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Das Schönste in Iași

Korrektur: Der Text entsprach zwar zum Zeitpunkt seiner Abfassung Ende 2018 den Tatsachen, nicht aber zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, denn seit dem 13. September 2019 gibt es auch im Palas-Einkaufszentrum einen McDonald’s.

Die McDonald’s-Situation in Iași ist eigentümlich. Es gibt einen in der Iulius Mall im Südosten der Stadt und einen weiteren beim Bahnhof im Nordwesten.

Das Einkaufszentrum Iulius Mall liegt einer großen Kreuzung bei den Fakultäten und Wohnheimen der Technischen Universität am Bahlui in einem durchaus städtischen Bereich, aber auch nicht zentral. Wiewohl im Jahre 2000 eröffnet, mithin nicht sehr alt, wirkt es wie aus einer fernen Zeit. Außen hat es zumeist eine Verkleidung aus weißen Quadraten, deren Ecken teils hochgeklappt sind, so daß eine hübsch bewegte Fassade wie bei einem sozialistischen Kaufhaus aus den Siebzigern entsteht.

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Innen ist es so eng und verwinkelt, so weit von westlichen Moden auch vor zwanzig Jahren entfernt, daß es wiederum an die Siebziger erinnert. Wie im Westberliner Europacenter etwa gibt es ein Restaurant über einem Wasserbassin. Wenn eine hohe rotbräunlich verkleidete Wand unter dem einfachen Glasdach Wasser herunterläuft, sieht das nur halb wie ein aufwendiger, etwas altmodischer Zierbrunnen und halb wie ein Wasserschaden aus. Hier, im engen Food Court, ist der McDonald’s.

Der McDonald’s beim Bahnhof ist ein sofort erkennbares Standardgebäude seiner Zeit mit hutartigem Walmdach und McDrive, völlig gleichgültig gegenüber seiner Umgebung, aber zugleich gut passend, da auf dem Bahnhofsvorplatz viel Platz ist.

Er war, 1998 eröffnet, der erste und bleibt das Flaggschiff der Iașier McDonald’s (tatsächlich gehört zum Kinderspielbereich etwas, das wie ein Schiff aussieht).

Keinen McDonald’s gibt es im Zentrum von Iași, das grob gesagt zwischen den beiden Filialen liegt. So schön die Vorstellung eines McDonald’s in einem der Pavillons des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), einer Vereinigung von Kapitalismus und Sozialismus also, auch wäre, sollte das dort vielleicht nicht überraschen. Doch daß es auch im Einkaufszentrum Palas keinen McDonald’s gibt, ist schlichtweg unfaßbar, ist es doch ein genuin kapitalistischer Ort, der geradezu danach verlangt.

Vielleicht ist das jedoch auch Absicht. Im Food Court von Palas gibt es unzählige einheimische Ketten, an einer Ecke unten einen Subway, aber schon KFC ist merkwürdig versteckt und unbeworben bei einer Rückseite, wo auch ein Drive Thru ist.

Man sieht dort ein durchaus anderes Publikum als im Food Court, keine Büroangestellten mehr, eher die, die die Büros putzen, oder aber Bewohner der umliegenden Dörfer auf Stadtbesuch, viele Roma auch. Das liegt übrigens nicht an den Preisen, die ähnlich sind. Vielleicht ist McDonald’s einfach zu demokratisch, zu egalitär für den heutigen Kapitalismus, der davon lebt, Scheindistinktion zu verkaufen und sich in Palas so gut verkörpert. Schon mit McDonald’s war der Kapitalismus schlimm genug, doch wenn einer der kapitalistischsten Orte, die man sich vorstellen kann, keinen McDonald’s hat, gibt es endgültig nichts Schönes mehr am Kapitalismus.

Um das Schönste in Iași zu sehen, muß man also an die Ränder gehen. Man kann dort all das Übliche und Vertraute essen und deshalb, für das beruhigende Gefühl, zu Hause zu sein, besucht man McDonald’s ja. Es gibt aber auch ein spezifisch rumänisches Produkt, nicht als spezielle Aktion, sondern im ständigen Angebot. Hinter dem nüchtern deskriptiven Namen „Sandviș cu porc și sos de hrean“ (Schweinfleischsandwich mit Meerettichsauce) verbirgt sich der vielleicht beste McDonald’s-Burger überhaupt.

Er ist genau, was sein Name verspricht und die Schweinefleischfrikadelle, die Sauce, die mit nichts anderem bei McDonald’s zu vergleichen ist, und einige Zwiebelschnitze und Essiggurken ergeben ein großartiges Gericht. Allein schon dafür lohnen sich die weitesten Wege.

Die Unabhängigkeit im Krankenhaus

1977 feierte Rumänien das hundertste Jubiläum seiner Unabhängigkeit vom osmanischen Reich und 1980 wurde mit leichter Verspätung in Iași ein großes Denkmal dazu eingeweiht. Es steht auf dem großen, durch abwechslungsreichen Baumbestand aber angenehmen Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) am vielbefahrenen Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit).

Sein Hauptelement ist die riesige Bronzeplastik einer sehr schlanken und feingliedrigen Frau mit dennoch breiten Hüften und großen Brüsten. Sie steht wie im Schreiten mit leicht vorgesetztem linken Bein und weit ausgebreiteten Armen. Das Kleid, das sie trägt, ist um die Beine und Arme wallend weit, um den Oberkörper jedoch eng. Ihr Gesicht ist ernst mit geschlossenen Augen, ihr Haar recht kurz und gelockt. In der linken Hand hält sie ein Tuch, das dann im weiten Bogen über ihrem Kopf und zu ihrem Rücken weht.

