Archiv für den Monat Mai 2014

Die Zuckerfabrik in Plattling

Plattling, ein Ort, den keiner kennt und keiner kennen muß. Er liegt irgendwo im Osten von Bayern und ist ein Eisenbahnknotenpunkt, an dem auch heute noch jeden Tag ein paar ICEs auf der Strecke Wien-Nürnberg halten. Sein Name jedenfalls ist passend. Mitten im platten Land vor den nahen, aber doch unendlich fernen Bergen des Bayrischen Walds, liegt Plattling. Den flachen Gegenden wohnt oft eine besondere Trostlosigkeit inne und Plattling hat besonders wenig, was diesen geographischen Nachteil ausgleichen könnte.

Das Zentrum ist ein langgestreckter Platz an einer Durchgangsstraße, der von einer weiteren Durchgangsstraße gekreuzt wird. Auf jedem Schritt spürt man, daß Plattling erst seit 125 Jahren Stadt ist, was es 2013 auch feierte, stolz wohl, obwohl unklar ist, worauf. Abseits des Platzes geht die enge dörfliche Bebauung unmerklich in Einfamilienhäuser über, die verschiedenen Renovierungsschritte der letzten fünfzig Jahre haben alle Unterschiede und Nuancen verwischt. Neben dem Ort, aber ohne jeden Bezug zu ihm, fließt die Isar, nicht mehr weit von ihrer Mündung in die Donau.

Die Zuckerfabrik steht weithin sichtbar am Ortsrand. Fast sieht man sie von Weitem auch besser als von Nahem: drei miteinander verbundene große zylinderförmige Silos, am dritten ein rechteckiger Turm, der etwas höher geführt ist, um aller Umgebung seine ziffernlose Uhr darzubieten, und mit etwas Abstand ein hoher weißer Schornstein.

ZuckerfabrikPlattling

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An der Straße, die sich um die Silos schwingt, stehen drei eingeschossige Doppelhäuser mit Satteldächern und Giebelwänden aus rot-braunem Backstein, der dem des Pförtnerhäuschens entspricht, weshalb man in ihnen den Ansatz einer Werksiedlung erkennen kann. Sie sind amerikanisch weit hinter nicht umzäunten front lawns zurückgesetzt, haben aber unamerikanischerweise keinen Fahrzeugstellplatz.

Es braucht nur eine Entdeckung wie diese Zuckerfabrik, um sich auch mit dem trostlosesten Ort zu versöhnen. Nachdem Plattling so seine Existenz legitimiert hat, kann man beruhigt weitergehen und dieser, nun ja, Stadt, vieles abgewinnen. Da wird dann die Feuerwache mit ihrem weißgetünchten Turm, dessen kantige Form oben leicht nach vorne abgeschrägt ist, zur Mondbasis. Da freut man sich, daß der neoromanische Turm der bis zur Unkenntlichkeit umgebauten Kirche immerhin die Mitte der Stadt markiert, auch wenn man lieber den Feuerwehrturm an seiner Stelle sähe. Da entdeckt man den von vielen Seiten zugebauten winzigen, in seiner Schlichtheit andeutungsweise neobarocken Bau der evangelischen Kirche, der ohne den, allerdings ebenfalls winzigen Turm, auch gut eine Synagoge sein könnte, was viel über die Situation des Protestantismus in einer katholischen Gegend aussagt, und ein Einfamilienhaus, das wie ein Inbegriff der konservativen westdeutschen Architektur der Fünfziger ist: Walmdach, links drangesetzter Backsteinkamin, Terrasse zwischen einem Raum links und einer halbrunden milchig orangenen Glaswand rechts, mosaikgekacheltes Becken im Garten.

Haus

Da findet man es umso lustiger, daß man beim Bahnhof ein Denkmal für eine Entlausungstation aus dem ersten Weltkrieg sah, das vormals im Ortsteil Sanierung (!) stand.

Und das reicht, um aus der in Plattling verbrachen Zeit eine lohnende zu machen. Denn selbstverständlich ist der Großteil der gebauten Umwelt, in Plattling und anderswo, unerträglich häßlich und menschenunwürdig. Dies aufzuzeigen, ist einfach und wohlfeil wie jede Kritik. Es kommt aber darauf an, darin das Schöne und über die Gegenwart Hinausweisende zu finden und zu loben. Gerade in Orten, die immer kapitalistisch waren, sind das meist Einzelobjekte wie die Zuckerfabrik in Plattling. Doch wie weit greift diese mit ihrer Uhr in die Stadt aus, wie klar sagt sie, daß die die Fabriken die Kirchen ersetzt haben.

UhrZuckerfabrik

In der DDR wäre diese Uhr wenigstens ansatzweise in ein Ensemble integriert worden und an der Stelle der Einfamilienhäuser stände fortschrittliche Wohnbebauung. Plattling hätte etwas mehr das Antlitz einer Stadt und ganz gewiß fände man am Tor des Betriebs, des VEB Zuckerfabrik Plattling, ein ihm würdiges Kunstwerk. So ist man in den Städten des Kapitalismus immer ein wenig darauf angewiesen, zu träumen und im Kopf zu bauen, aber auch das hat seinen Wert.

Gropius in der Roten Fahne vom 23. April 1930

Wenn man heute, in dieser späten Zeit, ein kommunistisches Blog über Architektur schreibt, muß man sich in jedem Moment bewußt sein, daß alles, was man sagen will, schon gesagt wurde. Denn Kommunisten wissen bekanntlich alles (Kommunisten, wohlgemerkt, nicht etwa jeder einzelne Kommunist. Genauso kann man auch das schöne „Lied der Partei“ des großen tschechoslowakischen Dichters Louis Fürnberg erst verstehen, wenn man beim Wort Partei nicht etwa an die Parteiführung, sondern an eine Kollektivität, der das Wir des Lieds selbst angehört, denkt).

Ein Beispiel sei dieser Text über Walter Gropius und das Bauhaus, der am 23. April 1930 im KPD-Zentralorgans „Die Rote Fahne“ erschien:

Aus Architektur der DDR, 7/76

Aus Architektur der DDR, 7/76 (Zum Vergrößern anklicken)

Für die, die keine Fraktur lesen können:

„Zeitgemäßes Bauen

Ausstellung Walter Gropius

Im Schinkel-Saal des Architektenhauses (Wilhelmstr. 92) sind Zeichnungen, Fotos, Modelle der Bauten des Architekten Walter Gropius zu sehen. Zwei Jahrzehnte: Bauten von 1911 bis 1930. Zwei Jahrzehnte intensivsten, konsequentesten architektonischen Schaffens.

Gropius ist ein Vorkämpfer zeitgemäßer Bestrebungen auf dem Gebiete der Architektur. Er ist einer der wesentlichen Architekten der Gegenwart. Seine Architektur ist, wie die der Besten unter den zeitgemäßen Architekten unserer Zeit, eine Architektur, deren Planmäßigkeit – in den letzten Konsequenzen – der wirtschaftlichen Anarchie des Kapitalismus widerspricht. Deshalb ist nur ein Bruchstück dieser architektonischen Bestrebungen im Rahmen des Kapitalismus zu verwirklichen. Im vollen Umfang setzt die Verwirklichung der Baupläne von Gropius – wie auch von Le Corbusier, Oud, Mies van der Rohe, Hilbersheimer, Haesler, Stam usw. – den Aufbau des Sozialismus durch die proletarische Diktatur voraus. Mögen viele zeitgemäße Architekten das klare Bewußtsein dieser grundlegenden wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge auch nicht haben. Die Klarheit, das Zuende-Denken, die Folgerichtigkeit im architektonischen Wirken von Gropius überwältigt. Hier wird vom Grundriß aus nach grundsätzlichen Überlegungen zweckmäßig und nicht von einer mit „historischen“ Schnörkeln verzierten Fassade aus altväterlich-dekorativ gebaut.

Charakteristisch: das erste Werk von Gropius ist eine Fabrik (eine Schuhleisten- und Stanzmesserfabrik 1911/1912) und nicht ein Palast. Große Glasflächen – Glas und Eisen. Glas nicht des „modernen“ Materials willen (wie bei manchen Glas-Eisen-Beton-Romantikern), sondern um den Arbeitern Licht, viel Licht bei der Arbeit zu gewähren. Allerdings hier könnte eine andere, noch gefährlichere Romantik einsetzen, als ob mit neuer Architektur die sozialen Probleme zu lösen wären. Das geplante Licht „für den Arbeiter“ bleibt heute selbst in der baulichen „Verwirklichung“ ein Plan, wird nicht Wirklichkeit, solange der Industriearbeiter Profite für die Bourgoisie schinden muß.

Und die zweckmäßigen Siedlungen sind nur eine schöne Attrappe, solange sie den wohnbedürftigen Massen der Werktätigen als Wohnung verschlossen bleiben, Licht, Luft, Sonne, Wohnruhe… ist wichtig als Ziel, ist aber für die breiten Massen des Proletariats im Rahmen des Kapitalismus nicht zu erschwingen. Da herrscht Dunkelheit, Stickluft, Enge, Nässe, Tuberkulose, Rachitis, Hunger, Wohnungsnot und Elend…

Die architektonische Leistung von Gropius erhält erst in der sozialistischen Perspektive ihren vollen sozialen Wert.

