Archiv für den Monat August 2016

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Rožňava

Der Bahnhof von Rožňava scheint in einem Niemandsland zwischen bewaldeten Berghängen zu liegen.

StanicaRožňavaGesamt

Er ist nicht nur von seiner Stadt erstaunlich weit entfernt, nein, auch ringsherum ist nichts. Er grenzt tatsächlich an nichts, was nicht auch mit dem Bahnbetrieb zu tun hätte, aber selbst das ist nicht viel. Nicht einmal Züge halten oft in Rožňava, da es im Osten der Slowakei südlich der Niederen Tatra liegt, die wichtigste Bahnstrecke des Landes, Bratislava – Košice oder auch Prag – Košice, aber nördlich der Berge verläuft. Wieso dieser Bahnhof gebaut wurde und dort gebaut wurde, bleibt erst einmal ein Rätsel.

Den Gleisen zeigt er sich sehr nüchtern, fast schon abweisend, als wollte er auch gar nicht, daß jemand aussteige.

StanicaRožňavaGesamtGleise

Rechts ein zweigeschossiger, links ein flacher Bauteil, beide recht lang, das Obergeschoß mit vertikal geriffeltem silbernen Metall verkleidet, das Erdgeschoß wohl in Bezug auf den Ortsnamen – ein alter deutscher Name lautet Rosenau – rosa verputzt. Ein großzügiges Vordach auf dünnen runden Metallstützen beginnt noch vor dem zweigeschossigen Teil und führt etwa bis zur Hälfte des flachen Teils weiter, wo der verglaste Kontrollraum des Stationsvorstehers vorgesetzt ist.

Völlig anders zeigt der Bahnhof Rožňava sich von der anderen Seite, wo außer einem Parkplatz nichts ist.

StanicaRožňavaGesamtParkplatz

Auch hier gibt es den zweigeschossigen Teil, nun links, und den flachen Teil, nun rechts, aber dazwischen ist noch ein etwas höherer Teil, in dem offensichtlich die Bahnhofshalle ist. Wie ein Rahmen legt sich ein dünner Streifen gelben Putzes um die große Glasfläche, die durch schmale vertikale Stahlstreben gegliedert ist und oben mit den metallverkleideten vorstehenden Dreiecksformen des Dachs endet.

StanicaRožňavaAußenKunst

Gleichsam im Glas schwebend ist links der Mitte eine große horizontale Fläche mit einem Kunstwerk. Auf einem rosa Hintergrund sind dort drei runde Kachelflächen in Türkis-, Gelb-, und wieder Türkistönen und davor einige gewellte Betonbänder. Es sind einfache, sofort erfaßbare Formen, dekorative Abstraktion, wie sie im Jahr 1972, als Ivan Čepek sie schuf, typisch war. Tatsächlich wirkt der ganze Bahnhof wie ein Kunstwerk in der Landschaft. Der weite Himmel, das Grün und wenige Grau der Berge verbinden sich mit den einfachen Formen des Kunstwerks und des Gebäudes und auf einmal wirkt es gegen alle Vernunft, als müsse der Bahnhof doch genau dort sein.

StanicaRožňavaKunstBerge

Der Eindruck der Bahnhofshalle entspricht jeweils dem der Seite, von der man in sie hineinkommt. Von der Gleisen her betreten mag sie sogar im ersten Moment mit ihrer tschechoslowakischen Eleganz blenden. Nachdem man einen kurzen holzverkleideten Gang hinter sich gelassen hat, empfängt sie einen groß und hell.

StanicaRožňavaHalle

Auf dem Boden roter, an den Wänden sandfarbener, an den Stützen weißgrauer glatter Stein. Die Decke metallverkleidete Falten, in die rechteckige Lampenflächen eingelassen sind. Dazu viel Holz und Grün. Das Holz ist in den Geländern und der Verkleidung der über dem Eingang befindlichen Galerie, den Geländern der Treppe, die nach rechts erst auf die Höhe der Galerie, dann noch etwas höher zum Restaurant führt, und schließlich in Holzkästen an der Wand über der Treppe, die wohl früher Fahrtzielanzeigen aufgenommen hatten.

StanicaRožňavaHalleTreppe

Das Grün ist in den großen Palmen, die im linken Teil der Halle in großen Töpfen stehen, und den paar Pflanzenbänken, die sie ergänzen.

StanicaRožňavaHallePflanzen

Das ist alles wunderhübsch, aber zugleich ist da ein Gefühl der Ortlosigkeit. Jenseits der großen Glasflächen ist nur die Landschaft, die man schon vom Zug gesehen hatte. Nie hat man das Gefühl des Ankommens, das einem ein Bahnhof geben sollte, und man ist ja auch nicht angekommen, denn bis nach Rožňava hinein braucht man noch Bus oder Auto.

Wenn man den Bahnhof von den Parkplätzen her betritt, weiß man bereits, daß er ortlos ist. Man betritt ihn im Eindruck des Kunstwerks über dem Eingang und wird nicht enttäuscht.

StanicaRožňavaHalleKunst

Oben an der dem Eingang gegenüberliegenden Wand sind locker verteilt verschiedene Formen aus Beton, auf denen wiederum teilweise bunte Keramikelemente sind. Was draußen groß und einfach war, wird hier verspielt und kleinteilig. Abstrakt und dekorativ ist es dabei noch immer. Man kann sich gut die Wartezeit damit vertreiben, in den Formen Gegenstände oder gar Menschen zu erkennen. Abstrakte Kunst zu betrachten, ist dann wie Wolken am Himmel zu betrachten und das mag das Beste sein, was solche Kunst zu bieten hat.

