Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße

Das Wohngebiets Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße liegt im nördlichen Teil des Bezirks Lichtenberg von Berlin, der Hauptstadt der DDR. Obwohl eines der größten, erlangte es nie große Bekanntheit, denn seine Entstehungszeit liegt genau zwischen der Fertigstellung des Stadtzentrums um den Alexanderplatz, Vorzeigeprojekt der Ulbricht-Ära, und dem Baubeginn Marzahns, Vorzeigeprojekt des Wohnungsbauprogramms der Honecker-Ära. Es ist aber das einzige Wohngebiet seiner Größe in Berlin, das wirklich abgeschlossen war, als die DDR endete, weshalb es von ganz besonderem Interesse ist.

Aus Autorenkollektiv: Erich Honecker in Berlin, Berlin 1982

Aus Autorenkollektiv: Erich Honecker in Berlin, Berlin 1982

Anders als Marzahn, das sich bandartig erstreckt, dehnt sich das Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße sternförmig um einen Mittelpunkt aus. Dieser Mittelpunkt ist ein weißes Hochhaus. Es besteht aus zwei versetzten Teilen, der eine 23, der andere 25 Geschosse hoch, im zweigeschossigen Sockel sind Läden, darüber durchgehend Balkone. Vor ihm treffen sich im rechten Winkel die beiden Teile des Anton-Saefkow-Platzes, die in nördlicher und westlicher Richtung verlaufen. Seine Form bekommt der Platz durch ein dreizehngeschossiges Gebäude, das die Innenseite des Winkels einnimmt. Auch hier zwei Sockelgeschosse, das untere mit Läden, Cafés, Restaurants zurückgesetzt, das obere stark verglast mit einer Bibliothek und anderem. Die Südseite des Platzes nehmen ein würfelförmiges Kaufhausgebäude, das „konsument“, mit vier Geschossen und eine flache Kaufhalle ein. Beide, das Kaufhaus völlig, die Kaufhalle ums Dach, sind mit mattbraunen Metallwaben verkleidet. In der Mitte des Platzes, vor Hochhaus und Kaufhaus, steht ein großer Brunnen aus übereinandergeschichteten, aber wie freischwebenden Betonbalken, die seine beiden Teile symbolisch verbinden, aber auch wie eine Quelle des ganzen Wohngebiets sind.

Um diesen Platz mit seinen klaren eckigen Formen legt sich wie ein grünes Kissen von Osten und Süden etwas tiefer der Fennpfuhl-Park. In ihm ist alles bestimmt von den geschwungenen Formen der Wege, Wiesen und des namensgebenden Sees, der Fennpfuhls. Südlich und südöstlich des Platzes sind jenseits der größeren Teile des Sees weite, offene Wiesenbereiche, insbesondere eine leicht abfallende geschwungene Liegewiese an seinem Ufer. Von dort fast noch mehr als vom Platz wirkt das Hochhaus in seiner ganzen klaren, menschlichen Größe. Wie ein Vertreter des Hochhauses am See steht am platzseitigen Ufer das Restaurant „Seeterrassen“, ein weißer Eckbau, der in der Mitte drei Geschosse hat, an die zweigeschossige in Terrassen ansteigende Seitenflügel ausgehen.

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Auf dem Fennpfuhl selbst bietet im Sommer ein Bootsverleih Fahrten an und eine Fontäne spritzt das Wasser in die Höhe.

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Östlich des Platzes, der sich nach hier auch durch den fast transparenten Bau einer Schwimmhalle öffnet, bietet der Park um den kleineren Teil des Sees intimere Bereiche wie etwa einen Rosengarten. In den Park sind zudem zwei ältere Gebäude eingebettet: eine kleine Villa im Süden, die als Kulturzentrum dient, und eine große Schule am östlichen Rand, die so ein wenig von ihrem wilhelminischen Schrecken verliert und durch ihre Uhr sogar einen Nutzen für alle Besucher des Parks bekommt.

