Archiv für den Monat April 2014

Ortlose und ortsgebundene Architektur

Zwei Beispiele aus Olomouc:

Das Klášterní Hradisko (Kloster Hradisko) ist ein ortloses Gebäude. Es liegt zwar unweit des Ufers der Morava und in Sichtweite der Altstadt von Olomouc, aber nichts verbindet es wirklich mit ihnen. Selbst der niedrige Hügel, auf dem es steht, ob er nun natürlicher oder menschlichen Ursprungs ist, könnte überall sein. Eher als ein spezifisches Gebäude, das in Olomouc steht, sollte man dieses als einen Gebäudetyp verstehen, der überall auf der Welt, wo im späten 17. Jahrhundert Kloster gebaut wurden, stehen könnte.

KlášterníHradisko

Die Anlage bildet ein großes Rechteck, das von dreigeschossigen Gebäudeteilen mit Walmdach und einer äußerst regelmäßigen, durch eher angedeutete Pilaster gegliederte Fassade umschlossen ist. In den vier Ecken sind achteckige Türme, die aber nur mit ihren als dicke Zwiebelformen beginnenden und in schlanken Laternen endenden Hauben über die Dächer aufragen. Genau in der Mitte erhebt sich ein schlankerer und höherer Turm, der erst quadratisch, dann achteckig ist und von einer ähnlichen, aber ebenfalls weit schlankeren und höheren Haube abgeschlossen wird.

KlášterníHradiskoEingang

Eine Allee führt auf den Eingang zu. Wo sie endet, steigt die Straße mit dem Hügel an und auch das Gebäude selbst steigt vor einem an. Die seitlichen Türme und die beschriebene Fassade bilden hier bloß noch den Rahmen für den nunmehr viergeschossigen Eingangstrakt mit seinem hohen Walmdach. An seinen Seiten sind nun wirklich Pilaster mit gar vergoldeten korinthischen Kapitellen und über die Fenster setzen sich Giebel. Ganz in der Mitte wölbt sich das Gebäude in leichtem Schwung nach vorne, das dritte, nun zum zweiten gewordene Geschoß hat riesige Fenster, das darüber nur kleine ovale, dazwischen lenken vier der Pilaster den Blick in die Höhe, wo vor einem noch höheren Walmdach ein dreieckiger Giebel und eine Balustrade, auf denen Heiligenfiguren stehen, den Abschluß bilden. All das will Macht repräsentieren und tut das auch, aber während es in der Enge einer Stadt erschlagend wirken würde, wird es in der Ortlosigkeit, die dem Gebäude noch im heutigen Olomouc erhalten ist, viel harmloser, ja, geradezu menschlich. Gerade auch durch den Weg auf den Eingangstrakt zu, hatte man Zeit, sich mit den, ziemlich sparsam und klar eingesetzten, Repräsentationselementen auseinanderzusetzen, bevor sie einen erschlagen konnten.

Und eigentlich will man ohnehin nur durch das nicht zu große Tor ins Innere. Man tritt in ersten rechteckigen Hof, der sich nach links und rechts erstreckt, und hat direkt vor sich den Turm. Er ist viel zu hoch, um in diesem Hof zu wirken, seine Proportionen sind wie verzerrt, wenn man hinausblickt, aber er richtet sich auch nicht an den Hof, sondern an die weite Umgebung draußen. Der Hof ist von den nun zweigeschossigen Gebäudeteilen umgeben, deren Fassaden etwa wie von außen sind. Doch links des Turms wird die Symmetrie aufgebrochen durch eine Kirche, die hier den Quertrakt bildet und auch von außen in der Mitte der westlichen Fassade durch einen Giebel und andere Fenster sichtbar ist. Vor die Mitte der östlichen Fassade wiederum ist eine ovale, durch schlichte hohe Pilaster gegliederte Kapelle vorgesetzt, die mit einem Verbindungstrakt angeschlossen ist.

Das Gebäude, 1697 beendet, ist Barock in Reinform, aber keineswegs geprägt von Überladenheit und Protz, sondern von Klarheit und Zweckmäßigkeit. Vielleicht deshalb eignet sich das Gebäude auch so gut als Militärkrankenhaus, das es nun schon seit 1802 für die unterschiedlichsten Staaten ist. Aber, allen Qualitäten zum Trotz, ist es ein Stück völlig ortloser Architektur.

Ganz in der Nähe ist ein Wohngebiet, Lazce, und bei diesem handelt es sich um durch und durch ortsgebundene Architektur. Seine zentrale Achse ist ein großzügiger Weg entlang einiger zweigeschossiger und flacher Gebäude mit Läden, Restaurants, einer Kaufhalle. An seiner anderen Seite sind Grünflächen, um die sich achtgeschossige Wohngebäude als weite, etwa halbkreisförmige Schalen legen.

Lazce

Ihre Anordnung ist nichts anderes als eine Öffnung zur nahen Altstadt von Olomouc, auf deren Türme sich aus den Wohnungen hinreißende Blicke bieten. Nach dem letzten Flachbau, bevor ein Schulgelände folgt, biegt der Weg schräg zwischen die Wohnbebauung ab. Auch von dem dortigen, fast parkartigen Grünbereich besteht eine direkte Blickverbindung zum sogenannten Dóm, der katedrála sv. Václava.

LazceDóm

Weiter durchs Wohngebiet führt dann eine Straße, an der links mit niedrigeren fortschrittlichen Wohngebäuden durchmischte Einfamilienhäuser sind, während sie rechts drei achtgeschossige Punkthäuser markieren. Hinter diesen aber öffnet sich die Wohnbebauung aufs Neue in weiten Halbkreisen, diesmal zur Morava, zum Klášterní Hradisko am anderen Ufer und, da die Stadt dort bald schon endet, zur umliegenden Landschaft.

LazceMorava

Alles an diesem kleinen Wohngebiet ist also an seine Umgebung, an seinen Ort, angepaßt. Ob sich die einzelnen Gebäude von denen in anderen Teilen der Tschechoslowakei unterscheiden, ist nicht mehr zu sagen, seit sie alle neue wärmegedämmte Fassaden haben, aber in dieser Anordnung gibt es sie nur hier im Norden von Olomouc, da diese Anordnung von diesem Ort bestimmt ist. Gerade in dieser Fähigkeit, nicht nur in sich selbst harmonische, sondern auch auf andere Teile der Stadt bezugnehmende Räume zu schaffen, zeigt sich die große Leistung der fortschrittlichen Architektur.

