Archiv für den Monat November 2014

Showdown am Kinzerplatz

Plätze wie den Kinzerplatz im Wiener Bezirk Floridsdorf gibt es viele. In seiner Mitte erhebt sich eine neobacksteingotische Kirche, die vom Stift Klosterneuburg errichtet und erst vor hundert Jahren fertiggestellt wurde, weshalb sie, ob sie das weiß oder nicht, wie eine Rakete aussieht, die aus dem langen 19. Jahrhundert ins 20., das drei Jahre später begann, abheben will.

KinzerplatzKirche

An der dem Chor gegenüberliegenden Seite steht ein Gemeindebau von 1927, der Bieler Hof.

BielerHof

Vorm Erdgeschoß rundbögige Arkaden mit Terrasse, die weiteren drei Geschosse strukturiert durch trapezförmige Erker, die zwischen den Fenster Säulchen mit Haselornamentik haben, im Walmdach spitze dreieckige Giebel – es ist so, als zeige sich der Gemeindebau hier bewußt von seiner reaktionärsten, noch weit hinter den Jugendstil zurückführenden Seite.

BielerHofErker

Doch geht man links am Gebäude vorbei, steht man in einem offenen, teils vertieften Grünbereich vor einem längeren Gebäudeteil, der rechts quer an dieses anschließt.

BielerHof2

Mit einem weiteren kurzen Teil, der quer weiter nach rechts verläuft, öffnet sich der Bau zum Freiligrathplatz, der eher ein in einer Mulde liegender Park ist.

Freiligrathplatz

So lächerlich rückwärtsgewandt die Ornamentik, so fortschrittlich die städtebauliche Struktur des Bieler Hofs, der eben gerade kein allseitig umschlossener Hof ist. Er wirkt wie eine Einladung, den Kinzerplatz mit seiner Kirche zu verlassen und sich zum Freiligrathplatz mit seinem Park zu begeben, er ist gleichsam eine Freidenkerarchitektur. Passend, daß unter den Arkaden auch ein Büro der SPÖ (Sozialdemokratische Partei Österreichs) ist.

Auch auf der anderen Seite des Platzes, direkt gegenüber dem Eingang der Kirche, steht ein Gemeindebau, der Kluger Hof. Er ist architektonisch schlichter und typischer, viergeschossig, Walmdach, und nimmt einen ganzen Straßenblock ein, im Inneren ein begrünter Hof.

KlugerHofKinzerplatz

Auf der Platzseite steigen die Dächer zur Gebäudemitte an, ein weiteres Geschoß kommt hinzu, ein rundbögiges Tor, über dem der Name des Hofes steht, ist flankiert von je zwei Erkern, reduzierteren Versionen der Erker des Bieler-Hofs. Auf der anderen Seite ist das Tor mit Gitterbalkonen und gewelltem Dach dezenter betont.

KlugerHofAndereSeite

Doch etwas stimmt nicht. Es fehlt die rote Inschrift mit den Erbauungsjahren, es fehlt die Steintafel mit dem Namen des Bürgermeisters Karl Seitz. An der Wand hängt ein Schaukasten der ÖVP (Österreichische Volkspartei). Und im Schlußstein des Tores ist ein fremdes Wappen mit Hirtenstabe und Bischofshut und „A.D. 1931“.

KlugerHofWappen

Es ist das Wappen des Stifts Klosterneuburg. Diese Wohnanlage ist also gar kein Gemeindebau, sondern sein Gegenteil.