Vielleicht, scheint der Bahnhof sagen zu wollen, ist er einfach genug, braucht gar kein Rožňava oder irgendeinen Ort außer sich selbst. Oder vielleicht will er, errichtet unter Verwendung des Ende der Sechziger entwickelten BAUMS (Bratislavský univerzálný montovaný systém – Bratislavaer Universalmontagesystem), einfach die Möglichkeiten der Vorfertigung mit Stahlteilen zeigen. Denn jedes Detail in ihm ist ja schön. Die sieben dünnen runden Stützen aus schwarzlackiertem Stahl unter der Treppe.

StanicaRožňavaHalleTreppeStützen

Die Schilder der Toiletten und der Schalter, die handgemalte blaue Holzformen über weißen Leuchtflächen sind.

StanicaRožňavaHalleFahrkarten

Die kleine Sitzecke neben dem Eingang mit ihren zeit- und eben auch ortlos eleganten Stahlmöbeln.

StanicaRožňavaSitzecke

Geradezu unnötig sind die Schwarz-Weiß-Photos und die Karte über den Schaltern, mit denen der Bahnhof sich irgendwie verorten will.

StanicaRožňavaSchalter

Man kann ihn nehmen als verwunschenen Ort außerhalb der Welt. Die umliegenden Natur scheint in ihn hineingewachsen zu sein, bloß verwandelt, exotisch geworden. Was innen zumindest teilweise geplant war, passierte außen von selbst, da Schwalben kleine Zwischenräume in der Unterseite des Vordachs als ideale Stellen für ihre Nester entdeckt haben.

StanicaRožňavaSchwalben

Auch die Ruhe des Bahnhofs dürfte ihnen zusagen. Trotz seiner Größe hat der Bahnhof von Rožňava viel mit dem kleinen Bahnhof von Dlouhá Třebová gemein, der auf ganz ähnliche Weise in Ermangelung von viel Betrieb zum halböffentlichen Wintergarten geworden ist.

Das Rätsel indes, wieso der Bahnhof gerade dort ist, bleibt kaum gelöst. Möglicherweise gab es einmal sehr optimistische Stadterweiterungspläne, wovon noch die Abzweigungen nie gebauter Straßen zeugen könnten, oder eine Verbindung in die Stadt mit Bussen wurde tatsächlich als gelungene Lösung betrachtet. Aber man könnte auch einfach sagen, daß der Bahnhof von Rožňava schon für sich genommen eine Reise und einen paarstündigen Aufenthalt wert ist. Schade bloß, daß das Restaurant nicht mehr in Betrieb ist und man beim Blick über die Gleise weder ein Bier – schwer zu sagen, ob es in Rožňava eher ein westslowakisches Zlatý Bažant oder ein ostslowakisches Šariš oder einfach ein ungarisches Soproni sein sollte – noch eine Portion Halušky bestellen kann.

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Malmöer Wohngebiete: Rosengård

Rosengård ist anders. Der Unterschied zu den anderen Wohngebieten in Malmö ist jedoch kein architektonischer oder städtebaulicher. Im Südosten der Stadt gelegen, ist es ihr mit Abstand größtes Wohngebiet. Es setzt es sich zusammen aus verschiedenen Teilen von der Größe anderer Wohngebiete, die durch tiefergeführte Erschließungsstraßen getrennt und durch ein Netz von Fußgängerbrücken verbunden sind.

BrückenRosengårdMalmö

Ganz wie Rosengård, übersetzt Rosenhof, tragen auch die Teilgebiete wohlklingende Namen. Am Rande sind Schulen und Sportanlagen, in der Mitte ist das Centrum. Dieses Rosengård Centrum ist über die hier zur Stadtautobahn gewordene Amiralsgatan (Admiralsstraße), die von der Innenstadt hineinführt, gebaut.

RosengårdCentrumMalmö

Die Bebauung in den einzelnen Teilen von Rosengård ähnelt der in anderen Wohngebieten wie Kulladal: dreigeschossige offene Hofanlagen im langweiligen Kontrast zu aufgereihten höheren Gebäuden mit etwa acht bis zehn Geschossen, immer alles in rechten Winkeln zueinander, leichte Variationen in den Fassaden, die teils späteren Veränderungen geschuldet sind. Keine Punkthochhäuser, da es die nur in Högaholm gibt. Einzig der Teil ganz im Osten, Kryddgården (Kräuterhof), durchbricht dieses Schema deutlich.

KryddgårdenInreRingvägenRosengårdMalmö

Hier erstrecken sich zwei sehr lange Neungeschosser entlang der Stadtautobahn Inre Ringvägen (Innerer Ringweg). Schräg dazu stehen einige Sechsgeschosser um einen offenen Bereich, in dem die obligatorischen Dreigeschosser kaum auffallen.

KryddgårdenWieseRosengårdMalmö

Bei den langen Gebäuden sieht man noch die vom Grau der Großplatten und den Fensteröffnungen bestimmte Autobahnseite, die aus Balkonen bestehende Wohngebietsseite und die höhergeführten Aufzugstrakte, während die niedrigeren Gebäude auf teils bizarre Weisen verändert sind.

KryddgårdenNiedrigRosengårdMalmö

Auffällig ist die enorm aufwendige künstlerische Gestaltung der langen Gebäude. Neben jedem Eingang sind Nischen, manchmal mit Bänken, manchmal mit Fahrradständern, und rahmenartige Betonwände, in denen abstrakte Skulpturen, teils aus Holz, teils aus Metall, hängen.

