Archiv für den Monat Dezember 2014

Hildesheimer Weihnachtsgeschichte

Der Hildesheimer Dom ist nicht die größte oder auffälligste der Kirchen der Stadt. Er ist auch nicht romanischste der romanischen Kirchen der Stadt. Daß er dennoch zurecht die meistbesuchteste Kirche der Stadt ist, verdankt er zwei Kunstwerken, die nicht grundsätzlich mit ihm zu tun haben: Bernwardstür und Bernwardssäule.

Der Platz, der den Dom von drei Seiten umgibt, wird gebildet aus vermischten Gebäuden verschiedener Zeiten und steht mit dem Rest der Stadt in keinem besonderen Bezug. Der Turm ist romanisch und daher kein eigentlicher Turm, sondern ein schmaler und hoher Bau mit Satteldach, in dessen Mitte ein weiterer Teil mit Sattelbach aufgesetzt ist, so daß eine gewisse Höhe erreicht wird. Das Langhaus ist ebenfalls romanisch, während seine niedrigeren Seitenteile den kleinen romanischen Rundbögen bereits große gotische Spitzbögen entgegensetzt. Auch ein links angefügter Quertrakt ist gotisch. Hinter dem Langhaus, das mit einem halbrunden Chor und einer offenen barocken Haube auf dem Vierungsturm endet, ist der Klosterhof, den ein zweigeschossiger Kreuzgang mit Rundbögen umgibt. In seiner Mitte steht eine kleine gotische Kapelle, die in dieser Umgebung wie ein bizarres heidnisches Heiligtum wirkt. Es scheint, als dienten die Vertikalen ihrer Fenster und Pfeiler einzig dazu, den Blick auf die weit aus dem Dach ragenden Wasserspeier zu lenken und deren Tier- und Menschengestalten zum Gegenstand der Adoration zu machen. Am Chor wächst auch eine für die lokalen Legenden sehr wichtige Rose, die angeblich tausend Jahre alt ist und auch die Bombardierung der Stadt im zweiten Weltkrieg überstand.

Daß die Kirche nach schwerer Kriegszerstörung wiederaufgebaut wurde, sieht man deutlich im Innenraum, der zuletzt vor wenigen Jahren umgestaltet wurde. Solchermaßen ist der Dom nur Hülle, was eine große Chance sein könnte, ihn ganz zum Museum zu machen, ganz auf Bernwardstür und Bernwardssäule auszurichten, doch dem steht die widersinnigerweise beibehaltene religiöse Funktion im Wege. So entsteht ein trauriger Zwitter. Mit dem Dom haben Tür wie Säule nur mittelbar zu tun, weil sie eben lange schon in ihm angebracht waren oder in seiner Nähe standen. Eigentlich ließ Bischof Bernward von Hildesheim sie vor etwa tausend Jahren für die Michaeliskirche, den großartigsten romanischen Bau der Stadt, schaffen.

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Kürth, Herbert/Kutschmar, Aribert: Baustilfibel, Berlin 1978

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Kürth, Herbert/Kutschmar, Aribert: Baustilfibel, Berlin 1978

Doch wo sie auch stehen und wie unvorteilhaft, ihrer Klarheit und Kraft kann man sich nicht entziehen. Beide sind aus Bronze und beide machen funktionale Elemente der Architektur zu Kunstwerken, wobei nur die Tür auch wirklich ihre Funktion erfüllen konnte.

Noch heute verbindet die Bernwardstür das Langhaus mit einem kleinen Vorraum, der aber von den Seiten zu betreten ist, während sie meist geschlossen bleibt. Auf dem linken Türflügel ist von oben nach unten die Geschichte des Sündenfalls und, kürzer, von Kain und Abel erzählt und auf dem rechten Türflügel von unten nach oben die Lebensgeschichte von Jesus, wobei alles zwischen Taufe und Verurteilung ausgespart ist. Eine simple Bildergeschichte also, die darlegt, wieso der Mensch so weit unten im Dreck vor der Kirchentür ist und wieso er gut daran täte, einzutreten, sobald sie sich öffnet, um, gleich Jesus im obersten Bild rechts, einmal ins Paradies zurückkehren zu können. So einfach wie die Geschichte ist auch ihre Darstellung. Die einzelnen Szenen sind regelmäßige rechteckige Felder, auf denen meist viel Platz ist. Die Hintergründe, stilisierte Bäume oder romanische Architekturdetails, sind flache Reliefs, während die Personen im Gegenteil weit aus der Fläche hervorragen, ihre Köpfe sogar völlig. Nur in den untersten beiden Feldern der rechten Seite, insbesondere dem zweiten, wo Josef sehr verwirrt von der Schwangerschaft seiner Frau dasitzt, ist alles angefüllt mit einem großen Durcheinander von Gebäuden, die wohl die reale frühmittelalterliche Stadt und damit die bedauernswerte Lage des Menschen vor der Kirchentür repräsentieren. Nach oben hin werden die Felder wieder leerer und die Darstellung klarer, wenn auch nicht wieder so klar wie im Paradies.

Wenn es für den heutigen Betrachter trotz der Einfachheit der Szenen manchmal schwer ist, allem zu folgen, dann, weil in ein und demselben Feld verschiedene Teile des Geschehens zu sehen sein können. So kniet im ersten Feld links oben Gott (dargestellt übrigens von Jesus, was ein sehr unbekümmertes Verständnis der Dreifaltigkeit verrät) beim liegenden Adam und macht etwas mit seinen Rippen, während rechts daneben schon Eva steht.

