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Eine Bank in Groningen

Das Gebäude, das 1958 für die Amsterdamsche Bank (Amsterdamer Bank) am Grote Markt (Großen Markt) in Groningen gebaut wurde, ist auch heute noch eines der markantesten der Stadt. In der Mitte der Nordseite des Platzes stehend, ist es das aber auf viel subtilere Weise als die monumentale Tempelfassade des Rathauses oder der hohe, in drei steinernen und zwei kupfernen Stufen ansteigende Turm der Martinikerk (Martinskirche), die seine Nachbarn sind.

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Die sechs vor dem leicht zurückgesetzten Erdgeschoß stehenden eckigen Stützen setzen sich hinter den großen Fensterflächen der drei weiteren Geschosse fort und tragen schließlich mit etwas Abstand zum obersten Geschoß ein dünnes leicht aufsteigendes und leicht überstehendes Betondach. Die weißgraue Steinverkleidung der Stützen im Erdgeschoß ist in den horizontalen Bändern, die die Geschosse optisch trennen, wieder aufgenommen. In der rechten Hälfte des zweiten Geschosses ragt ein kleiner quadratischer Balkon hervor und in regelmäßigem Abstand im vierten Geschoß drei weitere. Alle sind unten mit dem weißgrauen Stein verkleidet sind. Ansonsten sind da nur Glas und türkisgrüne Farbakzente, die einen Kontrast zu Stein und Beton bilden.

Schon im Vordach des links angeordneten Eingangs, in einigen der dünnen Fensterrahmen und in den dünnen Stahlgeländern der Balkone erscheint dieses Türkisgrün. Quadratische Flächen in derselben Farbe sind auch im überstehenden Dach und wenn man nahe genug herantritt, sieht man, daß auch die Gitterböden der Balkone so gefärbt sind und zu weiteren farbigen Quadraten werden.

Das Gebäude ist geradezu darauf ausgerichtet, von Nahem, mit hinaufgehendem Blick betrachtet zu werden. Heute, da der Grote Markt halbwegs vom Verkehr befreit ist, und man das Gebäude aus jeder beliebigen Entfernung so lange man will anschauen kann, erscheint das sinnlos, aber zur Entstehungszeit, als davor eine Straße und ein schmaler Gehsteig verliefen, war es das keineswegs. So erzählt die Architektur des Gebäudes nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die des umliegenden Stadtraums.

Daß dieses Gebäude und seine aus derselben Zeit stammenden Nachbarbauten überhaupt so gebaut wurden, hat wiederum mit der Geschichte der Kämpfe um die Stadt im April 1945 zu tun. In den Gebäuden der Nord- und Ostseite des Platzes hatten sich deutsche Truppen verschanzt und die kanadischen Befreiungstruppen hatten Panzer einsetzen müssen, um sie zu besiegen. Die beiden Platzseiten, nicht aber die nahe Kirche oder das Rathaus, wurden dabei völlig zerstört.

Die Amsterdamsche Bank wird sicher wenig darüber getrauert haben, daß ihre vorherige Filiale, ein expressiver Backsteinbau aus den Zwanzigern, durch eine neue, modischere ersetzt werden konnte. Sie zeigte sich dabei als ein architektonisch fortschrittlicherer Teil des Kapitals. Wie anders es hätte sein können – und damit die Beliebigkeit kapitalistischer Architektur – beweißt der backsteinverkleidete Eckbau rechts daneben, der sich mit einer Skulptur wohl auf die Kirche beziehen sollte.

Schließlich erzählt die Bankfiliale in Groningen noch die Geschichte der Konzentration des Bankwesens in den Niederlanden. Sie wurde errichtet für die Amsterdamsche Bank, doch diese schloß sich schon wenig später mit der Rotterdamsche Bank (Rotterdamer Bank) zur Amsterdam Rotterdam Bank, besser bekannt als AMRO, zusammen, aus der später die noch heute bestehende ABN AMRO wurde. Und fast scheint es, als habe das Gebäude nur darauf gewartet, denn seine türkisgrüne Farbakzente passen so gut zum gegenwärtigen Logo von ABN AMRO, daß sie fast wie Teil einer Corporate Identity wirken.

Architektonisch ist die Bank in Groningen nicht mehr und weniger als ein Bürohaus der Fünfziger, Teil der Blockrandbebauung, ein Kleinod, mit dem sich der Kapitalismus dieser Zeit repräsentierte. Es hat dabei eine Sensibilität für Details und ein Talent, vorgeblich sachliche Architektur edel wirken zu lassen, die es zum würdigen Vertreter ebendieser Architekturperiode machen.

Gerade wird das Gebäude umgebaut, ABN AMRO ist nach nebenan gezogen und schon verschwunden ist das Kleinod im Kleinod, das aus weißgrauem Stein gehauene abstrakte Relief im Balkon des zweiten Geschosses. Markant ist es noch immer.

