwürdigte.

In diesem Jahr nun ließ die Lichtgestaltung vom Palast ab, was gut ist, und wendete sich dem Wasser zu. Auf dem langen geraden Wasserbassin sind diesmal stilisierte Schiffe aus Lichtern. Sie stehe versetzt einmal links und einmal rechts am Rand, so daß man von den Ende des Bassins über eine ganze leuchtende Flotte blickt. Das ist nicht schlecht, sogar hübsch, da es in der leeren Fläche des Wassers eine geeignete Leinwand oder Bühne findet. Nicht so, aber so ähnlich hätte es vielleicht ein elektrifizierter Barock gemacht. In die aus Bäumen gebildeten Tunnel beidseits des Wassers fällt das Licht der Schiffe, gibt den Stämmen lange Schatten und betont manchmal einige der verschlungenen Formen der Äste.

Das Herzstück der Lichter im Park Oliwski, die leuchtende Allee, scheint von weitem unverändert, ist es aber nicht. Einwände der Denkmalschutzbehörde verbaten in diesem Jahr das Anbringen der Lichter an den Bäumen. Statt nun die Rücksichtslosigkeit zu haben, das zu ignorieren, oder den Anstand, auf diesen Teil der Beleuchtung zu verzichten – beides Haltungen, die man respektieren könnte – wurde in die Allee ein stählernes Gerüst gebaut, an dem die Lampen hängen.

Das Ergebnis ist eine bösartige Karikatur der eigentümlichen Schönheit des Vorjahrs. Statt zwischen Bäumen mit leuchtenden Blättern geht man durch eine Baustelle. Um das Gerüst mit Stahlseilen zu halten, wurden jenseits der Alleebäume Betonklötze aufgestellt und die dort verlaufenden Wege großflächig mit niedrigen Gittern abgesperrt, auf die wie zum Hohn Tannenzweige und rote Schleifen geklebt wurden.

Wenn letztes Jahr wenigstens in Ansätzen das Thema „Elektrifizierter Barock“ zu erkennen war, dann ist es diesmal offenbar „Weihnachtsbaustelle“, was eine Beleidigung für Weihnachten und erst recht für Baustellen ist. Man weiß nicht ganz, was man davon halten soll, daß dieses Thema zumindest konsequent durchgehalten wurde. Die tannenzweiggeschmückten Absperrzäune wurden auch auf dem Vorplatz des Palasts

und an den Enden des Wasserbassins aufgestellt, dort wohl, damit niemand beim Selfiemachen ins schienbeinhohe Wasser falle.

Als kleiner Akzent wurden sogar einige in den Weg ragende Äste der Alleen neben dem Bassin mit rot-weißem Absperrband umwickelt.

Wer das wirklich sehen will, hat dazu noch bis Ende Januar Zeit. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr, aber wie ein wirklicher elektrifizierter Barock ausgesehen hätte, werden wir natürlich nie erfahren.

Das menschliche Maß in Erfurt

In ihren besten Momenten schuf die deutsche Renaissance Bauwerke von schlichter Perfektion, die noch immer als leuchtende Beispiele des menschlichen Maßes in den Städten stehen. Das Leipziger Rathaus ist so ein Bauwerk oder das Haus Dacheröden am Anger in Erfurt, um das es hier gehen soll.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Es wendet der Straße eine recht lange Fassade mit drei Geschossen und einem hohen Walmdach zu. Neben zu Zweier- und Dreiergruppen angeordneten Fenstern hat sie links auf etwa zwei Fünfteln der Länge ein geschmücktes rundbögiges Tor, auf etwa drei Fünfteln der Länge einen im zweiten Geschoß beginnenden Erker, der als niedriger achteckiger Turm mit runder Haube vor dem Dach weiterläuft, und ganz rechts ein schmuckloses Tor. Zudem sind im Dach beidseits des Turms übereinander Dachgauben, erst drei, dann zwei, schließlich eine, so daß aufsteigende Dreiecksformen entstehen. Das erste Tor und der Erkerturm strukturieren die Fassade, ohne ihr eine hierarchische, monumentale Ordnung zu geben. Sie sind beide gleich wichtig, gleichen einander aus. Obwohl sie groß sind, bleiben sie vor dem viel größeren Körper des Hauses gleichsam zierlich. Blaue Muster im Ansatz des Erkers und vor allem um das Tor bilden in der aktuellen Gestaltung auch die einzigen farblichen Akzente auf dem weißen Putz.