BerwardstürParadies

Rechts ist also das Ergebnis der links gezeigten Handlung zu sehen und gewiß war das im Jahre 1015 allen klar, aber es ist reizvoll, es so mißzuverstehen, als sei Eva schon da, während Adam erst geschaffen wird. Die Bernwardstür als feministisches Kunstwerk.

Im zweiten, dem vielleicht schönsten Feld sieht man, wie der riesige Gott-Jesus Adam zu Eva schickt. Ihrer beider Gestalten sind für den heutigen Blick gänzlich unattraktiv, einerseits ausgemergelt, andererseits aufgebläht, Eva unterschieden mehr durch ihren größeren Po als ihre längeren Haare, aber wie sie da mit offenen Armen aufeinander zugehen, scheinen sie so voller kindlicher Freude, die man auch heute noch leicht nachempfinden kann. Zugleich merkt man schon in diesem Feld, daß diese beiden weder Schlange noch Apfel brauchen werden, weshalb ihre späteren gegenseitigen Beschuldigungen auch so wenig überzeugen können.

Aus Wegmann, Klaus: Plastik - Lehrbuch für die Kunstbetrachtung, Berlin 1969

Aus Wegmann, Klaus: Plastik – Lehrbuch für die Kunstbetrachtung, Berlin 1969

Die Bernwardssäule steht heute in einer Ecke neben dem Altar. Auch auf ihr sind die einzelnen Szenen auf geradezu zwangsläufige Art verteilt, was sie hier aber weit schwerer zu betrachten macht: sie ziehen sich spiralförmig von unten nach oben. Die Säule füllt, indem sie ausgiebig aus Jesus‘ Leben erzählt, gleichsam die Lücken, die die Tür ließ. Obwohl sie nicht sehr viel später entstand, unterscheidet sie sich von dieser stark. Es gibt weniger freie Flächen und der Kontrast zwischen Hintergrund und Figuren ist weniger groß. Auch ist die Darstellung auf der Säule weniger einfach und auf das Wesentliche reduziert, sondern ausgeschmückt mit letztlich unwichtigen Details.

BerwardssäuleHunde

So sitzen in einer Szene zwei riesige Hunde dabei, auf dem Abendmahltisch liegt eine Brezel und immer wieder werden komplizierte romanische Architekturen gezeigt. Diese größere Erzähl- und Darstellungsfreude ergibt sich aber vielleicht zwangsläufig, da die Säule, anders als die Tür, ohnehin nicht ganz zu überblicken ist, sondern man sich ständig um sie herum bewegen muß.

Geht man also herum, erlebt man Jesus‘ Leben als spannende und trotz einiger magischer Momente ziemlich unspirituelle Bildergeschichte. Wüßte man nichts anderes darüber als das, was die Säule einem erzählt, man empfände sie gar als Geschichte mit Happy End: in der letzten Szene reitet Jesus davon, auf zu neuen Abenteuern. Von einer bevorstehenden Kreuzigung oder dergleichen Dramatischem verrät die Säule nichts. Die Bernwardssäule als atheistisches Kunstwerk.
Die Frage drängt sich auf: Wenn schon ein vor so relativ kurzer Zeit entstandenes Kunstwerk so völlig falsch verstanden werden kann, weil ein wichtiges Detail zu selbstverständlich war, als daß es hätte erwähnt werden müssen, wie ist es dann erst mit den Werken untergegangener Zivilisationen, deren Religionen sich nicht erhalten haben?

Ein drittes Kunstwerk gibt es im Hildesheimer Dom, ein Taufbecken, das man, weil es auch aus Bronze ist, mit Bernwardstür und Bernwardssäule in Verbindung setzen kann. Doch, zweihundert Jahre nach diesen, im 13. Jahrhundert entstanden, ist es Produkt einer ganz anderen Zeit. Wo Tür und Säule ein klares Bildprogramm haben, will das Taufbecken in einer Vielzahl von Szenen am liebsten von allem etwas erzählen. Wo sie sich dem menschlichen Betrachter zuwenden und gesehen werden wollen, ist es stellenweise sehr umständlich zu betrachten, wodurch die Reliefs zu bloßer Dekoration werden. Auch scheint es seinen Bildern nicht zu glauben, weshalb die Figuren beschriftet sind und Schriftbänder, frühe Sprechblasen, tragen. Das heißt nicht, daß es nicht auch ein beeindruckendes Werk ist.

TaufbeckenKindermord

Die Szene des Bethlehemer Kindermords etwa, der Gesichtsausdruck der Mutter und wie sich das Kind in ihr Gewand klammert, während es der Soldat mit erhobenem Schwert schon an den Haaren gepackt hat – das ist ergreifend. Doch was unter Bernward in Hildesheim geschaffen wurde, ist schöner und wichtiger. Deshalb kann man seinen Einfluß bis hinein in die Kunst des sozialistischen Realismus in der DDR spüren, doch das wäre ein anderes Thema.

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Dubnica nad Váhom

Dubnica ist eine Planstadt, eines der vielen Juwelen des tschechoslowakischen Städtebaus. Es liegt im Westen der Slowakei im Tal des Váh, das als eine der wenigen Regionen des Landes schon in vorsozialistischer Zeit industrialisiert war. Das heutige Dubnica wurde für zwei große, heute weitgehend stillgelegte Werke, die vor allem Waffen herstellten, errichtet. Warum es sich aber so betont „nad Váhom“, am Váh, nennt, ist nicht ersichtlich, da der Fluß für die Stadt keinerlei Bedeutung hat. Überhaupt empfängt einen Dubnica enttäuschend. Gegenüber dem sehr renovierten kleinen Bahnhof ist ein großer Friedhof und hinter diesem auf einem Hügel eine barocke Kirche.