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Sie steht auf einem hohen rechteckigen Sockel mit hellgraubraunweißer Steinverkleidung, durch den quer zur Straße ein wandartiger niedrigerer Teil verläuft. Derselbe Stein ist auch für die niedrige Treppenanlage, auf der die Sockel stehen und für Dachfirst und Flächen an den Rändern des sechsgeschossigen Gebäudes, das den Platz rückwärtig abschließt, verwendet. Mit seinen horizontalen Bändern aus Fenstern und gelbem Putz und schmalen vertikalen Streben bildet es eine Art Rahmen für das weit davor stehende Denkmal.

Das ist alles nicht schlecht. Die von der Bildhauerin Gabriela Manole-Adhoc geschaffene Plastik ist groß, einfach, nicht so leblos, daß sie nur Allegorie sein kann, und ihre Kleidung ist eine gelungene, wiewohl vielleicht unabsichtliche Mischung aus einer Bauerntracht von 1877 und osteuropäischer Posthippiemode von 1977. Doch alles käme nun auf den Sockel an.

Seine Breitseiten sind bedeckt mit Bronzereliefs aus der Hand von Gheorghe Adoc, Ehemann der Schöpferin der Plastik, die vor allem Kriegsszenen und eine Versammlung, wohl die Unabhängigkeitserklärung, zeigen, dazu die Zahl 1877. Das ist nicht nur äußerst nichtssagend, sondern auch künstlerisch recht nichtig. Eine Szene mit vorstürmenden Soldaten, hinter denen eine Fahne mit, damit keine Zweifel bleiben, dem Wort România weht, nutzt den vertikalen Teil des Sockels, aber die anderen wissen mit ihrer Fläche gar nichts anzufangen. Es ist Kunst des 19. Jahrhunderts, in nichts besser als etwa das Vereinigungsdenkmal auf dem nahen Piața Unirii (Platz der Vereinigung). Wie um das zu unterstreichen, steht vorne auf der zur Straße zeigenden Schmalseite des Sockels: „‚Independenta e suma vietii noastre istorice‘ M. Eminescu“ (Die Unabhängigkeit ist die Summe unserer geschichtlichen Lebens).

Das ist genau das, was man auf einem bürgerlichen Unabhängigkeitsdenkmal erwarten würde. 1980 war Rumänien jedoch ein sozialistischer Staat. Davon ist hier keine Spur. Für Mihai Eminescu, einen großbürgerlichen Dichter des 19. Jahrhunderts, mag die Unabhängigkeit die Summe seines politischen Lebens gewesen sein, für einen sozialistischen Staat jedoch ist diese Summe viel zu niedrig. Aus der Entfernung noch, wenn man nur die sowjetisch inspirierte Plastik sieht, kann man ein sozialistisches Kunstwerk erwarten, doch aus der Nähe ist da bloß bürgerlicher Nationalismus.

Ganz so absolut war der bürgerliche Charakter des Denkmals zur Eröffnungszeit nicht: das Eminescu-Zitat stammt erst aus den Neunzigern, was auch an dem SMS-Rumänisch ohne Sonderzeichen, das dem Dichter wohl schwerlich gefallen hätte, zu erkennen ist. Vielleicht spürte der rumänische Sozialismus, das doch etwas fehlte und lehnte das von den Künstlern angeblich bereits vorgeschlagene Zitat ab. Stattdessen stand dort etwas von, selbstverständlich, dem Staatschef Nicolae Ceaușescu:

„Eroismul înaintașilor de acum un secol va trăi veșnic în conștiința profund recunoscătoare a întregii națiuni, iar opera făurită cu sângele lor, de generațiile de la 1877, va străluci întotdeauna în istoria noastră, ca una din cele mai mari izbânzi pe drumul libertății, progresului, independenței și fericirii poporului român” (Der Heroismus der Vorfahren von vor einem Jahrhundert wird ewig im tief dankbaren Bewußtsein der gesamten Nation leben, und das mit ihrem Blut, der Generationen von 1877, geschmiedete Werk wird in unserer Geschichte immer als einer der größten Siege auf dem Weg der Freiheit, des Fortschritts, der Unabhängigkeit und des Glücks des rumänischen Volks glänzen)

Das ist wiederum nicht schlecht, es stellt die Unabhängigkeit immerhin in einen bei gutem Willen sozialistisch zu nennenden größeren Zusammenhang, aber es genügte leider nicht, das Denkmal zu einem sozialistischen zu machen, da der Inhalt der Reliefs bürgerlich ist. Und auch mit besseren Reliefs würde es vielleicht kein ganz großes Denkmal werden, aber doch ein angemessenes, das viel von hundert Jahren rumänischer Unabhängigkeit erzählen könnte, aber als einem Prozeß voller Konflikte und Kämpfe.

So ist es vielleicht nur passend, daß das Unabhängigkeitsdenkmal von Iași auch städtebaulich eine verpaßte Gelegenheit ist, da es nicht nur an der großen Straße, sondern genau neben der Achse des Piața Unirii liegt.

Und das rahmende Gebäude dahinter wie die unscheinbaren rechts des Platzes, sie gehören zu einem großen Krankenhaus. Die Unabhängigkeit hätte mehr verdient.