Trotz der architektonischen Fortschrittlichkeit ist zum Beispiel die „proletarische“ Siedlung Törten in Dessau enger, reizloser und unkomfortabler gebaut als die Meisterhäuser für die Bauhauslehrer in der Nachbarschaft. Auswirkung der bestehenden Klassengegensätze.

Außerordentlich wichtig die architektonisch großzügigen Siedlungen 1929/30: Dammerstock in Karlsruhe. Siemensstadt in Berlin und ein Entwurf zur Bebauung von Haselhorst. Der Bau des „Bauhauses“ ist ja bereits architektonisch zum Symbol der neuen Baubestrebungen geworden.

Es wäre viel über die Experimente von Gropius mit neuen Baumaterialien zu sagen, über seine Versuche, den Saisonbau durch maschinelle Herstellung von Häusern in Dauerbau zu verwandeln. Ein andermal.

Jetzt sei nur noch diese lehrreiche Ausstellung jedem Arbeiter zur Besichtigung empfohlen!

Dur.“

Viel mehr kann man zu dem Thema nicht sagen und man wünschte nur, irgendeine Ausstellung irgendwelchen Arbeitern empfehlen zu können.

Selbstbewußte und selbstverleugnende Architektur

Eine Situation in Wrocław in der Straße Piaskowa:

BlickPiaskowa

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Rechts ein Kloster. Es wendet der Straße den Chor einer gotischen Kirche zu, an den aber zu beiden Seiten barocke Gebäude, eine kleine Kapelle und ein dreigeschossiger Wohntrakt, anschließen.

KlosterPiaskowa

Was man hier sieht, ist selbstbewußte Architektur. Die Barockbauten nehmen keinerlei Bezug auf ihren gotischen Vorgänger. Der Kontrast ist offensichtlich und könnte kaum größer sein: hier die Vertikalität hoher Pfeiler und spitzbögiger Fenster, dort die Horizontalität rechteckiger Fensterreihen; hier blanker roter Backstein, dort Putz in Weiß- und Gelbtönen. Die Architektur des Barock ist, wie man sieht, völlig von sich überzeugt. Sie duldet das Alte gerade noch zwischen sich, käme aber niemals auf die Idee, sich ihm anzupassen. Es ist eine Art von Selbstbewußtsein, die man auch Arroganz nennen könnte, aber bis etwa 1800 war jede Architektur so.

Links die Hala Targowa (Markthalle). Mit ihrem Turm, ihren annähernd gotischen Fenstern und ihrem roten Backstein scheint sie ganz Zeitgenossin der Kirche gegenüber zu sein.

HalaTargowaAußen

Doch nicht 1408, sondern 1908 wurde sie errichtet. Tritt man hinein, begreift man sofort, daß die Fassade einem nur etwas vorspiegeln wollte.

HalaTargowaInnen

Man sieht keine Zierformen mehr, auch keine überkommenen Baumaterialien, stattdessen: Beton. In steilem Schwung ragen die Betonpfeiler von beiden Seiten auf, um sich hoch oben als flachere Bögen zu verbinden. Diese Betonrippen tragen das simple Satteldach in der Mitte, und, mittels vertikaler Streben, die nach außen abfallenden Pultdächer an den Seiten, und auch diese bestehen ganz aus Beton. Dazwischen sind Fenster, die das Marktgeschehen in der Halle beleuchten. Hier sieht man eine Architektur, die sich selbst verleugnet. Die Bautechnik, der Stahlbeton, ist äußerst fortschrittlich, aber davor wurde eine Fassade gesetzt, die so tut, als sei sie aus dem Mittelalter. Sie will auch einen Bezug zur Kirche gegenüber herstellen, aber es ist ein oberflächlicher, und noch dazu unnötiger.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław - krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Denn man kann sich angesichts des hohen Gewölbes durchaus leicht an gotische Kathedralen erinnert fühlen. Nicht durch das Material, sondern durch das Raumempfinden entsteht die wirkliche Verwandtschaft zur Kirche, die man durch das Fenster sieht.

HalaTargowaKirche

Aber diese Architektur vertraut nicht auf ihre eigene Kraft, wie die Gotik und der Barock das getan hatten, sondern versteckt sie hinter nachgeahmten Formen des Alten. Sie will sich dadurch legitimieren, erreicht aber das genaue Gegenteil.

Das mangelnde Selbstbewußtsein und der Mißbrauch des Alten, um dieses zu übertünchen, sind typische Merkmale fast aller Architektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (das 19. Jahrhundert endete bekanntlich erst 1917). Ganz selbstverständlich, daß all diese Kraft entfesselt werden wollte, daß die bautechnischen Möglichkeiten die historischen Formen, in die sie gezwängt worden waren, ohne je passen zu können, abschütteln wollten. So entstand die fortschrittliche Architektur des 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel dafür kann man direkt angrenzend an einem Gebäude, das zum Ensemble des Plac Nowy Targ (Neuer Markt) gehört, sehen.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław - krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Ganz wie die barocke Architektur der gotischen stellt sich diese Architektur, jedenfalls in ihren Formen, selbstbewußt aller alten gegenüber. Grauer Beton, Fensterbänder, der Kontrast ist offensichtlich. Anders als beim Barock ist dieses Selbstbewußtsein aber frei von Arroganz. Zum einen nämlich hält dieses Gebäude Abstand zu seinen Vorgängern, statt einfach an sie anzubauen. Zum anderen zeigt es seinem gotischen Nachbarn auf subtile Art, daß es von seiner Existenz durchaus weiß.

BlickKircheGalerie

Es streckt ihm einen kleinen Trakt entgegen, der unter einem dicken Flachdach zwar fast völlig aus Glas besteht, aber auch zwei Wandteile aus Backstein hat, in denen man spitzbögige Fenster erkennt. Dieser transparente Trakt ist nur der oberirdische Teil einer kleinen Galerie für Photographie, die unterhalb der heutigen Straßenebene aus einem romanischen Gewölbe besteht.

Galerie

So nimmt das Gebäude sogar noch einen älteren Vorgängerbau in sich auf und macht ihn wieder für den Stadtraum erlebbar. Es wird damit zu einem schönen Beispiel dafür, wie sich eine gelungene Verbindung zwischen Alt und Neu darstellen kann: als ein selbstbewußtes, aber respektvolles Beieinander, das sowohl Arroganz als auch Selbstverleugnung vermeidet.

Selbstbewußtsein ist also ein wichtiges Merkmal fortschrittlicher Architektur, wobei jedoch keineswegs jede selbstbewußte Architektur auch fortschrittlich sein muß.

Palais Kinsky oder Barocker Antiklimax

Barocke Stadtpaläste gibt es in Wiens Innerer Stadt viele. Sie sind auch neben den Kirchen diejenigen Gebäude, die am ehesten die Chance hatten, die Jahrhunderte zu überdauern, während die bescheideneren Teile des alten Wien im späten 19. Jahrhundert abgerissen und durch historistische k.u.k.-Klötze ersetzt wurden. Entsprechend sind all diese Palais mit all den Namen aus der Glanzzeit des Habsburgerreichs wohlrenoviert und ordentlich als Denkmäler ausgeschildert. Allein: die meisten von ihnen kann man nicht wirklich sehen. Eingezwängt in enge Gassen fehlt ihnen einfach der Raum, die Schönheiten, die sie haben mögen, zu entfalten. Man erlebt an diesen Gebäuden etwas, was man von Menschen kennt: Schönheit ist eine Frage des Abstands. Jeder hat, hoffentlich, schon einmal mit Verwunderung erlebt, daß ein schöner Mensch, sobald man ihm so nah war, wie man sich das vorher vielleicht sehnlichst gewünscht oder nie zu hoffen gewagt hatte, plötzlich nicht mehr schön war. Was zuvor ein harmonisches Ganzes gewesen war und daher schön, war nun aufgelöst in sinnlose Einzelteile, die nichts Schönes mehr hatten. Noch schlimmer ist mit den barocken Palästen in den engen Gassen Wiens, da man nie weit genug von ihnen entfernt sein konnte, um ihre Schönheit zu sehen. Und anders als bei einem Menschen, wo man nach der ersten Überraschung über die verschwundene Schönheit aus der Nähe andere Freuden ziehen kann – nicht ohne Grund schließt man beim Küssen die Augen – hat man rein gar nichts davon, einem Gebäude zu nahe zu sein.

Das Palais Kinsky hat dieses Problem nicht. Vielleicht eher aus Zufall als aus Erwägungen des Auftraggebers, dem die Wirkung seines Gebäudes für die Stadt egal sein konnte, solange es ihm nur repräsentative und zweckmäßige Innenräume bot, hat es vor sich den gesamten langgezogenen Platzraum der Freyung. Während man es beim Gang durch die Herrengasse leicht übersehen kann, ist das Palais Kinsky der Freyung ein markanter, wenn auch nicht monumentaler Abschluß.