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Zamość-Nowe Miasto

(siehe auch Zamość-Stare Miasto)

Außer der Altstadt, Stare Miasto, liebevoll Starówka genannt, der Perle des Städtebaus der Szlachta (polnischer Adel) in der späten Renaissance, gibt es in Zamość auch noch eine Neustadt, Nowe Miasto. Einen Kosenamen hat sie nicht und wie eine Perle wirkt sie auf den ersten Blick auch nicht.
Im Osten, bis hin zur letzten Straße der Stadt, hinter der nur noch das Krankenhaus und neue Supermärkte kommen, ein Osiedle (Wohngebiet) mit fünfgeschossiger hofartiger Bebauung gerahmt von Gruppen zwölfgeschossiger Gebäude an den Kreuzungen. Ein gelungenes Wohngebiet, auch schöne Details wie farbig in den Beton eingefügte Hausnummern, aber nichts Herausragendes. Weiter nach innen ältere Zeilenbebauung, darin eine in den Dreißigern gewidmete Kapelle, die wohl einst auf freiem Feld stand. Südlich anschließend diffuse alte Bebauung, eine Art Platz, eine Art Dorfkern. Nördlich anschließend das Zentrum der Nowe Miasto. Im Mittelpunkt ein dreieckiger Platz mit dem Busbahnhof. Das im Grunde simple Satteldach seiner simplen Halle bekommt dadurch, daß es nach außen wieder aufsteigt, und durch einen Unterbau aus Holz etwas Markantes und Skulpturales, in dem man eine Anspielung auf den Bahnhof Centralna in Warschau sehen muß. An den Seiten des Platzes rechts Einfamilienhäuser, links eine Gruppe kurzer zehngeschossiger Gebäude und an der Grundseite, im Süden, eine große Kaufhalle. Beidseits der nördlich vom Platz auf eine größere Straße in grober Richtung der Altstadt stoßenden Straße ein Hotel und ein Kaufhaus, beide etwa dreigeschossig. Alle Bestandteile für ein gutes Zentrum wären also vorhanden, doch sie sind einfach nicht gut genug zusammengefügt, so daß, verstärkt noch durch die Veränderungen der kapitalistischen Zeit, gar kein Eindruck entsteht.
Schon könnte man die Nowe Miasto also abtun und sich ganz dem alten Zamość zuwenden wollen. Doch ganz im Norden, jenseits der Straße und ohne daß irgendetwas vom Zentrum aus dorthin überleitete oder auch nur hinwiese, liegt ein weiteres Osiedle, das alles ändert. Wenn man hineingeht, merkt man erst ganz allmählich, womit man es zu tun hat. In der Mitte ein großer, etwa runder Parkbereich mit Wiesen, Sportanlagen und Spielplätzen, von dem ein Weg auf einen großen Schulkomplex mit, wie in Polen häufig, Schwimmbad zuführt. Beidseits dieses Wegs stehen zwei offene Pavillons, interessante Neuinterpretationen dieses klassischen Elements mit vieleckigem Betonfundament, buntem Geländer und Wellblechdach.

NoweMiastoPavillon

Erste Überraschung am Rande des Parks sind flache, bungalowartige Reihenhäuser. Der Hauptteil des Wohngebiets besteht dann aus nicht mehr als viergeschossigen Gebäuden, die zu verschachtelten, meist unregelmäßigen Hofstrukturen mit allerlei Durchgängen angeordnet sind. Es entstehen sehr intime, stark geschlossene, aber doch immer für den Passanten durchlässige Bereiche, deren Außergewöhnlichkeit noch dadurch verstärkt wird, daß den Erdgeschossen mittelgroße Gärten mit niedrigen Betonbrüstungen vorgesetzt sind. Garten jedoch erscheint fast der falsche Begriff, da sie zwar privat in der Bewirtschaftung, aber völlig öffentlich in der Wirkung sind. Es sind keine abgeschlossenen Räume, die nur für einen Bewohner oder eine Familie da sind, sondern vielmehr offene Räume der Kommunikation mit den Nachbarn und Passanten, ob diese nun direkt in Gesprächen oder indirekt über die Bepflanzung, die sich im Sommer als Blumenpracht zeigt, geschieht. So großartig wie die niedrigen Betongeländer, die eher symbolische Begrenzungen, zu deren Übertreten man bloß eine freundliche Einladung braucht, sind, sind auch alle weiteren baulichen Details. Die oft weit vorgesetzten, beinahe laubengangartig wirkenden Betondächer der Eingänge wie auch die mal an einer Ecke weit vorragenden, mal zwei Gebäude verbindenden Balkone werden von dünnen schwarzen Stahlstützen getragen, wobei bei letzeren noch viel mattes Glas hinzukommt. Die Gebäude selbst, deren hellgraue Betonfassaden viele Vor- und Rücksprünge, die die bewegte, unregelmäßige Hofstruktur noch betonen, haben, zeichnen sich durch farbige Putzflächen unter den Fenstern aus. Die Farben dienen dazu, die einzelnen Teile des Wohngebiets zu unterscheiden, es gibt Gelb, Orange, Grün, Blau, Violett.
Keine Straßen führen durch das Wohngebiet. Stattdessen gibt es mehrere Stichstraßen, die von einer um das etwa runde Wohngebiet führenden Straße tieferliegend in dieses hineinführen und in runden Plätzen mit Garagen-, vielleicht Tiefgarageneinfahrten enden. Diese Stichstraßen nun sind nicht etwa versteckt, sondern städtebaulich noch zusätzlich betont. Rechts steht jeweils ein bis zu achtgeschossiges Gebäude, das vor seinem Eingang, neben dem immer noch ein kleiner Laden ist, einen aufgestützten Bauteil bis zum Rande der Stichstraße hat, so daß der gesamte Fußgängerverkehr dort hindurch muß. Und über die Stichstraße spannt sich jeweils eine Fußgängerbrücke.

NoweMiasto

Steht man über den Garagen, oberhalb des runden Platzes, blickt man so gleichsam einen vom allgegenwärtigen Grün gefaßten Kanal aus Beton entlang, über den sich eine schlanke Brücke zu einem der höheren Gebäude schwingt. In der Tat drängt sich der Vergleich mit Venedig auf. Die Kanäle, die Brücken, die engen verwinkelten Gassen voller überraschender Durchgänge, alle Elemente sind da. Doch selbstverständlich ist es fortschrittliches, geplantes, mithin völlig anderes Venedig. Wo die Gassen in Venedig wahrhaft Chaos sind, da sind sie in Zamość‘ Nowe Miasto doch immer klar und übersichtlich, verlaufen wird man sich nicht. Wo man die Brücken in Venedig überqueren muß, weil man anders eben nicht über das Wasser kommt, da überquert man sie hier, weil es sich anbietet, weil es naheliegend ist und dem natürlichen Fluß des Fußgängerverkehrs entspricht. Das ist keineswegs selbstverständlich. Fußgängerbrücken sind ja eines der problematischsten Elemente des Städtebaus. Oft fehlen sie dort, wo sie dringend notwendig wären, oder sind dort vorhanden, wo sie wenig nützlich sind. Daß sie aber an genau der richtigen Stelle stehen, so, daß man kaum bemerkt, wenn man sie benutzt, weil es so selbstverständlich ist, das ist wahrlich selten und es ist immer ein Zeichen von größtem städtebaulichem Geschick.
Auf der anderen Seite der höheren Gebäude sind jeweils Kindergärten angeordnet, deren Farbgebung sich nach der des jeweiligen Wohngebietsteils richtet. Die sonstigen Gemeinschaftseinrichtungen finden sich alle am Rande des Wohngebiets. Unweit der Schule und an der Straße zum Zentrum von Nowe Miasto hin gibt es Kaufhalle. Ein größeres Zentrum, zu dem auch noch ein Restaurant gehört, ist am westlichen Rand. Es steigt in zwei Stufen an bis zu einer Fußgängerbrücke, die über die Ringstraße in ein andere kleines Wohngebiet führt. Während auch diese Brücke noch perfekt positioniert ist, gibt es am Wohngebiet jenseits von ihr nichts von Interesse. Seine konventionelle, zwischen Offenheit und Geschlossenheit unentschlossene Struktur, läßt die Brillanz des beschriebenen Osiedle nur umso stärker hervortreten.
In anderen sozialistischen Staaten gibt es nur wenig, was mit diesem Wohngebiet zu vergleichen ist, einige Wohnanlagen in Gottwaldov vielleicht. Aber auch der Vergleich zu kapitalistischen Staaten greift vielleicht zu kurz. Sicher, die Bungalows lassen an Gegenden in der Westberliner Gropiusstadt denken, die Fußgängerbrücken an Frankfurts Nordweststadt und die Gärten haben etwas Englisches, aber alles an diesem Wohngebiet geht doch über diese Vorbilder hinaus. Insbesondere die Gärten haben nichts mit den englischen, diesen unglücklichen, hoch umzäunten Erben des terraced house, gemein. Nein, in dieser Osiedle ist etwas ganz Eigenes und ungewöhnlich Gelungenes entstanden. So überrascht es auch nicht, daß es als Experiment im Rahmen des Program Rządowy 5 (Regierungsprogramm 5, PR 5) gebaut wurde. Eigentlich hätten in anderen Städten weitere experimentelle Wohngebiete entstehen sollen, doch ob der wirtschaftlichen Probleme in den Achtzigern blieb es bei diesem. Was man in Zamość sieht, ist also nicht weniger als eine Ahnung von dem, was die polnische Architektur unter glücklicheren Umständen vermocht hätte. Vielleicht hat das auch mit dem Genius Loci zu tun, vielleicht wußte jemand in der PRL, was er tat, als er dem Osiedle den Namen Jan Zamoyskis gab. Denn es ist keine Frage, genau so wie hier Bohdan Zieliński hätte Bernardo Morando gebaut, wenn er im sozialistischen Polen der Siebziger einen Auftrag bekommen hätte. Und wenn die Altstadt von Zamość ein Padua des Nordens sein soll, wieso das Osiedle im. Jana Zamoyskiego in seiner Neustadt nicht ein Venedig des Nordens?

