Über Blockrandbebauung 

Blockrandbebauung ist die effektivste Ausnutzung von Flächen unter den Bedingungen des Privatbesitzes an Grund und Boden, also im Kapitalismus. In der klassischen Ausprägung, der in Deutschland die fälschlich so genannten Gründerzeithäuser des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu verdanken sind, bedeutet das: an der Straße die beliebigen mehr oder weniger repräsentativen Fassaden und im Blockinneren ein unzusammenhängendes Gewirr von Hinterhöfen, Hinterhäusern, Werkstätten, Kleinindustrie. Der öffentliche Raum bleibt auf die Straßen beschränkt, die aber gleichzeitig dem Verkehr von Fuhrwerken und Autos dienen. Dazu kommen Plätze und Parks, mehr in bürgerlichen, weniger in proletarischen Vierteln.

Illustration von Ruth und Rudolf Peschel aus Piltz, Georg: Streifzug durch die deutsche Baukunst, Berlin 1972

Das Problem daran war, daß das für die weitaus meisten ihrer proletarischen Bewohner ein Leben ohne Licht, mit schlechter Luft und in verheerenden hygienischen Bedingungen bedeutete. Dieses Problem besteht jedenfalls in Deutschland nicht mehr. Die verschmutzende Industrie ist aus den Hinterhöfen verschwunden, die meisten Wohnungen wurden mit enormem Aufwand saniert und das fehlende Licht ist nunmehr weitgehend eine Lifestylefrage. Doch das bleibende Problem an Blockrandbebauung, die zu bauen auch nie aufgehört wurde, ist, daß sie eine unnötige Einschränkung und Verengung des öffentlichen Raums in der Stadt darstellt.

In einer offenen Stadtstruktur sind all die Hierarchien zwischen Blockinnerem, Straßen und Plätzen abgeschafft. Der öffentliche Raum ist grundsätzlich überall. Die Gebäude stehen frei innerhalb von parkartigen Grünflächen, es gibt in fußläufiger Entfernung Zentren des gesellschaftlichen Lebens und der Versorgung mit allem Notwendigen, Fußgänger- und Autoverkehr sind so weit wie möglich getrennt, die Industrie ist abseits der Wohnbebauung konzentriert. Eine solche Stadt, die allen gehört, paßt zu einer Gesellschaft, in der es keinen Privatbesitz an Grund und Boden mehr gibt: dem Sozialismus.

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