FreyungPalaisKinsky

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Grundgerüst seiner Fassade sind die acht ionischen Pilaster, die sich über das zweite und dritte Geschoß bis zu einem Halbgeschoß unter dem Dach erstrecken.

PalaisKinsky

Die vier vier äußeren sind noch normale Pilaster, aber schon die nächsten sind an der Basis etwas schmaler, so daß sie sich nach oben hin verbreitern. Zusätzlich sind die Außenseiten der Basis und des Kapitells andeutungsweise verdoppelt, als seien dort noch weitere Pilaster.

PalaisKinskyPilaster

Die mittleren Pilaster schließlich sind an der Basis noch schmaler und scheinen so noch steiler in die Höhe zu wachsen, obwohl die Kapitelle bei allen Pilastern auf der gleichen Höhe und gleich groß sind. Der Effekt dieser eigenartigen optischen Täuschung ist, daß die Fassade zur Mitte hin weit stärker vorgewölbt und höher erscheint, als sie es tatsächlich ist. All das dient zur Betonung des Tors.

PalaisKinskyEingang

Dieses wiederum ist so gestaltet, als wölbe es sich von außen nach innen, während nur ein eigentlich funktionsloses Sims das tatsächlich tut. An den Seiten schragt es schräg hervor und wird von dorischen Säulen getragen, über denen Amphoren stehen. Direkt neben dem eigentlichen Tor übernehmen Atlanten die tragende Funktion. Über ihnen streben zwei Teile eines gesprengten Rundbogens aufeinander zu, berühren sich aber nicht, sondern leiten ganz wie die Göttinnen, die auf ihnen lagern, zum mittleren Fenster des zweiten Geschosses über. Mit schräg gesetzten Seitenteilen trägt es das seine zur Illusion der Vorwölbung bei. Noch darüber ist zwischen zwei Putten das Wappen. Die gesamte Fassade also bemüht sich, obwohl sie fast völlig flach ist, so zu tun, als bestehe sie aus weit stärker differenzierten Volumen.

Geht man durch das Tor ist das Repräsentative der Fassade schnell vergessen. Man kommt zuerst in einen niedrigen rechteckigen Raum und dann in einen hohen runden Saal mit Kuppel, um den sich oben runde Fenster und Öffnungen gruppieren.

SkulpturenHalle

Die Skulpturen stehen nun auf der Höhe des Betrachters oder auf niedrigen Sockeln in Nischen und sind etwa lebensgroß. Allesamt zeigen sie Gestalten aus griechischen Mythen, wobei Vergewaltigungen ein Hauptthema zu sein scheinen.

SkulpturenVorraum

Alles Praktische, alle Gegenwart will das Gebäude seinen Besucher vergessen machen. Doch tritt man aus dem Kuppelsaal nicht in eine arkadische Landschaft, wo man es, so man das reizvoll findet, den Skulpturen gleich tun kann, sondern in eine Abfolge zweier enger prosaischer Höfe. Wenn man durch den Eingang links das Palais erst wirklich betritt, setzt sich der Prunk zweifelsohne noch fort, aber irgendwann muß doch auch hier ein Antiklimax folgen, da wenigstens einige der Räume nicht umhinkommen werden, eine Funktion zu erfüllen. Das ist der grundlegende Widerspruch jeder Architektur, die nicht zuerst funktional sein will.

Die einzige Möglichkeit, das arkadische Versprechen der Eingangssituation ansatzweise zu halten, wäre ein Park, da ein solcher wirklich keiner anderen Funktion als dem ästhetischen und sonstigen Vergnügen dienen könnte. Einen Park mitten in Wien konnten sich aber auch reiche Adlige nicht leisten. So zeigt sich, daß auch das Palais Kinsky, das im Vergleich zu vielen anderen Stadtpalästen viel Raum hat, nicht genug Raum hat. Alles am Barock strebt nach großzügigen, offenen Räumen, das ist sein fortschrittlicher Zug. Vor sich will er Raum, damit seine Fassaden wirklich zu sehen sind, hinter sich will er Raum, um die Klarheit und Üppigkeit, die seine Fassaden und Skulpturen versprechen, wirklich zu bieten. Erst in Landsitzen wie dem Belvedere kann der Barock also ganz zu sich finden.

Zum hundertsten Jubiläum der Vorkriegszeit

Niemand sage, daß Staaten, die solcherart bauten,

Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, errichtet 1913 (aus Autorenkollektiv: Völkerschlachtdenkmal Leipzig, Leipzig 1975)

Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, errichtet 1913 (aus Autorenkollektiv: Völkerschlachtdenkmal Leipzig, Leipzig 1975)

Kriegsministerium in Wien, errichtet 1913

Kriegsministerium in Wien, errichtet 1913

keinen Krieg wollten.

Aus Autorenkollektiv: Völkerschlachtdenkmal Leipzig, Leipzig 1975

Aus Autorenkollektiv: Völkerschlachtdenkmal Leipzig, Leipzig 1975

KriegsministeriumAdler

Samson Mess- und Regeltechnik Wien

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Jeder hat dieses Gebäude schon einmal gesehen, denn jedes kleinere Büro- und Fertigungsgebäude, das zwischen 1965 und 1975 in kapitalistischen Staaten errichtet wurde, sieht so aus. So typisch, so vertraut aber ist dieses Gebäude, das man ebensogut sagen könnte, daß keiner es gesehen hat, da es durch nichts besonders auffällt.

Sei daher als Bilderbuchbeispiel das Gebäude der österreichischen Filiale der deutschen Firma Samson Mess- und Regeltechnik vorgestellt. Man findet es, wenn man will, in der Auhofstraße im 13. Bezirk.

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Das Obergeschoß ist nicht mehr als ein Fensterband zwischen zwei Brüstungsbändern aus Beton. Das Erdgeschoß ist in drei gleichgroße Teile gegliedert. Links vor den Glasflächen eines etwas erhöhten Raums ein schmales Beet aus Beton. In der Mitte, leicht zurückgesetzt, der Eingang, zu dem eine Treppe führt, in deren Brüstung ein weiteres Beet ist. Die repräsentative Wirkung dieses Bereichs ist durch schlichten, aber teuer wirkenden Stein, der für den Boden wie für eine Wand verwendet wurde, betont. Nur Glas trennt das Innen vom Außen. Und innen steht selbstverständlich eine große Palme, eine Sitzgruppe aus braungepolsterten Stahlsesseln und ein beigefarbenes Empfangspult, während im Hintergrund die Treppe nach oben und unten zu sehen ist.

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Links, noch ein wenig weiter zurückgesetzt, das große silberne Tor. Auf der Rückseite des Gebäudes sieht man das vertikale Fenster des Treppenhauses und bemerkt, daß das, was von vorne ein halbes Geschoß war, dank einer Vertiefung zu einem ganzen wird.

Samson5

Alles somit ist von einer Perfektion, die keiner der Passanten je bemerken wird, weil sie so enorm zart und zurückhaltend ist. Auch die Firma selbst scheint nicht mehr sicher zu sein, wieso sie sich, eingezwängt zwischen dem weit größeren Konica-Minolta-Gebäude rechts und einem k.u.k.-Mietshaus links, noch um eine ja doch übersehene Repräsentation bemühen sollte: Sie läßt die Pflanzen im Treppenbeet verwelken und fordert den Besucher an der Tür auf, einen Hintereingang zu benutzen.

Samson2

Der nächste Schritt könnte dann der Abriss oder eine umfassende Renovierung sein, in beiden Fällen würde jedenfalls nichts von dem Gebäude übrigbleiben. Aber auch dann wird es noch unzählige Gebäude, die grundsätzlich genauso sind, geben.

Was Zgorzelec und Görlitz verbindet

(siehe auch Zgorzelec und Görlitz)

Die naheliegende Antwort auf die Frage nach dem Verbindenden zwischen den beiden Neißestädten wäre: die Europabrücke. Sie verbindet Görlitz‘ Altstadt mit dem Zgorzelecer Ufer und gilt, anläßlich des EU-Beitritts Polens 2004 errichtet, als Symbol für das Zusammenwachsen beider Städte zur „Europastadt“. Doch sie ist eine Verbindung zwischen Ungleichem, eine Verbindung von Reich zu Arm, von Sieger zu Besiegtem, geradezu von Herr zu Diener. Denn Deutsche, die diese Brücke überqueren, kommen, um in den polnischen Restaurants günstig und von Polen selbstverständlich auf Deutsch bedient, zu essen, aus keinem anderen Grund. Vom wahren polnischen Zgorzelec können sie da nichts sehen. Die Europabrücke ist, so sehr jede Brücke zu begrüßen ist, ganz wie die Bezeichnung Europastadt ein Mittel zur Verschleierung der wahren Machtverhältnisse zwischen Polen und dem vergrößerten Deutschland. An dieser Situation ändert auch nichts, daß selbstverständlich Polen über die Brücke nach Görlitz kommen, um dort zu arbeiten oder einzukaufen, und daß es selbstverständlich auch in Görlitz viele Menschen mit einem wirklichen Interesse an ihren Nachbarn gibt, Menschen, die polnisch lernen, kulturelle Kontakte pflegen, Jugendprojekte organisieren. Was das offizielle Görlitz von Zgorzelec denkt, lese man am Platz ab, den es ihm auf dem Stadtplan, den man in der Touristeninformation bekommt, zugesteht.