PlanWohngebiet

Legende: 1 und 2

Das Wohngebietshauptzentrum am Anton-Saefkow-Platz und den Park, die teils ineinander verschwimmen, teils scharf abgetrennt sind, aber immer eine Einheit bilden, begrenzen die namensgebenden Straßen: die Leninallee im Norden und die Ho-Chi-Minh-Straße im Osten. Beide sind große vier- bis sechsspurige Verkehrsadern, die ganz dem Autoverkehr vorbehalten sind. Die auf der Leninallee vom Stadtzentrum im Westen herkommenden Straßenbahnlinien gabeln sich vor dem Wohngebiet und erschließen es auf kleineren Straßen an seinem nördlichen Rand, auf Oderbruch- und Hohenschönhauser Straße, und südlich des Anton-Saefkow-Platzes, auf der Karl-Lade-Straße. Kurz nach diesem verläßt die Straßenbahn die Straße gar und fährt auf einer alleeartigen Strecke am Rand des Parks entlang, bis sie die Ho-Chi-Minh-Straße kreuzt.

Die eigentlichen, dem Wohnen vorbehaltenen Teile des Wohngebiets schließlich erstrecken sich nördlich der Leninallee, östlich der Ho-Chi-Minh-Straße

PlanLeninallee

Legende: 1 und 2

und westlich und südlich des Wohngebietshauptzentrums.

PlanDuclosStraße

Legende: 1 und 2

Sie bestehen jeweils aus zehngeschossigen Gebäuden, die sich, teils geschwungen, um sehr große Hofbereiche legen, die von einem Netz von Fußwegen durchzogen sind und durch Erschließungsstraßen, vielerlei Grünanlagen mit Spielplätzen und Sportanlagen, Schulen und Kindergärten weiter strukturiert sind. Die einzelnen Teile des Wohngebiets haben vier weitere Wohngebietszentren: eins dort, wo die Straßenbahnlinie die Ho-Chi-Minh-Straße kreuzt und auf der Herzbergstraße weiterführt, ein zweites am Rande des Wohngebiets in der Jacques-Duclos-Straße, wie die südliche Verlängerung der Ho-Chi-Minh-Straße heißt, ein drittes am S-Bahnhof Storkower Straße (vormals Zentralviehhof) ebenfalls im Süden und ein viertes in der Verlängerung des nördlichen Teils des Anton-Saefkow-Platzes jenseits der Leninallee. Sie sind jeweils durch ein 19- und 21-geschossiges Doppelhochhaus markiert. Hinzu kommen noch einige weitere dieser Hochhäuser an wichtigen Stellen in der Nähe des Hauptzentrums, zehngeschossige Punkthäuser, die zwischen dem Ende des Parks und der Kreuzung Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße vermitteln, und je ein 18-geschossiges Hochhaus an der Leninallee ganz am westlichen Beginn des Wohngebiets und bei der nördlichen Verlängerung des Anton-Saefkow-Platzes.

Steigt man am S-Bahnhof Storkower Straße aus, gelangt man auf eine Promenade, einen nur für Fußgänger zu erlebenden Boulevard durchs Wohngebiet. Nach dem Zentrum das mit einer weiteren Schwimmhalle endet, geht man zwischen der zehngeschossigen Bebauung rechts und Schulgebäuden links bis man zwischen einem zweigeschossigen Apothekenbau und der viergeschossigen Poliklinik links, einem würfelförmigen Bau, dessen Fassade ganz aus Fensterbändern und hellblauer Kunststoffverkleidung besteht, auf die Karl-Lade-Straße, wo die Straßenbahn fährt, und, nach einem weiteren der 21-geschossigen Hochhäuser links, auf den Anton-Saefkow-Platz. Dessen Verlauf folgt man wie selbstverständlich und wird so weiter bis zur Leninallee und über diese hinaus in ein weiteres Wohngebietszentrum geführt. Durch einen breiteren, schon parkartigen Grünstreifen geht man weiter bis zur Hohenschönhauser Straße, wo die andere Straßenbahn fährt, und in den Volkspark Prenzlauer Berg, dessen bewaldeten Hand man schon von Weitem sah. So führt durch die sternförmige Struktur des Wohngebiets doch auch eine Radiale, aber sie ist äußerst subtil und nicht wichtiger als irgendeiner der anderen Wege durch das Wohngebiet.