Bürgerliches Iași

Während der Großteil der Häuser von Iași klein und bescheiden ist und im Sommer im Wein verschwindet, gibt es auch hier eine typisch großbürgerliche Architektur. Sie konzentriert sich im Stadtteil Copou bei der Universität, am oberen Teil der durch die Stadt führenden Achse, wo viele Parks sind, überhaupt alles großzügiger und ruhiger wird und eine Kaserne nicht weit ist, damit im Fall der Fälle rasch die Ruhe wiederhergestellt werden kann. Die Achse heißt hier Bulevardul Carol I. (Carol-I.-Boulevard) und aus der Regierungszeit dieses ersten rumänischen Königs (1866-1914) sind auch viele der bürgerlichen Villen. Einige interessantere kann man in der Aleea Copou (Copou-Allee), die vom Boulevard abzweigt und am Rande eines Parks entlangführt, betrachten.

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Zuerst freistehende bürgerliche Mietshäuser, zwei-, dreigeschossig und in allerlei historistischen Formen. Gebäude dieser Art könnten überall in Europa stehen, die Straße hat keinerlei lokales Element mehr, man könnte meinen, Iași, Rumänien, verlassen zu haben. Doch dann folgt ein Gebäude, das zwar ebenfalls überall stehen könnte, aber überall ungewöhnlich wäre und auffiele. Statt an der Straße steht es quer über ihr.

In der Mitte ist unten eine Durchfahrt auf dorischen Säulen, während darüber im zweiten Geschoß eine große und hohe Glasfläche mit seitlichen ionischen Säulchen und Rundbogen die Torform vollendet und vom überstehenden Satteldach mit einer ornamentalen Konstruktion aus Holzbalken beschirmt wird. In der Durchfahrt sind Nischen und zu beiden Seiten Eingänge, so daß der innere Aufbau des Gebäudes unklar bleibt.

Es bleibt ein historistischer Bau, doch er schafft mit der Durchfahrt zugleich einen sehr ungewöhnlichen städtischen Raum und läßt hinter dem Fenster einen prachtvollen Innenraum mit sehr ungewöhnlicher Aussicht erahnen. Solche Experimente, solche Extravaganzen sind das Beste, was man von historistischer Architektur erwarten kann, und daß sie so selten sind, ist nur ein weiteres Argument gegen sie.

Auf der anderen Seite der Durchfahrt verändert sich der Charakter der Straße völlig, man ist eine andere Zeit getreten, die Zwischenkriegs, in der verschiedene Könige regierten, zuletzt der umstrittene Carol II.

Nach wie vor sind dort großbürgerliche Häuser, doch statt historistischen Formen sind sie nun ganz schlicht und eckig, bauhausstilig, weiß verputzt. Das Haus über der Straße ist wie ein Tor zur modernistischen Architektur, die aber nur in den äußeren Formen fortschrittlicher ist. Versteckt hinter Bäumen überläßt es ihnen die weitere Straße völlig. Nach dem Bogen nach links, den die Aleea Copou macht, steht auf der linken Seite ein Haus, das Iașis großbürgerlicher Architektur der Zwischenkriegszeit, besonders gut repräsentiert.

Es ist zweigeschossig, gelblich verputzt, die Fenster in blaßblauem Holz gefaßt, sein Dach flach und leicht gestuft überstehend. Rechts ist der etwas niedrigere Eingangs- und Treppentrakt mit schmalen vertikalen Fensterbändern nach vorne und nach rechts. Der Mittelteil ist etwas vorgesetzt und am höchsten, links schließt wiederum zurückgesetzt und etwas niedriger ein weiterer Teil an. Vor diesen beiden Teilen verläuft ein Balkon, der rechts abgerundet beginnt, abgerundet um die Ecke verläuft und links abgerundet endet. Ursprünglich hatte er wohl nur horizontale Stahlrohrgeländer, doch schon lange ist er mit dünnen Scheiben und einem grünlichen Dach völlig verglast, was ebensogut, vielleicht besser, paßt. Es ist der Balkon, dieses Runde vorm Eckigen, der diese Villa so elegant macht.

Ganz wie die anderen Gebäude der Straße ist auch dieses Gebäude völlig ortlos und international. Es ist ein Kleinod, dem man nur das Beste wünschen kann in der Renovierung, die im Sommer 2018 offenbar anstand.

Was in Iași wirklich wichtig ist, das ist selbstverständlich, so interessant und hübsch das Haus über der Straße und das mit dem gläsernen Balkon sind, nicht in der Aleea Copou zu finden.

Palas

Wer das heutige Iași sehen will, muß bloß Palas besuchen. Palas ist ein Einkaufs- und Bürozentrum, aber keines, wie man es erwartet. Es hat die üblichen Geschäfte, einen großen Food Court über einem großen Auchan-Supermarkt, einige mittelhohe Bürogebäude, ein Bürohochhaus, das wie ein Wohnhochhaus aussieht, und ein Hotelhochhaus.

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Außer dem Hotel, das in seinem billigen Historismus an amerikanische Provinzhochhäuser vor hundert Jahren erinnert, ist die Architektur mit viel braunverspiegeltem Glas, braunem und hellem Stein und brauner glatter Verkleidung auf dem üblichen internationalen Standard für solche  Architektur.

Der interessanteste Teil ist eine große Halle mit weitem Dach aus weißen Metallstreben, an deren Seiten drei Geschosse in Terrassenstufen ansteigen. Wie um die Leichtigkeit und Eleganz der Konstruktion auszugleichen, sind die einzigen Stützen in der Mitte mit grauem Stein möglichst wuchtig und monumental gestaltet.