StadtplanGörlitz

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Die wirkliche Verbindung, der einzige Ort, wo noch spürbar ist, daß Zgorzelec und Görlitz einmal eine Stadt waren, ist ein Park, Stadtpark westlich und Park Miejski (Stadtpark) östlich der Neiße geheißen. Er beginnt in Görlitz mit weiten, von alten Bäumen gerahmten Wiesen und zieht sich dann in intimeren Wegen zwischen riesigen Rhododendronsträuchern und in einem terrassierten Rosengarten den Hang zum Fluß hinab. Dort steht die Stadthalle, das erste der beiden den Park prägenden Bauten. Sie ist fast auf Uferhöhe, aber ihr Eingang ist höher an der zur Brücke führenden Straße gelegen.

StadthalleGörlitz

Sie ist ein letztlich sehr simples, funktionales Gebäude, das aus einem Sockel und einem darauf zurückgesetzten Saaltrakt besteht. Die gewählte Ornamentik unterstützt diese Klarheit in gewissem Maße, sie hat etwas Assyrisches, Babylonisches, das vom Jugendstil, dem man sie zuordnen könnte, schon zum Art Déco der Zwanziger vorausweist, was nicht weit, aber ungewöhnlich weit ist. Sphinxen, Phönixe, Obelisken kommen als passende Skulpturen hinzu, aber sparsam eingesetzt.

StadthalleGörlitzFront

Doch daneben gibt es Putten und Amphoren, die das Stilprogramm auf bizarre Weise durchbrechen. Man kann nur spekulieren, daß der Auftraggeber das Gebäude zu streng fand und deshalb verspielteren, der erhofften Fröhlichkeit der Tanzveranstaltungen angepaßten Schmuck hinzufügen ließ. Dennoch ist die Stadthalle einer der seltenen Bauten der Kaiserzeit, dem man Qualitäten abgewinnen kann. Daß gerade sie leersteht, sagt Trauriges über Görlitz.

Jenseits der Neiße setzt sich der Park fort, doch die fußläufige Verbindung ist leider nicht sehr klar. Von den Uferwiesen zieht sich der Park mit waldartigem Baumbestand den Hang hinauf. Dort steht das Dom Kultury (Kulturhaus) von Zgorzelec.

DomKulturyVertrag

Es ist ein typischer wilhelminischer Protzbau, quadratisch, mit antikisierender Säulenordnung und Kuppel, eigentlich nichts anderes als eine verkleinerte Version des Reichstags in Berlin oder des Reichsgerichts in Leipzig.

Aus Müller, Hans: Neostile - Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1979

Aus Müller, Hans: Neostile – Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1979

Die Skulpturen beim Eingang sind Werke eines monumentalen präfaschistischen Jugendstil, der auch das Leipziger Völkerschlachtdenkmal prägt. Innen

DomKulturyInnen

ganz wie außen ist es, auch wenn die Kaiserskulpturen durch einen Spiegel ersetzt wurden, ein Gebäude, das den Menschen klein machen und erniedrigen will. Polen gab diesem Monstrum, das vorher nichts anderes als Feier des Wilhelmismus war, als Kulturhaus immerhin eine Funktion.

Es ist aber gerade das Dom Kultury, das ein Symbol für die Verständigung nicht nur zwischen Zgorzelec und Görlitz ist. Hier nämlich wurde 1950 zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR der Vertrag über die Oder-Neiße-Friedensgrenze unterzeichnet, mit dem die Beschlüsse des Potsdamer Abkommens von einem polnischen und einem deutschen Staat umgesetzt wurden.

Am 6. Juli 1950 wurde in diesem Gebäude der Vertrag zwischen der Volksrepublik Polen und der Deutschen Demokratischen Republik über die Markierung der festgelegten und bestehenden Grenze zwischen beiden Ländern an der Oder und der Lausitzer Neiße als unantastbare Grenze des Friedens und der Freunschaft unterschrieben Zgorzelec 6. Juli 1955

Am 6. Juli 1950 wurde in diesem Gebäude der
Vertrag
zwischen der Volksrepublik Polen und der Deutschen Demokratischen Republik über die Markierung der festgelegten und bestehenden Grenze zwischen beiden Ländern an der Oder und der Lausitzer Neiße als unantastbare Grenze des Friedens und der Freundschaft unterschrieben
Zgorzelec 6. Juli 1955

Hier geschah also nicht weniger als die Sicherung des Friedens in Europa, hier wurde einer der entscheidenden Schritte zur Ausschaltung des deutschen Imperialismus getan und damit einer der Grundsteine für die gesamte gegenwärtige Weltordnung gelegt. So wird das Gebäude fast egal, verschwindet hinter seiner Bedeutung als Ort eines der schönsten und wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Für Görlitz und Zgorzelec bedeutete das die Möglichkeit eines gleichberechtigten Miteinanders als befreundete, aber verschiedene Städte. Die Möglichkeit ist vertan, seit 1980, als in Polen die Konterrevolution drohte, und spätestens seit 1989, als sie überall siegte. Bleibt der Park, der sich vom Dom Kultury noch weit erstreckt, Teiche umspielt, weiter den Hang aufsteigt. Ist es auch ein polnisch-deutscher Park, so bleiben doch Deutsche und Polen zumeist in ihrem Teil. Wenn sie sich aber träfen, so in wenigstens scheinbarer Gleichberechtigung, als Spaziergänger, küssende Pärchen, Trinker, Jogger. Um das zu ermöglichen, sollte neben der Autobrücke eine weitere Fußgängerbrücke von Park zu Park errichtet werden. Da die Städte eine nach Europa und eine nach nach einem polnischen Kirchenchef benannte Brücke schon haben, sollte sie Bierut-Pieck-Brücke, Grotewohl-Cyrankiewicz-Brücke, Brücke der Friedensgrenze, Friedensbrücke oder wenigstens Parkbrücke heißen. Bald wird das nicht geschehen.

Görlitz

(siehe auch Zgorzelec und Was Zgorzelec und Görlitz verbindet)

Görlitz könnte eine schöne Stadt sein, nein, Görlitz ist eine schöne Stadt. Es ist aber auch eine Stadt, gegen die man leicht eine Abneigung haben kann.

Wenn man in Görlitz den Bahnhof verläßt, meint man sich in ein Berliner Mietskasernenviertel versetzt. Alles sieht aus, als habe man die schlimmsten Teile des Wedding oder des Prenzlauer Bergs nach Süden an die Neiße verfrachtet.

MietskasernenGörlitz1

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Man sieht sofort: Görlitz ist eine preußische Stadt. Die Altstadt ist inmitten der Auswüchse des Preußentums wie eingeschlossen. Sie zu befreien, muß man erst einmal einen Schlüssel finden. Den aber stellt Görlitz so einfach bereit wie kaum eine andere Stadt: es ist die Verkündigungskanzel vorm Rathaus.

Aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

In einer Ecke zwischen Turm und Gebäude schwingt sich eine Treppe empor zum Eingang und zur Kanzel neben diesem. Steht man davor, sieht man höchste bildhauerische Kunst der Renaissance. Schon mit den Stufen und dem Geländer der Treppe selbst beginnt sie, setzt sich fort in einer schlanken ornamentierten Säule, um die die Treppe sich windet, und endet auch noch nicht mit der Skulptur der Justitia, die mit erhobenem Schwert in der einen und Waage in der anderen Hand auf der Säule steht, sondern setzt sich weiter fort im Wappenrelief an der Wand rechts und den Ornamenten der rundbögigen Rathaustür. Doch bescheidener, auch auf Photos dieser enorm oft photographierten Treppe oft rüde ignorierter oder abgeschnittener Höhepunkt ist die Verkündigungskanzel selbst. Sie ruht auf zwei dicken Säulen an der Wand, die aber alles Schwere verlieren, weil sie auf ihnen so weit übersteht wie es die damalige Technik eben erlaubte, weil sie schweben will. Geht man hinauf und steht selbst auf der Kanzel, öffnet sich einem Görlitz. Man steht nun neben der Justitia, schwebt selbst wie diese, blickt wie diese über den Untermarkt und fühlt sich unweigerlich wie ein Bürgermeister bei einer wichtigen Verkündigung oder ein Richter beim Urteilsspruch. Obwohl eigentlich gar nicht hoch, fühlt man sich hier weit über Görlitz erhoben. Man ist im Mittelpunkt der Stadt oder besser noch: man ist der Mittelpunkt der Stadt. Wenn man in die andere Seite, um die Gebäudeecke, über die die Kanzel ganz leicht übersteht, schaut, wird der Blick über die gesamte Länge des Obermarkts entlanggezogen,