KryddgårdenEingangRosengårdMalmö

Ansonsten ist Rosengård ein typisches Wohngebiet mit Stärken und Schwächen. Die Trennung zwischen Auto- und Fußgängerverkehr  funktioniert wie in Kroksbäck sehr gut, die Benutzung der vielen Brücken ist nicht nur unabdingbar, sondern auch intuitiv. Die Verbindung zur übrigen Stadt ist nicht schlecht, obwohl die Lage jenseits einer Bahnlinie und eines Industriegebiets ebensowenig wie die Abhängigkeit vom Bus- oder Autoverkehr ideal ist. Daß es seit kurzem besonders lange Busse, die tun, als seien sie Straßenbahnen, gibt, ist sicher sinnvoll, aber besser wäre eine echte Straßenbahn. Größter Schwachpunkt ist das Zentrum, wie Zentrumsbildung in Malmöer Wohngebieten, trotz positiven Ausnahmen wie Nydala, selten gelungen, oft sogar kaum vorhanden ist.

VerwaltungshochhausRosengårdMalmö

Die Lage über der Autobahn ist gut, das nahe Verwaltungshochhaus kann man bei gutem Willen als Höhendominante sehen und es ist ja auch alles vorhanden, ein großer Supermarkt, eine Passage mit kleinen Geschäften, Sporthalle, Bibliothek, ein Versammlungssaal namens Tegelhuset (Ziegelhaus), der früher eine Kirche war. Aber dort, wo der entscheidende öffentliche Raum, ein Platz, sein sollte, sind Parkplätze und es gibt eine so unschöne wie unzugängliche Rückseite mit Anlieferungsbereichen.

RosengårdCentrumNahMalmö

Für ein Wohngebiet dieser Größe ist Rosengård Centrum einfach nicht groß und allseitig zugänglich genug, es schafft es nicht, ein wirkliches Zentrum, wie etwa das Frankfurter Nordwestzentrum, zu sein.

Doch was Rosengård anders macht, sind seine Einwohner. Sie sind, wie einem desto bewußter wird je weiter man hineinkommt, fast ausnahmslos migrantischer Herkunft, meist aus arabischen Ländern, Somalia oder Bosnien. Beinahe ist es, als habe man Schweden und Malmö verlassen und eine arabisch-afrikanisch-balkanisch bewohnte Stadt, die überall sein könnte, betreten. Sogar die typischen schwedischen Supermärkte fehlen, statt ICA, Coop, Willy’s, Hemköp oder wenigstens Lidl gibt es in Rosengård Centrum einen City Gross. Und in der Einkaufspassage finden sich Call Shops, Cafés, ein Halal-Supermarkt statt der üblichen Ketten.

Von der Gefährlichkeit und Kriminalität, für die Rosengård schwedenweit bekannt ist, würde man nichts merken, wie überhaupt die wenigsten angeblich gefährlichen Viertel in Europa an einem normalen Tag irgendetwas anderes als normal sind. Höchstens Kleinigkeiten könnten darauf hindeuten. Die sonst offenen Räume zwischen den Gebäuden sind teilweise abgesperrt mit Zäunen, auf denen schwedisch dezenter Stacheldraht ist, und zu betreten durch Tore mit Codeschlössern, was sofort an die bedrückende Atmosphäre eines Gefangenenlagers denken läßt. Eines der neusten Gebäude ist das der Polizei und tut das, anders als in der Innenstadt, auch mit einem großen Schild kund.

PolizeiRosengårdMalmö

Doch man erlebt die schiere Segregation von Rosengård, den schieren Kontrast zwischen der Einwohnerstruktur hier und der in Wohngebieten im Westen. Sie straft all das Gerede von einer ach so vorbildlichen schwedischen Sozialstaatlichkeit, die es nachzuahmen gelte, die ja eigentlich schon Sozialismus sei, Lügen. Dieses Schweden gehört in die Traumwelt von Sozialdemokraten, die nichts über das wirkliche Schweden wissen oder wissen wollen. Rosengård zeigt, daß Schweden nicht anders ist als andere Staaten Westeuropas. Eher ist die Segregation hier noch absoluter als in vergleichbaren Gegenden in anderen Ländern. Vielleicht erklärt sich das auch dadurch, daß es in Rosengård, fast unnötig zu sagen, keine Kneipen und keine Filialen des staatlichen Alkoholmonopolisten Systembolaget gibt, was bedeutet, daß man im ganzen Wohngebiet keinen Alkohol kaufen kann. Das indigene Subproletariat, das sich in anderen Ländern die ärmsten Viertel mit den Migranten teilt, findet in Rosengård einfach nicht mehr, was es vernünftigerweise zum Überleben braucht. So unterstützt der postchristlich-sozialdemokratische Puritanismus Schwedens den islamischen Puritanismus der Migranten und auch für Muslime aus säkularen Staaten wie Jugoslawien entsteht eine zwangsläufig schariakonforme Umgebung. Im Ergebnis hat Schweden hier seine sozialen Gegensätze völlig ethnisiert und kann sie nun als kulturelle Unterschiede, die die einen gut, die anderen schlecht finden, erklären.

Rosengård ist das Ende aller Illusionen. Ein buntes multikulturelles  Beisammenleben kann man sich vielleicht in den Mietskasernengegenden um den Möllevångstorget (Möllevångplatz), wo neben Migranten auch schwedische Hipster wohnen, imaginieren, nicht jedoch in Rosengård. Doch die, die sich so was imaginieren möchten, die gutmeinenden Liberalen, zu denen die Linken verkommen sind, die Leute, die meinen Kontakt mit den Migranten zu haben, wenn sie in exotischen Restaurants essen, sie kommen sicher nicht nach Rosengård.