„Querlandein“

„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“, zitiert Oscar Wilde irgendwo Goethe. Dies könnte sicherlich über der gesamten Geschichte der DDR stehen und umso mehr über ihrer Reise- und populärkunstwissenschaftlichen Literatur. Diese war gezwungen zu dem, was Theodor Fontane freiwillig getan hatte: die Schönheiten in einem auf den ersten Blick gänzlich reizlosen Landstrich zu finden.
Zwar gehörten zur DDR viele landschaftlich wunderschöne und geschichtlich hochbedeutende Regionen, Thüringen und Sachsen im Süden vor allem, aber auch die Ostseeküste mit Rügen im Norden. Doch dazwischen erstreckten sich eben auch einige der unwirtlichsten und ärmsten Gegenden Deutschlands, wie etwa Brandenburg, die Niederlausitz, Mecklenburg oder die Altmark. Niemand würde solchen Gegenden Aufmerksamkeit schenken, wenn ihm die Welt offenstünde oder wenn er für Menschen schriebe, denen die Welt offensteht oder die das zumindest denken. Doch in der DDR mußte er das. So entstand ein ganz erstaunliches Korpus von im besten Sinne heimatkundlicher Literatur, Reportagen, Essays, Bildbände, die sich diesen unwahrscheinlichen Gegenden widmeten und ihnen immer wieder Neues abgewannen.
Auch in Westdeutschland wurde selbstverständlich über auch die uninteressanteren Gegenden, von denen es aber im Verhältnis weniger hatte, geschrieben und publiziert, aber dann nur in kleinen regionalen Verlagen. Außerdem kam auf jedes vielleicht gute lokalgeschichtliche Buch ein Dutzend generischer, die immer gleichen Sehenswürdigkeiten vorstellender, Reiseführer und banaler Bildbände über die „Traumstraßen Europas“. In der DDR hingegen war jede Literatur offizielle Literatur, veröffentlich entweder in den großen staatlichen Verlagen oder den paar kleinen, allesamt in Leipzig sitzenden, privaten Verlagen, die sich aber auch nach staatlichen Vorgaben zu richten hatten.
Was die Reise- und populärkunstwissenschaftliche Literatur der DDR am stärksten zeigt, ist, daß die DDR sich als Einheit begriff wie dies nur ein sozialistischer Staat kann. Denn im Kapitalismus gibt es immer Unterschiede, zwischen den Klassen, zwischen Stadt und Land, zwischen armen und reichen Regionen, die auch eine Politik der Volksgemeinschaft oder des Sozialstaats höchstens zeitweise übertünchen kann, und dem entspricht in der Literatur der Unterschied zwischen den Angeboten für die Eliten und denen für das Volk. Die genannten Unterschied abzuschaffen, konnte auch die DDR in ihrer kurzen Existenz nur Ansätze machen, aber die in der Literatur schaffte sie gänzlich ab. Wer in der DDR lebte, hatte keine andere Wahl, als gute Bücher zu lesen.
Für die Reise- und populärkunstwissenschaftliche Literatur der DDR sei das an zwei kleinformatigen Buchreihen beschrieben. Die erste heißt „Querlandein“. Es ist „eine Reisebuch-Reihe für Kinder“, die von den frühen achtziger Jahren bis zum Ende im Kinderbuchverlag Berlin erschien. Neben naheliegenden touristischen Zielen wie Hiddensee oder dem Erzgebirge

Aus Pfeiffer, Rolf: Erzgebirgsbergtour, Berlin 1983

Aus Pfeiffer, Rolf: Erzgebirgsbergtour, Berlin 1983

sind auch dem Oderbruch oder der Uckermark

Aus Elias, Achim: Jux mit Pucks in der Uckermark, Berlin 1987

Aus Elias, Achim: Jux mit Pucks in der Uckermark, Berlin 1987

Bände gewidmet. So unterschiedlich die Schwerpunkte der wechselnden Autoren sind, die Zeichnungen von Rudolf Peschel zeigen von den Einbänden an bis zu den beiliegenden Karten

Aus Nowak, Claus: Mansfelder Kupferhering, Berlin 1984

Aus Nowak, Claus: Mansfelder Kupferhering, Berlin 1984

alte wie neue Architektur in schönster Gleichberechtigung. Sie zeigen die DDR als Einheit, in der Vergangenes und Gegenwärtiges einander bedingen und der Sozialismus ihnen einen gemeinsamen Sinn gibt.
Eine Art (populär-)wissenschaftliche Entsprechung zur ersten ist die zweite Reihe: „Architekturführer DDR“.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Halle, Berlin 1977

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Halle, Berlin 1977

Sie erschien von 1973 bis sogar noch über das Ende der DDR hinaus im VEB Verlag für Bauwesen. Sie hat keinen geringeren Anspruch als den, die Architektur der DDR in ihrer Gesamtheit darzustellen. In den einzelnen, nach Bezirken geordneten Bänden, werden jeweils zuerst die Bezirksstädte und dann entlang verschiedener Führungsrouten die Dörfer und Städte des Bezirks beschrieben. Allen Epochen der Vergangenheit, aber auch der sozialistischen Gegenwart sind kurze Einträge voller aufs äußerste komprimierter Information gewidmet. Nicht um Spektakuläres, nicht um Sehenswürdigkeiten geht es, sondern darum, das, was sich dem Blick des Besuchers darbietet, als Einheit zu zeigen. Eine Dorfkirche gehört also ebenso dazu wie das Kraftfuttermischwerk der LPG.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Potsdam, Berlin 1981

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Potsdam, Berlin 1981

Zweifelsohne birgt der umfassende heimatkundliche Ansatz dieser beiden Buchreihen die Gefahr der Provinzialität. Denn die Dorfkirchen Mecklenburgs ersetzen eben nicht die der Toskana, Halle-Neustadt nicht Brasilia. Aber, Reisefreiheit hin oder her, die meisten Menschen verbringen ihr Leben nun einmal an einem Ort, in einem Land. So bleibt es wertvoll, wenn qualitätsvolle Literatur von der Reisebuch-Reihe für Kinder bis zum umfassenden Architekturführer existiert, die hilft, den Menschen das näherzubringen, was sie eben die meiste Zeit umgibt. Und wer in Mecklenburg oder Halle-Neustadt sehen gelernt hat, wird dann auch in der Toskana oder in Brasilia mehr sehen als der, der bloß für eine Woche dorthin in den Urlaub fährt.