Doch das Besondere an Palas ist nichts von alledem, sondern einzig die Tatsache, daß es sich in vager Hufeisenform um den Park des Schlosses von Iași legt. Alles an ihm ist auf diesen Freiraum und den riesigen neogotischen Bau des Schlosses selbst, der oberhalb des terrassierten Hangs steht, ausgerichtet.

Zwischen dem Einkaufszentrum und dem Park stehen weiterhin stark verglaste zweigeschossige Pavillons mit Cafés, Restaurants und Bars. Der Pavillon eines Restaurants namens „Platz Bierhaus” hat Tische auch in einer Laube im Parkteich, in dem selbstverständlich eine Fontäne ist.

Anderswo gibt es Trampoline und Karussells für Kinder. Über all dem steht das Schloß, das mit der vor seiner Mitte den Hang herabführenden Treppen- und Brunnenanlage ein perfektes Selfiemotiv bietet. Der gesamte Park bis kurz vor dem Schloß ist wohlgemerkt kein öffentlicher Ort, sondern als Teil von Palas im Privatbesitz.

Es läßt sich nicht einmal sagen, daß Palas ein schlechter Ort ist, eher ist es einer, der staunen und recht eigentlich schwindelig macht. Palas, das ist der gegenwärtige Kapitalismus komprimiert in einen städtischen Raum. Es ist damit in mancher Hinsicht ein perfekter Ort.

Die reaktionäre historistische Architektur des 1926 fertiggestellten Schlosses, das schon lange Palatul Culturii (Kulturpalast) mit mehreren Museen und heute so renoviert ist, daß von einer „Patina des Alters” (Piltz) nichts mehr bleibt, paßt gut zum Bedürfnis nach photogenem Kitsch. Palas war klug genug, sich selbst architektonisch zurückzuhalten und die Formen des Schlosses nicht etwa nachzuahmen. Um den privaten Park ist kein Zaun und es gibt sehr viele Bänke und frei zu betretende Wiesen, die öffentlichen Raum simulieren. Sie tun das sogar mit gewissem Erfolg, doch wo auch immer man ist, ist da von etwas zu viel. Verschiedene Musik aus mindestens zwei, drei Quellen vermischt sich zu einer Kakophonie, wenn man nicht in einem der Cafés etc. sitzt. Das Licht nachts ist grell und läßt alles noch surrealer wirken. Überall sind so viele Menschen, daß es immer auf unklare Art voll wirkt, ohne daß man meist eine Menge wahrnimmt. Ein umfangreiches Verbotsschild macht stets deutlich, daß man hier nur zu Gast ist, aber die Verbote werden gegenwärtig offenbar nicht im geringsten durchgesetzt.

Zu dem zahlenden Publikum in den Bars etc. kommen daher immer noch viele andere Menschen. Links des Schlosses etwa haben die Skater ihren Platz. Und es gibt sogar erstaunlich dunkle Stellen mit Bänken, wo Pärchen andere für Palas schwer direkt zu monetisierende Dinge machen können.

Aber nein, ein schlechter Ort ist Palas nicht. Wenn auch das Schloß eine traurige Monstrosität ist, so ist das Grün des Parks wertvoll und es wird durch grüne Dachterrassen auf manchen der Pavillons noch erweitert. Erst an den Rändern, sozusagen auf der Rückseite von Palas wird die absichtliche Unzulänglichkeit dieser Architektur völlig deutlich. Während innen im Park alles offen und autofrei ist, hat man sich hier durch ein Gewirr von Zufahrtsstraßen und Tiefgarageneinfahrten zu kämpfen.

Sicher, eine Mauer wäre schlimmer, aber vermeidbare Hindernisse bedeuten doch eine Erniedrigung, was nun wieder paßt, da diese für die Angestellten in den auf frankophone Märkte ausgerichteten Outsourcingfirmen von Palas und für jeden in einer kapitalistischen Gesellschaft eine tägliche Erfahrung ist.

„Inima orașului“ (Das Herz der Stadt) lautet der Slogan von Palas und wenn das stimmte, wäre die Stadt eine Art Zombie oder Cyborg. Aber es stimmt nicht und obwohl es Schlimmeres gibt als Palas, ist Iași glücklicherweise weit mehr, noch immer und trotz alledem.

Der (fast) vereinigte Platz – Zweiter Teil

Es ist nicht so, daß das Leben des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), des Herzens von Iași, Symbole bräuchte, denn es ist immer offensichtlich. Bei schönem Wetter und im Sommer spätestens, wenn die Sonne nicht mehr zu hoch steht, ist jede Bank und manche Stufe des Vereinigungsdenkmals besetzt. Familien füttern die Tauben, die tagsüber auf dem glatten Pflaster und nachts auf den Dächern und Simsen zu Hause sind, Kinder jagen ihnen nach. Unzählige Passanten durchqueren den Platz. Dieses Leben ist der einfachste Beweis dafür, wie gelungen der Piața Unirii ist und was für großartige Orte die fortschrittliche Architektur zu schaffen vermag.

Der Platz ist ein recht typisches Beispiel für ein städtebauliches Ensemble aus den sechziger Jahren in einem sozialistischen Staat, das von der Rotterdamer Lijnbaan inspiriert ist, ähnlich wie etwa die Prager Straße in Dresden. Er macht dabei alles richtig, er ist ein großzügiger, offener, trotz vertikaler Dominante und überkommenem Denkmal nichthierarchischer, demokratischer Platz. Und er ist mehr als ein Platz.