Es ist allerdings unbedingt zu betonen, daß Rosengård zwar segregiert, nicht aber heruntergekommen ist. Schwedischer Reichtum, schwedische Ordentlichkeit sind überall zu spüren. Die Grünanlagen sind gepflegt, Graffiti gibt es keines. Zur Ergänzung des unzureichenden Zentrums wurde vor kurzem eine Ladenzeile mit aufgeschwungenen Betondächern, die passenderweise Bennets Bazaar heißt, gebaut.

BennetsBazaarRosengårdMalmö

Und vielerorts finden sich die Spuren von allerlei Motivationskampagnen. Eine etwa erklärt Rosengård zum Herzen von Malmö, weil es auf der Karte bei gutem Willen wie eines aussieht, wohlgemerkt wie das Organ, nicht wie das Symbol.

HerzRosengårdMalmö

Auch der Stolz Rosengårds, Malmös, ganz Schwedens, der Fußballspieler Zlatan Ibrahimović, der hier aufwuchs, ist vertreten. Über einer Unterführung, die einen innenstadtseitigen Eingang nach Rosengård bildet, liest man:

ZlatanRosengårdMalmö

„Man kan ta en kille från Rosengård, men man kan inte ta Rosengård från en kille Citat Zlatan” (Man kann einen jungen Kerl aus Rosengård herausnehmen, aber man Rosengård nicht aus ihm herausnehmen). Zum einen sind andere philosophische Auslassungen von Ibrahimović tiefgründiger, zum anderen zeigt der Bezug auf ihn die Absurdität solcher positiver role models.

Zlatan hat es geschafft, du kannst es auch schaffen! Aber wie der kluge amerikanische Basketballspieler Charles Barkley sagte: „And what they’re really doing is telling kids to look up to someone they can’t become. […] Kids can’t be like Michael Jordan.“ (Und in Wirklichkeit wird den Jugendlichen erzählt, zu jemandem aufzuschauen, der sie nicht werden können. […] Jugendliche können nicht wie Michael Jordan sein.) Wie vielen bosnische Jungen können schon Fußballstars werden? Angesichts der Realität wirkt das wie ein Hohn. Die allermeisten werden Rosengård nie verlassen, weder innerlich noch äußerlich. Das hat viele Gründe, die mit dem Kapitalismus im allgemeinen und den puritanischen Aspekten der schwedischen Gesellschaft im besonderen zu tun haben. Die Architektur ist keiner von ihnen.

Maria im Kino

Wie wenig es braucht, damit ein schöner und wiedererkennbarer Ort entsteht! Eine kleine Grünanlage in Pardubice, Bratranců Veverkových (Straße der Vettern Veverka), irgendwie zwischen einer kleinen gotischen Kirche, einem k.u.k. Schulklotz und einer Einkaufspassage, nichts besonderes. Doch ein Kunstwerk und ein architektonisches Kleinod genügen, um etwas daraus zu machen.

Zuerst eine barocke Marienplastik – ihr schlanker Körper zart aus dem Faltenwurf ihres Kleids, dessen Schnürung ihre Brust betont, emporwachsend, leicht zurückgelehnt, mit geöffneten Armen unendlich einladend dastehend und auf ihrem Gesicht ein Lächeln von großer Schönheit.

MariaBratrancůVeverkovýchPardubice

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Angeblich soll diese Art der Mariendarstellung, eine Marie Karlovská, Maria schwanger zeigen, doch das würde man nie ahnen. Trotz dem vielsternigen Heiligenschein, der ihr aus dem Nacken wächst wie Antennen aus dem Kopf eines Marsmenschen, hat nichts an dieser Maria mit Religion oder Spiritualität zu tun, sondern nur mit völlig irdischer zärtlicher Liebe.

Am anderen Ende der Grünanlage steht am Anfang einer Häuserflucht aus der ersten Republik ein 1932 errichtetes Kino.

KinoJas70BratrancůVeverkovýchPardubice

Es ist vor allem eine hohe, fast leere Wandfläche, die rechts als pure Form beginnt, oben abgerundet und mit rundem Loch, sich nach links hin als freischwebender Streifen über den Saal legt und sich dann nach einem Schwung nach hinten und unten in dessen Seite fortsetzt. Davor ist rechts im zweiten Geschoß eine quadratische Terrasse und links daneben über den Eingangstüren ein gänzlich verglaster Foyerbereich, dessen Ecken leicht abgerundet sind. Weiter nach links sind weniger markante Bauteile vorgesetzt. Rechts ist über der Terrasse eine Leuchtreklame mit dem Namen des Kinos. Es heißt Jas 70, eine Verbindung des tschechischen Worts für Glanz und dem hochqualitativen 70-mm-Film, den es abspielen konnte. Kleingeschrieben und rot, das j länger und as und 70 verbindend, ist der Schriftzug ein wirkliches Logo. Die große leere Wand ist gleichsam die Leinwand, auf die Terrasse und Foyer als die eigentlichen Formen dieses Kinobaus gesetzt und noch um das Logo ergänzt sind.

Heute steht das Kino leer, keine Paare können mehr aus einer Vorstellung kommend am zärtlichen Lächeln der Maria vorbei zur Trolleybushaltestelle gehen. Aber ein schöner Ort bleibt es dank Staue und Kino doch, denn es braucht eben so wenig.

Die Bundespost in Neuburg

Das Postgebäude in Neuburg an der Donau ist schon auf den ersten Blick ein Kleinod des westdeutschen Brutalismus. Es steht an der großen Münchener Straße unübersehbar groß und fremd zwischen kleinen Häusern. An beiden Seiten führen kleine Straßen tiefer ins Einfamilienhausgebiet.

