Malmöer Wohngebiete: Rosengård

Rosengård ist anders. Der Unterschied zu den anderen Wohngebieten in Malmö ist jedoch kein architektonischer oder städtebaulicher. Im Südosten der Stadt gelegen, ist es ihr mit Abstand größtes Wohngebiet. Es setzt es sich zusammen aus verschiedenen Teilen von der Größe anderer Wohngebiete, die durch tiefergeführte Erschließungsstraßen getrennt und durch ein Netz von Fußgängerbrücken verbunden sind.

BrückenRosengårdMalmö

Ganz wie Rosengård, übersetzt Rosenhof, tragen auch die Teilgebiete wohlklingende Namen. Am Rande sind Schulen und Sportanlagen, in der Mitte ist das Centrum. Dieses Rosengård Centrum ist über die hier zur Stadtautobahn gewordene Amiralsgatan (Admiralsstraße), die von der Innenstadt hineinführt, gebaut.

RosengårdCentrumMalmö

Die Bebauung in den einzelnen Teilen von Rosengård ähnelt der in anderen Wohngebieten wie Kulladal: dreigeschossige offene Hofanlagen im langweiligen Kontrast zu aufgereihten höheren Gebäuden mit etwa acht bis zehn Geschossen, immer alles in rechten Winkeln zueinander, leichte Variationen in den Fassaden, die teils späteren Veränderungen geschuldet sind. Keine Punkthochhäuser, da es die nur in Högaholm gibt. Einzig der Teil ganz im Osten, Kryddgården (Kräuterhof), durchbricht dieses Schema deutlich.

KryddgårdenInreRingvägenRosengårdMalmö

Hier erstrecken sich zwei sehr lange Neungeschosser entlang der Stadtautobahn Inre Ringvägen (Innerer Ringweg). Schräg dazu stehen einige Sechsgeschosser um einen offenen Bereich, in dem die obligatorischen Dreigeschosser kaum auffallen.

KryddgårdenWieseRosengårdMalmö

Bei den langen Gebäuden sieht man noch die vom Grau der Großplatten und den Fensteröffnungen bestimmte Autobahnseite, die aus Balkonen bestehende Wohngebietsseite und die höhergeführten Aufzugstrakte, während die niedrigeren Gebäude auf teils bizarre Weisen verändert sind.

KryddgårdenNiedrigRosengårdMalmö

Auffällig ist die enorm aufwendige künstlerische Gestaltung der langen Gebäude. Neben jedem Eingang sind Nischen, manchmal mit Bänken, manchmal mit Fahrradständern, und rahmenartige Betonwände, in denen abstrakte Skulpturen, teils aus Holz, teils aus Metall, hängen.

KryddgårdenEingangRosengårdMalmö

Ansonsten ist Rosengård ein typisches Wohngebiet mit Stärken und Schwächen. Die Trennung zwischen Auto- und Fußgängerverkehr  funktioniert wie in Kroksbäck sehr gut, die Benutzung der vielen Brücken ist nicht nur unabdingbar, sondern auch intuitiv. Die Verbindung zur übrigen Stadt ist nicht schlecht, obwohl die Lage jenseits einer Bahnlinie und eines Industriegebiets ebensowenig wie die Abhängigkeit vom Bus- oder Autoverkehr ideal ist. Daß es seit kurzem besonders lange Busse, die tun, als seien sie Straßenbahnen, gibt, ist sicher sinnvoll, aber besser wäre eine echte Straßenbahn. Größter Schwachpunkt ist das Zentrum, wie Zentrumsbildung in Malmöer Wohngebieten, trotz positiven Ausnahmen wie Nydala, selten gelungen, oft sogar kaum vorhanden ist.

VerwaltungshochhausRosengårdMalmö

Die Lage über der Autobahn ist gut, das nahe Verwaltungshochhaus kann man bei gutem Willen als Höhendominante sehen und es ist ja auch alles vorhanden, ein großer Supermarkt, eine Passage mit kleinen Geschäften, Sporthalle, Bibliothek, ein Versammlungssaal namens Tegelhuset (Ziegelhaus), der früher eine Kirche war. Aber dort, wo der entscheidende öffentliche Raum, ein Platz, sein sollte, sind Parkplätze und es gibt eine so unschöne wie unzugängliche Rückseite mit Anlieferungsbereichen.

RosengårdCentrumNahMalmö

Für ein Wohngebiet dieser Größe ist Rosengård Centrum einfach nicht groß und allseitig zugänglich genug, es schafft es nicht, ein wirkliches Zentrum, wie etwa das Frankfurter Nordwestzentrum, zu sein.

Doch was Rosengård anders macht, sind seine Einwohner. Sie sind, wie einem desto bewußter wird je weiter man hineinkommt, fast ausnahmslos migrantischer Herkunft, meist aus arabischen Ländern, Somalia oder Bosnien. Beinahe ist es, als habe man Schweden und Malmö verlassen und eine arabisch-afrikanisch-balkanisch bewohnte Stadt, die überall sein könnte, betreten. Sogar die typischen schwedischen Supermärkte fehlen, statt ICA, Coop, Willy’s, Hemköp oder wenigstens Lidl gibt es in Rosengård Centrum einen City Gross. Und in der Einkaufspassage finden sich Call Shops, Cafés, ein Halal-Supermarkt statt der üblichen Ketten.