Was man am Kinzerplatz sieht, ist der architektonische Ausdruck der Kämpfe der ersten Republik. Die in Wien herrschende Sozialdemokratie errichtete gegen die Kirche einen Gemeindebau, aber der politische Katholizismus, die Christlichsoziale Partei (CS), gab sich nicht geschlagen und errichtete eine eigene Wohnanlage. Ironisch bloß, daß er dazu genau die Formen des sozialdemokratischen Gemeindebaus verwendete. Es ist ein Showdown, der sich hier, ausgedrückt mit architektonischen Mitteln, anbahnt, allerdings einer, bei dem die fortschrittlichere Seite sich, jedenfalls auf den ersten Blick, nicht auch durch die fortschrittlichere Architektur auszeichnet. Der reale Showdown kam im Bürgerkrieg 1934, die Sozialdemokraten verloren, die Christsozialen gewannen und errichteten den Ständefaschismus. Doch auch dieser hatte keine offenkundig reaktionärere Architektur.

Heute existiert die ÖVP, Nachfolgerin der CS, in Wien nur noch an Bushaltestellen und in haarsträubenden Forderungen. Die SPÖ ist bloß das kleinere Übel im Vergleich zur neofaschistischen FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs). Am Kinzerplatz ist ein alter, scheinbar ferner Zustand in den Steinen eines Gemeindebaus und seiner christlichsozialen Kopie festgehalten. Er lehrt, genau hinzusehen und Architektur nicht überzubewerten.

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Leschetizky-Bank

Im Türkenschanzpark im 18. Bezirk von Wien gibt es viele Denkmäler und fast alle zeigen sie Männer, die fast alle heute gänzlich vergessen sind.

Eines davon ehrt einen gewissen Leschetizky, der offenbar nicht einmal einen Vornamen braucht.

LeschetzikyBankTürkenschanzpark

Sein Denkmal ist eine leicht geschwungene Wand aus grauem Stein, die zur Mitte hin geschwungen ansteigt und sich als halber Kranz mit herabhängenden Seiten um ein Reliefbildnis aus weißem Stein legt. Unter diesem sind in Gold noch eine Leier und der Name Leschetizky zu sehen. Alles nichts Besonderes, alles ein schlichter Jugendstil, wie er zur Entstehungszeit, die rechts zu lesen ist (22. Juni 1911), populär war.

Doch Leschetizkys Denkmal ist außerdem, nein: zuerst eine Bank. Ihre hölzerne Sitzfläche und Lehne sind vor dem Schwung der Wand angebracht. Anders als all die anderen Denkmäler hat dieses damit einen Nutzen für den Spaziergänger, anders als diese auch ist es wirklich Teil des Parks. Denn es steht so, daß man von der Bank einen schönen vielfach gewellten Ausschnitt des Parks sieht, in dessen Mitte heute gleich einer Skulptur eine große Hainbuche steht, wobei ursprünglich vielleicht ein Blickbezug zur Paulinenwarte, einem backsteinernen Turm auf einem nahen Hügel, intendiert war.

LeschetizkyBankHainbucheTürkenschanzpark

So wie die Erbauer nicht voraussehen konnten, wie der Baum wachsen würde, hätten sie sicher nicht erwartet, daß einmal die Bank weit wichtiger sein würde als die Erinnerung an die Person des Leschetizky. Daß sie aber so freundlich waren, die Bank ins Denkmal zu integrieren, spricht für sie und läßt auch den Geehrten in positivem Licht erscheinen. Fast könnte man sich informieren wollen, wer dieser Leschetizky nun eigentlich war.

Der Engel der Geschichte in der Oberfinanzdirektion

Zu den Bemühungen, fortschrittliche Architektur als patrimoine, heritage oder eben, wie es im Deutschen so unelegant heißt, Denkmäler zu schützen:

Einerseits wünsche ich ihnen allen Erfolg, damit es spätere Generationen bei ihrer archäologischen Entdeckung nicht noch schwerer haben als schon ich Spätgeborener.

Man nehme die Oberfinanzdirektion in Frankfurt.

OberfinanzdirektionFrankfurt1

Ein ganz einfaches Gebäude, langer rechteckiger Grundriß, elfgeschossiger Baukörper, flaches Dach, regelmäßige quadratische Fenster, die Verkleidung ganz aus Kacheln in herbstlichen Braun- und Rottönen. Doch in der linken Hälfte, auf vielleicht einem Fünftel der Länge, vorgesetzt ein Treppenhaus, dessen äußere Wand einen leichten Schwung hat, während die Seitenwände ganz aus Glas sind und den Blick auf eine großzügige Wendeltreppe freigeben.

