Tschechoslowakische Bahnhöfe: Kralupy nad Vltavou

Verkehrstechnisch ist der Bahnhof von Kralupy nad Vltavou (Kralupy an der Moldau) seit jeher dadurch geprägt, daß sich hier die von Prag nach Norden führende Strecke spaltet. Architektonisch ist er seit Mitte der Achtziger dadurch geprägt, daß er der Bahnstrecke und seiner Stadt ein jeweils ganz anderes Gesicht zeigt.

Von der Bahn aus ist der Bahnhof die Abfolge der Bahnsteigdächer, die mit graugemasertem Stein verkleideten Mauern um die Treppenabgänge und ein fünfgeschossiges Gebäude.

NádražíKralupyNadVltavouGleiseGebäude

Dessen Fassade besteht aus kurzen Fensterbändern in einem Raster kräftiger vertikaler und horizontaler Streben. Das oberste Geschoß nimmt nur die Mitte des Gebäudes ein, hat durchgehende Fensterbänder und sein mittlerer Teil steht etwas hervor. Obwohl es offenkundig keine ist, vielleicht wegen der sandigen Farbe des Putzes, erinnert etwas an dem Gebäude an eine Pyramide. Links ist an einer Mauer parallel zu den Bahnsteigen ein Wandbild, das durch bunte Kreissegmente und verbindende Streben den Eindruck von Rädern einer Dampflokomotive erweckt.

NádražíKralupyNadVltavouGleiseWandbild

Von der Stadt aus, von der ein Parkstreifen heranführt, ist der Bahnhof ein etwa dreigeschossiges Gebäude.

NádražíKralupyNadVltavouStadtGeb§ude

Es hat rechts eine weißgekachelte Wand mit großer Uhr und links ein nach dort aufsteigendes und zu den Rändern schräg abfallendes kupferverkleidetes Dach, unter dem zwischen breiten steinverkleideten Brüstungsstreifen eine Glasfläche die linke Ecke umläuft, während das Erdgeschoß hinter Kolonnaden zurückgesetzt ist.

Fast könnte man also meinen, es seien zwei völlig verschiedene Gebäude. Doch sie fügen sich völlig zwangsläufig zusammen.

Von den Bahnsteigen gelangt man in eine erst schmale, dann breitere Unterführung, deren Wände mit graugemasertem Stein verkleidet sind.

NádražíKralupyNadVltavouGang

An ihrem Ende führt links eine breite, gar nicht lange Treppe in die niedriger als die Gleise gelegene Bahnhofshalle hinauf.

NádražíKralupyNadVltavouHalle

Vor einem erstreckt sich die Halle umlaufen von einer Galerie und vorne und rechts durch die großen Glasflächen geöffnet. Rechts auch verläuft eine Reihe eckiger Stützen, die das Dach tragen. Sie sind mit einem Stein in einem wärmeren sandfarbigen Ton verkleidet, der neben dem Glas, aus dem auch die Geländer größtenteils sind, die Halle bestimmt. An der Decke bilden die rechteckigen Gitter und weißen Öffnungen der Klimaanlage eine Art Kassettendecke.

Beidseits des Aufgangs führen kurze Treppen auf eine Zwischenebene auf Gleishöhe, dann führen weitere kurze Treppen auf die Galerie.

NádražíKralupyNadVltavouZwischenebene

Von der Zwischenebene, an deren rückwärtiger Wand die Anzeigetafeln hängen, gelangt man ins Bahnhofsrestaurant. In einem, sehr im Kontrast zur offenen und hellen Halle, eher kleinen und niedrigen Raum kann man unter Steinlamellen, zwischen dunkler Holzvertäfelung und vor einem Sandsteinrelief, das Kralupy mit Kirche, Schornsteinen, Plattenbau zeigt, günstig und reichlich essen und dem lokalen Proletariat beim mittäglichen Biertrinken zusehen.