Zweierlei Barock

Oft passiert es, daß man geneigt ist, Karel Teige rechtzugeben und an die Stelle der überkommenen Stilbezeichnungen der Architektur eine neue Einteilung, die von den Bautechniken ausgeht, setzen zu wollen. Es gäbe dann die Epoche der aufeinandergeschichteten Steine, die Epoche der Bögen und die Epoche des Stahls und Betons. Denn die alten Stilbezeichnungen sind eben so irreführend. Nichts beispielsweise hat die menschliche, horizontale Gotik Venedigs mit der typischen französischen und deutschen Gotik gemein. Während man das noch mit der geographischen Entfernung erklären mag, zeigt das nächste Beispiel, wie sehr sich auch Ausprägungen eines einzelnen Stils, in dem Falle des Barock, in geographisch und historisch eng verbundenen Gegenden unterscheiden können.

Es soll um zwei Pestsäulen gehen, eine in Wien und eine in Olomouc, beide unter den Wahrzeichen ihrer an Wahrzeichen nicht eben armen Städte. Wie sehr die beiden Städte miteinander verbunden sind, kann man schon daran erkennen, daß sich der Wiener Hof während der Revolution von 1848 dorthin rettete und Olomouc so den traurigen Ruhm hat, daß Franz Josef I dort zum Kaiser gekrönt wurde.

Zuerst die Wiener Pestsäule am Graben, ganz im Zentrum der Stadt, etwa in der Mitte eines Straßenzugs, der sich heute, weil er Fußgängerzone ist, eher als langgestreckter Platz zeigt, ringsherum hohe Büropaläste der k.u.k.-Zeit.

PestsäuleGraben

Der Y-förmige Sockel ist noch bestimmt von einer gewissen Ruhe und Klarheit, eben ein Träger für verschiedene Reliefs und Inschriften.

Sockel

Die untere der beiden Skulpturen vor der Vorderseite, eine Allegorie für den Sieg über die Pest, kontrastiert mit dem Sockel in dramatischer Bewegtheit. Aber schon die obere der Skulpturen, ein knieender Kaiser, leitet zum oberen, weit größeren Teil der Säule über. Dieser bäumt sich auf als ein hohes Gebilde aus vielfach abgerundeten Formen.

Gewalle

Nichts Festes bietet sich dem Blick, alles ist ein verwirrendes Gewalle ohne Anfang und Ende. Man kennt das aus den Innenräumen barocker Kirchen, hier nun ist es ins Freie verpflanzt. Es sieht aus, als wären die Weihrauchschwaden, die diese Kirchen durchzogen haben mögen, Stein geworden. Es sind Formen, gebaut, den Geist zu vernebeln, alles rationale Denken unmöglich zu machen. Es ist das Opium fürs Volk ausgedrückt mit bildhauerischen Mitteln. Darstellen soll es wohl Wolken, auf denen allerlei Engel und ganz oben der dreifaltige Gott sitzen. Aber während das im Inneren einer Kirche noch angingen, also dort, wo eben alles eine hochabstrahierte Theaterbühne ist, ein Baudelaire’sches „paradis artificiel“ (künstliches Paradies), in dem ein Opiumrausch ja reizvoll sein mag, wird hier, unter freiem Himmel, im brutalen Licht der Sonne, allzu klar: Wolken sind so nicht und das nicht vor allem, weil keine Engel auf ihnen sitzen. Man sieht sie doch über sich, sieht ihre ständigen Veränderungen, ihre Komplexität. Wie jede schlechte Nachahmung beleidigt auch diese das Nachgeahmte nur. Viel eher als an Wolken erinnert das, was da inmitten von Wien herumliegt, an einen riesigen Haufen Scheiße, der auch dadurch daß er aus Marmor und Gold ist, nicht appetitlicher wird.

Ganz anders in Olomouc der Sloup nejsvětější trojice (als Dreifaltigkeitssäule übersetzt, wobei leider der schöne tschechische Superlativ nejsvětější, allerheiligst, verloren geht). Diese Säule steht unübersehbar hoch aufragend in der nordwestlichen Ecke des größeren der beiden Plätze der Stadt, aber in gebührendem Abstand sowohl zum Rathaus als auch zu den anderen Gebäuden. Als höchste Skulptur der tschechischen Republik wird diese Säule beworben und ist sie Weltkulturerbe.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aber die Bezeichnung Säule oder Skulptur ist hier eigentlich irreführend. Eher als das ist sie ein Gebäude. Auf sechseckigem Grundriß steigt es drei Geschosse, deren Flächen kleine runde Fenster und Reliefs haben, an. An den Ecken sind Sockel mit Heiligenskulpturen so vorgesetzt, das sich eine Pyramidenform ergibt. Das ist gewiß eine große Menge an skulpturalem Schmuck, aber der bleibt immer der klaren und regelmäßigen Struktur des Gebäudes untergeordnet.

Sloup2

Aus Němec, František/Mager, Hasso: Tschechoslowakei, Leipzig 1980

Auf dem dritten Geschoß, umgeben von weiteren Skulpturen, ragt eine ionische Säule, die zugleich auch Obelisk sein will, auf. Erst an und vor allem auf ihr finden sich die wallend runden vergoldeten Formen, die die Wiener Säule so sehr bestimmen, aber hier wirken sie noch mehr als sonst wie bizarre Geschwüre ohne Zusammenhang mit der übrigen Architektur und den übrigen Skulpturen. Im Inneren dieser Säule schließlich ist eine winzige Kapelle, aber das braucht es gar nicht zur Illustration, daß sie ein Gebäude ist.

Auch die naheliegende theologische Interpretation der beiden Pestsäulen ist sehr verschieden. Während in Wien Gott und seine Engel etwas Diffuses, Unfaßbares bleiben, zu dem von der Erde, vom Sockel, kein Weg führt, sind in Olomouc die Heiligen wie auf Treppen hinauf zu Gott angeordnet. Doch, und das ist die sympathischere, sicher nicht beabsichtigte Interpretation, Gott ist so fern, so hoch oben auf seiner Säule, daß man ihn genausogut ignorieren und sich ganz den wesentlich näheren Heiligen widmen kann – die haben ihm gegenüber auch den Vorteil, wirklich existiert zu haben.

Diese Beispiele helfen vielleicht zu verstehen, wieso jeder Stil, wenn man denn der Verständlichkeit halber bei den überkommenen Einteilungen bleibt, als eine Mischung fortschrittlicher und reaktionärer Elemente, die im ständigen Widerstreit miteinander stehen, verstanden werden muß.