OberfinanzdirektionFrankfurt2

Und rechts vorgesetzt ein zweigeschossiger Eingangsbau, das Erdgeschoß links in schmale Stützen aufgelöst und rechts mit den Kacheln verkleidet, das Obergeschoß eine Fensterfront unter einem Pultdach, rückwärtig ein leicht abfallender verglaster Verbindungstrakt zum Gebäude hin.

OberfinanzdirektionFrankfurtVorbau

Und vor dem Gebäude zum Bogen der Adickesallee eine große Grünfläche. Das so einfache Gebäude bekommt durch die Vertikale des Treppenhauses, die Horizontale des Eingangsbaus und den Raum davor Leben und Charakter und wird zu einem archetypischen Ausdruck der westdeutschen, ach, westeuropäischen Architektur der fünfziger Jahre. Wie könnte man es nicht lieben und wie könnte man nicht bedauern, daß es abgerissen wird?

Andererseits geht bei der Bemühung um die Erhaltung von patrimoine, heritage, Denkmälern allzuleicht der Blick auf größere Zusammenhänge verloren. Die Oberfinanzdirektion in Frankfurt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist ein hinreißend schönes Gebäude, aber sie ist nicht mehr. Sie ist trotz ihrer Größe ein Kleinod. Der Stadt gibt sie nichts. Der Raum vor ihr repräsentiert Offenheit und Großzügigkeit bloß, ist aber in keiner Weise nutzbar. Sogar gut zu sehen ist sie nur von einem kleinen Teil der Adickesallee und vielleicht noch von der Kreuzung mit der Eckenheimer Landstraße. Und was für ein Staat repräsentiert sich ausgerechnet in einer Oberfinanzdirektion? So schön sie ist, man lernt nichts von ihr, sie schafft nichts Neues.

Es ist leicht, den Impuls des Denkmalschutzes zu verstehen. Aber es ist der Impuls von Walter Benjamins Engel, der die Geschichte als Trümmerhaufen sieht und das Zerschlagene zusammenfügen will. Vieles von diesem Zerschlagenen ist auch unendlich schön. Trotzdem, und gerade deshalb, kommt es darauf an, die „Kette der Begebenheiten“ (Benjamin) statt der einzelnen Trümmer zu sehen.

Wenn, anders als bei der Oberfinanzdirektion, etwas wirklich Neues und Wertvolles zerstört wird, dann heißt das, daß die gesellschaftliche Grundlage dieses Neuen und Wertvollen nicht mehr besteht. Einzelne Trümmer einer untergegangenen besseren Gesellschaft erhalten zu wollen, ist ein besonders trauriges und letztlich ohnedies vergebliches Unterfangen. Hier gilt das Wort von Walter Womacka:

„Nun ist das Wandfries am Haus des Lehrers inzwischen so alt, wie es die DDR wurde. Es scheint älter zu werden. Das freut mich. Wäre es umgekeht gekommen, freute es mich mehr.“ (Womacka, Walter: Farbe bekennen – Erinnerungen eines Malers, Berlin 2004, S. 174)

Alfeld an der Leine

Wer Alfeld kennt, der kennt es wahrscheinlich wegen des Fagus-Werks, das dort ab 1911 nach Entwürfen von Walter Gropius errichtet wurde. Wichtiger für die Stadt ist jedoch eine andere Fabrik.

Wenn man sich dem Stadtzentrum vom Bahnhof, über die Leinebrücke nähert, sieht man zuerst das Gelände der Papierfabrik.