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

vorbei an einem Kirchturm links und hin zu einem Turm der alten Stadtmauer und noch an ihm vorbei zum breit ruhenden Rund einer Bastion. Der Obermarkt, früher Leninplatz, ist nunmehr ganz Raum von klarster Struktur, egal die Gebäude darum, egal die parkenden Autos darauf. Wenn man ihn entlanggeht, entlanggezogen wird wie zuvor der Blick, sieht man die Türme, die diese Struktur bilden, genauer: den schlanken spätgotischen Turm der Dreifaltigkeitskirche

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

und  den auf elegante Weise wehrhaften Reichenbacher Turm, ebenfalls gotisch, aber ganz anders.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Der eigenartige Rundbau des Kaisertrutz‘, aus dem ein kleinerer Turm ragt, bildet den entschiedenen Abschluß, was vielleicht schade, aber auch notwendig ist, da man sich sonst wünschen könnte, der Platz setzte sich ins Unendliche, entlang unzähliger weiterer Türme, fort.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Das Bild  vervollständigt sich einem einzig noch dadurch, daß der Rathausturm, ein Renaissancebau, der man von der Kanzel aus gleichsam selbst gewesen war, zum dritten strukturierenden Punkt des Platzraums wird.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Man weiß auch sofort, daß man, wann immer man nun diese Abfolge dreier Türme aus der Ferne sehen wird, immer gleichzeitig den Raum, den sie markieren, denken wird.

Aus Huhn, Bernhard/Bernhardt, Rudolf (Hg.): Kohle, Wälder und weite Wege, Leipzig 1979

Aus Huhn, Bernhard/Bernhardt, Rudolf (Hg.): Kohle, Wälder und weite Wege, Leipzig 1979

Nur die wenigen Stufen hinauf zur Verkündigungskanzel und Görlitz gehört einem. Nun, in Besitz des Schlüssels zur Stadt, mag man die Gassen erkunden, den Weg zur weit langweiligeren gotischen Peterskirche am Hang oberhalb der Neiße, die von beiden Märkten wohltuend unsichtbar ist, suchen, und man mag das schön finden; wichtigeres und mehr von Görlitz als von der Verkündigungskanzel wird man da aber nicht sehen.

Nun, da man Görlitz ohnehin gegen alle Anfeindungen gefeit weiß, kann man sich sogar dem preußischen, wilhelminischen Görlitz widmen. Zum Demianiplatz führt vom Obermarkt eine Straße, an deren Ende wie ein Wegweiser ein weiterer runder Turm der Stadtmauer steht. Hier treffen Alt und Neu in großer Schärfe aufeinander, aber das bemerkt ob der „Patina des Alters“ (Georg Piltz), die auch dieses Neue schon hat, heute wohl kaum jemand mehr. So schiebt sich etwa ein großes Kaufhaus mit einer Dreistigkeit, die ihm Görlitz lange verziehen oder nie übelgenommen hat, vor eine weitere gotische Kirche. Es ist, als hätten die wilheminischen Städtebauer Marx gelesen und wollten baulich illustrieren, wie der Kapitalismus an die Stelle der „heiligen Schauer der frommen Schwärmerei“ die „gefühllose, bare Zahlung‘“ setzt.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

So fortschrittlich zeigt sich der Kapitalsmus in anderen Teilen von Görlitz aber nicht mehr. Weiter geht es über den Postplatz mit dem namensgebenden rotbacksteinernen Gebäude auf die Berliner Straße. Sie ist die Schönhauser Allee von Görlitz, Einkaufsstraße in der Wüste der Mietskasernen, die zuerst auf einen Eckbau in einer Straßengabelung, dann auf den Bahnhof zuführt. Ringsherum und auch jenseits der Bahnstrecke die immergleichen Straßen mit den immergleichen Mietskasernen.

MietskasernenGörlitz2

Hier war die Heimat des Görlitzer Proletariats und Kleinbürgerturms. Zur Auflockerung dieser erstickenden Enge gibt es in den Bereichen beidseits der Berliner Straße zwei große rechteckige Plätze. Der südöstlich gelegene trägt heute wieder den leider angemessenen Namen Wilhelmsplatz. Am nordwestlich gelegenen steht ein riesiger Kirchenklotz aus Backstein wie es ihn in Berlin dutzendfach gibt, was hier keine Hyperbel, sondern eine konservative Schätzung ist, und vor diesem ein Standbild Luthers, weshalb er Lutherplatz heißt.

LutherplatzGörlitz

Auch hinter dem Bahnhof gibt es, etwas erhöht gelegen, eine weitere Kirche und ein Stück weiter noch einen Platz. Nach Osten hin, zum Stadtpark am Ufer der Neiße, und nach Südwesten, Richtung Landeskrone, bekommen die Mietskasernen Vorgärten und die Straßen Bäume. Hier lebte das mittlere Bürgertum, die Beamten- und Lehrerschaft der Stadt. Am Rande des Parks und noch näher an der Landeskrone stehen die Villen des Großbürgertums, der Kapitalistenklasse, der die Fabriken gehörten, in denen das Proletariat arbeitete, und auch die Mietskasernen, in denen es lebte.

Görlitz ist somit ein Lehrbuchbeispiel, an dem sich die Klassenstruktur des entwickelten Kapitalismus des frühen 20. Jahrhunderts und deren städtebauliche Wiederspiegelung ablesen läßt. Gegensätze und Kontraste, die zu erleben man in Berlin in verschiedene Bezirke fahren müßte, hat man hier in einer Straße. Steht man etwa an der Ecke Schützenstraße/Bismarckstraße, schaut man nach links in eine finstere Mietskasernenstraße

Bismarckstraße2

und nach rechts in eine Straße mit blühenden Vorgärten.

Bismarckstraße1

An der Ecke Bahnhofstraße/Blockhausstraße wiederum erlebt man, wie erstere gleich einem Puffer aus Mietskasernen vor die Gleise gesetzt ist, damit zweitere sich mit ihren Vorgärten umso ungestörter zum Park öffnen kann.

BahnhofstraßeGörlitz

Die eklatante Ungerechtigkeit dieser Stadtstruktur zu beheben, unternahm Görlitz in den Jahren der Weimarer Republik nur wenige Versuche. Es entstanden bloß Einfamilienhäuser und kleinere, konservativ konzipierte Siedlungen am Stadtrand.

Für die DDR stellen Görlitz‘ Mietskasernen ein ebenso schweres Erbe dar wie jene im Prenzlauer Berg oder in Friedrichshain. Hier wie dort bleib ihr wenig mehr, als einerseits dafür zu sorgen, daß sich die Bevölkerung in der vorhandenen Bebauung etwas mehr vermischt und andererseits außerhalb lebenswerteren Wohnraum zu schaffen. Doch eine entscheidende Veränderung bewirkte sie in Görlitz auch inmitten der Mietskasernen: sie machte die Berliner Straße zur Fußgängerzone.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Wo früher die Autos gefahren waren, entstand nun ein ganz dem Fußgänger gewidmeter Boulevard, der mit quadratischen Bodenplatten, neuen Bänken und Lampen ein wenig half, seine Umgebung aus der preußischen Vergangenheit in die sozialistische Gegenwart aufzuheben.

Nur die Straßenbahn durfte auf der Fußgängerzone weiter fahren. Die Strecke vom Bahnhof über die Berliner Straße zum Rande der Altstadt am Demianiplatz bildet so das Rückgrat eines für eine Stadt dieser Größe (zur besten Zeit etwa 80000 Einwohner) perfekten Straßenbahnnetzes. Drei Endhaltestellen gibt es. Die eine ist weit im Südwesten am Fuße der Landeskrone.

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Dieser Hausberg von Görlitz wäre gänzlich uninteressant, wenn sein Kegel nicht so völlig frei in der Landschaft stände, erste höhere Erhebung hinter der Ostseeküste. Während diese Endhaltestelle also bei einem wichtigen Erholungsgebiet liegt, sind die anderen beiden in den großen Wohngebieten der Stadt.

Für Weinhübel im Süden ist die Straßenbahn auch wirklich die Lebensader, die sie mit der Stadt verbindet. Es sind sehr ruhige, kaum mehr städtische Gegenden, die Bäume höher als die drei-, vier-, fünfgeschossigen Gebäude mit spitzeren und flacheren Satteldächern, die entlang geschwungener Straßen aufgereiht sind. Beide Teile des, wiederum vor allem durch die von der Ausfallstraße abzweigende Straßenbahn verbundenen, Wohngebiets, haben eine leerstehende Schule, beide mit gelungenem Kunstwerk. Die Sonnenuhr mit sowjetischem Raumschiff im älteren Teil schon hübsch,

SonnenuhrRaumschiff

die kupferne Tür der Hans-Beimler-Oberschule im neueren Teil, wo sogar die Türgriffe Tauben sind, erst recht ein gutes Beispiel dafür, was die Kunst der DDR vermochte.

