Aufheben

Kein zweiter marxistischer Begriff ist für die Betrachtung von Architektur so wichtig wie der des Aufhebens. Wie wundervoll vielschichtig das Verb aufheben auch ist! Etwas aufheben, das kann heißen, daß man etwas außer Kraft setzt, oder, daß man etwas bewahrt, oder aber, daß man etwas emporhebt.

Was für die Architektur heißt, können die schönen Worte, die Georg Piltz über Unter den Linden in Berlin schrieb, zeigen: „Die Progressivität des märkischen Klassizismus Knobeldorffscher und Schinkelscher Prägung steht außer jedem Zweifel. Es war nicht die Schuld der Architekten, daß die Bourgeoisie nicht hielt, was das Opernhaus und das Alte Museum versprachen. Erst heute, nach der Beseitigung der Klassenherrschaft, erfüllen die Bauten jene soziale und geistige Aufgabe, welche sie nach dem Willen ihrer Schöpfer von Anfang an erfüllen sollten.“ Die Straße Unter den Linden wurde aufgehoben. Ihre Funktion als Prachtstraße der preußischen Monarchie wurde außer Kraft gesetzt, ihre wertvollen Gebäude wurden bewahrt und sie wurde als Teil des neuen Zentrums der Hauptstadt der DDR emporgehoben zu dem, was sie immer hätte sein sollen.

Noch leichter vielleicht läßt sich an der Marienkirche beim Fernsehturm zeigen, was architektonisches Aufheben bedeutet.

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute - Hauptstadt der DDR, Berlin 1977

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute – Hauptstadt der DDR, Berlin 1977

Dieser alte backsteingotische Bau wurde in seiner Geschichte mindestens zweimal aufgehoben. Einmal im späten 18. Jahrhundert, als er eine neue Haube bekam. Sie hat gotische Formen, die aber in Kupfer gegossen sind, wie es in der Gotik undenkbar gewesen wäre, und ist damit ein eigentümliches und seltenes Beispiel einer klassizistisch gedachten Neuinterpretation der Gotik, unendlich fern von der schematischen Neogotik des späteren 19. Jahrhunderts, die in Berlin und überall so viele häßliche Kirchenklötze zu verantworten hat. Durch diese Haube wurde die Kirche aus dem Mittelalter emporgehoben.

Doch erst der Sozialismus hatte die Kraft, sie so ganz und in jedem Sinne aufzuheben. Die protzigen historistischen Bürohäuser, mit denen sie der Kapitalismus umzingelt hatte,

Aus Volk, Waltraud: Historische Straßen und Plätze heute - Berlin, Hauptstadt der DDR, Berlin 1980

Aus Volk, Waltraud: Historische Straßen und Plätze heute – Berlin, Hauptstadt der DDR, Berlin 1980

wurden, soweit sie nicht im Krieg zerstört worden waren, weggerissen und sie bekam, zum vielleicht ersten Mal in ihrer Geschichte, die Möglichkeit, nach allen Seiten auf ihre Umgebung zu wirken. Ihre alte einschüchternde gotische Vertikalität wurde damit aufgehoben, sie wurde als Gebäude aufgehoben und sie wurde aufgehoben zu einem gleichberechtigten Teil eines neuartigen städtischen Raums.

Aus Kiesling, Gerhad/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus Kiesling, Gerhad/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Man könnte meinen, daß sie in diesen Raum nicht passe, da sie so schräg zu allem anderen steht. Aber gerade durch ihre in keine Symmetrie passende Lage bringt sie dem Raum eine wichtige Auflockerung, die bei ihrem Fehlen ein anderes Gebäude hätte bringen müssen. Außerdem nehmen die weißen Betonspitzen des Unterbaus des Fernsehturms sehr wohl einen klaren Bezug auf die Kirche, so daß sie von ihrer neuen Umgebung keineswegs ignoriert ist.

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute, Berlin 1988

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute, Berlin 1988

In den interessantesten Dialog aber tritt der Turm der Marienkirche mit dem Fernsehturm selbst. Wenn man an der Ecke Spandauer/Karl-Liebknecht-Straße steht, wie das alle von Unter den Linden zum Alexanderplatz gehenden Besucher Berlins unweigerlich mal tun, sieht man die beiden Türme direkt nebeneinander. Der backsteinerne Kirchturm mit der klassizistischen Haube und der schlanke Betonschaft und die silberne Kugel des Fernsehturms, der Kontrast ist enorm, aber sie passen doch zusammen. Man spürt das auch ganz instinktiv und so ist eine beliebte Perspektive für Photos die, in der der Fernsehturm den Turm der Marienkirche fortzusetzen scheint (wobei solche Photos in Publikationen aus der DDR erstaunlich selten vorkommen, vielleicht wegen des Kreuzes auf der Turmhaube).

Aus Prang, Hans/Kleinschmidt, Horst Günter: Durch Berlin zu Fuß, Berlin/Leipzig 1984

Aus Prang, Hans/Kleinschmidt, Horst Günter: Durch Berlin zu Fuß, Berlin/Leipzig 1984

Nur wenige Bilder zeigen so prägnant, was das neue Zentrum Berlins und fortschrittliche Architektur allgemein auszeichnet. Damit hilft dieses eine Bild auch schon sehr, das Wort Aufhebung  zu erklären.

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