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Nieuwe Kerk Groningen

Neu ist die 1665 erbaute Nieuwe Kerk (Neue Kirche) im nordwestniederländischen Groningen unzweifelhaft in städtebaulicher Hinsicht.

Stehen die beiden älteren großen Kirchen der Stadt irgendwie seitlich am etwa rechteckigen Grote Markt (Großen Markt) oder am Ende des langgezogenen Vismarkt (Fischmarkts), mehr oder weniger also dort, wo sie die Zufälligkeiten der Stadtentwicklung hinsetzten, so steht die Nieuwe Kerk in der Mitte eines großen quadratischen Platzes. Er und damit sie bilden den Mittelpunkt einer geplanten Stadterweiterung des 17. Jahrhunderts, die sich durch ein regelmäßiges rechtwinkliges Straßenraster auszeichnet.

Aber die Nieuwe Kerk steht nicht nur in der Mitte des Platzes, sie paßt auch dorthin. Der Grundriß des Backsteinbaus ist ein griechisches Kreuz, also ein Plus, dessen Enden zu den Platzseiten zeigen.

Genau in der Mitte, im Kreuzungspunkt der Dächer, sitzt ein kleiner offener Turm aus Holz. In die Zwischenräume des Kreuzes sind niedrigere Bauteile gesetzt, die seine Ecken verbinden und so einen dreieckigen Grundriß haben. In ihnen sind Portale, auf die Wege von den vier Ecken des Platzes zuführen.

Die Architektur ist somit perfekt den Bedingungen des Städtebaus angepaßt. Eine typischere Kirchenform, die ein Vorne und ein Hinten hat, hätte auch den Platz hierarchisch geteilt. Durch die gewählte allansichtige Form aber gibt es keine Hierarchie, jede Seite ist gleich wichtig und die Nieuwe Kerk ist wirklich Mittelpunkt des Platzes und des neuen Stadtteils. Das ist neu.

Schwieriger ist die Frage nach dem Neuen, was ihren Stil betrifft. Die Eckbauten gleichen mit zwei hohen Geschossen mit eckigen vertikalen Fenstern eher Bürgerhäusern als sakraler Architektur und haben teils tatsächlich eine Wohnfunktion. Die Portale sind niedrig und haben antikisierende Ornamente wie sie in den frühen Barock passen. An den Enden des Kreuzes sind jeweils zwei hohe und eher schmale Fenster, die zwar mit runden Bögen enden, aber doch sehr gotisch wirken. Gleiches gilt für das runde Fenster, das noch weiter oben in der Mitte ist. Über den hohen Fenstern sind völlig bezuglose Tempelgiebelchen angeklebt. Die tatsächlichen Giebel scheinen zu spitzen Dreiecken vor einem Satteldach werden zu wollen, aber die Kirche hat Walmdächer, so daß sie wie abgeschnitten mit Balustraden enden müssen.

Alles wirkt, als werde hier eine Architektur, die einerseits noch von der Gotik zehrt, andererseits aber schon bereit ist, losgelöst von allen Traditionen neue funktionale Lösungen zu finden, in antikisierende Moden hineingezwungen. Zugleich lassen sich aber auch die etwas lächerlichen Zierformen schwer in Stilbegriffe wie Renaissance oder Barock fassen. Denn nichts, rein gar nichts,  hat diese protestantische niederländische Kirche mit dem zu tun, was zeitgleich in katholischen Ländern entstand, was den geringen Wert von Stilbezeichnungen zeigt.

Das spezifisch Niederländische an der Nieuwe Kerk sieht man auch daran, daß sie kein Einzelstück und kein Original ist, sondern so stark an die Amsterdamer Noorderkerk (Nordkirche) angelehnt, daß man von einer Kopie sprechen kann.

Die Noorderkerk entstand bereits 1622 und hat an den Giebelseiten etwas aufwendigere und nicht ganz so offensichtlich lächerliche Verzierungen. Der entscheidende Unterschied aber ist die städtebauliche Einordnung. Die Noorderkerk steht in der Ecke eines kleinen dreieckigen Platzes am Beginn der Prinsengracht (Prinzenkanal), so daß zwei Seiten zu schmalen Straßen zeigen.

In Amsterdam ist die Allansichtigkeit der Kirche verschwendet, da sie ob ihrer Lage dennoch ein Hinten und Vorne hat. Sie könnte auch irgendwie anders aussehen, müßte es vielleicht. In Groningen aber ist es der umgebende Platz, der die architektonische Form fordert. Die Noorderkerk zu kopieren und in die Mitte eines Platzes zu stellen, war im eigentlichen ein schöpferischerer Akt als die Noorderkerk zu bauen. Wie in Groningen mit einem Versammlungsgebäude, das groß und repräsentativ, aber nicht erdrückend monumental ist, ein städtebaulicher Mittelpunkt geschaffen wird, das ist auf gelungene und ungewöhnliche Weise neu.