Barock als Befreiung

Man sollte den Barock als eine Befreiung betrachten. Zwei kleine Wiener Beispiele mögen das illustrieren:

SpiralsäulenJesuitenkirche

In der Jesuitenkirche im 1. Bezirk sind die meisten seitlichen Altare von klassischen Säulen aus kostbarem bunten Marmor flankiert, doch vier haben stattdessen spiralförmig gewundene Säulen. Es wirkt, als haben Wellen eine Säule aus weicherem Stein als Marmor nach und nach zu dieser bizarren Form aufgeweicht.

GiebelRochuskirche

Die Rochuskirche im 3. Bezirk hat einen klassischen Dreiecksgiebel, doch sie hat darüber auch noch einen flachen Bogengiebel. Es wirkt, als sei Wind in die geraden Linien des ersten Giebels gefahren und habe sie gleich einem Segel zu den geschwungenen Linien des zweiten Giebels aufgebläht.

Genau so, wie aufweichendes Wasser oder frischer Wind, wirkte der Barock für die starren antiken Formen der Renaissance. Sicherlich wirken doppelte Giebel oder spiralförmige Säulen etwas lächerlich, da sie so offenkundig dem ursprünglichen Sinn von Dreiecksgiebeln und Säulen widersprechen. Aber ist es nicht überhaupt lächerlich, Dreiecksgiebel oder Säulen zu verwenden, wenn man keine römischen Tempel mehr bauen will? Die offensichtlich lächerlichen Formen des Barock entlarven bloß die Lächerlichkeit, die es immer bedeutet, sich für Bauvorhaben der Gegenwart an Vorbildern aus der Geschichte zu orientieren. Sie sind so etwas wie ein ironischer Kommentar. Was der Barock damit letztlich sagt ist auch: nicht nur die Formen, auch die Gebäude könnten ganz anders sein. Sie könnten funktional zusammengefügte Module sein, sie könnten dreieckig sein, sie könnten so vieles sein, was sie bei den Römern oder Griechen nie sein konnten!

Es stimmt, daß die Befreiung der Schmuckformen von historischen Vorbildern im Barock selten zu einer wirklichen Befreiung des Bauens führte und aufgrund des Entwicklungsstand der Produktivkräfte wohl auch nicht führen konnte, daß ein wahrhaft radikaler Barock über Ansätze nie hinauskam. Aber der Barock war zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, ein Schritt weg von der Vergangenheit und hin zu einer Zukunft. Doch dann kam der Klassizismus, das Empire, die Rückbesinnung auf die Antike und dann kam Semper und in seinem Gefolge mit dem Historismus der endgültige Verfall. Erst der Jugendstil befreite die Schmuckformen wieder von der Geschichte, er war ein neuer Barock, aber er wurde schon kaum mehr gebraucht, denn nun war die Zeit reif, waren die Produktivkräfte hinreichend entwickelt für eine befreite fortschrittliche Architektur.

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