Schoorldammerbrug

Karel Teige schreibt in seinem Text „Konstruktivismus a likvidace ‚umění‘“ (Der Konstruktivismus und die Liquidierung der ‚Kunst‘) von 1925, daß Schönheit bloß das Ergebnis vollendeter Funktionalität sei. Wenn eine Maschine auf uns also nicht schön wirke, dann funktioniere sie eben noch nicht gut genug. Ich bin von diesem Zusammenhang nicht völlig überzeugt, aber es gibt für mich doch wenig Befriedigenderes, als eine Maschine zu sehen, die perfekt funktioniert und dabei schön ist.

Typische niederländische Ziehbrücken sind solche Maschinen. Als recht beliebig gewähltes Beispiel hier die 1975 errichtete Schoorldammerbrug (Schoorldammer Brücke) in Schoorldam am Noordhollandsch Kanaal (Nordholländischen Kanal).

SchoorldammerbrugGesamt

Sie existiert nur, um eine Funktion zu erfüllen: Autos die Überfahrt auf der Straße und Booten die Durchfahrt auf dem Wasser zu ermöglichen. Dazu hat sie beidseits der Straßen einen hohen Stahlpfeiler, auf dem mittig ein Stahlbalken in einer Art Pinzettenform ruht, dessen offener und dickerer Teil zum Land zeigt, während am geschlossenen Teil eine dünne runde Strebe leicht schräg mit der anderen Seite der Brückenfläche verbunden ist. Die meiste Zeit sieht man diese Brücke, diese Maschine, nur so, im Stillstand. Ein T aus Stahl, eine Vertikale und eine Horizontale, weniger deutlich die zweite Vertikale.

Wie perfekt diese Maschine ihre Funktion erfüllt, erlebt man, wenn ein Boot durchfährt.

SchoorldammerbrugBoot

Kaum eine halbe Minute und die Brücke hat sich geöffnet. Die Pfeiler, die Balken, die Streben, die Brückenfläche bilden nun fast eine hoch aufragende Linie.

SchoorldammerbrugOffen

Etwas stetige Bewegung nur, weder schnell noch langsam, um aus den ausgewogenen Vertikalen und Horizontalen eine einzige Vertikale zu machen, die aber nicht weniger ausgewogen wirkt. Eine weitere halbe Minute, nachdem die Boote durch sind, und die Brücke ist wieder geschlossen. Wieder steht sie so bewegungslos wie zuvor. Die Kraft, die ihre Funktion erfordert, ist ihr nicht anzusehen, nicht einmal im Moment des Kraftaufwands. Falls eine Ziehbrücke noch besser funktionieren könnte als diese, kann man es sich nicht vorstellen. Denn sie ist schön. Eine einfache Form in der flachen Landschaft. Und ihre Schönheit ist einzig Nebeneffekt ihrer Funktion.

Angesichts der Schoorldammerbrug würde ich Teige zu gerne recht geben. Sie fordert dazu auf. Und zur Brücke, der einen Maschine, kommt noch ein kleines Gebäude, eine zweite Maschine.

SchoorldammerbrugGebäude

Es steht auf der den Pfeilern gegenüberliegenden Seite, neben der zu öffnenden Brückenfläche. Nur ein abgerundeter Sockel mit brauner Kachelverkleidung und Glastür, eine größere Terrasse aus Beton mit Stahlgeländern, zu der rechts eine stählerne Wendeltreppe führt, und ein rundum verglaster Raum, dessen Wände nach außen und oben schräg ansteigen. Das ist der Kontrollraum der Brücke und er wirkt so perfekt funktional und schön wie sie. Anders als sie hat er seine Funktion jedoch verloren, seit sie ferngesteuert wird. Er steht leer, Hülle, perfekt, schön, aber nutzlos, er wurde, könnte man sagen, zum abstrakten Kunstwerk. Das ist vielleicht das traurigste Schicksal für ein Gebäude, das für die Funktion existiert. Doch es bleibt die Brücke und mir etwas mehr Glaube an Teige.

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