PapierfabrikAlfeld

Große Gebäude, ein Gewirr von Rohren und über allem ein 150 Meter hoher Schornstein aus Beton – ein moderner Industriebetrieb. Erst später sieht man etwas rechts des Schornsteins auch die beiden gotischen Türme der Kirche. Bald steht man dort, wo nebeneinander die Eingänge zur Fabrik und zur Stadt sind.

FabrikStadtAlfeld

Links geht es auf das Fabrikgelände, entlang an einem schlichten und eleganten Bau aus den Fünfzigern, dreigeschossig, das Erdgeschoß verglast oder offen hinter Stützen zurückgesetzt, die sich in den vertikalen und horizontalen Streben der Obergeschosse fortsetzen, das Dach überstehend. Rechts geht es zwischen einem Fachwerkhaus und historistischen Gebäuden des 19. Jahrhunderts in die Stadt, die den Hang oberhalb der Fabrik einnimmt.

Getrennt sind beide dort, wo einst die Stadtmauer verlief, von einem Wassergraben und einer Straße.

ZwischenStadtUndFabrikAlfeld

Städtebaulich ist das recht geglückt, da so direkt hinter den Geschäften der Fußgängerzone, die parallel verläuft, Parkplätze angeordnet werden konnten.

Die Fußgängerzone, die Leinstraße, zieht sich durch die gesamte Länge der Altstadt.

LeinstraßeAlfeld

Sie besteht vor allem aus banalen, vielfach umgebauten Fachwerkhäusern mit zwei, drei Geschossen. Etwa in der Mitte kommen dazu auf der linken Seite zwei viergeschossige Bürogebäude aus den Sechzigern, Siebzigern.

LeinstraßeAlfeld2

Über allem ragt aber immer der Schornstein und es ist ganz normal, daß ein Fachwerkportal in einen schaufenstergesäumten Gang führt

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und man an dessen Ende auf Rohre der Papierfabrik blickt.

GodeDemHerenRoheAlfeld

Nur wenige Querstraßen führen von der Leinstraße den Hang hinauf. Über eine in der Mitte gelangt man auf den Marktplatz. Sein großzügiger, leicht abschüssiger Raum wird bestimmt vom Rathaus, einem vier- bis fünfgeschossigen Renaissancebau, der ihm seine breite Fassade mit achteckigem Treppenturm und filigran verziertem hölzernen Erker zuwendet. Sowohl der Schornstein als auch die Kirchtürme ragen jenseits des Platzes auf. Während die Fabrik unten im Tal steht, ist die Kirche fast direkt hinter dem Rathaus. Sie ist ein gotischer Bau aus rotem Sandstein, der seine mächtige Eingangsseite mit den beiden spitzen schiefergedeckten Turmhauben bloß einer kleinen Gasse zeigt. So braucht man sie nicht zu beachten. Nur einige Schritte weiter nämlich geht der Blick zwischen der Seite der Kirche und einer Reihe von Fachwerkhäuschen den Hang hinauf zum Gebäude der Lateinschule, ja, er wird geradezu dorthin gezogen.