PostNeuburgGesamt

Das gesamte Gebäude hat eine Verkleidung aus unregelmäßig vertikal geriffeltem Beton und braun gefaßte horizontale Fenster, die mal nur recht schmale Bänder unterhalb der Geschoßdecke bilden, mal weiter zum Geschoßboden reichen, aber immer miteinander verbunden sind. Auch das überstehende Dach des hohen Sockelgeschosses und seine Wände haben die gleiche Verkleidung. Der Sockel ist an der Münchener Straße kürzer als weiter hinten, so daß an den Ecken kleine freie Flächen entstehen. Neben der linken dieser Ecken, aber allseitig zurückgesetzt ragt aus dem Sockel ein quadratischer Hochbau mit drei weiteren, etwas niedrigeren Geschossen auf. Bei jedem von ihnen sind Verkleidung und Fenster unterschiedlich angeordnet. Das ist eigentlich alles und doch erst der Anfang, denn an einigen Stellen durchbricht der Beton diese ohnedies nie starre Ordnung.

PostNeuburgEingang

Der Eingang in der Gebäudemitte ist nicht besonders markiert, es geht einfach zwischen quer gesetzten Wänden mit der allgegenwärtigen Verkleidung hinein. Sogar die kleinen schwarzen Pflastersteine des Gehsteigs setzen sich noch im Inneren fort. Links davon, wo der Schalterraum ist, bestehen die Flächen der Ecke nur aus Glas, vor der glatte wandhohe Betonlamellen sind.

Im hinteren Teil des Sockels sticht ein spitzes Betonelement mit verglasten Seiten hervor. Von hinten, von der im Bogen um das Gebäude führenden Elias-Holl-Schanze, erkennt man, daß es sich dabei um ein Teil des Dachs der dort befindlichen Halle handelt.

PostNeuburgDach

Das Dach ist eigentlich nur eine Abfolge mehrerer kleiner, abwechselnd zu beiden Seiten leicht ansteigender und schräg überstehender Spitzdächer. Da die äußersten Dächer aber gewissermaßen halbiert sind, entsteht dennoch ein skulpturaler Effekt.

Wenn man das Gebäude von hier betrachtet, merkt man zudem, daß es ganz falsch ist, bei ihm von einem Hinten und Vorne zu sprechen. Alle seine Seiten sind gleich wichtig.

Aus dem obersten Geschoß und dem Dach der also nicht hinteren Seite des Hochbaus stehen übereinander je zwei Balkone hervor.

PostNeuburgBalkone

Die unteren beiden bestehen aus dem glatten Beton des Bodens, der nach vorne geschwungen ansteigt und zum Geländer wird, einem Blumenkasten und fast transparenten seitlichen Geländern, während die oberen ganz aus Beton und vielleicht nicht einmal wirkliche Balkone sind.

Vor den Toren des zickzackdächigen Hallenteils ist ein großer, etwas tieferliegender Parkplatz für die Postautos.

PostNeuburgAutos

Von links führt eine lange Rampe mit Betongeländern hinab und ringsum ist eine niedrige Betonmauer mit unten abgerundeten Pflanzenkübeln aus Beton. Sie ist wie ein Rahmen, der das Gelb der Postautos geradezu zum Teil der Architektur macht.

Der scharfe Kontrast zwischen Gelb und Grau findet sich auch im übrigen Gebäude. Neben einigen gelben Postlogos ist da die gelbe Telefonzelle an der rechten Eckfläche zur Münchener Straße.

PostNeuburgTelefonzelle

Schon für sich genommen gehört die Telefonzelle des Typs TelH 78 mit dem abgerundeten Dach, den abgerundeten Fenstern und der gelben Verkleidung zu den Meisterwerken westdeutschen Designs. Sie ist wirklich eine Zelle, ein Modul, das auch in einer Raumstation nicht fehl am Platz wäre, und bei der Neuburger Post ist sie gleichsam zu Hause.

Die linke Eckfläche des Komplexes ist wegen der abzweigenden Ostermannstraße etwa dreieckig. Während auf ihrem rechten Gegenstück Parkplätze sind, ist sie als etwas tieferliegender Ruheplatz mit Baum, Bank und Betonmäuerchen, das eine gewisse Abschirmung von der Straße bietet, gestaltet.

PostNeuburgLinks

Zur Straßenecke beschreibt die Mauer einen Viertelkreis, wo früher wohl ein Schriftzug der Bundespost war, bevor sie mit ineinander versetzten geschwungenen Elementen endet. Hier wird der Beton gänzlich ornamental.

PostNeuburgLinkeEckfläche

Beim Hallendach und bei den Balkonen hatte er es schon versucht, blieb aber letztlich doch funktional. Hier nun scheint er sein zweifelhaftes Ziel erreicht zu haben. Oder sind diese Formen doch ein äußerst abstrahiertes Posthorn?

Heute ist das Holz der Bank kaputt und in der Ecke steht eine Paketstation. Es ist zu befürchten, daß sie irgendwann alles sein wird, was von diesem großartigen Gebäude übrigbleibt. Noch aber ist Neuburgs Post nicht nur eine Symphonie aus Beton, sondern eine funktionierende Post. Und sie ist sogar mehr als das Kleinod, das sie auf den ersten Blick schien, da ihre Lage städtebaulich sehr gut gewählt ist. Sie steht nämlich keineswegs zufällig und zusammenhangslos zwischen den Einfamilienhäusern, sondern genau auf halbem Weg zwischen der Innenstadt und dem großen Wohngebiet Schwalbanger. Sie versuchte, die verschiedenen Teile von Neuburg zu verbinden, aber ein einziges Gebäude reicht dafür nie.