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Schon der beschriebene Boulevard, der auf Stadtplänen seinen Namen trägt, ist zwar mit ihm verbunden, aber auch ein Ort für sich, und hinzu kommen viele weitere Verbindungen mit der Stadt.

Jenseits der Straße, die die Grundseite des Platzes bildet, folgt sein zweiter Teil. Hier stehen drei zehngeschossige Punkthochhäuser mit Wohnungen und zwischen ihnen sind zweigeschossige gläserne Pavillons.

Mit einem rechteckigen Raster ähnelt die Fassade der Punkthäuser der des Hotels, doch hier ist es auf schmale Streifen reduziert und die Fenster nehmen nicht die gesamte Fläche ein. Auch den rechteckigen Grundriß und die Ausrichtung der Schmalseiten zum Platz haben sie mit dem Hotel gemein. Auf den Dächern sind Terrassen mit Geländern und einem auf schmalen runden Stützen ruhenden umlaufenden Betonstreifen. In den zweigeschossigen Sockeln bilde eckige steinverkleidete Stützen Kolonnaden mit Läden.

Mit den Pavillons, in denen beispielsweise eine Buchhandlung ist, sind die Breitseiten der Punkthäuser durch Vordächer, eigentlich eher Betongitter mit unregelmäßig rechteckigen Öffnungen, verbunden.

Links schließt nach dem letzten der Punkthäuser das Cinema Victoria (Kino Victoria) den zweiten Teil des Platzes ab.

Es ist ein freistehender Pavillon anderer Art, höher, auf rechteckigem Grundriß und ganz aus meist vertikalen Streben zusammengesetzt, die teils Kolonnaden bilden oder aus denen wie schwebend kleine Balkone hervorstehen und die es doch nie monumental wirken lassen. Es ist wie ein Schmuckstück, ein Würfel in einem unbekannten Spiel, und was könnte für ein Kino besser passen?

Geht man zwischen den Punkthäusern und den Pavillons hindurch, führen Treppen ein Stück hinab in den Parcul Junimea (Park der Jugend).

Es sind nur Meter vom Platz dorthin und doch ist er ein Ort mit ganz eigenem Charakter, der zugleich auch Teil des weiteren Ensembles ist.

Hier ragen die Punkthäuser hinter hohen Bäumen auf, es gibt Skulpturen und Büsten rumänischer Persönlichkeiten, Spielplätze, viele Bänke und angrenzend stehen größere ältere Gebäude, nach denen dann ärmere Bereiche am Hang und im Tal des Bahlui folgen.

Rechts steht in der querenden und sich hier spaltenden Straße zwischen den beiden Platzteilen ein historistischer Eckbau mit großer Kuppel.

Entlang von ihm oder auch entlang des Hotels Traian links gelangt man in ältere Teile des Stadtzentrums mit vermischter Blockrandbebauung, in deren beliebigen, meist historistischen Formen sich die Bourgeoisie repräsentiert hatte. Und beide, Eckbau und Hotel, dürfen als Repräsentanten des Alten Teil des fortschrittlichen Ensembles werden.

Aber links, wo die Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße) schräg vom Platz abzweigt, ist die Blockrandbebauung schon deutlich aufgelockert. Sie ist eine Fußgängerzone und man merkt kaum mehr, daß sie  Teil der überkommenen Prunkachse durch die Stadt ist. Frei steht dort der Bau des Cinema Trianon, zuvor Republica (Kino Trianon/Republica), und frei steht auch ein kleiner historistischer Palast, einst Sitz des vereinigenden Fürsten Alexandru Ion Cuza und nun passenderweise Museul Unirii (das Museum der Vereinigung).

Ihm gegenüber ist ein großer runder Grünbereich, über den man zu einer Kirche blickt, während sich ein flaches Restaurantgebäude geschwungen um ihn legt.

Um das Eckgebäude rechts des Platzes neben dem Hotel gelangt man in einen Bereich, der zwar auch der Anlieferung der Läden und Restaurants dient, aber vor allem große Grünflächen mit Spielplätzen hat und an ein weiter hinter der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) zurückgesetztes historistisches Gebäude anschließt.

Auf der zweiten Ebene des Boulevards, gegenüber dem Ende des Hotelvorbaus, ist im Gebäude links ein aufgestützter Durchgang, durch den man in einen kleinen Park hinter dem Cinema Trianon und dem Museum, wo noch eine kleine Kirche steht, gelangt.

Der Fußgängerboulevard selbst führt zu einer großen Straße, die Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit) heißt, aber trotz weitgehend sozialistischer Bebauung ein Boulevard weit konventionellerer Art, einer aus dem 19. Jahrhundert, ist. Links öffnet sich der ebenfalls konventionellere Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) mit seinem Denkmal,

während rechts etwas verloren und äußerst bedeutsam der Turm von Sfântul Spiridon (Sankt Spyridon) steht.

So trägt der Piața Unirii seinen Namen in mehrfacher Hinsicht zurecht. Nicht nur erinnert er an die Vereinigung der beiden rumänischen Fürstentümer, sondern er vereinigt auch verschiedene Teile der Stadt. Wie ein wirkliches Herz wäre er wenig ohne die Blutbahnen im Stadtkörper. Er ist das beste und wichtigste städtische Ensemble in Iași.