LateinschuleAlfeld

Die Lateinschule ist ebenfalls ein Fachwerkhaus, aber eins anderer Art. Wo alle anderen bescheiden Teil der engen städtischen Bebauung sind, steht sie frei. Wo alle anderen einen schlichten Wechsel von weißgetünchten Flächen und dunklem Holz zeigen, ergänzt vielleicht von einem frommen Spruch oder farbigen Linien zwischen den Geschossen, ist sie über und über mit farbigem Schnitzwerk bedeckt. Sie hat zwei Geschosse, wobei das obere deutlich über das untere übersteht, und ein ebenfalls überstehendes Satteldach. Zwischen den rechtwinkligen Balken des Fachwerks sind Fenster oder roter Backstein. Keiner der Balken aber ist nur bloßes Holz, sondern ein jeder ist verziert mit Pilastern, die eher Illustrationen verschiedener Säulenstile als deren Nachahmungen sind, oder Karyatiden und Atlanten in weißen Gewändern und verschiedenen Stadien der Nacktheit. Unterhalb der Fenster und des Mauerwerks sind rechteckige Felder mit bemalten Holzreliefs, die sich so als Bänder um das gesamte Gebäude ziehen. Jedes der Felder enthält ein Wort oder einen Namen und ein einfaches darauf bezogenes Bild. Die behandelten Themen sind vielfältig, wobei an den Schmalseiten und an der Rückseite religiöse dominieren. So sind links etwa „D. Martinus Lutherus“ und „Philippus Melanchthon“ zu sehen, während hinten und rechts sehr viele biblische Gestalten auftreten. Jesus hat das Feld an der rechten Seite im Erdgeschoß, direkt neben der Gebäudeecke. Er ist so zwar als Abschluß einer langen Reihe von Propheten gezeigt, aber aus dieser auch nicht besonders hervorgehoben. Auf der Vorderseite nun fehlen die religiösen Themen. Stattdessen sind die Tugenden, die Musen und die verschiedenen Bereiche der Gelehrsamkeit dargestellt. In der Gebäudemitte führt eine kleine Treppe zum Eingang, den ein von zwei halbnackten Karyatiden getragener Dreiecksgiebel abschließt.

Alles an der Alfelder Lateinschule ist ein Ausdruck von Selbstbewußtsein. Sie ist ein Bau der Renaissance. Sie steht oberhalb der Kirche und ist in allem ihr Gegensatz. Wo die Kirche mit Vertikalität überwältigen will, tritt der ruhige horizontale Körper der Schule mit dem Betrachter in einen Dialog. Sie ist Ort der Bildung und zugleich auch Lehrobjekt. Um sie zu gehen ersetzt die Lektüre eines Buchs. Nicht zufällig erinnern die Reliefs an Buchillustrationen, wenn auch die früherer Zeiten.

Der Tastsinn

Der Tastsinn

Ist der Inhalt der Lehre auch außen wie innen noch vor allem religiös, so ist sie doch ein erster Schritt weg von der Religion. Alfelds Lateinschule ist städtebaulicher Ausdruck dafür, wie Bildung über Glauben gesetzt wird.

Viel mehr gibt es in der Altstadt nicht. Wo ihre Mauern waren, sind jetzt Parks, in denen historistische Schul- und Verwaltungsgebäude stehen, die einmal auch einen alten Turm einbeziehen, weiter außerhalb sind neuere Stadtteile.

Was Alfeld so besonders macht ist das unmittelbare Nebeneinander von Altstadt und Fabrik. Es ist dadurch ein perfektes Beispiel für eine kapitalistische Kleinstadt. Doch es ist, seit Luft- und Wasserfilter die gröbsten Umweltbeeinträchtigungen beseitigt haben, ein erstaunlich harmonisches Nebeneinander. Fabrik und Stadt sind wie zwei Teile eines Ganzen, sogar ihre Flächen dürften ähnlich groß sein. Es ist unmöglich, sie getrennt voneinander zu sehen. Jedes Photo der Altstadt, das den Schornstein der Papierfabrik nicht zeigt, ist eine halbe Lüge. Vielleicht gehört diese Verbindung von Stadt und Industrie zum Alfelder genius loci.

BlickLateinschuleSchornsteinAlfeld

Von der selbstbewußten Lateinschule, die die Altstadt krönt, führt ein direkter Weg zur Papierfabrik im Tal und auch zum Fagus-Werk. Die Bildung, die hier vermittelt wurde, wuchs dort als etwas Neues empor und verwandelte Alfeld für immer.