Von der Gefährlichkeit und Kriminalität, für die Rosengård schwedenweit bekannt ist, würde man nichts merken, wie überhaupt die wenigsten angeblich gefährlichen Viertel in Europa an einem normalen Tag irgendetwas anderes als normal sind. Höchstens Kleinigkeiten könnten darauf hindeuten. Die sonst offenen Räume zwischen den Gebäuden sind teilweise abgesperrt mit Zäunen, auf denen schwedisch dezenter Stacheldraht ist, und zu betreten durch Tore mit Codeschlössern, was sofort an die bedrückende Atmosphäre eines Gefangenenlagers denken läßt. Eines der neusten Gebäude ist das der Polizei und tut das, anders als in der Innenstadt, auch mit einem großen Schild kund.

PolizeiRosengårdMalmö

Doch man erlebt die schiere Segregation von Rosengård, den schieren Kontrast zwischen der Einwohnerstruktur hier und der in Wohngebieten im Westen. Sie straft all das Gerede von einer ach so vorbildlichen schwedischen Sozialstaatlichkeit, die es nachzuahmen gelte, die ja eigentlich schon Sozialismus sei, Lügen. Dieses Schweden gehört in die Traumwelt von Sozialdemokraten, die nichts über das wirkliche Schweden wissen oder wissen wollen. Rosengård zeigt, daß Schweden nicht anders ist als andere Staaten Westeuropas. Eher ist die Segregation hier noch absoluter als in vergleichbaren Gegenden in anderen Ländern. Vielleicht erklärt sich das auch dadurch, daß es in Rosengård, fast unnötig zu sagen, keine Kneipen und keine Filialen des staatlichen Alkoholmonopolisten Systembolaget gibt, was bedeutet, daß man im ganzen Wohngebiet keinen Alkohol kaufen kann. Das indigene Subproletariat, das sich in anderen Ländern die ärmsten Viertel mit den Migranten teilt, findet in Rosengård einfach nicht mehr, was es vernünftigerweise zum Überleben braucht. So unterstützt der postchristlich-sozialdemokratische Puritanismus Schwedens den islamischen Puritanismus der Migranten und auch für Muslime aus säkularen Staaten wie Jugoslawien entsteht eine zwangsläufig schariakonforme Umgebung. Im Ergebnis hat Schweden hier seine sozialen Gegensätze völlig ethnisiert und kann sie nun als kulturelle Unterschiede, die die einen gut, die anderen schlecht finden, erklären.

Rosengård ist das Ende aller Illusionen. Ein buntes multikulturelles  Beisammenleben kann man sich vielleicht in den Mietskasernengegenden um den Möllevångstorget (Möllevångplatz), wo neben Migranten auch schwedische Hipster wohnen, imaginieren, nicht jedoch in Rosengård. Doch die, die sich so was imaginieren möchten, die gutmeinenden Liberalen, zu denen die Linken verkommen sind, die Leute, die meinen Kontakt mit den Migranten zu haben, wenn sie in exotischen Restaurants essen, sie kommen sicher nicht nach Rosengård.

Es ist allerdings unbedingt zu betonen, daß Rosengård zwar segregiert, nicht aber heruntergekommen ist. Schwedischer Reichtum, schwedische Ordentlichkeit sind überall zu spüren. Die Grünanlagen sind gepflegt, Graffiti gibt es keines. Zur Ergänzung des unzureichenden Zentrums wurde vor kurzem eine Ladenzeile mit aufgeschwungenen Betondächern, die passenderweise Bennets Bazaar heißt, gebaut.

BennetsBazaarRosengårdMalmö

Und vielerorts finden sich die Spuren von allerlei Motivationskampagnen. Eine etwa erklärt Rosengård zum Herzen von Malmö, weil es auf der Karte bei gutem Willen wie eines aussieht, wohlgemerkt wie das Organ, nicht wie das Symbol.

HerzRosengårdMalmö

Auch der Stolz Rosengårds, Malmös, ganz Schwedens, der Fußballspieler Zlatan Ibrahimović, der hier aufwuchs, ist vertreten. Über einer Unterführung, die einen innenstadtseitigen Eingang nach Rosengård bildet, liest man:

ZlatanRosengårdMalmö

„Man kann ta en kille från Rosengård, men man kan inte ta Rosengård från en kille Citat Zlatan” (Man kann einen jungen Kerl aus Rosengård herausnehmen, aber man Rosengård nicht aus ihm herausnehmen). Zum einen sind andere philosophische Auslassungen von Ibrahimović tiefgründiger, zum anderen zeigt der Bezug auf ihn die Absurdität solcher positiver role models.

Zlatan hat es geschafft, du kannst es auch schaffen! Aber wie der kluge amerikanische Basketballspieler Charles Barkley sagte: „And what they’re really doing is telling kids to look up to someone they can’t become. […] Kids can’t be like Michael Jordan.“ (Und in Wirklichkeit wird den Jugendlichen erzählt, zu jemandem aufzuschauen, der sie nicht werden können. […] Jugendliche können nicht wie Michael Jordan sein.) Wie vielen bosnische Jungen können schon Fußballstars werden? Angesichts der Realität wirkt das wie ein Hohn. Die allermeisten werden Rosengård nie verlassen, weder innerlich noch äußerlich. Das hat viele Gründe, die mit dem Kapitalismus im allgemeinen und den puritanischen Aspekten der schwedischen Gesellschaft im besonderen zu tun haben. Die Architektur ist keiner von ihnen.

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