Johannes von Nepomuk mit Blumen

An der Ecke Heiligenstädter Straße/Sickenberggasse im 19. Bezirk wird die hübsche, gleichsam ländliche Tradition gepflegt, dem dort stehenden Johannes von Nepomuk jeweils saisontypische Blumen oder Pflanzen in den Arm zu legen. Meist sind es künstliche, teilweise aber sogar echte Pflanzen.

JohannesVonNepomukLila

Die Skulptur scheint für diesen Schmuck wie gemacht, da ihr rechter Arm eine Lücke hat, die Forsythien oder anderes gut hält. Statt die Hand in etwas gespreizter Geste, die an Überraschung denken läßt, auf die Brust zu stützen, scheint dieser Johannes von Nepomuk sich nun leicht vorzubeugen und im Begriff zu sein, sowohl die Blumen in seinem rechten Arm als auch die Palmwedel und das Kruzifix in seinem linken Arm jemandem geben, schenken zu wollen.

JohannesVonNepomukForsythien

Bloß bleibt unklar, an wen er sich richten könnte. Zwar ist es, als seien die Gebäude der Umgebung um die Skulptur von 1709 oder 1710 herumgebaut. Sogar das Haus, vor dem sie steht, hat für sie eine ausgesparte Ecke.

JohannesVonNepomukHeiligenstädterStraße

Doch leider bringt das wenig, da sie genau schräg zur sehr nahen Straßenecke ausgerichtet ist. Man müßte auf der vielbefahrenen Heiligstädter Straße stehen, um sie von vorne zu sehen. So bleibt von diesem blumengeschmückten Heiligen bloß ein vager Eindruck von Freundlichkeit.

Gemeindebau am Mildeplatz

Wenn man an Wiener Gemeindebau denkt, fallen einem wohl zuerst die großen und berühmten Anlagen der Zwanziger ein, vor allem der Karl-Marx-Hof, während einem mindestens im selben Moment die schlichte Großzügigkeit der besten Lösungen aus den Sechzigern, etwa die Johann Böhm-Wohnhausanlage, und die großen unübertroffenen Meisterwerke der Siebziger einfallen sollten, vor allem der Heinz Nittel-Hof. Doch typischer für das Stadtbild Wiens sind die unzähligen kleinen Gemeindebauten, die in den Fünfzigern und Sechzigern entstanden.

GemeindebauMildeplatzGesamt

Ein hübsches Beispiel steht an der Ecke Seitenberggasse/Mildeplatz im 16. Bezirk. In der Seitenberggasse schließt das Gebäude an ein niedrigeres vorstädtisches Mietshaus aus dem späten 19. Jahrhundert an.

GemeindebauMildeplatzSeitenberggasse

Fünf Geschosse, ein leicht überstehendes Dach, das gerne flach wäre, ockerfarbener Putz, regelmäßige größere und kleinere Fenster, bei den Badezimmern nur horizontale Schlitze. Das alles wäre fast unsichtbar schlicht, wenn nicht die Ecke zum Mildeplatz geschickt betont wäre. Direkt nach den letzten Fenstern wird der Putz weiß und der entstehende horizontale Streifen dient dem Wiener Wappen und der Aufschrift, die aus rotem Metall aufgesetzt sind, als Hintergrund. Mit ihnen präsentiert sich das Gebäude stolz als Gemeindebau: „Wohnhaus der Gemeinde Wien errichtet in den Jahren 1958 – 1959“.

GemeindebauMildeplatzAufschrift

Zum Mildeplatz hin sind die Obergeschosse der Ecke erst ganz leicht vorgesetzt und haben dann Balkone mit gewellten Geländern. Nach diesen folgt wieder der ockerfarbene Putz.

GemeindebauMildeplatz

Ganz rechts, wo das Gebäude an ein größeres Mietshaus anschließt, ist der Durchgang in den Hof. Daß er einen dünnen Rahmen aus hellem Stein hat, sieht man vielleicht nicht, aber das Mosaik um ihn sicher.

GemeindebauMildeplatzKunst

Es besteht aus unregelmäßig angeordneten bunten Flächen, die auf seinem großen fast quadratischen Teil links des Durchgangs groß und fast quadratisch sind, und auf seinem schmalen vertikalen Teil rechts schmal und vertikal. Gleichsam fortgesetzt ist diese künstlerische Gestaltung durch die linke Innenwand des Durchgangs, wo unregelmäßig verteilt kleine horizontale und vertikale Fensterschlitze sind. Hinten ihnen ist der Coloniaraum, wie der Müllraum sehr österreichisch und sehr fünfziger Jahre heißt.

GemeindebauMildeplatzColoniaraum

All das ist völlig typisch, obwohl die architektonischen und künstlerischen Lösungen variieren. Zu jedem Gemeindebau gehören neben der roten Aufschrift unbedingt auch Fahnenstangen, damit am 1. Mai, am Nationalfeiertag am 26. Oktober und vielleicht noch am 12. Februar, dem Jahrestag des Bürgerkriegs 1934, österreichische und Wiener Flaggen gehisst werden können, eine Steintafel mit den Namen des Bürgermeisters, einiger Stadträte und schließlich des Architekten

GemeindebauMildeplatzSchild

und eine rote SPÖ-Infotafel.

GemeindebauMildeplatzInfotafel

Um das Problem all dieser kleinen über die Stadt verstreuten Gemeindebauten zu erkennen, muß man bloß in den Hof gehen. Er ist nur ganz klein, etwas Gras, eine Birke, ein paar Hecken, ein paar Blumen. Dicht daneben die Mauern zur Hinterhoflandschaft der alten Gebäude ringsum.

