Tschechoslowakische Bahnhöfe: Dlouhá Třebová

Vielleicht ist es übertrieben, hier von einem Bahnhof zu reden. In Dlouhá Třebová halten schließlich nur zwei Züge pro Stunde. Doch diese kleine Haltestelle hat ein Gebäude, das den Namen Bahnhof allemal verdient – und sogar ein wenig mit Los Angeles zu tun hat.

NádražíČeskáTřebováGleise

Schon von einem der vielen, vielen Züge, die nur achtlos auf dem wichtigsten tschechischen Zugkorridor, der Strecke zwischen Prag und Brno beziehungsweise Ostrava, vorbeibrausen, kann man das Bahnhofsgebäude erahnen. Parallel zu den Gleisen, aber deutlich zurückgesetzt, ein Vordach, das zwischen П-förmigen stählernen Stützen aufgehängt ist.

NádražíČeskáTřebováVordach

Dahinter ein kleines grau gestrichenes Gebäude, dem rechts der verglaste Betriebsraum leicht vorgesetzt ist. Links ist der Eingang. Durch einen Gang, von dem links die Toiletten und eine Treppe nach unten abgehen, gelangt man in den Warteraum, der zu drei Seiten durchgängig verglast ist. Hier sind der Schalter und die Gepäckaufbewahrung und einige Stühle und Tische, die zum Aufenthalt einladen.

NádražíČeskáTřebováWarteraumGesamt

Aber vor allem ist ein Großteil der Fläche mit teils beeindruckend großen Palmen und anderen exotischen Pflanzen zugestellt.

NádražíČeskáTřebováWarteraumPflanze

Unvermittelt ist man von der ostböhmischen Provinz in einen Dschungel getreten. Aber das paßt gut, denn auch ein Gebäude wie dieses könnte man ganz woanders vermuten.

NádražíČeskáTřebováGesamtSchräg

Von unten, wo das Gelände vom Bahndamm her ins Tal abfällt, zeigt der Bahnhof, was von den Gleisen und von innen nur zu erahnen war: der gesamte Warteraum, Glasflächen zwischen den schmalen Streifen von Dach und Boden, ragt weit über ein Sockelgeschoß hinaus, der Dschungel schwebt wie losgelöst über der umgebenden Landschaft. Doch rechts des Gebäudes schafft eine Treppe mit Betongeländern eine weitere Verbindung zum Bahnsteig.

NádražíČeskáTřebováGesamtFrontal

Und an der Wand des Sockels unter dem Warteraum, wo sie nie jemand beachten wird, leistet sich der Bahnhof eine kleine Verspieltheit: vertikale Glasbausteine sind zu einem Muster angeordnet.

NádražíČeskáTřebováMuster

In Dlouhá Třebová kann man erleben, daß ein tschechoslowakischer Bahnhof nicht groß sein muß, um Größe zu besitzen. Es genügt ein kleines Gebäude von größter und raffiniertester Einfachheit. Es genügt ein Gespür für den Ort und die Schönheit des Funktionalen. Es genügt, kurz gesagt, wahrhaft fortschrittliche Architektur.

Dieser kleine Bahnhof hat zudem ein offenkundiges Vorbild: Case Study House #22. Jeder kennt Julius Schulmans Photo des verglasten am Hang schwebenden Wohnzimmers, von dem elegante Partygäste auf das Lichtermeer von Los Angeles blicken. Etwas Vergleichbares gibt es hier nicht, nicht einmal von Dlouhá Třebová kann man viel sehen und viel gäbe es dort auch nicht zu sehen.

NádražíČeskáTřebováSchwebend

Also könnte man sagen wollen, daß solche Architektur hier verschwendet sei. Aber ist nicht die Villa für reiche Leute, die man immer bloß auf Bildern sehen wird, eine viel größere Verschwendung als dieser Bahnhof mit seinem Warteraum, der wenigstens manchmal einigen Reisenden Schutz vor dem Wetter bietet? Ist nicht der öffentlich zugängliche Dschungel, dessen Pflanzen ein Eisenbahner liebevoll gezüchtet hat und pflegt, wertvoller als was auch immer in der Privatheit von Case Study House #22 verborgen sein mag?

NádražíČeskáTřebováWarteraumAussicht

Und Los Angeles hat viel; Dlouhá Třebová hat zumindest einen Bahnhof.

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2 Gedanken zu „Tschechoslowakische Bahnhöfe: Dlouhá Třebová

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