Bloß eine neuartige Verbindung zum Bahnhof, zu dem es hinter dem Cinema Victoria nicht mehr weit ist, schafft der Piața Unirii nicht, aber das wäre auch eine städtebauliche Aufgabe für sich, das ist ihm nicht vorzuwerfen. Der einzige wirkliche Mangel, den auch er, so gelungen er ist, hat, hat er wegen der Straße, wie das so oft der Fall ist. Sie trennt ihn letztlich in zwei Plätze, den eigentlichen beim Hotel und einen zweiten kleineren bei den Punkthäusern. Auf dem zweiten Teil sind zudem viele, zu viele Parkplätze, obwohl vor den Punkthäusern immerhin Bäume stehen und es vor dem Cinema Victoria immerhin einen Bereich mit Bänken und Hochbeeten gibt. Nun bemühte sich der Platz durchaus, seine beiden Teile zu verbinden, zu vereinigen. Es gibt eine Unterführung und mit ihren drei Eingängen, einem runden zentralen Raum um eine dicke runde Stütze und glatter sandfarben gemaserter Steinverkleidung ist sie sogar großzügig und angenehm gestaltet.

Ihr einziges Problem sind die Eingänge, die aus je zwei Treppen bestehen, aber großzügige offene Anlagen mit Rampen sein müßten.

Das Traurige, ja, das Tragische ist, daß dafür Raum genug gewesen wäre. Es wäre wirklich nur nötig gewesen, die Unterführung als wirklichen Teil des Platzes statt nur als Bindeglied, zu begreifen.

Nur sehr wenig hätte mithin gefehlt und der Piața Unirii wäre perfekt gewesen. Doch sein einziger Mangel schmälert seine Größe kaum. Er ist dennoch das Herz von Iași und die Stadt kann sich glücklich schätzen, ihn zu haben.

Der (fast) vereinigte Platz – Erster Teil

Der Piața Unirii (Platz der Vereinigung) ist in mancher Hinsicht das Herz von Iași und er ist ganz ein Produkt des Sozialismus.

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Seine vertikale Dominante bildet das sechzehngeschossige Hotel Unirea, noch heute eines der höchsten Gebäude der Stadt. Es ist dabei ein eher kühler, distanzierter Bau auf rechteckigem Grundriß. Der etwa dreigeschossige Sockel hat an den Schmalseiten vier und an den Breitseiten fünf große quadratische Stützen, die unter dem dritten Geschoß durch ein horizontales Band verbunden sind, in dem Linien flache Dreiecksgiebel andeuten, während aus den Stützen ragende Elemente als stilisierte Kapitelle verstanden werden können. Diesen historistischen Anklängen tritt sofort das Vordach über dem Eingang, der rechts in der zum Platz zeigenden Schmalseite ist, entgegen. Auf der Höhe des zweiten Geschosses ruht er auf vorgesetzten Stützen, die aus geraden und schrägen Teilen bestehen, und ragt sehr weit in den Platz hinaus, wobei seine Unterseite stetig schmaler wird.

Hat der übrige Sockel, der früher offen, heute verglast ist, noch etwas Konservativ-Monumentales, so ist dieses Vordach schon der Flügel eines Raumschiffs. Rechts neben und L-förmig bis hinter den Hotelbau ist ein Trakt mit Restaurants und Sälen. Bis auf sein Dach, das in der Höhe und auch der Form an das Band zwischen den Stützen anschließt, besteht er ganz aus Glas und einer innenliegenden Stahlkonstruktion, so daß er ebenfalls weit neuer als das Hotel selbst wirkt. Abgeschlossen wird der Sockel des eigentlichen Baus von einem breiten Streifen mit Mustern aus teils geriffelten Kacheln in bunten, aber dunklen Farben, die wie Buchstaben einer fremden Schrift wirken.

Die folgenden Geschosse mit den Zimmern bilden ein regelmäßiges Raster aus vorgesetzten vertikalen und zurückgesetzten horizontalen Streben, unterbrochen außer bei der Eingangsseite durch geschlossene Flächen bei jeweils einer Ecke. Erst im obersten Geschoß ist heute ein Restaurant mit größeren Fenstern zwischen den Streben und leicht überstehendem Dach.

Vielleicht könnte man das Hotel Unirea als zu unentschlossenen, zu konservativen Bau bezeichnen, wenn es alleine stünde. Aber das tut es ja nicht, es ist nur ein Element des Piața Unirii und es ist bewußt nur als sein Höhepunkt, nicht aber als sein Mittelpunkt gestaltet.

Der Platz wird als weite, etwa dreieckige Form zum Hotel Unirea hin schmaler und setzt sich links von ihm als breiter Fußgängerboulevard fort. Nach einer Straße, die die Grundseite des Dreiecks bildet, beginnt er links mit dem schräg gesetzten historistischen Bau des Hotels Traian, an dem einzig die gußeisernen Doppelsäulen vor den großen verglasten Sälen im Erdgeschoß beachtenswert sind.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Auf der rechten Seite steht das erste Gebäude jenes sechsgeschossigen Typs, der das Rückgrat des Piața Unirii bildet und ihn im eigentlichen erst zum Platz macht.