Gottwaldov

(siehe zuerst Zlín)

Man könnte sagen, daß Gottwaldov eben der Name war, den Zlín zwischen 1949 und 1991 trug, ungefähr also in der kurzen Zeit des Sozialismus in der Tschechoslowakei, und man könnte diese Benennung nach dem ersten kommunistischen Präsidenten Klement Gottwald als bloßen Ausdruck des damals modischen Personenkults abtun. Aber Gottwaldov ist mehr als nur ein anderer Name für eine Stadt, es ist eine andere Stadt, und das heutige Zlín trägt soviel von Gottwaldov wie von den früheren Städten namens Zlín in sich.
Das neue Zlín, die Stadt des Kapitalisten Baťa, war zuallererst eine Stadt der Arbeiter. Ihnen verdankte Baťa seinen Reichtum, sie bauten sein Zlín. Baťa war auch insofern ein äußerst moderner Kapitalist, als er sehr früh die neusten fordistischen Methoden zur effektiveren Ausbeutung der Arbeitskraft anwendete. Zudem arbeitete er stark mit kollektivistisch klingenden Motivationsparolen, die halb amerikanisch, halb sowjetisch wirken. Als einer der ersten hatte er verstanden, daß man die Arbeiterbewegung, die nun auch noch ihren eigenen Staat, die Sowjetunion, hatte, am besten dadurch bekämpft, daß man so tut, als gehe es einem selbst um das Wohl der Arbeiter. Er war damit, ganz wie die späteren Sozialstaaten, ziemlich erfolgreich. Gleichzeitig verzichtete er aber auch nicht auf die brutalste Unterdrückung der Arbeiterbewegung. Wer einer Gewerkschaft, die nicht von Baťa selbst kontrolliert wurde, angehörte oder gar Kommunist war, wurde sofort entlassen. Die armen Bauern der umliegenden Regionen standen als billige Ersatzarbeitskraft ja jederzeit zur Verfügung. Die Organisationen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei konnten in Zlín so nur illegal arbeiten. Auch die heute so hochgelobten Häuschen, die Baťa seinen Arbeitern baute, waren weniger großzügige Sozialleistung als Machtmittel. Denn zum einen gab es nie genug von ihnen und zum anderen konnten die Arbeiter sie für Mißverhalten ebenso schnell wieder verlieren wie sie sie bei guten Leistungen bekommen konnten. In seinem Roman „Botostroj“ beschrieb Svatopluk T. schon in den Dreißigern Baťa als ein totalitäres System, in dem der allmächtige Chef jedes Detail des Lebens seiner Arbeiter kontrollieren will. Der Flug, auf dem Tomáš Baťa starb, hat bei ihm Berlin, wo Hitler gerade an die Macht gekommen ist, zum Ziel. Das stimmt zwar nicht und auch inwieweit sein Nachfolger Jan Antonín Baťa, der 1938 nach Brasilien ging, mit den Deutschen kollaborierte oder kollaborieren wollte, ist nicht geklärt. Unzweifelhaft ist aber das Ausmaß der Kollaboration der übrigen Baťa-Führung. Dominik Čipera etwa, ein wichtiger Manager, wurde Minister der Protektoratsregierung. Vor diesem Hintergrund muß man die Umbenennung Zlíns in Gottwaldov sehen. Man kann nur ahnen, was es für ein Gefühl für die Arbeiter war, daß die Stadt nun nach einem von ihnen hieß.
Auch im neuen Gottwaldov blieb die Schuherstellung die wichtigste Industrie und das riesige, wenn auch im Krieg beschädigte Werk der Firma Baťa, die direkt nach dem Krieg verstaatlicht und 1949 in Svit (Morgenröte) umbenannt wurde, blieb sein Herz. Städtebaulich waren die Entwicklungsmöglichkeiten denkbar gut, da ja schon Baťas Zlín keine kapitalistische Stadt gewesen war. Trotz des neuen Namens ist Gottwaldov gerade kein radikaler Bruch mit Zlín, weil die ganze Fortschrittlichkeit, die dieses ausmachte, gleichsam nur darauf gewartet hatte, mit sozialistischem Inhalt erfüllt zu werden.
Die ersten Bauten, die nach dem Krieg entstanden, noch bevor die Stadt 1949 den neuen Namen bekam, ziehen sich wie ein Band von Osten nach Westen durch das Tal der Dřevnice. Inmitten der unzähligen zweigeschossigen roten Doppelhäuschen, die in diesem Teil der Stadt vorherrschen, ragen die Bauten der frühen Volksdemokratie hoch auf und schaffen erst eine Struktur, die auch eine gewisse Entsprechung zur Fabrik im Westen ist. Zuerst ganz im Osten fünf neungeschossige Punkthäuser. Sie haben einen quadratischen Grundriß, im obersten Geschoß eine Dachterrasse, einige vorgesetzte Balkone, vor allem aber eine vollständig rote Kachelverkleidung, wie sie bei einem Gebäude solcher Größe recht ungewöhnlich ist.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Gleich riesigen monolithischen roten Stelen sind sie aufgereiht – oder aber gleich riesigen Versionen der Baťa-Häuschen. Handelt es sich hier noch um ein bloßes Zitat, sind die beiden weiter stadteinwärts quer zur Straße angeordneten Morýsovy Domy (Morýs-Häuser) nicht weniger als eine architektonische Enteignung Baťas.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Sie sind im unverkennbaren Baťa-Bausystem mit rotem Backstein und Fenstern in einem Betonraster gebaut. Es ist leicht variiert, die Pfeiler der Ecken tragen Balkone, die gleichsam zu schweben scheinen und dem ganzen Gebäude eine gewisse Leichtigkeit geben. Das oberste Geschoß ist jeweils in der Mitte zurückgesetzt, während an den Seiten offene Dachterrassen sind. Vor allem aber ist das System hier nicht für eine Fabrik oder einen Repräsentationsbau der Firma, sondern für große zehngeschossige Wohngebäude verwendet. Mit den Mitteln Baťas wurde somit eine Antithese zu Baťa gebaut. Statt der kleinen Häuschen, in denen die Arbeiter als brave Kleinbürger leben sollten, leben sie hier in Gebäuden, von denen aus ihnen die Stadt so sehr zu Füßen liegt wie vorher nur dem Führungspersonal im Verwaltungshochhaus. Zwischen und um die beiden Gebäude sind kleinere, dreigeschossig und mit roter Kachelverkleidung. Sie stehen ganz frei in öffentlichen Grünflächen, so daß der Bruch mit der Baťa’schen Wohnbebauung aus kleinen privaten Parzellen auch städtebaulich vollzogen ist.
Höhepunkt dieser architektonischen Enteignung Baťas und dieser frühen Phase der Entwicklung Gottwaldovs ist das Kolektivní Dům (Kollektivhaus). Es steht am südlichen Rand der Altstadt, nicht weit vom neuen Stadtzentrum. Gleich den Morýsovy Domy könnte man auch das Kolektivní Dům auf den ersten und auch auf den zweiten Blick für ein Baťa-Gebäude halten, denn in dessen Konstruktionssystem ist es errichtet.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Elf Geschosse hat es. Das vertraute Raster: runde Pfeiler und eckige Geschoßränder. Dazwischen Fensterbänder unterteilt von kleineren runden Pfeilern und rotem Backstein. Kleine Balkone ragen an den Breitseiten versetzt vor jedem zweiten Zwischenraum des Rasters hervor, so daß sich ein Schachbrettmuster ergibt. In der Mitte der westlichen Breitseite ist das Treppenhaus mit Glasbausteinen an den Rändern und Fenster in der Mitte. Es endet auf dem Dach in einem Aufbau, dessen Außenseite völlig aus Glasbausteinen besteht. Das oberste Geschoß hat nur in der Mitte Räume, an den Seiten dagegen sind Dachterrassen, die teils von Betonlamellen überspannt sind. In der Mitte der anderen Breitseite ist der Eingang mit Treppe und dünnem freischwebenden Vordach. Am Rand der Treppenhausseite schließt ein L-förmiger Anbau an, erst zweigeschossig, dann ob des ansteigenden Hangs flach. Es ist dieser Anbau, der das Kolektivní Dům so bedeutsam macht. Noch heute ist dort ein Kindergarten, aber ursprünglich gab es außerdem noch eine Gaststätte und weitere Gemeinschaftseinrichtungen für die Bewohner des Hauses. Wie der Name schon verrät, handelte es sich bei dem Kolektivní Dům um ein Experiment mit neuen kollektiven Wohnformen, bei denen insbesondere die Essenzubereitung aus dem individuellen Haushalt herausgelöst werden sollte. Neben einem weiteren Kolektivní Dům im nordböhmischen Litvínov und einigen Gebäuden, die in den späten Zwanzigern und frühen Sechzigern in der Sowjetunion entstanden, ist es das einzige Beispiel eines solchen Experiments. Baťas Bausystem diente hier also dazu, ein Gebäude zu schaffen, daß nicht nur über den Kapitalismus, sondern auch über die üblichen Gebäude des Sozialismus weit hinausgeht.
Damit war diese Phase der Stadtentwicklung abgeschlossen, mehr ließ sich aus dem, was Baťas Zlín Gottwaldov hinterlassen hatte, nicht herausholen. Der nächste Schritt der Industrialisierung des Bauwesens war die Großplattenbauweise. Das hauptsächliche Baugeschehen verlagerte sich ans nördlichen Ufer der Dřevnice. Dort, hoch oben am Hang, wurde das Wohngebiet Jižní Svahy (Südhänge) gebaut. Von fast überall in der Stadt ist dessen Panorama zu sehen: niedrige Terrassenhäuser gleich hinaufbittenden Treppen, ein Zickzack von Sechsgeschossern und dahinter der elegante Schwung eines dreizehngeschossigen Gebäudes.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Wie eine Krone sitzt das Wohngebiet über der Stadt. Das von Baťa in den Dreißigern geschaffene Stadtzentrum ist weiterhin in seinem Recht, aber nicht mehr dessen Hochbauten dominieren die Stadt, sondern die Wohngebäude der Jižní Svahy. Erst so wird Zlín ganz zu Gottwaldov. Vom Stadtzentrum führt eine Straße, die bald Hochstraße wird, über den Fluß und windet sich dann in einem weiten Bogen von Westen her in die Hügel hinauf. Vorher verläuft sie so, daß sie die Villa von Tomáš Baťa am Hang geradezu einklemmt. Das mag nur ein Zufall sein, aber diese marginalisierte Lage der Villa ist zugleich ein schönes Symbol dafür, daß Gottwaldov eben eine neue Stadt ist und über Baťa weit hinausgewachsen.
Für den Fußgänger gibt es eine eigene Brücke und dann eigene geschwungene Wege hinauf ins Wohngebiet. Die schon aus der Ferne ablesbare Struktur des Wohngebiets entfaltet sich vor einem. Den untersten Teil bilden Gebäude, die in drei Stufen so in den Hang gesetzt sind, daß jede von ihnen etwa zwei Geschosse hoch ist, wobei auf den unteren beiden Stufen Dachterrassen angeordnet sind. Zwischen ihnen führen Treppenwege an üppigen Vorgärten vorbei hinauf.