Die Stadt beginnt erst etwas weiter links bei einem langen achtgeschossigen Gebäude, das wie fast alle weiteren in Großplattenbauweise aus Beton errichtet ist. Es steht quer zu den Gleisen und vor ihm verlaufen ein kanalisierter Bach, der Dubnický potok, und eine Straße. Jenseits davon erstreckt sich das erste Wohngebiet, Sídlisko pod Kaštieľom, durch das Stadion von den Gleisen getrennt. Mit fünf- und achtgeschossigen Gebäuden und einigen achtgeschossigen Punkhäusern, die locker ins Grün eingebettet sind, stellt es auch schon die vorherrschenden Gebäudetypen von Dubnica vor. Jenseits der ersten Gebäudes verläuft auch der Weg, der weiter in die Stadt hineinführt. Ist er bloß auf naheliegende und effektive Weise vom Autoverkehr getrennt, so endet er in einem kleinen Platz, der vorbildlich zeigt, wie einfach ein guter und unverwechselbarer Raum geschaffen werden kann:

SídliskoPodKaštieľomDubnica

ein quadratisches Hochbeet, zwei hohe alte Bäume, rechts der rötlich gekachelte Flachbau einer Kaufhalle, dessen weißverkleidetes überstehendes dach links an das vorgesetzte Obergeschoß eines zweigeschossigen Baus in derselben Farbe anschließt, dazwischen ein schräger Durchgang, und im Hintergrund auf dem Hügel der barocke Turm des Schlosses (Kaštieľ), das diesem Wohngebiet unter dem Schloß seinen Namen gab. Der Durchgang führt zurück zur Straße, ist aber auf subtile Art auch ein Tor in die weitere Stadt.

Ein Stück hügelan und man ist im Kern eines viel älteren Dubnica. Rechts das Schloß, ursprünglich ein vierflügeliger Renaissancebau, links die barocke Kirche, in der Mitte zwischen den Spuren der Straße ein breiter Grünstreifen, in dem auf einem aufgeschütteten Hügel eine barocke Skulptur des Johannes von Nepomuk steht. Die beiden Gebäude erzählen von der spannungsvollen Geschichte der Slowakei: das Schloß gehörte de ungarischen Adelsfamilie Illésházy, in der Kirche wirkte Ján Baltazár Magin, der sich für die Gleichberechtigung der slowakischen Bevölkerungsmehrheit einsetzte. Heute sind beide Teil von etwas Neuem, wobei das Schloß ihm, vor allem dank seines großen englischen Parks, mehr gibt. Doch es ist der Grünstreifen, aus dem das Zentrum von Dubnica so wirklich erwächst. Er setzt sich fort, bald ist die Straße nur noch links von ihm und viel schmaler als er, während rechts ein Fußgängerboulevard ist. Die Bebauung beginnt links, respektvoll gegenüber der Kirche, mit zweigeschossigen Reihenhäusern

KircheReihenh§userDubnica

und wird erst nach einem Stück fünf- und achtgeschossig, während sie rechts noch später mit achtgeschossigen Punkthäusern beginnt, die dann locker hinter einer zweigeschossigen Ladenzeile am Boulevard angeordnet sind.

PunkthäuserDubnica

Wo sich eine Grünachse quer zur Straße nach links öffnet, auf ein Kaufhaus zu und weiter in die Bebauung hinein, hat dieser Teil des Zentrums seinen schönsten Moment:

PaarBushaltestelleDubnica

auf der Wiese vor einer großen Weide lagert ein Liebespaar aus Stein und beidseits der Straße stehen Bushaltestellen. Obwohl nicht mehr als zwei schlanke П-förmige Stahlstützen, die eine stählerne Sitzbank und ein Dach und eine Rückwand aus blauem Wellblech halten, sind diese wie Symbole von Dubnica.

Eine große querende Straße, Obrancov Mieru (Straße der Verteidiger des Friedens) die Dubnica mit seinen Nachbarstädten verbindet, bildet den deutlichen Abschluß dieses Teils der Stadt. Auf der anderen Seite wird die Bebauung mit zwölfgeschossigen Punkthäusern einerseits höher denn je, andererseits stehen dort letzte Häuschen des Dorfs, das Dubnica einmal war.

UnterführungDubnica

Eine Unterführung schafft die Verbindung zwischen den Straßenseiten. Rechts neben dem erhaltenen dörflichen Straßenzug ist der Námestie Matice Slovenskej, der Mittelpunkt der Stadt. Seine etwa quadratische Form ist umgeben vom einem großen stalinistischen Schulbau noch diesseits der großen Straße im Nordwesten

SchuleDubnica

und einem Kaufhaus, braungekachelt und dreigeschossig, die Seiten aber einmal zwei-, einmal eingeschossig abgeschrägt endend, und einer flachen Bankfiliale, an die ein neungeschossiges Terrassenhaus, das Hotel Filegor, anschließt, im Südosten.

NámestieDubnica

Die einstige Gestaltung des Platzes ist nur zu erahnen, er wurde wohl in der sozialistischen Zeit auch nie fertig. Es spricht für die heutige Slowakei, daß das neuere Gebäude im Südwesten die Terrassenstruktur des Filegor aufnimmt, und gegen sie, daß das Gebäude im Nordosten eine Betonruine blieb.