SchornsteinKirchtürmeAlfeld

Wiener Gebäude und die Kunst: Dampfschiffe in Aspern

„Kunst am Bau“ gibt es viele und meist handelt es sich dabei um genau das, was dieses unschöne Wort aussagt: beliebige Kunst, die auf beliebige Art an einem beliebigen Bau angebracht ist. Nur selten findet man Kunst, die wirklich in einen Bezug zu dem Gebäude, das sie trägt, oder der Umgebung, der sie sich zuwendet, steht. In dieser Reihe sollen in loser Folge besonders positive oder besonders negative oder sonstwie bedeutende Beispiele von Kunst an Wiener Gebäuden dargestellt sein. Siehe auch Das Wien der Zukunft im Jahre 1968.

Ecke Nordmanngasse/Fultonstraße im 21. Bezirk, typische Blockrandbebauung aus den Sechzigern, offenbar in letzter Zeit renoviert. Beidseits der Ecke im Erdgeschoß ist neben den blau-weißen Emailleschildern mit den Straßennamen je eine vertikale rechteckige Kachelfläche mit einem Wandgemälde.

NordmanngasseFultonstraße

Das eine zeigt links einen Offizier zu Pferde, der nach rechts zeigt, wohin sich eine große Zahl von Soldaten bewegt, und oben ein Dorf und eine Bergsilhouette. Unten steht neben der Jahreszahl 1809: „General Armand von Nordmann eröffnet die siegreiche Schlacht um Aspern.“

ArmandVonNordmannFloridsdorf

Das andere zeigt rechts einen blonden Mann im Frack, der den Zylinder zum Gruß hebt, links das Schiff „Claremont“ mit Schaufelrad, amerikanischer Flagge am Mast und hohem Schornstein, der nach oben Flammen und Rauchwolken spuckt. Unten steht neben der Jahreszahl 1807: „Robert Fulton erbaute das erste brauchbare Dampfschiff.“

RobertFultonFloridsdorf

Beide Bilder, signiert „AK 64“, sind in einem farbenfrohen, reduziert realistischen Stil gehalten. Nichts Besonderes, könnte man sagen, in Wien gibt es dergleichen dutzendfach. Doch der Unterschied hier ist, daß die Kunstwerke nicht einfach irgendwo auf der Fassade sind, sondern im Erdgeschoß, auf der Augenhöhe des Fußgängers. Dies allein schon hebt sie weit über die allermeiste Kunst in Wien, da es zeigt, daß hier jemand, Künstler oder Auftraggeber, verstand, nicht einmal unbedingt wie, sondern, entscheidender: wo Kunst sein muß, um gesehen zu werden. Während man sonst meist wie in Kirchen den Kopf in den Nacken legen muß, um die Werke zu betrachten, steht man ihnen hier wie in einem Museum gegenüber.

Der Inhalt ist da fast zweitranging, doch auch er ist nicht schlecht. Gerade dadurch, daß die Kunst sich auf Illustration der Straßennamen beschränkt, wird sie menschlich und nah. Sie kann zudem eine Anregung sein, sich über das Dargestellte näher zu infomieren. Dann erfährt man etwa, daß Nordmann ein Franzose aus dem Elsaß war, der auf österreichischer Seite gegen Napoleon kämpfte, und daß Fultons Schiff eher „Clermont“, eigentlich aber „North River Steamboat“ hieß. Wenn der Künstler nicht auch die „siegreiche Schlacht“ so harmlos und geradezu fröhlich mit gesichtslosen Soladten und zum Betrachter blickenden General gestaltet hätte, könnte sich aus der zeitlichen Nähe der weltverändernden Erfindung und des Kriegsgeschehens, der die räumliche Nähe der Bilder entspricht, noch ein lehrreicher Kontrast bilden lassen. So bleibt es bei der Information. Wenn Wien schon Straßenecken haben muß, dann wäre zu wünschen, daß es mehrere wie diese hätte.