Terrassenhäuser

Oberhalb von ihnen ist eine leicht geschwungene Straße, der sie, nun flach, Garagentore zuwenden. Diese Gebäude sind so etwas wie die Fortentwicklung der backsteinernen Doppelhäuser, aber in einen ganz neuen Kontext eingebettet. Hinter der Straße folgen sechs-, von oben gesehen fünfgeschossige Gebäude, die am Hang so angeordnet sind, daß jeweils eines weiter vorne, niedriger, und eines weiter hinten, höher, steht. Neben großen, der Stadt zugewandten Balkonen sind diese ins Grün eingebetteten Gebäude von roter Kachelverkleidung und Beton bestimmt, eine Reverenz an das unten im Tal liegende Zlín. Jenseits der vom Tal kommenden großen Straßen ist das Wohngebietszentrum, das einem langen, markant geschwungenen dreizehngeschossigen Gebäude mit durchgehenden weißen Balkonbändern vorgesetzt ist. Ob der starken Hanglage ist es von außen gesehen mal zwei-, mal dreigeschossig, während es sich von innen erst als Einkaufsstraße, dann, tiefer gelegen, als großer Hof mit Grünanlagen und Parkplatz, zu dem eine weitgeschwungene Rampe hinaufführt, zeigt. An diesen tieferen Bereich grenzt auch ein Schulkomplex an. Und auf dem rotverkleideten Gebäude dieses Wohngebietszentrums steht, schwebt, ein aus vielen Strahlen und Streben gebildeter fünfzackiger Stern aus silbernem Stahl.

ZentrumJižníSvahy

Zu all diesem, was schon von unten zu erahnen ist, kommen große L-förmige Wohnanlagen, die sich vom Wohngebietszentrum ausgehend entlang der Straße und eines kleinen Parkstreifens nach Osten über den Hügelkamm ziehen. Nach außen zeigen sie sich als dreigeschossige Gebäude, zwischen denen man über viele Treppen auf L-förmige Terrassenebenen gelangt, zu denen hin die Gebäude entsprechend zweigeschossig sind. Von der anderen Seite sind sie begrenzt von fünfgeschossigen Gebäuden, deren Balkone in fast unmerklichen Terrassenstufen ansteigen. Die Terrassenebenen sind intime Grünbereiche mit sehr abwechslungsreicher gärtnerischer Gestaltung, vielen Bänken und Sandkästen, was umso schöner wird, wenn man, an den Einfahrten und an Lüftungsröhren, bemerkt, daß unter ihnen Tiefgaragen sind. In den sozialistischen Staaten wurden solche Lösungen, auch wegen der hohen Kosten, nur sehr selten verwendet, aber es ist nur angemessen, daß gerade Gottwaldov eine Ausnahme ist.
Gehört dieser gesamte erste Teil des Wohngebiets Jižní Svahy zum Besten, was die ohnehin äußerst leistungsfähige Architektur des tschechoslowakischen Sozialismus schuf, so ist der weiter östlich gelegene zweite Teil eine Enttäuschung. Am Hang stehen hier nur drei Terrassenhäuser, darüber dreigeschossige Reihenhäuser, darüber viergeschossige längere Gebäude und darüber achtgeschossige Punkthäuser. Den Großteil der Bebauung machen dann Achtgeschosser aus, die sich zu offenen, teils in der Höhe versetzten Höfen über die Hügelkuppe erstrecken. Ein geschwungenes dreizehngeschossiges Gebäude wie im ersten Teil gibt es sogar, allein ihm fehlt das Wohngebietszentrum. Hier sieht man, wie den Sozialismus die Kraft verließ und er nur noch etwas schaffen konnte, daß weder dem Namen Gottwaldov, noch dem fortschrittlichen Erbe von Baťas Zlín wirklich gerecht wird.
Trauriger ist bloß noch die Situation des heutigen Zlín, das von Neuem ein belangloses Städtchen am Rande eines kleinen Landes ist. Schuhe werden dort keine mehr produziert, aber es ist ganz einer leeren Baťa-Nostalgie gewidmet. Falls es mal eine Zukunft geben sollte, wird die Stadt wieder stolz den Namen Gottwaldov tragen werden.