Jedes der Wohngebietszentren besteht aus den gleichen drei Gebäudetypen, die auch anderswo in Berlin vorkommen: einer flachen Kaufhalle, einem zweigeschossigen Dienstleistungsgebäude mit vorgesetzter Treppe und Balkon vor dem Obergeschoß

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin - Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

und einem flachen Gaststättengebäude mit gewellten Betonschalendach.

Aus Pieper, Gerd/Rohatsch, Manfred/Lemme, Fritz: Grossküchen - Planung-Entwurf-Einrichtung, Berlin 1981

Aus Pieper, Gerd/Rohatsch, Manfred/Lemme, Fritz: Grossküchen – Planung-Entwurf-Einrichtung, Berlin 1981

Dennoch gleicht keines dem anderen. Während das Wohngebietszentrum an der Ho-Chi-Minh-Straße beinahe eng und beinahe im Schatten seines Hochhauses ist, ist das an der Leninallee völlig offen und voller Blickbeziehungen zum Anton-Saefkow-Platz und zum Volkspark Prenzlauer Berg. Sein Hochhaus flankiert es bloß beiläufig und alles Platzartige bekommt es durch eine locker von den Zentrumsbauten umspielte und in den Parkstreifen eingebettete gepflasterte Fläche, in deren Mitte der Vogelbrunnen steht.

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin - Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aber der vielfältigen und abwechslungsreichen städtischen Räume, in den Zentren, in den reinen Wohnbereichen und in der Verbindung von beiden und mit Hauptzentrum und Park, gibt es noch zahllose weitere. Wie enorm viel sich aus nur wenigen industriell gefertigten Gebäudetypen machen läßt, das sieht man hier überall.

Der gesamte nordwestliche Teil des Wohngebiets öffnet sich zum Volkspark Prenzlauer Park schon dadurch, daß seine zur Leninallee noch zehngeschossige Bebauung dorthin fünfgeschossig wird. So ist das Wohngebiet gar mit zwei Parks gesegnet, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Ist der Fennpfuhlpark von menschlicher Hand gestaltet, dem Menschen die unterschiedlichsten und abwechslungsreichsten Erlebnisse von Natur und Architektur zu bieten, so ist der Volkspark Prenzlauer Berg, wiewohl sein Hügel aus aufgeschütteten Trümmern des zweiten Weltkriegs entstanden ist, eher waldartig und naturbelassen. Beides ist wertvoll, aber nur der Fennpfuhlpark gehört so ganz zum Wohngebiet. Es ist in seiner Gesamtheit wie eine Fortsetzung dessen, was in seinem Kern, in Anton-Saefkow-Platz und Park, angelegt ist: ein ständiges harmonisches Wechselspiel von Eckigem und Rundem, Hartem und Weichem, Geschlossenem und Offenem, Grünem und Grauem.

Ob seiner sternförmigen, potentiell unendlich erweiterbaren Struktur muß sich das Wohngebiet auch zu den anderen Seiten nicht abgrenzen, sondern will alles gutmütig in sich aufnehmen. Im Westen herrscht Bebauung aus den Zwanzigern vor, südlich der Leninallee geschlossenere, konservative, nördlich offene Zeilen. Im Süden bildet die S-Bahnstrecke die natürliche Grenze, bloß im weiteren Verlauf der Jacques-Duclos-Straße geht es in ältere Teile Lichtenbergs, nicht weit entfernt ist der alte Dorfanger, der Loeperplatz, mit seiner Kirche, den aber fortschrittliche fünfgeschossige Bebauung rahmt. Im Osten schließlich das weite Industriegebiet zwischen Leninallee und Herzbergstraße und nördlich der Leninallee schon bald das nächste Wohngebiet, mit dem es sich in eine, nun doch bandartige, Folge von Wohngebieten einfügt, die vom Alexanderplatz bis fast nach Marzahn reicht (das Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße im Bild in der oberen Hälfte).

