Belvedere

OberesBelvedere

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläste und Schlösser in Europa, Leipzig 1970

Das Belvedere in Wien, das sind nicht zuerst die Gebäude, Oberes und Unteres Belvedere, das ist zuerst ein Fließen. Der langgestreckte Garten fließt in drei Stufen voller geometrischer Beete und allegorischer Skulpturen den Hang hinab. Das Wasser fließt von dem großen Bassin hinter dem Oberen Belvedere über die kleinen und großen Brunnenbecken auf den Stufen des Gartens und die verbindenden Kaskaden dazwischen den Hang hinab. Das Obere Belvedere selbst, wiewohl ein prächtiges Barockschloß, scheint nicht an seinem Platz feststehen zu wollen, sondern sich Garten und Wasser gleich den Hang hinabstürzen zu wollen. Auf der Eingangsseite, die man aber sogleich als seine Rückseite empfinden muß, wendet es dem Besucher in der Mitte über einer niedrigen Auffahrt, einer Treppe und einem völlig verglasten Eingangsbereich zwar einen reichverzierten Giebel mit Wappen zu, aber damit scheint der Repräsentation auch schon genüge getan. Wie man sich durch den transparenten Eingang schon fast durchs Gebäude in den Garten gezogen fühlt, so strebt alles an diesem mit vielen Dächern, die zum vorgesetzten Mittelteil der Gartenseite ansteigen, zum Garten hin und den Hang hinab und wird von den vier kleinen Türmchen an der Schmalseite nur mühsam an seinem Platz gehalten. Die Bewegung, die das Gebäude immerwährend zu machen im Begriff ist, der Garten und sein Wasser vollenden sie. Dank ihnen kommt das Obere Belvedere doch noch unten an: als Unteres Belvedere, anders, durch den Weg verwandelt, weit schlichter und zierlicher, aber auch ruhiger, da es nirgendwohin mehr wollen kann.

Vielleicht ist dieses Streben des Oberen Belvedere den Hang hinab auch ein Streben zur Stadt hin, die man ihm aus zu Füßen des Gartens als steinernes Meer, aus dem nur der Stephansdom und einige Hochhäuser am Donaukanal aufragen, ausgebreitet sieht. Dann wäre das Stürzen tatsächlich ein selbstmörderisches, denn was sollte das Chaos der Stadt der Klarheit des Belvedere zu bieten haben? Schon neben dem Unteren Belvedere überraschen die Brandmauern des angrenzenden Salesianerinnenklosters, hinter dem die hohe Kuppel ihrer Kirche ragt wie der Dom aus der Stadt.

Brandmauer

Die feudale Barockarchitektur zeigt sich so den gleichen Zwängen ausgesetzt wie später die kapitalistische Architektur, indem sie was auch immer Schönes sie schafft nur in einem tragisch beschränkten Rahmen schaffen kann, ohne Bezug auch nur zum Nachbargrundstück. Die engen Grenzen des barocken Gesamtkunstwerks.

Aber es gibt noch eine andere Lesart der stürzenden Bewegung des Oberen Belvedere: so wie sein Erbauer Eugen von Savoyen Belgrad vor den Türken rettete, will es Wien aus der steinernen Enge der überkommenen Stadt retten, will es mit Garten und Wasser alles bis zum Stephansdom freispülen, um Platz für Neues zu schaffen. Stattdessen endet das Fließen beim Unteren Belvedere. Es scheint schon eine Vorbereitung auf die Stadt draußen, daß die Ebene vor diesem nicht mehr offen und weitläufig, sondern mit hohen Hecken fast labyrinthisch gestaltet ist.

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