Im Erdgeschoß hat der Gebäudetyp steinverkleidete eckige Stützen, die oben von schmalen horizontalen Streben gequert werden, und als Übergang zu Wohngeschossen ein Band derselben Steinverkleidung. Durch die leichten Höhenunterschiede im Platz kann das Erdgeschoß auch im selben Gebäude unterschiedlich hoch sein und zumeist sind darin Läden. Die Breitseiten der fünf Wohngeschosse sind durch Streifen zwischen den Geschossen klar horizontal strukturiert und haben abwechselnd einzelne rechteckige Fenster und doppelte geschoßhohe mit einer Brüstung aus einem dünnen Betonband und einem Metallgitter. Zum flachen Dach leitet ein weiteres steinverkleidetes Band über und weit zurückgesetzt sind auf der Dachterrasse Aufbauten mit freischwebenden Vordächern. An den Schmalseiten sind jeweils zwei lange, durch milchige Wände getrennte vertiefte Balkone mit Geländern aus Metall und grünem Plexiglas, die über dem Erdgeschoß vorragen.

Das erste dieser Gebäude also steht rechts. Es ist das ungewöhnlichste, da es ein Eckbau ist, der einen Teil an der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) hat, bevor er mit Kolonnaden die rechte Platzseite bildet.

Es endet dort kurz vorm Restaurant des Hotels Unirea, das bereits höher am Hang steht. In seiner Fortsetzung, sozusagen hinter dem Hotel, folgt ein weiteres Gebäude des Typs.

Links steht das erste der Gebäude nach der neben dem Hotel Traian einmündenden Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße). Entsprechend den beiden Stufen des Fußgängerboulevards, der sich nun öffnet, steigen die nächsten beiden Gebäude an, sind aber auch leicht nach rechts versetzt.

Während so links eine subtile Verengung vom Platz zum Boulevard hin entsteht, wird der Bereich rechts nach dem Hotel durch ein weiteres der Gebäude abgeschlossen.

Das ist der bauliche Rahmen des Piața Unirii. Keines der Gebäude ist für sich genommen weiter auffällig, aber das müssen sie auch nicht sein, sie müssen nur den Platz schaffen.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Etwa vor dem Hotel Traian, und damit bewußt nicht in der Mitte des Platzes, steht das Denkmal für die namensgebende Unirea (Vereinigung), das 1912 errichtet wurde. Auf einem irgendwie neoromanischen Steinsockel zeigt es in Bronze oben den Fürsten Alexandru Ion Cuza und niedriger einige Politiker, Kränze mit Daten und eine Urkunde mit sehr viel Text, der dank den Tauben nur noch mühevoll zu lesen ist, wenn das denn irgendjemand gewollt hätte. In der Tat lief die Vereinigung der rumänischen Fürstentürmer Moldawien und Walachei im Jahre 1862 wohl so ab; die Bevölkerung war nicht beteiligt.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Zum Denkmal kommen auf dem Platz drei runde Springbrunnenbecken, die zusammen ein Quadrat um die offene Platzmitte bilden. An jedes der Becken schließen umzäunte Grasflächen an, eine weitere kleinere ist beim Denkmal. Außer je einem Nadelstrauch sind sie jedoch leer, überhaupt ist die Vegetation spärlich und beschränkt sich auf Bäume vor dem Gebäude rechts und an der Ecke beim Anfang des Boulevards. Bänke gibt es dafür umso zahlreicher. Auf dem Boulevard gibt es ebenfalls Beete mit Gras und Sträuchern, die langgestreckt in seiner Richtung verlaufen, und in den Treppen zwischen den Ebenen sind gestufte Brunnen.

Der Boden des Platzes hat breite Streifen aus schwarzem und weißem quadratischen Kopfsteinpflaster in Richtung Boulevard und Hotel und schmalere Streifen aus schwarzem quer dazu, zwischen denen ebenfalls quer große rechteckige Flächen aus glattem Waschbeton sind.  Der Boden des Boulevards wurde in jüngster Zeit erneuert, so daß die billigen Steinplatten nun verdreckt sind, ein Schicksal, das dem übrigen Platz hoffentlich erspart bleibt.

Auf dem Boden nämlich befindet sich die künstlerische Gestaltung des Piața Unirii: Mosaike aus weißem, schwarzem, grauem und rotem glatten Stein. Die Steine sind meist nicht kleiner als das des übrigen Pflasters, weshalb die Motive zwangsläufig einfach und stilisiert sind. Ein erstes Band mit Pflastermosaik erstreckt sich kurz nach der Straße über den Platz, ein zweites ornamentales nach den hotelnäheren Beeten. Das entscheidende dann verläuft direkt vor der breiten Treppenanlage, die zum Boulevard und zum Hotel hinaufführt.

Spätestens hier wird deutlich, daß diesen Platz ein sozialistischer Staat baute. In den äußeren der rechteckigen Mosaiksegmente, zwischen denen noch kleinere Symbole sind, sieht man die Natur, ein Wildschwein links und einen Hirsch rechts, aber ansonsten ist da die sozialistische Gesellschaft: ein Traktor, Industriebetriebe, Kunst und, vielleicht am schönsten, direkt unter dem Vordach des Hotels Unirea ein Kran, der eine Großplatte aus Beton zu einem halbfertigen Wohngebäude hebt.

Ist hier die Baugeschichte des Piața Unirii selbst enthalten, so bezieht sich das Rechteck daneben auf seinen Namen: nebeneinander sind hier ein moldawischer Stier und ein walachischer Rabe/Adler gezeigt.

Ein weiteres großes Bodenmosaik ist zwischen den Grasflächen an der rechten Seite des Platzes. Es zeigt, wie sich ein keuleschwingender Reiter links und ein Stier rechts, über dem ein Vogel fliegt, aufeinander zu bewegen. Es ist das größte Mosaik und das einzige aus glattem Stein, doch hier scheitert die Anordnung auf dem Boden. Das liegt nicht etwa daran, daß das Maß an Details für die verwendete Technik zu groß ist, auch nicht daran, daß der historische Bezug nicht leicht verständlich ist, sondern einfach daran, daß man deutlich höher stehen müßte, um die Szene gut zu erfassen.

