Universität Wrocław

Das 1733 vollendete Gebäude der Universität von Wrocław ist eines der schönsten Beispiele dafür, was Barock im besten Falle sein kann.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Es ist ein Gebäude, das vom Fluß aus gesehen werden muß. Der Oder zeigt es seinen ungewöhnlich langgestreckten und recht schlicht gegliederten viergeschossigen Baukörper.

UniversitätWrocławFlußseite

Nach dem als Sockel abgesetzten Erdgeschoß folgen zwei hohe Geschosse mit vertikalen Fenstern und ein niedriges Geschoß mit kleineren Fenstern. Im Walmdach sind in jedem Drittel des Gebäudes je drei Dachgauben, deren mittlere einen etwas größeren Giebel haben. Nur bei den Ecken des Gebäudes und auf einem und zwei Dritteln seiner Länge verbinden ionische Pilaster die drei Obergeschosse. Die je drei Pilaster bei den Ecken markieren die Anfänge oder Abschlüsse des Gebäudes. Die acht Pilaster beim linken Drittel des Gebäudes markieren eine rundbögige Durchfahrt. Die sechs Pilaster beim rechten Drittel des Gebäudes, eigentlich, um den Eindruck einer Vorwölbung zu erwecken, sechs und zwei Halbe, markieren den Turm. Sie leiten über zu einem quer in das Dach gesetzten Bauteil mit zwei weiteren Geschossen, die ihrerseits von, jedoch viel kleineren, ionischen Pilastern gegliedert sind. Das flache Dach ist begrenzt von einer steinerner Balustrade mit allegorischen Skulpturen in den Ecken und in der Mitte ragt der eigentliche Turm auf. Er ist rund und hat eine schlanke Haube, auf deren Spitze eine komplizierte Konstruktion aus einer goldenen Kugel und mehreren Ringen sitzt. Während man all das sofort sieht, kann man fast übersehen, daß im rechten Drittel des Gebäudes zwischen den Teilen mit den Pilastern in den Obergeschossen nur zwei, entsprechend höhere Geschosse mit rundbögigen Fenstern sind, hinter denen sich offenkundig Säle befinden.

Alles, was man hier sieht, ergibt sich aus der Funktion. Trotz großer Regelmäßigkeit ist nichts nur dem Wunsch nach Monumentalität oder Effekt geschuldet. Statt einer betonten Mitte hat das Gebäude mehrere gänzlich gleichwertige Teile. Ist die Durchfahrt die Verbindung vom Fluß zu Stadt, fast ein neuartiges Stadttor, so ist der Turm, die Wieża matematyczna (Mathematischer Turm), eher eine Dachterrasse, die Blicke sowohl über den Fluß als auch über die Stadt erlaubt. Für die Säle schließlich ist sogar die Regelmäßigkeit der Fensteranordnung bereitwillig unterbrochen.

Ursprünglich hätte die Universität eine weit konventionellere barocke Form haben sollen. Nach den Plänen wäre sie dann links um ein Viertel mit einem dem rechten entsprechenden Turm länger gewesen und hätte über dem Durchgang, wo dann die Mitte gewesen wäre, einen weiteren, höheren Turm gehabt. Obwohl diese Teile nie gebaut wurden, finden sich phantasievolle zeitgenössische Abbildungen davon. Die Brillanz der Planung zeigt sich darin, daß sie eine Art Modulsystem verwendete und das Gebäude nicht unfertig wirkt, obwohl ihm ein Viertel fehlt, was durchaus nicht selbstverständlich ist.

Von der Stadt aus gesehen entspricht die Fassade grundsätzlich der flußseitigen, doch sie ist schon deshalb weniger wichtig, weil man sie nie ganz sehen kann. Durch die Durchfahrt tritt man auf einen kleinen Platz, der links von einem schräg angefügten Trakt, dessen Ecke Pilaster markieren und geradezu geschwungen wirken lassen, begrenzt ist.

UniversitätWrocławPlatz

Seine hauptsächliche Wirkung ist es, den Blick auf die dahinter angrenzende Kirche, einen banalen barocken Bau mit geschwungenen Giebeln, zu verstellen. Wiewohl es sich ursprünglich um eine jesuitische Universität handelte, ist die Kirche hier also bereits bloß noch ein verschämt verstecktes Anhängsel.

Auf der anderen Seite des Turms ist der Haupteingang der Universität.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Er ist durch einen flachen Bogengiebel vorm Dach, in dem das IHS-Logo der Jesuiten prangt, und ein säulengetragenes Portal mit Putten und allegorischen Skulpturen markiert. Hier ist der Wille zur Monumentalität so offenkundig wie verschwendet, da sie sich bloß in eine enge Gasse wendet. Es ist der feinfühligen Stadtplanung des sozialistischen Polen zu verdanken, daß man den Eingang nun zumindest aus angenehmer Entfernung sehen kann: sie baute das gegenüberliegende Eckhaus nicht wieder auf oder riß es bewußt nieder.

Aus Drankowski, Tadeusz/Czerner, Olgierd: Wrocław z lotu ptaka, Wrocław/Warszawa/Kraków/Gdańsk 1977

Aus Drankowski, Tadeusz/Czerner, Olgierd: Wrocław z lotu ptaka, Wrocław/Warszawa/Kraków/Gdańsk 1977

Kühnere Ideen gingen gar vom Abriß des gesamten Häuserblocks gegenüber, der kriegsbeschädigt und verfallen war, und der Schaffung eines wirklichen Platzes aus. Die Universität hätte so auch zur Stadt hin ihre volle Schönheit zeigen können, doch es kam nie dazu.

Heute wie zu ihrer Erbauungszeit ist die Universität von Wrocław auch eine gebaute Allegorie des Strebens des Barock nach dem Neuen. Von den engen Gassen der Stadt sieht man das Gebäude als viele disparate Einzelteile, aber auf dem Weg zur Offenheit des Flusses reinigt es sich von Überflüssigem wie Portal und Kirche und zeigt sich als großartiges Ganzes voller Klarheit, Ausgewogenheit und Funktionalität.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Das ist radikaler Barock und daß diese Radikalität sich teilweise dem Zufall verdankt, tut ihr keinen Abbruch.

Was für ein Gebäude, wenn nicht ein solches, könnte einem potentiellen Ort der Aufklärung und des Fortschritts wie einer Universität angemessener sein?

Advertisements

Ein Gedanke zu „Universität Wrocław

  1. Pingback: Barock als Befreiung | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.