Kraków Plaza

Wenn ein Einkaufszentrum explizit das Photographieren verbietet, weiß man, daß es ein Problem hat. Im Kraków Plaza ist dieses Verbot auf wohldesignten Schildern direkt neben denen, die das Rauchen verbieten, ausgedrückt und es hat das einzige Problem, das ein Einkaufszentrum haben kann: ihm fehlen die Kunden. Man merkt das nicht sofort nach dem Eintritt, aber man merkt sofort, daß etwas nicht stimmt. Das ganze riesige Einkaufszentrum ist menschenleer. Unweigerlich fragt man sich, ob man einen Feiertag übersehen hat oder es eine Bombendrohung gab. Nach und nach aber sieht man, daß durchaus einzelne Kunden durch die stillen Hallen huschen, daß auf Sofas Jugendliche mit ihren Handys herumhängen und daß viele Geschäfte geöffnet sind, allerdings bis auf die gelangweilten Verkäuferinnen menschenleer sind.

Dabei hat Kraków Plaza ein Gebäude, dem anzumerken ist, daß sich jemand, leider, etwas bei ihm gedacht hat. An der Aleja Pokoju zwischen dem Stadtzentrum und dem stalinistischen Vorort Nowa Huta gelegen, wendet er dieser eine gewellte Backsteinfassade mit runden Spielzeugtürmen zu, zeigt aber durch eine kleine Zugangsbrücke bei der Straßenbahnhaltestelle und einen künstlichen See ein gewisses Eingehen auf seine Umgebung.

KrakówPlazaAußen

Innen besteht es aus drei quadratischen Platzbereichen, die durch zwei breite Gänge verbunden sind. Sie öffnen sich jeweils über eine Galerie im zweiten Geschoß zu großen Glasdächern. Die entscheidende Idee nun, die jemand, leider, für dieses Einkaufszentrum hatte, zeigt sich in der Innengestaltung. Der erste Platz ist gotisch, Spitzbögen und ein Erker in der Galerie geben ihm sein Gepräge.

KrakówPlazaGotik

Der zweite Platz zeigt sich in Renaissanceformen und bildet mit Stadtwappen und Springbrunnen den Mittelpunkt von Kraków Plaza.

KrakówPlazaRenaissance

Beim dritten Platz, wo das Multikino und der Supermarkt sind, werden die angedeuteten Säulen blau mit silbernen Kapitellen und oben hängt ein Planetenmodell, was dem der, leider, diese Idee hatte, wohl futuristisch vorkommt. Da aber die Nachahmungen alter Stile nicht genug der Dekoration waren, hängen entlang der Erdgeschoßwände überdimensionierte Plastikfackeln. Das Bizarre an Kraków Plaza ist, daß seine Gotik und seine Renaissance nicht aus Stilfibeln stammen, sondern von einem lokalen Vorbild abgeleitet sind: der Sukiennice (Tuchhalle) auf dem Rynek Głowny, dem Hauptplatz der Altstadt.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Die Ähnlichkeit läßt keinen Zweifel. Wieso es aber eine gute Idee sein sollte, die Sukiennice in einem Einkaufszentrum nachzuahmen, wenn jeder Kunde jederzeit einfach Original sehen kann, wird für immer in dem Kopf, der das, leider, erdacht hat, verborgen bleiben. Man kann ihm, immerhin, dafür dankbar sein, daß er so die Sukiennice als Vorgängerin der Einkaufszentren erkennbar macht.

Mit dem so eklatanten Mißerfolg des Kraków Plaza hat seine Architektur aber selbstverständlich nichts zu tun. Es war 2001 das erste die erste der großen Shopping Malls der Stadt. Schon der Name ist eher unglücklich gewählt, da Polen dabei leicht an plaża, Strand, denken. Letztlich war das Problem jedoch wohl die Lage. Direkt zwischen dem Zentrum und Nowa Huta zu sein, war zu Anfang vielleicht ein Vorteil, wurde aber zum großen Nachteil, seit drei größere Einkaufszentren näher am Zentrum entstanden. So steht Kraków Plaza heute als Denkmal seines eigenen Niedergangs, eine zukünftig leerstehende Shopping Mall, die bei Urban Explorers beliebt sein wird. Wer einmal eine Art postapokalyptisches Neo-Kraków erleben will oder einfach nur einen Ort der Ruhe und Stille sucht, der besuche Kraków Plaza, solange es noch offen ist.