HansBeimlerGörlitz

Als Zentrum im ersten Teil eine geschickt mit der Haltestelle verknüpfte HO-Ladenstraße, Flachbauten mit Pultdach, davor filigran gestützte Kolonnaden, von denen der Blick über die Felder zur Landeskrone geht.

HOLadenstraßeGörlitz

Im zweiten Teil ist vom Zentrum an der Endhaltestelle nur noch wenig zu erkennen.

Das Wohngebiet Nord könnte verschiedener kaum sein. Schon beim Heiligen Grab, am Rande der Altstadt, blickt man die Straßenbahnstrecke und einen großzügigen Gehweg entlang zu seinen höhergelegenen Gebäuden.

GörlitzNordStraßenbahn

Das Wohngebiet beginnt sogar noch vor diesen mit einem kleinen Park.

GörlitzNordPark

Von dort leitet ein Treppenweg hinauf zu einem Fußgängerboulevard, der vorbei an Ladenzeilen, Kaufhallen und Schulen durchs gesamte Wohngebiet führt.

GörlitzNordBoulevard

Die Straßenbahn fährt derweil zwischen dem Rand des Wohngebiets und dem Friedhof, um den Boulevard erst wieder kurz vor ihrer Endhaltestelle zu kreuzen. So entsteht ein recht typisches Wohngebiet der späten DDR, sechsgeschossige Gebäude, die, teils zu geschlossene, Höfe bilden. Es ist auch ein Gegenentwurf zu den Mietskasernengegenden. Wo diese sich erstickend um die Altstadt legen und keinerlei Bezug zu ihr haben, hält das Wohngebiet Nord gebührenden Abstand zu ihr und bietet seinen Bewohnern zugleich weite Ausblicke über sie.

BlickGörlitzNord

Weniger gelungen als die Wohngebiete in der Nachbarstadt Zgorzelec, entspringt es doch demselben fortschrittlichen Geist. Es war der letzte Versuch, ein neues Görlitz zu schaffen und die Altstadt ein wenig aus ihrer wilhelminischen Umklammerung zu befreien.

Das heutige Görlitz ist eine typische Stadt der ehemaligen DDR. Seine Bevölkerungszahl ist trotz Eingemeindungen auf 55000 gesunken. Seine Altstadt sieht neuer aus als wohl je zuvor in ihrer Geschichte, ist aber weitenteils unbewohnt, da die einen es sich nicht leisten können, dort zu wohnen, und die anderen es nicht wollen. In den Mietskasernen wohnen die Studenten und alle, die sonst von niedrigen Mieten gelockt werden. Und wer in den fortschrittlichen Wohngebieten wohnt, will dort auch nicht weg, weil er eben Grün und Ruhe mit guter Anbindung zur Innenstadt schätzt. Was dieses heutige Görlitz so unsympathisch machen kann, ist, daß es sich für etwas Besseres hält oder jedenfalls in den Medien so dargestellt wird. Es scheint zu meinen, daß es wegen ein paar dort gedrehter Hollywoodfilme, eines geheimnisvollen Spenders, der reihenweise Häuser renovieren läßt, und einiger westdeutscher Rentner, die es sich zum Altersdomizil auserkoren haben, etwas grundsätzlich anderes als, sagen wir, Stendal oder Merseburg sei. Doch hinter dieser Hybris ist Görlitz einfach eine schöne Stadt.

Zgorzelec

(siehe auch Görlitz und Was Zgorzelec und Görlitz verbindet)

Deutsche neigen dazu, die westpolnische Stadt Zgorzelec von Görlitz aus zu betrachten, bloß weil beide bis 1945 eine Stadt gebildet hatten. Dann kann der Blick leicht etwas Paternalistisch-Mitleidiges bekommen: Oh, das arme Zgorzelec, von der schönen Altstadt hat es so gar nichts abbekommen, überall nur schäbiger Plattenbau und schäbigere Mietskasernen. Das ist nicht völlig falsch, insbesondere, was das heutige Zgorzelec betrifft. Aber der germanozentrische Blick von westlich der Nysa (Neiße) macht es unmöglich, etwas zu sehen, was Zgorzelec vielleicht nie war, aber auf jeden Fall sein wollte: eine Stadt, die mehr ist als ein bloßer Wurmfortsatz des deutschen Görlitz, eine polnische und sozialistische Stadt. Will man diese entdecken, so ist schon geographisch eine andere Herangehensweise nötig. Man muß sich Zgorzelec von Osten nähern, von seinen Bahnhöfen aus, idealerweise aus Wrocław ankommend.

Der erste und größere der Bahnhöfe heißt Zgorzelec Miasto. Schon der Name ist eine Deklaration: Zgorzelec Stadt. Er liegt ganz im Osten, am Rande der Stadt, aber darin kann nur derjenige einen Widerspruch zum Namen erkennen, der Zgorzelec nicht ohne Görlitz denken kann. Das Bahnhofsgebäude war als Aushängeschild des zu entdeckenden neuen Zgorzelec gedacht: Zu den Gleisen hin, die in einem Einschnitt weit unterhalb der Straßenebene liegen, drei Geschosse auf aus der Wand vorragenden Stützen,

BahnhofZgorzelecUnten

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

zum weiten Vorplatz hin ein verglaster Saal, der über dem Eingang als Vordach ein vor dem Glas schwebendes und dessen Transparenz noch betonendes monolithisches Betonelement hat.

BahnhofZgorzelecOben

Bezeichnenderweise ist dieses stolze Gebäude heute eine Ruine (ein Bild aus besserer Zeit gibt es hier).

So in Zgorzelec angekommen, darf man, wenn man eine einmal potentiell gewesenen Stadt entdecken will, nicht den Fehler machen, sich zur größeren Straße links, wo McDonald’s, Biedronka und Kaufland locken, zu wenden. Auch das kleine Wohngebiet auf deren anderer Seite sollte man vorerst ignorieren und das, obwohl dort zwischen sechsgeschossigen Punkthäusern ein Park, der vielleicht schönste der Stadt, ist, dessen weidenumstandenen Teich sich einige stilsichere schwarz-weiße Reiherenten zur Heimat erwählt haben.

TeichZgorzelec

Stattdessen muß man seine Schritte nach rechts wenden.

Mit einem Hügel so weit oberhalb der Bahngleise, das man sie auch vergessen würde, wenn noch lautere Züge auf ihnen führen, beginnt die zentrale Grünachse eines Wohngebiets. Auf dem Hügelplateau, um das spiralförmige Wege verlaufen, wäre der geeignete Platz für ein sowohl Polen als auch dem Sozialismus würdiges Denkmal, aber das gab es wohl nie. Was es noch gibt, ist die Freilichtbühne am Rand, heute so heruntergekommen und ungenutzt wie das Bahnhofsgebäude.

FreilichtbühneZgorzelec

Auf der Grünachse geht man westwärts, aber, das muß man sich bewußt machen, nicht in die Stadt hinein, sondern durch sie hindurch. Die meisten Gebäude des Wohngebiets sind viergeschossig, erst recht regelmäßig quer zur Achse und dann lockerer nach rechts hin angeordnet. Aber ab dem Frühling sieht man vor sich nur einen Tunnel von Grün.

GrünachseZgorzelec

Kurz vor der nächsten größeren Querstraße ist der Bereich rechts dann in eine Handvoll sechsgeschossiger Punkthäuser aufgelöst. Es folgt das Wohngebietszentrum, entlang der Straße bloß. Aber wenn man von dieser aus über das Vordach, das über einem winzigen runden Kiosk beginnt und sich dann vor einen Flachbau schwingt, hinwegsieht, merkt man, daß die Punkthäuser trotz ihrer geringen Höhe eine markante Silhouette bilden.

Aus Autorenkollektiv: Polen, Leipzig 1969

Aus Autorenkollektiv: Polen, Leipzig 1969

Nach der Querstraße schließt die Grünachse bald an eine weitere an, die breiter ist und durch mittige Rasenflächen einen noch parkartigeren, aber auch strengeren Charakter hat. Beidseits nun Doppelhäuser mit Walmdach, konservative Architektur der Zwanziger oder auch der Nazizeit. Zwischen zwei Pavillons und höheren Gebäuden der Siedlung endet die Grünachse an der folgenden Querstraße. Das städtebauliche Feingefühl der Planer zeigt sich daran, wie sie diese Grünachse, die das beste an der Siedlung ist, fortführen und zum Teil eines Wohngebiets ganz anderer Art machten.

Nun kommt man in ruhige Straßen voller Einfamilienhäuser, die sich über die Hügel ziehen.

BlickGörlitz

Wenn man hier zwischen blühenden Gärten auf die Altstadt von Görlitz am anderen Ufer herabschaut, begreift man, daß Zgorzelec eigentlich einen der besseren Teile des alten Görlitz bekommen hat, bloß eben keinen sehr städtischen.