Zlín

(siehe auch Gottwaldov)

Zlín ist eine einzigartige Stadt. Es ist keine kapitalistische Stadt, aber die Stadt eines Kapitalisten: des Schuhfabrikanten Tomáš Baťa. Die Geschichte der Stadt ist die Geschichte der Firma Baťa. Es ist eine Geschichte, die man kaum anders denn als kapitalistische Heldengeschichte, als American Dream im äußersten Osten von Mähren, als Herrenmenschenphantasie à la Ayn Rand erzählen kann. Entsprechend gerne wird sie heutzutage in Tschechien erzählt, denn kapitalistische Helden sind dort rar (alle anderen tschechischen Helden sind entweder Kommunisten, und von denen will man nicht reden, oder Intellektuelle, und die sind letztlich wenig massenwirksam).
Aber es ist eben auch eine erzählenswerte, weil wie gesagt einzigartige Geschichte. Der kleine Schuhmachermeister aus der Kleinstadt am Rande der Welt, der dank der gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch dort erfolgten Anbindung an die Eisenbahn seine Werkstatt zum Industriebetrieb ausbauen kann, das wäre noch nicht interessant, das gab es öfter mal. Auch, daß der zum Kapitalisten gewandelte Provinzschuhmacher während des ersten Weltkriegs durch geschicktes politisches Agieren in der Hauptstadt Wien Großaufträge vom österreichisch-ungarischen Heer bekommt, ist noch nicht völlig außergewöhnlich. Aber daß dieser Kapitalist nach dem Weltkrieg, in dessen Folge seine Stadt vom Rande Österreichs in die Mitte des jungen und wirtschaftlich starken Industriestaats Tschechoslowakei rückt, innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Schuhproduzenten der Welt wird, das ist einzigartig.

Aus Zlín - The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Aus Zlín – The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Selbst dieser wirtschaftliche Erfolg jedoch wäre heute bloß noch eine geschichtliche Fußnote, wenn Baťa nicht noch einen Schritt weiter gegangen wäre: er baute sich eine Stadt. Keine Werksiedlung, eine Stadt. Er baute ein neues Zlín. Dessen Bevölkerung wuchs von 3557 im Jahre 1910 auf 43 660 im Jahre 1938. Dieses neue Zlín, das seit den zwanziger Jahren entstand, sollte vor allem modern sein, wie Baťa die Modernität in Architektur und Design überhaupt zu seinem Markenzeichen machte. Auch das unterschied ihn von anderen Kapitalisten seiner Zeit, die für ihre Bauten zumeist konservative und monumentale Stile wie Art Déco oder Expressionismus wählten. Einzig Baťa nutze die neuesten, radikalsten, zukunftsweisenden Strömungen für seine Zwecke. Seine Gebäude, aber auch die gesamte Propaganda der Firma, waren erfüllt vom Pathos des Neuen und des Fortschritts wie man ihn in dieser Zeit bloß noch aus der Sowjetunion kannte. So entstand denn das Zlín des Kapitalisten Baťa als nichtkapitalistische Stadt.
Der Anfang von Baťas Bautätigkeit in Zlín war noch konventionell: er ließ sich eine Villa bauen, wie das Kapitalisten eben zu tun pflegen. Auch das Rathaus, das er bauen ließ, als er in den Zwanzigern Bürgermeister wurde, ist kein bemerkenswerter Bau. Aber gleichzeitig begann westlich des alten Stadtkern der Bau des neuen Zlín, das ganz Baťas war. Dessen Rückgrat ist dementsprechend die Fabrik, die sich zwischen Straße, Eisenbahnstrecke und dem Flüßchen Dřevnice von Westen nach Osten hinzieht. Sie hat damit eine sehr effektive Bandstruktur, der zur Perfektion nur die Schiffbarkeit der Dřevnice fehlte. Entlang von Fabrikstraßen mit Eisenbahngleisen stehen schier unzählige drei- und fünfgeschossige Gebäude mit Werkstätten und Fertigungsräumen. Sie alle sind in einem äußerst avancierten Bausystem errichtet, das Baťa für seine Stadt entwickeln ließ: innerhalb eines Stahlbetonskeletts aus runden Pfeilern und eckig endenden Bodenflächen sind Wandflächen aus Backstein und große Fensterflächen angeordnet.

BaťaSystem

Es ist von größter Zweckmäßigkeit und nur dank ihm konnten so schnell so viele Gebäude errichtet werden. Zugleich gibt es der neuen Stadt ihre charakteristischen Farben: das Grau des Betons, das Rot des Backsteins und die schimmernde Transparenz des Glases. Auch das ist ein Teil der Baťa‘schen Corporate Identity. Wo auch immer man dieses Bausystem bemerkt, und das könnte nicht nur in vielen anderen tschechoslowakischen Städten, sondern nach Baťas internationaler Expansion auch in anderen Ländern Europas oder sogar in Kanada und Indien sein, wird man an Baťa denken.
Ein unendlich moderner und im Sinne dieser Corporate Identity genialer Einfall war es nun, nicht etwa nur die Fabrikgebäude, sondern auch andere wichtige Gebäude in ebendiesem Bausystem zu errichten. Das wichtigste ist das Verwaltungshochhaus, das das östliche Ende des Fabrikgeländes und den Beginn der öffentlichen Einrichtungen des neuen Zlín bildet.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Es ist ein fünfzehn Geschosse hoher Bau parallel zur Straße. Das typische Fassadenraster des Baťa-Bausystems hat hier noch größere bandartige Fenster und nurmehr schmale Backsteinstreifen dazwischen. An der nördlichen Seite, die man schon nicht mehr die rückwärtige nennen kann, ist ein großer Treppenhaustrakt vorgesetzt und eine Ecke ist völlig verglast. Das oberste Geschoß ist als große, teils überdachte Terrasse ausgeführt. Mrakodrap, Wolkenkratzer, wird dieses Gebäude in Zlín gerne stolz genannt, was nach heutigen Maßstäben etwas übertrieben scheinen mag, aber schon weit weniger, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es mit einer Höhe von 74 Metern in seinem Entstehungsjahr 1938 zu den höchsten Gebäuden Europas gehörte. Und wenn man erst überlegt, was Zlín nur wenige Jahre vorher noch war, wird es geradezu selbstverständlich, daß sich seine Bewohner angesichts dieses Gebäudes ein wenig wie in Amerika fühlten.
Jenseits der Straße öffnet sich auf leicht ansteigendem Gelände der Náměstí Práce (Platz der Arbeit), der schon bei Baťa so hieß. Seinen südlichen Abschluß bildet das Hotel Společenský Dům (Gemeinschaftshaus). Es ist ein recht langer elfgeschossiger Bau im Baťa-System. Seine ersten beiden Geschosse sind völlig verglast, während die darüber viel Backstein und eher kleine Fensteröffnungen haben. Erst das oberste Geschoß ist wieder verglast und leicht zurückgesetzt. An beiden Schmalseiten sind geradezu filigrane, stark verglaste Treppenhaustrakte vorgesetzt, doch dabei handelt es sich um spätere Ergänzungen in einer anderen Stadt, als das Hotel den Namen „Moskva“ (Moskau) trug. Den westlichen Abschluß bildet ein quer zur Straße in den Hang gesetztes großes Kino mit dem schlichten Namen „Velké kino“ (Großes Kino). Mehr als das ist es auch nicht, aber dennoch bemerkenswert, weil sein Baukörper völlig frei steht.

