Tschechoslowakische Bahnhöfe: Praha-Holešovice

Der Bahnhof Holešovice in Prag liegt in einer schwierigen Umgebung. Es ist einer jener vom Kapitalismus geschaffenen Stadträume, in denen alles aufeinandertrifft und nichts zusammenpaßt: Wohnbebauung, Industrie, das Messegelände, der Fluß. Als in den Siebzigern im Rahmen der technisch sehr aufwendigen Verbindung des hoch gelegenen Prager Hauptbahnhofs mit der Bahnstrecke nach Nordwesten ein neuer Bahnhof für Fernzüge geplant wurde, war das den Planern sicher wohl bewußt. Ein einziges sozialistisches Gebäude kann an den ererbten Problemen seiner Umgebung allein wenig ändern, aber der Bahnhof Holešovice tut sein Bestes.

Entscheidend ist, daß er weit von der Bahnstrecke, die entlang der Vltava (Moldau) verläuft und den Blick und Zugang zu ihr völlig versperrt, bis zur Plynární (Gaswerkstraße) ausgreift.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaEingangsgebäude

Das Gebäude an dieser Straße, auf der die Straßenbahnen fahren, ist eine Art Vorposten des eigentlichen Bahnhofs. Es hat einen etwa quadratischen Grundriß und zwei Geschosse. Das untere mit den Eingängen ist zur Straße hin und auch seitlich in goldgefaßte dunkle Glasflächen aufgelöst. Das obere hingegen wendet der Straße eine Verkleidung aus vertikal angebrachten grauen Steinplatten zu, wie sie für das Äußere, aber auch das Innere des Bahnhofs bestimmend ist. Die übrigen Seiten des Obergeschosses bestehen vor allem aus braun-spiegelnder Glasverkleidung und davon kaum zu unterscheidenden Fensterbändern. Steinverkleidet ist eine hohe und flache Stele, die vor den Eingängen steht. Sie scheint erst ganz funktionsloser Selbstzweck, Entsprechung des einzigen schmalen Fensters an der Vorderseite, gehört aber tatsächlich zum Belüftungssystem der Metrostation Fučíkova, heute Nádraží Holešovice (Bahnhof Holešovice), zu der man hier gelangt. Zugleich ist sie durch einer schwarzen Tafel mit silberner Schrift auch Denkmal für diesen 1984 eröffneten Abschnitt der Prager Metro.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaGedenktafel

Steinverkleidet ist auch das dicke Vordach der Bushaltestelle, das rechts quer neben dem Eingangsgebäude steht.

PrahaNádražíHolešoviceBusstation

Hinter dem Gebäude, nein: auf seiner straßenabgewandten Seite ist ein kleiner Ruhebereich, der durch ein langes wellengleich geschwungenes Hochbeet mit teils schrägen hohen Betonwänden vom Busparkplatz abgegrenzt ist.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaHochbeet

Das regelmäßige, aus Pflasterlinien zwischen Betonflächen gebildete Rechteckmuster des Bodens wird hier von einem wiederum wellenartigen Streifen aus größeren rötlichen Kieseln unterbrochen. Darüber führen, als wäre es Wasser, unregelmäßige viereckige Platten aus schwarzem Stein, während einige große abgerundete Steine, glattgeschliffen und schwarzweiß gemasert, einer in der Mitte geteilt, daraus aufragen. An der steinverkleideten Wand setzt sich der Bodenstreifen andeutungsweise in schräggesetzten Verkleidungsplatten fort.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaSteine

Ein Stück entfernt dient ein weitere solcher Stein als Brunnenbecken. Dieser Ruhebereich mit seinen runden Formen, die mit den eckigen Formen des Gebäudes auf harmonische Weise kontrastieren, ist ein schönes Beispiel eines typisch tschechoslowakischen Designs, dem man verzeihen kann, falls es sich für abstrakte Kunst hielt (das Werk heißt denn auch „Řeka“ (Fluß) und stammt vom Bildhauer Josef Klimeš) .

Von hier kann man jenseits einer größeren Straße schon die weiteren Teile des Bahnhofs sehen: ein dem Eingangsbau entsprechender zweigeschossiger Bau, ein ausgedehnter Flachbau und abschließend entlang der Bahnstrecke ein viergeschossiger Bürobau mit brauner Verkleidung und Fensterbändern unter einem dicken steinverkleideten Dachstreifen.

PrahaNádražíHolešoviceAußen

Doch spätestens hier ist das Äußere des Bahnhofs nebensächlich, da es von keinen relevanten städtischen Bereichen aus zu sehen ist. Vielmehr beginnt mit dem Eingangsbau an der Plynární ein innerer Korridor, der bis zu den Gleisen leitet.

Unter der Straße hindurch gelangt man entweder über den nicht sehr tiefliegenden Metrobahnsteig, der mit schrägen Steinstreifen an den Wänden dem üblichen Design der Linie C entspricht,

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaBahnstein

oder durch eine nach der Bushaltestelle beginnende Unterführung, die etwas eng und gegenwärtig – es ist schließlich Tschechien, nicht mehr die Tschechoslowakei – mit esoterischem Graffiti gestaltet ist. So kommt man auf einen breiten, zu beiden Seiten offenen Quergang, dessen mit weißen Kunststoffleisten verkleidete Decke in kurzen Abständen von Lichtschächten unterbrochen ist, so daß entweder durch deren Fenster oder herabhängende Lampen viel Licht hereinfällt. An den Seiten sind verschiedene Läden angeordnet.

PrahaNádražíHolešoviceGang

Gegenüber dem Aufgang der Metro hat die rechte Stütze des Gangs eine Schräge nach links, die mit dunklerem und glatterem Stein verkleidet ist, der ein wenig noch gleichsam über den Boden fließt. Aus dieser Verkleidung ist ein nach links blickendes Gesicht als Relief herausgearbeitet.