Der zweite Bahnhof, schlicht Zgorzelec genannt, hat kein bemerkenswertes Gebäude und auch das Wohngebiet, in das man von dort gelangt, ist eher weniger gelungen. Er liegt ganz im Süden, kurz vor dem nach Görlitz hinüberführenden Viadukt. Das Wohngebiet erstreckt sich entlang der großen in die Stadt hineinführenden Straße Warszawska (Warschauer Straße). Sein Grundgerüst bilden auf der linken Seite viele elfgeschossige Gebäude, die sich erst den zur Nysa abfallenden Park entlangziehen und dann in einem Bogen auf die Warszawska stoßen.

ZgorzelecSüd

Nur zu Beginn, zwischen locker parallel zur Straße gesetzten Fünfgeschossern, ein Grünbereich, in dem man eine Ahnung einer Fußgängerachse erkennen kann. Danach aber eher diffuse, vermischte Bebauung, in der nur die Straßen strukturierend wirken. Auf der rechten Seite der Warszawska einige wichtige Einrichtungen, die zwar helfen, Zgorzelec zu der Stadt zu machen, die es sein will, aber letztlich bloß ohne Bezug untereinander aufgereiht sind. Zuerst das Sportzentrum.

SportzentrumZgorzelec

Es besteht im Grunde nur aus einem langen rechteckigen Flachbau mit roter Kachelverkleidung, doch über diesen spannen sich an beiden Enden gewellte Dächer aus einer leichten Stahlkonstruktion, die außen von Betonstützen aus einer geraden Strebe und einem schrägen umgedrehten V getragen werden.

SportzentrumZgorzelecStützen

In den beiden so entstehenden Räumen sind ein Schwimmbad und eine Sporthalle untergebracht, während der Eingang im flachen Teil in der Mitte ist. Ein markanter und funktionaler Bau errichtet mit ganz einfachen Mitteln also. Als nächstes der Busbahnhof.

BusbahnhofZgorzelec

So wie hier, wo aus dem Flachbau das steile Spitz der Wartehalle mit ihrer vertikal gegliederten Verglasung aufstrebt, wären in anderen Ländern Kirchen errichtet worden. Doch dies ist Polen und so steht direkt dahinter ein besonders banales Beispiel sakraler Architektur, das einen mehr als alles sonst bedauern läßt, daß das alte Görlitz Zgorzelec nicht etwas mehr hinterlassen hat. Mit einem Kaufhaus schließt das Wohngebiet dann an alte Mietskasernenbebauung an. Das sind die Teile der Stadt, die der von Görlitz kommenden Besucher am ehesten sehen wird und sie sind eben so häßlich wie entsprechende Straßenzüge überall. Sie hatten wohl auch nie ganz aufgehört, das faktisches Stadtzentrum zu sein, doch wie aufgezeigt waren sie immer nur ein Teil der Stadt, da es schon in den angrenzenden Hügeln mit ihren Einfamilienhäuser ganz anders aussieht.

Um die vom alten Görlitz ererbten Teile legt sich also von Süden und Osten das neue Zgorzelec. Auch im Norden erstreckt sich ein Wohngebiet, das wiederum ganz anders geartet ist. Es beginnt an der Straße mit zwölfgeschossigen Gebäuden, von denen aus sehr lange fünfgeschossige Gebäude gen Westen verlaufen.

ZgorzelecNord

Eine klare Achse ist das nicht, aber doch ein offener und angenehmer Stadtraum. Abschluß, Höhepunkt des Wohngebiets und in gewisser Weise auch von allem, was Zgorzelec mal zu sein versuchte, ist ein sehr markanter Gebäudekomplex. Zwei Gebäude, die aber eine Einheit sind. Zwei L-Formen, zueinander so angeordnet, daß sich ein offenes Rechteck ergibt, die langen Seiten in vielen, durch Aufzugsbauten und Schornsteine weiter nuancierten Stufen von fünf auf dreizehn Geschosse ansteigend und beim linken an der kurzen Seite wieder auf neun Geschosse abfallend.

GebäudeZgorzelec

Der Bereich zwischen den Gebäuden eher kahl, aber nicht auf diesen Eindruck kommt es an. Das Gebäude will von Weitem gesehen werden, es ist Zgorzelec‘ Gruß an Görlitz. Hoch auf dem Hügel gelegen, tritt es ins Gespräch mit der Peterskirche am deutschen Ufer der Neiße, die ihrerseits auf einem Hügel steht, aber niedriger.

BlickZgorzelecGörlitz

Und der graue, bei den seitlichen Balkonen schwarze, Beton, das Bunt der Balkongeländer und der diese vertikal zusammenfassenden Gitter brauchen sich hinter den gotischen Spitzbögen und den niedrigen Türmen der Kirche nicht zu verstecken. Wollte man hymnisch werden, man würde dieses Gebäude in Zgorzelec eine Kathedrale des Wohnens nennen, in der der neue Mensch endlich nicht mehr beten muß. Was das polnische und sozialistische Zgorzelec, das es hätte geben können, mit diesem Gebäude zu Zgorzelec sagt, nicht bösartig, aber selbstbewußt, von Stadt zu Stadt sprechend, ist: Sicher, wir haben keine Altstadt, aber wir legen unseren Bürgern die deine zu Füßen. Denn von nirgendwo sieht man Görlitz besser als von ebendort in den Hügeln von Zgorzelec. Umgekehrt erinnert das Gebäude Görlitz daran, daß die Geschichte nicht im 19. oder 18. Jahrhundert aufhörte. Steht man auf der Verkündigungskanzel vor dem Görlitzer Rathaus, so sieht man neben der Altstadt auch immer dieses Gebäude.

BlickVerkündigungskanzelZgorzelec

geht man über den Obermarkt, so vervollständigt es die Abfolge der Türme, die ihn markieren. Es ist Teil sowohl von Zgorzelec auch von Görlitz.

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Nach diesem Höhepunkt kommt nichts mehr. Schon der Weg hinab zur Neiße zeigt, wie sehr Zgorzelec sich aufgegeben hat. Plattenbau mit historistischen Ziegeldächlein, die sich nahtlos an banale Gebäude aus jüngerer Zeit anschließen, am Rande sehr heruntergekommene Mietskasernen und am Ende der von Görlitz herführenden Brücke ein wenig disneyhafte Pseudoaltstadt für die Deutschen und die Touristen. Es ist eine unendlich trostlose und oft einfach nur leere Gegend. Nicht ausgeschlossen, daß hier in der besten Zeit der polnisch-deutschen Beziehungen, den siebziger Jahren, als zwischen Polen und der DDR der visafreie Reiseverkehr, eine Art sozialistisches Schengen, galt, einmal ein Zentrum von Zgorzelec, das ein fortschrittliches Gegengewicht zur Görlitzer Altstadt hätte bilden können, geplant war. So ist Zgorzelec heute nur in wunderbaren Ansätzen die Stadt, die es hätte sein sollen.

Ústí nad Orlicí

Ústí nad Orlicí ist nur eine kleine Stadt im Osten Böhmens, die noch dazu das Unglück hat, sich den Namen mit dem weit größeren Ústí nad Labem in Nordböhmen teilen zu müssen (ústí heißt Mündung, also ist das nicht überraschend). Zwar verläuft durch Ústí die wichtigste tschechische Bahnstrecke, die von Prag über Pardubice nach Brno und weiter nach Bratislava, Wien, Budapest führt, ja, man könnte es sogar als Eisenbahnknoten bezeichnen, da hier eine Strecke hoch nach Polen abzweigt, doch wie wenig diese Bedeutung für das Bahnwesen mit der Stadt zu tun hat, zeigt sich schon daran, daß der Bahnhof weit außerhalb liegt.

Es läßt sich auch wirklich nicht sagen, daß es in Ústí sehr viel gäbe. Wem es um Sehenswürdigkeiten zu tun ist, der fahre ins nahe Letohrad. Aber Ústí ist etwas anderes: die vielleicht perfekte tschechoslowakische Kleinstadt. Alles, was die Architekturgeschichte der Tschechoslowakei ausmachte, kann man hier auf engem Raum in höchste Brillanz erleben. Dazu steige man nicht am entfernten Hauptbahnhof, sondern an der kleinen Station Ústí nad Orlicí město (Stadt) aus. Hinein in die Stadt geht es jenseits einer großen Straße zwischen einem dreizehngeschossigen Hochhaus rechts und mehreren verschieden hohen würfelförmigen Gebäuden, deren Seiten entweder aus rotbraunen Kacheln oder aus Fensterbändern und grüner Verkleidung bestehen.

VÚB

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Jeweils daran anschließend erstreckt sich an der Straße weiter nach rechts ein großes Industriegelände und nach links ein kleines Wohngebiet. In einer Straßengabelung steht die Skulptur eines Trommlers, Denkmal für die tschechoslowakischen Legionen. Daneben geht es zwischen niedriger Bebauung den Hang hinauf zum Marktplatz, der noch heute den so altmodisch sozialistischen Namen Mírové naměstí (Friedensplatz) trägt.

