Das Schönste in Wien (Warhol mißverstehend)

Eigentlich wäre ganz eindeutig zu sagen, welcher der schönste Ort in Wien ist: der McDonald’s am Hernalser Gürtel, nahe dem U-Bahnhof Alser Straße.

McDonald'sHernalserGürtelAußen

Er ist so gelungen in die backsteinernen Bögen der Stadtbahn gesetzt, daß er sogar ein Drive Thru hat, ohne dafür viel Platz zu brauchen. Das Publikum ist angenehm durchmischt mit gerade abends dem richtigen Anteil an Kleinkriminellen aus der Umgebung des Gürtels. Auch der Ausblick wäre perfekt, man säße im Obergeschoß mitten im unablässigen Autoverkehr des hier sechsspurigen Gürtels, doch leider ist das nicht so.

McDonald'sHernalserGürtelObergeschoß

Da die Scheiben zu weit oben beginnen, sitzt man statt in der Stadt in einem hermetischen Innenraum, der denn auch selten sehr voll ist. Ohne Not hat McDonald’s somit einen potentiell großartigen Ort ruiniert, es ist zum Globalisierungskritiker werden.

Unter den übrigen McDonald’s der Stadt finden sich viele gute, aber kein alle anderen übertreffender. Zwei in der Innenstadt bestechen durch ihre Ausblick, ein weiterer durch dessen Fehlen.

Im Obergeschoß der Filiale Singerstraße blickt man über die Häuser der anderen Straßenseite auf die Spitze des Turms des Stephansdoms, der so schwebend statt vertikal wirkt.

McDonald'sSingerstraße

Von einigen Plätzen der Filiale am Schwarzenbergplatz hingegen sieht man das Sowjetische Ehrenmal.

McDonald'sSchwarzenbergplatzSowjetischesEhrenmal

Sie wurde übrigens 1978 eröffnet, das erste Schöne in Österreich, nur passend, daß sie Hammer und Sichel und goldene Bögen in, relativ, naher Verbindung zeigt. Das Publikum besteht in beiden Fällen vor allem aus Touristen, was aber wohl weniger mit dem Ausblick als mit dem Gefühl von Heimat und Geborgenheit, das ein jeder McDonald’s weckt, zu tun hat.

Der McDonald’s am Karlsplatz ist ein Ort des Durchgangs, des Transits, klein nur, ganz Teil des Systems unterirdischer Gänge, das der Karlsplatz weit eher als ein Platz ist.

McDonald'sKarlsplatzUnterführung

Aber zugleich ist er auf unerwartete Weise nach außen geöffnet, so daß man im Sommer in einem idyllischen grünen Winkel zwischen den oben verlaufenden Straßen sitzen kann, die nur hör-, aber nicht sichtbar sind.

McDonald'sKarlsplatzAußen

Weiter außerhalb kann man in den richtigen McDonald’s raue, harte Urbanität erleben. Vom McDonald’s im Bahnhof Praterstern etwa sieht man nichts weiter, es sei denn, man findet das Tegetthoff-Denkmal interessant, doch dafür kann man wohl nirgends sonst so einfach so intensive Eindrücke des migrantischen und subproletarischen Lebens von Wien bekommen. Zwei Stunden dort in der Ecke beim Fenster sind ein garantiertes Erlebnis.

Ganz anders und doch ähnlich ist es im McDonald’s am Margaretengürtel, nahe der unterirdischen Straßenbahnstation Eichenstraße. Er befindet sich genau zwischen dem Gürtel, der hier schlimmer als jede Autobahn ist, und der wichtigsten Bahnstrecke, die Wien zerteilt.

McDonald'sMargaretengürtel

Sitzt man im Obergeschoß, schaut man zur einen Seite auf einen reißenden Fluß von Autos, während auf der anderen Seite auf Augenhöhe Züge vorrüberfahren. Zugleich aber ist alles ruhiger, man kann, wenn man Glück hat, Jugendlichen aus den nahen Gemeindebauten bei stundenlangen Gesprächen zuhören. Es sind die Orte, wo Schriftsteller hingingen, wenn es denn welche gäbe, die nicht bloß an den Menschen ihrer eigenen Klasse in den teuren Cafés und Bars interessiert wären.

Das authentischste McDonald’s-Gefühl jedoch bekommt man in den suburbanen Filialen mit ihren standardisierten Gebäuden, Drive Thrus und Parkplätzen, die genausogut überall sonst sein könnten und nur durch Sprache und Dialekt ihrer Besucher wienerisch werden. Zu empfehlen sind etwa der McDonald’s in Kaiserebersdorf bei der Endhaltestelle der Straßenbahn 6, ganz am Rande der Stadt, oder der McDonald’s an der Brünner Straße, beim Heinz Nittel-Hof.

Schließlich gibt es bei der ehemaligen Stadtbahn- und jetzigen U-Bahnstation Ober St. Veit noch einen Ort, wo man von McDonald’s geradezu umgeben ist. Auf beiden Seiten des Korridors aus Gleisen und Wienfluß gibt es hier einen McDonald’s. Auf der Penzinger Seite ist es ein neues doppelstöckiges Gebäude mit viel Glas und Holz, ein guter Ort, um auf die hübsche weiß-grüne Stadtbahnbahnstation oder den Sonnenuntergang über dem Wienerwald zu schauen. Auf der Hietzinger Seite ist es ein regelrechtes architektonisches Kleinod, das keinem anderen in der Stadt gleicht.

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Der innere Aufbau ist schon von außen ablesbar. Im Erdgeschoß nur links, wo die Tür ist, Glas, das auch dem Verlauf der Treppe nach oben folgt. Dort, im Obergeschoß, eine Fensterfront, die erst gerade, dann abgeschrägt ist. An beiden Seiten Terrassen, die aber vom Dach, das die Schräge der Fensterfront aufnimmt, überspannt sind. Tritt man ein, ist man zuerst in einem Bereich mit einigen Tischen, den Zugängen zu den Toiletten und schließlich, bei einer abgerundeten Glaswand, an der Bestelltheke. Oben sitzt man in einem langgezogenen, ganz auf die Fensterfront ausgerichtetem Bereich oder auf den Terrassen, die im eigentlichen halboffene Räume sind. Unter den Terrassen sind die Ein- und Ausfahrt des Drive Thru, das um das Erdgeschoß herum verläuft, wodurch auch dessen nach hinten abgerundeten Ecken einen Zweck bekommen.

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Und vom Obergeschoß blickt man über die Hügel bis zur goldenen Kuppel der Kirche am Steinhof.

Es gibt viel Schönes in Wien.

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