Das Tor hat links und rechts ionische Pilaster, in denen Ranken aufsteigen, und als Abschluß ein zwischen Simsen abgesetztes horizontales Band. In den um den runden Bogen des Tors entstehenden Flächen sind weitere Rankenmuster und medaillonartige Kreisflächen mit Köpfen im zur Mitte zeigenden Profil, die laut den Inschriften Jesus und Paulus zeigen. In der Fortsetzung der Pilaster sind im abschließenden Band sitzende Figuren mit in den Arm gestützten Köpfen. Im Band selbst sind Ranken, aus denen zwei zur Mitte blickende männliche Gestalten meerjungfraugleich zu erwachsen scheinen, da sie erst ab dem Oberkörper gezeigt sind. Die linke ist bärtig und hält eine ausgerollte Schriftrolle mit einem Zeichen, die zweite ist bartlos und hält außer einer Schriftrolle auch ein erhobenes Schwert. In der Mitte ist ein hervorgehobenes Schriftfeld mit Zeilen aus dem 112. Psalm und der Jahreszahl 1557.

Das menschliche Maß des Hauses Dacheröden zeigt sich nicht nur daran, daß alle Elemente so perfekt abgestimmt und ausgewogen sind, daß sie den Betrachter nie bedrängen, es zeigt sich auch im Detail.

Aus Demme, Dieter u. Schneider, Wolfgang: Erfurt, Leipzig 1987

Den Torbogen tragen kaum über die Kopfhöhe des Betrachters reichende kleine Nischen mit Baldachinen, in denen Skulpturen stehen könnten, aber nie oder zumindest schon lange nicht standen, da das erste eingeritzte Datum aus dem 18. Jahrhundert ist. Und es ist nur passend, daß die Nischen leer sind, denn die Eintretenden brauchen gar keine steinernen Wächter mehr. Verweilen sie vorm Tor, bleiben ihnen andere Details zur Entdeckung. In den scheinbar nur ornamentalen Ranken der Pilaster, weiß auf Blau, sind nämlich beim näheren Hinsehen Gesichter, Tierköpfe, Vögel und Blumengebinde zu erkennen.

Und sie sind, mit der Ausnahme je eines Raubtierkopfs, immer auf Augenhöhe.

Wie so viele große Architektur, verdankt sich auch das Haus Dacheröden zu einem gewissen Teil dem Zufall. Wäre es nicht ursprünglich zwei Häuser mit einer gemeinsamen Fassade gewesen, hätte es vermutlich nicht diese Asymmetrie, dieses Fehlen von Monumentalität, kurz: dieses menschliches Maß. Daß die Renaissance, wenn sie zu frei war, ihrem Traum von der Antike zu folgen, oft eher lächerlich wirkte, kann man schon im Erfurter Dom betrachten. Es ist ein Glück, daß gerade das Haus Dacheröden die Jahrhunderte überstand. Sein menschliches Maß entlarvt auch die schiere Böswilligkeit und Lächerlichkeit der umgebenden historistischen Gebäude am Anger, die alle Epochen der Baugeschichte plünderten, aber immer nur das Schlechteste und Monumentalste fanden.

Ganz allein jedoch ist das Haus Dacheröden, zum zweiten Mal glücklich, nicht. Blickt man durch die Barfüßerstraße darauf zurück, sieht man über dem Dreieck der Dachgauben einige der Geschosse und eine der schwebenden Verbindungsbrücken des großen Wohngebäudes am südlichen Juri-Gagarin-Ring.

Zu dem isolierten guten Alten kommt das gute Neue, die fortschrittliche Architektur der DDR, Erbin alles Guten in der vorangegangenen deutschen Architektur. Isoliert wollte sie nicht mehr sein, sie verwandelte Erfurt, aber zum Haus Dacheröden blieb sie auf respektvollem Abstand, vielleicht sogar auf zu großem und aus falsch verstandenem Respekt.