Erkundungen auf Friedhöfen: Jüdischer Friedhof Poprad

Ob der jüdische Friedhof von Poprad, der wichtigsten Stadt am Fuße der slowakischen Tatra, versteckt liegt, ist eine Frage der Perspektive. Von der Stadt weist kein Schild zu ihm und sie gibt einem auch sonst keinen Grund, ihn hinter den vorstädtischen Einfamilienhäusern der Straße Okružná zu vermuten.

JüdischerFriedhofPopradOben

Von der Bahnstrecke aber, immerhin der wichtigsten der Slowakei, sieht man ihn gut. Ihr und einem winzigen Trampelpfad wendet er sein zierliches Eingangsgebäude zu. Weißer Putz, vier schlichte Pilaster, ein sehr flacher Dreiecksgiebel mit einer stilisierten aufgehenden Sonne oder Blume, links und rechts runde Fenster mit Davidstern, in einem Bogen über dem Eingang eine hebräische Inschrift.

JüdischerFriedhofPopradEingang

Man könnte das Gebäude für ein Kleinod des Barock halten, wenn nicht innen zu lesen wäre, daß es 1929 „neu erbaut“ wurde.

JüdischerFriedhofPopradTafel

So ist es eine Art äußerst verspäteter Barock, der die Exzesse des Historismus hinter sich gelassen hat, ohne sich ganz vom Alten zu befreien.

Der Friedhof ist so klein und einfach, wie es das Gebäude erwarten läßt. Die Gräber erstrecken sich beidseits eines Wegs, links Männer, rechts Frauen.

JüdischerFriedhofPopradGesamt

Die Grabsteine schlicht, nur selten Motive, im oberen Teil längere hebräische Inschriften, unten im Sockel meist zusätzliche auf Ungarisch oder Deutsch.

JüdischerFriedhofPopradGräberElefantGoldhammer

Gut erhalten ist der Friedhof nicht, wenn auch durchaus Erhaltungsmaßnahmen zu erkennen sind. Viele Steine sind umgefallen oder zerbrochen, die Bäume wurden vermutlich nicht gepflanzt, sondern wuchsen von selbst. Von der jüdischen Gemeinde Poprads ließen die Deutschen nichts übrig. Auch vorher war sie nicht groß, aber auch nicht ganz klein (1942 laut den Daten der faschistischen slowakischen Regierung immerhin noch zwölf Prozent der Bevölkerung).

Daß die jüdische Gemeinde ihrem Friedhof einen repräsentativen Eingang geben wollte, der aber bloß zum Bahndamm zeigen konnte, hat etwas fast Rührendes. Es wirft die Frage auf, ob es anders möglich gewesen wäre. Wenn die Juden von Poprad im Jahre 1929 oder etwas später einen der besten fortschrittlichen Architekten der Tschechoslowakei, etwa Otto Eisler, beauftragt hätten, wäre vielleicht statt eines verspäteten, aber immerhin unaufdringlichen Gebäudes ein großartiges entstanden, das neben der Synagoge in Brno in den Architekturgeschichtsbüchern stehen müßte.

SynagogeBrno

Die Synagoge Agudas achim in Brno

Für mindestens einen der in Poprad Begrabenen ist die Lage des Friedhofs an der Bahnstrecke sogar passend: Móricz Rechnitz war „Ks-od. vasuti főmérnök“, Oberingenieur der Kassa-Oderbergi Vasút oder Kaschau-Oderberger Bahn.

JüdischerFriedhofPopradGrabRechnitzMóricz

Diese Bahnstrecke war es, die direkt vor dem jüdischen Friedhof verlief und das Eingangsgebäude könnte für Oberingenieur Rechnitz wie einer der Bahnhöfe, mit denen er durch seine Arbeit zu tun hatte, sein. Bloß ob er sich auf seiner Bahn noch zurechtfinden würde, ist fraglich, da sie nicht mehr so heißt wie früher, Kassa/Kaschau zu Košice, Oderberg zu Bohumín (mit stilvoll verändertem Bahnhof) wurde und sich um sein Grab auch sonst alles, was sich verändern konnte, verändert hat.

Vom Friedhof bleibt ein kurzer Blick aus dem vorbeifahrenden Zug.

JüdischerFriedhofPopradEingangBahnstrecke

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