RohbauDubnica

Zwischen Kaufhaus und Bank geht es weiter, im Hintergrund zwölfgeschossige Punkthäuser. Rechts gegenüber des Hotels beginnt eine flache Ladenzeile.

LadenzeileDubnica

Sie ist beinahe nur ihr breites freischwebendes Dach, bietet nach rechts Durchblicke und Verbindungen zur Poliklinik und grenzt links an Grünanlagen, die bald zu einem Park werden. Hier kommt auch der Bach wieder zum Vorschein, nun aber in weit naturnäherem Bett und als Teil der Parklandschaft, die nahtlos ins Grün zwischen den Zwölfgeschossern überfließt.

ParkDubnica

Weiter rechts, ebenfalls nicht weit vom Platz, ist ein Hügel, Háj, Hain, genannt, der teils von einem Schulgelände, teils von einem weiteren Park eingenommen wird. Die Wohnbebauung, nun fast ausschließlich achtgeschossig, und vielleicht etwas eintöniger und enger, legt sich um diesen Hügel und entsprechend heißt die Gegend Sídlisko pod Hájom, Wohngebiet unter dem Hain. Eine gar nicht große Straße, die an der großen Obrancov Mieru beginnt und endet, führt etwa hufeisenförmig durch diese Wohngebiete und speist kleine Erschließungsstraßen, während die Fußwege davon völlig unabhängig sind. In regelmäßigen Abständen stehen an der Straße auch weitere der markanten Bushaltestellen.

BushaltestelleDubnica2

Kommt man so wieder an die große Straße, überraschen dort fünfgeschossige Gebäude mit Satteldach, die so wenig wie die Schule zuvor zur Stadtstruktur, die die Bedeutung dieser, und jeglicher Straße, gerade zu minimieren sucht, passen will.

ObrancovMieraDubnica

Sie sind offensichtlich Teil einer älteren Planung. Neben dem Gebäude zweigt die Pionierská ab und führt hinein in ein ganzes frühes Wohngebiet, das sich an ihr und der kreuzenden Bratislavská ausbreitet. Es besteht aus einfachen dreigeschossigen Gebäuden mit Satteldach, die in recht großem Abstand aufgereiht sind. Dort, wo die Bratislavská schräg auf die Obrancov Mieru stößt, bilden zwei um ein ehemaliges Uhrtürmchen schräg aneinandergesetzte Gebäude sogar eine Eingangssituation, die aber schon lange zugebaut ist.

EingangsbauDubnica

Das Zentrum dieses Teils bildet eine Grünachse parallel zur Pionierská, die auf das Dom Kultury (Kulturhaus) zuführt, ein monumentales Gebäude mit Rundbögen im Erdgeschoß, das auf bis zu fünf Geschosse ansteigt.

DomKultúryDubnica

Der Platz vor ihm jedoch tut alles, diese spätstalinistische Monumentalität zu mildern.

UradMiastaPoštaDubnica

Zwischen Beeten stehen, durchaus hübsche, Denkmäler für Alexander Dubček (vielleicht weil auch er die Eiche, Dub, im Namen trägt?) und die Städtepartnerschaft mit Otrokovice, Zawadzkie und Vác. Rechts das Urad Mesta (Stadtverwaltung), ein einfacher dreigeschossiger Bau, dessen beiden Obergeschosse an der platzseitigen Ecke als verglaster Würfel überstehen. Unterhalb davon an der Schmalseite sind eine weiße Wellenstruktur, eine Metallschale und eine Gedenktafel als schlichtes Denkmal für die Befreiung von Dubnica durch die sowjetische und rumänische Armee.

SowjetischesEhrenmalDubnica

Links die Post, ein zweigeschossiger Bau, der neben dem Eingang einen überdimensionierten Poststempel mit einem Datum, vielleicht dem der Grundsteinlegung oder Eröffnung, trägt,

PoštaDubnica

und dahinter ein Kaufhaus mit einer roten Gitterfassade. So entsteht hier ein administratives und kulturelles Zentrum, das zwar nicht weit von den übrigen Teilen der Stadt und auch nicht schlecht mit ihnen verbunden ist, aber doch einen anderen Charakter hat. Vielleicht muß man für diesen Bruch dankbar sein, da man so den Fortschritt von der ersten Planung, die einerseits nicht städtisch-dicht genug ist, andererseits aber an der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Vorstellung einer Verkehrsachse als Boulevard festhält, zur neuen Form der Urbanität, die Dubnica ausmacht, einen entscheidenden Fortschritt also, erleben kann.

Dubnica zeigt beispielhaft, wie eine Stadt für 25.000 Einwohner geplant werden kann: ein Kern dichter, aber offener mehrgeschossiger Bebauung, darum einige Einfamilienhäuser und Datschen, Ausnutzung der landschaftlichen Gegebenheiten, Aufheben des Alten, Trennung von Fahrzeug- und Fußgängerverkehr, Schaffung unverwechselbarer Plätze und Fußgängerachsen und alles eingebettet in Grünflächen und Parks.

DubnicaBlick

Wie tragfähig das grundlegende städtebauliche Konzept ist, kann man auch daran sehen, daß im Südwesten an der hufeisenförmigen Erschließungsstraße noch heute neue Wohngebäude gebaut werden.

NeueGebäudeDubnica

Als größtes Problem bleibt auch in Dubnica die große Straße, obwohl die Unterführung an genau der richtigen Stelle ist und ganz selbstverständlich frequentiert wird. Und einen Bahnhof, der seiner würdig ist, hätte es auch verdient.