GemeindebauMildeplatzHof

An der überkommenen Stadtstruktur ändern solche Gemeindebauten also rein gar nichts. Sie sind eben Blockrandbebauung und auch ihre Höfe sind oft klein. Sie wollen nichts Neues schaffen, sie können es auch nicht. Sie sind Ausdruck der Unmöglichkeit von Städtebau im Kapitalismus. Und so groß die Macht der Sozialdemokratie in Wien war und teils noch ist, am Privateigentum an Grund und Boden konnte sie nicht rühren. Die Allgegenwart von Gemeindebauten wohin man auch geht ist daher kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Sie sind Symbole einer sozialdemokratischen Macht, die nicht besteht.

Lijnbaan

Rotterdam hatte Glück, nein, richtiger: Rotterdam hatte Glück im Unglück. Das Unglück war die völlige Zerstörung seines Stadtzentrums durch deutsche Bomben am 14. Mai 1940. Das Glück war das wiederaufgebaute Stadtzentrum: die Lijnbaan.

Ihre Struktur ist denkbar einfach. Eine breite ungefähr von Süden nach Norden verlaufende Fußgängerzone zwischen einheitlichen zweigeschossigen Gebäuden, die im Erdgeschoß Schaufenster und im Obergeschoß kleinere Fenster und vertikale Streben haben. Vor den Gebäuden sind Kolonnaden mit dünnen Stahlstützen und holzverkleideten Decken, die In regelmäßigen Abständen Querverbindungen zur anderen Seite bilden.

VordächerLijnbaanRotterdam

Dazu kommen Beete, Bäume, Bänke und einige Kunstwerke. Bloß zwei Querstraßen unterbrechen die Abfolge dieser Elemente. Auf einem der querenden Vordächer am südlichen Beginn der Lijnbaan steht in großen gelb-grünen Buchstaben in einer nicht verschnörkelten, aber auch nicht bloß sachlichen kursiven Type ihr Name.

LeuchreklameLijnbaanRotterdam

Jeder Laden in Ost wie in West, der etwas auf sich hielt, hatte in den fünfziger Jahren eine ähnliche Leuchtreklame. Etwas wie die Lijnbaan aber gab es im Jahre 1953 nirgends auf der Welt.

Das ist es, was man sich bewußt machen muß, wenn man die Lijnbaan betrachtet: sie war einzigartig. Es gab nichts Vergleichbares. Eine lange und großzügige Einkaufsstraße mit einheitlicher Bebauung und ganz für den Fußgänger, ganz ohne Autos, eine Fußgängerzone. Das war neu, das war revolutionär, das war ein Kulminationspunkt eines halben Jahrhunderts fortschrittlicher Bestrebungen in Architektur und Städtebau. Und die Lijnbaan ist ja nicht irgendwo, sondern mitten in Rotterdam, der zweitgrößten Stadt der Niederlande und einer der wichtigsten Hafenstädte der Welt. Sie ist nicht nur diese Einkaufsstraße, sondern Kern von etwas Größerem.

In ihrem nördlichen Teil wird die Lijnbaan statt von einer Straße von einer identisch aufgebauten Fußgängerzone, der Korte Lijnbaan (Kurze Lijnbaan), gequert. Sie verläuft von West nach Ost auf das Stadhuis (Stadthaus) zu, das als eines der wenigen Gebäude die deutschen Bomben überstanden hatte.

KorteLijnbaanRotterdam

Im Kreuzungspunkt der beiden Fußgängerzonen steht eine Plastik sich balgender Bärenjungen,

BärenLijnbaanRotterdam

dann öffnet sich der Stadhuisplein (Stadthausplatz). So wie der Platz in zwei Stufen breiter wird, steigen die Bürogebäude an seinen Seiten in zwei Stufen auf vier Geschosse und dann auf sieben Geschosse an. Das Stadhuis ist dann jenseits der Straße Coolsingel, einer großen Verkehrsachse, die den von der Lijnbaan verbannten Autoverkehr aufnimmt. Zum Coolsingel hin, auf der gesamten östlichen Seite der Lijnbaan, stehen sehr vermischte Bürogebäude aus den folgenden Jahrzehnten. Einzig am Stadhuisplein sind sie in eine Ordnung gezwungen, wobei sie zwar verschiedene Fassaden haben, aber in den Bauvolumen identisch sind.

Das Stadhuis selbst ist ein monumentaler Neorenaissancebau, der aus dem späten 19. Jahrhundert stammen könte, aber perverserweise erst 1920 fertiggestellt wurde. Daß gerade dieses Monstrum, Ausdruck reaktionärster Architekturgesinnung, die Bomben heil überstand, gehört zu den bitteren Tatsachen der Zerstörung Rotterdams. Aber ein solch massiver Neubau hatte es eben einfacher als zierlichere und schönere Bauten des Zentrums, die erhaltenswert gewesen wären. Nicht um seiner selbst Willen, sondern als Symbol des Vorangegangen,so hassenswert es auch sein mag, keineswegs aber des Alten, mußte die Lijnbaan das Stadhuis trotzdem in sich aufnehmen. Sie tat gut daran, denn sie wächst durch den Kontrast weiter und zeigt wie weit Rotterdam in nur dreißig Jahren kam.