NádražíKralupyNadVltavouRestaurant

Als erstes sieht man auf der Zwischenebene aber eine große Bronzeplastik, die auf einer Fläche vor der Wand rechts steht.

NádražíKralupyNadVltavouPrométheus

Sie zeigt eine menschliche Gestalt, die Gliedmaßen so dünn wie der Kopf, die Arme nach hinten ausgestreckt, ein Bein wie zum Sprung angewinkelt, eine schwer zu definierende, weit ausgreifende Bewegung. An ihr vorbei gelangt man auf die Galerie, die den Wartebereich und das ruhende Zentrum des Bahnhofs bildet. Auf schmalen Podesten stehen zahlreiche Holzbänke, wobei diese Bezeichnung ungenau ist, handelt es sich doch um jeweils doppelte Sitze, die durch Zwischenräume zur Gepäckablage verbunden sind, eine Art Neuinterpretation der traditionellen hölzernen Bahnhofsbank.

NádražíKralupyNadVltavouBänke

Auf entsprechenden Podesten stehen näher an den Glasflächen Töpfe und holzverkleidete Kästen mit allerlei exotischen immergrünen Pflanzen. An der linken Seite der Galerie sind einige Geschäfte, deren Aufschriften, wie die der Schalter unten und die des Bahnhofsrestaurants, pro Buchstabe ein vorgesetztes Leuchtquadrat haben. Dieses Design wirkt so stark, daß nicht nur der seit Bahnhofseröffnung unveränderte Friseur, sondern auch der viel neuere Teeladen sich daran halten.

Die großen Glasflächen lassen das Licht in die Halle und öffnen Ausblicke auf die Stadt, unter anderem auch den Kirchturm, aber sie haben noch eine zweite Funktion: sie tragen Kunstwerke. In regelmäßigen Abständen sind darauf vertikal angeordnete weiße Glasmalereien von Oldřich Vašica, die, vielleicht mit leichtem Ortsbezug, verschiedene geschichtliche Epochen zeigen.

NádražíKralupyNadVltavouGlasbildVorgeschichte

Von der im Stil von Höhlenmalereien gezeigten primitiven Vorgeschichte direkt nach der Treppe rechts geht es bis in die Gegenwart vorne links, die als Atommodelle, Silos, Graphen dargestellt ist.

NádražíKralupyNadVltavouGLasbilderGegenwart

In dieser Abfolge bekommt auch die Plastik einen möglichen Sinn: sie könnte das Ursprüngliche, allgemein Menschliche zeigen wollen, was auch immer das sein sollte. Tatsächlich heißt sie „Prométheus“. Erst durch die Verbindung mit den realistischen Glasbildern und die Einordnung in die Bahnhofshalle wird die Plastik zu mehr als einem reichlich banalen und verspäteten Epigonen des berühmten Rotterdamer Werks von Ossip Zadkine.

Nachdem man den Bahnhof von Kralupy so erlebt hat, wird klar, daß er sich der Bahnstrecke und der Stadt so verschieden zeigt, weil er beiden gibt, was das Ihre ist. Der Bahnstrecke zeigt er das Gebäude mit dem überragenden Kontrollraum. Der Stadt zeigt er die Uhr, die das Wichtigste ist, wenn man zum Bahnhof eilt. Die Halle gehört zu beidem, aber etwas mehr zur Stadt. Sie öffnet sich ihr mit dem Glas, ja, sie ist wie ein zur ihr zeigender Pfeil. Für den Reisenden, der keine Zeit für einen Besuch in Kralupy hat, stellt die Halle es mit dem Ausblick und den Kunstwerken wenigstens vor. Entsprechend hält der Bahnhof für den Reisenden, der nur vorbeifährt, das Kunstwerk außen bereit, das ihm, etwas tautologisch, aber nett, von Bewegung und Fahren erzählt. Alles ist an seinem Platz und wird zu einem Ganzen. Der Bahnhof Kralupy nad Vltavou ist sowohl ganz Bahnhof als auch ganz Kralupy nad Vltavou.

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