Erkundungen auf Friedhöfen: Samuel Ritter von Frankfurter

Auf dem jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs findet sich ein Grab, auf dem man den perfekten k.u.k.-jüdischen Namen lesen kann: Samuel Ritter von Frankfurter.

GrabRitterVonFrankfurterZentralfriedhofWien

Es ist auch ein Name, der wunderbar die absurden sprachlichen Folgen von Erhebungen in den Adelsstand zeigt. Der Name Frankfurter nämlich ist offenkundig ursprünglich eine Herkunftsbezeichnung – genau wie das „von“. Die Ritter von Frankfurter, Sohn Samuel wie Vater Wilhelm, trugen somit einen Namen, der doppelt eine Herkunft anzeigt und so keinerlei Sinn mehr ergibt. Wenig mehr Sinn selbstverständlich ergeben auch alle anderen Namen geadelter Familien und auch die vieler alter Adelsfamilien, die den Bezug zu dem Familiensitz, nach dem sie benannt wurden, verloren haben. Aber in dieser Doppelung wird es besonders deutlich.

Fragt sich, ob im ausgehenden 19. Jahrhundert irgendjemand merkte, wie lustig dieser Name eigentlich ist. Die Christlichsozialen haßten ohnehin alle Juden, die Sozialdemokraten haßten ohnehin alle Adeligen und die Schicht der von Frankfurters, das liberale jüdische Großbürgertum, war sicher so stolz wie neidisch einen der ihren geadelt zu sehen. Für Sprache blieb da kein Platz. Auch aus sprachlicher Hinsicht war somit das Verbot von Adelstiteln, das die Republik Österreich im Jahre 1919 erließ, ein Befreiungsschlag.

Klosterneuburg in einer Villa

Es gibt Gebäude, deren Perfektion man gleich beim ersten Blick erkennt. So diese Villa in Klosterneuburg.

BlickSachsengasseVillaKlosterneuburg

Sie ist bei diesem ersten Blick nur eine rechteckige weiße Wandfläche mit einem großen Fenster, die sich nur ganz leicht schräg, aber doch ganz deutlich von links in die Achse der steilen Sachsengasse schiebt.

VillaKlosterneuburg

Beim Näherkommen sieht man ein halb im Hang verstecktes Sockelgeschoß, einen freistehenden steinverkleideten Kamin und einen Balkon, der von diesem und dünnen weißen Stützen getragen wird, doch das ist unwichtig. Diese Villa ist nur diese weiße Wand mit Fenster und die Aussicht daraus.

Nun gibt es Häuser, die weiter oben am Nordhang des Leopoldsbergs stehen und eine bessere, umfassendere Aussicht haben. Es sind größtenteils auch keine Villen, sondern vermischte Einfamilienhäuser oder Gartenlauben, die so errichtet sind, als wüßten sie von der Aussicht nichts und das vielleicht auch nicht tun. Es gibt sogar hoch oben auf einem riesigen kahlen Grundstück den traurigen Anblick eines neuen Fertighauses der billigsten Machart, das ein Drittel seiner Fassade für eine Doppelgarage verschwendet.

TraurigesHausKlosterneuburg

Doch auch die wenigen neueren Villen, die offenkundig um sie wissen, haben eine Aussicht, die sich nicht auf Klosterneuburg beschränkt, sondern die gesamte Donaulandschaft nördlich von Wien umfaßt.

BlickKlosterneuburgKorneuburgUmgebung

Die ist am Tag ein trostloses Suburbia und in der Nacht ein Lichtermeer. Tags wie nachts aber ragt das Kraftwerk in Korneuburg am rechten Ufer so prominent aus ihr wie das Stift Klosterneuburg am linken. Und das ist der Unterschied zur Villa.

Durch das Fenster in der weißen Wand sieht man nicht einmal nur Klosterneuburg, nein, man sieht nur das Stift.

BlickVillaStiftKlosterneuburg

Das Wahrzeichen der Stadt, der Grund und jahrhundertelang auch einzige Inhalt seiner Existenz, in diesem Fenster ist es wie gerahmt. Eigentlich ist das gar kein Fenster, sondern ein Bilderrahmen um das Stift Klosterneuburg. Die Türme und Kuppeln des Stifts werden in die Villa hineingeholt, Romanik, Gotik, Barock werden Teil dieser scheinbar so kühlen Architektur aus den Fünfzigern, Sechzigern. Das ist architektonische Perfektion.

Es ist allerdings eine Perfektion, die gänzlich unproduktiv bleibt. Die Villa nimmt sich das Beste der Stadt, gibt aber nichts zurück. Das kann sie auch nicht, sie ist bloß ein privater Wohnsitz auf einem privaten Grundstück, den nichts grundsätzlich von seiner banalen Umgebung unterscheidet. Nicht einmal Lehren kann man aus ihr ziehen, da Gebäude, die einer größeren Zahl Blicke auf Klosterneuburg schenkten, ganz anders aussehen müßten. So handelt es sich um eine zutiefst bürgerliche, elitäre Architektur, um ein ganz nutzlos strahlendes Kleinod.

Unweigerlich wünschte man sich, daß der Erbauer jemand gewesen sein möge, der dem Gebäude gerecht würde, ein wegen Verfehlungen des Stifts verwiesener Mönch, der ihm dennoch nahe sein wollte, letzter dekadenter Sproß eines uralten Adelsgeschlechts, ein verhinderter Prinz Eugen, der sich wenigstens ein zeitgemäßes Belvedere bauen ließ. Die Realität wird, wie meist, prosaischer sein: ein Bauherr mit viel Geld und genug Geschmack, einem Architekten, der ein wenig von seiner Zeit begriffen hatte, beim Bau freie Hand zu lassen. Aber es sind eben Gebäude wie dieses, die die Phantasie anregen.

