Das architektonische Kleinod

Grundsätzlich gilt, daß das Einzelgebäude nichts und der von mehreren Gebäuden gebildete städtische Raum alles ist. Städtischer Raum ist immer mehr als die Summe seiner Einzelteile. Der wichtigste Aspekt an einem Gebäude ist das Gebäude neben ihm. Entsprechend ist auch das gelungenste Einzelgebäude letztlich wertlos, wenn der städtische Raum, zu dem es gehört, nicht auch gelungen ist, während andererseits großartiger städtischer Raum auch aus Gebäuden, die für sich genommen uninteressant wären, bestehen kann.

Letztlich wertlos, das muß betont werden, denn es gibt eben doch Gebäude, die Teil eines schlechten städtischen Raums sind und ihn auch nicht im geringsten verbessern, aber trotzdem etwas haben, was sie bemerkenswert und wertvoll macht, vielleicht bloß eine überraschende Fassadenlösung: das sind die architektonischen Kleinodien. Man könnte sie definieren als Gebäude in schlechter Umgebung, die eine bessere verdient hätten. Obwohl das alte Wort Kleinod bloß Schmuckstück bedeutet, sind es nicht zufällig oft zierlichere, kleine Gebäude, die zu den Kleinodien zählen; Auftrumpfendes und Monumentales ist meist ein Zeichen schlechter Architektur.

Im Kapitalismus ist das Kleinod zum Grundprinzip der Architektur erhoben, da Zusammenhängendes, Umfassendes in einer auf dem Gegensatz von Privatinteressen basierenden Gesellschaftsordnung nur äußerst schwer und selten zu schaffen ist. Es entspricht auch dem kleinbürgerlichen Individualismus, den der Kapitalismus fördert. Seine Architekturtheorien reduzieren daher Architektur zu Kunst, während sie gleichzeitig auf der Zweckfreiheit von Kunst beharren. So sieht die bürgerliche Architekturgeschichte Le Corbusier bloß als Künstler, der Kleinodien, je nach Geschmack die Villa Savoye oder die Kirche von Ronchamp schuf, während sie seine gerade nicht vom Einzelgebäude, sondern vom Stadtganzen ausgehenden städtebaulichen Überlegungen ignoriert. Die Architektur des Sozialismus und alle fortschrittliche Architektur hingegen bemüht sich, Kleinodien früherer Zeiten in neuen städtischen Räumen aufzuheben, den Schmuckstücken eine gebührende Fassung zu geben gleichsam.

Als Beispiel für ein Kleinod sei hier das Kino „L’Aiglon“ in Reinickendorf in Westberlin genannt.

L'AiglonEcke

Es ist ein kleiner Bau mit einer Fassade in Wellenform, die von der linken Seite ausgehend eine einzige Glasfläche ist, um die sich der Teil unter dem flachen Dach und ein vertikaler Streifen ganz rechts wie ein Rahmen legen. Um das leicht vorgesetzte Erdgeschoß, das völlig verglast ist, legt sich ausgehend von einer Wand links ein dünnes überstehendes Vordach seinerseits als Rahmen. Auf ihm steht in gelber Leuchtschrift der Name. Nach rechts setzt das Vordach als verglaster Laubengang die Wellenform des Kinos fort, um dann an ein querstehendes viergeschossiges Wohngebäude anzuschließen, dessen nüchtern rechteckiger Grundriß die Bewegung gleichsam stoppt.  Dazwischen ist ein kleiner Garten angeordnet.

L'AiglonVordach

Alles an diesem kleinen Ensemble ist von einer zurückhaltenden, unendlich eleganten Schönheit. Aber es ist nicht Teil irgendeines städtischen Raums, da es allein an einer vielspurigen Straße, dem Kurt-Schumacher-Damm liegt, der noch dazu auf der einen Seite von der Mauer einer früheren französischen Kaserne und auf der anderen vom undurchsichtigen Zaun des Flughafens Tegel umgeben ist. „L’Aiglon“ liegt darin wie eine Perle in einer Auster. Sogar der Name paßt: wörtlich übersetzt „der kleine Adler“ oder „das Adlerchen“ war er der, nun ja, Ehrenname des Sohns von Napoleon I., der bei seiner Geburt König von Rom und später Herzog von Reichstadt wurde. So wie dieser nie irgendeine politische Bedeutung hatte, hat auch das nach ihm benannte Kino keinerlei Bedeutung für das Stadtbild von Westberlin. In beiden Fällen mag man das bedauern, aber so ist eben das Schicksal der Söhne entthronter Herrscher und architektonischer Kleinodien.

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