Aus Hyhlík, Vladimír/Přeučil, František: Východní Čechy, Praha 1978

Aus Hyhlík, Vladimír/Přeučil, František: Východní Čechy, Praha 1978

Ein kleiner quadratischer Platz auf leicht ansteigendem Gelände, in der Mitte eine sehr schlichte barocke Pestsäule, ringsherum zweigeschossige Häuser, teils mit Arkaden, die schlichte barocke, klassizistische, historistische Fassaden zeigen. Etwas abseits einer Platzecke das Rathaus, ein kleiner Bau mit barockem Türmchen und daneben der Durchgang zur Kirche, die eine gewisse klassizistische Strenge hat. Und sogar dieses Wenige ist noch weit mehr als Ústí durch verschlafene Jahrhunderte, in der es nur Holzbauten kannte, hatte.

Dann kam mit der Eisenbahn der Kapitalismus. Beim Bahnhof entstanden Fabriken, aber eine wichtige auch oberhalb der Altstadt, wirklich nur eine Straße weiter als der Platz. Direkt daneben steht eine riesige historistische Villa, mit der sich ein Fabrikbesitzer auch symbolisch an die Stelle des Feudalherren, der in Ústí nie residiert hatte, setzte.

Dann entstand 1918 die Tschechoslowakei, die, mit den ungenügenden Mitteln, die ein kapitalistischer Staat dazu hat, die Entwicklung auch ärmerer Landesteile zu fördern suchte. Im Westen, unterhalb der Altstadt, entstand eine Gegend mit Einfamilienhäusern. Als deren Zentrum und zur Belebung des kulturellen Lebens der Stadt, vielleicht auch zur Schaffung eines solchen, wurde 1936 ein großes Theater gebaut.

RoškotovoDivadlo1

Der Eingang liegt höher am Hang in der Biegung einer Straße. Seine leicht vorgewölbte zweigeschossige Fassade wird nur von den Türen mit ihren runden Fenstern und einem Fensterband im Obergeschoß strukturiert. Dieser Bauteil wird nach hinten hin schmaler und schließt an den höheren Bühnenaufbau an, der rückwärtig halbrund endet. An beiden Seiten, tiefer am Hang, sind rechteckige Bauteile angefügt, die um die Schrägen als Balkone beginnen.

RoškotovoDivadlo2

Ein sehr klarer Bau also, dem sofort abzulesen ist, wie die Besucher vom Eingang zum Saal geleitet werden, während flankierend die Funktionsräume untergebracht sind. Roškotovo divadlo (Roškot-Theater) heißt es heute nach seinem Erbauer und derjenige, der in Ústí nad Orlicí die Informationstafeln schrieb, meint, Kamil Roškot sei in Europa als tschechischer Le Corbusier bekannt. Selbst wenn das stimmte, wäre es eher traurig, denn nicht tschechische Variante von irgendwas wollte Roškot hoffentlich werden, sondern einfach ein funktionales und aus seiner Funktion heraus schönes Gebäude bauen. Das ist ihm gelungen, insbesondere auch durch die Ausnutzung der Hanglage. Vom kleinen Park unterhalb tritt das Theater zudem in eine spannende Beziehung zur Kirche weiter oben.

RoškotovoDivadloKirche

Mit nur einem Gebäude gab die erste tschechoslowakische Republik der Stadt somit wertvolle neue Qualitäten.

Dann kam 1948 der Sozialismus. Wie schon unten am Bahnhof gesehen, brachte er die weit stärkeren Veränderungen. Ústí nad Orlicí wurde Stadt der Baumwolle. Die vorhandenen Strukturen der Textilindustrie wurden systematisch ausgebaut und ergänzt. Auf einem Schild, das heute eher ein Denkmal ist, kann man lesen, was es alles gab:

SchildVÚBElitexPerla

Forschung im VÚB, Výzkumný ústav bavlnářský (Forschungsinstitut für Baumwolle), das, mit der Entwicklung neuer Textilmaschinen befaßt, unter anderem die genannten Gebäude links des Eingangs zur Stadt hatte. Herstellung in einem Teilbetrieb des in Liberec sitzenden k.p. (koncernový podník, Konzernbetrieb) Elitex, dem die genannten Anlagen rechts des Eingangs zur Stadt gehörten. Anwendung im n.p. (národní podník, nationaler Betrieb) Perla, der das Gelände oberhalb des Stadtzentrums hatte.

Planmäßig also wurde die wirtschaftliche Basis der Stadt entwickelt und planmäßig wurde die Stadt selbst erweitert. So gut das Theater war, es reichte nicht aus. So wurde angrenzend an die riesige Villa, die zum Museum umgewidmet wurde, ein Kulturní Dům (Kulturhaus) errichtet.

KulturníDůmÚstíNadOrlicí

Ein zweigeschossiger Bau, die recht lange Fassade strukturiert durch Fensterbänder und die Treppenhäuser neben dem Eingangstrakt in der rechten Hälfte völlig verglast. Dieser selbst ist ein wenig vorgesetzt und wirkt durch die breiten hellen Steinbänder seines Balkons und seines Dachs, die von dünnen Stützen getragen werden. Neben den Türen sind zwei Mosaiks in metallisch glänzenden Farben.

Mosaik1

Links zwei Figuren, von denen man vielleicht nicht sehen, aber annehmen kann, daß sie Mann und Frau sein sollen, in einer stilisierten Landschaft mit Fabrik. Auch wenn die Fahne hinter ihnen früher rot war, vielleicht auch Hammer und Sichel trug, die beiden schauen doch zu leblos, um gelungener Ausdruck des Sozialismus zu sein.

Mosaik2

Rechts drei Frauen, deren Bedeutung vollends rätselhaft ist. Wie aus dem Art Déco übergebliebene Göttinnen sitzen sie da im Vagen. Auf der anderen Seite des Gebäudes sind Säle, von denen sich ein weiter Blick über die Stadt hinweg in die umliegenden Hügel bietet, man sieht die Tanzveranstaltungen geradezu vor sich. Ist das Gebäude selbst nur eine ähnlich funktional schöne Fortsetzung dessen, was das Theater begonnen hatte, so ist der städtische Raum, zu dem es gehört, viel umfassender gedacht. Um seinen Vorplatz stehen verschiedene Schulgebäude, vor allem aus sozialistischer, aber auch ein großes aus österreichischer Zeit. Zwischen diesen und Kindergärten führt ein Weg weiter hinauf zur nächsten Straße, an der etwas entfernt ein siebengeschossiger Bürobau, der sicher auch zum VÚB gehörte, steht.

Jenseits der Straße Einfamilienhäuser, doch hinter denen ragen schon die Bauten des Wohngebiets Štěpnice auf. Wo die Einfamilienhausgegend auf das Wohngebiet stößt, ist ein großer Schulkomplex, der sich hufeisenförmig zu dessen Zentrum öffnet. Es ist ein ganz simpler zweigeschossiger Bau an einer leicht ansteigenden Straße, die nach dem nahen Nachbarland Polská (Polnische Straße) heißt.

NákupníStřediskoŠtěpnice

Doch da er von dieser durch einen Grünstreifen getrennt ist und vor dem Obergeschoß eine Terrasse verläuft, die wegen der Steigung ebenerdig endet, bildet er zwei angenehme Einkaufsbereiche, einen schattigen unteren und einen sonnigen oberen, wo auch ein Restaurant mit großem Außenbereich ist. Von den braunen Kacheln über die Aufschriften „Nákupní středisko“ (Einkaufszentrum, aber nicht das heute übliche Wort dafür) und „Dům služeb“ (Haus der Dienstleistungen) auf dem Dach bis zum großen sandsteinernen Frauenakt, der im Grünbereich halb sitzt und halb liegt,

DůmSlužebŠtěpnice

ist hier alles noch wie einmal geplant und funktioniert auch genau so. Auch die örtlichen Supermärkte heißen noch „Konzum“ und sind genossenschaftlich organisiert.

KonzumŠtěpnice

Gerade dieser „Konzum“ aber plant, das Wohngebietszentrum durch einen Umbau seiner Terrasse zu berauben, angeblich schon im November 2014.

Umbau

Das Wohngebiet ringsum entspricht der schlichten Gelungenheit seines Zentrums. Sechs- und achtgeschossige Gebäude sind in lockerer Zeilenbebauung an die Straßen gesetzt und in den Grünflächen dazwischen gibt es Spielplätze und Kindergärten.

Oben auf der Hügelkuppe gelegen, mit allseitig freiem Blick in die Landschaft, ist das Wohngebiet so etwas wie der natürliche Abschluß einer Entwicklung, die mit der Ankunft der Eisenbahn begann. Die archetypische tschechoslowakische Kleinstadt, als die man Ústí nad Orlicí auf dem Weg von der Bahnstrecke im Tal bis hier herauf erleben konnte, ist auf ihre Art nicht weniger sehenswürdig als viele andere Orte, die mit typischen Sehenswürdigkeiten reicher gesegnet sind.