Bad Vilbel

Eine Kleinstadt am Nordrand von Frankfurt, zersiedeltes Suburbia, eine langweilige Schlafstadt, die es nur noch gibt, weil seit 1920 alle Versuche, daß Rhein-Main-Gebiet zu einem Groß-Frankfurt zusammenzufassen, gescheitert sind. Das  ist Bad Vilbel. Im Kern nur eine einzige Straße, die selbstverständlich Frankfurter Straße heißt und recht eng und krumm, recht eingezwängt zwischen dem Fluß Nidda auf der einen und dem Hang auf der anderen Seite verläuft. Die Bebauung ist vermischt und zeigt sich, obwohl sie sicher einige Fachwerkkonstruktionen enthält, in den unattraktivsten Fassaden der letzten hundert Jahre. Am Ende der Straße steht ein ebenso seltsam unattraktives Fachwerkrathaus. Ein Zentrum, irgendeine Art von städtischem Raum, der nicht Straße ist, gab es nicht. Die Stadt war nicht in der Lage daran etwas zu ändern.

Zum Ausgleich, in gewisser Weise als Entschuldigung, entstand der Kurpark am anderen Niddaufer. Noch das namensgebende Kurhaus ist ein banaler Bau mit hohem Walmdach, doch an dieses schließt das Gebäude des Heilbads aus den Fünfzigern an und dieses wiederum ist mit einem Brückentrakt mit dem Gebäude von Hallenbad und Stadtbücherei verbunden.

HallenbadBadVilbel

Es ist das Juwel des Kurparks, ein typisches Produkt der Sechziger, Siebziger, als westdeutsche Kleinstädte Geld hatten und sich etwas für Sport und Kultur leisteten. Wenn man davorsteht, sieht man eine zweigeschossige Fassade, klar horizontal aufgeteilt in das mit weißem Wellblech verkleidete Obergeschoß, auf dem in schnörkellosen Buchstaben die Funktionen genannt sind, und das Erdgeschoß, das links schwarz verkleidet und rechts in die Glaswände und -türen des Eingangs aufgelöst ist. Das eigentliche Hallenbad befindet sich links in dem an diese Fassade anschließenden Bauteil, so daß sich ein Grundriß aus zwei langen, leicht verschoben ineinandergesetzten Rechtecken ergibt. Wenn man von links auf das Gebäude blickt, zeigt sich das Hallenbad in höchster Ablesbarkeit. Höher als der zweigeschossige Bauteil, auf einem niedrigen Sockel, ist es eigentlich nicht mehr als große Glasflächen zwischen zwei weißen horizontalen Wandbändern. Der erste, höhere Teil, in dem man den Sprungturm weiß, auch wenn ihn nicht sieht und nie im Inneren war, ist durch einen schrägen, mit vertikal geriffeltem grauen Metall verkleideten Bereich, der an den beweglichen Teil eines Gelenkbusses erinnert, mit dem niedrigeren, wo man das Nichtschwimmerbecken weiß, hinter dem auch die Schmalseite verglast ist, verbunden. Die Stadtbücherei nimmt einen langgezogenen Bereich im Erdgeschoß an der rechten Seite des zweigeschossigen Bauteils ein, an dem ein schmaler Weg zwischen diesem und dem Heilbad hindurchführt. Direkt darüber sind die Umkleidekabinen des Hallenbads, was auch etwas über das Verhältnis von Sport und Kultur in westdeutschen Kleinstädten aussagt. Dennoch war das, was hier entstand, viel. Der Häßlichkeit und Enge der Stadt wurde die Schönheit und Großzügigkeit des Parks und der neuen Architektur entgegengesetzt.

Das blieb lange alles. In den Achtzigern und Neunzigern entstandene kleinere Wohn- und Einkaufsbereiche an der Frankfurter Straße blieben hoffnungsloses Stückwerk in billigen historistischen Formen.

Erst jetzt, unverdient reich, weil es kein Groß-Frankfurt gibt, schuf sich Bad Vilbel ein Zentrum, ein Herz, das es zuvor nie hatte. An der Frankfurter Straße, dort wo lange eine lachhafte Lücke namens Zentralparkplatz war, entstand ein Einkaufszentrum, was egal ist, aber auch ein Platz, was wichtig ist. Letzterer wird fast ganz von ersterem gebildet, aber geht doch darüber hinaus. An der Straße nimmt das Einkaufszentrum einen Fachwerkbau auf und hat, vielleicht zur Besänftigung der Denkmalschützer,angedeutete Walmdächer aus Blech. An den beiden langen Seiten des Platzes aber stehen Bauteile mit verglasten Erdgeschossen, überstehenden Obergeschossen und zurückgesetzten Penthousewohnungen auf den Flachdächern.

PlatzRegenBadVilbel

An der Frankfurter Straße wird die Schmalseite des Platzes von einem fünfgeschossigen Wohngebäude aus den Siebzigern mit Balkonbrüstungen aus Beton gebildet, das es wohl selbst nicht fassen kann, plötzlich eine so prominente Rolle in der Stadt zu spielen.

PlatzBlickBüchereiBadVilbel

Auf der anderen Schmalseite blickt man links über die Nidda zum Kurhaus, während rechts das neue Gebäude der Stadtbücherei über den Fluß führt und so zum Symbol des neuen Stadtzentrums wird. Es ist ganz aus Glas, so daß man von der Seite die V-Stützen, die sich durch seine beiden Geschosse ziehen, sieht. Das obere der Geschosse steht leicht über und ist von horizontalen Holzlamellen umgeben ist.