Straßenbahnhaltestelle Pötzleinsdorf

Eigentlich sehen alle Endhaltestellen von Straßenbahnlinien gleich aus, die Funktion bestimmt ja ihre Gestalt: ein tropfenförmiger Wendekreis, ein, zwei, vielleicht drei Bahnsteige. Die Herausforderung aber ist es, diese sperrigen und platzraubenden Anlagen städtebaulich gut einzuordnen. Das geschieht seltener und auch daher gleicht eben doch keine Straßenbahnendhaltestelle ganz der anderen.

Geradezu vorbildlich, wie aus dem Lehrbuch, ist die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 41 in Pötzleinsdorf gestaltet. Die Straße, auf der die Straßenbahn durch den teuren westlichen Wiener Vorort kam, führt fast gerade, mit nur leichtem Schwung nach rechts, weiter, so daß sie gar nicht abbiegen muß, sondern direkt links neben ihr die Fahrgäste aussteigen läßt.

StraßenbahnhaltestellePötzleinsdorf

Erst danach fährt sie um eine tropfenförmige Grünanlage mit hohen Bäumen, die zur Straße hin flach ist und zur anderen Seite mit einer roten Backsteinmauer abfällt. Da zu dieser Seite auch der Hang ansteigt, fährt sie beinahe durch einen Graben.

StraßenbahnhaltestellePötzleinsdorfWendekreis

Links, schon etwas höher am Hang, steht ein Kirchturm als vertikale Dominante. Er ist hoch und schlank, seine etwas breiteren Seiten bloßer Beton, während an seiner Vorderseite vertikale und horizontale Betonstreben große Kreuze im Backstein bilden. Da diese Dezenz offenbar nicht reicht, ragt auch aus dem Dach noch ein Kreuz. Neben dem Turm ist oberhalb der Straßenbahngleise, denen sie eine Betonwand zuwendet, eine große Terrassenebene. Erst auf dieser stehen die weiteren Bauteile der Kirche, ein schlichter zweigeschossiger Büro- und Wohntrakt in Backstein und Beton und ein eher niedriger Saal, der Seitenwände aus Backstein hat und eine breite Front, die außer dem Beton des Dachs und zweier Stützen ganz aus milchigem Glas und dünnen vertikalen Metallstreben besteht.

KirchePötzleinsdorf

Da diese Streben außen dich beieinander sind und zu den Türen in der Mitte hin größere Abstände bekommen, entsteht in dieser äußerst klaren Struktur eine große Dynamik. Wie schon beim Turm zeigt sich der Architekt hier als Meister unterschwelliger Expressivität. Da hier jedoch jeder religiöse Bezug fehlt, könnte man auch meinen, vor einer Turnhalle oder einem Kulturzentrum zu stehen. Daß man das nicht tut, ist der einzige Mangel dieses fast perfekt mit der Straßenbahnhaltestelle verbundenen Gebäudekomplexes.

Weiter rechts, neben der Straße, ist zwischen klassizistischen Eingangsgebäuden und Löwen, die denen am Stephansdom nachempfunden und entsprechend wenig bedrohlich sind, das Tor zum Schloßpark Pötzleinsdorf.

SchloßparkPötzleinsdorfEingang

Direkt von der Endhaltestelle, nach einer Fahrt, die an der Station Schottentor am Rande der Inneren Stadt begann und durch enge Vororte, Reste alter Dörfer und Villengegenden führte, betritt man so den Park, einen der wenigen englischen Landschaftsparks im sonst so französisch-barocken Wien.

StraßenbahnhaltestellePötzleinsdorfSchloßpark

Die Haltestelle und die sie ergänzende Kirche sind ihm ein würdiges Entrée, sie sind seine Nahtstelle zur Stadt.