Wohngebiet Moravské Předměstí

Das Wohngebiet Moravské Předměstí ist eines von drei großen fortschrittlichen Wohngebieten in Hradec Králové. Alle führen sie die fortschrittlichen Bestrebungen der Zwischenkriegszeit auf interessante Weisen fort, aber die Moravské Předměstí (Mährische Vorstadt) geht dabei am weitesten.

Gelegen im Süden der Stadt jenseits des Gočárův okruh (Ring von Schnellstraßen um das Stadtzentrum), hat das Wohngebiet vor allem fünf- und achtgeschossige Gebäude, die zu offenen Höfen angeordnet sind, wobei immer auch Einfamilienhausbebauung aufgenommen ist. Nach der zentralen Straße fächert sich die Bebauung beidseits eines Parks auf, wo die achtgeschossigen Gebäude dann länger werden und mäandernde Strukturen bilden.

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So ergibt sich eine schöne städtebauliche Struktur, eine große Achse, die von den im Norden zu sehenden Türmen des alten Hradec Králové in die offene Natur und weiter in die dörfliche Bebauung auf dem nächsten Hügel und dahinter führt. Die Gebäude entsprechen dabei dem unauffälligen tschechoslowakischen Durchschnitt.

Herz der Moravské Předměstí ist die zentrale vierspurige Marxova třída (Marx-Allee), heute Benešova třída (Beneš-Allee). Entlang von ihr stehen 13-geschossige Gebäude und auch sie sind bloß etwas auffälliger als die anderen. Zum übrigen Wohngebiet haben sie je zwei leicht vorgesetzte Treppenhäuser,

zur Straße viele Balkone und um die wenigen Fenster dunkelrote Verkleidung mit schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl.

Vor dem zweiten Geschoß verlaufen straßenseitig Terrassenebenen. Allein, es ist hier nicht mehr das zweite Geschoß, da die Straße nur etwas niedriger verläuft, während die Anliefer- und Parkfläche dazwischen wiederum noch tiefer als der Boden auf der anderen Seite liegt.

Aber wo genau denn der Erdboden ist, wird unwichtig, sobald man das von einem Vordach überspannte Terrassensystem, das sich beidseits der Straße ausdehnt, betreten hat.

Die Gebäude stehen jeweils im Wechsel näher und weiter von der Straße, was dem Terrassensystem eine Struktur gibt, die man aber nicht sofort bemerkt. Für den Fußgänger wechseln sich die Terrassen vor den Wohngebäuden mit pavillonartig vorgesetzten ein bis zweigeschossigen Bauten ab.

Sowohl in den zur Terrasse geöffneten Geschossen der Wohngebäude als auch in den Vorbauten sind eine Vielzahl von Läden, Restaurants, Cafés, Kneipen und öffentlichen Einrichtungen. Die Vorbauten sind durch innengelegene Passagen oder außengelegene Kolonnaden weiter differenziert. Zusammengefaßt wird all das durch das auf schlanken eckigen Stützen ruhende und in regelmäßigem Abstand mit Oberlichtern geöffnete Vordach. Es legt sich über die Terrassen oder überspannt auch einmal einen größeren Bereich zwischen einem Wohngebäude und einem Vorbau. Die bestimmenden Farben sind dabei, wie es zum Straßennamen paßt, neben dem hellen Grau des Betons verschiedene Rottöne. Zum Dunkelrot der Wohngebäude kommt das kräftige Hellrot der Vorbauten und das nunmehr ausbleichende Rot, in dem die Seiten der Vordächer, die Stützen und Teile der Geländer  gestrichen sind.

Brücken, Treppen und Rampen verbinden die einzelnen Teile  des Terrassensystems untereinander und mit dem übrigen Wohngebiet. Es ist ein großer erhöhter Boulevard, der so entsteht, ein Bereich vieler untereinander gut verbundener Inseln, ein wohlgeordnetes Venedig.

Das Problem jedoch bleibt auch hier die Straße. Das Terrassensystem hat den gleichsam natürlichen Drang, nicht nur die Anlieferwege, sondern auch die Straße selbst zu überbrücken und den Fußgänger über den Autoverkehr zu erheben. Das geschieht hier nicht.  Auf der Ebene der Straße ist noch zu vieles andere, was dort nicht hingehörte: Parkplätze, kleine Grünanlagen mit rechteckigen Hochbeeten und Brunnen. Und sogar um die Straße zu überqueren, muß man sie zumeist betreten. Außer der gelungenen Unterführung am südlichen Ende, die aber schon nicht mehr Teil des Terrassensystems ist, gibt es am nördlichen Ende noch eine unangenehm dunkle Unterführung und ansonsten bloß Zebrastreifen.

Allerdings ist die Straße für ihre Größe eigenartig wenig befahren. Grund dafür ist ein städtebauliches Versäumnis: sie wurde nie an den Schnellstraßenring angeschlossen. Die  Marxova Třída endet nach einem Bogen in einem weiterhin vierspuriger Teil, der vor allem als Parkplatz dient.

Er hat alles, was eine Straße braucht, verläuft etwas erhöht, scheint fertig, hat sogar eine Unterführung für Fußgänger, aber endet im Nichts  – ein Schauspiel, das gerade im straßenverliebten Hradec Králové noch etwas trauriger ist als es anderswo wäre.

So verlieren sowohl das grundsätzlich großartige Terrassensystem des Boulevards als auch die Straße viel von ihrem Sinn – dieses, weil es die Straße nicht überbrückt, jene, weil sie nicht wirklich an das Straßennetz der Stadt angeschlossen ist.

Hinzu kommt der Verfall, den der Kapitalismus brachte.

Viele der so wichtigen Verbindungen, der Treppen, Rampen und Brücken sind abgesperrt.

Durch das Vordach tropft es.

Läden stehen leer, wenn auch noch genug für städtische Lebendigkeit bleibt. In der Mitte des Boulevards wurden die Terrassen entfernt und über einen Zebrastreifen eine große Konstruktion aus Glas und weißem Stahl, wie sie in der Stadt beliebt sind, gebaut.

Das Wohngebiet Moravské Předměstí bleibt somit hinter dem zurück, was es erreichen wollte und hätte erreichen können. Wo eine Lösung sein könnte, ist nur ein Ansatz, ein weiteres Glied in der beeindruckenden Kette von Fortschritten, die die Stadtplanung von Hradec Králové seit den zwanziger Jahren gemacht hatte. Sogar in seinen Mängeln, das heißt der Straße, bleibt es sehr vom Genius Loci einer Stadt erfüllt, die früher und konsequenter als andere in der Tschechoslowakei ihr innerstädtisches Straßennetz plante. Gewiß wäre es möglich,das Wohngebiet ob dieser Mängel abzutun – wenn denn nach ihm noch etwas anderes gekommen wäre. Die Stadtplanung in Hradec Králové, die schon unter kapitalistischen Bedingungen in der ersten Republik herausragend gewesen war, endete mit der Restauration des Kapitalismus nach 1989. Schon deshalb gilt, daß die Moravské Předměstí ein wertvolles Beispiel der fortschrittlichen tschechoslowakischen Architektur ist, an das, in Hradec Králové und anderswo, einmal anzuknüpfen sein wird.

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Ein Gedanke zu „Wohngebiet Moravské Předměstí

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