Heuchelhof

Die Wohnsiedlung Heuchelhof liegt an der Heuchelhofstraße und um ihre etwa runde Fläche legt sich der abzweigende Straßburger Ring. Sechs Stichstraßen führen von diesem in sie hinein: Bonner Straße, Brüsseler Straße, Den Haager Straße, Luxemburger Straße, Pariser Straße und Römer Straße.

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Die Straßennamen ergeben eine EWG im Kleinen und Heuchelhof entstand seit Mitte der Sechziger in der Glanzzeit dieser Institution. Es gehört zu Würzburg, liegt aber so weit von dessen Zentrum entfernt, daß es ebensogut in einem anderen der sechs westeuropäischen EWG-Staaten entstanden sein könnte.

Unter den Stichstraßen sind jeweils Tiefgaragen, deren Einfahrten am Straßburger Ring liegen.

Ihre Eingänge befinden sich in paarweise an den Straßen angeordneten offenen Betonkonstruktionen, die „Mülltonnenhäuser“ heißen, weil unter ihnen auch die Mülltonnen stehen.

Mit horizontaler Maserung, halbrund eingeschnittenen Wänden und in der Mitte einer der Schmalseiten aus dem Dach ragender Wasserrinne sind die ein markantes skulpturales Betonelement in der Siedlung.

Wenn man nicht mit dem Auto, sondern mit der Straßenbahn kommt, betritt man Heuchelhof am Place de Caen, der von der französischen Partnerstadt nicht nur den Namen, sondern auch die Sprache hat. Die Straßenbahn, die von Heidingsfeld die Heuchelhofstraße den Hang hinaufkam, hält unter einer Fußgängerbrücke mit hohem mittigen Pfeiler und Stahlseilen, über die man auf den Platz kommt.

Rechts ist die Kirche, die in Stufen ansteigend schon manche Wohnarchitektur vorwegnimmt, links das Quadrat des Platzes.

Zur Straße hin und nach links legt sich darum eine flache Ladenzeile mit einer wellengleichen Abfolge kleiner Satteldächer, nach vorne begrenzt ihn ein zweigeschossiges Gebäude mit Läden und Arztpraxen.

Zwischen diesem und der Kirche geht es geradeaus weiter, weitere flache Ladenzeilen führen tiefer in die Siedlung hinein, übergeben den Besucher an deren Wegenetz.

Die Stichstraßen geben die Struktur der Bebauung vor, ohne dabei als Hindernisse zu wirken. An ihnen sind jeweils viergeschossige Gebäude, die leicht, fast unmerklich in Terrassenstufen ansteigen. Die Gestaltung ist dabei jeweils leicht unterschiedlich, mal quadratische Rahmen um die Terrassen, mal sechseckige Elemente in den Terrassenwänden.

Jenseits dieser Terrassenhäuser wird die Bebauung höher, die Gebäude wachsen von acht Geschossen bis zu sechzehngeschossigen Hochhausteilen an.

Das ist die Skyline von Heuchelhof, die man etwa von der Festung Marienberg weit im Süden in den Hügeln, scheinbar weit jenseits der Stadt wie der Vorstadt, liegen sehen kann.

Wichtiger für einige glückliche Bewohner hoher Wohnungen ist, daß sie ihrerseits Blicke auf die in die Weinberge eingebettete Stadt haben. Wichtiger für alle sind die wohldurchdachten Wege, die auch unter aufgestützten Teilen der höheren Gebäude hindurchführen könnten, und die Freiflächen, zu denen einige große Spielplätze und Wiesen gehören.

Zu den Mülltonnenhäusern aus Beton kommen vor den Gebäuden betonumrandete Beete, andere Betonelemente und Sitzgelegenheiten aus halbrunden Betonschalen, die an mittelalterliche Stühle erinnern.

Das ist alles gut und hübsch, nicht so großzügig, wie es in einem sozialistischen Staat wäre, dafür mit Tiefgaragen, typische westdeutsche Architektur seiner Zeit, aber durch die städtebauliche Lösung weit über deren Durchschnitt. Es bleibt allerdings das Problem, daß Heuchelhof einfach zu weit von Würzburg entfernt ist, ohne gleichzeitig ohne es auszukommen. Es liegt verloren in den Hügeln, eine Insel unerfüllter wohlfahrtsstaatlicher EWG-Versprechen zwischen Einfamilienhäusern. Falls Würzburg irgendwann einmal stolz darauf war, ist das lange vorbei. Heute steht Heuchelhof, zu Recht oder zu Unrecht, für soziale Problem und Kriminalität. Die Einwohnerschaft ist stark russisch geprägt, am Place de Caen gibt es außer einem Nahkauf-Supermarkt auch einen Laden namens Astana und ein Stück weiter einen namens Moskau.

Man muß Heuchelhof nicht gesehen haben, um Würzburg gesehen zu haben, aber wer Westdeutschland sucht, der kommt um Heuchelhof schwer herum.

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