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus dem Industriegebiet ragt das große Elektrokohlewerk auf und die AWG (Arbeiterwohngenossenschaft) Elektrokohle Lichtenberg verwaltete denn auch große Teile des Wohngebiets.

Nicht nur größtes abgeschlossenes Wohngebiet der Hauptstadt der DDR, sondern auch ihr wohl schönstes ist dieses an Leninallee und Ho-Chi-Minh-Straße. Das eine hängt vielleicht mit dem anderen zusammen. Erst der Abschluß der Bautätigkeit erlaubte wohl kleine, aber wichtige Details wie die durchgängige Gestaltung von Straßenschildern, Wegweisern und vor allem Stadtplänen aus Emaille.

PlanHoChiMinhStraßeHerzbergstraße

Wie eng die Stadtpläne (Design: Klaus Stützner, Hans Michael Linke und Rolf König) mit ihren Standorten im Wohngebiet verflochten sind, zeigt sich daran, daß ihre isometrischen Darstellungen der Gebäude nicht nach Norden ausgerichtet sind, sondern dem Blickwinkel des vor ihnen stehenden Menschen entsprechen. Den ganzen Stolz und weltstädtischen Anspruch der Hauptstadt der DDR, die im heutigen provinziellen Berlin so völlig aus einer anderen Zeit wirken, kann man daran erkennen, daß die Pläne viersprachig, deutsch, russisch, englisch und französisch, beschriftet waren.

Leicht käme man in die Versuchung, das Wohngebiet vollendet zu nennen. Heimat von fünfzigtausend Menschen, von der Größe einer Mittelstadt also, aber doch mitten in Berlin und fest mit ihm verbunden, hat es auch wirklich fast alles, was man sich von einem Wohngebiet wünschen kann. Im Park wurde gar in den Achtzigern eine kleine Kirche errichtet. Kleine Mängel aber gibt es doch (womit die Kirche nicht gemeint sein soll). Zum einen wirken die beiden großen Verkehrsachsen, trotz einer Unterführung

UnterführungHoChiMinh

an der Ho-Chi-Minh-Straße, oft zu trennend. Insbesondere das Fehlen einer Brücke über die Leninallee vom Anton-Saefkow-Platz zum nördlich gelegenen Wohngebietszentrum, die in frühen Plänen noch vorkam, macht sich schmerzlich bemerkbar. Zum anderen fehlen Kunstwerke, die dem wohldurchdachten Namenskonzept, die großen Straßen nach wichtigen ausländischen Politikern, die kleineren aber nach Mitgliedern der Widerstandsgruppe um Anton Saefkow und Bernhard Bästlein zu benennen, entsprächen. In der DDR gab es durchaus Künstler, die in der Lage gewesen wären, den vietnamesischen Kommunisten Ho Chi Minh, den französischen Kommunisten Jacques Duclos und deutsche Kommunisten wie Saefkow und Bästlein, die im Kampf gegen die Nazis fielen, sogar gemeinsam in einem Kunstwerk zu würdigen, was dessen Nichtexistenz nur noch bedauerlicher macht.

Hier von den Zerstörungen, die das Wohngebiet, nunmehr Wohngebiet Fennpfuhl, seit 1990 erfahren hat, zu reden, führte zu nichts. Es sei einzig erwähnt, daß es den Blick vom Ufer des Fennpfuhls zum Hochhaus am Anton-Saefkow-Platz auch heute noch gibt. Im Sommer, wenn Berlin ohnehin schön ist, gibt es in der Stadt wenig schönere Stellen als diese perfekt geformte Uferwiese.

BlickFennpfuhl

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