BüchereiNiddaBadVilbel

Im Erdgeschoß sind ein Café, der Eingangsbereich und die Kinderabteilung der Bücherei und im Obergeschoß die eigentliche Bücherei. Architektonisch ist die neue Stadtbücherei nicht schlecht. Zwar ist unklar, wie geeignet derart sonnige Räume für die Aufbewahrung von Büchern sind, aber sie bieten interessante neue Aussichten über die Nidda.

AusblickBüchereiBadVilbel

Zu dieser hat sie allerdings auch keinen zwangsläufigen Bezug. Anders als etwa die Rialto-Brücke in Venedig ist sie keine Brücke, die außerdem auch Gebäude ist, sondern ein Gebäude, das, weil es eben über dem Fluß ist, außerdem auch Brücke ist.

BüchereiPlatzBadVilbel

Städtebaulich ist der Platz großartig. Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Bad Vilbel in ihm ein wirkliches Zentrum und eine wirkliche Verbindung von der Frankfurter Straße zum Kurpark. Man kann sagen, daß Bad Vilbel damit in den Sechzigern angekommen ist. Denn wie aus dieser Hochzeit des sozialdemokratischen Städtebaus in Westeuropa wirkt der Platz. Ein kleiner Uhrturm auf der Gebäudeecke, wo sich der Platz zum Fluß öffnet, ein Brunnen, der mehr als Löcher im Boden ist, ein paar mehr Bänke, einige Hochbeete, C&A statt H&M und der Eindruck wäre perfekt. Doch wir sind nicht in den Sechzigern. Es gibt zwar das neue Zentrum, doch jenseits der Nidda verfallen die Einrichtungen im Kurpark. Das Kurhaus steht halb leer, das Heilbad schon lange ganz, die Bücherei wurde verlegt und das Hallenbad soll geschlossen werden. Bad Vilbel verliert so das Beste, was es jahrzehntelang hatte, für etwas Neues, ebenfalls Gutes. Stadtentwicklung als Nullsummenspiel.

Janusköpfiges Kloster

Das Klasztor Norbertanek (Norbertinerinnenkloster) steht am Rande von Kraków, außerhalb des mittelalterlichen Kerns, auch heute noch kaum Teil der Stadt. Es steht, obwohl daneben ein Hügel ansteigt, direkt an der Wisła.

Dem Reisenden, der sich von außerhalb am Fluß entlang nähert, zeigt es sich wehrhaft und abweisend:

KlasztorNorbertanekKrakówVonAußerhalb

hohe, fast fensterlose Mauern, seitlich ein massiver eckiger Turm, der auch zu einer Festung passen würde, und, versteckt weiter hinten, der Stufengiebel einer gotischen Kirche. Man spürt hier eine Zeit voller Unsicherheit und Gefahren, in der der Frauenorden sein Bestes tun mußte, mögliche Angreifer abzuwehren oder zu überzeugen, besser nach Kraków oder in die gänzlich schutzlosen Dörfer der Umgebung weiterzuziehen.

Kommt man aber von der Stadt her, sieht man ein ganz anderes Kloster:

KlasztorNorbertanekKrakówVonDerStadt

zierliche zweigeschossige Trakte aus Renaissance und Barock erstrecken sich entlang des Flusses, ein kleiner Turm mit hoher Haube ragt ein Stück empor und auf einer Ecke der Mauern, die nur von sehr nahem noch abweisend wirken, steht frei und ungeschützt eine Statue des Johannes von Nepomuk.

KlasztorNorbertanekKrakówNepomuk

Es ist, als strecke das Kloster der Stadt, dem Burgberg Wawel in der nahen Ferne, auf offener Hand all seine Schönheit entgegen, auf daß sie seiner nicht vergesse.

KlasztorNorbertanekKrakówWawel

Denn schützen kann es sich gegen die Waffe einer neuen Zeit ohnehin nicht mehr alleine, es braucht Kraków. In der friedlichen Zwischenzeit ist es eben schön, offen, leicht, in die Landschaft eingebettet, so sehr es das kann. Mehr als mit der trutzigen Kirchenburg, die es halb noch ist, hat es mit adligen Landsitzen gemein oder auch mit der riesigen historistischen Villa, die sich irgendein Industrieller im späten 19. Jahrhundert gegenüber am anderen Ufer der Wisła bauen ließ.

VillaKraków

Was an diesem Kloster zu sehen ist, ist ein architektonischer Fortschritt deutlichster Art, eine Verwandlung, ein Entpuppen, mithin etwas, was man jedem Ort wünschen kann.

Über Braunkohletagebau

Eine Doppelseite aus dem Bildband „Československo“ (Tschechoslowakei):

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

So ist der Abschnitt über den nordböhmischen Bezirk eingeleitet, in dem sich sonst Bilder von Landschaften und alten und neuen Städten abwechseln. Entsprechende Bilder, schön und malerisch, wie es sich für einen Bildband eben gehört, sind auch vorher zu sehen, so daß dieses einleitende Bild wie ein Schock wirkt. Es zeigt die wichtigste Industrie des Bezirks, den Braunkohletagebau, in einer äußerst direkten, harten Weise und frei von jeglicher Schönheit. Durch die nebenstehendne Worte des Dichters Ilja Bart aber bekommt es einen viel weitergehenden Sinn:

Kraj, jehož cesta k ráji
vede přes hřbitov
a jehož kosmická záře
stoupá z podzemních hlubin
Gegend [oder auch Bezirk], deren Weg zum Paradies
über einen Friedhof führt
und deren kosmischer Glanz
aus unterirdischen Tiefen aufsteigt

 


So entsteht ein vollendeter Ausdruck eines spezifisch sozialistischen Blicks auf den Braunkohletagebau. Selbstverständlich wurde immer dessen entscheidende Bedeutung für die Energiegewinnung betont, aber mit Megawattzahlen allein ist schwer Begeisterung auszulösen. Die klügsten Autoren, die sich dem Thema widmeten, betonten deshalb die landschaftsverändernden Auswirkungen des Tagebaus. In den Worten Barts klingt das, gerade in Verbindung mit dem Bild, schon ein wenig an: aus der Landschaft, die ein Friedhof war, wird ein Paradies, aus der kahlen zerstörten Landschaft eine umso schöner aufblühende.

In seiner Einleitung zum Bildband „Cottbus“ von 1979 führt Hans-Hermann Krönert den gleichen Gedanken weiter aus. Er setzt die vom Tagebau bewirkten Veränderungen in Zusammenhang mit den Parkplanungen des Fürsten Pückler im 19. Jahrhundert. So wie dieser die Natur zu seinem Privatvergnügen veränderte, verändert der Sozialismus sie zum Nutzen aller. Und wenig verändert die naturgegebene Landschaft so sehr wie der Braunkohletagebau. Für die Niederlausitz aber ist das ein Gewinn: „Wo die Landschaft wenig natürlichen Reiz besitzt, wird der Mensch ihr neue Reize zu seinem Nutzen abgewinnen.“

Das prominenteste Beispiel für eine solche Umgestaltung der Landschaft im Gefolge des Braunkohletagebaus war in der DDR der Senftenberger See, der zwischen 1968 und 1973 entstand. Direkt südlich der Stadt Senftenberg gelegen, umfaßt er eine 1200 ha große Wasserfläche, große Strandbereiche und Naturschutzgebiete. Senftenberg selbst, eine ziemlich banale Kleinstadt, richtete sich ganz auf den See aus, nannte sich sogar „Senftenberg am See“. In seinem Buch „Rund um die Natur“ erzählt Reimar Gilsenbach von Stadt und See, die sich füreinander schön machen, als Märchen, das Wirklichkeit wird. Dazu gibt es eine Illustration von Rainer Sacher:

Aus Gilsenbach, Reimar: Rund um die Natur, Berlin 1982

Aus Gilsenbach, Reimar: Rund um die Natur, Berlin 1982

Die Realität blieb dahinter ein wenig zurück, aber Senftenberg wuchs tatsächlich am See entlang. Westlich der kleinen Altstadt mit ihrer großen backsteingotischen Kirche entstand ein Wohngebiet, das sich entlang der Schwarzen Elster,  die hier nur durch einen schmalen Streifen vom See getrennt ist, erstreckt. Die fünfgeschossigen Gebäude sind als lange eckige Mäander zu Fluß und See ausgerichtet und führen auf ein zehngeschossiges Gebäude zu, das die Dominante des Wohngebiets und seines Zentrums bildet. Einem nicht unwesentlichen Teil der Senftenberger Bevölkerung, Menschen, die auf die eine oder andere Art vom Braunkohletagebau lebten, wurden so Wohnungen gebaut, von denen sie auf die langsam entstehende neue Landschaft, die auf den Tagebau folgt, blicken konnten.

Das große Ziel des Sozialismus, eine neue Welt zu schaffen, wurde im Braunkohletagebau zum sehr konkreten Schaffen einer neuen Landschaft. Um das zu begreifen, ist allerdings ein Denken in Jahrzehnten, letztlich sogar Jahrhunderten nötig, denn bevor die neue Landschaft geschaffen werden kann, wird die alte eben völlig zerstört. Und nicht alle hatten es so gut wie die Senftenberger, denen das Ziel, die neue bessere Landschaft, der See, zu Füßen lag. Deshalb zeigt der Braunkohletagebau auch ein Problem des Sozialimus: er meinte, Zeit zu haben. Viele Menschen sahen eben, verständlicherweise, nur den gegenwärtigen Friedhof und nicht das kommende Paradies. Die alte Landschaft, so reizlos sie auch gewesen sein mochte, konnten sie sich angesichts der Zerstörung eher vorstellen als die neue, so viel schöner sie auch werden mochte.

Auch nach dem Ende der DDR wurden die Planungen für weitere Seen, ebenso wie der Braunkohletagebau, weitergeführt. Es entsteht ein ganzes sogenanntes Lausitzer Seenland nach dem erfolgreichen Vorbild des Senftenberger Sees. Die Pläne sind ambitioniert, Kanäle, teils Tunnel für Sportboote sollen die Seen miteinander verbinden. Man könnte sagen, der neue kapitalistische deutsche Staat erntet, was der sozialistische säte. Bloß ist nicht mehr ersichtlich, wer die neuen Seen eigentlich nutzen sollte. Die Vorstellung, genügend Touristen kämen ausgerechnet in die Niederlausitz, um an neuen Seen ihre Freizeit zu verbringen, wenn es weiter nördlich, in Brandenburg und Mecklenburg so viele ältere Seen mit etablierter touristischer Infrastruktur gibt, wirkt reichlich illusorisch und für die verarmende und sich entvölkernde Niederlausitz selbst sind gar so viele Seen eigentlich nicht nötig. Auch die paradiesischste Landschaft ist letztlich ein Friedhof, wenn in ihr keine Menschen sind.