Tschechoslowakische Bahnhöfe: Dolný Kubín zastávka

In mancher Hinsicht ist Dolný Kubín zastávka der archetypische ländliche tschechoslowakische Bahnhof: klein, scheinbar im Nirgendwo gelegen, als Dolný Kubín Haltestelle dem eigentlichen Bahnhof der Stadt ungeordnet und doch ein ausgesucht schöner Bau.

dolnykubinzastavkagesamt

An der eingleisigen Strecke durchs Tal des Flusses Orava in der nordwestlichen Slowakei ist ein Bahnsteig aus Betonplatten, auf den erst einmal ein langgestreckter Wiesenstreifen mit verschiedenen Nadelbäumen folgt. Links ein zweigeschossiger Bauteil, in dem oben zwei Wohnungen für das Bahnhofspersonal sind, wie die beiden leicht überstehenden und abgeschrägt endenden Balkonen an der Schmalseite zeigen. Unten links der Betriebsraum, aus dem sich die Fenster des Schalters und der Gepäckannahme in einen weiter rechts gelegenen geräumigen Wartesaal mit Holzbänken öffnen.

dolnykubinzastavkawartesaal

Zwischen beiden Geschossen ganz links der Bahnhofsname in großen Leuchtbuchstaben und dann ein mit trapezförmig vorstehendem Blech abgeschlossenes schmales Vordach.

dolnykubinzastavkaname

Wo weiter rechts ein flacher Bauteil zurückgesetzt anschließt, ist das Vordach stattdessen weiter vorgesetzt, so daß von dünnen eckigen Stützen getragen ein geräumiger äußerer Wartebereich entsteht, von dem man zu den Toiletten kommt.

dolnykubinzastavkavordach

Alle üblichen Bestandteile eines kleinen tschechoslowakischen Bahnhofs also auf tadellose Weise zusammengefügt. Zugleich der Eindruck enormer Ländlichkeit und Provinz.

dolnykubinzastavkagehege

Dolný Kubín zastávka ist ein Bahnhof, neben dem rechts nicht nur auf einem Feld eine Ziege grast und ein Auslauf für Hühner ist, nein, es ist ein Bahnhof, in dessen eigentliches Gebäude ein Hühnerstall integriert wurde.

dolnykubinzastavkahuehnerstall

Das gehört nun nicht mehr zum Standard tschechoslowakischer Bahnhöfe, sondern geschah auf Initiative der Bahnhofsvorsteherfamilie wohl in der Zeit nach 1990, als dafür irgendwann Gepäckaufnahme und Toiletten geschlossen wurden.

Aber auf eigenartige Weise widersprechen sich die klarste fortschrittliche Architektur und die Ländlichkeit nicht. Es wirkt keineswegs so, als würde ein abgestürztes Raumschiff von primitiven Eingeborenen als Stall benutzt oder ein römischer Tempel von Barbaren, sondern eher, als würde einem funktionalen Gebäude eben eine weitere Funktion hinzugefügt. Wieso sollte ein Hühnerstall auch rustikal aussehen? Er ist ja ein Funktionsbau und kann genausogut ein Raum in einem Bahnhof sein. Alles paßt.

Die Ironie jedoch ist, daß der Bahnhof keineswegs so abgelegen ist, wie er wirken kann. Im Gegenteil hat er eine gute Verbindung zu wichtigen Teilen von Dolný Kubín, der größten und am wenigsten auf Tourismus ausgerichteten Stadt an der Orava, eine bessere Verbindung sogar als der Bahnhof, der ihren Namen ohne Zusatz trägt.

dolnykubinzastavkastadt

Verdient hätte er, nicht zastávka, Haltestelle, sondern mesto, Stadt, zu heißen. Aber die Nadelbäume verdecken das zusätzliche Wort ohnedies.

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