Dafür kann man an Sommerabenden erleben, wie diese große glatte Fläche, hinter der heute eine lateinamerikanische Bar ist, von den Paaren einer Tanzschule zum Bachatatanzen genutzt wird. Mag das Mosaik also künstlerisch gescheitert sein, so ist es immerhin ein schönes Symbol für das Leben auf dem Platz im Herzen von Iași.

Die Pyramide über dem Fluß

Architektur, Städtebau, Umweltgestaltung sind immer voller Ungleichzeitigkeiten. Während in Deutschland begradigte Flüsse „renaturalisiert” werden, können sie in Rumänien immer noch grader und betonierter werden. So ist es mit dem Bahlui, dem Fluß von Iași. Begradigt war auch er schon lange. Trotz scheinbar geringer Größe fließt er in einem tiefen, stark kanalisierten Bett. Am Rande kann man ihn noch in einem älteren Zustand sehen, vielleicht weiden Kühe am Ufer oder dösen im Schlamm, doch unterhalb des Stadtzentrums wurde das Ufer vor kurzem neu befestigt.

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Hier sind nun zuerst schräge Grasflächen, dann ein Weg im Gras und zuletzt schräge Betonflächen. Beidseits des zwischen einigen Biegungen schnurgeraden Laufs des Bahlui sind im zentralen Teil Gehwege, die zu klein sind, um Fußgängerboulevards zu sein, und Straßen, die ihrerseits zu klein sind, um die Umgebung des Flusses völlig unangenehm zu machen.

Es gibt einige Brücken, ältere und neuere, die zumeist sowohl dem Auto- als auch dem Fußgängerverkehr dienen. Die schönste Brücke von Iași aber ist eine Fußgängerbrücke, die wie eine Pyramide über dem Bahlui sitzt.

Es ist eine offene Pyramide, gebildet nur aus vier eckigen Betonstreben, die am Ufer beginnen und hoch über dem Wasser zusammentreffen. Genauer gesagt beginnen diese Stützen jeweils auf einer breiteren Betonstütze, die vom Beginn des betonierten Teils des Flußbetts gleich Mauern schräg zur Mitte ragen. Horizontale Streben spannen sich auf beiden Seiten zwischen zwei von ihnen und tragen die eigentliche Brücke, während dreieckige Lücken schon die Pyramidenseiten vorwegnehmen.

Zu dieser großen Betonform kommt ein filigranes gelbes Metallgeländer. Sein Handlauf ist ein Rohr, die Stützen bestehen jeweils aus zwei nach außen gewölbten Blechen, zwischen denen dünne horizontale Streben verlaufen. In der Mitte der Brücke ist eine schmale rechteckige Öffnung, um die das Geländer nunmehr nach innen gewölbt verläuft.

Diese Podul Trancu (Trancu-Brücke) ist nicht nur eine markante und einfache Form über dem Fluß, sowohl von weitem als auch von nahem betrachtet, und zum anderen ein absolut notwendiger Zweckbau, der weit entfernt von den nächsten Brücken einen Teil des Wohngebiets Podu Roș mit den Gebäuden der Technischen Universität verbinden. Sie ist auch ihrerseits ein Beispiel von Ungleichzeitigkeit, denn ihre Konstruktion aus unverkleidetem rohen Beton würde man in Deutschland wohl in die siebziger, vielleicht noch achtziger Jahre einordnen. Aber Rumänien ist ein anderes Land: sie ist von 2006. Vorher war an der Stelle seit 1932 nur ein hölzerner Steg.

Die Pyramidenform macht die Brücke zu einem beliebten Ort für die vielen Tauben von Iași, die auf der Schräge der Streben gut sitzen können. Nicht nur die jeweils sonnenbeschienene Seite von diesen sondern auch Geländer und Boden sind tagsüber Aufenthaltsort für die Tauben, während sie woanders nächtigen. Da auch die Neigung der Betonflächen am Ufer perfekt für Tauben geeignet ist, sieht man sie dort oft im Fluß baden. Immer sitzt auch eine Taube auf dem kleinen runden Stahlrohr, das aus der Spitze der Pyramide ragt. Ob dieses ursprünglich etwa für eine Fahne gedacht war, ist nicht mehr herauszufinden, aber so macht es immerhin wechselnde Tauben zum Wappentier dieses Übergangs über den Bahlui.

Eine weitere Funktion bekam die Brücke dadurch, daß an die Geländer der mittigen Öffnung Absperrgitter befestigt wurden, an denen nun Schlösser mit Namen und Daten hängen. So hassenswert die Tradition, gerade Schlösser, die für Eingesperrtsein und Zwang stehen, zu Symbolen von Beziehungen zu erklären, ist – an dieser Brücke, unter der Pyramide und in Gesellschaft von Tauben werden sogar sie beinahe schön und romantisch.

Ein einziges Problem gibt es mit der schönsten Brücke über den Bahlui: es ist nur eine einzige. Iași bräuchte jedoch noch weit mehr Brücken, um die vom Fluß getrennten Stadtbereiche zusammenzufügen. Nichts spräche dagegen, wenn sie genau wie diese aussähen, vielleicht mit verschiedenen Geländerfarben. Eine Pyramide über den Fluß also ist gut; besser wäre ein ganzes Gizeh.