PrahaNádražíHolešoviceFučík

Es gehört einem Mann, wohl nicht alt, aber sein Name steht nirgends. Man muß die Worte auf der Stütze links, zu denen sein Blick geht, kennen oder die Verbindung zum alten Namen der Metrostation herstellen, um zu erkennen, wer da gezeigt ist: Julius Fučík. Dieser kommunistische Journalist war aufgrund seines vorbildlichen Lebenslaufs, seiner Hinrichtung durch die Nazis und insbesondere seiner im Gefängnis geschriebenen „Reportáž psaná na oprátce“ (Reportage unter dem Strang geschrieben) so etwas wie ein Säulenheiliger der sozialistischen Tschechoslowakei. Und die hier gewählten Wort sind auch wie dafür geschrieben, in Stein auf einer Wand zu stehen:

PrahaNádražíHolešoviceFučíkText

„Žili jsme pro radost, pro radost šli jsme do boje a pro ni umíráme. Ať proto smutek nikdy není spojován s naším jménem“ (Wir lebten für die Freude, für die Freude zogen wir in den Kampf und für sie sterben wir. Daß deshalb Traurigkeit nie mit unserem Namen verbunden sei). Diese beiden Sätze wie die gesamte „Reportáž“ enthalten das ganze zukunftsgewisse Vermächtnis der Kommunisten der ersten Republik, das der vom Sozialismus gebaute Bahnhof zu erfüllen trachtet. Zwischen beiden Stützen, zwischen Fučíks Gesicht und seinen Worten, blickt man durch Glas in einen üppigen Garten, hinter dem der Bürobau sich erhebt.

PrahaNádražíHolešoviceGarten

Das Fučík-Denkmal im Bahnhof Holešovice, ein Werk des Bildhauers Stanislav Hanzík und des Architekten Aleš Vašíček, ist auf so zwangsläufige und dezente Weise mit der Architektur verbunden, daß es, voller Menschlichkeit und Realismus, ein Höhepunkt der sozialistischen Kunst der Tschechoslowakei ist (ansonsten ein schwieriges Thema).

Von der Unterführung her betritt man den Quergang gegenüber dem rechts am Garten vorbeiführenden Gang zu den Gleisen. An seiner rechten Seite sind Schalter, Gepäckaufbewahrung und ähnliches, während sich auf der linken Seite mehrere durch Wände separierte Wartebereiche zum Garten öffnen.

PrahaNádražíHolešoviceWartebereiche

Das Tageslicht fällt durch die Scheiben links herein, aber auch das künstliche Licht nimmt seinen Ausgang in Lampengruppen über den Wartebereichen und setzt sich in schmalen Lampensteifen zwischen Lamellen in der Decke fort, die den Sonnenstrahlen auf dem Boden entsprechen.

Der Garten ist das Herz des Bahnhofs Holešovice. Er ist nicht sehr groß, man kann ihn nicht betreten, aber er fügt alles erst zu einem Ganzen zusammen. Nichts erwartet man in einem Bahnhof weniger als einen Garten, aber wenn man diesen erlebt hat, fragt man sich, wieso nicht jeder einen hat. Der Garten schafft inmitten des Bahnhofs, der zwangsläufig ein Ort der Bewegung, des Trubels, ja, der Hektik ist, einen Ort der Ruhe und Entspannung. Nicht zufällig vielleicht hat der Garten durch verschiedene meist immergrüne Sträuche, wenige Bäume, Steine auf einer Wiese und einem Betonpodest eine gewisse fernöstliche Anmutung – tschechoslowakisches Zen. Auf wiederum andere Art erlebt man ihn, wenn man auf der Terrasse des Bahnhofsrestaurants, das vor dem Bürobau ist, sitzt. Hier trennt einen keine Scheibe mehr von seinem Grün, man ist fast mittendrin, über einem winden sich Schlingpflanzen um Betonlamellen. Der Bahnhof ist nah und fern zugleich, es ist eine Idylle. Kein besserer Ort für eine letzte Mahlzeit vor einer längeren Zugfahrt.

Etwas schmaler führt der Gang weiter zu den Bahnsteigen. An einer Wand ist noch eine abstrakte Form im Stein, die eine Blume oder ein Vogel sein könnte, tschechoslowakische Kunst von ihrer schlechteren Seite.

PrahaNádražíHolešoviceAbstrakt

Die Bahnsteige haben schlichte Dächer und verraten, wie so oft bei tschechoslowakischen Bahnhöfen, noch nichts vom Bahnhof selbst.

PrahaNádražíHolešoviceBahnsteige

Das ist der Bahnhof Holešovice, ein Korridor, ein Innenraum, aber mit seinem Garten schafft er sich selbst ein Äußeres, eine idealisierte, völlig menschliche Natur, die er sanft umschließt. Es ist auch keineswegs so, daß er sich der umliegenden Stadt verschließt, die Öffnungen des Quergangs zeigen es klar, bloß ist da eben nicht viel. Gut möglich, daß es Planungen gab, anschließend an den Bahnhof ein neues Zentrum für den Stadtteil Holešovice zu schaffen. Dazu reichte die Zeit nicht. So steht der Bahnhof Holešovice allein als ein spätes Beispiel der Großartigkeit tschechoslowakischer Bahnhofsarchitektur.

Advertisements

2 Gedanken zu „Tschechoslowakische Bahnhöfe: Praha-Holešovice

  1. Pingback: Tschechoslowakische Bahnhöfe: Poprad-Tatry | In alten und neuen Städten

  2. Pingback: Autohaus Altenburg | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.