StadhuispleinLijnbaanRotterdam

In der Mitte des Stadhuisplein steht ein Denkmal für die Opfer der deutschen Bombenangriffe. Auf einem niedrigen Sockel vier überlebensgroße realistisch dargestellte Figuren. Während die beiden Männer zur Lijnbaan schauen, zu ihrem Aufbauwerk, von dem sie gerade auszuruhen scheinen, sind das Kind und die Frau zum Stadhuis gewandt. Es wirkt, als wundere sich das Kind über dieses Ding dort, wobei ihm die Frau in der Erklärung mit der Hand über den Kopf streichelt. Die Lijnbaan selbst ist eine Art gebauter Antifaschismus. An die Stelle dessen, was die Deutschen zerstörten, kam nicht etwa ein wiederhergestelltes Altes, sondern eine Neues, das in seiner Menschlichkeit die Antithese zur Naziarchitektur ist.

Das Neue, das ist insbesondere die Wohnbebauung westlich der Lijnbaan. Parallel zur Fußgängerzone erheben sich lange zehngeschossige Gebäude, während entlang der Querstraßen und der Korte Lijnbaan etwas kürzere vierzehngeschossige Gebäude stehen.

AertVanNesstraaatLijnbaanRotterdam

Ihre Formen unterscheiden sich jeweils leicht, aber alle haben sie dieses Spiel von großen, bis weit zum Boden reichenden Fenstern und Flächen aus hellem Backstein, Beton oder Putz, das für die beste niederländische Architektur der Zeit typisch ist.

ZumParkLijnbaanRotterdam

Auch die dritte Seite entlang der westlich parallel zur Lijnbaan verlaufenden Karel-Doormanstraat (Karel-Doorman-Straße) ist durch dreigeschossige Gebäude, Reihenhäuser gar, teils geschlossen, aber das merkt man kaum. Denn dazwischen sind üppige Grünflächen, die sich nach Südwesten öffnen.

ParkLijnbaanRotterdam

Sie sind mit Wiesen, Bäumen und Wasser abwechslungsreich gestaltet und zugleich Durchgangs- als auch Aufenthaltsflächen. Sie, kleine Oasen der Ruhe, ergänzen die geschäftige Einkaufsstraße. Sie gehören zusammen, beide öffentlich, beide dem Fußgänger vorbehalten, beide etwas Neues.

Es ist der westliche Bereich, durch den die Lijnbaan so wichtig wird. Gäbe es ihn nicht, wäre sie zwar gut, aber letztlich doch nur eine kapitalistische City, in der eben Auto- und Fußgängerverkehr getrennt sind. Doch mit der Wohnbebauung und den Grünflächen, die wertvollsten innerstädtischen Raum einnehmen, geht sie darüber hinaus. Durch diese große zusammenhängende Planung, in der Läden, Büros, Wohnungen, Freiflächen und Grün zu einem, man kann es nicht oft genug wiederholen, nie dagewesenen Ganzen zusammenfinden, wurde die Lijnbaan zum Vorbild einer ganzen Generation von Stadtplanern. Man spürt ihren Einfluß in jedem städtischen Raum, der in den nächsten Jahrzehnten gebaut wurde. Sie bekam Nachfolger, die besten in den sozialistischen Staaten, die sie, wie es Nachfolgern gebührt, oft übertrafen.

Perfekt ist die Lijnbaan auch bei Weitem nicht. Auch die fortschrittlichste Stadtplanung änderte nichts daran, daß Rotterdam eine dezidiert kapitalistische Stadt ist. Hinter den Ladengebäuden sind kleine Zufahrtsstraßen, britischen back alleys (Hintergassen) oder auch Hinterhöfen gleich, eng, schmutzig, dunkel, jedenfalls vergleichsweise, die Rückseite der Lijnbaan. Das war den technischen Möglichkeiten der Zeit geschuldet, die es noch nicht wirtschaftlich machten, Anlieferungsbereiche unterirdisch anzuordnen, aber dennoch schon bezeichnend. Auch der grünen offenen Höfe gibt es nur zwei und wo ein dritter sein könnte, sind ein Parkhaus und ein enger Hinterhof.

Vor allem jedoch hielt der Rest des wiederaufgebauten Rotterdam nie, was die Lijnbaan versprach. Alle Gebäude neu, auch keine klassischen Hinterhöfe mehr, aber immer Straßen und Straßenkreuzungen, die sich fälschlich Plätze nennen. Kaum hat man die Grünanlagen der Lijnbaan verlassen, ist man in Straßen, die nicht weniger beliebig sind als in jeder anderen kapitalistischen Stadt.

UmgebungLijnbaanRotterdam

Südlich der Lijnbaan wurde in den Sechzigern versucht, eine angemessene Fortsetzung zu bauen, aber sie endet bald diffus zwischen Kaufhausbauten. Alles spätere blieb Dekoration oder planloses Zubauen freier Flächen. Auch die eigentliche Lijnbaan, die Einkaufsstraße, blieb von all den Moden der Zeiten nicht unberührt. Die Vordächer sind nur noch selten annähernd original und fehlen manchmal ganz. Die Beete und viele Bänke sind verschwunden, die Bäume groß geworden.

Der etwas zurückgedrängte Kapitalismus eroberte sich die Stadt zurück. Auch der schönste Garten kann dem wuchernden Dschungel nicht standhalten. Das Schicksal der Lijnbaan entspricht damit dem der westeuropäischen Sozialstaatlichkeit. Aber noch immer wirkt die Lijnbaan so neu wie ihr gelber Schriftzug nun altmodisch wirkt. Noch immer überrascht die Offenheit und Großzügigkeit, weil man diese in kapitalistischen Städten sonst höchsten an den Rändern findet. Noch immer ist die Lijnbaan das Herz von Rotterdam. Sie war die erste und sie wird bestehen blieben, während vieler ihrer Nachfolgerinnen, die Prager Straße in Dresden etwa oder die Stadtpromenade in Cottbus, schon erstört sind. Rotterdam hatte einmal mehr Glück.