Aus Zlín - The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Aus Zlín – The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Nach Osten hin leiten zwei weitere im typischen Bausystem errichtete Gebäude auf einen weiteren Platz über. Direkt an der Straße ein zweigeschossiger Bau, das alte Kaufhaus, und ein Stück weiter etwa parallel dazu das neue Kaufhaus, neun Geschosse hoch und ähnlich dem Verwaltungshochhaus von Fensterbändern bestimmt.
Zwischen beiden kommt man auf den Náměstí T.G. Masaryka (T.-G.-Masaryk-Platz), der sich nach Süden hin den Hang hinaufzieht. Es ist ein Platz ganz anderen Charakters, den man auch gut eine Allee nennen könnte. Zwischen zwei baumbestandenen Straßen ist eine große, von Wegen durchlaufene Wiese und an den Seiten stehen quer aufgereiht je vier fünfgeschossige Gebäude, Wohnheime für Baťa-Arbeiter. In der Achse des Platzes steht ein Gebäude, das fast ebenso hoch ist wie die Wohnheime, aber ganz anders wirkt. Nur an den Seiten hat es zweigeschossige Bauteile mit dem üblichen Raster und Backstein, wohingegen im höheren Mittelteil zwischen den hier enger beieinanderstehenden Pfeilern Glasflächen sind.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Ohne irgendwelche historistischen Formen, nur mit ganz wenigen Linien und auch durch seine Lage, schafft es dieses Gebäude, einen leichten Anklang an griechische Tempel zu wecken. Damit entsprach es auch völlig seinem Zweck, Denkmal und Museum für den Firmengründer Tomáš Baťa zu sein. Der nämlich war 1932 gestorben und zwar ganz wie es sich für einen kapitalistischen Helden gehört: bei einem Flugzeugabsturz, der angeblich geschah, weil er den Piloten zwang, trotz schlechten Wetters vom firmeneigenen Flugplatz zu starten. Noch nach seinem Tod, in dem ihm errichteten Mausoleum, blieb Baťa so der Corporate Identity seiner Firma treu. Die Leitung des Unternehmens und des Aufbaus der Stadt hatte sein Halbbruder, Jan Antonín Baťa, übernommen. Erst später bekam das Gebäude als Dům Umění (Haus der Kunst) einen konkreteren Zweck.
Damit ist das Zentrum von Zlín beschrieben. Um dieses, am Hang gegenüber des Fabrikgeländes, erstrecken sich ausgedehnte Wohngegenden voller kleiner zweigeschossiger Doppelhäuser aus Backstein.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Gleich den Bauten der Fabrik und des Zentrums sind sie nach einem normierten System errichtet, damit möglichst viele von ihnen möglichst schnell und günstig errichtet werden können. Kleine Straßen und auch Wege ziehen sich zwischen den Häuschen hin. Im Sommer kann man beim Gang zwischen den üppigen Gärten, die mit dem roten Backstein kontrastieren, und beim Blick hinab auf Fabrik und Zentrum gut nachvollziehen, was Zlín zu der Industrie- und Gartenstadt, die es sein wollte, macht.
Dennoch macht nicht die Wohnbebauung, die sich östlich des alten Zlíner Stadtzentrums, in dem nichts weiter ist, beidseits der Dřevnice fortsetzt, die Einzigartigkeit Zlíns aus. Sie ist eben doch nur zeitgemäße Form der Werksiedlung und Wegbereiter für die suburbane Zersiedlung, wie sie zur selben Zeit auch in den USA schon begann. Das Zentrum aber gibt es so nur in Zlín. Hier gibt es keine Blockrandbebauung mehr, hier stehen die Gebäude, mehr oder weniger, frei, hier sind die Wege nicht mehr nur von Straßen vorgegeben. Es ist das vielleicht erste Stadtzentrum, das ganz nach den Grundsätzen der fortschrittlichen Architektur entstand. Die schiere Allmacht eines einzelnen Kapitalisten schuf eine Stadt von solcher Geplantheit und Einheitlichkeit, wie sie im Kapitalismus eigentlich nicht möglich ist. Wenn man der kapitalistischen Heldengeschichte nicht ganz glauben will, wofür es gute Gründe gibt, kann man überlegen, daß es vielleicht einen jungen Staat wie die Tschechoslowakei für so etwas brauchte. Nur dort vielleicht konnte der Kapitalismus noch die erneuernde Kraft sein, die er anderswo in Europa schon lange aufgehört hatte zu sein. Zlíns Geschichte setzte sich dann ohne Baťa und unter einem neuen Namen fort: Gottwaldov.

Strudlhofstiege

Die Strudlhofstiege ist zuerst einmal ein Zweckbau, ein Verkehrsbau, der eine Fußgängerverbindung zwischen dem unteren und dem oberen Teil des durch einen steilen Hang zertrennten 9. Wiener Bezirks Alsergrund schafft. Sie ist nicht die einzige Treppe an diesem Hang, aber durchaus eine besonders wichtige, weil in der Umgebung nicht nur dieser selbst, sondern auch das große Gelände des Palais Clam-Gallas, auf dem heute das Institut Français und eine französische Schule sind, den Weg versperrt.

Strudelhofstiege

Unten beginnt sie mit zwei seitlich geschwungen Stück nach oben führenden Treppen, zwischen denen ein kleiner Wandbrunnen ist. Dann aber setzt sie sich nicht etwa mit steilen Treppen fort, wie es naheliegend wäre und ihr Beginn anzudeuten scheint, sondern mit recht sanft ansteigenden Wegen, die im Zickzack den Hang hinauf führen. Erst dort, wo sie wieder die Straße erreicht, endet sie wieder mit zwei konventionellen Treppen. Oben und unten ist also eine repräsentative, steile Treppe angedeutet, gerade so, als schäme sich die Strudlhofstiege des dazwischenliegenden gemütlichen Wegs, der Zweckmäßigkeit an die Stelle von Effekt setzt.
Der Verlauf von Treppe und Weg ist markiert durch große dunkelgrüne Laternen mit hohlen, kompliziert verschlungenen schmiedeeisernen Pfählen, die mehr noch als der Brunnen zeigen, daß es sich um ein vom Jugendstil geprägtes Bauwerk handelt. Unten und oben stehen sie gepaart auf der hellen Steinbrüstung, aber entlang des Wegs nur noch an den Ecken, wo er sich in die andere Richtung wendet.

Strudelhofstiege2

Das ornamentale Moment der Laternen wird so durch ihre große Funktionalität ausgeglichen. Im Zusammenspiel noch mit den Beeten entsteht ein sehr gelungener und schöner Ort.
Verbunden mit der Strudlhofstiege ist Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“, der mit dem Gedicht „Auf die Strudlhofstiege zu Wien“ beginnt. Für die, die es nicht kennen, und es gibt wohl wirklich kennenswertere österreichische Dichter, ist es der Treppenanlage auf einer Steintafel beigefügt.

GedichtDoderer

Ob es ein gutes Gedicht ist, möge jeder selbst beurteilen. Auffällig ist aber, welche bizarre Bedeutung Doderer dem Wort „alt“ gibt. Die Strudlhofstiege wurde 1910 errichtet, Doderer wurde 1896 geboren, das Gedicht erschien 1951. Als alt empfindet Doderer also eine vierzig Jahre alte Treppeanlage, deren Bau er miterlebt haben könnte. Man kann nur spekulieren, ob Doderer in einer Mischung aus Vergeßlichkeit und Arroganz die Neubauten seiner Jugend mit dem Alten schlechthin verwechselt oder ob er, aus wirtschaftlichen oder lokalpatriotischen Gründen, die für das Stadtmarketing Wiens nützliche Umwidmung des Neuen der k.u.k.-Zeit zum Alten betreibt. Dann wäre sein Gedicht das literarische Äquivalent der Sissi-Filme. Die Strudlhofstiege jedenfalls kommt auch ohne Doderer gut zurecht.