Der Weg der roten Fahne

Es gibt im Zentrum der Bezirkstadt Dresden zwei eng verwandte und gegensätzliche Kunstwerke. Beide sind Wandbilder, beide zeigen Wege. „Fürstenzug“, heißt das erste. An einer langen Wand an einem Teil des Schlosses der sächsischen Könige zeigt es die verschiedenen Herrscher in einem langen Zug. Aber der Zug geht in die Vergangenheit, von der damaligen Gegenwart, wo hinter dem König auch bürgerliche Honoratioren gehen dürfen, bis ins mystische Dunkel.

Aus Böhle, Karl-Heinz: Dresden in Farbe, Leipzig 1981

Aus Böhle, Karl-Heinz: Dresden in Farbe, Leipzig 1981

Der „Fürstenzug“ ist damit, wie Ludwig Renn und andere schöner ausgeführt haben, so etwas wie der Inbegriff des reaktionären Kunstwerks.

Nicht weit entfernt, an einer Wand des Kulturpalasts, den die DDR Ende der Sechziger sowohl dem renovierten Königsschloß als auch dem stalinistischen Altmarkt entgegensetzte, ist das zweite Wandbild: „Der Weg der roten Fahne“. Es ist so simpel und klar, wie ein großes Werk der sozialistischen Kunst sein muß. Zwei Arten von Stein: ein glatter für die Motive des Bilds, ein rauerer für die Inschriften. Vier Farben: Weiß, Grau, Schwarz und Rot.

Aus Klemm, Heinz und Helga: Dresdner Blätter, Rudolstadt 1973

Aus Klemm, Heinz und Helga: Dresdner Blätter, Rudolstadt 1973

In der linken Hälfte ist die Geschichte des Kampfs der Arbeiterbewegung dargestellt. „Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein”, sagt eine Inschrift. Man sieht, in einer Schlangenlinie angeordnet, die in Kontrast zu den horizontalen Linien der Schriftplatten steht, bewaffnete Kämpfer der Revolution von 1848, Karl Marx mit einem Plan in Händen, Friedrich Engels mit Gewehr, einen letzten Jungen auf den Barrikaden, Gefangene, die abgeführt werden, Kriegshandlungen im ersten Weltkrieg, Revolutionäre des Oktobers unter rotem Stern, Ernst Thälmann agitierend vor einer Menschenmenge, die Inschrift „Leben wird unser Programm”, Opfer des faschistischen Terrors, darniederliegend, einander stützend, die Inschrift „Trotz alledem”.

In der rechten Hälfte ist der sozialistische Aufbau in der DDR dargestellt. „Wir sind die Sieger der Geschichte”, lautet die einzige Inschrift. Befreiung und Aufbauhilfe durch die sowjetische Armee, Walter Ulbricht umringt von Jugendlichen mit FDJ-Fahne, ein Demonstrationszug, Menschen aller Klassen und Schichten, Arbeiter, Bauern, Soldaten und andere, die sich der großen Sache, hier durch das Hammer-und-Zirkel-Wappen symbolisiert, anschließen.

Aus Rach, Jürgen/Hartsch, Erwin und Inge: Dresden, Leipzig 1974

Aus Rach, Jürgen/Hartsch, Erwin und Inge: Dresden, Leipzig 1974

Und zwischen diesen beiden Seiten, die gesamte Höhe des Bilds einnehmend, ein wunderschönes Mädchen, in der hochgereckten rechten Hand die rote Fahne haltend, die andere offen zum unteren Bildrand ausgestreckt. Sie trägt eine schlichte Bluse und das Kopftuch einer Arbeiterin, ihr Blick ist ernst und entschlossen, sie wirkt, als biete sie dem Betrachter das alles dar, den Weg der roten Fahne und sein Ergebnis, den Sozialismus selbst, und wisse sehr genau um die Größe, Bedeutung und eben auch Ernsthaftigkeit dessen.

Die rote Fahne weht hinter ihr, aber sie durchweht das ganze Bild. Sie ist die rote Schärpe der Revolutionäre von 1848, sie ist das Band, das sie auch, als sie geschlagen abgeführt werden, zusammenhält, sie ist der rote Stern, sie ist die sowjetische Fahne hinter Thälmann, sie ist das Blut der von den Nazis Hingemordeten. Im rechten Bildteil schließlich ist sie überall, ob speziell als die Fahne mit dem Gesicht Lenins, vor der Ulbricht steht, oder allgemein als das Rot, das alle umgibt.

Von all den Werken der sozialistischen Kunst der DDR ist „Der Weg der roten Fahne“ eines der größten. Sein Name ist, anders als alle andere Schrift, gemalt auf ein Band, das ein kleines Mädchen etwas rechts der zentralen Figur trägt. Es beschränkt sich auch wirklich auf das, was dieser Name sagt, den Weg der roten Fahne durch die Geschichte hin zum Sozialismus der Gegenwart. Über die Zukunft sagt es nichts, aber es weist über sich selbst hinaus auf sie hin: die Zukunft ist eine Aufforderung an den Betrachter im Blick der Arbeiterin und die Zukunft ist das entstehende neue Dresden, an dessen Herz, dem Kulturpalast, es angebracht ist.

Ganz am rechten Rand, vertikal angeordnet, ist als weitere Inschrift noch der Hinweis, daß es zum XX. Jahrestag, 1969, geschaffen wurde und von wem: Gerhard Bondzin. Doch so sehr Bondzin zu rühmen ist, „Der Werk der roten Fahne“ ist nicht sein Werk, sondern das Werk eines Staats, der DDR, und einer Zeit, der späten Sechziger, als alles noch möglich war und die Welt in Richtung Sozialismus ging. Auch heute noch, in veränderter Zeit, dunkel verdreckt, von einem Netz bedeckt, leuchtet es.

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